Die Blutbraut des Wikingers

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Norwegen im Jahre 910: In einer Nacht voller Blut und Feuer wird die schöne Sigrid von Grimr Eriksson, dem Erzfeind ihrer Familie, auf sein Schiff verschleppt. Aus Rache an ihrem grausamen Stiefbruder will er sie zwingen, ihn zu heiraten. Zweimal versucht Sigrid zu fliehen, aber der Wikinger holt sie immer wieder ein. Als schließlich sogar König Harald ihre Vermählung fordert, um die Fehde zwischen ihren Familien zu beenden, gibt es kein Entrinnen mehr. Doch während Sigrid Grimr bei Tage abgrundtief hasst, verrät ihr Körper sie in der Nacht – mit brennendem Verlangen nach dem Mann, den sie nie lieben wollte …


  • Erscheinungstag 17.02.2026
  • Bandnummer 447
  • ISBN / Artikelnummer 9783751539876
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

Lucy Morris

Die Blutbraut des Wikingers

1. KAPITEL

Norwegen im Jahre 910

„Ich frage mich, was du von deinem Verlobten hältst“, raunte Ingvar seiner Halbschwester anzüglich grinsend ins Ohr. „So ein Schönling gefällt dir doch sicher?“

Sein heißer Atem war Sigrid derart zuwider, dass es ihr kalt den Rücken hinunterlief. Was kommt er mir so nahe? dachte sie angeekelt. Hat er gar kein Benehmen? Doch sie hütete sich, ihre Miene zu verziehen, weil es wenig ratsam war, Ingvar vor den Kopf zu stoßen. Dieser hatte offenbar schlechte Laune, obwohl Sigrid auf sein eigenes Betreiben hin zu ihm gekommen war, weil er sie Hakon Eriksson versprochen hatte. Diese Ehe sollte die Feindschaft zwischen den Sigurdssons und den Erikssons, die seit Generationen bestand, endlich beenden. Aber hatte Ingvar die Sache auch selbst eingefädelt, war ihm zuzutrauen, die morgige Hochzeit im letzten Moment noch platzen zu lassen. Herrschte auch momentan Waffenruhe zwischen den verfeindeten Familien, stand sie doch auf Messers Schneide, weil Ingvar launisch und unberechenbar genug war, neuen Streit vom Zaun zu brechen, wann immer es ihm einfiel.

Sigrid hatte ihren Halbbruder, der so gar nichts mit ihr gemein hatte, noch nie leiden können. Inzwischen aber war er ihr derart verhasst, dass sie ihm sogar den Tod wünschte. Damit wäre sie auch nicht nur den großspurigen groben Kerl allein, sondern die ganze Sigurdsson-Sippschaft losgeworden, zu der sie nach der zweiten Eheschließung ihrer Mutter zählte, ohne sich je dazugehörig gefühlt zu haben.

Noch aber wirkte Ingvar, der zum Stammesführer aufgestiegen war, als ihre Eltern zehn Jahre zuvor im Abstand von wenigen Wochen an einem Fieber gestorben waren, gesund und munter. Damals war zuerst Sigrids Stiefvater Sigurd hinüber zur Göttin Hel ins Totenreich gegangen, wohin ihm wenige Wochen später seine Frau, Sigrids Mutter, nachgefolgt war. Vorher aber hatte sie – schon auf dem Totenbett – noch einem Kindchen das Leben geschenkt, Sigrids kleiner Schwester Alvilda.

Statt den beiden Mädchen in Not und Trauer beizustehen, hatte Ingvar sich schon damals als kaltherzig und brutal erwiesen. Er hatte sich nicht gescheut, Sigrid aus purer Grausamkeit ein ums andere Mal zu schlagen, und immer wieder damit gedroht, Alvilda aus dem Haus zu werfen, sollte Sigrid dem Greinen des mutterlosen Säuglings kein Ende zu setzen wissen. Ihre Mutter aber hatte in weiser Voraussicht kurz vor ihrem Tod darauf gedrängt, ihre Töchter sollten zu Njord, ihrem Onkel mütterlicherseits, ziehen. Und dies hatte Ingvar ihnen aus einer Laune heraus gestattet und ihnen sogar ein Pferd und ein Boot für die Reise zum Festland gegeben. Schutz aber hatte er ihnen trotz des weiten Weges, für den drei Tage zu veranschlagen waren, nicht angeboten. Dass Sigrid, die zu diesem Zeitpunkt nicht mehr als vierzehn Winter gezählt hatte, der Verantwortung nicht gewachsen sein könnte, hatte ihn nicht gekümmert.

Nie würde sie vergessen, welche Ängste sie auszustehen hatte, bis sie unter großen Mühen mit letzter Kraft bei ihrem Onkel angekommen war. Und dieser hatte seine Bestürzung nicht verbergen können, als er auf ein schwaches Klopfen hin die Tür geöffnet und seine zu Tode erschöpfte halbwüchsige Nichte dort vorgefunden hatte, ein halb verhungertes Wickelkind im Arm. Und bevor er, der vor Schreck sprachlos gewesen war, noch den Mund aufbekommen hatte, war Sigrid auf ihre mageren Knie gesunken und hatte ihn unter Tränen angefleht, sie und ihre kleine Schwester bei sich aufzunehmen. Ihr Versprechen, zum Ausgleich hart für ihn zu arbeiten, hatte sie so mustergültig eingehalten, dass Njord letztlich kein schlechtes Geschäft gemacht hatte, als er ihrer Bitte nachgekommen war.

In ihrer Person hatte er eine Hauswirtin hinzugewonnen, die seine Halle wie auch den gesamten Haushalt mit Klugheit und Umsicht zu führen gewusst hatte. Und nicht allein das: War er auf Fahrt gewesen, hatte sie an seiner Stelle den Handel mit den Gütern, die er jedes Mal mitgebracht hatte, aufs Beste betrieben. Dass er viel unterwegs gewesen war, hatte sie keineswegs gestört, schien er doch wenig Zuneigung für seine Nichten zu empfinden. Trotz seiner kühlen Wesensart aber dankte sie ihm von Herzen für das sichere Heim, in welchem sie nach bestem Wissen und Gewissen hatte schalten und walten können. Elf gute Jahre waren so ins Land gegangen, bevor sich alles auf einen Schlag geändert hatte.

Ach, hätten wir nur bei Njord bleiben dürfen, dachte Sigrid wehmütig. Doch hatte der König, bei den Wikingern Roi genannt, kürzlich die Beilegung aller Streitigkeiten zwischen den Familien seiner Stammesführer angeordnet. Da hatte Ingvar sich an seine Halbschwester erinnert und vorgeschlagen, sie zum Zeichen seines guten Willens Hakon Eriksson zur Frau zu geben. Denn war Sigrid ihm als Mensch auch herzlich egal, kannte er ihren Wert als Braut und zögerte nicht, sie für seine Zwecke einzusetzen.

Und damit hatte er der Ruhe und dem Frieden in ihrem Leben ein jähes Ende bereitet.

„Welcher von ihnen war noch mal dieser Hakon?“, fragte sie wie beiläufig zurück, obwohl sie die Antwort kannte. Eines aber hatte sie beizeiten gelernt: Sich von Ingvar, der sie von jeher gepiesackt hatte, nicht in die Karten schauen zu lassen.

Dass er Alvilda gleich nach ihrer Ankunft an einen unbekannten Ort verbracht hatte, war allerdings schlimm. Angeblich wollte er Sigrids Gefügigkeit damit sicherstellen, doch sie hielt es für pure Bosheit. Nie wäre sie so töricht gewesen, sich gegen Anweisungen des Roi aufzulehnen, was Ingvar wohl wusste. Und hatte er auch versprochen, die Schwestern bei der Hochzeitszeremonie wieder zusammenzuführen, traute Sigrid ihm nicht über den Weg.

Noch eine Nacht, dachte sie besorgt. Dann wird sich zeigen, ob er Wort hält.

„Hast du vergessen, wen du heiraten wirst? Ich frage mich, was in deinem Spatzenhirn vor sich geht!“ Ingvar schnippte hart mit den Fingern gegen Sigrids Stirn, worauf ihr vor Schmerz Tränen in die Augen schossen. Und als er zufrieden auflachte und sie beschämt zu den Eriksson-Brüdern hinüberblickte, erkannte sie, dass der Mittlere, Grimr genannt, alles mitangesehen hatte. Er fixierte sie seit der Ankunft mit finsteren Blicken, obwohl sie sich nie zuvor begegnet waren.

Wenn er glaubt, mich einschüchtern zu können, hat er sich geschnitten! dachte sie verärgert. Ich werde mir meinen Respekt schon verdienen und nichts auf Intrigen oder üble Nachrede geben. Allerdings war die Aussicht, sich einmal mehr ihren Platz im Heim anderer Menschen erkämpfen zu müssen, alles andere als ermutigend.

„Hakon!“ Ingvars Sprechweise ähnelte mehr dem Bellen eines Hundes als einer menschlichen Stimme. „Es tut mir leid, dass deine Männer auf dem Schiff übernachten müssen. Doch wirst du verstehen, dass ich lieber Vorsicht walten lasse, solange du noch nicht zur Familie gehörst …“ Er kratzte sich den kahlen Schädel. „Warten wir’s ab, bis wir durch Heirat auf Ehre verbunden sind.“

„Meine Männer hätten ohnehin nicht in eure Halle gepasst“, gab Hakon in trockenem Ton zurück. „Ich hatte ganz vergessen, wie klein sie ist.“ Er wandte sich seiner zukünftigen Gattin zu und schenkte ihr ein liebenswürdiges Lächeln. „Was aber zweitrangig ist, weil Sigrids Schönheit selbst die bescheidenste Hütte erhellt. Wahrlich, ich darf mich glücklich schätzen, morgen den Ehebund mit ihr einzugehen.“

Sigrid nickte ihm höflich zu; auf Ingvars Kopfhaut aber fing eine dicke Ader zu pulsieren an. Mit verengten Augen lehnte er sich vor und gab erbittert zurück: „Auch deine Familie sollte sich glücklich schätzen, Hakon! Ist sie doch bisher mit all ihren Machenschaften unbeschadet davongekommen. Du weißt, was ich meine!“

Sofort legte sich ein atemloses Schweigen über die Halle, sodass man eine Nadel hätte fallen hören können. Sigrid aber betrachtete derweil eingehend den Mann, der ihr am folgenden Tag angetraut werden sollte.

Hakon, wie seine Brüder Grimr und Egill groß, blond und blauäugig, war muskulös und gut aussehend wie sie, unterschied sich vom Wesen her aber deutlich von ihnen. In Sigrids Augen ähnelte er ein wenig ihrem Onkel Njord, waren doch beide intelligent und von ruhigem Temperament. Sie hoffte, Hakon werde einen kultivierten Ehemann abgeben, der vernunftbegabt und höflich mit seinen Leuten und ihr selbst umzugehen verstand. Allerdings würde sie nicht mit ihm allein zurechtkommen müssen, sondern dazu mit seinen Brüdern, die noch immer in seiner Halle lebten.

Egill, der Jüngste, trank gewohnheitsmäßig Unmengen Bier und Met, weshalb er häufig dümmlich grinsend daherkam. In nüchternem Zustand aber war er liebenswürdig und gewitzt genug, die Lacher auf seiner Seite zu haben. Die meisten unfreien Thrall-Frauen hofften, sich dem schönen Jüngling im Bett zuzugesellen, damit er sie anschließend von ihrem Sklavendasein erlöste. Er war ein Luftikus, dem Sigrid seine Zügellosigkeit nicht weiter übel nahm, weil er weder hochfahrend noch gewalttätig war. Es gibt in vielen Familien ein schwarzes Schaf, dachte sie. Solange er sich an ein paar Regeln hält, die ich ihm an die Hand geben werde, kann ich wohl in Eintracht unter einem Dach mit ihm leben.

Grimr war da von ganz anderem Kaliber. Je länger Sigrid beobachtete, wie missmutig er dahockte und mit finsteren Blicken den Raum absuchte, desto mulmiger wurde ihr zumute. Denn sie gewann den Eindruck, er wäre auf Streit aus.

Zudem kehrte sein bohrender Blick immer wieder zu ihr zurück, was ihr so unangenehm war, dass sie erschauerte. Denn ihr war, als fresse der grimme Recke sie förmlich mit den Augen auf, einem Wolf ähnlich, der an einem bleichen Knochen herumnagt, bis er endlich wieder frisches Fleisch zwischen die Zähne bekommt. Grimr schien ihr ein ebensolch unangenehmer Zeitgenosse wie Ingvar zu sein. Als Schwager konnte er ihr das Leben wohl noch ordentlich schwer machen.

Frigg, Schützerin der Mütter und Ehefrauen, bitte schenke uns Frieden, betete sie im Stillen, wurde in ihrer Andacht aber unterbrochen.

„Ich muss sagen, Hakon, du hast Nerven, dich lustig zu machen!“ Ingvar mochte keine Ruhe geben. „Natürlich besäße meine Familie eine größere Halle, wäre sie von deiner nicht übers Ohr gehauen worden!“

Langsam fürchtete Sigrid, das Ziel dieser Zusammenkunft, Frieden zwischen beiden Familien zu stiften, werde in sein Gegenteil verkehrt. Denn sie merkte, dass Ingvar Sigurdsson nicht von der Vorstellung abließ, die Erikssons hätten seinem Stamm in grauer Vorzeit Unrecht angedeihen lassen. Die Legende besagte, einige Generationen zuvor wäre die Rückgabe eines Landstrichs unterblieben, der seiner Sippe zustand. Um welchen es sich dabei handelte, wusste aber niemand mehr.

Sigrids Onkel Njord, der als Bruder ihrer Mutter einer anderen Familie angehörte, besaß eine neutralere Sichtweise auf die Sache und vertrat die Ansicht, es handele sich bloß um eine aufgebauschte Lappalie. Allein Ingvar der Kahle hielte die alte Fehde am Leben; die einflussreichen Erikssons nämlich hätten Wichtigeres zu tun, als sich mit den unhaltbaren Vorwürfen ihrer armen Nachbarn abzugeben. Über die Bagatelle, die einem Stachel in Ingvars Fleisch gleichkam, wären sie schlichtweg erhaben.

Das also waren die Hintergründe des Streits, der König Harald Schönhaar bewogen hatte, den Streithähnen eine Heiratsallianz nahezulegen. Sigrid, die einzige Frau aus der Sigurdsson-Sippe in heiratsfähigem Alter, wurde zwar nicht gefragt, war der Hochzeit mit Hakon aber nicht abgeneigt. Denn sie wusste, es hätte sie schlimmer treffen können, wenn man ihr einen Kerl wie Grimr oder gar Ingvar aufgezwungen hätte. Und nun wartete sie mit angehaltenem Atem auf die Antwort, die ihr zukünftiger Gatte ihrem Halbbruder geben würde, und registrierte voller Sorge, dass jeder Recke in der Halle sich mit der Hand auf dem Schwert bereitmachte. Der Streit war nahe daran, zu eskalieren.

Hakon aber ließ sich Zeit und betrachtete den Gastgeber sinnend mit seinen blauen Augen, bis Sigrid es nicht länger aushielt. Da griff sie nach ihrem Trinkhorn und erhob es zu seinen Ehren. „Ich heiße den Frieden und den Wohlstand willkommen, den unsere Verbindung unseren Sippen bringen wird, Jarl Hakon. Skol!“

„Skol!“, gab er lächelnd zurück, worauf ein Aufatmen durch die Halle ging, alle Anwesenden ihre Trinkgefäße gleichfalls erhoben und in die Runde prosteten, wenn auch unter einigem Gemurmel.

Ingvar aber steckte seine Hand unter den Tisch, wo er Sigrid durch den Stoff ihres Kleides hindurch seine schmutzigen Fingernägel in den Oberschenkel grub. „Hatte ich dich geheißen, dein Maul aufzumachen?“, zischte er böse. „Es wird Zeit, dass ich dich auf deinen Platz verweise! Warte nur … später will ich dir zeigen, wo der Hammer hängt!“

Sigrid ertrug seine Grobheit mit starrer Miene, dann aber merkte sie voller Entsetzen, dass Ingvar ihr Bein zu streicheln begann. Damit bestätigte sich ihr Verdacht, dass er sie fleischlich begehrte.

„Bitte lass das, Bruder“, hauchte sie. „Vergiss nicht, dass morgen mein Hochzeitstag ist!“

„Was hast du gegen mich, Schwesterlein?“, knurrte er. „Ich glaube kaum, dass wir blutsverwandt sind. Jeder weiß, dass deine Mutter eine ausgemachte Metze und ihren Ehemännern stets untreu war, sodass dein Vater ein durchziehender Barde gewesen sein mag. Da steht es mir doch ebenso wie jedem anderen Mann zu, dir beizuwohnen! Du brauchst dich nicht zu zieren.“ Er kam ihr so nahe, dass der Gestank aus seinem Mund sie zum Speien reizte. „Einen Toten wirst du nicht ehelichen können, mein Täubchen“, fügte er siegesgewiss hinzu. „Steht Hakon nicht mehr zwischen uns, kommt meine Stunde!“ Sein Blick flackerte.

Als Sigrid verstand, dass die anstehende Hochzeit für Ingvar nichts als ein Schauspiel war, drohten ihr die Sinne zu schwinden. Frigg, höre mein Flehen! betete sie voller Entsetzen. Lass nicht zu, dass Ingvar einen Krieg mit vielen Toten anzettelt! Dann riss sie sich zusammen und strebte mit letzter Kraft ihrem Gemach zu.

Grimr beobachtete mit Interesse, wie seine zukünftige Schwägerin leichenblass auf die Füße kam und dem Fest ohne ein Wort der Entschuldigung den Rücken kehrte. Oben auf der Galerie fing sie kurz seinen Blick, und er sah die Qual in ihren schönen Augen und auch ein Flehen, das er erst verstand, als ihr bestürzter Blick zu ihrem Bruder huschte.

Warum hat sie Angst vor ihm? dachte Grimr. Selbst Ingvar kann nicht so dumm sein, den Zorn unseres Königs herauszufordern, oder? Allerdings war es ihm eigenartig vorgekommen, dass dieser seine Hand unter den Tisch hatte wandern lassen, um … ja, um was genau zu tun? Bei der Vorstellung, Geschwister tätschelten einander heimlich die Schenkel, wurde ihm speiübel.

Nein, das kann nicht sein! entschied er dann. Die schöne Sigrid, diese schlanke, elegante Erscheinung, würde sich nie so weit vergessen, einen hässlichen Kerl wie Ingvar zu erhören, der zudem deutlich älter ist als sie. Er soll seinem Vater ähneln, den Sigrids Mutter wohl nur geehelicht hatte, um versorgt zu sein … Grimr erinnerte sich vage an damaliges Getuschel, ihr grober Klotz von Ehemann hätte einen guten Troll abgegeben. Womöglich wusste Sigurd, dass seine Gemahlin ihm Hörner aufsetzte, dachte er. Dann gab er dem Mädchen vielleicht nur aus Trotz und Scham seinen Namen: Sigrid, Sigurds Tochter.

Vergeude deine Zeit nicht mit Mutmaßungen, wies er sich zurecht. Hakon, dem es allein darum geht, die elende Fehde zwischen den beiden Familien zu beenden, gibt sowieso nichts auf Gerüchte. Immerhin darf er sich gratulieren: Seine Zukünftige ähnelt weder ihrem grundhässlichen Vater noch dessen wackerem Sohn im Mindesten.

Nein, hässlich ist sie wirklich nicht …

Sigrid war sogar die schönste Frau, die Grimr je gesehen hatte. Ein goldener Schimmer ging von ihr aus, die eine solch hohe, kräftige Statur, eine fein geschwungene Hüfte und hoch sitzende runde Brüste besaß, dass er sie für die Göttin Freya hätte halten mögen. Ihre Augen waren von einem seltenen Grau und saßen wie klare Edelsteine in ihrem ovalen Gesicht mit den edlen Zügen und dem roten Mund, der zum Küssen einlud. Grimr war tief beeindruckt. Denn Sigrid wirkte verführerisch wie eine Lichtelfe und doch gebieterisch wie eine Amazone.

Außerdem hat sie Mut und ist nicht auf den Kopf gefallen, dachte er anerkennend. Wie sie Ingvar in die Parade gefahren ist, als er einen Streit vom Zaun brechen wollte, war meisterhaft. Im Grunde passt sie gut zu meinem großen Bruder, der als ebenso schön und besonnen gelten darf wie sie. Sicher kennt sie den Wert, den sie als Braut besitzt, und wird ihn für nichts aufs Spiel setzen. Besser kann ein Jarl es nicht treffen, wenn er eine Gemahlin nehmen muss. Hakon ist wirklich zu beneiden.

So weit, so gut. Eins aber scheute sich Grimr einzugestehen: Sigrids Anblick ging ihm derart unter die Haut, dass sich klammheimlich Eifersucht auf seinen Bruder in seinem Herzen regte.

„Was ist los mit dir, Grimr? Du siehst ja aus, als solltest du die Eheketten tragen, die unser Bruder verpasst bekommt.“ Egill lachte, worauf er sein Trinkhorn leerte.

„Lass dich nicht so gehen!“, rügte Grimr ihn. „Schließlich befinden wir uns in Feindesland und mussten unsere Leute am Anleger zurücklassen. Dort sitzen sie untätig herum und warten auf uns, weil diese verdammte Halle kleiner als eine Nussschale ist. Vergiss also nicht, dass wir entschieden in der Minderzahl sind!“

Er dachte an Sigrid und ihr eigenartiges Benehmen, das seinen Verdacht zu bestätigen schien. Zwar hatte ihr Gastgeber Brot und Salz mit seinen Gästen geteilt und sich damit den Gesetzen der Gastfreundschaft unterworfen. Und König Harald selbst stand ihnen im Rücken, da er diese Hochzeit angeordnet hatte. Grimr aber wusste, wie schnell eine Situation umschlagen konnte, weil Arglist dort lauerte, wo man sie am wenigsten erwartete.

„Ich trinke bloß, um wach zu bleiben, Brüderchen“, gab Egill unbeeindruckt zurück und wedelte fröhlich mit seinem Trinkhorn, das unverzüglich von einer jungen Magd aufgefüllt wurde.

„Du Dummkopf!“ Grimr schnaubte verächtlich. „Bei dir ist wirklich Hopfen und Malz verloren.“

Hakon hingegen schenkte seinem jüngsten Bruder ein nachsichtiges Lächeln. „Ach, lass ihn doch“, sagte er gutmütig. „Soll sich nicht wenigstens einer von uns heute volllaufen lassen? Schließlich heirate ich morgen! Was ich – ehrlich gesagt – kaum erwarten kann.“

Grimr nickte betroffen. Ich muss sie als meine Schwester ansehen, befahl er sich, denn ich kann sie nie und nimmer bekommen … Dabei fiel es ihm schwer aufs Gemüt, seinen Bruder in Gedanken zu hintergehen. Denn schon in Kindertagen war Falschheit ihm ein Graus gewesen.

Immer ruhig Blut, dachte er unglücklich. Sind die beiden erst eine Weile verheiratet, werde ich mich schon daran gewöhnen, dass sie ihm gehört. Ich muss einfach nur die Füße stillhalten.

Bei der Erinnerung an seinen Vater, der für seine Weibergeschichten berühmt-berüchtigt gewesen war, stieg heiße Scham in ihm auf. Werde ich einmal einen ebensolch schlechten Ehemann abgeben wie er und meiner Gattin das Herz zerreißen wie er unserer Mutter? fragte er sich. Der Gedanke schnitt ihm ins Herz, und er schämte sich für sein zügelloses Temperament. Lass es gut sein, befahl er sich, kommt Zeit, kommt Rat. Hakon verdient es, dass eine Schönheit wie Sigrid ihm nachts die Füße wärmt, während ich mich allein im Bett herumwälze. So sind die Rollen nun einmal verteilt, und ich muss das Beste daraus machen.

Da er sein Selbstmitleid niedergekämpft hatte, gestand er sich auch ein, dass seinem Bruder bisher wenig Glück in der Liebe beschieden gewesen war. Seine erste Verlobte, ihm seit Kindertagen versprochen, war schon als Heranwachsende gestorben. Und die zweite, Tochter eines benachbarten Stammesführers, hatte die Verlobung wieder gelöst, als sie sich in Hakons besten Freund verliebt hatte.

Das hatte ihm damals stärker zugesetzt, als er zugab. Grimr wusste nur davon, weil sein Bruder einmal in trunkenem Zustand darüber geklagt hatte, in Liebesdingen vom Pech verfolgt zu sein. Er hatte sogar davon gesprochen, Grimr als seinen Erben einzusetzen, bevor er jemals wieder eine Beziehung eingehe.

Das hatte ihm nicht besonders gefallen, weshalb er sich über Hakons neuerliche Heiratspläne eigentlich freute. Als Oberhaupt der Erikssons die vielen dazugehörenden Pflichten erfüllen zu müssen, war ihm wie ein bitterer Kelch vorgekommen, den er nun, da Hakon heiratete, nicht leeren musste. Nein, er neidete seinem Bruder seine hohe Stellung nicht und hätte lieber all sein Hab und Gut hingegeben, als ihn tot zu sehen.

Mit seiner Heirat erlöst er mich, dachte Grimr. Welch ein Segen, dass wir Brüder im Herzen verbunden sind! So etwas gibt es nicht oft … Gerührt stand er auf.

„Ich ziehe mich zurück“, tat er kund.

„Jetzt schon?“ Hakon hob fragend eine Augenbraue, obwohl er wusste, dass Grimr sich vor Festivitäten gern drückte. Er hatte keine Geduld mit Trunkenbolden, mit denen man es dort in der Regel zu tun bekam, und ging ihnen lieber aus dem Weg.

„Einer von uns sollte aber wachsam bleiben“, fügte Grimr stirnrunzelnd mit missbilligendem Blick auf Egill an, der sich schon wieder ein Horn voll Ale durch die durstige Kehle goss.

„Warum so ernst, Grimr?“ Er rülpste grinsend. „Vergiss nicht, dass du der nächste Heiratskandidat bist! Sobald wir wieder zu Hause sind, zeige ich dir in den Hügeldörfern ein paar Mädchen, nach denen du dir die Finger lecken wirst. Und höre, alter Griesgram! Beim nächsten Mal will ich feiern, bis die Schwarte kracht! Hier geht es ja zu wie auf einer Beerdigung.“

Lachend klopfte Hakon seinem jüngsten Bruder, der Schluckauf bekam, auf den Rücken. „Was ist mit dir, Egill? Wann heiratest du?“

Der Jüngling zuckte die Schultern. „Das muss Zeit haben, bis Grimr ohne mich klarkommt.“

„Ich soll dich brauchen?“, fuhr Grimr auf. „Du träumst wohl!“

Mit dramatischer Geste richtete sein jüngerer Bruder sein Trinkhorn auf ihn. „Du brauchst mich mehr, als du glaubst, Bruderherz, versuchst du es auch zu leugnen!“ Er wandte sich Hakon zu, der sich ein Lachen verbiss. „Herrje, wer hat ihm den Humor gestohlen? Er braucht dringend eine Frau, die seine Ecken und Kanten geduldig wie ein Schleifstein glättet! Sie dürfte ruhig ein bisschen älter sein, muss aber im Bett noch Feuer besitzen. Ich denke …“

Mit entrüstetem Schnauben floh Grimr die Treppe hinauf, um sich in den Räumlichkeiten zu vergraben, die man ihnen zugewiesen hatte. Er war froh, sein Bettzeug schon auf einem der drei Bettrahmen ausgerollt zu haben, und sehnte sich danach, sofort unter die Decke zu schlüpfen. Am liebsten hätte er nach der morgigen Hochzeit umgehend den Heimweg angetreten, wusste aber, dass die Feierlichkeiten immer mehrere Tage in Anspruch nahmen. Kopf hoch, dachte er, auch das geht vorbei. Hakon heiratet sicher nur einmal im Leben; danach kann ich wieder tun, was mir beliebt.

2. KAPITEL

Als Grimr sich dem Gemach näherte, das er und seine Brüder bewohnten, stoben zwei Dienstmägde an ihm vorbei, als hätte er sie bei etwas Verbotenem ertappt.

Was ist hier los? dachte er beunruhigt, als er die Zimmertür offen stehen sah, trat vorsichtig näher und erblickte Sigrid, die mit seinem Schild in den Händen auf einem der Bettrahmen saß.

„Gibt es ein Problem?“, fragte er, trat ein und zog die Tür hinter sich zu.

Die junge Frau, sichtlich durcheinander, ließ vor Schreck den Schild fallen. „Oh!“ Sie errötete. „Ich … wollte nur sichergehen, dass … genügend Leintücher vorhanden sind.“ Verlegen schob sie den Schild mit ihren kleinen Füßen unter das Bett. „Auf der Truhe dort drüben steht für jeden von euch eine Waschschüssel und ein Wasserkrug. Nur für den Fall, dass ihr euch morgens wascht, natürlich … Es gibt nämlich Leute, die das tun, bevor sie ihr dagmal einnehmen.“

Sie setzte eine heitere Miene auf, stand auf und ging zur Tür. Grimr aber bemerkte, dass ihre Hände zitterten, und fasste sie beim Arm. „Warum bist du wirklich hier?“, verlangte er zu wissen. „Doch nicht, um den Thralls die Arbeit abzunehmen, oder? Und warum liefen sie vor mir davon, als wäre ich ein Schreckgespenst? Heraus mit der Sprache!“

Sigrids hellgraue Augen schimmerten im Licht der Öllampen wie pures Silber. „Ich wollte nur nach dem Rechten sehen, was recht und billig ist“, gab sie mit gepresster Stimme zurück, der etwas Rauchiges anhaftete. „Schließlich gehöre ich bald zu eurer Familie, nicht wahr?“ Mit Unschuldsblick sah sie zu Grimr empor, dem das komplizierte Flechtmuster ihrer schönen blonden Zöpfe gefiel.

„Liegt meine Familie dir wirklich so am Herzen?“, fragte er spöttisch, war sein Argwohn doch noch nicht besiegt.

Ihn zu rügen, verbot ihr der gebotene Anstand, seine Hand aber schüttelte sie unwillig ab. „Du darfst mir glauben, dass ich deinen Bruder wirklich gern heirate.“ Unschlüssig biss sie sich auf die weiche Unterlippe, bevor sie zögernd hinzusetzte: „Ich wünsche euch eine gute Nacht unter Ingvars Dach! Möge euer Schlaf ungestört sein …“

Grimr merkte auf. „Was willst du damit sagen?“, fuhr er sie an. „Gibt es etwas, das ich wissen sollte, dann heraus mit der Sprache! Verschleierte Botschaften sind mir ein Graus.“

Sigrid stieß den Atem aus, als habe sie es mit einem begriffsstutzigen Kind zu tun. „Nimm ruhig wörtlich, was sich sagte. Und nun gute Nacht.“ Mit einer Hand raffte sie die Röcke und machte sich daran, die Tür zu öffnen. Grimr aber ließ sie nicht hinaus.

„Nicht so schnell! Zuerst will ich wissen, um was es hier geht.“

Unwillig verzog sie den Mund. „Lass mich! Mein Bruder wird sich schon fragen, wo ich bleibe.“

Sie standen so nahe beieinander, dass Grimr ihren Atem als süßen Hauch auf seinen Lippen spürte. Und da er merkte, dass hinter ihrer kühlen Fassade etwas rumorte, was sie zu verheimlichen suchte, überlief ihn ein prickelnder Schauer. Oh, es reizte ihn über alle Maßen, in ihr Inneres vorzudringen, in dem es womöglich wie Lava brodelte … Denn war es Grimr auch klar, dass dieses Spiel mit dem Feuer an Verrat grenzte, vermochte er sich dem Zauber nicht zu entziehen, den Sigrid auf ihn ausübte.

„Warum sollte Ingvar dich vermissen, wenn er dich doch schickte, unsere Waffen zu stehlen?“, stieß er mit heiserer Stimme hervor. „Was führt er im Schilde? Sprich!“

Kopfschüttelnd senkte sie den Blick, während sie trotzig die Zähne zusammenbiss. „Du irrst“, behauptete sie. „Ich brachte nur Leintücher her. Mein Bruder hat damit nichts zu schaffen.“

Zwar wusste Grimr, dass es falsch war, Sigrid anzurühren. Dennoch hob er ihr das Kinn mit zwei Fingern an, um ihr in die schönen Augen zu blicken. Zuerst staunte er, wie seidig ihre Haut sich anfühlte, und bewunderte dann die silbernen Blitze, die sie ihm aus schmalen Augen entgegenschleuderte. Da drängte alles in ihm zu ihr hin, und es fiel ihm unendlich schwer, sie nicht zu küssen. Um Beherrschung bemüht schluckte er. „Die Wahrheit“, bat er schlicht. „Mehr verlange ich nicht.“

„Glaubst du wirklich, ich wollte euch bestehlen?“, gab sie hitzig zurück, während der Ärger ihr zwei rote Tupfer auf die Wangenknochen malte. Dann versuchte sie ihn wegzustoßen und traktierte ihn mit ihren Fäusten, weil sie es nicht schaffte.

Überrascht hob Grimr die Brauen, denn Sigrid hatte Kraft. Doch wich er nicht von der Stelle, sondern packte ihre Handgelenke mit der rechten Hand, hielt sie ihr über dem Kopf fest und presste die schöne junge Frau mit dem Rücken gegen die Tür, wobei er ihre festen, runden Brüste an seinem Leib spürte.

„Die Wahrheit, sage ich!“, befahl er mit rauer Stimme, froh, dass sie nicht in sein Inneres blicken konnte. Denn dort loderte sein Begehren so heiß wie alle Feuer zur Sonnenwende zusammengenommen.

Sigrid aber verschwendete kein weiteres Wort an ihn. Schweigend starrte sie ihn an, während die Luft um sie beide her sich wie vor einem Hitzegewitter verdichtete.

Als Grimr sich Sigrids wildem Blick ergab und sich davon widerstandslos in die Tiefe ziehen ließ, schien die Zeit stillzustehen. Sein Atem aber, der den ihren einholte, ging nun im selben Rhythmus. Da machte sie angesichts des Begehrens, das aus seinen blauen Augen sprang, eine kleine Bewegung zu ihm hin, als sei sie ebenfalls davon ergriffen.

Zwar wusste Grimr, dass sein Verlangen unerfüllbar war, doch zögerte er trotzdem, der Situation ein Ende zu setzen. Denn all die süßen Möglichkeiten, die er wie im Rausch erahnte, waren zu verheißungsvoll und zu verführerisch, um sich ihnen auf die Schnelle zu entziehen. Und während der animalische Teil seines Wesens, der bisher wie ein dunkles Tier in ihm geschlafen hatte, sich mit Macht in ihm regte, drängte es ihn, diese Frau in jeder Hinsicht zu erforschen und zu besitzen. Dass sie seinem Bruder gehörte, spielte dabei keine Rolle; denn Grimr war für Sigrid heiß entbrannt.

Was wollte sie hier? tönte es noch hohl in seinem Hinterkopf. Die Bedeutung der Frage aber begann ihm zu entfallen, während es ihn zu Sigrid trieb, als wäre er ein willenloses Stück Treibholz.

Je länger er sie festhielt, desto stärker erregte ihn die Weichheit ihrer Haut unter seinen rauen Fingern und desto weniger ging es ihm noch um die Beantwortung seiner Frage. Denn nun lockten ihn ganz andere Geheimnisse, vielleicht auch Dämonen, die es zu bändigen galt … Er hätte alles für Sigrid vollbracht, und hätte es auch sein Leben gekostet. Doch war er nichts als ihr zukünftiger Schwager, und seine Opferbereitschaft wurde nicht benötigt.

Was, wenn Hakon mich so sähe? fiel es ihm siedend heiß aufs Gemüt. Er würde nicht Sigrids, sondern meine Loyalität anzweifeln, und hätte damit recht.

„Bitte …“, flüsterte sie, und er erkannte, dass Angst den Platz des Ärgers eingenommen hatte, mit dem sie ihn anfangs auf Abstand gehalten hatte. „Es ist das Beste für uns alle, wenn du mich gehen lässt.“

Da war es, als erwache Grimr aus einem Traum, worauf er abrupt von Sigrid zurücktrat. Und diese rannte wie von tausend Hunden gehetzt hinaus und ließ ihn in tiefer Verzweiflung zurück.

Denn er begehrte die künftige Gemahlin seines Bruders gegen jede Vernunft und jedes Recht und verstieß damit gegen manches ungeschriebene Gesetz. Doch nie im Leben hatte er solch verzweifeltes Verlangen, solchen Hunger nach einer Frau erfahren, nicht einmal geahnt, dass es solche Liebesmacht überhaupt gab. Jetzt aber begann er voll Schrecken und Staunen zu verstehen, zu welchen Taten ein liebender Mann fähig war. Die Liebe war eine Kraft, die ihn zu ihrem hilflosen Sklaven machte.

Nach und nach erst legte sich der Sturm in ihm, und Leere breitete sich aus, wo zuvor die Flammen der Leidenschaft gen Himmel geschlagen waren. Da seufzte er auf, wie er noch nie geseufzt hatte, und machte sich daran, die Waffen zu überprüfen, die er vollständig und intakt vorfand. Die verschleierte Warnung Sigrids aber nahm er weniger wichtig als die Gefühle für sie, deren Wucht ihn überwältigte.

Schlaf fand er lange nicht, denn die verbotene Liebe zu ihr, seiner künftigen Schwägerin, war ihm wie ein Dorn im Fleisch. Im Stillen leistete er Hakon Abbitte für seine verirrten Gedanken, war er ihm doch herzlich zugetan. Und je länger er über den Verrat gegen seinen Bruder nachgrübelte, desto mehr widerte er sich selbst an, bis er sich schließlich auf einer Stufe mit Ingvar wähnte, dessen frevelhafte Hand auf dem Schenkel seiner eigenen Schwester ihn vor Stunden noch angeekelt hatte. Da war ihm, als habe er plötzlich keine Heimat mehr in sich, gab es doch kein Mittel gegen Sigrids Anziehung, seit er sie gegen die Tür gepresst hatte. Und wünschte er sich noch so sehr, die Zeit zurückzudrehen, lag das nun einmal nicht in seiner Macht.

Als Hakon, seinen jüngsten Bruder unter dem Arm, ins Zimmer stolperte, täuschte Grimr vor, wie ein Stein zu schlafen. Wie soll ich ihm je wieder in die Augen blicken? fragte er sich entmutigt. Am besten ziehe ich mich als Einsiedler in die Berge zurück, sobald wir heimgekehrt sind. Dann muss ich dem jungen Glück nicht auch noch zusehen …

Grimr hätte sich nie herausgenommen, Hakon anzulügen. Über seine Besessenheit von Sigrid den Mantel des Schweigens zu breiten aber mochte vielleicht noch durchgehen. Bei Odin! stöhnte er in Gedanken. Diese Frau bringt mich noch um den Verstand!

Eine Weile lauschte er dem biergeschwängerten Schnarchen seiner Brüder, die in trauter Eintracht so manches Horn voll Ale auf die morgige Hochzeit geleert hatten. Und floh ihn auch der Schlaf, suchte er sich wenigstens zu entspannen, wie er es als Soldat König Haralds gelernt hatte, um wenigstens auf diese Weise Kräfte zu schöpfen. Der klar denkende Roi, welcher Norwegens Provinzkönigtümer nach und nach mittels Verhandlungen und Sanktionen unter seinem Banner vereinte, suchte die Fehden zwischen verfeindeten Sippen zu befrieden, indem er Allianzen vorschlug. Und auch Hakons Hochzeit mit Sigrid sollte der Versöhnung der Erikssons mit den Sigurdssons dienen.

Als Grimr gewahr wurde, dass er schon wieder an die Frau dachte, die er tunlichst vergessen musste, stöhnte er gequält in sich hinein. Dann aber fing es sachte zu regnen an, und das sanfte Rauschen lullte ihn so wohltuend ein, dass er endlich in einen unruhigen Schlummer fiel.

Da sank ein seltsamer Traum auf seine schweren Lider, in welchem kleine Münzen vom Himmel fielen und in silbernen Bächen auf beiden Seiten eines Giebeldachs zu Boden rannen. In warmem Frühlicht leuchteten sie auf und formten goldene Bänder, die sich in blonde Haarsträhnen verwandelten. Diese gehörten einer Frau mit hellgrauen Augen, die drängend zu ihm sprach: „Wach auf, Grimr! Denn es droht Gefahr.“

Im selben Augenblick weckte ihn ein enormes Getöse, das sich anhörte, als ginge auf der anderen Seite der Wand etwas in Scherben. Verwirrt blickte er um sich und nahm in dem schwachen Dämmerlicht, das durch die Ritzen sickerte, schattenhafte Bewegungen im Dunkel des Raumes wahr.

Auch Hakon, der das Bett neben der Tür belegte, schien etwas gehört zu haben, denn er regte sich im Schlaf. Als Grimr aber zu ihm hinblickte, sah er voller Entsetzen eine schwarze Gestalt mit einem metallisch glänzenden Dolch in der Hand, die sich über seinen Bruder beugte.

„Hakon! Pass auf!“, schrie Grimr laut. Dann wurde ihm von einem Mann, der sich von oben auf ihn fallen ließ, mit der Wucht von dessen Körpergewicht das Wort abgeschnitten.

3. KAPITEL

Was vorher geschah …

Obwohl Sigrid sich das Hirn zermarterte, wie sie den Eriksson-Brüdern unauffällig eine Warnung zukommen lassen konnte, fiel ihr nichts Besseres ein, als im Nebenzimmer mit einem enorm großen Wasserkrug bereitzustehen, um ihn zu gegebener Zeit gegen die Wand zu werfen.

Sie war wach geblieben, nachdem ihr Halbbruder sie am Abend über seinen bösen Plan in Kenntnis gesetzt hatte, und spähte in kurzen Abständen durch ihren Türspalt, um nicht den Moment zu verpassen, an dem er mit seinen Mannen heraufgeschlichen käme, um seine Gäste zu überfallen. Und näherte sich auch die Morgendämmerung, ohne dass etwas geschah, blieb Sigrid wachsam. Denn es war unwahrscheinlich, dass Ingvar von seinem Vorhaben abließe. 

„Ich werde ihnen in ihren Betten die Kehlen aufschlitzen!“ In grimmiger Vorfreude hatte er sich stolz die Hände gerieben. „Wir werden einfach behaupten, dass sie dir alle drei vor der Hochzeit Gewalt antaten, um mich zu demütigen. So erwirke ich König Haralds Verständnis und bekomme keinen Ärger.“

„Da mache ich nicht mit!“, hatte Sigrid entsetzt ausgerufen. Ingvar aber war auf ihren Widerstand vorbereitet gewesen.

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