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Guthrie hat der jungen Witwe Olivia aus Mitleid einen Job auf seiner Ranch angeboten. Doch schon bald ändern sich seine Gefühle für die schöne Städterin. Sie bezaubert ihn immer mehr. Am liebsten würde er sie nie wieder gehen lassen ...


  • Erscheinungstag 02.12.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733754433
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

An einem schwülwarmen Morgen im Mai, wenige Tage nach der Beerdigung ihres Mannes, musste Olivia Miles erkennen, dass ihre Welt wie ein Kartenhaus zusammengefallen war.

Zwar waren seit diesem furchtbaren Tag, an dem der Anwalt ihr eröffnete, dass ihr Mann außer Schulden nichts hinterlassen hatte, inzwischen zwei Wochen verstrichen, doch noch immer erinnerte sie sich an jedes einzelne seiner Worte. Von Spielschulden hatte er gesprochen. Von Pfändungen und aufgelösten Lebens- und Ausbildungsversicherungen.

David, ihr Mann, der Vater ihrer Kinder, hatte sie mittellos ihrem Schicksal überlassen. Sie hatte alles verloren. Haus, Auto, Geld. Und jegliche Sicherheit.

Auch jetzt, zwei Wochen danach, hatte sie keine Idee, wie es weitergehen sollte. Doch sie durfte nicht aufgeben. Schließlich hatte sie zwei Töchter, für die sie sorgen musste.

An die beiden hatte David anscheinend keinen Gedanken verschwendet, als er jeden Cent, der für ihre Zukunft angelegt war, abgehoben und auch die Zahlungen für Haus, Auto und Lebensversicherungen eingestellt hatte.

Eigenhändig hätte sie ihn umgebracht, wäre er nicht schon tot gewesen.

Sie beugte sich über die Straßenkarte. Wenn sie sich nicht irrte, mussten sie ihrem Ziel sehr nahe sein. Sie sah sich um. Weit und breit nichts als Bäume und Viehweiden. Keine größere Stadt. Die Landschaft war völlig anders als in Georgia. Schon jetzt sehnte sie sich nach Atlanta. Nach ihrem Zuhause.

Doch dieses Zuhause gab es nicht mehr. Ihr Zuhause war jetzt hier. Auf einer Ranch, die David aus irgendeinem unerfindlichen Grund nicht auch aufs Spiel gesetzt hatte.

In Heartbreak, Oklahoma.

Fast hätte sie gelacht. Nachdem sie alles verloren hatten, endeten sie und ihre Töchter in einem Ort namens Heartbreak – Herzeleid. Wie passend!

Es waren noch zirka zwanzig Meilen bis dorthin, so dass sie bis zur Mittagszeit da sein müssten. Zeit genug, sich die Ranch anzuschauen und sich als der neue Besitzer vorzustellen. Sie hoffte nur, dass die Cowboys keine Probleme damit hatten, für eine Frau zu arbeiten. Zumal sie von der Arbeit auf einer Ranch nicht die blasseste Ahnung hatte.

Eins allerdings stand fest. Wenn sie, Emma und Elly überleben wollten, dann brauchten sie diese Ranch. Sie war das Einzige, was sie noch hatten.

„Weiter geht’s, Kinder.“ Sie setzte den verbeulten Kombi, der ihren gepfändeten Mercedes ersetzen musste und weder über eine Klimaanlage noch Ledersitze verfügte, wieder in Bewegung. Immerhin hatte er sie von Atlanta bis nach Oklahoma gebracht. Und das war das Wichtigste.

„Sind wir bald da?“, fragte Elly. Sie war achtzehn Minuten älter als Emma und die Temperamentvollere der beiden. Emma war ein stilles, ernstes Kind.

„Ja. Es ist nicht mehr weit. Bald sind wir zu Hause.“

Trotz des Motorenlärms war Emmas weinerlicher Protest nicht zu überhören. „Zu Hause ist in Georgia.“

Für Emma war es am schwersten gewesen, das große schöne Haus in Atlanta aufzugeben. Aber auch Olivia fiel es immer noch schwer, zu akzeptieren, dass sie und die Kinder für die Spielsucht ihres Mannes büßen mussten.

„Wir werden wieder nach Atlanta zurückkehren, Emmy. So bald wie möglich. Das verspreche ich dir“, versuchte sie ihre Tochter zu trösten.

Eine halbe Stunde später fuhren sie an einem verwitterten Ortsschild vorbei, das sie in Heartbreak willkommen hieß. Lediglich ein paar verstreute Häuser entlang der Straße waren zu sehen. Erst einige hundert Meter weiter tauchte der kleine Ort auf. Ein dreistöckiges Backsteingebäude, offenbar die Schule, überragte die umliegenden Häuser. Hier also würden ihre Töchter Schreiben und Rechnen lernen.

Vor der Post hielt Olivia an, um sich nach dem Weg zur Ranch zu erkundigen.

Die Dame hinter dem Schalter lächelte ihnen freundlich entgegen. „Kann ich Ihnen helfen?“

„Wir suchen die Harris-Ranch. Können Sie uns sagen, wie wir dorthin gelangen?“

„Natürlich, meine Liebe. Ich werde es Ihnen aufzeichnen. Das ist einfacher.“ Als sie Olivia die Skizze reichte, betrachtete sie die drei nachdenklich. „Wollen Sie dort jemanden besuchen?“

„Ja.“ Offenbar unterschied sich Heartbreak in nichts von all den anderen Kleinstädten dieser Welt. Nachdem alle wieder im Auto saßen, machten sie sich auf den Weg, vorbei an einem Lebensmittelladen, einem Futtermittelgeschäft, dem eine Sägerei angeschlossen war, sowie einem Friseursalon, einer Anwaltskanzlei und einem Versicherungsunternehmen. Der Ort machte einen verschlafenen Eindruck. Es waren nur wenige Menschen zu sehen.

Olivia seufzte tief und merkte plötzlich, dass sie zitterte. Zwar hatte sie vor ihrer Abreise aus Atlanta gewusst, dass Heartbreak nur ein kleiner Ort war. Aber so hatte sie ihn sich nicht vorgestellt. Das hatte sie nicht verdient. Und die Mädchen auch nicht.

Doch dann straffte sie ihre Schultern. Sie würde das Beste daraus machen. Schließlich hatten sie keine andere Wahl. Irgendwann, wenn sie genug Geld zusammengespart hatte, würden sie zu Hause in Georgia ein neues Leben beginnen. Vielleicht würde sie die Ranch verkaufen, sofern sich ein Großstädter fand – so wie der Vorbesitzer David gefunden hatte – der bereit war, unbesehen eine Ranch in Oklahoma zu kaufen, nur weil er in seiner Jugend mit Begeisterung im Fernsehen Bonanza geschaut hat und seither vom romantischen Leben eines Cowboys träumte.

Aber erst einmal musste sie diese „unbesehene“ Ranch in Augenschein nehmen. Die Aufzeichnungen der Postangestellten waren eindeutig und führten sie aus dem Ort hinaus. ‚Achten Sie auf einen Torbogen mit einem H‘, hatte die Frau notiert. Deshalb befahl Olivia ihren Töchtern, nach einem solchen Tor Ausschau zu halten.

In Gedanken malte sie sich ihr neues Zuhause aus. Kilometerlange weiße Zäune, Backsteinsäulen, die ein schmiedeeisernes Tor hielten. Darüber ein geschwungenes H. Hinter dem Tor ein breiter, von Blumenrabatten gesäumter Kiesweg, der sich durch weite Wiesen schlängelte und über einen plätschernden Bach zu dem Haus führte, das Mr. James, der Vorbesitzer, ihnen so detailliert beschrieben hatte. Drei Stockwerke, Panoramafenster, atemberaubender Ausblick, Swimmingpool …

„Da ist es, Mama. Da ist das H“, riefen die Mädchen wie aus einem Munde.

Aus ihren Träumereien gerissen, trat Olivia auf die Bremse. Und erstarrte! Von wegen weißer Zaun und so weiter! Stacheldraht, verrostete Gitterstangen und ein verbogenes H. Ein Gatter verlief quer über den Weg, der direkt zu einem keine hundert Meter entfernten Haus führte. Dahinter befanden sich offenbar Ställe und Viehgehege, deren Holz verwittert und schmutzbedeckt war.

Ihr Magen verkrampfte sich. War es möglich, dass es in dieser Gegend zweimal eine Ranch des Namens Harris gab? Vielleicht war ein Sohn in die Fußstapfen des Vaters getreten und hatte seine eigene Ranch aufgebaut. Und beide nannten ihre Ranch die „Harris-Ranch“.

Aber hätte dann die Postangestellte nicht gefragt, zu welcher Ranch sie wollten?

Vielleicht war dies doch der richtige Ort, nur nicht das richtige Haus. Vielleicht war dies das Haus des Vorarbeiters, und das Haus des Eigentümers lag so weit entfernt, dass man es von hier aus nicht sehen konnte. Schließlich würde der Besitzer nicht auf Ställe und Viehgehege blicken wollen. Bestimmt hatte er für sein Haus den Platz mit der besten Aussicht gewählt.

Olivia holte tief Luft. Dann fuhr sie durch das Weidengatter die wenigen Meter bis zum Haus, wo sie ihr Auto neben einem Kleintransporter parkte. Wahrscheinlich gehörte er dem Vorarbeiter oder war Eigentum der Ranch.

„Ist das unser Haus?“, wollte Emmy wissen.

Sie hoffte, nicht. Doch sogleich schämte sie sich. An diesem Haus war nichts auszusetzen. Es hatte zwei Stockwerke, weiße Schindeln und eine breite Veranda, die sich über die gesamte Frontseite des Hauses erstreckte. Nicht zu vergleichen natürlich mit ihrem im Südstaatenstil erbauten Haus mit roten Ziegeln und gefliesten Böden, das Eleganz und Gediegenheit ausgestrahlt hatte. Und das jetzt der Hypothekenbank gehörte.

„Ihr beiden wartet hier, während ich nachsehe, ob ich jemanden antreffe.“

Eine hölzerne Treppe führte auf die Veranda. An zwei staubbedeckten Schaukelstühlen vorbei gelangte sie zu einer Fliegentür, wo sie vergeblich nach einer Klingel Ausschau hielt. Sie öffnete die Tür und machte sich durch lautes Klopfen bemerkbar. Nichts rührte sich. Von den Ställen jedoch drang lautes Gehämmer herüber, so dass sie sich dorthin wandte.

Es war schrecklich heiß. Und trocken. Und so still. Außer dem Lärm des Hammers war kein Laut zu vernehmen. Sie hatte ihr ganzes Leben in Atlanta verbracht und konnte sich einen Ort ohne Verkehr und Menschengewühl überhaupt nicht vorstellen. Sie liebte die Stadt mit ihrem Lärm und Chaos und den Millionen von Menschen, die dort lebten. Was gäbe sie nicht dafür, wieder dort sein zu können.

Als sie sich dem Stall näherte, hörte sie Musik – schreckliche Country-Musik. Plötzlich blieb sie stehen. Keine zehn Schritte von ihr entfernt erblickte sie einen Arbeiter, der, mit dem Rücken zu ihr, dabei war, einen Zaun zu reparieren. Außer engen Jeans und einem Cowboy-Hut trug er nichts.

Jeder liebt Cowboys. Zumindest hatte sie das gehört. Und jetzt wusste sie auch, weshalb. Vor ihr stand ein Bild von einem Mann. Schmale Hüften. Breite Schultern. Harte Muskeln. Sein Gesicht hatte sie zwar noch nicht gesehen. Aber was zählte das Gesicht bei solch einem Körper.

Sie musste ein Geräusch gemacht haben, oder ein sechster Sinn hatte ihm gesagt, dass da jemand war, der ihn beobachtete, denn abrupt drehte er sich um. „Kann ich irgendetwas für Sie tun?“

An sich war Braun eine langweilige Farbe. Nicht so bei diesem Mann. Braune Haare, braune Augen und viel, viel braune Haut ließen ihn verdammt gut aussehen.

„Ich suche Ethan James. Können Sie mir sagen, wo ich ihn finden kann?“

Erstaunt sah sie, wie sich bei ihrer Frage sein Gesichtsausdruck verhärtete. „Nein. Keine Ahnung“

„Kommt er bald zurück?“

„Unwahrscheinlich.“

„Wird er am Abend wieder hier sein?“

Er hatte den Hut in den Nacken geschoben. „Bei Ethan ist alles möglich. Vielleicht sind ihm Flügel gewachsen, und er kommt im nächsten Augenblick über die Ställe geflogen. Vielleicht arbeitet er sogar und führt ein anständiges Leben. Aber, ehrlich gesagt, kann ich mir nicht vorstellen, dass er heute Abend oder irgendwann in den nächsten Tagen hier auftauchen wird.“

Olivia musste schwer schlucken. Sie verspürte ein flaues Gefühl im Magen, und es fiel ihr nicht leicht, das Zittern ihrer Stimme zu verbergen. „Könnte ich dann vielleicht mit jemandem sprechen, der hier zuständig ist?“

„Dann müssten Sie schon mit mir reden.“ Er streckte ihr die Hand entgegen. „Ich bin Guthrie Harris. Ethans Bruder.“

„Ich bin Olivia Miles.“ Das ungute Gefühl wurde stärker, als sie sah, dass ihm ihr Name nichts sagte. „Aus Atlanta“, fügte sie deshalb hinzu.

Noch immer kein Anzeichen von Verständnis.

„David Miles war mein Mann. Ich bin die neue Besitzerin der Harris-Ranch.“

Ungläubig starrte Guthrie Harris Olivia Miles an. Sie musste einen Sonnenstich haben und redete deshalb wirres Zeug. Vielleicht war sie auch nur ein bisschen verrückt.

Oder vielleicht … An diese Möglichkeit mochte er nicht denken. Doch seine lebenslange Erfahrung mit Ethan zwang ihn, auch diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen. Vielleicht war sie ein weiteres Opfer der Schurkereien seines Halbbruders.

Den aufsteigenden Zorn unterdrückend, fragte er äußerlich gefasst: „Was meinen Sie damit – die neue Besitzerin der Harris-Ranch?“

„Mein … mein Mann hat vor ungefähr einem Jahr die Ranch von Mr. James gekauft. Über die Einzelheiten bin ich nicht informiert. Aber Mr. James hatte sich verpflichtet, die Ranch zu verwalten. Denn für meinen Mann war die Ranch lediglich eine Kapitalanlage.“ Sie versuchte ein schwaches Lächeln, was ihr aber nicht so recht gelingen wollte.

„Wo ist Ihr Mann jetzt?“

„Er … er ist tot. Er starb vor drei Wochen bei einem Verkehrsunfall.“

„Tut mir leid.“ Guthrie gelang es nur mit größter Anstrengung, die Wut auf seinen Bruder unter Kontrolle zu halten. Es kostete ihn Mühe, sich auf Olivia Miles aus Atlanta zu konzentrieren. „Und Ihr Mann hat Ihnen diese Kapitalanlage hinterlassen?“

Sie nickte. Er bemerkte, dass ihr die hellbraunen, zu einem Pferdeschwanz gebundenen Haare wirr ins Gesicht fielen. Sie war verschwitzt von der offenbar langen Fahrt. Ihre Augen waren gerötet. Sicherlich hatte sie um ihren verstorbenen Mann geweint. Bestimmt waren die hinter ihr liegenden Wochen schwer gewesen.

„Und warum sind Sie hierher gekommen? Wollten Sie sich die Ranch anschauen? Vielleicht sie wieder loswerden?“

Er hatte ein weiteres Kopfnicken erwartet. Aber nicht diesen gequälten und gleichzeitig wild entschlossenen Blick, mit dem sie antwortete: „Nein, Mr. Harris. Ich habe vor, hier zu leben.“

Sprachlos starrte er sie an. Dann wiederholte er: „Hier leben?“ Seine Stimme klang kalt und schneidend. „Auf meiner Ranch?“

„N-nein, Mr. Harris. Auf – auf meiner Ranch.“

„Da gibt es ein kleines Problem, Mrs. Miles. Die Ranch gehört nämlich mir. Ethan konnte sie Ihnen gar nicht verkaufen, weil sie ihm nicht gehörte.“

Für einen Moment starrte sie ihn verständnislos an, als hätte er in einer fremden Sprache zu ihr gesprochen. Dann überkam sie Panik. „Nein. Das muss ein Missverständnis sein. Er versicherte, der Besitz gehöre ihm und sei frei von jeglicher Belastung. Er hat einen Vertrag unterschrieben, eine Urkunde, einen Scheck. Ich habe alle Unterlagen im Auto. Mein Mann hat diese Ranch gekauft.“

Guthrie schüttelte den Kopf. „Vielleicht hat sich Ethan von Ihrem Mann Geld erschlichen. Vielleicht hat er auch einen Vertrag und eine Urkunde unterzeichnet. Aber diese Dokumente sind gefälscht. Er kann nichts verkaufen, was ihm nicht gehört und nie gehört hat.“

Diesmal war es Guthrie, der innerlich erstarrte. Angst durchfuhr ihn. Er konnte nicht weiterreden. Siedend heiß fiel ihm wieder ein, was er schon längst vergessen hatte. Es war vor zehn Jahren gewesen, in dem Jahr, in dem ihre Mutter gestorben war. Nadine Harris James war die Einzige gewesen, die auf Ethan einen positiven Einfluss ausüben konnte. Ohne sie war er verloren, unstet und haltlos. Aus Angst, auch noch das letzte Mitglied seiner Familie zu verlieren, hatte Guthrie damals seinem Halbbruder die Ranch, die seit vier Generationen im Besitz seiner Familie war, zur Hälfte überschrieben. Er hatte gehofft, dadurch seinen Bruder dazu zu bringen, endlich Verantwortung zu übernehmen und vernünftig und erwachsen zu werden.

Nichts dergleichen war geschehen.

Ethan war zwar einige Monate geblieben, hatte hart gearbeitet und Pläne gemacht. Doch eines Morgens fand Guthrie einen Zettel auf dem Tisch, mit dem Ethan ihm mitteilte, dass er es auf der Ranch nicht mehr aushalte. Die Verantwortung war ihm zu groß gewesen. So hatte er es immer gehalten, wenn es schwierig wurde. Er war weggelaufen, genauso, wie es Ethans Vater immer gemacht hatte. Mit der Zeit hatte Guthrie vergessen, was vor vielen Jahren geschehen war.

Ethan offenbar nicht.

„Mammi? Mammi, wo bist du?“

Die Stimmen ihrer Kinder ließen Olivia zusammenzucken. „Es ist alles in Ordnung, Emmy, Elly. Ich komme sofort.“

Auch Guthrie hatte sich umgewandt und sah erstaunt zwei kleine Mädchen um die Ecke des Gebäudes kommen. Während das eine sich ängstlich an die Mutter klammerte, lief das andere auf Guthrie zu und betrachtete ihn neugierig.

„Hallo. Sind Sie ein richtiger Cowboy?“

Guthrie schaute von dem kleinen Mädchen zu dessen Mutter, die ihn verzweifelt ansah. Er verwünschte seinen Bruder. Was hatte Ethan nur diesmal wieder angestellt. Und warum, verdammt noch mal, musste er ihn, Guthrie, mit hineinziehen?

Er beugte sich zu der Kleinen hinab und streckte ihr seine Hand entgegen. „Hallo. Ich bin Guthrie Harris.“

„Und ich bin Elly Miles. Olivia ist meine Mutter. Der Angsthase da drüben ist meine Zwillingsschwester Emma. Sie hat Angst vor Cowboys. Vor Eidechsen. Vor Oklahoma. Vor Tornados und vor Spinnen und Schlangen. Sie hat immer Angst. Sind Sie unser Cowboy?“

Olivia hätte im Erdboden versinken mögen. „Elly! Ich hatte euch beiden doch gesagt, dass ihr im Auto auf mich warten sollt.“

„Es hat so lange gedauert. Wo sind denn die Kühe?“

„Auf der Weide“, antwortete Guthrie. Er musste unbedingt mit Olivia Miles reden – und mit seinem Anwalt – um die Angelegenheit zu klären. Danach würde er Ethan suchen und ihm den Hals umdrehen. „Warum gehen wir nicht ins Haus, Mrs. Miles, und besprechen alles in Ruhe?“

Fast sah es aus, als wolle sie ablehnen. Doch dann nickte sie entschlossen, nahm ihre Töchter an die Hand und ging auf das Haus zu. Guthrie folgte ihr, nicht ohne seinen Bruder aus tiefster Seele zu verfluchen.

Beim Haus angekommen, blieb Olivia stehen. „Könnten wir uns vielleicht auf die Veranda setzen? Von dort hätte ich die Mädchen im Blick, während sie spielen.“

Bevor sie die Stufen zur Veranda hinaufstieg, holte sie einen großen Umschlag aus dem Auto.

Guthrie lehnte am Verandagelände, die Arme vor der Brust verschränkt, während Olivia auf einem der Schaukelstühle Platz genommen hatte. „Erzählen Sie alles von Anfang an!“ Wie sehr Guthrie sich auch bemühte, nach außen hin Ruhe zu bewahren, seine Stimme konnte den Aufruhr, der sich in seinem Inneren abspielte, nicht verbergen. Olivia fühlte, wie die Angst in ihr Oberhand gewann.

Den Umschlag fest an ihre Brust gepresst, begann sie: „Vor ungefähr einem Jahr kam Mr. James nach Atlanta, um dort einen Käufer für seine Ranch zu finden. David traf ihn im Country-Club. Da mein Mann schon länger nach einer guten Kapitalanlage suchte, kam ihm Mr. James gerade recht. Ich habe damals vergeblich versucht, ihm den Kauf auszureden. Denn es ging um viel Geld. David hatte überhaupt keine Ahnung von Viehzucht. Und in Oklahoma war er auch noch nie gewesen. Aber wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann … Die Ranch ist das Einzige, was er uns hinterlassen hat.“

Olivias Mann schien perfekt in die Kategorie von Ethans Lieblingsopfern zu passen. Zu viel Geld, zu wenig Verstand, absolut leichtgläubig. Wie sonst hätte er unbesehen eine Ranch gekauft, die dazu noch tausend Meilen entfernt lag, ohne die Unterlagen von einem Anwalt prüfen zu lassen? Hätte er es getan, müsste Guthrie sich heute nicht mit seiner Witwe herumschlagen.

„Der Handel war perfekt. Die Papiere unterzeichnet. Das Geld gezahlt.“

„Und Ethan war verschwunden.“

Sie nickte.

„Ist das die Urkunde, die Sie erhalten haben? Kann ich sie einmal sehen?“

Nur zögernd reichte sie ihm den Umschlag. Der Vertrag war erstaunlich detailliert. Ethan hatte sich Mühe gegeben. Der Preis allerdings war lächerlich. Viel Geld, ja. Jedoch nicht halb so viel, wie der Besitz wert war. Schon das hätte David Miles stutzig machen müssen.

Die Urkunde sah echt aus. War aber genauso wertlos wie der Vertrag. Das einzig wirklich rechtsgültige Papier in diesem Umschlag war der Scheck, den David Miles auf Ethan ausgestellt hatte.

„Hat sich denn niemand von Ihnen darüber gewundert, dass jemand von Oklahoma nach Atlanta fährt, um seine Ranch zu verkaufen?“

„Doch. Das habe ich meinem Mann auch gesagt. Aber der meinte, in Atlanta gebe es viele Leute mit genügend Geld. Deshalb sei Mr. James nach Atlanta gereist.“

„Und warum hat er den Vertrag und die Urkunde nicht einem Anwalt vorgelegt?“

„Mr. James hatte einen engen Terminkalender. Außerdem hat er meinem Mann gegenüber erklärt, dass noch weitere Leute interessiert seien. Wenn mein Mann die Ranch wolle, dann müsse er sich sofort entscheiden.“ Sie schloss die Augen und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. „Es war alles gelogen, nicht wahr?“

Sie hatte ganz leise gesprochen. Plötzlich tat sie ihm leid, wie sie so dasaß. Ohne Hoffnung. Verrückt vor lauter Sorgen.

Einen Augenblick lang war er versucht, zu sagen: „Ja, Sie haben recht. So ist es.“ Aber wenn er das sagte und sie und die Kinder wegschickte, wäre er dann nicht genau so niederträchtig und verlogen wie sein Bruder? Er holte tief Luft, bevor er antwortete: „Nicht alles.“

Neue Hoffnung flammte plötzlich in ihr auf. Erwartungsvoll sah sie ihn an.

„Vor Jahren, in einem Anfall von Wahnsinn, habe ich meinem Bruder Ethan einen Teil der Ranch abgetreten. Nicht die gesamte Ranch, wie hier in der Urkunde steht.“

„Wie viel haben Sie ihm gegeben?“

Er schluckte schwer. „Die Hälfte.“

„Dann gehört mir also die andere Hälfte?“

„Ich weiß es nicht. In den Unterlagen steht 290 Morgen, alles Vieh, Gebäude sowie Maschinen und Geräte. Da ihm tatsächlich nur 145 Morgen gehörten und sonst nichts, ist der Vertrag möglicherweise ungültig.“ Für ihn wäre das eine feine Sache, bekäme er doch so die 145 Morgen zurück.

Und was würde dann aus Mrs. Miles und ihren Töchtern? Es ist das Einzige, was er uns hinterlassen hat.

Sie stünden auf der Straße. Ohne Geld, ohne Land, ohne ein Zuhause.

Er schaute auf die Uhr. Wenn er sich beeilte, konnte er vielleicht noch den Anwalt erreichen. Doch dann fiel ihm ein, dass die Kanzlei donnerstags geschlossen war.

„Wenn Sie mir die Telefonnummer Ihres Motels geben, dann …“

Mit leeren Augen sah sie ihn an. „Zeigen Sie mir ein Stück Land, das eventuell mir gehört. Dort können Sie uns erreichen. Ein Motel können wir uns nicht leisten.“

Diese Antwort hatte er befürchtet. Er schaute auf die erschöpften Kinder. Ihre verschwitzten müden Gesichter. Er hatte keine Wahl. „Dann werden Sie wohl hier bleiben müssen.“

„Wir können doch nicht …“

„Nicht hier im Haus. Zur Ranch gehört ein Blockhaus. Das können Sie haben.“ Dabei zeigte er nach Westen, wo unter Bäumen ein kleines Holzhaus zu sehen war. „Es steht seit langem leer, ist aber bewohnbar. Sie können dort bleiben, bis diese Angelegenheit geklärt ist.“ Er hoffte inständig, sie würde sein Angebot ablehnen.

„Ich weiß Ihre Großzügigkeit zu schätzen, Mr. Harris.“

Er kam sich nicht großzügig vor. Eher wie jemand, der in seine eigene Falle getappt war. „Fahren Sie schon einmal vor. Ich hole die Schlüssel. Wir treffen uns dann dort drüben.“

Einen Moment lang rührte sie sich nicht. Dann sprang sie auf und streckte ihm ihre Hand entgegen. „Ich danke Ihnen, Mr. Harris.“

Er betrachtete ihre Hand. So viel kleiner als seine. So weich, so weiß und zart. Abrupt wandte er sich ab und ging ins Haus.

Als er die Schlüssel zum Blockhaus aus der Schreibtischschublade nahm, fiel sein Blick auf ein Foto, das eine scheinbar glückliche Familie zeigte. Seine Mutter, ihn, Ethan und dessen Vater.

Wie Bilder doch täuschen konnten. Nadine Harris und Gordon James hatten geheiratet, weil sie glaubte, Guthrie brauche einen Vater und weil Gordon vom angenehmen Leben eines Ranchers träumte. Aber weder hatte Gordon den Vater ersetzen noch die Aufgaben eines Ranchers meistern können. Schon bald nach Ethans Geburt verbrachte er die meiste Zeit fern von zu Hause, und als Ethan zehn wurde, war Gordon bereits ganz aus ihrem Leben verschwunden. Statt einen Vater für ihren ältesten Sohn zu finden, stand Nadine jetzt mit zwei Kindern alleine da.

Autor

Marilyn Pappano
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