Mein Spiel mit dem Feuer

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Der attraktive Milliardär Aiden Hawke ist mein Boss – und tabu, auch wenn er mich insgeheim magisch anzieht. Doch dann steht er plötzlich vor meiner Tür und verkündet, ich sei seine Verlobte. Natürlich nur, um einen wichtigen Deal zu retten. Mein Herz geht fast in Flammen auf. Als er mich der Presse präsentiert und ich zu ihm in sein Penthouse am Central Park ziehen muss, wird jeder seiner Blicke zur Qual. Ich weiß, ich spiele mit dem Feuer, als ich seinen unerwarteten Kuss erwidere. Denn mein Verlangen wird auch nach Ende dieser Scharade weiterbrennen …


  • Erscheinungstag 04.08.2026
  • Bandnummer 2764
  • ISBN / Artikelnummer 0800262764
  • Seitenanzahl 144

Leseprobe

Emmy Grayson

Mein Spiel mit dem Feuer

1. KAPITEL

Aiden

Die Frau geht auf den See zu, den Blick auf das andere Ufer gerichtet. Sie ist barfuß. Ihr dunkles Haar ist zu einem langen Zopf zusammengefasst. Eine rote Rose steckt hinter ihrem Ohr. Als sie zur Seite schaut, erhasche ich einen Blick auf die schwarze Maske, die ihr halbes Gesicht verdeckt.

Wahrscheinlich eine der Tänzerinnen, die für die jährliche Gala in den Hudson Springs Botanical Gardens engagiert wurden. Im Gegensatz zu den Roben und Smokings der Gäste ist sie schlicht gekleidet: ein scharlachrotes Neckholder-Top und ein langer schwarzer Rock.

Sie ist mir schon vor ein paar Minuten ins Auge gefallen. Oder vielmehr ihre langen Beine, als die Schlitze in ihrem Rock aufklafften und einen Blick auf verführerisch nackte Haut freigaben. Meine letzte Affäre liegt neun Monate zurück. Fast genauso lange ist es her, dass ich den Anblick einer Frau derart genossen habe.

Ihre anmutigen Bewegungen weckten mein Interesse. Ebenso die Tatsache, dass sie sich von anderen Gruppen fernzuhalten scheint. In diesem Bedürfnis nach Einsamkeit inmitten einer lauten Gala erkenne ich mich wieder. Ich verbrachte Jahre auf den Straßen von New York City, umgeben von schreienden Menschen, hupenden Autos und Sirenen. Ich komme mit Menschenmassen klar, besonders im geschäftlichen Kontext. Dennoch bevorzuge ich die Ruhe meiner eigenen Gesellschaft und die Kontrolle über meine Umgebung.

Die Frau hält einen Schritt vom Wasser entfernt inne. Etwas an der Art, wie sie dasteht und das Kinn neigt, lässt mich stutzen.

Seraphina.

Alles in mir verspannt sich. Was zur Hölle ...?

Seraphina Clark ist seit drei Jahren meine Assistentin. Ruhig, professionell, freundlich. Sie trägt Blusen mit Schleifen am Hals. Abgesehen von einer einzigen Pflanze und einem Foto von ihr und ihren Eltern ist ihr Büro schnörkellos. Wir reden nicht viel über Privates, aber sie hätte es sicher erwähnt, wenn sie unter die Feuertänzer gegangen wäre.

Unruhig rücke ich auf meinem Sitz hin und her. Ich gebe nur ungern zu, dass sie mir schon beim Vorstellungsgespräch aufgefallen ist. Ihr herzförmiges Gesicht erinnerte mich an Stars aus den alten Schwarz-Weiß-Filmen, die meine Mutter so geliebt hatte. Hohe Wangenknochen. Große grüne Augen unter dunklen Wimpern, die einen schönen Kontrast zum Goldblond ihrer Haare bilden. Ein voller Mund mit geschwungener Oberlippe.

Ein Schwung, den ich schon in der Nacht nach unserer ersten Begegnung im Traum geküsst habe. Prompt wachte ich mit einer pochenden Erektion auf.

Fast hätte ich sie deshalb nicht eingestellt. Aber ihr Doppelabschluss in Finanz- und Wirtschaftswissenschaften mit Nebenfach PR – plus mehrere Jahre Erfahrung in einer PR-Agentur für den Finanzsektor – machte sie zur besten Kandidatin. Ich verdrängte ihre Anziehungskraft und gab ihr den Job. Heute ist Hawke Financial ohne sie nicht mehr vorstellbar. Die Terminkalender sind bestens organisiert, die Akten tadellos, die Kunden glücklich.

Ich presse die Zähne zusammen. Ja, ich halte meine Begierde im Zaum. Aber seit ein paar Monaten nehme ich Seraphina immer intensiver wahr. Das Klackern ihrer Absätze und der Duft ihres zarten Parfüms treiben meinen Puls in die Höhe.

Langsam lasse ich den Blick zurück zu der maskierten Frau wandern. Der Vollmond lässt ihr dunkles Haar silbern schimmern. Sie ist ganz in ihrer eigenen Welt gefangen.

Ich beobachte sie noch einen Augenblick lang, dann wende ich den Blick ab. Wenn ich eine Affäre eingehe, dann mit Kalkül und mit einer Frau, die in meinen gesellschaftlichen Kreisen verkehrt, die mich nicht nach Geld fragt oder, Gott bewahre, einen Ring von mir erwartet. Mit jemandem, dem von vornherein klar ist, dass diese Beziehung ein Verfallsdatum hat.

Schon früh habe ich gelernt, dass tiefe Gefühle nichts als Schmerz bringen. Ein gewalttätiger Vater, der meine Mutter dazu trieb, mit meinem Bruder David und mir nach New York zu fliehen. Der Tod meiner Mom, der David und mich trennte. Wir kamen in verschiedene Pflegefamilien. Nachdem mein Pflegevater mich einmal zu oft geschlagen hatte, landete ich auf der Straße und kam bei Dominic unter. Er bot mir ein Zelt in einer dreckigen Gasse in East Harlem an, brachte mir Taschendiebstahl und weitere Tricks zum Überleben bei. Dann kam Cassian dazu. Zum ersten Mal ließ ich meine Deckung fallen und schöpfte wieder Hoffnung.

Bis Melanie das letzte Stück Herz nahm, das mir geblieben war, und es zerfetzte.

Ich werde nie wieder den Fehler machen, mich zu verlieben.

Selbst wenn Seraphina nicht allein deshalb tabu wäre, weil sie meine Angestellte ist – sie ist das genaue Gegenteil von dem, was ich suche.

Aber sie macht es mir leicht, indem sie absolut professionell ist. Nie ein neckischer Kommentar, kein vielsagender Blick. Sie besteht sogar darauf, mich Mr. Hawke zu nennen, obwohl ich ihr mehrfach angeboten habe, Aiden zu sagen. Ihre Zurückhaltung würde mich ärgern, wenn sie es mir nicht leichter machen würde, Abstand zu halten.

Feuer schießt aus einem Metallring hoch, der aufrecht am Seeufer steht. Ein Raunen geht durch die Menge. Ich beobachte die Flammen. Als ich wieder zum Seeufer blicke, ist die Frau verschwunden.

Von allen Veranstaltungen, auf denen ich war, ist das hier die seltsamste. Das Gelände mit New Yorks edelsten Pflanzen wird von Fackeln und flackernden Lichtern erhellt. Auf dem See treiben Lampions. Die erhöhte Holzterrasse, auf der ich sitze, ist mit einer roten Samtkordel abgesperrt. Dahinter stehen plüschige Sessel und Sofas unter Lichterketten. Unten bahnen sich Kellner ihren Weg durch die Menge – auf ihren Silbertabletts entweder Champagnergläser oder Frühlingsrollen mit essbaren Blüten und winzige Hähnchenspieße.

Eine Welt, die ich mir niemals erträumt hätte. Es ist zwanzig Jahre her, dass Cassian erwischt wurde, wie er einen Mann mit silberfarbenem Haar bestahl. Dominic und ich griffen sofort ein – fest entschlossen, Cassian aus dem Griff des Mannes zu befreien. Stattdessen machte er uns ein Angebot: Er könnte die Polizei rufen – oder uns zum Essen einladen. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass dieses Abendessen in einem der besten Restaurants in Midtown dazu führen würde, dass einer der renommiertesten Finanz-Titanen der Welt uns offiziell adoptiert. Ein milliardenschwerer Mann, der uns aufnahm, weil er unsere Loyalität zueinander bewunderte. Er wollte uns eine Chance geben. So wie ihm jemand eine Chance gegeben hatte, als er ganz unten war.

Ein Gefühl der Reue beschleicht mich. Ich habe John nie an mich herangelassen. Selbst nach allem, was er für mich getan hat. Aber ich denke nicht darüber nach, was ich vor seinem unerwarteten Tod vor ein paar Jahren hätte anders machen können. Er gab mir eine Chance auf ein neues Leben. Und auch wenn ich mich ihm emotional nicht geöffnet habe, zeigte ich meine Dankbarkeit und setzte alles daran, das Beste daraus zu machen.

Mein Blick huscht zu dem älteren Mann, der rechts von mir in einem der Sessel im VIP-Bereich sitzt. Ich bin an Erfolg gewöhnt. Doch jetzt stehe ich vor einer Herausforderung. Die Konsequenzen sind viel dramatischer als ein reiner Geldverlust. Und der Mann neben mir ist der Schlüssel. Wenn er nur endlich meine Empfehlung annehmen würde.

George Randolph hat sich vom einfachen Holzfäller in den Catskills zum Besitzer eines eigenen Sägewerks hochgearbeitet. Später schwenkte er auf nachhaltige Baumaterialien um und baute sich ein zweites Standbein in der Tourismusbranche auf, was ihm Millionen einbrachte. Millionen, die er mir – über meine Firma Hawke Financial – als seinem persönlichen Finanzberater anvertraute. Mein wichtigster Kunde. Genau wie ich lebt er für die Arbeit. Seine Fliege ist farblich auf das Kleid seiner Frau abgestimmt. Ein Lächeln umspielt seine Mundwinkel. Er wirkt entspannt, fast zufrieden.

Genau in dieser Stimmung brauche ich ihn, wenn ich ihm meinen neuesten Vorschlag für sein Portfolio verkaufen will. Bisher hat er jede meiner Empfehlungen abgenickt.

Nur meine letzte nicht. Ausgerechnet den wichtigsten Tipp, den ich ihm je gegeben habe.

„Besser als die Darsteller letztes Jahr.“ Randolph nickt in Richtung des brennenden Rings. „Opernsänger. Reine Folter.“

Meine Lippen zucken kurz. „Das überrascht mich, wo Ihre Frau doch die New York City Opera fördert.“

Randolphs buschige Augenbrauen schießen in die Höhe. „Es überrascht mich, dass Sie das noch wissen.“

Ich fasse es nicht als Beleidigung auf. Dass ich persönliche Infos parat habe, verdanke ich Seraphina. Ihr Verstand speichert Details ab, auf die ich nicht immer achte. Ich halte mich lieber an Dinge, die ich berechnen und kontrollieren kann.

Seraphina versteht nicht nur viel von Finanzen, sondern auch von Menschen. Sie hat Dossiers zu allen Klienten angelegt. Wenn jemand heiratet, ein Kind bekommt, befördert wird, einen Angehörigen verliert oder einen anderen Meilenstein erlebt, wandert das in seine Akte. Details wie die Tatsache, dass Randolph zu seiner Zeit als Holzfäller Seite an Seite mit Häftlingen arbeitete. Das prägte seine Ansichten zu Gefängnisreformen – inklusive einer tiefen Abneigung gegen gewinnorientierte Haftanstalten.

Ich nehme einen Schluck von meinem Gin Tonic. Die herbe, blumige Note des Gins hält meine Wut im Zaum. Wenn ich an das New-Field-Gefängnis denke ... Die feindliche Übernahme dieser privaten Haftanstalt würde Randolph eine solide Basis für seine Haltung zu Gefängnisreformen geben, falls er im Herbst zum Senator gewählt wird. Die Umfragewerte sind vielversprechend.

Bei dem Deal geht es aber nicht nur um Randolph. Es wird mir eine große Genugtuung sein, den Untergang des sadistischen Betreibers von New Field zu inszenieren. Victor Hale stellt Profit über das Wohl der Menschen in seiner Obhut. Ein Mann, der weggesehen hat, als mein leiblicher Bruder David tagelang in Einzelhaft saß – ohne Essen oder medizinische Versorgung für das gebrochene Bein, das er sich bei einem Gefängnisaufstand zugezogen hatte. Hale drohte, Davids Akte der Öffentlichkeit preiszugeben und sein Leben zu ruinieren, wenn ich an die Presse ginge.

Ich warte, bis Wut und Schuldgefühle abebben. David ist jetzt sicher. Es geht ihm besser. Wenn ich das hier für ihn tun will – für uns –, muss ich einen kühlen Kopf bewahren. Es reicht nicht, Hale zu bestrafen. New Field muss von jemandem übernommen werden, der sicherstellt, dass die Anstalt ethisch korrekt geführt wird. Jemand, der an Gefängnisreformen glaubt.

Jemand wie George Randolph.

„Hier habe ich Martine den Antrag gemacht. Wir waren seit Jahren nicht mehr hier.“ Randolph blickt sich um. „Wann wollen Sie sich endlich binden?“

Ein langer Schluck von meinem Drink verschafft mir Zeit, mir eine Antwort zurechtzulegen. Meine letzte Affäre ist unschön zu Ende gegangen. Aber es liegt nicht nur daran, wie ich mir widerwillig eingestehen muss. Mein Interesse an Dates hat nachgelassen. Ich bin nicht auf etwas Verbindliches aus. Doch kurze Abenteuer befriedigen mich auch nicht mehr.

„Im Moment suche ich nichts Festes.“

Randolph stößt einen missbilligenden Laut aus. „Nach dem Debakel mit der Schauspielerin hätte ich gedacht, Sie suchen nach etwas ... Beständigerem.“

Ich verziehe keine Miene. Seit Randolph beschlossen hat, für den Senat zu kandidieren, spricht er mein Liebesleben immer öfter an.

„Wir werden sehen.“

Randolph fährt sich mit der Hand über den Mund. „Hören Sie, Hawke. Einer der Gründe, warum ich Sie heute Abend hergebeten habe, ist, dass ich ernsthaft über den New-Field-Deal nachdenke.“

Ein Gefühl von Triumph steigt in mir auf, aber ich unterdrücke es. Von einer Vertragsunterzeichnung sind wir noch weit entfernt.

„Freut mich zu hören.“

„Allerdings hat mein PR-Team Bedenken, was die weitere Zusammenarbeit mit Hawke Financial angeht.“

Ich halte inne. „Ist das so?“

„Ich trete gegen einen beliebten Kandidaten an. Sollte es bei Ihnen noch einen Vorfall wie im Oktober geben ...“

„Kacey Delamare und ich haben uns getrennt. Das ist alles.“

„Und sie hat monatelang in Interviews über Sie gesprochen“, entgegnet Randolph, „und private Details ausgeplaudert.“

Ich starre ihn an. Ich habe diesem Mann Millionen eingebracht, seine Kandidatur unterstützt. Und jetzt will er mich wegen meines Privatlebens abservieren? Wenn ich ihn nicht brauchen würde, würde ich ihn zur Hölle jagen.

„Was wollen Sie von mir? Ich habe seit knapp einem Jahr keine Affären mehr.“

„Nein, aber Ihr Ruf eilt Ihnen voraus. Wenn Sie mal länger als zwei Monate mit einer Frau zusammen sein würden, wäre das ein Schritt in die richtige Richtung. Etwas Dauerhafteres wäre wünschenswert.“ Er steht auf. „Ich werde mir einen dieser winzigen Teller schnappen und dann meine Frau suchen. Wollen Sie mitkommen?“

Nein. Nicht, während mir das Wort „dauerhaft“ noch in den Ohren klingt. Ich deute auf die Bühne am See. „Ich werde mir noch ein paar Auftritte ansehen.“

„Wie Sie wollen.“ Er geht die Stufen hinunter, hält inne und blickt zu mir zurück. „Ich will, dass das funktioniert, Hawke.“

„Ich werde mir Ihre Worte durch den Kopf gehen lassen.“

Ich warte, bis Randolph in der Menge verschwunden ist, bevor ich mein Handy heraushole und Seraphina schreibe. Normalerweise versuche ich, sie nicht außerhalb der Arbeitszeit zu kontaktieren. Aber sie kennt Randolph und den New-Field-Deal in- und auswendig. Ich brauche ihre Einschätzung.

Der Gedanke, eine langfristige Beziehung einzugehen, weckt in mir den Wunsch, gleich noch zwei Gin Tonics zu bestellen. Aber es ist das Einzige, was Randolph bei Hawke Financial hält. Das Einzige, was ihn dazu bringt, dem New-Field-Deal zuzustimmen.

Minuten vergehen, während erst eine Akrobatin und dann ein Zauberkünstler auf dem Laufsteg auftreten. Ich werfe einen Blick auf mein Handy. Das Display bleibt dunkel. Ich erwarte nicht von Seraphina, dass sie am Wochenende erreichbar ist. Aber normalerweise antwortet sie innerhalb von Minuten.

Vielleicht ist sie früh ins Bett gegangen. Vielleicht ist sie auf einem Event in der Stadt. Vielleicht hat sie ein Date.

Der letzte Gedanke gefällt mir nicht.

Deshalb halte ich Menschen auf Abstand. Es bringt niemandem etwas, emotionale Bindungen einzugehen. Selbst wenn sie auf Respekt und beruflicher Wertschätzung beruhen. Gefühle trüben das Urteilsvermögen. Sie öffnen die Tür für Schmerz, den man nicht überlebt.

Zwei Bilder erscheinen vor meinem geistigen Auge. Mom im Krankenhaus, blass und leblos, während das unaufhörliche Piepen des Herzmonitors in einen langen, klagenden Ton überging. David, der sich an meinen Arm klammerte, als die Sozialarbeiterin versuchte, ihn ins Auto zu zerren, das ihn zu einer anderen Pflegefamilie bringen sollte. Ich, wie ich ihm versprach, dass ich ihn finden würde, dass wir wieder eine Familie sein würden.

Verdammt.

Es reißt mich hinter den Mauern hervor, die ich vor Jahren errichtet habe, um Menschen – und den Schmerz, den sie mit sich bringen – außen vor zu halten.

Erneut blicke ich auf mein Handy. Wo, zum Teufel, steckt sie?

Die Musik verstummt. Das Licht wird gedimmt, bis nur noch die Lampions über dem See und der Feuerring am Wasser leuchten.

Eine Gestalt betritt den Steg, der vom Ufer durch den brennenden Ring führt. Die maskierte Frau von vorhin. Sie hat den Kopf gesenkt, in einer Hand hält sie einen langen Stab. Und erneut habe ich das Gefühl, sie wiederzuerkennen.

Sie hebt den Kopf, schreitet mit eleganten Schritten auf den Ring zu und hält ein Ende des Stabes in die Flammen. Es flackert auf und fängt Feuer. Dann greift sie nach oben, berührt die Hitze mit der bloßen Hand. Feuer züngelt in ihrer Handfläche, als sie das andere Ende des Stabes entzündet.

Ich weiß nicht, warum, aber der Anblick von Flammen in ihrer Hand ist unglaublich sexy.

Die Zeit scheint stillzustehen, während sich ein gespanntes Schweigen über die Menge legt.

Der Klang einer Geige durchschneidet die Nacht. Eine scharfe Melodie, perfekt abgestimmt auf den plötzlichen Sprung der Feuertänzerin. Mein Blut gerät in Wallung, als sie landet, den brennenden Stab hebt und ihn dann mit perfekter Präzision über ihren Körper rollen lässt. Die Enden treffen auf den Boden. Feuer schießt empor und rast in zwei Linien den Laufsteg entlang. Die Tänzerin dreht sich, wirbelt und springt im Takt der Musik zwischen ihnen hindurch. Jede Bewegung ist hypnotisch und ursprünglich. Sie wirft den brennenden Stab einem Mann zu, der abseits steht und ihr im Gegenzug etwas zuwirft, das wie ein Schwert aussieht. Sie taucht die Spitze ins Feuer, und die gesamte Klinge geht in Flammen auf. Die Musik schwillt an, während sie sich dreht und das Schwert einen Kreis aus Funken um sie herum zieht. Sie stoppt, reißt das Schwert über ihren Kopf und hält es dort, während die Musik ausklingt und von tosendem Applaus abgelöst wird.

Gebannt starre ich sie an, wie sie das Schwert kunstvoll in der Hand dreht, bevor sie sich verbeugt. Dann richtet sie sich auf.

Und sieht mich direkt an.

Lust durchfährt mich wie ein Blitzschlag, als wir uns über die Menge hinweg anschauen. Es knistert gewaltig zwischen uns, pulsierend wie ein Herzschlag. Ich will sie. Ich will ihren Namen wissen, will das Gesicht unter der Maske sehen. Ich brauche sie in meinem Bett, unter mir, will mich in ihr verlieren.

Die Augen hinter der Maske weiten sich – grün und plötzlich voller Angst. Ihre Lippen öffnen sich, und selbst auf die Entfernung kann ich den Namen lesen, den sie formen.

Meinen Namen.

Die Erkenntnis lässt mein Verlangen schlagartig abebben und macht dem Schock Platz.

Seraphina.

Sie wendet sich der applaudierenden Menge zu, verbeugt sich und richtet sich auf. Sie sieht nicht noch einmal in meine Richtung. Nein, sie dreht sich um, geht zurück durch den Feuerring, drückt jemandem ihr Schwert in die Hand und verschwindet schnellen Schrittes in der Dunkelheit.

Sie flieht.

Ich springe auf und drücke einer überraschten Kellnerin mein Glas in die Hand, während ich die Treppe hinuntereile. Warum tanzt meine sanftmütige, zuverlässige Assistentin mit einem brennenden Schwert? Wie lange macht sie das schon? Und noch schlimmer: Wie, zur Hölle, soll ich jetzt noch in ihrer Nähe sein können? Nachdem ich gesehen habe, wie sinnlich sie tanzt, wie dieses Top ihre Brüste umschloss, ihre langen nackten Beine ...

Schnell verdränge ich diese Gedanken und konzentriere mich darauf, mir einen Weg durch die Menge zu bahnen. Keine Ahnung, was ich tun oder sagen werde, wenn ich Seraphina finde.

2. KAPITEL

Seraphina

O Gott, was habe ich getan?

Ich jogge den Pfad dicht am Seeufer entlang und versuche, ein gleichmäßiges Tempo zu halten, falls mich jemand vom Cirque Obsidian beobachtet. Sie kennen meinen Vornamen und wissen, dass ich für eine große Finanzfirma in der Stadt arbeite. Ansonsten halte ich mich mit persönlichen Details bedeckt.

Tanzen ist ein Teil von mir, den ich nicht gern preisgebe.

Nur dass mein Boss mich gerade gesehen hat – in kaum mehr als einem Bikinitop und einem Rock, der nur das Nötigste bedeckt.

Ich werfe einen Blick zurück. Selbst nach einem Jahr Feuertanz versetzt mir der Anblick der Flammen noch jedes Mal einen enormen Energieschub. Ohne Übung, Disziplin und Hingabe könnte ich mich leicht verbrennen.

Genauso ist es, mit Aiden Hawke zu arbeiten.

Ich stoße heftig den Atem aus. Als ich meinen Auftritt beendet habe und mein Blick Aidens getroffen hat, bin ich erstarrt. Etwas pulsierte zwischen uns. Eine sekundenlange Hitze, die nichts mit dem lodernden Feuer hinter mir zu tun hatte.

Mein Atem beruhigt sich, je weiter ich mich von der Veranstaltung entferne. Aber selbst nach dem Schock würde ich meine Entscheidung, heute Abend hier zu tanzen, nicht ändern. Wie könnte ich der Frau eine Bitte abschlagen, die mir geholfen hat, nicht nur mein Selbstwertgefühl zurückzugewinnen, sondern auch die Kontrolle über meinen Körper?

Das schrille Klingeln meines Handys um fünf Uhr heute früh hat mir einen gehörigen Schrecken eingejagt. Jessica Kings Name leuchtete auf dem Display auf – Betreiberin des Cirque Obsidian. Als ich ranging, sprudelte sie vor Aufregung sofort los. Bei ihrer Schwester hatten die Wehen eingesetzt – einen Monat zu früh. Sie waren gerade auf dem Weg ins Krankenhaus. Da ihr Schwager im Auslandseinsatz ist und ihre Eltern in Oregon leben, wollte Jessica ihre Schwester begleiten. Das Problem war nur, dass ihre anderen Feuertänzerinnen bei Auftritten in der Stadt waren und es niemanden gab, der bei der Gala in den Hudson Springs Botanical Gardens einspringen konnte. Auch wenn ich vor Nervosität Schmetterlinge im Bauch hatte, war meine Antwort klar.

Nach Jahren unter der Kontrolle von Brett Sinclair hatte Jessica mir geholfen, die ersten Schritte zurück in ein selbstbestimmtes Leben zu machen. Nachdem ich endlich den Mut aufgebracht hatte, ihn zu verlassen – eine Flucht im Schutz der Dunkelheit mit nichts als meiner Kleidung am Leib –, fand ich meinen Weg zu Grace's Refuge. Doch das Frauenhaus war nicht nur eine Zuflucht, während ich mein Leben wieder auf die Reihe bekam. Als eine Betreuerin dort erfuhr, dass Brett mich dazu gedrängt hatte, das Tanzen aufzugeben, stellte sie mich Jessica vor. Jetzt kann ich mir ein Leben ohne Obsidian nicht mehr vorstellen.

Beim Tanzen fühle ich mich ... sinnlich. Sexy. Obwohl ich heute Abend so nervös war, war ich am Ende wie berauscht.

Der Blickkontakt mit meinem attraktiven Boss traf mich völlig unvorbereitet. Doch was auch immer ich fühlte – es war einseitig. Vielleicht gefiel ihm mein Auftritt, aber er hat nie im Leben dieses übermächtige Verlangen gespürt. Dieser Mann ist kühl und berechnend. Selbst wenn es um seine zahlreichen Beziehungen geht.

Und doch hat die Art, wie er sich aufrichtete – Schultern zurück, seine Aufmerksamkeit auf mich fokussiert –, Stromstöße durch meinen Körper gesandt. Dicht gefolgt von einer kalten Dosis Realität, die mich in die Flucht schlug.

Er hat dich nicht erkannt. Er hat dich nicht gesehen.

Immer wieder bete ich mir diese Sätze im Geiste vor.

Ich bin ein bisschen in meinen Boss verknallt, seit er mich eingestellt hat. Verknallt, nicht verliebt. Das letzte Mal, als ich dachte, es sei Liebe, wäre ich fast daran zerbrochen.

Aiden Hawke zu bewundern, den Anblick seiner wie gemeißelt wirkenden Wangenknochen zu genießen, dieses winzige Grübchen, das bei seltenen Gelegenheiten aufblitzt, intelligente Gespräche mit ihm zu führen, das sind alles Dinge, die ich genießen kann, während ich Distanz zu ihm wahre. Er sieht in mir eine qualifizierte Angestellte. Mehr nicht. Ich nenne ihn Mr. Hawke – als Erinnerung an mich selbst, dass er mein Boss ist. Und absolut tabu.

Außerdem liebe ich meine Arbeit bei Hawke Financial. Aiden ist fordernd, aber fair. Er gab mir eine Chance und übertrug mir im Laufe der Zeit immer komplexere Aufgaben.

Ich hatte vor, ihn Montag um Hilfe zu bitten. Mona, die Leiterin des Frauenhauses, hat vorhin eine E-Mail an alle Mitarbeiter und Freiwilligen verschickt, weil sie ein neues Gebäude brauchen. Ihr Vermieter hat die Miete verdoppelt – in der Hoffnung, sie zu vertreiben und das Grundstück gewinnbringend an gewiefte Bauträger zu verkaufen.

Mein Boss und seine beiden Adoptivbrüder leiten eine Stiftung, die Gelder für genau solche Zwecke bereitstellt. Ich muss sicherstellen, dass am Montag zwischen uns alles in Ordnung ist. Erst wenn ich die Gewissheit habe, dass er mich nicht erkannt hat, kann ich ihn auf eine Spende für Grace's Refuge ansprechen.

Ich bleibe unter den ausladenden Zweigen einer Trauerweide stehen und schaue auf den See. Angesichts seiner Vergangenheit als Taschendieb glaube ich nicht, dass es ihm wichtig ist, was ich in meiner Freizeit tue. Aber das Tanzen gehört mir ganz allein. Perücke und Maske trage ich für mich. Heute Abend sollte trotzdem ein großer Moment sein. Ein weiterer Schritt auf meinem Weg der Heilung. Ein langsames Herantasten, meine Deckung fallen zu lassen und mein Herz wieder zu öffnen.

Stattdessen ließ ich mein Schwert fallen und rannte davon wie ein Feigling.

Ich blicke in den Nachthimmel. Manchmal kommt es mir wie gestern vor, dass ich vor Gericht fast zusammengebrochen wäre. Der Richter befand meinen Ex-Freund Brett Sinclair der häuslichen Gewalt, der Belästigung und des Verstoßes gegen die einstweilige Verfügung, die gegen ihn verhängt worden war, für schuldig und verurteilte ihn zu 25 Jahren Haft.

An anderen Tagen fühlt es sich an, als wäre es viel länger her als vier Jahre.

Ich atme tief ein und langsam wieder aus. Brett ist im Gefängnis. Es wird noch Jahre dauern, bevor er auch nur einen Antrag auf Bewährung stellen kann. Ich arbeite einmal die Woche ehrenamtlich im Frauenhaus, um etwas zurückzugeben. Dieser Ort nahm mich auf, als ich ganz unten war. Dank Grace's Refuge habe ich eine Karriere und eine Leidenschaft, die mir mein Selbstvertrauen zurückgegeben hat.

Und dann ist da dieser Nervenkitzel, wenn ich mittwochs und samstags nach Feierabend mit der U-Bahn nach Bushwick fahre, um in Obsidians Studio in einer umgebauten Lagerhalle zu trainieren und mich unter andere Tänzer, Trapezkünstler und Turner zu mischen. Nachdem ich mein Leben lang versucht habe, es anderen recht zu machen, ist diese Freiheit berauschend. Genau wie die Heimlichtuerei.

Hätte ich Aiden von Cirque Obsidian erzählen sollen?

Nein. Nicht nur, dass es meine Entscheidung ist, wem ich mich anvertraue. Aiden achtet auf strikte berufliche Grenzen. Gelegentlich fragt er, wie mein Wochenende war, aber weiter gehen unsere privaten Gespräche nie. Was ich über sein Leben außerhalb des Büros weiß, stammt aus Porträts im Wall Street Journal oder von reißerischen Boulevardfotos, unter deren Bildunterschriften spekuliert wird, ob er gerade mit dieser Tech-Unternehmerin oder jener Neurochirurgin ausgeht. Außerhalb des Büros hat er keinerlei Interesse an mir. Das macht es leicht, meine Gefühle im Zaum zu halten.

Ich lasse den Blick übers Wasser schweifen. Dass ich für Aiden schwärme, liegt nicht nur an seinem markanten, attraktiven Gesicht, sondern auch und vor allem an seiner Intelligenz und dem Einsatz für seine Firma. Dem Respekt, den er allen entgegenbringt. Hinzu kommt, dass er mit mir auf Augenhöhe spricht. Niemand hat meine Meinung je so geschätzt wie er – einer der reichsten und angesehensten Finanzberater der Welt.

Wobei ich mit einem leichten Lächeln zugeben muss: Dass er so sexy ist, schadet natürlich nicht. Ich hatte ein paar Dates mit Typen, bevor ich mit Brett zusammenkam. Keiner von ihnen hatte diese alles beherrschende Präsenz, die Aiden Hawke ausstrahlt, wenn er den Raum betritt.

Ich weiß nicht, warum er hier ist. In seinem Terminplan stand die Veranstaltung nicht. Hat er ein Date?

Was dich überhaupt nichts angeht, ermahne ich mich, auch wenn sich mein Magen dabei zusammenzieht.

Ich blicke über die Schulter zurück. Der Feuerring leuchtet entfernt in der Dunkelheit, aber ich muss gut vierhundert Meter gelaufen sein. Die Musik ist noch leise zu hören. Einen Tanz habe ich noch vor mir, dann bin ich fertig. Zu Hause warten ein Glas Wein und mein Buch auf mich.

Ein Zweig knackt in der Dunkelheit. Angst explodiert in mir und übernimmt die Kontrolle. Ich bleibe wie angewurzelt stehen. Mein Atem geht schneller, während mein Herz mit schmerzhaften Schlägen gegen meine Rippen hämmert. Vielleicht ein Pärchen, das sich für einen Kuss davongeschlichen hat. Aber da ist kein Stimmengemurmel, kein schwaches Leuchten eines Handys oder einer Taschenlampe.

Schlagartig holt mich die Vergangenheit ein. Brett, die Augen hart und wütend, eine Flasche in der Hand. Unwillkürlich stoße ich ein leises Wimmern aus.

Ganz ruhig, Seraphina.

Ich dränge meine Angst zurück. Ich bin stärker. Vorbereitet. Ich bleibe stehen, gehe aber leicht in die Hocke und lockere die Knie, während ich warte. Ich lausche auf Schritte, bis ich spüre, dass jemand direkt hinter mir ist.

Dann wirbele ich herum. Mein linker Arm schnellt hoch und schützt mein Gesicht, während ich mit der rechten Hand zuschlage. Finger schließen sich um mein Handgelenk und reißen mich nach vorn. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals, als ich herumgewirbelt und gegen eine harte Brust gepresst werde.

Mit voller Wucht trete ich auf einen Fuß.

Der Griff um mein Handgelenk lockert sich. „Verdammt, Seraphina, hast du auch noch mit Boxen angefangen?“

Ich erstarre, und mein Herz pocht so wild, dass es einen Moment dauert, bis die Stimme zu mir durchdringt.

Oh nein.

Meine Angst verfliegt. Langsam drehe ich mich um. Aiden Hawke steht einen Schritt entfernt. Silbernes Mondlicht fällt auf sein dichtes dunkelbraunes Haar. Es beleuchtet auch das Blut an seiner Unterlippe.

„O Gott.“ Ich hebe die Hand, um das Blut wegzuwischen, ziehe sie aber sofort zurück, als er die Augen zusammenkneift. „Mr. Hawke, es tut mir so leid. Ist Ihre Nase gebrochen?“

Autor

Emmy Grayson

Emmys Begeisterung für Romances begann, als sie die legendären Nancy Drew Krimiromane las, in denen die gleichnamige Heldin allerhand mysteriösen Fällen auf die Spur ging. Dabei blätterte Emmy beim Lesen immer wieder zu den romantischen Kapiteln mit Ned Nickerson zurück. Mehr als 20 Jahre später machte Harlequin Presents ihren Traum...

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