Miss Althea und der räuberische Lord

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„Geh zurück in dein armseliges Dorf, dir fehlt es an Talent!“ Die harschen Worte des berühmten Dramaturgen haben sich tief in Altheas Herz gebohrt, träumt sie doch davon, ein bedeutendes Theaterstück zu schreiben. Seitdem bringt sie kein Wort mehr zu Papier – bis sie mit einem geheimnisvollen Fremden zusammenstößt. Sofort beginnt ihre Kreativität zu sprudeln. Ist der Mann gar ein Straßenräuber? Welch großartige Geschichte, die Althea auch prompt herumerzählt. Sie ahnt nicht, wie nahe sie der Wahrheit kommt – und was der harmlose, als etwas einfältig bekannte Viscount Jasper St. James dagegen hat, dass die Räuberpistole die Runde macht …


  • Erscheinungstag 27.06.2026
  • Bandnummer 187
  • ISBN / Artikelnummer 0840260187
  • Seitenanzahl 384

Leseprobe

Vivienne Lorret

Miss Althea und der räuberische Lord

Vivienne Lorret

Bestsellerautorin Vivienne Lorret liebt Liebesromane, ihren pinkfarbenen Laptop, ihren Ehemann und ihre beiden Teenagersöhne (nicht zwingend in genau dieser Reihenfolge …). Sie beherrscht die Kunst, unzählige Tassen Tee in Wörter zu verwandeln, und hat sich mittlerweile mit zahlreichen wunderbaren Regency-Romances in die Herzen ihrer Leserinnen und Leser geschrieben.

Sobald du dir vertraust, sobald weißt du zu leben.

Johann Wolfgang von Goethe

1. KAPITEL

Althea Hartley brauchte kein Wunder. Nur die Verzweifelten bedurften der Wunder. Und sie war nicht verzweifelt.

Oder zumindest nicht sehr.

Sie erwartete auch kein Wunder biblischen Ausmaßes. Ein kleiner Lichtblick an diesem verregneten Londoner Morgen würde ihr allemal genügen. Ein halbes Wunder sozusagen.

Vor dem Laden ihres Schreibwarenhändlers blieb sie stehen und holte so tief Luft, dass kein Platz mehr blieb für Zweifel. Das hatte noch immer geholfen. Es musste einfach.

Sie wartete einen Moment und atmete in einem feinen Nebel aus, den die kalte Aprilluft sofort davontrug. Dann fasste sie sich ein Herz und öffnete die Tür.

Über ihr bimmelte die Ladenglocke, die vertrauten Gerüche hießen sie willkommen. Eine Mischung aus Tinte und Papier, Leder und Pfeifentabak, die ihr verlässlich ein freudiges Kribbeln unterm Schädeldach bescherte, das sich rasch bis in die Fingerspitzen ausbreitete wie eine göttliche Berufung. Jener Musenruf, der einst die alten Griechen, Römer und Ägypter dazu brachte, Worte und Bilder in Stein zu schlagen – der Wunsch, eine Geschichte zu erzählen.

Dieses Bedürfnis erfüllte auch sie. Es lag ihr im Blut, ihr ganzes Leben schon.

Bis vor einem Jahr. Seither schien ihre Muse verstummt, und der Quell der Worte, die einst so reichlich aus ihr geströmt waren, lag ebenso verdorrt wie ihr Herz.

Doch daran wollte sie jetzt nicht denken.

Jetzt zählte nur, dass sie wieder in London war, zurückgekehrt für eine weitere Saison, und diesmal würde alles ganz anders sein.

Die Schultern gestrafft und bereit für ihr Wunder, machte sie zwei beherzte Schritte in den Laden hinein.

Lasset die Spiele beginnen!

Doch als die Tür hinter ihr zufiel und die Ladenglocke ein letztes, etwas misstönendes Plong erklingen ließ, stellte sich nicht etwa das Kribbeln der Berufung ein. Sie spürte nichts außer dem kalten Regen, der ihr von der Krempe ihres Huts auf die Nasenspitze tropfte.

Andererseits war es noch früh am Tag, und so leicht sollte man die Hoffnung nicht aufgeben. Vielleicht hatte das Büro himmlischer Interventionen noch nicht geöffnet. Vermutlich galt dort eine andere Ortszeit als in London, und sie wollte sich gern noch ein wenig gedulden.

Fife’s Feathered Quill war ein kleiner Laden. Anders als viele seiner Kollegen, die auch als Buchhändler tätig waren, beschränkte Mr. Fife sich auf Schreibwaren. Tinte und Papier seien seine Spezialität, nicht mehr und nicht weniger.

Die Wände des schmalen Ladengeschäfts waren gesäumt von Regalen aus Walnussholz, in denen Kartons mit Papieren aller Art lagerten, Tinten und Schreibutensilien. An der gegenüberliegenden Seite, kaum sieben Schritte von der Ladentür entfernt, fand sich eine Glasvitrine, um ausgesuchte Federhalter und gravierte Brieföffner aus Silber zu präsentieren.

Sie hatte den Laden eher zufällig während ihrer ersten Saison vor zwei Jahren gefunden. Nach dem Besuch bei ihrer Schneiderin war sie in die falsche Richtung abgebogen und hatte sich in dem Gewirr enger Gassen verlaufen. Lady Broadbent, die nicht nur eine alte Freundin der Familie war, sondern Thea auch äußerst großzügig unter ihre Fittiche genommen hatte, war nicht sehr erfreut gewesen und hatte ihr vorgehalten, den Orientierungssinn eines Löwenzahnschirmchens zu haben.

Leider hatte sie damit nicht ganz unrecht.

Allerdings wusste Thea die Neigung, sich zu verlaufen, durchaus zu schätzen. Sie sah darin eine Art Zufallsprinzip, und bekanntlich konnte nichts der Kreativität besser auf die Sprünge helfen als eine glückliche Fügung.

An jenem Tag hatte der Zufall sie hierhergeführt. Und damit einen Schritt näher an die Verwirklichung ihres Traums, ein Stück für die Londoner Bühne zu schreiben.

Die Erinnerung versetzte ihr einen Stich ins Herz.

Sie ignorierte es. Warum auch nicht? Im Laufe des letzten Jahres war sie außerordentlich gut darin geworden, jede leidige Regung ihres Herzens zu ignorieren.

Eigentlich sollte man meinen, dass sie für ihre Mühen, ihren Lieben Leid und Kummer zu ersparen, etwas guthätte beim Schicksal.

Erwartungsvoll hob sie den Blick zur Decke.

Doch die Pendeluhr in der Ecke schlug nur gleichförmig weiter, von einem Wunder keine Spur. Waren die für das Verteilen von Belohnungen zuständigen himmlischen Mächte auf ihrem Posten eingeschlafen?

Aufwachen, ihr Schnarchnasen!

Sinn und Zweck, sich eine dritte Ballsaison müßigen Geplauders mit Einfaltspinseln und eitlen Stutzern anzutun, bestand einzig und allein darin, sich das zurückzuholen, was ihr voriges Jahr in London abhandengekommen war. Ihre letzte Hoffnung war, es hier wiederzufinden. Doch der kreative Funke wollte einfach nicht zünden.

Mit einem abgrundtiefen Seufzer ging sie durch den leeren Laden und blieb vor dem Glaskasten stehen, um sich die silbernen Briefmesser anzusehen. Sollte sie sich eines davon an die Brust setzen, es durch drei Schichten Tuchs und beinverstärkten Korsetts in die leere Hülle ihres Herzens jagen? Ob überhaupt noch etwas in ihr lebte, das Blut vergießen konnte?

Vielleicht wäre das etwas zu melodramatisch.

Aber nur vielleicht.

Denn sie war nun mal die Jüngste einer theaterverliebten Familie und mit täglichen Shakespeare-Aufführungen großgeworden, was sollte man da anderes erwarten? Im Grunde müsste sie ihren Eltern die Schuld geben.

Und wäre es nicht nur verständlich, nachdem sie ein Jahr die sterblichen Überreste ihrer Seele und all ihrer Träume mit sich herumgeschleppt hatte? Die Stimmen ihres inneren Chors schwiegen, aber sie vernahm ein ernstes Nicken.

„Sieh an, Miss Hartley, welch eine schöne Überraschung!“

Thea hob den Blick von den Briefmessern und sah den alten Mr. Fife aus dem Hinterzimmer kommen. Die silbergrauen Brauen wölbten sich wie Vogelnester über den grauen Augen, als er sie erblickte.

Sie gab ihm die Hand, und er ergriff sie herzlich. „Mr. Fife, wie schön, Sie zu sehen. Ich hoffe, es geht Ihnen gut?“

„Ach, das Alter. Aber beim Anblick meiner besten Kundin geht es mir gleich besser.“ Er tätschelte kurz ihre Hand, bevor er sie wieder losließ und ein Lächeln sich über sein runzliges Gesicht ausbreitete. „Wobei ich sagen muss, dass ich gar nicht mit Ihnen gerechnet hätte. Als Sie letztes Frühjahr plötzlich verschwunden waren, nahm ich an, ein schmucker Gentleman hätte Ihr Herz erobert, und Sie wären längst verheiratet. Vermutlich mit diesem Dramaturgen, der Sie ein paarmal begleitet hat?“

Thea schluckte. „Nein.“

„Ah. Verstehe. Dann wollen Sie es also noch einmal wissen und sind für eine weitere Saison nach London gekommen. Freut mich für Sie“, sagte er mit einem ermutigenden Nicken. Sollte er das kurze Aufbäumen all ihrer verblichenen Träume bemerken, war er so freundlich, es nicht zu erwähnen. „Sie kommen gerade zur rechten Zeit, denn gerade gestern habe ich eine Lieferung neuer Notizbücher erhalten.“

Seine Brauen hoben sich voller Erwartung, hatte diese Nachricht sie in der Vergangenheit doch immer in Hochstimmung zu versetzen vermocht.

Seit sie ein kleines Mädchen war, wurden ihr Taschen in die Kleider genäht. Keine Selbstverständlichkeit, die damit ihren Anfang nahm, dass die Kinderfrau eines Sonntagmorgens vor dem Kirchgang Bleistift und Papier konfiszierte, die Thea in den Strümpfen zu schmuggeln gedachte. Das komme gar nicht infrage, beschied sie die Kinderfrau, denn der Herr Pfarrer trage doch schließlich auch kein Schreibzeug unter seinem Gewand.

Das wiederum warf Fragen auf bei Thea, und so erkundigte sie sich mitten im Gottesdienst, was der Pfarrer denn dann unter seinem Gewand trage.

Wenngleich ihre Eltern nicht leicht in Verlegenheit zu bringen waren – ihr Vater amüsierte sich bis heute prächtig, wenn die Sprache auf des Geistlichen Gewänder kam –, gab der Vorfall doch Anlass, sämtliche ihrer Kleider mit Rocktaschen zu versehen, sodass sie immer ein kleines Notizbuch zur Hand hatte, sollte die Muse sie küssen.

„Darf es wieder das Übliche sein?“, erkundigte sich Mr. Fife.

„Ja, danke. Das wäre nett.“

Vielleicht kehrte ihre Inspiration ja zurück, wenn sie einfach so tat, als wäre alles beim Alten.

Während der Ladenbesitzer ihre Lieferung zusammenstellte, hob sie erneut den Blick zur Decke. Ich warte immer noch.

Ihre erste Ballsaison hatte ihr eine Fülle an guten Einfällen beschert. Natürlich hatte sie die gediegene Lady Broadbent erst mal dazu bringen müssen, die Schneiderin ihre Abendkleider mit kleinen Einschubtaschen versehen zu lassen, denn was brachte einem der ganze Spaß, wenn man sich keine Notizen machen konnte? Doch nachdem diese Hürde genommen war, hatte ihrer Kreativität nichts mehr im Wege gestanden.

Ihre zweite Saison hatte sich ähnlich erfreulich angelassen, bis … Na gut, daran wollte sie jetzt nicht denken.

Für diese ihre dritte Saison hatte sie bloß noch bei zwei Kleidern auf Taschen bestanden. Und selbst das hätte sie sich sparen können, denn eher nisteten sich dort Motten ein als auch nur eine einzige Idee.

Welch eine Vorstellung, wenn sie im Walzertakt durch den Ballsaal wirbelte und ein ganzer Schwarm grau geflügelter Insekten sie umschwirrte. Aller Augen wären voller Entsetzen auf das Spektakel gerichtet, wenn die Motten – dumm, wie sie waren – ins flackernde Licht der Kandelaber flogen und zischend verglühten.

Ob sie in einem früheren Leben auch eine Motte gewesen war? Es würde so vieles erklären.

„So, das hätten wir“, sagte Mr. Fife und legte das in Papier gewickelte Päckchen auf den Ladentisch. Dann wackelte er gespannt mit den Augenbrauen und rieb sich die Hände. „Schon irgendwelche neuen Geschichten im Kopf?“

Es war eine Art Spiel zwischen ihnen. Sie erzählte ihm von dem Stück, an dem sie gerade arbeitete – und das meist auf wahren Begebenheiten und den Verfehlungen des ton beruhte –, und er versuchte zu erraten, um welche Personen der Gesellschaft es sich handelte.

Wie sie beobachtete auch er gern Menschen. Doch für ihn war es einfach nur ein netter Zeitvertreib. Sie hingegen war fasziniert von den verborgenen Motiven, dem Rätsel, das sich hinter der Fassade verbarg, die ein jeder der Welt zeigte.

Shakespeare hatte es darin zur Meisterschaft gebracht. Genau wie Londons derzeit angesagtester Dramaturg Sir Kellum Archer, um den sich, zumindest eine Zeit lang, ihre ganze Welt gedreht hatte. Sie hatte sich sogar zu dem Glauben verstiegen, dass er …

Thea verdrängte den Gedanken, unvollendet wie eine leere Seite.

„Leider nein“, sagte sie zu Mr. Fife und schüttelte betrübt den Kopf. Sie brachte es nicht über die Lippen, dass sie seit letztem Jahr kein Wort mehr geschrieben hatte. Doch als sein Blick so mitfühlend auf ihr ruhte, als habe er die Sache längst durchschaut, setzte sie schnell nach: „Ich bin ja gerade erst angekommen und habe noch keine Veranstaltungen besucht. Tatsächlich sind Sie der Erste, dem ich in London einen Besuch abstatte.“

Er tat, als würde er ihr glauben, und tätschelte einmal mehr ihre Hand. „Dann eben nächstes Mal.“

„Dann nächstes Mal“, versprach sie.

Und es war nicht mal gelogen. Oder doch nicht ganz.

Als er sie zur Tür begleitete, zog er nachdenklich die Brauen zusammen. Unvermittelt blieb er stehen und hob den Finger, als sei ihm eben etwas eingefallen. „Wie der Zufall es will, hätte ich da vielleicht eine Geschichte für Sie.“

Mittlerweile an einem Punkt, wo sie für jede Eingebung dankbar war, blieb auch sie stehen und sah ihn an.

Er warf einen Blick über die Schulter, als fürchte er, das Federzeug könne sich aus seinen ordentlich gereihten Schachteln erheben, um zu lauschen, dann beugte er sich vor zu ihr und senkte die Stimme. „Kürzlich hat ein Gentleman sich in meinen Laden verirrt, das Gesicht bleich wie eine Kohlrübe. Ohne ein Wort ist er ans Fenster gehuscht und hat hinausgespäht, als wäre der Leibhaftige hinter ihm her. Und wie ich ihm freundlich einen guten Tag gewünscht habe, ist er vor Schreck fast aus seinen feschen Schnallenschuhen gefahren. Um den Armen ein wenig zu beruhigen, hab ich’s mit einem Scherz versucht. ‚Keine Sorge, guter Mann‘, hab ich gesagt, ‚ich seh nur aus wie ein Straßenräuber.‘ Und wissen Sie, was er dann gemacht hat?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Gekreischt wie eine Küchenmagd beim Anblick einer Maus. Und war dann schneller wieder zur Tür hinaus, als die Glocke bimmeln konnte.“ Mr. Fife grinste und hakte seine Daumen in die Westentaschen. „Na, was sagen Sie dazu? Ein interessanter Charakter, würde ich meinen.“

„Allerdings“, pflichtete sie bei und versuchte, ein interessiertes Gesicht aufzusetzen.

Aber oh, wie sehr sie diesen vertrauten Kitzel spüren wollte, der einem unters Schädeldach fuhr, dieses Kribbeln im Nacken, das ganz langsam den Rücken hinabrieselte. Sie sehnte dieses Jucken in den Fingern herbei, das sie zum Stift greifen und Seite um Seite füllen ließ, während sie nur so übersprudelte vor Ideen für ein neues Stück.

Doch sie spürte nichts. Sie war wie betäubt. Als wären alle Seiten in ihr mit einem feinen Wachsfilm überzogen, den weder Blei noch Tinte durchdringen konnten.

Heute würde kein Wunder geschehen. Nicht mal ein halbes.

Thea verabschiedete sich und verließ das Geschäft, beladen mit sechs nagelneuen Notizbüchern, drei Bleistiften und dem Schatten ihrer selbst.

Zu allem Überfluss regnete es mittlerweile heftig, und sie hatte keinen Schirm dabei.

Lady Broadbent würde nicht erfreut sein über den Zustand ihrer Pelisse. Ganz zu schweigen davon, dass Thea die Countess in der kleinen Teestube gleich ums Eck hatte warten lassen und ihr versprochen hatte, dass ihr Abstecher zu Fife’s keine Minute dauern würde.

Thea zog den Kopf ein und eilte die schmale Gasse hinab. Da sie so sehr darauf konzentriert war, den Pfützen auszuweichen, die sich rasch zwischen den krummen Pflastersteinen sammelten, sah sie das Hindernis nicht kommen. Sie bemerkte es erst, als sie mit der Schulter an etwas Hartes stieß.

Sie musste gegen einen Mauervorsprung gerannt sein, vielleicht einen Schornstein. Der Aufprall traf sie mit solcher Wucht, dass sie das Bersten von Knochen zu hören meinte und herumgewirbelt wurde wie ein kleiner Lindenpropeller, den der Wind vom Baum gerissen hatte – geradewegs hinein in eine dichte Tabakwolke.

Sie hustete und wedelte noch mit der Hand vor ihrem Gesicht herum, als ihr erste Zweifel kamen.

Bevor sie zu ihrer Erledigung aufgebrochen war, hatte Lady Broadbent ihr extra eingeschärft, dass der Tabakhändler sich in der entgegengesetzten Richtung der Teestube befand.

Thea hielt mit einer Hand ihren Hut fest und sah zu dem Ladenschild hinauf, das sacht in der eisernen Halterung schwang und dabei eindeutig eine Pfeife zeigte.

Ihr innerer Chor brach in hämisches Gelächter aus und erinnerte sie all ihrer Verfehlungen. Und seht, wie sie wieder mal den falschen Weg eingeschlagen hat, die Unbelehrbare.

Verflixt! Sie machte auf dem Absatz kehrt und eilte den Weg zurück, den sie gekommen war.

Am Eingang der Gasse blieb sie stehen und sah sich nach der Teestube um. Als sie den Blick von links nach rechts wandern ließ, blieb er indes an etwas auf der anderen Straßenseite hängen. Oder vielmehr an jemandem.

Denn dort stand, unter einer regennassen Markise, kein Geringerer als Sir Kellum Archer – der berühmte Dramatiker und Liebling der Londoner Gesellschaft, der ihr freudvoll die Seele aus dem Leib gerissen und sie unter seinem Absatz zertreten hatte wie einen Tabakstumpen.

Thea blinzelte. Das konnte gar nicht sein. Es hieß, dass er in Paris sei und an seinem nächsten Meisterwerk arbeite. Nur deshalb war sie überhaupt ein weiteres Mal nach London zurückgekehrt. Was also wollte er hier?

Rasch erkannte sie den Grund.

Eine Frau, natürlich. Eine schöne blonde Frau in einem roten, auf Taille geschnittenen Promenadenkostüm. Der Schwung ihrer Hüfte musste ihr wie ein Trommelwirbel vorauseilen, denn schon drehte er sich um und sah ihr entgegen.

Sein Mund verzog sich zu jenem Lächeln, von dem Thea einst geglaubt hatte, es sei einzig ihr vorbehalten. Dann hakte die Frau sich bei ihm unter, eine Geste des Besitzanspruchs, gegen den er nichts einwandte, sondern ihr nur ganz hingerissen ins ihm zugewandte Gesicht blickte.

Um der Blonden willen wollte sie hoffen, dass sie nicht nach Höherem strebte, als sein Loblied zu singen. Kellum konnte sehr gütig sein, solange er bewundert wurde. Aber der Himmel stehe der Frau bei, wenn sie sich zu eigenen Träumen bekannte.

Du – eine Dramatikerin? Jeder Leierkastenaffe ist unterhaltsamer als alles, was du bislang geschrieben hast.

Kehr zurück in dein armseliges kleines Dorf, mein Kind, in den Schoß deiner unbedeutenden Familie. Vergiss die Londoner Bühne, so wie auch sie all jene vergisst, denen es am Talent fehlt, sich einen Namen zu machen. Du bist nicht mal einer Fußnote würdig.

Die Erinnerung saß Thea noch immer im Hals, jedes Wort ein scharfer Splitter, der sich nicht hinunterschlucken ließ.

Zwischen den vorbeifahrenden Kutschen sah sie ihn eine Droschke herbeiwinken. Der schäbige gelbe Wagen hielt zwischen ihnen auf der Straße und verstellte ihr den Blick.

Erst als Thea ein zusammengefaltetes weißes Taschentuch vor sich auftauchen sah, wurde ihr bewusst, dass sie nicht mehr allein auf dem Trottoir stand. Jemand schien zudem seinen Schirm über sie zu halten. Jemand, der sich außerhalb ihres Gesichtsfeldes, von der Krempe ihres Hutes verdeckt fand. Vermutlich ein Mann, der Größe seiner das Taschentuch reichenden, schwarz behandschuhten Hand nach zu urteilen.

„Wenn Sie gestatten“, hörte sie ihn mindestens einen Kopf über ihr sagen.

Eine leise, etwas raue Stimme, die sie nicht kannte. Ein Fremder also. Sonst hätte er sie wohl auch mit ihrem Namen angesprochen.

Ein Schauer kroch ihr über die Kopfhaut und unter den nassen Kragen ihres Umhangs. Offensichtlich hatte sie schon zu lange im kalten Regen gestanden. Und plötzlich nahm sie einen starken Geruch von Wein wahr, der von dem Fremden kommen musste. Vermutlich immer noch besser als der Gestank, den Londons Straßen sonst so zu bieten hatten.

Sie nahm das Taschentuch und tupfte sich Wangen und Nasenspitze ab, vermied es jedoch, ihn anzusehen. Eine Vorstellung unter diesen Umständen würde ihre Schmach nur noch vergrößern.

„Danke“, sagte sie und wollte ihm das leicht benutzte Tuch zurückgeben.

„Behalten Sie es“, sagte er. „Sollten Sie jedoch noch weiterer Hilfe bedürfen …“

Sie brauchte ihn nicht anzusehen, um zu wissen, dass sein Blick gleichfalls der mit knarzenden Rädern anfahrenden Droschke folgte. „Nur wenn Sie zufällig einen verfaulten Kohlkopf oder ein paar Tomaten dabeihaben, die ich nach ihm werfen kann.“

„Heute leider nicht.“

Seine Schlagfertigkeit entlockte ihr ein müdes Zucken der Mundwinkel. „Schade. Wobei mir ein gedungener Scherge und eine ganze Räuberbande noch lieber wären. Können Sie vielleicht damit aufwarten?“

„Bedauerlicherweise habe ich auch die in meiner Wohnung zurückgelassen.“

„Muss ganz schön eng bei Ihnen sein.“

„Sie machen sich keine Vorstellung.“

Jetzt konnte sie sich ein Grinsen nicht länger verkneifen. Es war das erste Mal seit Wochen, wenn nicht gar seit Monaten, dass sie wieder lächelte und nicht nur so tat.

Und auch das Atmen fiel ihr auf einmal nicht mehr so schwer, als wäre eine dunkle Last von ihr gehoben. „Danke, dass Sie mir zu Hilfe geeilt sind. Diese Freundlichkeit werde ich Ihnen nicht …“, sie wandte sich nach dem Fremden um, nur um festzustellen, dass sie wieder allein war und der Regen ihr ins Gesicht schlug, „… vergessen.“

Während sie noch versuchte, ihn im Strom der Passanten auszumachen, hielt eine schwarze Kutsche direkt vor ihr am Straßenrand. Ein livrierter Diener sprang vom Heck, öffnete den Schlag und ließ den Kutschentritt herab.

„Also wirklich, Miss Hartley. Ich wollte schon die Hunde schicken“, tadelte Lady Broadbent sie aus dem Wageninnern und verzog die majestätische Miene unter dem zu einem eleganten Knoten gebundenen grauen Haar. „Steigen Sie ein, bevor Sie sich den Tod holen.“

Thea trat an die Kutschentür und spürte den Regen ihre Wangen benetzen, als sie sich ein letztes Mal nach der hochgewachsenen Gestalt umsah. Aber der Mann war wie vom Erdboden verschwunden. Unter den wenigen mit hochgezogenen Schultern vorbeieilenden Passanten war auch niemand, der einen Schirm trug.

Seltsam enttäuscht stieg sie in die Kutsche, setzte sich und betrachtete das Taschentuch und das leicht durchnässte Paket in ihrer Hand. Dann musste sie wieder lächeln.

Zum ersten Mal seit bald einem Jahr kam ihr die Idee zu einer neuen Figur. Eine Figur, die ihr so klar vor Augen stand, dass sie am liebsten jetzt gleich ein neues Notizbuch anfangen und sie zu Papier bringen wollte.

Er könnte jedermann sein, dachte sie. Sogar ein Straßenräuber.

2. KAPITEL

Wenn Jasper Trueblood, Viscount St. James, nicht gesehen werden wollte, so wurde er auch nicht gesehen. Was vermutlich erklärte, weshalb Miss Hartley beim Verlassen des Schreibwarenladens geradewegs in ihn hineingerannt war und er jetzt stank wie ein Trunkenbold nach dreitägiger Zecherei.

Sein Onkel würde nicht erfreut sein, dass sein teurer Port zu einer Pissepfütze verkommen war. Hätte Jasper den Wein auf einem samtenen Kissen überbracht und Rosenblätter zu Füßen des Earl of Redcliffe streuen lassen, wäre es allerdings auch nicht recht gewesen.

Weshalb er sich die Sache für den Moment aus dem Kopf schlug und im Verborgenen Miss Hartleys abfahrender Kutsche hinterhersah.

Es war nicht seine Absicht gewesen, sich ihr zu nähern, als er sie etwas verloren auf dem Trottoir hatte stehen sehen. Und sie würde wohl auch dankend darauf verzichtet haben, hätte sie ihn erkannt, gehörte er doch nicht zu jenem Schlag Mann, dessen Bekanntschaft Debütantinnen zu machen wünschten.

Doch etwas hatte ihn zu ihr hingezogen, auch wenn er sonst einen weiten Bogen um ihresgleichen machte.

Lag es an ihrem blassen Antlitz, auf dem der Regen fast silbern schimmerte? Dem feinen Nebel ihres Atems vor den leicht geöffneten Lippen, deren Röte so ausgewaschen war wie in Leinwand sickernde Aquarellfarbe? Oder an ihren Wimpern, die so dicht und dunkel waren, als seien sie mit Ruß bestäubt und von feinen Tautropfen benetzt?

Nichts dergleichen. Es waren ihre Augen, befand er.

Ruhelose, betörend blassblaue Augen. Sie waren es, die ihn sie einfach so hatten ansprechen und dabei gar vergessen lassen, seine Stimme zu verstellen – etwas, das er sich sonst nie erlaubte. Sich nicht erlauben durfte. Niemals.

Sein Blick ging erneut über die Straße, wo der Platz unter der Markise jetzt verlassen lag. Was oder wen hatte Miss Hartley dort gesehen, dass sie so beunruhigt war?

Es fuchste ihn, die Antwort nicht zu wissen.

Wobei es ihn im Grunde nichts anging. Ihre Sorge sollte nicht sein Problem sein. Für das Wohl seiner Tante und seiner Cousinen zu sorgen und sich um die Räuberbande zu kümmern, verlangte ihm gerade genug ab.

Von fern vernahm er das Geschnatter zweier Dienstmägde am Fenster über ihm, und instinktiv richtete er seinen Schirm so aus, dass der Inhalt des geleerten Nachttopfes daran abprallte.

Sich dazu beglückwünschend, nun immerhin nur wie ein Trunkenbold zu riechen und nicht wie ein Trunkenbold, der sich eingenässt hatte, trat er hinter der Mauernische hervor und fragte sich, weshalb seine gut geschulten Instinkte ihn vorhin, als er Miss Hartley durch den Regen hatte laufen sehen, im Stich gelassen hatten. Völlig reglos hatte er dagestanden und war sich vorgekommen wie der Schwachkopf, für den man ihn gemeinhin hielt.

Ein gereiztes Knurren saß ihm in der Kehle, und er beschloss, die Begegnung zu vergessen.

Stattdessen überlegte er, wie er schnellstmöglich nach Hause kam. Eine Droschke wäre hilfreich, aber die konnte er sich nicht leisten. Also hieß es, zu Fuß den kürzesten Weg nach Marylebone einzuschlagen, sich rasch in seiner bescheidenen Bleibe umzuziehen und dabei zu überlegen, wie er den Portwein ersetzen sollte, bevor er bei seinem Onkel antanzte.

Am Anfang jedes Monats trug Redcliffe Jasper auf, einen ganz bestimmten Jahrgang zu besorgen. Wenngleich sein Onkel für die Unkosten aufkam und es sich zudem hätte leisten können, den Wein in einer goldenen Kutsche liefern zu lassen, zog er es vor, seinen Neffen damit zu betrauen. Wenn der dann wie ein Bittsteller vor ihm stand, begutachtete Redcliffe die Flasche mit Kennermiene und befand darüber, ob das einzige Kind seiner verstorbenen Schwester auch weiterhin seiner monatlichen Zuwendungen würdig war.

Allein bei dem Gedanken daran wurde er wütend und marschierte mit langen Schritten durch die nassen Straßen, dass ihm das Wasser nur so durch die Sohlen seiner ausgetretenen Stiefel spritzte.

Jasper war es zuwider, wie ein Bettler bei seinem Onkel vorstellig zu werden. Ihm war das bösartige Funkeln, der aufscheinende Triumph in den kohlschwarzen Augen zuwider, wenn er den Onkel um etwas bitten musste, das ihm zustand. Er war es leid, diese Farce aufzuführen, bis …

Er bog um die Ecke und blieb wie angewurzelt stehen, als er das sich anbahnende Drama sah.

Eine alte Frau trat aus dem Teeladen, ihren Schal zum Schutz vor dem Regen über den Kopf gezogen, weshalb sie die rasch heranfahrende Droschke erst bemerkte, als sie ihr fast vor die Räder gelaufen war. Sie stieß einen spitzen Schrei aus und stand wie vom Donner gerührt.

Jasper verschwendete keine Zeit. Mit einem Satz zog er die Frau zurück auf den Gehsteig und stellte sich vor sie, um den kalten Guss der durch eine Pfütze pflügenden Kutsche abzuschirmen.

„Gütiger Himmel! Dieser Wagen kam wie aus dem Nichts. Sie haben mir das …“ Sie verstummte, als sie den Kopf nach ihm wandte. Die Erkenntnis ließ ihre stahlgrauen Augen noch kälter werden, und alle Dankbarkeit wich daraus. Sie verzog die Lippen, als hätte sie in etwas Saures gebissen. „St. James.“

Jasper kannte es nicht anders.

Diesmal vergaß er auch nicht, seine Stimme zu verstellen. Mit gepresster Kehle ließ er seine von Natur aus tiefe Tonlage flach und gedämpft klingen. Der Regen, der von der Krempe seines Hutes tropfte und seine Brillengläser beschlagen ließ, tat ein Übriges. Artig neigte er den Kopf. „Lady Abernathy.“

Seine durchnässte Jacke spannte ihm um die Schultern, als er sich nach seinem Schirm bückte und ihn über sie hielt, während sie mit verkniffener Miene ihren fadenscheinigen Schal richtete.

„Ich war gerade auf dem Weg zur Schneiderin“, sagte die Dowager Viscountess, als müsse sie sich rechtfertigen, und hob das runzlige Kinn etwas höher. „Ich hatte mein Mädchen nach einem neuen Hut geschickt, weil der Regen mir meinen ruiniert hatte. Nutzloses Ding.“

Er wusste nicht, was er darauf sagen sollte, oder ob sie damit den Hut meinte oder ihr Mädchen. Deshalb hielt er den Mund. Es war in der Regel besser für ihn, den Mund zu halten.

Sie musterte ihn von der Seite und fuhr schließlich ihren Ellenbogen aus. „Jetzt stehen Sie doch nicht so dumm herum wie ein Affe.“

Jeder andere hätte daran Anstoß genommen, aber er hatte in seinen vierundzwanzig Jahren schon weit Schlimmeres zu hören bekommen. Zudem bemerkte er das Zittern des ihm gereichten Arms und wusste, wie schwer es jemandem wie ihr fallen musste, um Hilfe zu bitten. Noch dazu jemanden wie ihn.

Und so nahm er den Schirm in die andere Hand und schickte sich an, sie über die Straße zu begleiten. Doch groß, wie er war, reichte sie ihm nicht einmal bis zur Schulter, und es war nicht ganz einfach, den Schirm über ihren Kopf zu halten und sich dabei nicht selbst ein Auge auszustechen. Dazu kam, dass auf jeden seiner Schritte vier von ihr kamen. Und auf jeden ihrer vier Schritte kamen noch mal so viele Kutschen und Lastkarren, deren Fahrer fluchend schimpften und ihnen nur mit knapper Not auswichen. Und dann strömten auch noch wahre Fluten durch die Gosse und verwehrten ihnen den Zugang auf den gegenüberliegenden Gehsteig.

Jasper sah sich nach einer halbwegs passierbaren Stelle um. Dabei fiel sein Blick auf eine mit hoher Geschwindigkeit herannahende Kutsche.

Der Fahrer sah sie, machte aber keine Anstalten, sein Tempo zu drosseln. Seine entschlossene Miene und der grimmige Blick ließen vielmehr vermuten, dass er Fußgänger als ein leidiges Ärgernis betrachtete, die ihn seiner Vorfahrt berauben wollten.

Jasper blieb nur eine Wahl.

„Verzeihen Sie, Mylady“, sagte er und hob sie kurzerhand hoch.

Sie stieß einen Schrei aus und zappelte zwei Sekunden mit den Beinen, denn länger brauchte er nicht, um die Fluten zu überqueren und sie wieder abzusetzen.

Es war weder besonders zartfühlend noch galant, die alte Dame so zu behandeln, aber entweder das oder sie wären beide unter die Räder gekommen. Immerhin war er diesmal davon verschont geblieben, erneut eine kalte …

Bevor er den Gedanken zu Ende bringen konnte, preschten die Pferde vorbei, und das Vorderrad der Kutsche stob durch die Pfütze und ließ in einem hohen Bogen brackiges Wasser aufspritzen … das sich im nächsten Moment schon über Jaspers Rücken ergoss.

Lady Abernathy drehte sich mit erzürnter Miene um und setzte dazu an, ihm gehörig die Meinung zu sagen.

Na schön, dachte er resigniert. Schlimmer konnte es eigentlich nicht mehr werden.

Dann fiel etwas von der Krempe seines Huts, landete auf seiner Schulter und glitt an seinem Ärmel hinab. Es war nicht das, was er zunächst dachte, sondern eine tote Ratte. Oder vielmehr die Hälfte einer toten Ratte, weil das Schwanzende nämlich …

Ein schmatzendes Geräusch unterbrach seine Überlegungen. Dann rutschte auch die andere Hälfte der Ratte von seinem Hut und plumpste aufs Trottoir.

Donnerlittchen.

Davon unbehelligt gelang es ihm, den Schirm über Lady Abernathys unbedecktes Haupt zu halten. Geradezu vorbildlich, auch wenn er sich nicht ein Wort des Danks dafür erwartete.

Den Kiefer angespannt, sah er sie an und machte sich bereit für Schimpf und Tadel.

Doch sie schürzte nur die Lippen und wandte sich mit einem ungeduldigen Seufzer ab. Allem Anschein nach war sie in Eile und wollte sich nicht von dem Mann aufhalten lassen, der ihr gerade das Leben gerettet hatte.

Und das nicht nur einmal, sondern ganze zwei Mal!

Überhaupt war der ganze Morgen so verrückt, dass er beinahe laut gelacht hätte.

„Mylady! Mylady!“, rief da eine junge Frau, die wie eine unscheinbare graue Maus übers spiegelnde Trottoir geflitzt kam. Mit einer Hand hielt sie sich ihre völlig durchnässte Haube auf dem Kopf, in der anderen trug sie eine Hutschachtel, die ihr bei jedem Schritt ans Bein schlug. „Bitte verzeihen Sie, aber man bat mich zu warten, während sie die offenen Rechnungen durchgingen, von denen Sie die beiden letzten vermutlich nicht erreicht haben, wie die Putzmacherin meinte, aber ich war mir nicht sicher, ob …“

„Hör auf zu plappern, du dumme Gans. Siehst du denn nicht, dass es regnet? Los, hilf mir in die Kutsche.“

Das Mädchen nickte eilfertig und mit glühenden Wangen.

In der Hektik rutschte ihr die Haube vom Kopf und die Hutschachtel fast hinterher, hätte Jasper nicht interveniert. Wortlos reichte er der Dienerin seinen Schirm, nahm sich die Haube und den sperrigen Karton und ging damit zu der wartenden Kutsche.

Es handelte sich, wie bei seiner eigenen, um ein bescheidenes Gefährt, das bessere Tage gesehen hatte. Doch als er den beiden Frauen hineinhalf und den verblichenen Glanz sah, runzelte er die Stirn.

Viscount Abernathy, der Sohn Ihrer Ladyschaft, nagte nicht gerade am Hungertuch. Er hielt sich eine Mätresse in einem Stadthaus in Mayfair, die nur so schwelgte in Pelzen, Seide und Juwelen. Warum lief seine Mutter in zerschlissenen Kleidern herum und konnte sich kaum einen Hut leisten?

Die Antwort war offensichtlich, und sie machte ihn wütend.

Allzu oft waren Frauen auf Gedeih und Verderb den Zuwendungen ihrer männlichen Verwandten ausgeliefert, die einen Teufel taten, für sie zu sorgen und sie zu beschützen. Die sich ihrer entledigten wie eines ausrangierten Rocks – oder Schlimmeres. Und wenn eine alte Dame, so stolz und unausstehlich sie auch sein mochte, sich im Winter ihres Lebens nicht auf ihren nichtsnutzigen, verwöhnten Sprössling verlassen konnte, auf wen sollte sie dann zählen?

Er spürte Lady Abernathys Blick auf sich und wusste, dass sie sich Sorgen machte, ihre finanzielle Lage könne sich herumsprechen. Doch da hatte sie bei ihm nichts zu befürchten. Vor langer Zeit hatte er gelernt, dass man in solchen Situationen gut daran tat, sich dumm zu stellen.

Das fiel ihm auch gar nicht schwer, schließlich gab er seit Jahren den Einfaltspinsel. Seiner Rolle entsprechend, mühte er sich umständlich mit dem Schirm ab, als die Dienerin ihn zurückgab. In Anbetracht seiner stattlichen Statur war es ein Leichtes, tapsig und unbeholfen zu wirken. Er übertrieb gar ein bisschen und ließ den Schirm einmal umschlagen.

Als er die Dowager Viscountess darauf seufzend den Kopf schütteln sah, wusste er, dass seine Darbietung gelungen war. Er legte die Hand an den Schlag und wollte ihn gerade schließen, als eine Stimme ihn innehalten ließ.

„Belästigt mein Neffe Sie etwa, Beatrice?“

Jasper erstarrte. Der herrische Tonfall seines Onkels ging ihm wie immer bis ins Mark. Und er hatte geglaubt, schlimmer könne dieser Tag nicht mehr werden.

Als sie den Earl kommen sah, breitete sich ein Lächeln über Lady Abernathys hutzeliges Gesicht. „Redcliffe, welch eine freudige Überraschung. Was führt Sie her an diesem unwirtlichen Morgen?“

„Ein Termin bei meinem Anwalt“, sagte er geschmeidig und neigte sich über ihre ihm gereichte Hand. Dann trat er zurück und ließ die seine auf dem goldenen Knauf seines Spazierstocks ruhen, während sein stets beflissener Sekretär Mr. Entwistle anstellig den Schirm über Seine Lordschaft hielt. „Und gerade zur rechten Zeit am rechten Ort, wie mir scheint, um Sie von meinem Neffen zu befreien. Bitte entschuldigen Sie sein Verhalten.“

„Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. St. James war so freundlich“, sie verzog säuerlich die Lippen, „mir über die Straße zu helfen.“

„Dass Sie den Zwischenfall so gefasst überstanden haben, zeugt von Ihrer Contenance, meine Teuerste. Und nicht ein Haar ist dabei auf Ihrem hübschen Köpfchen in Unordnung geraten.“

„Oh, Sie schmeicheln mir, Sir. Und ich muss das Kompliment zurückgeben, dürfte er sich für jede Form der Galanterie doch Sie zum Vorbild genommen haben.“

Redcliffe winkte großmütig ab. „Man tut, was man kann, auch wenn die Bemühungen auf wenig fruchtbaren Boden fallen.“

„Da haben Sie wohl recht“, pflichtete sie ihm bei, als wäre Jasper, der noch immer am offenen Kutschenschlag stand, gar nicht anwesend. „Sie haben mehr für das Kind Ihrer Schwester getan als manch anderer vermutlich auf sich genommen hätte. Es ist Ihnen wirklich hoch anzurechnen.“

Redcliffe neigte bescheiden das Haupt.

Sich vor anderen als Heiliger auszugeben, war des Teufels raffiniertester Schachzug. Nur wenige wussten, was sich hinter den feinen, aristokratischen Zügen verbarg, dem vollen, kaum von Grau durchzogenen dunklem Haar und der, obwohl er schon auf die fünfzig zuging, schmalen und athletischen Statur. Sein immenser Reichtum tat ein Übriges.

Männer wollten sein wie er, Frauen warfen sich ihm an den Hals. Doch das genügte ihm nicht.

Redcliffe wollte mehr. Vor allem wollte er das, was er nicht haben konnte. Das machte ihn auch so gefährlich.

Und niemand wusste das besser als Jasper.

„Nur ein Barbar würde ein so zartes Geschöpf bei diesem Wetter aufhalten. Weshalb ich jetzt besser Adieu sage, Beatrice, und Ihnen verspreche, Sie im Laufe der Woche zu besuchen.“

„Ich nehme Sie beim Wort“, sagte sie geziert, als er sich zum Abschied erneut über ihre Hand beugte.

Dann schloss der Earl eigenhändig den Schlag und tippte sich mit dem Griff seines Spazierstocks an den Hut. Er wartete, bis der Wagen sich entfernte, bevor er sich Jaspers annahm. Im Grunde war sein Onkel furchtbar berechenbar.

Mit herablassender Miene musterte Redcliffe den ramponierten Schirm. „Wie ich sehe, hat die Mechanik deinen Verstand etwas überfordert.“

„Es war ein Versehen. Er ist mir aus der Hand gerutscht.“

„Eff war ein Ver-fehen“, äffte Redcliffe ihn mit hoher, lispelnder Stimme nach und machte sich über den Sprachfehler lustig, den Jasper als Kind nach dem Tod seines Vaters entwickelt hatte und der Onkel Silas stets Anlass für Spott und Belustigung bot.

Nach ausgiebigem Sprechunterricht in seiner Jugend hatte Jasper sich das Lispeln zwar abgewöhnt, fand es aber sehr nützlich, wenn er in Gesellschaft war. Es war Teil der Rolle, die er spielte.

Denn wenn er eines von seinem Onkel gelernt hatte, dann die Kunst, sein wahres Ich zu verbergen. Nur so kam man zum Erfolg.

In seinem Blick musste wohl ein Funken Rebellion gewesen sein, denn die Augen seines Onkels verengten sich jäh. Er fasste seinen Stock fester und machte einen Schritt auf ihn zu. Doch Jasper wusste, dass Redcliffe ihn niemals in der Öffentlichkeit schlagen würde. Vor anderen gab er immer den leidgeprüften Onkel, der mit der Geduld eines Heiligen gesegnet war.

Auch jetzt verzog er nur naserümpfend das Gesicht. „Wo ist mein Port, du Trottel?“

„Ich fürchte, den habe ich fallen lassen.“

Wie erwartet flammte darauf der Zorn seines Onkels auf, seine dunklen Brauen zogen sich über der raubvogelartigen Nase zusammen, die schmalen Lippen wurden bleich vor Verachtung.

„Elender Trampel! Nicht mal einen einfachen Auftrag kannst du erledigen“, zischte er mit unheilvoll gesenkter Stimme, sodass zufällige Passanten nichts davon mitbekamen. „Es ist mir unerträglich, dich als meinen Erben zu wissen – zumindest noch. Denn sei gewarnt, ich werde mir wieder eine Frau nehmen. Sowie ich eine gefunden habe, die mir einen Sohn schenken kann, hast du von mir nichts mehr zu erwarten. Und um dir schon mal einen Vorgeschmack darauf zu geben, ist dein Unterhalt für diesen Monat gestrichen.“ Er schnippte mit den Fingern Richtung Entwistle. „Notieren Sie sich das.“

„J… jawohl, Mylord“, stammelte der Sekretär und versuchte, weiter den Schirm zu halten, während er seine Jackentaschen nach etwas zu Schreiben abklopfte.

Als Herman Entwistle seine Stelle vor acht Jahren angetreten hatte, war er ein robuster Mann Mitte dreißig mit vollem braunem Haar und voller Tatendrang, den ehrenwerten Earl zu beeindrucken, dessen Reichtum und gutes Aussehen ihn zu einem geschätzten Mitglied des ton machten.

Mittlerweile war Entwistle nurmehr ein Schatten seiner selbst. Blass und hager, die Schultern gebeugt und fast völlig kahl, hätte man ihn für einen Siebzigjährigen halten können.

Der Earl hatte ihn gebrochen, so wie er es auch mit vielen anderen getan hatte.

Aber Jasper würde er nicht brechen. Die harsche Kritik seines Onkels und eine leidvolle Kindheit hatten genau das Gegenteil bewirkt. Sie hatten einen eisernen Willen in ihm geformt.

„Und was dich angeht“, Redcliffe tippte Jasper mit der Stockspitze an die Brust, „wirst du mir zur Strafe, nicht mal eine simple Aufgabe erledigen zu können, den Port von deinem eigenen Geld ersetzen und zudem den Boten zahlen, der ihn mir umgehend zustellt. Wenn ich heute Abend nicht wie gewohnt nach dem Essen eine Flasche besagten Jahrgangs auf dem Tisch stehen habe, werde ich deinen Unterhalt für den Rest des Jahres streichen. Hast du das verstanden? Sind meine Worte in deinen Affenschädel vorgedrungen?“

Jasper widerstand der Versuchung, den albernen Stock über dem Kopf seines Onkels entzweizuschlagen und sich mit den Fäusten auf die Brust zu trommeln, und senkte verständig den Kopf. „Ihr sollt Euren Portwein haben, werter Onkel.“

Die Miene des Earls entspannte sich, und um seine Lippen spielte ein zufriedenes Lächeln, als sein funkelnagelneuer Landauer vorfuhr. Im nächsten Moment warf er einen ungnädigen Blick über die Schulter. „Entwistle, haben Sie keine Augen im Kopf? Los, Mann, öffnen Sie den Schlag, ich habe heute noch ein paar wichtige Dinge zu erledigen.“

Nach dieser seine Stimmung nicht gerade aufhellenden Begegnung lief Jasper weiter Richtung Marylebone und war ganz froh, sich dank der körperlichen Betätigung etwas abreagieren zu können.

Eine halbe Stunde später lief er die Treppe hinauf zu seiner Wohnung, um sich umzuziehen.

Doch als er die Tür aufmachte, empfing ihn das reine Chaos.

Ein in seine Einzelteile zerlegter Holzstuhl lag auf dem Boden verstreut. Herrje, das war in diesem Monat schon der vierte!

Durch das wütende Rauschen in seinen Ohren vernahm er eindringliche Stimmen aus dem Nebenzimmer. Nein, nicht eindringlich. Eher ein verzweifeltes Flehen. Er wusste genau, was das bedeutete. Und es hatte ihm heute gerade noch gefehlt.

Einen leisen Fluch auf den Lippen, ging er um die Ecke und fand dort zwei Männer vor und einen Jungen, die einer dreibeinigen Kreatur mit rot-grauem Fell einen seiner Stiefel zu entwenden versuchten. Verdammt.

„Garm, aus!“, befahl er mit seiner gewohnten Stimme.

Sofort öffnete der junge Wolf die Schnauze und sprang, noch ehe der Stiefel zu Boden fiel, mit einem freudigen Schwanzwedeln im Kreis herum, ehe er zur Begrüßung ansetzte.

Und bevor Jasper sichs versah, flog ihm das fellige Ungetüm in die Arme.

Mit einem verzückten Jaulen leckte Garm ihm das Gesicht, als wäre er ein Jahr auf See gewesen und nicht nur eben eine Stunde Besorgungen machen.

„Es hat den Anschein, als wären Sie vermisst worden, Mylord“, sagte Allistair Ansonby mit einem Lächeln im nicht mehr jungen, grobknochigen Gesicht. Dann richtete der hagere Diener seinen Rock, strich sich ein paar graue Haare aus der Stirn und ließ sich nicht anmerken, dass um ihn her Chaos und Verwüstung herrschten.

Jasper setzte den Wolfshund wieder ab und merkte, dass der vierschrötige Joe Pitt seinem Blick auswich. Leise vor sich hin pfeifend, sah sein Kutscher zur Decke und versuchte, das Corpus Delicti mit einer unauffälligen Fußbewegung aus dem Weg zu räumen.

„Als ich ging, war Garm in den Stallungen“, stellte Jasper fest, setzte seine Brille ab, die ebenfalls nur der Verkleidung diente, und legte sie auf die Anrichte. „Erklärt mir bitte jemand, wie er in die Wohnung gekommen ist?“

Pitt rieb sich den rasierten Schädel und zog bedauernd die schwarzen Brauen zusammen. „Kaum waren Sie weg, fing er so jämmerlich an zu winseln und wirkte so niedergeschlagen, dass ich mir dachte … na ja, mit dem Jungen zu spielen, könnte ihn vielleicht aufmuntern.“

„Verstehe.“

Jasper rieb sich die Nasenwurzel, um das zerfetzte Daunenkissen, den umgestürzten Tisch, die heruntergerissenen Vorhänge nicht mehr sehen zu müssen.

Pitt schnappte sich den zerkauten Stiefel. „Wenn man das mit ein bisschen Spucke blank poliert, ist der wieder wie neu.“

Und als er dann gleich anfing, mit seinem Ärmel über das Leder zu reiben, als ließen sich so die Beißspuren wundersam in Luft auflösen, gab Jasper es auf.

„Das war mein letztes gutes Paar. Ist euch eigentlich klar, wie schwer es ist, Stiefel in meiner Größe zu bekommen?“

Garm setzte ein leises Bellen nach, als wolle er den Worten Nachdruck verleihen. Doch als Jasper ihn nur böse ansah, senkte er schuldbewusst die Schnauze.

Der Junge nahm den Hund sofort in Schutz. „Es war nicht Stampfers Schuld, Mylord. Er ist doch noch so klein. Wenn Sie wen schlagen wollen, dann schlagen Sie mich.“

Roly wischte sich mit dem Handrücken den Rotz von der Nase und straffte die Schultern. Wenn er sich zu seiner vollen Größe aufrichtete, reichte er Jasper gerade mal zum Ellenbogen. Aber der ehemalige Straßenjunge war Streitigkeiten noch nie ausgewichen. Tatsächlich hatte Jasper ihn aufgenommen, weil der dumme Bengel für Garm sein Leben riskiert hatte.

Er atmete tief durch und zauste dem Jungen die roten Locken. „Nur keine Angst, Roland der Tapfere. Ich habe nicht vor, jemanden zu schlagen. Und zum letzten Mal: Er heißt Garm, nicht Stampfer. Er ist nach dem Höllenhund aus den nordischen Sagen benannt.“

„Aber er humpelt doch! Und wenn man ihn hinter den Ohren krault, stampft er immer mit der Pfote auf – guck, so.“ Die letzten Worte klangen ganz sanft, weil der Junge es gleich mal vormachte. Ihm schien nicht bewusst, dass der Wolf größer und stärker war als er und ihn mit zwei Bissen verschlingen könnte, wenn er denn wollte.

Zum Glück hatte Garm nichts dergleichen vor und empfand den Menschen gegenüber, die ihn aus einem Fangeisen befreit und wieder aufgepäppelt hatten, nichts als Dankbarkeit.

Sie waren überhaupt ein wunderlicher Haufen, aber einander treu verbunden und in ihrem Hass auf den Earl of Redcliffe vereint. Letztlich war es das, was zählte.

Nun ja, abgesehen davon vielleicht, dass Jasper jetzt wieder ein neues Paar Stiefel brauchte.

„Wir nennen ihn trotzdem nicht Stampfer“, stellte er klar und entledigte sich auf dem Weg ins Schlafzimmer seines Rocks, den er Ansonby zuwarf. Der Diener rümpfte die Nase und hielt das Kleidungsstück auf Armeslänge von sich. „Versuchen Sie zu retten, was zu retten ist, Ansonby“, wies Jasper ihn an. „Ich überlege derweil, was sich noch zu Geld machen lässt, um den Wein zu ersetzen. Pitt, ich brauche Informationen über Viscount Abernathy.“ Er blieb stehen und warf einen warnenden Blick über die Schulter auf Roly und Garm, die sich erneut um seinen Stiefel balgten. „Und ihr beiden verzieht euch jetzt wieder in die Stallungen, hört ihr?“

3. KAPITEL

Das vielversprechende Kribbeln, das Thea an jenem nasskalten Morgen vor zwei Tagen verspürt hatte, war in dem Moment, da sie etwas zu Papier bringen wollte, verschwunden. Und hatte sich seitdem auch nicht mehr eingestellt.

Vielleicht ist es jetzt für immer vorbei, raunte der Chor.

Sie beschloss, nicht hinzuhören.

Außerdem hatte sie an diesem Abend wahrlich andere Sorgen. Es war ihr erster Auftritt in dieser Saison, und ausgerechnet da hatte man sie genötigt, einen Ball zu besuchen, der von der unausstehlichsten und eingebildetsten Person in ganz England gegeben wurde – der einstigen Miss Nell Hunnicutt.

Nell war in Addlewick ihre Nachbarin gewesen. Und es war praktisch kein Tag vergangen, an dem sie nicht Thea oder ihren Schwestern Verity und Honoria auf die Nerven ging. Sie war von einer solchen Gehässigkeit, dass sie eher Kröten schlucken würde, als auch nur ein nettes Wort über die Hartleys – oder sonst jemanden – zu verlieren.

Doch dann hatte das Schicksal, oder wohl eher ein Hexenzauber, wie Thea insgeheim vermutete, es gefügt, dass Nell sich den Marquess of Beaucastle geangelt hatte und nun von aller Welt verlangte, insbesondere von ihren Feinden, dass sie vor ihr zu Kreuze krochen.

Und als wäre die Aussicht auf diesen Abend nicht schon schlimm genug, gestaltete sich bereits der Weg dorthin als mittlere Katastrophe.

Sie waren mit Lady Broadbents Kutsche nämlich um ein Haar im Graben gelandet, als ein kleineres, schnittigeres Gefährt sie in einem gewagten Manöver zu überholen versuchte. Wenngleich Thea, als sie aus der Spur gerieten und ein ungutes Knirschen zu hören war, mehr frohlockte denn furchtsam war.

Endlich hatten die Götter ein Einsehen!

Dummerweise hatte sie sich zu früh gefreut und die für Wunder zuständigen himmlischen Instanzen schienen bereits für die Saison geschlossen zu haben, denn der an dem Unfall Schuldige entpuppte sich als Baron Chedworth, der ebenfalls zum Ball geladen war. Und natürlich bestand er darauf, sie höchstpersönlich zu den Beaucastles zu chauffieren.

Na prima.

Ihm gingen fast die ohnehin seltsam hervortretenden Augen über, als er über sein unverhofftes Glück frohlockte und ihnen in sein Coupé half, das eigentlich nur Platz für zwei Passagiere bot. Mit Thea, Lady Broadbent und ihren ausladenden Kleidern wurde es also recht eng.

Zumal Chedworth sich dann auch noch zwischen sie klemmte, worauf Lady Broadbent fast die Puste ausging. „Vielleicht“, schnaufte sie, „wäre es für Sie bequemer, sich zum Kutscher auf den Bock zu setzen, Mylord.“

„Ich weiß Ihre Besorgnis zu schätzen, Mylady, aber ich finde das ganz gemütlich so.“

Der Mann war wirklich unerträglich.

Dann hieß er den Fahrer sich zu sputen und stieß ein röhrendes Lachen aus, als sie mit einem Ruck anfuhren.

In halsbrecherischem Tempo ging es nun die Straße hinab, als gelte es ein Rennen zu schlagen, und wenn der Wagen sich in die Kurven legte, war Thea sich bald nicht mehr sicher, ob sie die Fahrt überleben würden.

Einer Sache war sie sich, bis sie das Anwesen der Beaucastles erreichten, indes gewiss: Der stierende Baron hätte vermutlich nicht einmal die Farbe ihrer Augen zu nennen gewusst oder welche Blumen sie ihm Haar trug, wohingegen er sich jede Naht, jede Spitze und Rüsche entlang des herzförmigen Ausschnitts ihres blassrosa Mieders bestens eingeprägt haben dürfte.

„Ich muss schon sagen, Glück im Unglück“, bemerkte Chedworth nun schon das dritte Mal an diesem Abend, wie immer an ihre Brüste gewandt.

Die gaben natürlich keine Antwort, wünschten aber wohl insgeheim, mit Stacheln bewehrt zu sein, die sie auf den Baron abfeuern könnten.

„Wenn die Herren mich mit so einem Prachtexemplar am Arm sehen, werden sie allesamt grün sein vor Neid.“

„Ein Käfer unter Glas ist ein Prachtexemplar“, erwiderte Thea scharf. „Wir sind immer noch Frauen, Mylord.“

„Womit Sie natürlich ganz recht haben, Miss Hartley. Ich bekenne meinen Fehler und erweitere mein Kompliment auf zwei Prachtexemplare.“

Eine Hand auf ihren Stock gestützt, legte Lady Broadbent die andere auf seinen ihr gereichten Arm und schenkte ihm ein schmales Lächeln, das ihre funkelnden Augen nicht erreichte. „Ihre Güte und Großherzigkeit sind so wohltuend und labend wie ein Tropfen Wasser in der Wüste, Chedworth.“

„Nicht der Rede wert“, gab er sich bescheiden, überstieg die Beleidigung doch seinen Verstand. „Als Ihr ergebener Diener möchte ich anmerken, mich schon auf die gemeinsame Rückfahrt zu freuen. Denn natürlich begleite ich die Damen wieder zurück in die Stadt. Bedauerlich nur, dass die Fahrt kaum eine halbe Stunde dauert, würde ich mich Ihrer reizenden Gesellschaft doch gern länger erfreuen. Aber Seien Sie versichert, dass ich Sie bestens unterhalten werde, wenn ich Ihnen nachher von meinem jüngsten Erwerb bei Tattersall’s berichte. Ein prächtiges Paar Rennpferde, das mich ein Vermögen gekostet hat. Doch ich bin zuversichtlich, das heute Abend wieder einzuspielen.“

Seine Prahlerei wurde nur kurz davon unterbrochen, dass die Diener sie ins Haus führten und ihnen die Mäntel abnahmen. Sowie sie die Treppe hinauf zum Ballsaal gingen, legte er sich schon wieder ins Zeug.

„Sie müssen mir gestatten, Sie einmal im Park in meiner Barutsche auszufahren, Miss Hartley.“

„Ich kann wirklich nicht …“

„Ein Nein akzeptiere ich nicht“, unterbrach er sie, seiner Sache sicher. „Auch wenn ich diese Gefälligkeit nicht als Entgelt dafür verstanden wissen möchte, Sie an diesem Abend so galant gerettet zu haben – wäre ein solches Verständnis doch eines Gentlemans unwürdig –, möchte ich doch gleichwohl darauf hinweisen, dass Ihr Wagen vermutlich noch ein paar Tage nicht zur Verfügung steht und ich nicht verantworten kann, dass Sie sich die Aufregungen Londons entgehen lassen.“

„Sie scheinen vergessen zu haben, dass es die Unachtsamkeit Ihres Fahrers war, die den Schaden am Wagen der Countess erst herbeigeführt hat“, entgegnete Thea. Doch vergebens.

Der Baron hatte sich schon abgewandt und stürzte sich auf einen eben eingetroffenen Bekannten, um vermutlich einmal mehr seinen Bericht von den neuen Rennpferden an den Mann zu bringen.

„Eingebildeter Fatzke“, murmelte Thea, sowie er außer Hörweite war.

„Ein schrecklicher Langweiler“, befand Lady Broadbent im selben Moment. Sie wechselten einen stummen Blick. „Seien Sie unbesorgt, meine Liebe. Ich werde mich um eine andere Mitfahrgelegenheit kümmern.“

„Das wäre wunderbar und würde es mir ersparen, mich in die Küche zu schleichen und mir vor unserer Rückfahrt die Ohren mit scharfer Klinge abzuschneiden.“

„Ach, warum denn immer gleich so morbide“, tadelte sie die Countess, konnte sich ein Lächeln aber kaum verkneifen. „Sehen wir lieber zu, dass wir das Beste aus dem Abend machen.“

„Das hieße, gleich wieder zu verschwinden“, grummelte Thea, als sie auf die weiß schimmernden Türen zuhielten, die weit geöffnet den Blick auf den prunkvollen Saal eröffneten.

Für diese Bemerkung fing sie sich von der Countess einen kleinen Klaps mit dem Fächer ein. „Es wäre schlechter Stil gewesen, die Einladung auszuschlagen, kommen wir doch alle aus Addlewick.“

„Schlechter Stil? Nell hat meine Schwester in eine Kammer gesperrt und sie nicht mehr herausgelassen.“ Und das, wo Verity schon immer Angst in geschlossenen Räumen hatte!

Was Nell getan hatte, war unverzeihlich.

„Das stimmt. Aber mein Enkelsohn hat es der einstigen Miss Hunnicutt mit gleicher Münze heimgezahlt, bevor er und Verity nach Gretna Green aufgebrochen sind. Außerdem ist das jetzt drei Jahre her, und seitdem hat sich viel getan … Oh, du meine Güte!“ Lady Broadbent blieb wie angewurzelt stehen.

Thea tat es ihr nach, und bekam beim Anblick des Ballsaals kaum noch den Mund zu. Sie bekam nicht mal mit, wie der Diener sie ankündigte.

Es war alles so … golden. Die Vorhänge, die Spiegelrahmen, die Türen zur Terrasse. Goldene Kronleucht...

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