Q - Der Gentlemen's Club

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Q - Der Gentleman's Club des 21. Jahrhunderts: Wo die Reichen, Mächtigen und Leidenschaftlichen zum Spielen hingehen!

VERBOTENE KÜSSE AUF DEM MASKENBALL

Ein schillernder Maskenball an einem streng geheimen Ort. Und als Gäste die einflussreichsten und erfolgreichsten Unternehmer der Welt! Hier hat sich die schöne Ruby Trevelli als Hostess eingeschmuggelt, um von Narciso Valentino das Geld zu fordern, das er ihr schuldet. Doch je näher sie dem gefährlich attraktiven Narciso kommt, desto mehr ist sie von seiner sinnlich-dunklen Aura gebannt. Entsetzt kämpft Ruby gegen ihr Verlangen an, bis sie hinter die Maske des rätselhaften Playboys blickt und dabei in einen Strudel aus Macht und Leidenschaft gerät…

GEFANGENE UNSERER LEIDENSCHAFT

"Das warst du letzte Nacht?" Entsetzt starrt Tiffany den Fremden an. Dieser Mann hat sie auf dem Maskenball des exklusiven Geheimbundes nach allen Regeln der Kunst verführt? Immer noch wird ihr heiß, wenn sie an seine Berührungen denkt! Jetzt sieht sie ihn das erste Mal ohne Maske: Ryzard Vrbancic. Ein Despot, der angeblich keine Gnade und keine Gefühle kennt! Doch kann ein Mann, der so zärtlich ist, wirklich kein Herz haben? Tiffany würde seine Lippen so gerne noch einmal auf ihrer Haut spüren - aber dann müsste sie ihm ihr Geheimnis offenbaren ...

DIE EISKÖNIGIN UND DER MILLIARDÄR

Sie ist eine unwiderstehliche Mischung aus Gefahr und Sünde: Heißes Verlangen erwacht in Nic Carvalho, als er Olympia Merisi erblickt. Doch die Situation spricht leider gegen ihn. Pias Bodyguards haben ihn dabei überrascht, wie er ihre Privaträume durchsuchte. Was er dort wollte? Das wird er der atemberaubend schönen Frau, die das Imperium seines Erzfeindes führt, nicht sagen! Stattdessen wettet er provokant mit ihr, dass sie innerhalb von zwei Wochen nach seiner Liebe bettelt. Nur wenn ihm das nicht gelingt, will er dieser Eiskönigin verraten, wonach er gesucht hat …


  • Erscheinungstag 15.02.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733735463
  • Seitenanzahl 432
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Cover

Maya Blake, Dani Collins, Victoria Parker

Q - Der Gentlemen's Club

IMPRESSUM

JULIA erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

Cora-Logo Redaktion und Verlag:
Postfach 301161, 20304 Hamburg
Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0
Fax: +49(0) 711/72 52-399
E-Mail: kundenservice@cora.de

© 2014 by Maya Blake
Originaltitel: „The Ultimate Playboy“
erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London
in der Reihe: MODERN ROMANCE
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe JULIA
Band 2212 - 2016 by HarperCollins Germany GmbH, Hamburg
Übersetzung: Natasha Klug

Abbildungen: Harlequin Books S.A., alle Rechte vorbehalten

Veröffentlicht im ePub Format in 01/2016 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733702281

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, ROMANA, HISTORICAL, TIFFANY

 

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1. KAPITEL

New York.

Narciso Valentino betrachtete die Schatulle, die ihm geliefert worden war. Sie war groß, aus feinstem Leder gefertigt und mit Samt bezogen.

Und sie besaß einen Verschluss aus vierundzwanzigkarätigem Gold.

Unter normalen Umständen hätte er bei ihrem Anblick einen Anflug von Vorfreude verspürt. Doch irgendwie hatte Tristesse von seinem Leben Besitz ergriffen, seit er im vergangenen Monat dreißig geworden war. Es kam ihm fast so vor, als wäre alle Freude aus ihm entwichen, wie die Luft aus einem Ballon. Lucia hatte ihm vorgeworfen, dass er zu einem langweiligen alten Mann geworden war, bevor sie vor etwas mehr als zwei Wochen aus seinem Leben verschwunden war.

Er gestattete sich ein feines Lächeln, als er an das Männerwochenende dachte, das er sich zur Feier ihres Abgangs gegönnt hatte. Und an die äußerst enthusiastische norwegische Skilehrerin …

Doch nur allzu schnell kehrte die dumpfe Leere wieder zurück.

Narciso stand auf und ging zum Fenster hinüber. Sein Büro lag im siebzigsten Stockwerk und bot einen fantastischen Ausblick auf die Skyline von New York. Ein nicht unbedeutender Anteil dieser gewaltigen Metropole gehörte ihm, und er verspürte Befriedigung bei diesem Gedanken.

Geld war sexy. Geld war Macht. Und der Hexenmeister der Wallstreet, wie die Zeitungen ihn nannten, hatte sich selbst die Verlockungen von Macht und Sex niemals verwehrt.

Die Gelegenheit, gleich zwei seiner Leidenschaften auszuleben, präsentierte sich ihm in der Schatulle auf seinem Schreibtisch. Und doch hatte er sie nun bereits seit einer Stunde ungeöffnet vor sich liegen lassen …

Entschlossen schüttelte er die Lethargie ab, die von ihm Besitz ergriffen hatte, kehrte zu seinem Schreibtisch zurück und öffnete die Schatulle.

Darin lag, gebettet auf schwarzem Satin, eine präzise gefertigte silberne Halbmaske, verziert mit schwarzem Onyx und glitzernden Kristallen. Narciso wusste Sorgfältigkeit und Präzision zu schätzen. Es waren die Eigenschaften, die ihn mit gerade einmal achtzehn Jahren zum Millionär und mit fünfundzwanzig zum Multimilliardär gemacht hatten.

Unter anderem verdankte er seinem Reichtum den Zugang zu Q Virtus – dem exklusivsten Herrenclub der Welt, der seine Mitglieder einmal im Quartal zu einer Versammlung lud.

Und genau diese Versammlung war der Grund für die Maske.

Er nahm sie aus ihrer Verpackung und drehte sie so, dass er die Rückseite betrachten konnte, die mit einem Security-Mikrochip versehen war. Außerdem fand er dort seinen Namen – Der Hexenmeister – eingraviert, sowie den Veranstaltungsort des kommenden Treffens.

Q Virtus, Macao.

Langsam fuhr er mit dem Daumen über die samtige Oberfläche, in der Hoffnung, ein wenig Begeisterung in sich entfachen zu können. Erfolglos. Er legte die Maske zur Seite und musterte den zweiten Gegenstand in der Schachtel.

Die Liste.

Zeus, der anonyme Kopf von Q Virtus, versorgte die Clubmitglieder stets mit einer diskreten Aufstellung von potenziellen Geschäftskontakten, die an der Versammlung teilnehmen würden.

Rasch überflog Narciso die Liste und atmete scharf ein, als er unerwartet einen Namen darauf entdeckte, den er nur zu gut kannte. Aufregung erfasste ihn.

Giacomo Valentino – mein allerliebster Vater.

Er ging die übrigen Teilnehmer durch, um festzustellen, für wen es sich noch lohnen würde, dort zu erscheinen. Aber wem versuchte er hier eigentlich etwas vorzumachen? Ein einziger Name war entscheidend gewesen, auch wenn es noch ein oder zwei andere gab, die sein Interesse als Geschäftsmann weckten.

Doch es war Giacomo, mit dem er sich beschäftigen wollte. Wobei beschäftigen vielleicht das falsche Wort war.

Er legte die Liste beiseite und schaltete seinen Laptop ein. Nachdem er das Passwort eingegeben hatte, öffnete er den Ordner, den er über seinen Vater angelegt hatte. Die Berichte, die er in regelmäßigen Abständen von seinem Privatermittler erhielt, deuteten an, dass sich der alte Mann ein wenig von dem Schlag erholt hatte, den er ihm vor drei Monaten versetzt hatte.

Ein wenig, aber nicht vollkommen.

Innerhalb von Minuten war Narciso über die letzten Businessdeals seines Vaters auf dem Laufenden. Er gab sich nicht der Illusion hin, ihm gegenüber damit irgendeinen Vorsprung zu besitzen. Er wusste ganz genau, dass sein Vater eine ganz ähnliche Akte über ihn besaß. Aber das Spiel wäre nicht so interessant, wenn alle Vorteile nur auf einer Seite lägen. Dennoch befriedigte es Narciso sehr, dass er drei ihrer letzten vier Gefechte für sich hatte entscheiden können.

Sein Handy fing an zu summen, als er gerade über den nächsten Schritt in seiner Vernichtungskampagne nachdachte. Die Nachricht stammte von Nicandro Carvalho, der so etwas wie sein bester Freund war.

Steckst du noch immer im verfrühten Midlife-Crisis-Modus fest, oder bist du bereit, das LAM-Image abzuschütteln?

LAM – langweiliger alter Mann. Narcisos Mundwinkel zuckten kaum merklich, als er seine Antwort eintippte:

LAM gehört der Geschichte an. Lust, dir eine Lektion beim Poker erteilen zu lassen?

Nicandros Antwort – Träum weiter, alter Junge – brachte ihn das erste Mal seit Wochen zum Lachen.

Er fuhr seinen Laptop herunter und klappte den Deckel zu. Erneut fiel sein Blick auf die Maske. Er nahm sie auf und verstaute sie in seinem Safe. Dann streifte er sich seine Anzugjacke über.

Zeus würde seine Antwort am Morgen erhalten – sobald Narciso sich darüber im Klaren war, wie er seinen Vater ein für alle Mal zur Strecke bringen wollte.

Das Internet konnte mitunter beängstigend sein. Aber es war auch ein nützliches Werkzeug, wenn es darum ging, Jagd auf einen aalglatten Mistkerl zu machen.

Ruby Trevelli saß im Schneidersitz auf ihrem Sofa, den Blick starr auf den blinkenden Cursor gerichtet, der auf ihre Eingabe wartete. Dass sie auf Online-Recherchen angewiesen war, um eine Lösung für ihr Problem zu finden, behagte ihr nicht. Sie hatte stets darauf geachtet, sich von allem fernzuhalten, was mit Social Media zu tun hatte. Ein einziges Mal war sie so leichtsinnig gewesen, ihren Namen in eine Suchmaschine einzugeben. Die Flut an falschen Informationen hatte sie so entsetzt, dass sie seither einen großen Bogen um solche Dinge machte.

Natürlich gab es auch eine Menge über ihre Eltern zu entdecken. Dinge, die sie fürs Leben gezeichnet hätten, wäre sie das nicht bereits gewesen.

Heute Nacht aber hatte sie keine andere Wahl. Denn obwohl es Tausende Seiten über die Narciso Media Corporation gab, war es ihr doch nicht gelungen, mit irgendjemandem zu sprechen, der ihr weiterhelfen konnte. Allein eine Stunde war dafür draufgegangen, herauszufinden, dass ein dreißigjähriger Milliardär namens Narciso Valentino der Besitzer von NMC war.

Sie schnaubte. Wer, um Himmels willen, nannte sein Kind Narciso? Auf der anderen Seite hatte der einzigartige Name ihr die Suche mehr als erleichtert.

Noch einmal atmete sie tief durch, dann gab sie die nächsten Schlagwörter ein: Narcisos New Yorker Treffpunkte. Über zwei Millionen Ergebnisse wurden angezeigt.

Na, wunderbar!

Sie versuchte es noch einmal: „Wo ist Narciso Valentino heute Abend?“

Erneut warf die Suchmaschine eine große Anzahl an Treffern aus. Der erste Link führte zu einer Boulevardzeitung, mit der sie im zarten Alter von zehn Jahren zum ersten Mal Bekanntschaft geschlossen hatte. Auf eine Art und Weise, an die sie sich nicht gern zurückerinnerte. Sie hatte damals gerade zum Geburtstag ihren ersten eigenen Laptop bekommen. Als sie damit online ging und über die Homepage der Zeitung stolperte, war sie dort von einem riesigen Bild ihrer Eltern begrüßt worden.

Seitdem hatte sie die Boulevardpresse gemieden – ebenso wie sie es heutzutage vorzog, ihre Eltern zu meiden.

Sie fühlte einen dumpfen Schmerz in ihrer Brust, ignorierte ihn jedoch und rief stattdessen eine Ortungs-App auf. Im ersten Moment konnte sie kaum glauben, dass es tatsächlich so einfach sein sollte, ihn zu finden. Die App zeigte eine Liste von Prominenten an, die freimütig ihren Aufenthaltsort bekannt gaben – darunter einen, der gerade in diesem Moment an einer Filmpremiere am Times Square teilnahm.

Rasch schaltete sie den Fernseher ein. Sie musste nicht lange suchen, bis sie einen Sender entdeckte, der die Premiere live übertrug. Tatsächlich schritt soeben besagter Filmstar über den roten Teppich und schenkte den Fans sein Tausend-Watt-Lächeln.

Also stimmten die Angaben der App. Sie suchte die Liste nach Narcisos Namen ab. Daneben stand der Name eines kubanisch-mexikanischen Nachtclubs – des Riga – in Manhattan.

Ruby warf einen Blick auf die Uhr über dem Fernseher und überlegte kurz. Wenn sie sich beeilte, konnte sie es in etwas weniger als einer Stunde schaffen. Ihr Herz flatterte vor Aufregung bei dem Gedanken an das, was sie vorhatte. Sie verabscheute die direkte Konfrontation, doch nach wochenlanger fruchtloser Suche nach einer Lösung war sie jetzt endgültig mit den Nerven am Ende.

Sie hatte die Koch-Talent-Show des TV Senders NMC gewonnen und jeden Cent zusammengekratzt, um ihre Hälfte der einhunderttausend Dollar zusammenzubekommen, die sie für das Startkapital ihres Restaurants – dem erst zur Hälfte fertig gestellten Dolce Italia – benötigte.

Von Simon Whittaker, ihrem ehemaligen Geschäftspartner, der fünfundzwanzig Prozent am Dolce Italia hielt, konnte sie keine Hilfe erwarten. Sie ballte die Hände zu Fäusten, als sie an ihr letztes Zusammentreffen mit ihm dachte. Zu erfahren, dass er verheiratet war und demnächst Vater werden würde, hatte sie maßlos enttäuscht. Sein Versuch, sie trotzdem in sein Bett zu bekommen, hatte schlagartig die zarten knospenden Gefühle absterben lassen, die in ihr herangewachsen waren.

Und was tat er? Ein höhnisches Lachen war seine einzige Reaktion gewesen, als sie ihn wegen seiner geplanten Untreue zur Rede stellte. Doch Ruby war bei ihren Eltern einmal zu oft Zeuge davon geworden, was ein solches Verhalten mit einer Ehe anrichtete. Simon aus ihrem Leben zu streichen war eine schmerzhafte, aber absolut richtige Entscheidung gewesen.

Nun, da sie sich nicht länger auf ihn und seinen Geschäftssinn verlassen konnte, lag die gesamte finanzielle Verantwortung auf ihren Schultern. Deshalb auch die Suche nach Narciso Valentino. Sie musste ihn, den Besitzer von NMC, daran erinnern, die Versprechungen, die seine Firma gemacht hatte, einzuhalten.

Ein Vertrag war und blieb nun mal ein Vertrag.

Knapp anderthalb Stunden später näherte sie sich dem roten Ziegelgebäude, in dem sich das Riga befand. Sie hoffte, Narciso hier tatsächlich anzutreffen und mit ihm alles klären zu können. Ihre Füße schmerzten in den High Heels, die für das unebene Pflaster vor dem Club nicht gemacht waren.

Sie umrundete gerade eine riesige Pfütze, die der letzte Regenschauer hinterlassen hatte, als ein tiefes Männerlachen ihre Aufmerksamkeit erregte.

Ein bulliger Türsteher öffnete für zwei Männer und deren atemberaubend attraktiven Begleiterinnen die Absperrung des VIP-Eingangs, als diese den Club verließen. Der erste Mann war attraktiv genug, um einen zweiten Blick zu rechtfertigen, doch es war der andere, der Rubys Interesse weckte. Der, dessen pechschwarzes Haar wie ein Vorhang über die rechte Seite seines Gesichtes fiel.

Ihr stockte der Atem. Noch nie war sie einem Mann mit einer derart überwältigenden Ausstrahlung begegnet. Seine Aura ließ alles und jeden um sich herum in den Hintergrund treten.

Wie benommen starrte sie ihn an. Seine geschwungenen Brauen, die wie in Marmor gemeißelten Wangenknochen und sinnlichen Lippen, die ekstatische Freuden versprachen.

„Hey, Miss, wird das heute noch was?“

Die Stimme des Türstehers ließ sie schlagartig wieder in die Realität zurückkehren. Dennoch gelang es ihr nicht, den Blick von ihm abzuwenden.

Sie beobachtete, wie die Blondine an seiner Seite ihm ein Lächeln schenkte. Seine Hand, die gerade noch auf ihrer Hüfte lag, rutschte tiefer und strich flüchtig über ihren Po, bevor er ihr in die schwarze Limousine half, die soeben am Straßenrand gehalten hatte. Kurz darauf war auch er im Inneren des Wagens verschwunden, und der irritierend intime Moment, der Ruby in seinen Bann geschlagen hatte, war vorüber.

Die Limousine fuhr los und fädelte sich in den Straßenverkehr ein.

Ruby atmete tief durch. So etwas war ihr überhaupt noch nie passiert.

Der Türsteher räusperte sich vernehmlich, und sie drehte sich zu ihm um. „Können Sie mir sagen, wer der Mann war, der da gerade in die Limousine gestiegen ist?“

Er hob eine Braue.

Ruby schüttelte seufzend den Kopf. „Nein, natürlich nicht“, beantwortete sie sich ihre Frage selbst. Sie war sich ohnehin ziemlich sicher, dass sie Narciso Valentino soeben verpasst hatte. „Das ist so was wie Türsteher-Schweigepflicht, richtig?“

„Sie haben’s erfasst“, erwiderte er grinsend. „Also, was ist? Wollen Sie jetzt rein oder nicht?“

„Ich will“, sagte Ruby, obwohl ihre Befürchtungen, was Valentino betraf, sich noch verstärkt hatten.

„Na, dann mal hereinspaziert.“ Der Türsteher drückte einen Stempel auf ihr Handgelenk, schaute zu ihr auf und fügte noch einen zweiten hinzu. „Zeigen Sie den an der Bar, und Sie bekommen den ersten Drink auf Kosten des Hauses.“ Er zwinkerte ihr zu.

Und so stand sie eine Stunde später, einen mittlerweile lauwarmen Cocktail in der Hand, an der Bar und gestand sich ein, dass Narciso Valentino genau der Mann gewesen war, den sie draußen gesehen hatte.

Sie wollte gerade aufbrechen und nahm den letzten Schluck von ihrem Drink, als Stimmen aus der angrenzenden VIP-Area ihre Aufmerksamkeit erregten.

„Bist du sicher?“

„Natürlich bin ich das. Narciso wird da sein.“

Unauffällig blickte sie in Richtung der zwei Frauen, die im abgesperrten Bereich standen. Ihr teurer Schmuck und die Designerkleider kosteten vermutlich mehr, als Ruby im ganzen Jahr verdiente. Sie fühlte sich alles andere als wohl dabei, das Gespräch der beiden einfach so zu belauschen – doch was blieb ihr anderes übrig?

„Woher willst du das wissen?“, fragte die Blonde. „An den letzten Events hat er jedenfalls nicht teilgenommen.“

„Ich hab’s dir doch gesagt“, entgegnete die Rothaarige. „Ich habe gehört, wie er mit dem anderen Kerl darüber gesprochen hat. Ich muss unbedingt einen Job als Petit Q-Hostess ergattern. Das könnte meine große Chance sein!“

„Und dafür willst du dich in ein Clownskostüm stecken lassen und hoffen, dass er dich zufällig entdeckt?“

„Es sind schon seltsamere Dinge geschehen.“

„Ich würde jedenfalls nicht so weit gehen, nur um einen Typen an die Angel zu bekommen.“

Die Rothaarige verzog schmollend das Gesicht. „Du solltest nicht darüber urteilen, ehe du es nicht ausprobiert hast. Der Job wird außerdem extrem gut bezahlt. Und wenn mir Narciso Valentino dabei über den Weg laufen sollte, werde ich mir diese Chance ganz gewiss nicht durch die Lappen gehen lassen.“

„Okay, ich bin ganz Ohr. Gib mir den Namen der Webseite, und ich schau mir das Ganze an.“ Die Blonde runzelte die Stirn. „Wo, zum Teufel, liegt Macao eigentlich?“

„Hm … Europa, schätze ich.“

Ruby unterdrückte ein Schnauben. Europa? Kopfschüttelnd und mit klopfendem Herzen holte sie das Handy aus ihrer Handtasche und gab den Namen der Webseite ein.

Anderthalb Stunden später sandte sie ein Stoßgebet zum Himmel und schickte das Online-Bewerbungsformular ab, das sie auf dem Heimweg ausgefüllt hatte.

Möglich, dass sich nichts daraus ergab. Dass sie an einem Test oder Vorstellungsgespräch scheiterte, Geld und wertvolle Zeit verschwendete. Und das alles auf die vage Hoffnung hin, dass sie eine Gelegenheit erhielt, mit Narciso Valentino zu sprechen. Aber, verdammt, sie musste es wenigstens versuchen. Denn mit jedem Tag, den sie ungenutzt verstreichen ließ, entfernte sie sich weiter von ihrem Ziel.

Die Alternative – dem Druck ihrer Mutter nachzugeben und ins Familienunternehmen einzusteigen – stand für sie nicht zur Debatte. Im besten Fall würde sie einmal mehr zum Faustpfand werden. Zu einer Person, die ihre Eltern schamlos nutzten, um sich gegenseitig wehzutun. Im schlimmsten Fall versuchten sie, sie wieder ins Rampenlicht zu ziehen.

Auf diese Weise hatten ihre Eltern ihr die Kindheit zur Hölle gemacht. Und Ruby wusste, dass sich in den vergangenen Jahren nichts, aber auch gar nichts geändert hatte. Ihre einzige Freude schien darin zu bestehen, sich gegenseitig das Leben schwer zu machen und die ganze Welt daran teilhaben zu lassen.

Die Ricardo & Paloma Trevelli Show wurde zur Hauptsendezeit ausgestrahlt. Die Pseudo-Reality-Reihe lief schon, so lange Ruby zurückdenken konnte. Sie war damit aufgewachsen. Es hatte zum Alltag gehört, stets von mindestens zwei Kamerateams verfolgt zu werden, die jeden Schritt dokumentierten, den sie und ihre Eltern machten.

Die Teams der Fernsehcrews waren für sie zu erweiterten Familienmitgliedern geworden. Für ein paar Monate, als die Show sie zum beliebtesten Mädchen der Schule gemacht hatte, war es ihr gelungen, sich selbst einzureden, dass sie damit zurecht kam. Doch dann flog der erste Seitensprung ihres Vaters auf.

Sein öffentliches Eingeständnis, fremdgegangen zu sein, ließ die Einschaltquoten in die Höhe schnellen. Und ihre Mutter, die vor laufenden Kameras über ihr gebrochenes Herz sprach, landete weltweit in den Schlagzeilen. Beinahe über Nacht wurde die TV-Show in die ganze Welt verkauft und brachte ihren Eltern noch mehr traurige Berühmtheit. Die nachfolgende Versöhnung und die Erneuerung ihres Ehegelübdes begeisterten das Publikum.

Nachdem ihr Vater zum zweiten Mal seine Untreue eingestanden hatte, wurde Ruby von Fremden auf der Straße angesprochen, die sie entweder dafür bedauerten oder beschimpften, eine Trevelli zu sein.

Sie war froh gewesen, auf ein College an der Westküste gehen zu können. Doch selbst dort war es ihr nicht gelungen, ihre Vergangenheit abzuschütteln. Es hatte sich rasch herausgestellt, dass sie kein anderes Talent besaß als das fürs Kochen.

Die Erkenntnis, dass die Trevelli-Gene so stark in ihr wirkten, hatte sie bis tief in die Grundfesten ihrer selbst erschüttert. Das war der Grund dafür, dass sie Simon einfach so aus ihrem Leben verbannen konnte. Und dass sie sich geschworen hatte, ihre Eltern niemals wieder ihr Leben kontrollieren zu lassen.

Deshalb war es auch so wichtig für sie, mit Narciso Valentino zu sprechen.

Unwillkürlich musste sie wieder daran denken, wie sie ihn draußen vor dem Riga gesehen hatte. Und einmal mehr verspürte sie diese Erregung, die sich, von ihrem Bauch ausgehend, in ihrem ganzen Körper ausbreitete.

Um Himmels willen, was tat sie hier eigentlich? Wie konnte sie auf diese Weise für einen Mann empfinden, den sie überhaupt nicht kannte?

Sie schüttelte über sich selbst den Kopf. Ihr Verhalten war einfach absurd.

Das Summen ihres Telefons riss sie aus ihren Grübeleien. Sie öffnete die Nachricht, die soeben eingegangen war, und blinzelte.

Offenbar hatte ihr Lebenslauf beeindrucken können.

Sie atmete tief durch.

Nun musste sie auf ihrem Weg, eine Petit Q zu werden, nur noch ein Vorstellungsgespräch hinter sich bringen.

2. KAPITEL

Macao, China.

Eine Woche später.

Für Rubys Geschmack saß die rote bodenlange Robe ein wenig zu eng, und der schulterfreie Schnitt zeigte ein bisschen zu viel Dekolleté. Doch sie wusste, im Grunde konnte sie froh sein, wies das teure Designerkleid sie doch als Petit Q aus.

Vorsichtig, um nicht versehentlich mit den Absätzen ihrer High Heels auf den Saum zu treten, durchquerte sie das mit Marmor ausgelegte Hotelfoyer. Die Blicke, die ihr dabei folgten, bereiteten ihr leises Unbehagen. Aber das war etwas, an das sie sich besser gewöhnte, denn die beiden anderen Outfits, die ihr für das Wochenende zur Verfügung gestellt worden waren, saßen mindestens ebenso knapp und figurbetont. Dennoch konnte sie nichts daran ändern, dass ihr jede Aufmerksamkeit, die ihr zuteil wurde, äußerst unangenehm war.

Doch jetzt war es zu spät, um noch einen Rückzieher zu machen.

Aber was, wenn es ein Fehler gewesen war, hierherzukommen? Wenn Narciso gar nicht auftauchte? Oder wenn er erschien und sie verpasste ihn erneut?

Nein, sie musste ihn finden. Erst recht nach dem Telefonanruf, den sie vor ein paar Tagen erhalten hatte.

Die Stimme am anderen Ende der Leitung war zwar ruhig, aber dennoch bedrohlich gewesen. Simon hatte seine fünfundzwanzig Prozent an ihrem Unternehmen an eine dritte Partei verkauft.

„Wir werden uns demnächst mit Ihnen in Verbindung setzen, um uns über Zinsen und Zahlungsmodalitäten zu unterhalten“, hatte ihr Gesprächspartner gesagt.

„Da gibt es im Augenblick noch nicht viel zu besprechen“, war Rubys Antwort gewesen. „Das Restaurant ist noch nicht einmal eröffnet.“

„Nun, dann sollten Sie in Ihrem eigenen Interesse dafür sorgen, dass es dazu bald kommt, Miss Trevelli.“

Danach war die Leitung tot gewesen, und für einen Moment hatte Ruby sich gefragt, ob sie das alles vielleicht nur geträumt hatte. Aber sie lebte schon lange genug in New York, um zu wissen, dass Kredithaie eine sehr reale und ernstzunehmende Bedrohung waren.

Und ausgerechnet an einen solchen hatte Simon seine Anteile verkauft.

Ruby war so wütend und zugleich verängstigt gewesen, dass sie sich bereits mehrere Kilometer über dem Indischen Ozean befand, ehe sie sich mit dem Q Virtus – Handbuch befasste. Darin war genau erklärt, was es bedeutete, eine Petit Q zu sein – und zu ihrem Entsetzen war eine Maske fester Bestandteil ihrer neuen Berufskleidung.

Das bevorstehende Q Virtus – Event würde ein Maskenball sein, der an einem geheimen Ort in Macao stattfand. Und das bedeutete, dass auch alle Gäste Masken tragen würden. Wodurch die Chancen, Narciso Valentino ausfindig zu machen, sich noch erheblich reduzierten. Sie atmete tief durch und straffte die Schultern. Nun war sie so weit gekommen – aufgeben kam nicht infrage.

Sie erreichte den Treffpunkt vor dem Hotel und erblickte die Rothaarige aus dem Riga. Die andere Frau musterte sie kurz abschätzend und wandte sich dann mit einem hochmütigen Blick wieder ab.

Eine Limousine mit einem stilisierten Q auf der Beifahrertür fuhr vor dem Hoteleingang vor, und sie stieg gemeinsam mit der Rothaarigen ein. Als sich die Schiebetür hinter ihr schloss, begann ihr Herz wie verrückt zu schlagen. Alles in ihr schrie danach, auf dem Absatz kehrtzumachen und sich in den nächsten Flieger zurück nach Hause zu setzen.

Aber was, wenn dies hier ihre letzte Möglichkeit war? Ein Mann, der ohne mit der Wimper zu zucken tausende von Meilen zurücklegte, um an einem Event von Q Virtus teilzunehmen, der vermochte sich ebenso gut auch einfach in Luft aufzulösen. Sie konnte sich glücklich schätzen, diese Gelegenheit bekommen zu haben. Das Schicksal hatte ihr eine riesige Chance eröffnet. Sie würde sie nicht ungenutzt verstreichen lassen.

Die Limousine rumpelte durch ein Schlagloch und holte Ruby abrupt in die Realität zurück.

Trotz der glitzernden Lichter und der an Las Vegas erinnernden Atmosphäre war das chinesische Erbe der kleinen Insel Macao doch unverkennbar. Sie überquerten die Lotus-Brücke nach Cotai – ihren endgültigen Bestimmungsort –, umgeben von Fahrrädern, Sportwagen und altmodischen Bussen. Es war eine spektakuläre Mischung aus alt und modern.

Keine zehn Minuten später fuhr der Wagen in eine Tiefgarage und hielt schließlich an. Beim Aussteigen blickte Ruby sich neugierig um. Luxuriöse Sportwagen standen Seite an Seite mit aufgemotzten Geländewagen und Stretch-Limousinen. Sie schätzte den Wert von dem, was hier parkte, auf das Bruttoinlandsprodukt eines kleinen Landes.

Zum ersten Mal sah sie nun auch den Rest der Gruppe. Die anderen neunzehn Hostessen waren, wie sie selbst, in rote Roben gekleidet, während die zehn männlichen Hosts rote Jacketts trugen.

Sechs Bodyguards geleiteten sie zu den Aufzügen, und Ruby unterdrückte nur mühsam den Drang davonzulaufen, als sich die Fahrstuhltüren schlossen.

Und dann war es zu spät.

Die Türen öffneten sich wieder und gaben den Blick frei auf glänzenden Parkettboden und einen rot- und goldfarbenen Läufer, der sich über die gesamte Länge des Foyers erstreckte. An den Wänden hingen seidene Teppiche mit asiatischen Drachenmotiven und vor den Fenstern schwere Vorhänge, die die Außenwelt aussperrten. Zwei geschwungene Treppenflügel führten hinab ins untere Stockwerk, in dem mehrere Spieltische – jeder mit einer eigenen Bar und Sitzecke – standen.

Die Veranstaltung hatte offenbar bereits begonnen. Ruby sah maskierte Männer in maßgeschneiderten Smokings. Dazwischen tummelten sich auch einige Frauen in Designerroben, deren atemberaubende Masken kleinen Kunstwerken glichen.

Ruby und ihre Kolleginnen wurden von einer hochgewachsenen, maskierten Frau in Empfang genommen, die sich als leitende Hostess vorstellte und sie in ihre jeweiligen Aufgaben einwies.

Sie versuchte, ihre flatternden Nerven zu beruhigen, als sie die Stufen hinunterging und auf die Bar des vierten Pokertisches zusteuerte.

An einer Bar zu arbeiten, das war etwas, mit dem sie sich auskannte. Rasch checkte sie die Männer, die bereits am Tisch saßen, ab. Keiner von ihnen war der Mann, nach dem sie suchte.

Als die Runde zu Ende war, standen die Spieler auf und machten Platz für die nächste Gruppe. Ein grauhaariger Mann erregte sofort ihre Aufmerksamkeit. Er wirkte wie jemand, der daran gewöhnt war, Anweisungen zu geben. Doch er war zu alt, um Narciso zu sein.

Er schnipste mit den Fingern und bestellte ein Glas sizilianischen Rotwein. Ruby presste die Lippen zusammen und zwang sich, seine Unhöflichkeit zu ignorieren. Fünf weitere Männer platzierten sich rund um den Tisch, sodass nur noch ein letzter Stuhl frei blieb.

Nachdem sie die Drinks serviert hatte, schaute sie von ihrem sicheren Platz hinter der Theke aus zu, wie die Einsätze immer höher und kühner wurden. Als die Tür mit der Aufschrift Black Room neben den Fahrstühlen aufschwang, blickte sie sich um.

Den Mann, der hindurch trat, umgab eine Aura von Macht und Autorität; so überwältigend, dass es Ruby schier den Atem raubte. Sie beobachtete, wie die Chef-Hostess auf ihn zu eilte, doch er hob nur eine Hand und winkte sie fort. Beim Anblick seiner feingliedrigen eleganten Finger durchzuckte Ruby die Erkenntnis wie ein Blitz.

Ihr Mund war staubtrocken, als er auf ihre Bar zukam. Silbergraue Augen hielten ihren Blick gefangen, schienen sich in sie hineinzubohren, um ihr jedes noch so kleine Geheimnis zu entlocken. Sein Lächeln verblasste langsam, während er sie weiterhin anstarrte und eine Braue hob.

Dann wanderte sein Blick an ihr hinunter, verharrte kurz bei ihren Brüsten, ehe er auch den Rest von ihr in Augenschein nahm. Sie spürte, wie ihr Körper auf seine intensive, fast schon erotische Musterung reagierte, und ihr stockte der Atem.

Narciso Valentino.

Ja, er musste es sein. Sie war sich so sicher, dass sie ihren letzten Dollar darauf verwettet hätte.

„Geben Sie mir etwas zu trinken, cara mia. Ich sterbe vor Durst.“

Seine Stimme klang heiser und rauchig; pure Sünde.

Ruby atmete tief durch. Warum, zum Teufel, waren ihre Hände plötzlich so feucht?

Er räusperte sich leise, und ihr wurde klar, dass sie ihn die ganze Zeit angestarrt hatte. Sie rief sich selbst zur Ordnung. „Was … was darf ich Ihnen bringen?“

Sein Blick wanderte wieder abwärts. Sie konnte förmlich spüren, wie er über ihren Hals glitt und die Stelle fixierte, wo ihr Puls wie ein erschrockener Vogel flatterte.

„Überraschen Sie mich.“

Damit wandte er sich von ihr ab. Während er sich an den freien Platz am Pokertisch setzte, starrte er unverwandt den silberhaarigen Mann an. Unversöhnlicher Hass blitzte in seinen grauen Augen. Der ältere Mann starrte zurück. Seine ganze Haltung drückte Abneigung aus.

Die Luft schien mit einem Mal vor Feindseligkeit zu prickeln. Unwillkürlich beschleunigte sich Rubys Herzschlag noch um einen weiteren Takt.

Wie magnetisch angezogen wanderte ihr Blick wieder zu Narciso Valentino zurück. Sofort musste sie wieder an jenen Abend vor dem Nachtclub denken.

Reiß dich zusammen!

Der Ältere hatte vorhin nach einem sizilianischen Rotwein verlangt, aber sie schätzte, dass Narciso der Sinn nach etwas anderem stand. Sie begutachtete das Angebot ihrer Bar und entschied sich schließlich, einen neuen Cocktail für ihn zu mixen.

Ihre Finger zitterten leicht, als sie den Pokertisch erreichte und den Drink neben Narciso abstellte.

Er riss seinen Blick lange genug von dem älteren Mann los, um den blassgoldenen Drink zu mustern und dann zu ihr aufzuschauen. „Was ist das?“, fragte er.

„Das ist eine … Macao Granate“, platzte sie mit dem ersten Namen heraus, der ihr dafür einfiel.

Langsam hob er eine Braue und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Granate?“ Noch einmal schweifte sein Blick über ihren Körper und verharrte dort, wo ein Schlitz im Kleid ihre langen, leicht gebräunten Beine entblößte. „Und? Würden Sie sich selbst auch in diese Kategorie einordnen? Das Potenzial dazu hätten Sie …“

Ruby schluckte. Sie kannte diese Sorte von Männern. Wenn sie etwas entdeckten, was ihnen gefiel, nahmen sie es sich – ganz gleich, was es kostete.

„Nein“, sagte sie kühl. „So heißt nur der Drink.“

„Den Namen habe ich noch nie gehört.“

„Er ist meine eigene Kreation.“

„Ah.“ Er nippte daran, ohne Ruby aus den Augen zu lassen. „Ich mag ihn. Sie können mir jede halbe Stunde einen davon bringen, bis ich etwas anderes sage.“

Sie atmete tief durch. Ob jetzt ein guter Moment war, um ihn um ein Gespräch unter vier Augen zu bitten?

„Gibt es ein Problem?“, fragte er.

Mühsam räusperte sie sich. „Nun ja. Es gibt hier nirgendwo Uhren, und ich habe auch keine, also …“

Der silberhaarige Mann fluchte leise, doch Narciso wirkte vollkommen ungerührt. „Geben Sie mir Ihre Hand.“

Rubys Augen weiteten sich. „Wie bitte?“

„Ich sagte: Geben Sie mir Ihre Hand.“

Ein wenig benommen kam sie seiner Aufforderung nach. Er zog seine äußerst kostspielig aussehende Armbanduhr ab und streifte sie ihr über. Als er dabei mit den Fingern über die Innenseite ihres Handgelenks strich, atmete sie scharf ein und zog ihre Hand abrupt zurück.

„Damit dürfte sich das Problem erledigt haben.“

Ihr Herz raste.

„Verdammt, dauert das noch lange? Bist du zum Spielen hier, oder um deine neuesten Anmachsprüche auszuprobieren?“, fauchte der ältere Mann, dessen Worten ein leichter Akzent anhaftete, der Ruby vage bekannt vorkam.

Narcisos silbergraue Augen fixierten ihn hart. Und obwohl er weiterhin gelassen an seinem Cocktail nippte, prickelte die Luft sogleich wieder vor unterdrückter Feindseligkeit.

„Bereit für eine weitere Lektion, alter Mann?“

„Wenn diese beinhaltet, dass du Respekt vor denen lernst, die dir überlegen sind, dann kann ich es kaum erwarten.“

Hastig zog Ruby sich wieder hinter die Bar zurück und zwang sich, ruhig und tief durchzuatmen. Was immer da auch gerade passiert war, als er sie mit seinen fesselnden Augen in seinen Bann geschlagen hatte – sie durfte nicht zu viel hineininterpretieren. Es war nicht gut, sich von irgendwelchen Gefühlen leiten zu lassen, die sie nur in die Irre führen konnten.

Konzentriere dich!

Sie warf einen Blick auf die Armbanduhr. Es war ein wirklich exquisites Stück. Von der Marke hatte sie schon einmal etwas gehört. Diese Uhren kosteten ein kleines Vermögen.

Ihre Finger strichen darüber, und ihr Puls beschleunigte sich unvermittelt, als sie daran dachte, wie er sie angesehen hatte, als er ihr die Uhr übers Handgelenk streifte. Unruhig verlagerte sie ihr Gewicht von einem aufs andere Bein, als allein der Gedanke Hitze zwischen ihren Schenkeln pulsieren ließ.

Verflixt, nein!

Im Gegensatz zu ihren Eltern hatte sie ihre Emotionen unter Kontrolle. Sie war nicht die leichtgläubige Närrin, als die Simon sie bezeichnet hatte. Sie besaß ein Ziel – und die Entschlossenheit, es zu erreichen.

Exakt eine halbe Stunde später trat sie mit einem frischen Drink wieder an den Tisch, fest entschlossen, sich nicht noch einmal so von Narciso beeindrucken zu lassen. Aus der Nähe betrachtet wirkten seine Schultern sogar noch breiter, noch eindrucksvoller. Als er sich in seinem Stuhl aufrichtete, bewegte er sich mit einer fließenden Eleganz, die Ruby an ein Raubtier auf der Jagd erinnerte.

Den Blick fest auf den weinroten Samtbezug des Tisches gerichtet, stellte sie den Drink auf dem dafür vorgesehenen Untersetzer ab und nahm das fast leere Glas vom Tisch.

Er schaute kurz zu ihr auf. „Grazie.“

Der Klang ihrer Muttersprache aus seinem Munde brachte ihren Magen zum Flattern.

Prego“, antwortete sie automatisch, ehe sie sich davon abhalten konnte. Sie biss sich auf die Unterlippe und bemerkte, dass er sie beobachtete. Ein aggressives Funkeln lag in seinen Augen.

„Den nächsten Drink will ich in fünfzehn Minuten.“ Sein Blick kehrte zu seinem Gegner zurück, der seit der letzten Getränkerunde ein wenig blasser geworden zu sein schien. „Ich habe das Gefühl, dass ich bis dahin fertig sein werde. Es sei denn, du möchtest, jetzt, wo du zurückliegst, lieber aufhören.“ Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, das seine Augen nicht erreichte.

Der ältere Mann zischte ihm etwas zu, das Ruby nicht ganz verstand. Zwei Spieler legten ihre Karten zusammen und verließen den Tisch.

Narciso und sein älterer Gegenspieler wechselten hasserfüllte Blicke. Gemächlich breitete Narciso seine Karten auf dem roten Samt aus, und der Silberhaarige tat es ihm nach. Als dieser leise lachte, schaute Ruby sich die Karten an.

Sie kannte sich nicht besonders gut mit Poker aus, trotzdem begriff selbst sie, dass er das bessere Blatt hatte. Sie hielt den Atem an, doch Narciso blieb vollkommen ungerührt. Keine Regung in seiner Miene deutete an, dass er soeben mehrere Millionen Dollar verloren hatte.

„Gib auf, alter Mann.“

„Niemals.“

Zehn Minuten später entschied Narciso die nächste Runde für sich. Giacomo ungläubig ächzen zu hören empfand er als extrem befriedigend. Aber es war das scharfe Einatmen der Frau, die neben ihm stand, das seine Aufmerksamkeit erregte.

Er gestattete sich noch nicht, sie anzusehen. Sie hatte sich bereits als äußerst ablenkend erwiesen. Doch das, was er mit ihr vorhatte, musste noch eine Weile warten. Für den Augenblick genoss er den süßen Triumph, Schweißperlen auf Giacomos Stirn schimmern zu sehen.

Sie spielten seit kaum mehr als einer Stunde, und trotz einer verlorenen Runde hatte Narciso ihn bereits um mehrere Millionen Dollar erleichtert. Wie üblich hatte Giacomo sich von der Aussicht verlocken lassen, seinen Sohn vernichtend zu schlagen. Narciso hatte gewusst, dass er dem Köder nicht würde widerstehen können.

Sein Blick wanderte wieder zu der hinreißenden Frau in Rot, die ihn mit einem Hauch von Argwohn und unverhohlenem Interesse beobachtete.

Ihr seidiges, cognacfarbenes Haar bettelte geradezu darum, von ihm berührt zu werden. Ebenso wie ihr verlockender Schmollmund, den sie gedankenverloren berührte, immer wenn er eine Hand gewann.

Und dann dieser Körper, Dio! Was für ein prachtvolles Geschöpf.

Ein Geschöpf, das er heute Nacht besitzen wollte. Sie sollte das Sahnehäubchen für ihn sein. Eines, das er zunächst mit großem Vergnügen genießen würde, ehe er es verschlang.

Aber zunächst …

„Gibst du auf?“, fragte er, obwohl er die Antwort im Grunde bereits kannte. In vielerlei Hinsicht waren Giacomo und er sich unglaublich ähnlich. Was angesichts der Tatsache, dass sie Vater und Sohn waren, nicht sonderlich überraschen sollte.

Mit dem Unterschied, dass sie sich abgrundtief hassten.

„Nur über meine Leiche.“ Giacomo schnipste auffordernd mit den Fingern in Richtung des Croupiers und warf seinen letzten Platin-Chip auf den Tisch.

Ein Chip, der fünf Millionen Dollar wert war.

Narciso verzog keine Miene. Neben ihm schnappte die Hostess überrascht nach Luft. Si, er würde mit ihr heute Nacht noch sehr viel Spaß haben. Bisher hatte er angenommen, dass sein Triumph über Giacomo während seines Aufenthalts in Macao sein einziges Vergnügen sein würde. Deshalb hatte er die Konfrontation mit seinem Vater auch direkt herbeigeführt, anstatt ihn erst noch ein wenig zappeln zu lassen. Er hatte die Sache hinter sich bringen und so schnell wie möglich wieder verschwinden wollen.

Jetzt aber …

Er spürte, wie seine Hose im Schritt unkomfortabel eng wurde, als er zu der Schönen aufblickte. Ihre Lippen schimmerten verlockend, und in ihren Augen glaubte sie dieselbe erwartungsvolle Erregung zu sehen, die auch er selbst verspürte.

Mit einem eindeutigen Blick ließ er sie wissen, dass er sich für sie interessierte, und beobachtete zufrieden, wie eine feine Röte die zarte Haut ihres Dekolletés überzog.

Dio, sie war wirklich bezaubernd. Sie schaffte es, trotz des viel zu eng sitzenden Kleides, unschuldig zu wirken. Und doch war sie hier …

Er schüttelte den Gedanken ab. Er hatte schon lange aufgehört, die Handlungsweisen anderer Menschen verstehen zu wollen. Andernfalls hätte er sich wohl mit dem Versuch in den Wahnsinn getrieben, zu ergründen, warum sein eigener Vater ihn so sehr verabscheute. Oder warum Marias Verrat sich immer noch anfühlte, als würde man ihm einen Dolch in die Eingeweide rammen.

No.

Der Zug war schon lange abgefahren. Was brachte es, darüber nachzudenken? Das kostete nur Zeit – und seine Zeit war ein mehr als kostbares Gut.

Seinen Blick auf die Hostess gerichtete stürzte er seinen Drink hinunter und hielt ihr sein leeres Glas hin. „Ich bin schon wieder durstig, amante.“

Mit einem knappen Nicken schritt sie davon und kehrte wenige Minuten später mit einem weiteren Drink zurück. Als sie wieder gehen wollte, umfasste er ihre Taille.

„Bleiben Sie“, sagte er. „Sie scheinen mir Glück zu bringen.“

„Eine Schande, dass du eine Frau brauchst, um zu gewinnen“, höhnte Giacomo.

Narciso beachtete ihn nicht und nickte dem Kartengeber zu. Er wollte das Spiel so schnell wie möglich zu Ende bringen und dieses magische Wesen besitzen. Sie war sein Preis dafür, dass er aus der Konfrontation mit seinem Vater als Sieger hervorging.

Giacomo warf seinen Chip auf den Stapel. Ein Gefühl von Wut, die niemals ganz vergehen wollte, schnürte Narciso die Kehle zu. Solange er zurückdenken konnte, hatte sein Vater ihn genauso behandelt wie diesen Chip – gleichgültig. Unter all dem Zorn und der Bitternis drohte eine Wunde wieder aufzubrechen, die er schon lange verheilt geglaubt hatte.

Er ignorierte es und nahm seine Karten vom Tisch auf. „Lass uns den Einsatz erhöhen“, forderte er.

Augen, den seinen einmal so ähnlich, mit zunehmendem Alter aber trüber geworden, funkelten ihn an. „Du glaubst, dass du irgendetwas besitzt, was ich gerne haben würde?“

„Ich glaube nicht, sondern weiß, dass es so ist.“

„Also?“

„Die Technologiefirma, die du letzten Monat an mich abtreten musstest. Wenn ich diese Runde verliere, gebe ich sie dir zurück – zusammen mit all dem hier.“ Er nickte zu dem Stapel Chips auf dem Tisch, deren Wert sich locker auf mehr als dreißig Millionen belief.

„Und sollte ich verlieren?“ Die vorgetäuschte Selbstsicherheit, die der Stimme seines Vaters mitschwang, brachte Narciso fast zum Lachen.

Aber nur fast.

„In dem Fall gibst du mir den anderen Fünf-Millionen-Dollar-Chip, von dem ich weiß, dass du ihn in der Tasche hast, und ich lasse dir im Gegenzug dein neuestes Silicon Valley Startup-Unternehmen.“

Giacomo grinste spöttisch, aber Narciso konnte förmlich sehen, wie es hinter seiner Stirn ratterte.

Dreißig Millionen gegen zehn.

Er wartete. Der betörende Duft der Hostess stieg ihm in die Nase. Unfähig, der Versuchung zu widerstehen, ließ er seine Hand von ihrer Taille aus nach unten wandern. Durch den dünnen Stoff ihres Kleides glaubte er die Umrisse eines Tangaslips auszumachen, und wieder verspürte er eine deutliche Reaktion in seinen intimsten Körperregionen.

Sie versuchte, sich von ihm loszumachen. Er zog sie zurück zu sich heran und hörte, wie sie nach Luft schnappte.

„Mein Angebot läuft in zehn Sekunden ab“, setzte er seinen Vater unter Druck.

Giacomo griff in die Innentasche seines Smokings und warf den zweiten Chip auf den Tisch. Dann breitete er seine Karten auf dem roten Samt aus.

Vier Könige.

Narciso brauchte seine eigenen Karten nicht anzusehen, um zu wissen, dass er gewonnen hatte. Und dennoch – der Triumph, den er zu verspüren erwartet hatte, blieb aus.

Stattdessen fühlte er eine eigentümliche Leere.

„Komm schon, du Feigling. Jetzt bist du dran. Oder gibst du auf?“

Narciso atmete tief durch, als erneut Ärger in ihm aufstieg und die Leere ausfüllte. „Ja“, sagte er. „Ich gebe auf.“

Sein Vater stieß ein triumphierendes Lachen aus, doch Narciso kümmerte es nicht. Er hatte anderes im Sinn und wollte sich gerade der schönen Hostess zuwenden, als Giacomo über den Tisch griff und die Karten nahm, die Narciso abgelegt hatte.

Straight Flush.

Ein Gewinnerblatt, höher als das seines Vaters.

Die Erkenntnis darüber, dass sein Sohn mit ihm gespielt hatte, zeichnete sich deutlich in Giacomos schockiertem Blick ab. „Il diavolo!“ Wütend sprang er auf und ließ beide Hände auf den Tisch niedersausen. Er zitterte vor Wut am ganzen Körper.

Narciso erhob sich, ohne eine Miene zu verziehen. „Si. Ich bin der Teufel, den du erschaffen hast. Du solltest dich besser daran erinnern, wenn wir das nächste Mal aufeinandertreffen.“

3. KAPITEL

Ich bin der Teufel, den du erschaffen hast.

Meinte er das wirklich wörtlich?

Ruby schaute den Mann an, der sie noch immer fest mit seinem Arm umklammerte, während er mit ihr in Richtung – ja, wohin eigentlich? – steuerte.

„Wo bringen Sie mich hin?“, fragte sie atemlos, während sie versuchte, die Hitzewellen zu ignorieren, die seine Berührung durch ihren Körper wogen ließen.

„Zuerst auf die Tanzfläche“, antwortete er. „Und dann … wer weiß?“

„Aber meine Pflichten hinter der Bar …“

„Sind beendet“, erklärte er herrisch.

Trotz all der widerstrebenden Empfindungen, die sie durchströmten, runzelte sie die Stirn. „Können Sie das denn?“

„Sie werden sehen, dass ich so ziemlich alles tun kann, was ich will.“

„Sie haben vor gerade einmal zwei Minuten dreißig Millionen Dollar absichtlich verloren. Ich schätze, es ist ziemlich offensichtlich, dass Sie stets das tun, was Sie wollen. Meine Frage ist: Riskiere ich meinen Job, indem ich meinen Posten hinter der Bar verlasse?“

Er geleitete sie in den Lift, nahm ihr Handgelenk und hielt seine Armbanduhr, die sie noch immer trug, gegen die Instrumententafel.

„Eine Smartwatch“, erklärte er, als er ihren überraschten Blick bemerkte. „Sie dient als Schlüssel, Sicherheitsfrage und Kommunikationsmittel.“ Wie zur Bestätigung für seine Worte leuchtete das Bedienungspaneel auf. Narciso drückte den Knopf für das Stockwerk unter ihnen. „Sie sind hier, um die Mitglieder des Clubs zu bedienen. Ich benötige Ihre Dienste auf der Tanzfläche. Beruhigt Sie das ein wenig?“

„Wer war der Mann, gegen den Sie gespielt haben?“, fragte sie.

Der Blick seiner silbergrauen Augen wurde härter, ehe er sich wieder im Griff hatte und ihr ein Lächeln schenkte. Ruby zwang sich selbst, ihn nicht anzustarren, doch der Unterschied, den dieses Lächeln ausmachte, war unglaublich.

„Niemand von Bedeutung“, erwiderte er. Der Lift stoppte, und die Türen glitten auf. „Du“, sprach er weiter, „bist sehr viel faszinierender.“ Seine Finger strichen ihr Handgelenk entlang und ihren Arm hinauf. „Du hast doch nichts dagegen, dass ich dich duze, oder?“

Ein Schauer durchrieselte sie, hundert Mal stärker als zuvor. Was, zur Hölle, ging hier vor?

Sie hatte geglaubt, in Simon verliebt zu sein. Genug, um sich um ein Haar selbst zum Narren zu machen. Dennoch hatte er nie auch nur ansatzweise solche Gefühle in ihr ausgelöst.

Eine chemische Reaktion.

Der Gedanke ließ sie erschrocken zusammenfahren. Alarmsirenen begannen in ihrem Kopf zu schrillen, und sie riss sich von Narciso los. Mit dem Rücken gegen die Liftwand gepresst stand sie da. „Nein“, stieß sie hastig hervor. „Und ich bin auch nicht faszinierend. Nicht im Geringsten.“

Er lachte. Der tiefe, rauchige Klang seiner Stimme ließ ihre Haut prickeln. Irgendetwas an diesem Mann brachte sie vollkommen aus dem Konzept.

„Oh doch – und außerdem bist du geradezu erfrischend naiv.“ Sein forschender Blick glitt über sie, und langsam wich sein Lächeln. „Es sei denn, das gehört alles zu deiner Masche.“

Ruby stockte der Atem. Seine Stimme hatte samtweich geklungen, doch sie spürte deutlich eine Aura der Gefahr.

„Es gibt keine Masche. Und ich bin auch nicht naiv.“

Seine Finger hatten ihre Schulter erreicht. Sie fuhren ihr Schlüsselbein entlang und brachten ihren Puls zum Rasen.

„Komm und tanz mit mir“, forderte er. „Dabei kannst du mir erzählen, wie nicht-naiv und nicht-faszinierend du bist.“

Er trat mit ihr aus dem Lift und führte sie auf die Mitte der Tanzfläche, die viel größer war als die im oberen Stockwerk. Nur etwa ein Dutzend bewegten sich im Takt der Musik.

Seinen rechten Arm schlang er um ihre Hüfte, mit der linken Hand nahm er die ihre und presste sie an seine Brust, als er anfing, sich langsam zu wiegen.

„Ich warte noch immer darauf, dass du mich aufklärst.“

Für ein paar Sekunden schien ihr Gehirn einfach zu streiken. Seine Nähe, seine überwältigende Präsenz ließ sie alles um sich herum vergessen. Und als er mit seinen Schenkeln die ihren streifte …

„Worüber?“

„Darüber, warum du glaubst, nicht faszinierend zu sein.“ Er lächelte. „Über all die unanständigen Dinge, die dir sonst noch durch den Kopf gehen, unterhalten wir uns später.“

Sie atmete scharf ein. „Wie …? Ich habe nicht …“

„Die Art und Weise, wie du errötest, wenn du verlegen bist. So entzückend das auch sein mag – du würdest eine lausige Pokerspielerin abgeben.“

„Hören Sie, Mr.. …“

Er hob eine Braue. „Dies ist ein Maskenball, der von Illusionen und Geheimnissen lebt – und du willst, dass ich dir meinen Namen verrate?“

Verflixt, wie hatte sie das nur vergessen können? „Warum werde ich nur das Gefühl nicht los, dass Sie das alles hier zu Tode langweilt?“

Seine Augen funkelten. „Äußerst aufmerksam von dir. Du hast recht – ich langweile mich. Oder ich tat es, bis du aufgetaucht bist.“

Ihr Herz machte einen kleinen Satz, den sie jedoch entschlossen ignorierte. „Sie waren voll bei der Sache, während Sie ihr kleines Spiel gespielt haben. Und das hatte ganz sicher nichts mit mir zu tun.“

Sein Blick wurde hart. „Nun, ich habe dreißig Millionen Dollar verloren, um schneller zu dem kommen zu können, was zwischen uns passieren wird.“

„Es wird überhaupt nichts zwischen uns passieren!“

„Wenn du das glaubst, bist du wirklich naiv.“

Ein anderes Paar tanzte näher zu ihnen heran. Die Augen der Frau waren auf Narciso fixiert.

Ruby verspürte einen irritierenden Anflug von Verärgerung. Sie schürzte die Lippen, reckte das Kinn und deutete mit einem Kopfnicken in Richtung der Tänzerin. „Warum nehmen Sie nicht mit ihr vorlieb? Sie ist ganz offensichtlich an Ihnen interessiert.“

Ohne die andere Frau auch nur eines Blickes zu würdigen, zuckte er lächelnd mit den Schultern. „Jede Frau ist an mir interessiert.“

„Eines muss man Ihnen lassen“, murmelte sie. „Unter Schüchternheit leiden Sie ganz offensichtlich nicht.“

Er lehnte sich zu ihr vor, und eine Strähne seines rabenschwarzen Haars fiel ihm über die Stirn. „Sind es denn die Schüchternen, die dich anmachen?“

Sofort war es wieder da. Das Bild des scheuen, zurückhaltenden, doppelzüngigen Simon. Es durchzuckte ihre Gedanken, und sie versteifte sich. „Wir diskutieren hier nicht über meinen Geschmack.“

„Habe ich etwa einen wunden Punkt getroffen?“ Er lächelte. „Aber wie soll ich dich verwöhnen, wenn ich nicht weiß, was du magst?“

Ruby rang nach Atem. Ihr Körper drängte sich Narciso entgegen, und sie spürte, wie er unverhohlen und unmissverständlich darauf reagierte. Sie erregte ihn.

Und er wollte, dass sie es wusste.

„Sie könnten mich auf einen Drink einladen“, stieß sie heiser hervor.

Widerwillig ließ er seine Hand von ihrer Taille gleiten. Sie hatte damit gerechnet, Erleichterung zu verspüren, doch die blieb aus.

„Champagner?“, fragte er.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, etwas anderes.“ Etwas, dessen Zubereitung einige Minuten in Anspruch nehmen und ihr somit Zeit geben würde, sich selbst wieder unter Kontrolle zu bringen.

„Sag, was du willst.“

Um ein Haar wäre sie auf der Stelle mit dem wahren Grund herausgerückt, der sie nach Macao geführt hatte. Aber dies war nicht der richtige Zeitpunkt. Sie musste allein mit ihm sein, an einem Ort, an dem er sie nicht so einfach sitzenlassen konnte.

Sie blickte sich suchend um und deutete schließlich zum anderen Ende des Raumes. „Dort.“

Er blinzelte. „Die Ice-Wodka Lounge? Ist das eine Verzögerungstaktik?“

„Nein, natürlich nicht. Ich möchte wirklich einen Drink.“

Er betrachtete sie einige Sekunden lang und nickte dann.

Dieses Mal verspürte sie wirklich Erleichterung. Allerdings nur bis zu dem Augenblick, in dem er seinen Arm Besitz ergreifend um ihre Taille legte und sie von der Tanzfläche führte. Wieder musste sie gegen eine lästige chemische Reaktion ankämpfen, die seine Nähe in ihr auslöste.

Die Tatsache, dass er sich zu ihr hinüberbeugte und ihr mit rauchiger Stimme ins Ohr flüsterte: „Du versuchst lediglich, das Unausweichliche hinauszuzögern, tesoro“, machte es nicht unbedingt leichter für sie.

„Ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen“, erwiderte sie.

Sein lautes Auflachen zog die Aufmerksamkeit der anderen Gäste auf sich. So wie überhaupt alles, was er tat.

Ruby bekam nur am Rande mit, wie ihr ein warmer Mantel über die Schultern gehängt wurde, ehe sie den Raum betraten, in dem Temperaturen knapp unter dem Gefrierpunkt herrschten. Sie steuerte auf einen freien Platz an der Bar zu, neben einer Eisskulptur, die die Form eines chinesischen Drachen besaß.

„Ein Big Apple Avalance, bitte“, wandte sie sich an den Barkeeper. „Mit viel Apfel.“ Sie musste einen klaren Kopf behalten, wenn sie mit Narciso Valentino auf Augenhöhe bleiben wollte.

Der Barkeeper, der sie sofort an ihrem Dress erkannte, rührte sich nicht. „Ich glaube nicht, dass es Ihnen erlaubt ist …“

„Gibt es ein Problem?“, mischte Narciso sich über ihre Schulter hinweg ein.

Sofort versteifte der Barkeeper sich. „Nein, kein Problem, Sir.“ Mit diesen Worten wandte er sich ab und fing an, die notwendigen Zutaten für Rubys Drink zusammenzumischen. Dann überreichte er ihr das Glas.

Während sie sich wie an einem Rettungsanker daran festhielt und nur gelegentlich einen kleinen Schluck nahm, spürte sie deutlich, wie die Luft zwischen Narciso und ihr knisterte.

Früher, ehe sie Simons falsches Spiel durchschaut hatte, war Sex etwas Abstraktes für sie gewesen. Etwas, von dem sie annahm, dass es früher oder später passieren würde, wenn sich die Dinge zwischen ihnen etwas vertieft hatten. Sex nur um seiner selbst willen oder als Waffe missbraucht, so wie ihre Eltern es stets getan hatten, machten ihr die Entscheidung, mit vierundzwanzig Jahren noch jungfräulich zu sein, nicht schwer.

Doch nun, da sie in Narcisos stahlgraue Augen blickte, fing sie plötzlich an zu verstehen, warum Sex einigen Frauen so viel bedeutete.

So wie mit ihm war es ihr noch nie gegangen. Sie wollte in seinen Augen ertrinken, wollte seine Lippen küssen, von ihm in den Armen gehalten und besessen werden.

„Nimm noch einen“, sagte er und riss sie damit aus ihren Gedanken. Er hielt ihr den Cocktailshaker hin, doch sie schüttelte den Kopf. „Nein Danke“, sagte sie. „Es ist schon ziemlich spät. Ich sollte jetzt wirklich gehen.“

Er hob eine Braue. „Du willst gehen?“

„Ja.“

„Und wo genau musst du so eilig hin?“

Sie runzelte die Stirn. „Zurück in mein Hotel.“

„Und ich dachte, du wüsstest, wie das hier läuft“, murmelte er kopfschüttelnd.

Ein eisiger Schauer überlief sie. „Was soll das heißen?“

„Das heißt, dass in dem Moment, in dem der letzte Gast eintrifft, das gesamte Gebäude verriegelt wird. Bis morgen Abend sitzt du hier mit mir fest.“ Er stellte den Cocktailmixer ab und trat näher. „Und ich weiß auch schon ganz genau, wie wir uns bis dahin gemeinsam die Zeit vertreiben können.“

Fasziniert beobachtete Narciso, wie die unterschiedlichsten Emotionen sich nacheinander auf ihrem Gesicht abzeichneten.

Aufregung. Sorge. Misstrauen.

Mindestens zwei dieser drei Gefühlsregungen erwartete er eigentlich nicht bei einer Frau, der er soeben verkündet hatte, dass sie zusammen eingesperrt waren. Die meisten Frauen würden dafür ihren rechten Arm geben.

Nicht diese hier. Sogar der Hauch von Aufregung fing bereits an zu verblassen. Inzwischen wirkte sie regelrecht verängstigt.

Er runzelte die Stirn. „Ich hatte mir eine etwas enthusiastischere Reaktion vorgestellt.“

Ihr Blick wanderte zu ihrer Armbanduhr – seiner Uhr – und anschließend zurück zu seinem Gesicht.

„Sie haben mir gerade eben gesagt, dass ich nicht gehen kann. Und nun erwarten Sie von mir, dass ich mich darüber freue?“

„Einige der wohlhabendsten und einflussreichsten Männer der Welt sind hier auf kleinstem Raum versammelt. Jeder, der an diesem Event teilnimmt, hat nur ein Ziel: möglichst viele Kontakte knüpfen und feiern bis zum Abwinken. Das gilt insbesondere für die Petit Q’s. Du hingegen benimmst dich, als hätte man dich soeben zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Warum?“

Sie senkte den Blick und umfasste das Revers ihres Mantels wie eine Rettungsleine.

Irgendwo in seinem Unterbewusstsein schrillte eine Alarmsirene los. Und als sie die Lider wieder hob, raubte es ihm fast den Atem.

Ihre saphirblauen Augen spiegelten Kühnheit und Schüchternheit zugleich wider – eine Mischung, die ihn auf seltsame Art und Weise faszinierte. Sie wollte etwas von ihm, wusste aber offenbar nicht, wie sie es erreichen konnte.

Er würde ihr schon zeigen, wie sie es bekam, wenn er erst einmal mit ihr in seiner Suite war. Allein der Gedanke daran ließ Verlangen in ihm hochkochen, so heftig wie seit Jahren nicht mehr – wenn überhaupt jemals. Es überrumpelte ihn so sehr, dass er erst nach ein paar Sekunden realisierte, dass sie zu sprechen begonnen hatte.

„… wusste natürlich von dem Club, und dass mein Engagement als Hostess auf zwei Tage angesetzt war. Allerdings hatte ich keine Ahnung, dass ich die gesamte Zeit hier verbringen würde.“

„Ein kleiner Tipp: Immer schön das Kleingedruckte lesen.“

Sie schürzte die Lippen, und er verspürte den schier überwältigenden Drang herauszufinden, ob sie so süß schmeckten wie sie aussahen. Doch ihr verärgerter Blick hielt ihn zurück. So gerade eben.

„Das tue ich immer. Was ich von anderen Leuten nicht behaupten kann. Ich spreche von Leuten, die auf das Kleingedruckte hingewiesen werden und trotzdem vorziehen, es zu ignorieren.“

Die Alarmsirenen wurden lauter. „Das war … ziemlich spitz“, sagte er. „Wirst du mir erklären, worauf du anspielst?“

Sie öffnete den Mund, zögerte dann aber und schloss ihn wieder. „Mir ist kalt. Können wir gehen?“

„Exzellente Idee.“ Er führte sie zur Tür der Ice Bar und half ihr aus dem Mantel. Der Anblick ihrer aufgerichteten Brustwarzen, die sich deutlich unter dem dünnen Stoff ihres Kleids abzeichneten, machte ihn vollkommen verrückt. Er hatte schon lange nichts mehr so sehr gewollt wie diese Frau. Schon seit seinem elften Geburtstag nicht mehr …

Er verdrängte den Gedanken und ging mit ihr zum Lift. Die Tatsache, dass sie keine Einwände erhob, bereitete ihm absurde Befriedigung. Vielleicht hatte sie das Unvermeidliche endlich akzeptiert.

Sie waren füreinander bestimmt. Mit ihrer Hilfe würde er die Bitterkeit für eine Weile vergessen können. Dieses hohle Gefühl, als er das finanzielle Schicksal des alten Mannes in den Händen gehalten und ihm nicht den Gnadenstoß versetzt hatte.

Morgen früh würde alles wieder in Ordnung sein. Und bis dahin würde er zusammen mit ihr glückselige Vergessenheit finden.

„Macht es Sinn zu fragen, wohin Sie mich bringen?“

Sein Lächeln fühlte sich verkrampft an. „Nein, gib dir keine Mühe.“ Er aktivierte die elektronische Schalttafel und wählte das fünfzehnte Stockwerk – die Penthouse-Suite.

„Wenn Sie vorhaben, noch ein paar Millionen aus dem Fenster zu werfen, dann würde ich dabei lieber nicht zuschauen.“

Da war er wieder, dieser vorwurfsvolle Beiklang in ihrer Stimme. Narciso seufzte. Aus Erfahrung wusste er, dass Frauen immer heimliche Absichten verfolgten. Aber dieses Exemplar hier schien sich weder für seine Macht noch für seinen Einfluss zu interessieren. Dennoch … irgendetwas war da. Und es gefiel ihm ganz und gar nicht, dass er sie nicht richtig einschätzen konnte.

„Sind wir uns schon einmal begegnet?“, fragte er plötzlich, obwohl er sich ziemlich sicher war, dass er sich an sie erinnern würde. Sie hatte einen unvergesslichen Körper, und dann dieser Mund … Er war sich absolut sicher, dass er diesen Mund niemals vergessen hätte.

„Ob wir uns begegnet sind? Nein, natürlich nicht. Davon abgesehen – ich weiß ja nicht einmal, wer Sie sind.“

„Wenn du nicht weißt, wer ich bin – woher willst du dann wissen, dass wir uns noch nie begegnet sind?“

Ihr Blick wich seinem aus. „Ich …“ Sie schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung. Ich denke, dass ich mich an einen Mann wie Sie doch sicher erinnern würde.“

Ihre nervöse Erwiderung entlockte ihm ein Lächeln. Es gefiel ihm, wenn sie aufgeregt war. „Freut mich, dass du mich für unvergesslich hältst. Ich werde mich bemühen, diesem Gedanken gerecht zu werden.“

„Das haben Sie bereits“, entgegnete sie.

Narciso wurde das Gefühl nicht los, dass es sich nicht um ein Kompliment handelte.

Er trat vor, sie wich zurück. Ihre Augen wurden groß, als ihr klar wurde, dass sie mit dem Rücken zur Fahrstuhlwand gefangen war. Sein Puls raste, während ihr Blick zu seinem Mund und dann zurück zu seinen Augen flackerte.

„Ich scheine einen schlechten Eindruck auf dich gemacht zu haben“, sagte er. „Normalerweise würde mich das nicht großartig kümmern, aber …“ Er machte noch einen Schritt auf sie zu, spürte, wie ihr warmer Atem sein Gesicht streifte. Ihr Duft hüllte ihn ein, und er unterdrückte ein heiseres Stöhnen.

„Aber …?“

„Aber aus irgendeinem Grund möchte ich diesen Eindruck berichtigen.“

„Sie wollen mir weismachen, dass Sie ein anständiger Kerl sind?“

Lachend schlang er seinen Arm um ihre schmale Taille. „Nein, anständig trifft es wohl nicht so gut, amante. Ich bin nicht anständig gewesen, seit … einer Ewigkeit.“

Wieder wanderten ihre Augen zu seinem Mund, und Narciso atmete scharf ein.

„Was wollen Sie dann von mir?“, fragte sie.

Bevor er etwas erwidern konnte, öffneten sich die Fahrstuhltüren. Gemeinsam traten sie durch die breite Doppeltür zum Penthouse, und sie blieb abrupt stehen.

„Das ist Ihre Suite“, platzte es aus ihr heraus.

Er konnte ihren Puls unter der zarten Haut an ihrem Hals pochen sehen. Vor Aufregung – oder vor Furcht? „Wie überaus scharfsinnig von dir.“

„Sie sollten wissen, dass ich keinesfalls etwas … Unangemessenes mit Ihnen tun werde.“

„Da wir überhaupt noch nicht darüber gesprochen haben, was wir zu tun gedenken, greifst du vielleicht ein bisschen zu weit vor, findest du nicht?“

Sie kniff die Augen zusammen. „Ich wünschte, Sie würden aufhören, mit mir zu spielen.“

Narciso hob die Schultern. Es war schon lange her, dass er das letzte Mal so hart dafür hatte arbeiten müssen, eine Frau in sein Bett zu locken. „Also gut“, sagte er schließlich. „Willst du behaupten, du spürst nicht, dass da etwas zwischen uns ist?“

„Ich will nicht …“

„Wenn du wirklich nicht hier sein willst, sag es jetzt, und ich lasse dich gehen.“ Das entsprach nicht ganz der Wahrheit, denn zunächst würde er alles tun, um sie davon zu überzeugen, zu bleiben. Er wusste, dass die meisten Frauen sich zu ihm hingezogen fühlten. Und trotz der widersprüchlichen Signale, die sie aussandte, konnte auch sie seiner Anziehungskraft nicht widerstehen.

Die Tatsache, dass sie sich nicht einfach so von ihm um den Finger wickeln ließ, machte sie für ihn nicht weniger interessant. Ganz im Gegenteil.

Er beobachtete, wie sie minutenlang mit sich selbst kämpfte. Dann wandte sie sich zum Fenster.

Narciso zwang sich, ruhig stehenzubleiben, obwohl jede Faser seines Körpers danach schrie, diese Frau an sich zu ziehen. Stattdessen ließ er die Aussicht auf sich wirken.

Macao City erstreckte sich unter ihnen in Kaskaden von Lichtern, glitzernden Wasserflächen und einer atemberaubenden Mischung aus kolonialer portugiesischer, chinesischer und moderner Architektur.

Seit er angefangen hatte, hier Geschäfte zu machen, war seine Faszination für diese Stadt im Einklang mit dem Saldo seines Bankkontos gewachsen. Doch im Augenblick hatte seine Faszination für seine Begleitung absoluten Vorrang.

„Sag mir, dass du bleibst.“ Ihm entging nicht, dass seine Stimme rauer klang als sonst. Die Erkenntnis, wie sehr er diese Frau wollte, irritierte ihn. Er hatte sich selbst so konditioniert, dass er Dinge, die er nicht haben konnte, auch nicht wollte. Auf diese Weise vermied er Enttäuschungen.

Und ein gebrochenes Herz.

Sie drehte sich wieder zu ihm um, die Arme über der Brust gekreuzt. Ihre Antwort kam nicht sofort, brauchte eine Minute, vielleicht auch zwei – doch es waren die längsten Minuten in Narcisos Leben.

„Ich bleibe … für eine kleine Weile.“

Er schluckte und nickte. Es juckte ihn in den Fingern, die Nadeln aus ihrem Haar zu entfernen, um seine seidige goldblonde Fülle über ihre Schultern fallen zu sehen.

„Mach deine Haare auf“, wies er sie an. Die Zeit für Spielchen war vorüber.

Verunsichert schaute sie ihn an. „Warum?“

„Weil ich es sehen will. Und weil du hierbleibst.“

Ihre Finger berührten den Knoten, zu dem ihr Haar im Nacken zusammengefasst war. Vorfreude durchzuckte ihn, nur um im nächsten Moment durch Enttäuschung ersetzt zu werden, als sie die Hand wieder sinken ließ.

„Ich würde es lieber so lassen.“

„Wenn du versuchst, mein Interesse wachzuhalten – es funktioniert.“

„Das tue ich nicht, ich … Mein Haar ist nicht so wichtig.“

„Mir ist es wichtig“, entgegnete er. „Ich habe eine Schwäche für langes Haar.“

Sie neigte den Kopf zur Seite, sodass er einen Blick auf ihren schlanken Hals werfen konnte. „Wenn ich mein Haar löse, ziehen Sie dann Ihre Maske aus?“, fragte sie.

Er runzelte die Stirn. So gern er sich die Maske einfach vom Gesicht reißen wollte, etwas sagte ihm, dass er das lieber nicht tun sollte. „Nein“, antwortete er deshalb. „Mein Haus, meine Regeln.“

„Das ist nicht besonders fair.“

„Wenn das Leben fair wäre, würdest du dich schon längst nackt an mich schmiegen.“

Eine feine Röte überzog ihre Wangen. Der Anblick ließ einen Blitz der Lust zwischen seine Beine fahren. Er schlüpfte aus seiner Smokingjacke und warf sie aufs Sofa. Als nächstes lockerte er seine Fliege. Die ganze Zeit über war der Blick der maskierten Schönen auf ihn fixiert. Eines stand fest: Sie wollte das hier ebenso sehr wie er. Die Luft knisterte vor mühsam in Zaum gehaltener sexueller Anspannung. Es machte die Zurückhaltung in ihren Augen nur umso faszinierender.

Genug!

Er ging auf sie zu. Sie keuchte überrascht auf, als er sie an sich zog. Ohne ihr eine Chance zu geben, etwas einzuwenden, beugte er sich zu ihr herab und verschloss ihren Mund mit seinen Lippen.

Sie schmeckte fantastisch. Wie warme Sonnenstrahlen oder ein süßes Dessert in einer schwülen Sommernacht. Narciso schloss die Augen und gab sich einfach dem Feuerwerk der Sinne hin, das sie in ihm auslöste.

Madre di Dio! Sie erregte ihn – und das, obwohl er sie lediglich für ein paar Sekunden geküsst hatte.

Ein erstickter Laut entwich ihrer Kehle, und ihre Lippen öffneten sich. Dann trafen ihre Zungen aufeinander, und Narciso war, als würde er in Flammen stehen. Er wollte mehr, wollte alles.

Er vertiefte den Kuss und stöhnte auf, als ihre Hände seine Oberarme hinaufwanderten, um seine Schultern zu umfassen. Sie streichelte seinen Nacken und vergrub die Finger in seinem Haar.

Ihre Nägel fuhren über seine Kopfhaut, und er erschauerte mit wachsender Erregung. Er löste sich von ihr, schaute ihr tief in die Augen, die dunkel waren vor Verlangen. „Amante, du weißt schon jetzt ganz genau, was mir gefällt.“

Sie wirkte regelrecht erschrocken, so als hätte sie ein solches Kompliment niemals erwartet.

Ehe sie etwas erwidern konnte, eroberte er ihren Mund erneut mit seinen Lippen. Gleichzeitig umfasste er ihre Brüste und strich mit den Daumen über die harten Knospen.

Sie warf den Kopf in den Nacken und stieß ein heiseres Keuchen aus.

„Das gefällt dir, nicht wahr?“, fragte er leise. „Aber ich verspreche dir, dass ich dir Dinge zeige, die dir noch viel besser gefallen werden. Und nun mach dein Haar auf und zeig mir, wie wundervoll du wirklich bist.“

Seine Worte rissen Ruby aus ihrer Benommenheit. Blinzelnd versuchte sie sich auf irgendetwas anderes als auf den Teil seines faszinierend attraktiven Gesichtes zu konzentrieren, der nicht von der Maske bedeckt wurde.

Zu allererst bemerkte sie den atemberaubenden Kronleuchter. Auf der Wand hinter Narciso wiederholte sich das Drachenmotiv, das sie bereits unten im Kasino gesehen hatte. Die ausladende Sofalandschaft war mit schwarzem Samt bezogen, ebenso wie die französische Chaiselongue, die wie geschaffen dafür war, sich darauf auszustrecken und …

„Löse dein Haar für mich“, forderte er sie erneut auf.

Abrupt kehrte sie auf den Boden der Tatsachen zurück und versuchte sich selbst einzureden, dass ihr der Ausdruck von Missfallen, der sich auf seinem Gesicht widerspiegelte, gleichgültig war.

„Nein!“ Sie wich ein paar Schritte zurück.

Konzentrier dich, Ruby!

Das letzte Mal, als sie Geschäftliches mit Privatem vermischt hatte, wäre sie fast zu jemandem geworden, den sie mehr als alles andere verabscheute. Zu jemandem, der sich an Ehebruch beteiligte. Es war vollkommen egal, ob sie von Simons Frau gewusst hatte. Allein der Gedanke daran, was sie beinahe getan hätte, ließ Scham in ihr aufsteigen.

Sie war hier, um Narciso daran zu erinnern, dass er die Vereinbarung mit ihr einhalten musste. Ganz sicher wollte sie sich nicht in einen Strudel von Gefühlen hineinziehen lassen, der ihr nichts als Schmerz und Leid bringen würde.

Die Unfähigkeit ihres Vaters, sein sexuelles Verlangen aufs Ehebett zu beschränken, und die Unentschlossenheit ihrer Mutter, entweder zu kämpfen oder die Augen vor der Realität zu verschließen, hatte Ruby die Kindheit zur Hölle gemacht.

Nach ihrer Erfahrung mit Simon würde sie ihr Herz nicht noch einmal in Gefahr bringen.

Sie trat einen weiteren Schritt zurück, kämpfte gegen die magische Anziehungskraft an, die Narciso auf sie ausübte. Trotz der schier unbeirrbaren Ahnung, dass Sex mit ihm atemberaubend sein würde. Trotz …

Trotz überhaupt nichts!

Sie würde sich nicht auf einen skrupellosen Playboy wie Narciso Valentino einlassen, nur weil der mit dem Finger schnippte.

Aber sie konnte es auch nicht riskieren, ihn zu brüskieren, bevor sie das erreicht hatte, weswegen sie hergekommen war.

Was also sollte sie jetzt tun?

Sie ließ ihren Blick durch die luxuriös eingerichtete Suite schweifen. Am anderen Ende des Raumes entdeckte sie eine gut ausgestattete Bar und ging geradewegs darauf zu. „Ich hole Ihnen noch einen Drink.“

„Du musst mich nicht betrunken machen, um mich zu verführen, amante.“

Sie errötete. Abrupt blieb sie stehen und wirbelte herum – nur um festzustellen, dass er direkt hinter ihr stand. Das Verlangen, das in seinen Augen brannte, raubte ihr den Atem. „Nennen Sie mich nicht so.“

Ein kleines Lächeln umspielte seine Lippen. „Du weißt also, was das heißt.“

Sie nickte. „Ich bin Italienerin.“

„Und ich Sizilianer. Das ist zwar ein gewaltiger Unterschied, aber für den Augenblick werden wir deine Sprache sprechen.“

„Welche Sprache wir auch immer sprechen – ich will nicht, dass Sie mich so nennen. Ich bin nicht Ihre … Ihre …“

„Geliebte?“

Wieder nickte sie. „Es gefällt mir nicht.“

„Wie soll ich dich dann nennen?“

„Ruby“, erwiderte sie. „Einfach nur Ruby.“

Es machte ihr nichts aus, ihm ihren Namen zu nennen. Um ihm zu erklären, was sie von ihm wollte, musste sie ihre Identität ohnehin enthüllen.

„Ruby“, murmelte er. „Der Name passt hervorragend zu dir.“

Sie hob eine Braue. „Wie meinen Sie das?“

„Rubinrot werden auch deine Lippen sein, wenn ich mit dir fertig bin – ebenso wie einige andere, besser verborgene Teile deines Körpers.“

Ihre Wangen brannten, und sie bekam kein Wort heraus.

„Hat es dir etwa die Sprache verschlagen?“ Er zuckte mit den Schultern und nickte in Richtung Bar. „Nun, du sollst deine Gnadenfrist bekommen – aber nur für den Moment.“

Sie eilte hinter die Bar und nahm die ersten Flaschen, die ihr zwischen die Finger kamen. Fast wie von selbst mixte sie eine ihrer Lieblings-Kreationen und schob ihm das Glas über die glatte Oberfläche der Theke zu.

Er nahm es und nippte daran, ohne den Blick von ihr zu lösen. Nachdem er gekostet hatte, neigte er den Kopf zur Seite. „Du bist wirklich sehr talentiert.“

Ein warmes Gefühl breitete sich in ihrem Innern aus. „Vielen Dank.“

„Prego.“ Er stürzte den Rest des Drinks hinunter und setzte das Glas wieder auf der Theke ab. „Genug Vorspiel, Ruby. Komm her.“

Mit hämmerndem Herzen trat sie auf ihn zu.

„Tu, worum ich dich gebeten habe. Jetzt.“

Kurz zögerte sie noch, doch dann wurde ihr klar, dass sie nichts zu verlieren hatte, und kam seiner Aufforderung nach.

Ihr Haar war üppig und lang und zu ihrem Leidwesen nur schwer zu bändigen. Es hatte fast eine Stunde gedauert, es für den heutigen Abend in Form zu bringen. Und nun fiel es ihr in goldbraunen Wellen offen über die Schultern.

„Wirklich bezaubernd“, stieß er heiser hervor, nachdem er sie endlose Minuten lang einfach nur betrachtet hatte. „Deine Haut ist makellos, und ich möchte am liebsten in deinen Augen ertrinken. Ich kann es kaum abwarten, sie vor Lust aufleuchten zu sehen, wenn ich dich in Besitz nehme.“

Ruby konnte nicht glauben, wie sehr seine Worte ihr Blut in Wallung brachten. Verflixt, alles an ihm machte sie vollkommen verrückt! Sie musste diesen Irrsinn im Keim ersticken, bevor es zu spät war. „Es tut mir leid, wenn ich den Eindruck erweckt haben sollte, dass heute Nacht irgendetwas zwischen uns passieren könnte. Sie werden mich nicht … in Besitz nehmen.“

„Werde ich nicht?“, fragte er leise und ließ seine Fingerspitzen sanft über ihre Wangen gleiten. „Und wie kommst du darauf?“

„Weil Sie mich gar nicht wirklich wollen.“

Er lachte, und wieder spürte Ruby, wie ihr Puls zu hämmern begann.

„Diese Behauptung kann ich wirklich nicht bestätigen. Aber wenn du einen Beweis brauchst …“ Er beugte sich hinunter, hob sie hoch und warf sie sich über die Schulter.

„Lassen Sie mich sofort herunter!“

Autor

Dani Collins
Dani Collins verliebte sich in der High School nicht nur in ihren späteren Ehemann Doug, sondern auch in ihren ersten Liebesroman! Sie erinnert sich heute immer noch an den atemberaubend schönen Kuss der Helden. Damals wurde ihr klar, dass sie selbst diese Art von Büchern schreiben möchte. Mit 21 verfasste...
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