Notfall im Paradies

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Luke gestehen, dass er eine Tochter hat? Niemals! Das steht für Ana fest, seit der attraktive Tropenarzt sie verlassen hat. Doch als er plötzlich wieder vor ihr steht, gerät Anas Vorsatz ins Wanken. Denn um das Leben ihrer Tochter zu retten, braucht sie seine Hilfe …
  • Erscheinungstag 15.03.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733735616
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

WILDFIRE ISLAND DOCS

DAS TEAM:

Dr. Sam Taylor

Inselarzt, Bakteriologe

Dr. Keanu Russell

Inselarzt

Caroline Lockhart

Krankenschwester

Henrietta (Hettie) de Lacey

Pflegedienstleiterin

Dr. Maddie Haddon

Flying Doctor

Vailea Kopu

Köchin, Putz- und Bettenfrau

Anahera (Ana) Kopu

Krankenschwester

Jack Richards

Hubschrauberpilot

Manu

Krankenpflegehelfer

PATIENTEN:

Raoul

Dr. Charles Ainsley

Wissenschaftler

Kalifa Lui

Minenarbeiter

Lani

Tane

UND:

Dr. Max Lockhart

Carolines Vater

Ian Lockhart

ihr Onkel

Christopher

Carolines Zwillingsbruder

Bessie, Harold

Haushälterehepaar

Hana

Anaheras Tochter

Dr. Luke Wilson

Tropenarzt

Scheich Rahman al-Taraq (Harry)

ehemaliger Patient und Investor

Nani

Kalifas Frau

Stefan

Anaheras Vater

Marama

Tanes Mutter

Kura

Tanes Frau

1. KAPITEL

Aus einem Flugzeug zu steigen, bedeutete manchmal mehr, als nur fremden Boden zu betreten.

Es konnte einen schlagartig in die Vergangenheit katapultieren.

Das Erste, was Luke Wilson an diesem frühen Morgen spürte, war die Hitze. Feuchte Wärme wie im Vorraum einer Sauna. Wie war er bloß auf die Idee gekommen, im Anzug zu fliegen?

Weil das der Dresscode eines international anerkannten Spezialisten für Tropenkrankheiten war, der als Hauptredner auf einer Konferenz sprechen sollte?

Zur Hitze kam der Duft, während Luke vom Flugzeug zu dem Golfmobil ging, das ihn wahrscheinlich zu seiner Unterkunft in das neue moderne Kongresszentrum von Wildfire Island bringen sollte.

Seine Anzugjacke hatte er schon ausgezogen, als er in Auckland an Bord der kleinen Privatmaschine ging, des letzten Transportmittels auf seiner langen Anreise von London hierher. Jetzt lockerte er die Krawatte und rollte die Hemdsärmel auf, während er die betörenden Düfte nach Frangipani und Jasmin einatmete.

Eine Flut von Erinnerungen überschwemmte ihn. Von der schmeichelnden milden Südseebrise zu ihm getragen, beschwor der paradiesische Duft das Bild einer Frau herauf … Ana. Gewissensbisse kämpften in ihm mit Wehmut und einer – selbst nach so vielen Jahren – erschütternd starken Sehnsucht.

Ich hätte nicht zurückkommen sollen.

„Lassen Sie mich das nehmen, Dr. Wilson.“ Lächelnd streckte der schlanke Insulaner die Hand nach Lukes Koffer aus. „Steigen Sie ein, ich bringe Sie zu Ihrer Hütte. Sie haben noch ein bisschen Zeit, sich frisch zu machen, bevor die Cocktailparty beginnt.“

Cocktailparty? Jetlag und das diffuse Gefühl, am falschen Ort zu sein, hinderten ihn einen Moment lang daran, klar zu denken. Ach ja … gemeint war das zwanglose Treffen vor dem morgigen Tagungsbeginn. Eine gute Gelegenheit, all jene Kollegen aus der ganzen Welt wiederzusehen, mit denen ihn vor allem eine Leidenschaft verband: in Forschung und Wissenschaft etwas für kranke Menschen zu bewegen. Natürlich würde auch Harry – formal bekannt als Scheich Rahman al-Taraq –, ein ehemaliger Patient und jetzt ein guter Freund von Luke, dabei sein.

Der Koffer war inzwischen festgeschnallt, und der junge Mann warf Luke einen fragenden Blick zu. „Können wir fahren, Dr. Wilson?“

Luke nickte knapp und versuchte, die Müdigkeit abzuschütteln – und die Geister der Vergangenheit gleich mit –, während er sich auf das konzentrierte, was in den nächsten beiden Tagen vor ihm lag. Anahera lebte nicht mehr hier. Sie war vor fünf Jahren, nachdem er Wildfire Island verlassen hatte, nach Brisbane gezogen. Sich von diesen merkwürdigen Gefühlen zwischen Bangen und Hoffnung hin- und herreißen zu lassen, war also reine Verschwendung mentaler Energie!

„Ich bin so weit.“ Er kletterte auf den Sitz und lächelte seinen Chauffeur an.

„Nicht zu fassen!“ Sam Taylor, einer der ortsansässigen Ärzte des kleinen Krankenhauses auf Wildfire Island, rührte nachdenklich in seinem Kaffee. „Monatelang haben sie das Forschungsgelände abgesperrt wie einen Hochsicherheitstrakt, und jetzt landet ein Privatjet nach dem anderen, weil hier ein internationaler Kongress vom Feinsten stattfindet. Warum ausgerechnet bei uns?“

Anahera Kopu zuckte mit den Schultern. „Weil es hier paradiesisch ist? Ungewöhnlich und exotisch genug, um Wissenschaftler anzuziehen, die sich austauschen und Kontakte knüpfen wollen, wie es in der Welt der Forschung wichtig ist?“

„Verstehe. Mir ist nur schleierhaft, wie sie auf die M’Langi Islands kommen. Die Inselgruppe liegt so weit draußen im Pazifik, dass sie kaum einer kennt. Und was das kosten muss! Wer steckt dahinter, und warum diese Geheimnistuerei die ganze Zeit?“

„Ich weiß es auch nicht. Aber es wäre nicht das einzige Geheimnis auf diesen Inseln, oder?“ Anahera hätte sich auf die Zunge beißen mögen. Das musste gerade sie sagen! Sie hatte es geschafft, ein großes Geheimnis vor den Menschen zu verbergen, die ihr am meisten bedeuteten: vor ihrer Mutter und den Kollegen und Freundinnen, die für sie wie eine Familie waren.

Sam grinste. „Erzähl, Ana! Du weißt bestimmt mehr als ich. Ich bin hier ein Neuling, aber du bist auf Wildfire aufgewachsen.“

Anahera hatte inzwischen genug Übung darin, ein Gespräch in sicheres Fahrwasser zu lenken. „Nein, bist du nicht“, antwortete sie unbekümmert, drehte den Heißwasserhahn auf und griff nach dem Spülmittel. „Du hast hier angefangen, kurz nachdem ich zur Fortbildung nach Brisbane gegangen bin.“

„Ja, und damals war die Forschungsstation nicht mehr und nicht weniger als genau das – eine Forschungsstation. Und nun soll sie Teil eines exklusiven Resorts sein, das als medizinische Ideenschmiede dienen soll. Außerdem geht das Gerücht um, dass sie eine bahnbrechende Errungenschaft verkünden wollen, einen Durchbruch, der unser aller Leben verändern wird. Findest du nicht, dass man uns hätte informieren sollen? Und worum geht es überhaupt?“

„Keine Ahnung. Vielleicht haben sie einen neuen Impfstoff entdeckt?“

„Das wage ich zu bezweifeln. So etwas braucht Jahre und jemanden, der bereit ist, einen Haufen Geld in abgelegene Pazifikinselchen zu stecken. Ich vermute eher, dass es mit dem M’Langi-Tee zu tun hat, der die Insulaner vor Enzephalitis zu schützen scheint. Wusstest du, dass die Forschungen dazu schon vor Jahrzehnten begonnen haben?“

Oh ja, das hatte Anahera gewusst. Allerdings wollte sie nicht daran denken, geschweige denn, darüber reden. Unerwünschte Bilder tauchten vor ihren Augen auf, von einer sanft schwingenden Verandaschaukel im Dämmerlicht einer beginnenden Tropennacht. Von starken Armen, die auf ihrem Körper ruhten, während sie sich an die breite Brust des Mannes schmiegte, der ihr erzählte, wie sehr ihn die Wirkstoffe dieses Tees faszinierten. Sie schüttelte den Kopf, um die Erinnerungen loszuwerden.

„Ich glaube, dabei ist herausgekommen, dass sein einziger Nutzen in einer Art natürlichem Insektenschutz besteht“, sagte sie. „Man wird weniger gestochen, was das Risiko vermindert, sich eine Hirnhautentzündung zuzuziehen. Der Tee wird kaum unser Leben verändern.“

Sam setzte sich an den Tisch. „Vermutlich nicht. Viel wichtiger ist, dass hier wieder gesprüht werden muss, damit die Moskitos nicht überhandnehmen. Ich frage mich, ob jemand sich mit Ian Lockhart in Verbindung setzen konnte. Der hätte das organisieren müssen.“

„Er scheint wie vom Erdboden verschluckt. Allerdings wäre ich nicht überrascht, wenn er sich in Las Vegas herumtreibt, um die jüngsten Erträge der Goldmine in den Spielkasinos durchzubringen.“

„Falls wegen der Mücken nicht bald etwas unternommen wird, müssen wir mit lebensbedrohlichen Erkrankungen rechnen. Wir wollen so etwas wie mit Hami nicht wieder erleben.“

„Um Himmels willen, nein.“ Anahera presste die Lippen zusammen. Es fehlte nicht viel, und sie wäre in Tränen ausgebrochen. Auch wenn es zwei Jahre her war, dass sie den kleinen Jungen an die Krankheit verloren hatten, so saß der Schock darüber immer noch tief. Nicht nur, weil es das traurigste Erlebnis in ihrer Zeit als Krankenschwester gewesen war. Nein, Hami war genauso alt gewesen wie ihre kleine Tochter.

„Na, vielleicht verrät uns jemand auf dieser Cocktailparty mehr. Hast du dir schon ein hübsches Kleid zurechtgelegt, Ana?“

„Ich gehe nicht hin.“

„Aber du bist eingeladen. Wie wir alle.“

„Das heißt nicht, dass ich teilnehmen muss. Ich möchte bei Hana bleiben, ich habe sie den ganzen Tag nicht gesehen.“ Anahera trocknete ihre Tasse ab und stellte sie in den Schrank.

„Bring sie mit.“

Sie lachte auf. „Eine Dreijährige zu einer Cocktailparty? Ich glaube nicht! Außerdem bleibe ich wahrscheinlich bis zehn Uhr hier, falls Hettie hingehen will, bevor sie die Nachtschicht übernimmt.“

Die Worte waren kaum heraus, da wurde Anahera rot. Kein Wunder, dass Sam ihr einen erstaunten Blick zuwarf. Schließlich hatte sie selbst ihren Wunsch nach mehr Zeit mit ihrer Tochter als das entlarvt, was er war: eine Ausrede. „Ich habe keine große Lust auf Geselligkeit, okay? Davon hatte ich in Brisbane mehr als genug. Small Talk auf Partys, das ist nicht meine Welt.“

„In diesem Fall sind interessante Leute versammelt, die nur ein paar Tage bleiben werden. Experten für Dengue-Fieber und Enzephalitis. Ich bin schon ganz gespannt auf die aktuellen Forschungsergebnisse und ob es neue Therapie-Ansätze gibt. Und natürlich auf die mysteriöse Ankündigung, um die sie so viel Wirbel machen.“

„Und ich freue mich darauf, wenn du mir morgen davon erzählst“, entgegnete sie bestimmt. Sie wollte nichts von tropischen Krankheiten und vor allem nichts vom M’Langi-Tee hören. Es erinnerte sie zu sehr an jemanden, der davon geträumt hatte, auf diesem Gebiet die Welt zu verbessern. Und sie hatte hundertprozentig hinter diesen Träumen gestanden, weil sie an seiner Seite sein wollte, wenn er sie verwirklichte. Heute noch schnürten ihr die wehmütigen Gedanken den Hals zu, und sie spürte, wie Tränen hinter ihren Lidern prickelten.

„Es wird ein Hangi geben. Du liebst Hangis.“

„Ich weiß. Mum ist mitten in den Vorbereitungen. Deshalb müssen wir heute für die Patienten das Abendessen austeilen.“ Ein rascher Blick zur Uhr, und Anahera hatte die perfekte Ausrede, um zu verschwinden. „Ich fange besser mit der Medikamentenausgabe an und checke die Vitalwerte, damit ich rechtzeitig Essen ausgeben kann, bevor die Patienten schlafen wollen.“

Sam gab sich geschlagen. „Dann helfe ich dir noch, bevor ich unter die Dusche springe und mich in Schale werfe. Danach kannst du hier Chefin spielen.“

Eine Dusche war genau das, was Luke brauchte, um einigermaßen wieder munter zu werden. Als er jedoch das Bad betrat, staunte er nicht schlecht.

Wie alles in seiner luxuriösen Unterkunft ganz in Strandnähe und von tropischem Regenwald umgeben, hätte auch das Badezimmer aus einem Fünf-Sterne-Resort stammen können. Ein Puzzle aus Natursteinen bedeckte die Wände, und auf dem Fußboden bildeten graue und weiße Kiesel ein Mosaik, das einen großen Fisch zeigte. Die Seife duftete schwach nach Jasmin, und flauschige Handtücher lagen bereit.

Nach dem Duschen wickelte sich Luke eins um die Hüften und ging in den runden Schlafbereich, wo das Moskitonetz über dem Bett sich sanft in der Meeresbrise bewegte. Draußen hörte er die Stimmen der anderen Konferenzteilnehmer, die sich auf dem Weg zur Party begegneten und begrüßten.

Bei seinem letzten Aufenthalt hatten hier nur zwei, drei rustikale Hütten gestanden, die von Meeresbiologen genutzt wurden und in der Nähe der Labors errichtet worden waren. Anscheinend hatte man sie abgerissen, um Platz für den neuen Treffpunkt zu schaffen. Nicht, dass Luke je in einer geschlafen hatte. Er arbeitete damals im Rahmen seiner Ausbildung zum Facharzt für Tropenkrankheiten auf Wildfire Island und war in einer der Unterkünfte für die FIFO-Mediziner untergebracht. FIFO stand für Fly-In-Fly-Out – ein Programm, das die gesamte Inselgruppe mit medizinischem Fachpersonal versorgte, Rettungshubschrauber bereitstellte und den Betrieb des kleinen, aber exzellenten Krankenhauses sicherte. Auch die Einheimischen, die dort arbeiteten, waren hervorragend ausgebildet. Wie die Krankenschwestern zum Beispiel.

Wie Ana …

Luke streifte sich ein kurzärmeliges Hemd über und zog leichte Chinos an. Er kämmte sich die Haare, verzichtete aber darauf, sich zu rasieren. Heute Abend kamen Leute zusammen, die sich gut kannten und hierher eingeladen worden waren, um zu entspannen. In den nächsten Tagen sollten sie die Annehmlichkeiten eines tropischen Inselparadieses genießen, wissenschaftliche Neuigkeiten austauschen und ansonsten darüber beraten, wie dieses Forschungszentrum in Zukunft am besten genutzt werden konnte.

Die Sonne sank bereits hinter den Horizont, und der schwere Duft dichter Ingwersträucher, die Lukes Hütte von der nächsten abschirmten, hing in der Abendluft. Nach zwei Schritten kehrte Luke jedoch wieder um. Was für eine Ironie des Schicksals, wenn er hier als Arzt ankam, um als Patient zu enden?

In seiner Tasche fand er das mitgebrachte Insektenschutzmittel und sprühte sich rasch damit ein. Dann steckte er die kleine Spraydose in die Hemdtasche, um auszuhelfen, falls einer der Kollegen sich nicht vorsorglich damit eingedeckt hatte.

Wie die Unterkünfte, so war auch der Tagungsraum nach traditionellem Vorbild errichtet und ausgestattet. Palmwedel bedeckten das Dach, und das lang gestreckte Haus war nach allen Seiten hin offen. Polierte Holzbänke luden zum Sitzen ein, und auf dem Fußboden lagen handgewebte Matten. Ein Tisch bildete die Bar, von der sich jetzt aus einer Gruppe ein Mann löste und auf Luke zukam.

„Luke, ich freue mich, dich zu sehen!“

„Ich mich auch, Harry.“ Er ergriff die ausgestreckte Hand, doch aus der formellen Begrüßung wurde schnell eine herzliche Umarmung. Sie waren viel mehr als nur Kollegen nach allem, was sie vor Jahren zusammen erlebt hatten. „Bewundernswert, was du hier hochgezogen hast.“

„Es war deine Idee.“

„Vielleicht im Ansatz. Ich hatte nur vorgeschlagen, die Labors zu nutzen, um neue Forschungsvorhaben anzusiedeln. Ganz sicher habe ich nicht erwartet, dass du gleich einen der reizvollsten Tagungsorte der Welt aufbaust.“ Luke lächelte. „Du machst keine halben Sachen, stimmt’s?“

„Ich brauchte eine neue Aufgabe. Oder auch eine Ablenkung, ganz, wie man’s nimmt.“

Luke warf einen Blick auf Harrys Hand. „Und, wie ist es?“

„So schnell werde ich nicht an den OP-Tisch zurückkehren.“ Harry lächelte gezwungen, klang aber munterer, als er hinzufügte: „Komm, ich hole dir ein Bier. Oder möchtest du etwas anderes, einen Cocktail vielleicht?“

„Ein Bier wäre großartig, aber das hole ich mir auch gern selbst. Ich muss noch ein paar Leute begrüßen.“ Luke folgte Harry zur Bar, blieb jedoch auf halbem Weg stehen, als er ein bekanntes Gesicht entdeckte. „Charles! Wir haben uns viel zu lange nicht gesehen. Wie sieht’s in Washington aus?“

„Als ich abflog, schneite es.“ Charles, ein amerikanischer Spezialist für Dengue-Fieber, grinste breit, als er auf den spektakulären Ausblick deutete, der sich ihnen von hier aus bot: tropischer Dschungel, dahinter schneeweiße Strände und der weite türkisblaue Ozean. „Ich muss schon sagen, wir werden hier verwöhnt.“

„Ja, es ist ein malerisches Fleckchen Erde. Wenn du am Ende des Strands um die Felsen herumgehst, kommst du zum Sunset Beach. Bei Sonnenuntergang leuchten die Klippen feuerrot, so als hätte sie jemand in Brand gesteckt. Daher hat die Insel ihren Namen.“

„Tatsächlich? Wie ich sehe, hast du deine Hausaufgaben gemacht.“

„Nicht ganz. Ich bin nicht zum ersten Mal hier. Während meiner Facharztausbildung habe ich eine Zeit lang am hiesigen Krankenhaus gearbeitet.“

Ein kurzer Aufenthalt, der ihn beruflich weiterbringen sollte und der dann letztendlich sein Leben verändert hatte.

Weil er ihn noch immer verfolgte …

Luke hatte damit gerechnet, dass sich die Geister der Vergangenheit regten, wenn er nach Wildfire Island kam. Allerdings hätte er nicht erwartet, dass sie immer noch so mächtig waren. Ich hätte mich von Harry nicht überreden lassen sollen, dachte er. Andererseits wurde mit dieser Eröffnungsfeier ein Traum wahr, und war er nicht als Erster dabei gewesen, als die Saat dazu gelegt wurde?

„Von der Klinik habe ich gehört.“ Eine große, schlanke blonde Frau mit skandinavischem Akzent gesellte sich zu ihnen. „Ist es normal, dass auf einer abgelegenen Inselgruppe ein derart gut ausgestattetes medizinisches Versorgungszentrum steht?“

„Keineswegs. Wir haben es der Familie Lockhart zu verdanken. Sie hat die Goldvorkommen entdeckt, die Mine errichtet und eine Forschungsstation aufgebaut.“

„Und weil die Mine genug abwirft, das Krankenhaus gleich dazu?“

„Die Geschichte geht etwas anders.“

Und wieder versetzten ihn seine Erinnerungen in den Moment zurück, als er diese Geschichte zum ersten Mal hörte: Hand in Hand saß er mit Anahera auf der Veranda, um das grandiose Schauspiel zu betrachten, das die Natur jeden Abend am Sunset Beach bot. Und er nahm wieder, als wäre es gestern gewesen, den traurigen Unterton in ihrer sanften Stimme wahr, während sie ihm ein Stück Inselgeschichte erzählte.

„Auslöser war eine Familientragödie“, erklärte Luke. „Ein Zwillingspärchen kam zu früh zur Welt, die Mutter starb, und der kleine Junge war schwer behindert. Sein Vater – Max Lockhart – machte es sich zur Lebensaufgabe, dafür zu sorgen, dass hier so etwas nie wieder passieren konnte. Er beendete sein Medizinstudium, gewann die australische Regierung dafür, Finanzmittel lockerzumachen, und ermutigte die Einheimischen, sich in medizinischen Berufen ausbilden zu lassen. Ich vermute stark, dass er einen Teil dieser Studiengebühren aus eigener Tasche bezahlt hat.“

„Bewundernswert“, murmelte Charles. „Und jetzt hat er noch dieses Tagungszentrum bauen lassen? Ein Mann mit Visionen, so viel ist sicher.“

„Nein, diese Vision hatte ein anderer.“ Lächelnd blickte Luke zu Harry hinüber. Er stand jetzt draußen, inmitten einer Gruppe Insulaner, und half dabei, die Abdeckung eines Erdofens zu entfernen. Dampf quoll aus der Grube, und ein köstlicher Duft wehte durch das an den Wänden offene Langhaus. „Hast du Scheich Rahman al-Taraq schon kennengelernt?“

„Ich habe mich ein bisschen über ihn informiert, nachdem ich die Einladung zu diesem Treffen bekommen hatte. Interessanter Mann. Chirurg, nicht wahr? Unterstützt er nicht auch finanziell massiv die Forschungen zu einem Impfstoff gegen Enzephalitis? Wie kommt es, dass ein Chirurg sich derart auf eine Tropenkrankheit stürzt?“

„Das solltest du ihn selbst fragen.“

„Worauf du dich verlassen kannst. Vielleicht ergibt sich beim Essen eine Gelegenheit. Was auch immer sie da drüben aus der Erde holen, macht einem den Mund wässrig. Ich habe einen Bärenhunger.“

„Fischauflauf mag ich nicht.“

„Hinterher gibt es noch Eis, Raoul. Aber erst musst du dein Gemüse essen.“ Anahera versuchte, bestimmt zu klingen, doch sie lächelte, als sie ihm das Tablett hinstellte. „Allerdings brauchst du schon bald kein Krankenhausessen mehr. Hat Dr. Sam nicht gesagt, dass du morgen nach Hause darfst?“

„Er will erst sehen, wie ich gut ich an Krücken gehen kann. Und mit meiner Mum darüber reden, wie ich zu den Sprechstunden komme, damit der Verband gewechselt wird.“

„Ja, es ist sehr wichtig, dass kein Schmutz an dein Bein kommt.“

„Ich werde ein großes Loch im Bein haben, oder?“

„Nein, kein Loch, aber eine großflächige Narbe und eine Delle, da wo der Muskel angegriffen wurde. Wichtig ist, dass du beim anderen Bein ordentlich Muskelkraft aufbaust. Du hast sehr lange im Bett gelegen. Die Übungen haben wir dir ja gezeigt.“

„Ana!“

Das klang dringend, und sie drehte sich alarmiert um. Sam tauchte an der Tür auf.

„Sam … Ich dachte du bist auf der Cocktailparty?“

„Ich war schon auf dem Weg, als ein Anruf kam. Du musst mitkommen.“

Anahera schob sich eine vorwitzige Strähne ihrer langen dunklen Haare zurück, die sich aus dem Knoten am Nacken gelöst hatte. Sie blickte an sich hinunter, auf den grünen Kittel und die dreiviertellange Hose, denen man den langen Arbeitstag bereits ansah, und schüttelte den Kopf.

Doch Sam wandte sich schon wieder ab und eilte in den kleinen OP-Bereich. Seine Stimme wurde schwächer, aber der Ton blieb drängend. „Jetzt, Ana! Es ist ein Notfall.“

Sämtliche Gedanken an ihr Aussehen verflüchtigten sich, als sie hinter Sam herrannte. Mit einer Hand griff er nach der schweren Notfalltasche, mit der anderen nach einem Sauerstoffzylinder.

„Was ist passiert?“

„Verdacht auf Herzinfarkt. Einer der Gastärzte, Brustenge und Übelkeit. Schnapp dir den Defi, und los geht’s!“

Manu, der Krankenpflegehelfer, wartete bereits im Golfmobil vor dem Eingang des Krankenhauses.

„Ich kann nicht mitfahren“, meinte Anahera. „Wir können das Krankenhaus nicht unbeaufsichtigt lassen.“

„Ich bleibe hier“, sagte Manu. „Und Hettie ist schon unterwegs.“

„Ana, du musst mit.“ Sam verstaute die Ausrüstung im Wagen. „Du hast eine intensivpflegerische Ausbildung. Wenn wir intubieren und beatmen müssen, brauche ich deine Hilfe.“

Sie kletterte in das Elektromobil. Sam hatte recht. Dies war genau die Situation, für die sie die aufwendige Zusatzausbildung gemacht hatte. Außerdem bekam sie nicht oft die Gelegenheit, die erworbenen Fähigkeiten anzuwenden.

Als sie saßen, gab Sam Gas, und das Golfmobil rumpelte den Weg entlang Richtung Konferenzzentrum. Anahera fragte sich, was sie vorfinden würden. Einen Patienten mit Herzstillstand? Wenigstens waren genügend Mediziner anwesend, um Erste Hilfe zu leisten, aber ohne den Defibrillator würden sie ein Herz nicht wieder in Gang bringen.

Am Ort des Geschehens war es wider Erwarten ruhig, als sei nichts Dramatisches geschehen. Neben einem Tisch, der aussah, als wären Gäste mitten beim Essen gestört worden und überstürzt aufgebrochen, standen ein paar Menschen. Auf dem Fußboden, von einem großen Kissen gestützt, saß ein Mann mittleren Alters. Ein zweiter hockte neben ihm und fühlte ihm den Puls. Die Frau, die dem Patienten Luft zufächelte, war Vailea Kopu, Anaheras Mutter. Sie entdeckte Sam und ihre Tochter als Erste.

„Da sind sie ja“, sagte sie. „Gleich wird es Ihnen besser gehen, Dr. Ainsley.“

„Mir geht es schon besser“, brummte der Mann. „Ich hatte nur zu viel von Ihrem köstlichen Essen gegessen, das ist alles.“

Sam ging neben ihm in die Hocke. „Das überprüfen wir lieber, um ganz sicher zu sein. Ich bin Sam Taylor, einer der ortsansässigen Ärzte.“

„Und das ist Charles Ainsley.“ Der Mann, der den Puls gemessen hatte, sah Sam an. „Er ist dreiundsechzig. Wenn es das Herz ist, wäre es nicht das erste Mal.“

Anahera konnte nicht weiter zuhören, als er die Vorgeschichte des Patienten schilderte. Ihre Hände zitterten, während sie die Elektroden aus der Tasche zog, um ein Zwölf-Kanal-EKG vorzubereiten.

Sie konnte nicht aufsehen, doch das musste sie auch gar nicht. Diese Männerstimme hätte sie überall auf der Welt erkannt …

Warum war ihr nicht der Gedanke gekommen, dass Luke Wilson an dieser Elite-Konferenz teilnehmen könnte?

Oder hatte sie es insgeheim geahnt? Hätte sie es sonst vermieden, über die bevorstehende Tagung auch nur zu sprechen? Hätte sie nicht unbefangen an der Cocktailparty teilgenommen? Stattdessen verhielt sie sich still wie ein Tier, das vor einem drohenden Gewitter Schutz suchte und wartete, bis die Gefahr gebannt war. Die Wissenschaftler würden ja nicht länger als ein paar Tage bleiben.

Und all das, weil sie fürchtete, dem Mann wiederzubegegnen, den sie bis heute nicht vergessen konnte.

Sie hatte recht gehabt. Allein der Klang seiner Stimme genügte, dass sie am ganzen Körper zitterte. Was würde erst passieren, wenn er sie ansah?

Luke sprach immer noch mit Sam. „… stabile Angina, aber im nächsten Monat steht eine Herzkatheter-Untersuchung an.“

„Lassen Sie uns ein EKG schreiben“, schlug Sam vor. „Haben Sie heute Aspirin eingenommen, Charles? Ihr Nitro-Spray benutzt?“

„Für den Flug hatte ich eine Aspirin zusätzlich geschluckt, aber das Spray zu Hause vergessen.“

„Kein Problem.“ Sam hatte ihm das Hemd aufgeknöpft und streckte die Hand nach den Elektroden aus, an denen Anahera Klebepads befestigt hatte. „Gib mir das Nitro, Ana. Wir sollten ihm auch Sauerstoff verabreichen.“

Ana …

Ihr Name schien in der Luft zu hängen wie ein feines Echo. Hatte Luke ihn gehört? Oder hatte er sie längst erkannt und beachtete sie nur nicht?

Verflixt … Ihre Hand bebte immer noch, während Ana den Deckel von der kleinen Sprühflasche abzog. „Öffnen Sie bitte den Mund“, sagte sie. „Und heben Sie die Zunge …“

Autor

Alison Roberts
Alison wurde in Dunedin, Neuseeland, geboren. Doch die Schule besuchte sie in London, weil ihr Vater, ein Arzt, aus beruflichen Gründen nach England ging. Später zogen sie nach Washington. Nach längerer Zeit im Ausland kehrte die Familie zurück nach Dunedin, wo Alison dann zur Grundschullehrerin ausgebildet wurde.
Sie fand eine Stelle...
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Alison Roberts
Alison wurde in Dunedin, Neuseeland, geboren. Doch die Schule besuchte sie in London, weil ihr Vater, ein Arzt, aus beruflichen Gründen nach England ging. Später zogen sie nach Washington. Nach längerer Zeit im Ausland kehrte die Familie zurück nach Dunedin, wo Alison dann zur Grundschullehrerin ausgebildet wurde.
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