Romana Exklusiv Band 400

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  • Erscheinungstag 02.05.2026
  • Bandnummer 400
  • ISBN / Artikelnummer 0853260400
  • Seitenanzahl 448

Leseprobe

Susan Clarks, Nancy Callahan, Penny Roberts

ROMANA EXKLUSIV BAND 400

Susan Clarks

1. KAPITEL

Lucy Monroe kletterte die schmale Leiter hoch und stellte die neu gelieferten Bücher ins Regal. Liebevoll rückte sie sie zurecht, bis alle Buchrücken in einer geraden Linie standen.

Seit zwei Monaten half sie inzwischen ihrem Großvater in seinem kleinen Buchladen auf Korfu und jeden Tag wurde sie routinierter. Die ruhige, leise Tätigkeit hatte etwas Tröstliches, vielleicht sogar etwas Heilsames. Als sie ihre Zelte in London abgebrochen hatte, um künftig auf Korfu zu leben, war sie sich nicht sicher gewesen, wie schnell sie sich zurechtfinden würde. Zu verschieden waren die Welten und zu viel Zeit war seit ihrem letzten Besuch vergangen.

In ihrer Kindheit hatte sie fast jeden Sommer bei ihrem Großvater verbracht und die unkomplizierte Art der Griechen geliebt. Am meisten hatte sie die lauen Sommerabende vermisst, an denen man auf der Terrasse saß, die Erwachsenen ein Glas Rotwein in der Hand, und über Gott und die Welt diskutierte. In den vergangenen Jahren waren diese Besuche im Land ihrer Vorfahren leider ausgefallen. Ihr Studium in London und später ihre Arbeit an der Uni hatten sie zu sehr beansprucht. Dass ihr Großvater erst einen Herzinfarkt erleiden musste, damit sie ihren Weg wieder nach Griechenland fand, beschämte sie.

„Lucy! Was machst du denn da?“ Ihr Großvater hinkte mit Hilfe seines Gehstockes aus dem Hinterzimmer herein und musterte sie streng.

„Ich räume nur die neue Lieferung ein.“ Rasch stieg sie von der Leiter herab, um sich die restlichen Bücher zu holen. Sie wollte nicht, dass ihr Großvater ihr half. Er sollte sich schonen, auch wenn er sich bereits gut erholt hatte.

„Aber das wollten wir doch gemeinsam machen.“ Auf seinen Stock gelehnt blieb er vor ihr stehen.

„Du wolltest das“, korrigierte sie und lächelte ihn liebevoll an. „Ich habe gesagt, dass ich das alleine schaffe.“

Ihr Großvater verzog verärgert das Gesicht. „Das ist immer noch mein Buchladen!“

„Ach, Pappoús“, murmelte sie und legte die gerade aufgehobenen Bücher wieder zurück. „Natürlich ist er das. Ich will doch nur nicht, dass du dich übernimmst.“ Sie wusste, wie viel ihm der Buchladen bedeutete, immerhin war er sein Lebenswerk. Und obwohl er sie selbst darum gebeten hatte, nach Korfu zu kommen, fiel es ihm dennoch schwer, Lucy die Arbeit zu überlassen.

„Aber wenn du immer alles alleine machst, fühle ich mich unnütz.“

Lucy lachte kurz auf. Dann trat sie auf ihn zu und fasste ihn an den Armen. „Du und unnütz? Du lässt mich bei dir wohnen und mich um dich sorgen. Du gibst meinem Leben eine neue Perspektive. Nur weil du keine Leiter mehr hochsteigen und Bücherkisten schleppen sollst, bist du noch lange nicht unnütz.“

Ihr Großvater murrte kaum hörbar, schien aber dennoch besänftigt. „Also gut. Trotzdem könntest du mit deinem alten Großvater zumindest gemeinsam einen Kaffee trinken.“

„Ja, das könnte ich“, erwiderte Lucy und nickte erleichtert. „Lass mich nur noch schnell diese Kiste wegräumen, dann komme ich.“ Sie wandte sich um und schnappte sich die zuvor niedergelegten Bücher. „Es sind ja nicht mehr viele Bücher.“ Sie wedelte mit den wenigen Exemplaren vor seinem Gesicht und wollte gerade wieder auf die Leiter steigen, als er sie zurückhielt.

„Ach, sieh doch!“, rief er begeistert und griff nach einem der Bücher, die sie gerade in den Händen hielt. „Der neue Bonaros.“

„Was?“ Lucy blinzelte irritiert.

„Na, der neue Roman von Nicos Bonaros. Ich liebe seine Bücher.“ Nun war es ihr Großvater, der mit dem Buch vor ihrer Nase wedelte.

„Du liest Agententhriller?“ Der Buchladen enthielt größtenteils literarische Werke von griechischen und englischen Autoren und besaß nur eine kleine Ecke mit belletristischen Texten. Eigentlich hätte in dieser Lieferung kein derartiges Buch zu finden sein sollen.

„Nun tu nicht so herablassend“, erwiderte ihr Großvater und blätterte mit sichtlicher Begeisterung durch die Seiten. „Als ob du ab und an nicht auch einen netten Liebesroman zu schätzen wüsstest.“

Lucy lachte. Ihr Großvater hatte natürlich recht. Obwohl sie Englische Literatur an der UCL in London studiert hatte, war sie doch immer wieder für einen guten Roman zu begeistern. Sie nahm ihrem Großvater das Buch wieder aus der Hand und betrachtete die Vorderseite. In typischer Agententhriller-Manier rannte ein bewaffneter Mann mit Sonnenbrille offenbar um sein Leben. Darüber stand in großen Buchstaben der Name des Autors. Der Titel selbst fiel im Vergleich recht klein aus, als wäre er nicht weiter wichtig.

Sie wendete das Buch, um auf der Rückseite den Klappentext zu überfliegen. Stattdessen stach ihr Nicos Bonaros’ Portraitfoto ins Auge.

Nicos Bonaros … Sie kannte ihn von früher, hatte aber schon länger nicht mehr an ihn gedacht. Als sie ihren Umzug nach Griechenland geplant hatte, hatte sie überlegt, ob sie sich bei ihm melden sollte, immerhin lebte er, soweit sie wusste, ebenfalls hier auf Korfu. Und es gab eine Zeit in ihrem Leben, da hatten sie sich beinahe regelmäßig getroffen. Aber letztlich hatte sie sich bewusst dagegen entschieden, sich bei ihm zu melden.

„Ich kenne den Autor“, sagte sie, ohne den Blick von Nicos’ charmantem Lächeln zu nehmen.

„Welchen Autor?“

„Diesen hier.“ Sie hob das Buch und hielt das Portraitfoto direkt vor das Gesicht ihres Großvaters.

„Du kennst Nicos Bonaros?“ Ungläubig starrte er sie an.

„Ja. Er war ein guter Freund von Kenneth.“ Bei der Erwähnung von Kenneths Namen musste sie unwillkürlich schlucken. Sein Tod war inzwischen über zwei Jahre her, aber immer noch schnürte es ihr die Kehle zu, sobald sie an ihn dachte.

„Deinem Kenneth?“

Lucy nickte. Ihrem Kenneth. Ihrer großen Liebe Kenneth O’Leary.

Ihr Großvater schwieg betreten, aber dann fragte er doch: „Warum hast du nie was gesagt?“

„Was hätte ich denn sagen sollen?“

„Na, dass du Nicos Bonaros kennst!“

„Ich wusste doch nicht, dass du ein Fan bist.“

„Alle seine Bücher findest du hier im Laden.“ Mit der Hand deutete er durch den Raum. „Was hast du denn gedacht, warum?“

Lucy lachte. „Das ist ein Buchladen.“

Er winkte ab. „Jetzt sag schon, wie ist er so?“

Die kindliche Neugierde ließ Lucy schmunzeln. Wie war Nicos so? Er war ein guter Freund, schoss es ihr durch den Kopf. Kenneth hätte ihm sein Leben anvertraut. Die beiden hatten oft die Köpfe zusammengesteckt, miteinander gelacht und einander geschätzt. Und obwohl sie sich in so vielem so ähnlich waren, waren sie in anderen Dingen wieder gänzlich verschieden. Wie oft hatte sie sich über Nicos lustig gemacht, weil er keine Freundin länger als drei Monate behielt?

„Er ist ein guter Kerl“, antwortete sie schließlich. „Manchmal stur wie ein Maulesel, manchmal etwas leichtsinnig, aber mit dem Herz am rechten Fleck.“

Ihr Großvater musterte sie nachdenklich. „Du scheinst ihn zu mögen.“

„Ja, natürlich.“ Warum hätte sie ihn auch nicht mögen sollen? Kenneth hatte ihn vergöttert, und er war ihr gemeinsamer Freund gewesen.

Plötzlich wirkte Ihr Großvater nachdenklich. „Auf jeden Fall habe ich alle seine Bücher gelesen“, erklärte er dann. „Bis auf das hier.“ Er tippte mit dem Finger auf Nicos’ neuestes Werk, das Lucy noch immer in Händen hielt. „Aber das wird so schnell wie möglich nachgeholt.“ Flink entriss er Lucy das Buch und drückte es an seine Brust.

„Hey! Das Buch ist für den Verkauf gedacht.“

Er zuckte ungerührt mit den Schultern. „Dann kauf ich es halt. Ich war schon immer mein bester Kunde.“ Ohne weiter auf Lucy zu achten, drehte er sich um und hinkte auf seinem Stock aus dem Laden zurück ins Hinterzimmer.

Lächelnd schüttelte sie den Kopf. Manchmal konnte er trotz seines Alters ein richtiger Kindskopf sein. Aber gerade deshalb liebte sie ihn so. In ihren dunkelsten Stunden schaffte es ihr Großvater immer, sie an die schönen Seiten des Lebens zu erinnern. Nicht zuletzt deshalb wollte sie bei ihm über einen Neuanfang nachdenken.

Lucy machte sich wieder an die Arbeit und stieg erneut die Leiter hoch, als ihr Großvater zurück in den Laden kam.

„Ich habe eine Idee“, verkündigte er lautstark. „Besser gesagt einen lang gehegten Wunsch.“

„Was für einen Wunsch denn?“ Lucy starrte ihren Großvater an. Was heckte er bloß wieder aus?

„Ich wollte schon immer einmal in meinem Buchladen eine Lesung veranstalten, zu der auch tatsächlich Zuhörer kommen.“

„Was?“

Ungeduldig trat ihr Großvater näher. „Ich habe doch früher öfter Lesungen hier veranstaltet. Aber dabei handelte es sich meist um hochliterarische Werke von lokalen Autoren, für die sich kaum jemand interessierte. Die meisten Lesungen waren ein Trauerspiel. Da sind höchsten die nächsten Verwandten und Freunde des Autors gekommen, und die, denen ich ein Gratisgetränk versprochen habe, wenn sie dabei sind.“

„Du hast was?“

„Vergiss es“, winkte ihr Großvater ab. „Es geht darum, dass ich mir nichts sehnlicher wünsche, als hier in diesen Räumen endlich eine Lesung abzuhalten, für die sich tatsächlich jemand interessiert. Für die die Leute eventuell sogar von weiter weg anreisen würden, und das nicht wegen eines Gratiscocktails.“

„Okay …“

„Verstehst du denn nicht?“ Ihr Großvater stand inzwischen ganz dicht bei der Leiter und sah ihr unmittelbar in die Augen. Er griff nach ihrer Hand und hielt sie fest. „Mit deiner Hilfe kriegen wir das hin.“

„Mit meiner …?“ Jetzt erst dämmerte ihr, worauf ihr Großvater hinauswollte. Er wollte, dass Nicos Bonaros in seinem Buchladen eine Lesung hielt. Und er wollte, dass sie ihn darum bat. „Nein!“, rief sie augenblicklich und riss sich los. „Ich werde Nicos nicht darum bitten.“

Als hätte sie ihn geschlagen, wich ihr Großvater einen Schritt zurück. „Aber warum denn nicht?“

„Weil … weil …“ Verdammt. Wieso sah er sie nur mit diesem Hundeblick an? Wie sollte sie ihm da etwas abschlagen? „Ich habe ihn seit über zwei Jahren nicht mehr gesehen.“ Seit Kenneths Beerdigung nicht.

„Ja, na und? Er wird dich wohl kaum so schnell vergessen haben.“

„Nein, aber …“ Sie wollte einfach nicht. Die Vorstellung Nicos Bonaros wieder gegenüberzustehen, mit ihm womöglich über alte Zeiten zu plaudern, in gemeinsamen Erinnerungen zu schwelgen, in Erinnerungen an Kenneth … Nein, das wollte sie nicht. Das wäre zu schmerzhaft. „Er war Kenneths bester Freund“, murmelte sie verzweifelt.

Ihr Großvater wollte schon zu einer Erwiderung ansetzen, überlegte es sich aber anders und schloss wieder den Mund. „Tut mir leid. Ich wollte dich nicht bedrängen“, sagte er schließlich.

Lucy winkte ab. Allmählich kam sie sich albern vor. Immerhin war sie eine erwachsene Frau. Ihr Lebensgefährte war gestorben. Das passierte vielen Frauen, aber die wenigsten würden sich in einer kleinen Buchhandlung auf einer griechischen Insel vor der Welt verstecken und dem einzigen lebenden Verwandten seinen womöglich letzten Wunsch abschlagen.

Nachdenklich musterte sie den alten Mann vor ihr. „Du magst seine Bücher wirklich, oder?“

Er nickte nachdrücklich. „Der Typ kann auf jeden Fall schreiben.“

„Aber gibt es nicht sonst einen erfolgreichen Autor, den wir zu einer Lesung einladen können?“ Sie wäre auch bereit gewesen, ihr Erspartes hervorzuholen und dafür zu bezahlen, wenn sie dafür nicht mit Nicos reden musste.

„Keinen, der auf Korfu lebt und der so bekannt und beliebt ist.“

„Du hast seit Jahren keine Lesung mehr veranstaltet“, versuchte sie es weiter. „Warum jetzt?“

„Weil ich sterben werde. Vielleicht nicht heute oder morgen, aber in absehbarer Zeit. Und bevor das passiert, würde ich in diesem Laden noch einmal gern das Leben spüren. Mit einem tollen Autor und seinen grandiosen Büchern.“

Lucy seufzte. Sie hasste es, wenn ihr Großvater von seinem Tod sprach. Vor allem tat er das meist dann, wenn er sie zu etwas bewegen wollte. „Ach, Pappoús.“ Sie setzte sich auf die Leiter und vergrub ihr Gesicht in den Händen. „Ich habe einfach Angst davor, was passiert, wenn ich Nicos gegenüberstehe.“ Er würde sie unweigerlich an Kenneth und ihre gemeinsame Zeit erinnern. Daran, was sie verloren hatte.

„Méli“, erwiderte ihr Großvater in unerwartetem strengem Tonfall, „du hast Kenneth geliebt. Ihr wolltet heiraten. Jeder versteht, dass du trauerst. Aber du musst endlich aufhören an der Vergangenheit festzuhalten. Kenneth ist tot. Er wird nicht wiederkommen.“

Lucy nickte. All das wusste sie. Denn all das sagte sie sich selbst immer und immer wieder, und trotzdem schien ein Teil von ihr nicht loslassen zu können. „Du meinst, ich soll Nicos wirklich um diese Lesung bitten?“

„Vielleicht tut es dir gut, mit jemandem zu reden, dem Kenneth genauso viel bedeutet hat wie dir.“

Noch immer war sie nicht überzeugt. Stattdessen fürchtete sie die Begegnung mit Nicos genauso wie zuvor. Aber sie sah in das sonnengegerbte Gesicht ihres Großvaters, der, wann immer es nötig war, für sie da gewesen war und der vielleicht tatsächlich nicht mehr allzu lang auf dieser Erde weilen würde. Wer war sie, dass sie ihm seinen Wunsch abschlug? Vielleicht würde sie Nicos ohnehin nicht antreffen, weil er als internationaler Bestsellerautor ein gefragter Mann war, der überall auf der Welt Lesungen abhielt. Aber sie war es ihrem Großvater schuldig, dass sie es zumindest versuchte. Sie durfte ihre eigene Angst nicht über das Wohl ihres Pappoús stellen.

„Also gut“, sagte sie schließlich, klopfte sich auf die Knie und erhob sich. „Ich werde ihn fragen.“

Allerdings musste Lucy feststellen, dass dies gar nicht so einfach war. Denn natürlich stimmte die alte Telefonnummer, die sie von Nicos hatte, nicht mehr. Eine Anfrage bei seiner Agentur ergab, dass er schon lange keine Lesungen mehr abhielt und die Sekretärin erklärte ihr ziemlich verärgert, dass sie keinesfalls die private Wohnadresse oder Telefonnummer ihres Klienten hergeben würde.

Schließlich hatte sie noch versucht, Nicos über einen seiner wenigen Social-Media-Kanäle zu erreichen. Aber Fehlanzeige. Sie erhielt keine Antwort und als ihre Recherche ergab, dass sowohl seine Website als auch die Facebookseite von seinem Verlag verwaltet wurde, überraschte sie dies auch nicht mehr. Vermutlich hielten sie sie inzwischen alle für eine Stalkerin, die es galt von ihrem Bestsellerautor fernzuhalten.

Seufzend ließ sie den Kopf auf die Schreibtischplatte sinken. Allmählich gingen ihr die Ideen aus.

Es war zum Haare raufen. Immerhin wusste sie, dass er irgendwo auf Korfu lebte. Er war also nicht weit weg und sie war sich auch ziemlich sicher, dass er sich über ein Lebenszeichen von ihr gefreut hätte. Nach Kenneths Beerdigung hatte er in den folgenden Wochen versucht, mit ihr in Kontakt zu bleiben. Aber sie hatte viele seiner Anrufe erst gar nicht entgegengenommen, und wenn doch, nur sehr einsilbige Gespräche mit ihm geführt. Letztlich hatte er es aufgegeben und sie in Ruhe gelassen.

Bei einem ihrer wenigen Telefonate hatte er sie sogar nach Korfu eingeladen. Sie daran erinnert, dass doch auch ihr Großvater hier lebte und gemeint, ein Tapetenwechsel würde ihr guttun. Aber damals war sie für eine derartige Veränderung noch nicht bereit gewesen. Viel zu sehr hatte sie an der gemeinsamen Wohnung mit Kenneth gehangen, an all seinen Habseligkeiten, seiner Kleidung, seinem Geruch …

Damals war sie überzeugt, dass sie ihre Londoner Wohnung nie aufgeben würde und sie hatte Nicos nicht nach seiner Adresse gefragt. Es wäre ihr wie Verrat an Kenneth vorgekommen, hätte sie einen Besuch auf Korfu auch nur in Erwägung gezogen.

Bei dem Gedanken musste sie kurz auflachen. Nur zwei Jahre später und schon hatte sie ihre Meinung geändert. Hatte ihre Zelte in England abgebrochen und war hierhergezogen. Raus aus ihrer Wohnung, mit nur wenigen Erinnerungsstücken an Kenneth. Sie fühlte sich schuldig.

Das schrille Läuten ihres Handys ließ sie aufschrecken und verwundert griff sie danach, um zu sehen, wer sie zu dieser späten Stunde noch anrief. Auf dem Display erschien eine griechische Nummer, die sie nicht kannte.

Mehr aus Neugier als aus echtem Interesse nahm sie den Anruf entgegen. „Monroe“, sagte sie und wartete gespannt, wer sich am anderen Ende melden würde.

„Lucy? Bist du das wirklich?“

Als sie Nicos’ Stimme erkannte, hätte sie beinahe ihr Telefon fallen lassen. Damit hatte sie jetzt nicht gerechnet. „Nicos?“

Er lachte. „Ja, ich bin’s.“

„Aber woher …?“ Sie war sprachlos. Hatte die Sekretärin am Ende doch eine ihrer vielen Nachrichten an ihn weitergeleitet?

„Meine Agentin hat mich heute angerufen, um mich wissen zu lassen, dass offenbar eine junge, verwirrte Frau mich derart verzweifelt sucht, dass sie sogar ihrer armen Sekretärin eine völlig haarsträubende Geschichte über einen sterbenden Großvater, dessen letzten Wunsch und eine gemeinsame Vergangenheit mit mir erzählt hat.“

Augenblicklich schoss Lucy die Schamesröte ins Gesicht und sie war nur dankbar, dass Nicos sie nicht sehen konnte. „Also, weißt du …“ Wie sollte sie ihm das erklären? Tatsächlich hatte sie insgesamt viermal bei der Agentur angerufen und die Sekretärin jedes Mal noch stärker bedrängt, ihr doch bitte Nicos’ Adresse oder seine Telefonnummer zu geben. Zuletzt hatte sie dann tatsächlich davon geredet, dass dies der letzte Wunsch ihres sterbenden Großvaters wäre.

Wieder lachte Nicos. „Es war recht lustig, als ich Tónia erklärte, dass ich dich kenne und du gar nicht so verrückt bist.“

„Oh“, war alles was Lucy hervorbrachte.

„Stirbt dein Großvater wirklich?“

„Nein! Nein, keine Sorge. Er hatte zwar vor ein paar Wochen einen leichten Herzinfarkt, aber es geht ihm inzwischen schon wieder ganz gut.“ Was hatte sie nur angerichtet. Beklagte nicht sie sich ständig, wenn ihr Großvater sein fortgeschrittenes Alter als Druckmittel nutzte, um etwas zu erreichen? Und jetzt war sie keinen Deut besser gewesen.

„Das freut mich zu hören. Dann bist du seinetwegen hier?“

„Ja, ich denke schon.“ Denn sie war auch hier, um ein neues Leben zu beginnen und die Vergangenheit mit Kenneth endlich hinter sich zu lassen.

„Seit wann bist du schon auf Korfu?“

„Seit zwei Monaten.“

„Zwei Monate?“

Lucy glaubte einen leisen Vorwurf in dieser Frage zu hören und hatte prompt ein schlechtes Gewissen. „Ich wollte mich eher melden. Ich hatte darüber nachgedacht, aber …“ Der altbekannte Schmerz breitete sich wieder aus. Die Erinnerung. Der Verlust.

Lange erwiderte Nicos nichts, sondern ließ die unausgesprochenen Worte zwischen ihnen in der Luft hängen. Die Stille war wie eine Decke des Verständnisses. Sie musste ihm nicht erklären, was in ihr vorging, was sie daran gehindert hatte, sich früher zu rühren.

Er wusste es auch so.

„Und warum wolltest du mich jetzt so dringend finden? Tónia sagte etwas wegen einer Lesung“, wechselte er schließlich das Thema.

Erleichtert, dass er nicht weiter nachhakte, atmete sie auf. Wenn es um den Wunsch ihres Großvaters ging, fühlte sie sich sicherer. „Pappoús ist ein großer Fan von dir. Und als er gehört hat, dass wir uns kennen, da hat er die fixe Idee entwickelt, dass ich dich doch um eine Lesung in seiner Buchhandlung bitten könnte.“

„Er hat noch immer diesen Laden?“

Lucy nickte unwillkürlich. „Ich helfe ihm dort. Deshalb weiß ich auch, dass eine gut besuchte Lesung der Buchhandlung wirklich guttun könnte.“

„Ich halte keine Lesungen mehr ab.“

„Ja, ich weiß. Das hat mir die Sekretärin deiner Agentin schon erklärt, aber ich dachte …“

„Du dachtest, weil wir uns kennen, würde ich eine Ausnahme machen?“

Dieses Mal schwieg Lucy. Schließlich hatte sie seine früheren Anrufe ignoriert und auch nicht versucht, ihn zu erreichen, seit sie auf Korfu war. Und jetzt wollte sie ihn um einen Gefallen bitten und nicht etwa die alte Freundschaft wieder zum Leben erwecken.

„Es tut mir leid“, sprudelte es aus ihr heraus. „Das war eine dumme Idee. Ich werde Pappoús sagen, dass du keine Lesungen abhältst, und wir suchen einfach einen anderen Autor. Ich hätte dich deswegen nicht belästigen sollen. Es tut mir leid. Wirklich. Vergiss es einfach.“ Sie wollte dieses Gespräch so schnell wie möglich beenden und sich unter der Bettdecke verkriechen. Je länger sie miteinander sprachen, umso peinlicher würde es werden. Er musste sie für eine selbstsüchtige Person halten, die keine Gedanken an die anderen verschwendete. Wie hatte sie glauben können, er würde sich unter diesen Umständen über ihren Anruf freuen?

„Ich bin morgen in Kerkyra. Wir könnten einen Kaffee zusammen trinken und in Ruhe darüber reden.“

Damit hatte sie nicht gerechnet. Eher damit, dass er ihr noch ein schönes Leben wünschte und auflegte. „Okay“, antwortete sie völlig perplex.

„Kennst du das Café Liston in der Altstadt?“

„Natürlich.“

„Sollen wir uns morgen um vier dort treffen?“

Rasch überschlug sie ihren kommenden Tag und fand keinen Grund die Einladung abzulehnen. Zudem hatte sie den Stein ja schon ins Rollen gebracht und Nicos um die Lesung gebeten. Jetzt einen Rückziehen zu machen, obwohl sich Nicos gesprächsbereit zeigte, wäre wohl mehr als unfair. Und was sollte schon passieren? Mit Sicherheit war das Liston voll von Gästen und auf der Esplanade herrschte wie immer reges Treiben. Dort hätte sie kaum Gelegenheit in trüben Erinnerungen zu versinken, stattdessen würden sie über die Lesung reden, die Nicos vielleicht in absehbarer Zeit abhalten könnte.

Unter diesen Bedingungen sollte ein Wiedersehen mit Nicos doch wahrlich kein Problem sein. „Ja, sehr gern“, antwortete sie deshalb und klang genauso zuversichtlich wie sie sich fühlte.

2. KAPITEL

Nicos setzte sich an den einzigen freien Tisch unter den Arkaden und legte die mitgebrachte Zeitung ab. Normalerweise mied er Lokale wie das Liston, weil es hier vor Besuchern nur so wimmelte und er die Ruhe vorzog. Für seine heutige Verabredung mit Lucy erschien es ihm aber perfekt. Es war zwanglos und die Masse gewährte eine gewisse Anonymität.

Mehrere Kinderwagen drängelten sich um die kleinen, eng aneinandergestellten Tische und behinderten die Kellner. Touristen, die ihre Nasen in Reiseführer steckten, versuchten im Liston genauso etwas Abkühlung an diesem heißen Junitag zu finden wie Einheimische. Auf der Esplanade gegenüber liefen zwei Labradore um die Wette, deren Besitzer wohl angesichts der Hitze keine Eile hatte, ihnen zu folgen. Nicos lächelte bei dem Anblick, erinnerten die Hunde ihn doch an Charlie, den Golden Retriever aus seiner Kindheit.

Rasch sah er auf seine Armbanduhr. Bis Lucy eintraf, hatte er noch etwas Zeit, denn selbst sein ausgedehnter Bummel durch die Altstadt hatte seinen frühen Aufbruch aus der Wohnung nicht wettgemacht.

Gerade wollte er nach seiner Zeitung greifen, als eine junge, hübsche Bedienung an seinen Tisch trat und sich mit einem strahlenden Lächeln nach seinen Wünschen erkundigte. Sie musterte ihn kurz, als überlegte sie, wo sie sein Gesicht einordnen sollte, gab es dann aber auf und hakte ihn offenbar als niemand Wichtigen ab. Stattdessen nahm sie die Bestellung eines Cappuccinos entgegen und verschwand wieder. Erleichtert sah er ihr nach. Dass ihn jemand als den internationalen Bestsellerautor wiedererkannte, passierte selten, nichtsdestotrotz verspürte er in Momenten wie diesen ein leichtes Unbehagen.

Um sich abzulenken, nahm er die Zeitung zur Hand, konnte sich auf die Worte darin aber nicht konzentrieren. Immer wieder wanderten seine Gedanken zu Lucy. Er freute sich auf die Begegnung. Seit über zwei Jahren hatte er sie nicht mehr gesehen, denn nach Kenneths Tod war sie ihm aus dem Weg gegangen. Dabei wäre er damals gern für sie da und weiterhin ein guter Freund gewesen, aber für Lucy war mit Kenneths Tod eine Welt zusammengebrochen, in deren Trümmern er keinen Platz mehr fand. Anfangs war er deshalb wütend gewesen, auf Lucy und auf das Leben, immerhin hatte er so zwei Freunde auf einen Schlag verloren. Aber mit der Zeit musste er sich eingestehen, dass er sich nur zu bereitwillig zurückgezogen hatte. Lucy womöglich ihrer Trauer überließ, nur um sich selbst auf Korfu in aller Abgeschiedenheit die Wunden zu lecken.

Umso mehr hatte er sich gefreut, als er hörte, sie versuche ihn zu erreichen. Vielleicht schafften sie es, ihre alte Freundschaft wieder aufleben zu lassen, an vergangene Zeiten anzuknüpfen und wieder zusammen zu lachen. Bei dieser Vorstellung machte sein Herz einen Hüpfer, denn es gab nicht viele Menschen, denen es gelang, sich einen Platz in seinem Leben zu sichern. Aber Kenneth und Lucy gehörten zu ihnen.

Erst die Kellnerin, die lächelnd den Kaffee und eine Flasche Wasser vor ihm abstellte, unterbrach ihn in seiner Träumerei. Er bedankte sich und schenkte sich aus der matten Glasflasche mit der Aufschrift Liston das Glas halb voll. Und gerade als er etwas davon trinken wollte, erblickte er Lucy.

Wie gebannt hielt er inne. Beobachtete, wie sie am anderen Ende an den Tischen vorbeischlenderte und ihr Blick über die Gäste schweifte. Er schluckte trocken und stellte das Glas wieder ab. Als sie endlich in seine Richtung sah, erhob er sich und winkte ihr kurz zu. Sofort schlich sich ein strahlendes Lächeln in ihr Gesicht und viel von seiner Anspannung fiel augenblicklich von ihm ab.

Sie eilte auf ihn zu und blieb erst unmittelbar vor ihm stehen.

Unsicher wie er sie begrüßen sollte, rührte er sich nicht. Was war angebracht in dieser Situation? Eine Umarmung? Händeschütteln? Ein leichter Kuss auf die Wange? Lucy schien genauso verunsichert und lächelte nur zaghaft zu ihm hoch.

Schließlich gab er einem Impuls nach, machte einen beherzten Schritt auf sie zu und umarmte sie. „Ich freu mich so“, sagte er und drückte sie an sich.

Lucy lachte auf und erwiderte seine Umarmung. „Es ist so lange her“, erklärte sie, als sie wieder voneinander abließen.

„Viel zu lange.“ Er deutete auf den anderen Stuhl am Tisch und setzte sich selbst wieder auf seinen Platz. Dabei beobachtete er jede ihrer Bewegung. Sie war etwas dünner als vor zwei Jahren. Die Haare reichten bis zu den Schultern, aber ansonsten schien sie sich nicht verändert zu haben. Ihre Augen hatten noch immer diesen wachen, klugen Ausdruck, den er schon vor Jahren schnell zu respektieren gelernt hatte.

Lächelnd saßen sie sich gegenüber, betrachteten einander und erfreuten sich an der Anwesenheit des anderen. Als könnten sie es beide nicht fassen, dass dieser Moment tatsächlich gekommen war.

„Wie geht es dir?“, fragte er schließlich, um die Stille zu durchbrechen.

„Danke, gut. Ich lebe bei Pappoús. Helfe ihm ein bisschen in seiner Buchhandlung.“

Unsicher, wie er nach ihren genauen Beweggründen fragen sollte, schwieg er zunächst. „Dann hast du deine Zelte in London gänzlich abgebrochen?“

Lucy nickte. „Irgendwie war es an der Zeit.“ Sie senkte den Kopf und die altbekannte Trauer legte sich über ihr Gesicht.

Der Anblick schmerzte und er hätte gern etwas gesagt, was sie wieder lächeln ließ. Aber zu Kenneths Tod hatte es nie etwas Positives zu sagen gegeben. Nichts, was es leichter oder besser gemacht hätte.

„Dein Großvater ist sicher froh, dass du hier bist.“

Sie hob den Kopf und in ihrem Mundwinkel deutete sich ein Lächeln an. „Er hat mich vor zwei Monaten angerufen, weil er wegen eines Herzinfarktes im Krankenhaus lag. Meinte, er würde sterben und ich müsste sofort kommen.“ Lachend schüttelte sie den Kopf. „Daraufhin habe ich mich in den nächsten Flieger gesetzt und bin hergeflogen. Wie sich rausstellte, war er zu dem Zeitpunkt schon außer Lebensgefahr und hat die Gelegenheit nur genutzt, um mich aus meinem Schneckenhaus zu holen. Aber die Ärzte haben mir sehr wohl deutlich gemacht, dass er nichtsdestotrotz ein alter Mann ist und er nicht ewig leben wird. Und die Vorstellung jetzt auch noch Pappoús zu verlieren …“

„Dann bist du kurzerhand nach Griechenland gezogen?“

Sie zuckte entschuldigend mit den Schultern. „Im Grunde gab es ja kaum noch etwas, was mich in London gehalten hat. Die vergangenen beiden Jahre waren sehr … einsam.“

„Du hättest mich jederzeit anrufen können.“

„Ich weiß. Aber …“ Sie schüttelte nur den Kopf und sah zur Seite.

„Er fehlt mir auch, weißt du. Er war mein bester Freund und …“

„Nicht!“, fuhr sie dazwischen. „Ich will nicht über ihn reden. Ich kann das nicht.“

Schweigend betrachtete er sie. Er hatte gedacht, dass es für sie nach all der Zeit leichter wäre. Dass sie inzwischen losgelassen und wieder nach vorn geblickt hätte. Aber offenbar schmerzte sie die Erinnerung an Kenneth und seinen Tod noch genauso wie vor zwei Jahren. Diese Erkenntnis machte ihn wütend. Wie lange sollte das so weitergehen? Sie war jung, sie musste doch ihr Leben leben.

Er ließ sich in seinem Stuhl zurückfallen und strich sich übers Gesicht. „Und was hat es nun mit dieser Lesung auf sich?“, wechselte er das Thema.

Sichtlich erleichtert atmete sie auf. Sie beugte sich vor und stützte sich mit den Unterarmen am Tisch ab. „Pappoús ist ein großer Fan von dir. Und er würde es sich so wünschen, dass du in seiner Buchhandlung eine Lesung hältst.“

Er wollte gerade antworten, als die junge Kellnerin zu ihnen kam, um Lucys Bestellung aufzunehmen. Das liebreizende Lächeln, das die Bedienung ihm ein weiteres Mal zuwarf, brachte ihn kurz aus dem Konzept und er sah ihr einen Moment länger als nötig hinterher. Ihre schlanken, wohlgeformten Beine konnten sich jedenfalls sehen lassen.

Lucy grinste breit.

„Was?“, fragte er, als sie nicht damit aufhören wollte.

„Manches ändert sich nie, oder?“

„Was meinst du?“

„Na, du und die Frauen.“

„Ich habe doch gar nichts gemacht!“

„Natürlich nicht“, lachte sie. „Das war ja auch nie nötig.“

Nicos schüttelte den Kopf. Gut, er hatte nie Probleme damit, Frauen kennenzulernen, trotzdem sah er sich nicht als Frauenheld. „Du übertreibst.“

„Nein, tu ich nicht. Kenneth und ich haben oft Witze darüber gemacht, dass selbst wenn du nicht nach einer gesucht hast, immer eine da war.“

„Ihr habt Witze gemacht?“ Nicos war sich nicht sicher, ob er jetzt verärgert sein oder sich einfach darüber freuen sollte, dass Lucy sich amüsierte.

„Ja“, bestätigte sie und nickte kräftig.

Nicos beugte sich vor, um Lucy möglichst nahe zu sein. Er fixierte sie mit seinen Augen, wie der Jäger seine Beute. „Welche Witze?“

„Witze eben.“

„Anzügliche Witze?“

„Nein, nur …“

Als er ihre Verunsicherung sah, musste er kurz lachen. Dann beugte er sich noch näher zu ihr und erklärte leise: „Es kann eben nicht jeder so ein Glück wie Kenneth haben und auf Anhieb die Frau seines Lebens finden.“

Lucy schluckte merklich und ihr heiterer Gesichtsausdruck wechselte zu einem ernsteren. Dennoch hielt sie den Blickkontakt. Mehrere Sekunden sahen sie einander in die Augen, so lange bis Nicos ein mulmiges Gefühl überkam. Rasch räusperte er sich und wich zurück.

Verdammt. Was machte er da? Flirtete er etwa mit ihr? Das war doch nicht möglich.

Aber ehe er genauer darüber nachdenken konnte, kam die Kellnerin zurück und stellte Lucys Cappuccino vor ihr ab. Dieses Mal ignorierte er die Bedienung und starrte stattdessen nur auf die Getränke auf dem Tisch.

Das hier war Lucy. Kenneths Lucy! Er hatte noch nie mit ihr geflirtet. Egal wie spät die Stunde war, in der sie mit einem Glas Wein zusammengesessen hatten, um über Gott und die Welt zu reden, es hatte noch nie so etwas wie sexuelle Spannungen zwischen ihnen gegeben.

Er hob den Blick, um sie zu betrachten und merkte, dass sie wohl genauso verwirrt war. Unsicher schob sie die Tasse zurecht, hob sie an, nur um sie im nächsten Moment wieder abzustellen.

„Also“, setzte Lucy in einer etwas zu schrillen Tonlage an, „was sagst du nun zu der Lesung?“

Lesung? Welche Lesung? Ach ja! Schlagartig fiel ihm wieder der eigentliche Grund ihres Treffens ein. Er blinzelte mehrmals, um dieses merkwürdige Gefühl der ungewohnten Zuneigung loszuwerden. Ohne Erfolg.

„Ich hasse Lesungen.“

„Aber früher hast du doch welche abgehalten.“

„Ja, früher.“ Als er noch darauf angewiesen war, Leute auf seine Bücher aufmerksam zu machen. Inzwischen verkauften sie sich von selbst, ohne sein Zutun. Er musste sie nur schreiben. Den Rest erledigte seine Agentin.

„Kannst du nicht eine Ausnahme machen?“ Aus großen Augen sah Lucy ihn an.

Verdammt schönen großen Augen. Hatte sie die schon immer? Waren diese gelben Sprenkel schon immer dort? Sie waren ihm bisher noch nie aufgefallen, dabei hatte er ihr schon früher tief in die Augen gesehen, immer wenn sie einen seiner Texte auseinandernahm. Aber dieses Braun war ihm noch nie derart intensiv erschienen.

„Besser nicht“, murmelte er. Denn plötzlich hatte er das Bedürfnis, Lucy auf Distanz zu halten. Wer wusste, was er alles bemerkte, wenn er noch mehr Zeit mit ihr verbrachte?

„Aber Pappoús würde es so viel bedeuten. Er liebt deine Bücher und er wünscht sich ein Mal im Leben seine Buchhandlung gefüllt von Menschen zu sehen. Nur ein Mal.“

Nicos musterte sie skeptisch. „Willst du mich jetzt moralisch erpressen?“

Lächelnd rührte sie in ihrem Cappuccino und blickte ihn von unter herauf an. „Vielleicht? Ich habe vom Meister gelernt.“

„Von deinem Großvater?“

„Von dir.“

Als er sie so sah – lächelnd, mit ihm flirtend –, wusste er, er war verloren. Er würde ihr diesen Wunsch vielleicht nicht abschlagen können, egal wie sehr er den Gedanken an eine Lesung verabscheute. Er würde einknicken und zustimmen. Und er musste das irgendwie verhindern.

„Ich kenne ein paar gute Autoren. Viele würden sich freuen, wenn sie in der Buchhandlung deines Großvaters lesen könnten.“

„Aber sind sie auch so berühmt wie du?“

„Ich bin nicht berühmt.“

„Doch bist du.“

„Mich kennt hier kein Mensch.“ Er deutete auf die vielen Leute um sie herum, von denen keiner Interesse an seiner Person zeigte.

„Nicos. Warum wolltest du dich hier mit mir treffen, wenn du nie vorhattest, diese Lesung abzuhalten?“

„Weil ich dich wiedersehen wollte.“ Wobei er nicht mehr sicher war, ob dies eine so gute Idee war. Manchmal sollte man schlafende Hunde nicht wecken. „Und ich ehrlich darauf gehofft habe, dass du dich auch freust mich wiederzusehen.“

Lucy neigte den Kopf zur Seite und sah ihn traurig an. „Natürlich freue ich mich.“

„Dann können wir diese Lesung doch einfach vergessen und über etwas anderes plaudern.“

„Und worüber?“

„Über das Wetter?“

Sie lachte kurz. Dann wurde sie ernst und wandte den Kopf ab. Ihr Blick glitt hinüber zur Esplanade, sie schien dabei jedoch nichts Bestimmtes zu betrachten. „Ich hatte Angst dich wiederzusehen.“

„Lucy …“, murmelte er und ergriff instinktiv ihre Hand. Sanft strich er mit dem Daumen über ihre Haut, fühlte ihre Wärme, bis ihm die zärtliche Geste bewusst wurde. Als hätte er sich verbrannt, ließ er ihre Hand los, lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Weswegen hattest du Angst?“

„Ich habe die Erinnerungen gefürchtet.“

Erinnerungen an Kenneth. Seinen besten Freund. Seinen toten besten Freund. „Du kannst dich nicht ewig verstecken.“

„Ich weiß.“

„Irgendwann musst du wieder anfangen zu leben.“

„Ich weiß.“

„Kenneth hätte nicht gewollt, dass du seinetwegen wie eine Einsiedlerin lebst.“

„Kenneth hätte aber auch nicht gewollt, dass du dich weigerst, die Lesung für Pappoús abzuhalten“, erwiderte sie lächelnd.

Nicos lachte. Ein befreiendes Lachen, das ihn daran erinnerte, wie einfach es mit Lucy sein konnte. Sie war nicht wie die meisten Frauen, die dazu neigten, alles zu verkomplizieren, ihm auf die Pelle zu rücken und zu bedrängen. Nein, Lucy spielte stets mit offenen Karten, und auch nur so, dass alle die Spielregeln kannten.

Wie sehr er sie vermisst hatte. Ihren Humor, ihr Wesen. Egal wie er heute für sie empfand, er wollte nicht, dass sie ein weiteres Mal aus seinem Leben verschwand.

Und da hatte er eine Idee. Er beugte sich vor, schob die Kaffeetasse beiseite und legte die Unterarme auf den Tisch. „Ich werde die Lesung abhalten. Unter einer Bedingung.“ Zur Verdeutlichung hob er den Zeigefinger hoch.

Verwirrt runzelte Lucy die Stirn. „Welche Bedingung?“

„Du fährst mit mir nächste Woche mit zum Anwesen meiner Eltern und verbringst das verlängerte Wochenende dort.“

„Wozu?“

„Um zu leben.“

Langsam schloss Nicos die Tür zu seiner Wohnung. Die späte Nachmittagssonne warf ihre Strahlen durch die Schlitze der Jalousien, während im Hintergrund leise die Klimaanlage surrte. Erleichtert registrierte er die angenehme, kühle Zimmertemperatur und legte seinen Schlüssel und das Portemonnaie ab, um sich dann auf die Ledercouch in der Mitte des Raumes sinken zu lassen.

Was hatte er sich nur dabei gedacht, Lucy für ein verlängertes Wochenende auf das Anwesen seiner Eltern einzuladen? Und ihr dann noch in Aussicht zu stellen, dass er diese Lesung tatsächlich abhielt. Stöhnend ließ er den Kopf nach hinten fallen und schloss die Augen.

Lucy wiederzusehen wühlte ihn mehr auf, als er je gedacht hätte. Wie früher hatte sie etwas Verletzliches an sich, das bei ihm den Beschützerinstinkt hervorrief. Er wollte, dass es ihr gut ging, dass sie endlich die Vergangenheit losließ und wieder nach vorn blickte und glücklich war.

Kenneth hätte von ihm erwartet, dass er sich um sie kümmerte. Kenneth …

Seufzend erhob er sich und schlenderte in Richtung Küche. Sein Handy hatte er für das heutige Treffen mit Lucy abgeschaltet, da er keine anderweitigen Verpflichtungen oder Beschäftigungen an diesem Tag eingehen wollte. Dafür blinkte jetzt der Anrufbeantworter und zeigte drei verpasste Anrufe.

Im Vorbeigehen drückte er auf Abspielen, hörte kurz darauf seine Agentin, die ihn lautstark verteufelte, weil er nie bei seinem Handy die Mailboxfunktion aktivierte, und um einen dringenden Rückruf bat. Danach folgte ein eher gelangweilt klingender Geschäftspartner der Firma seiner Eltern, der bei Gelegenheit etwas mit ihm besprechen wollte und zu guter Letzt fragte ein Freund nach, ob er zufällig in der Stadt sei, um sich heute Abend auf ein Bier mit ihm zu treffen.

Nicos riss den Kühlschrank auf und nahm ein Mineralwasser heraus. An der Flasche nippend schlenderte er zurück zur Couch und löschte im Vorbeigehen die verpassten Anrufe vom Anrufbeantworter. Er würde sich später darum kümmern. Jetzt brauchte er noch einen Moment für sich.

Etwas in ihm wünschte sich zutiefst, dass Lucy seinen Vorschlag annahm und ihn auf das Anwesen seiner Eltern begleitete. Zugleich fürchtete er genau das. Fürchtete, was passieren könnte.

Denn das Wiedersehen mit Lucy hatte in ihm Gefühle geweckt, von denen er nie erwartet hätte, sie ihr gegenüber zu empfinden. Sie waren damals Freunde gewesen. Gute Freunde. Und auch wenn er Lucy stets geschätzt hatte, so hätte er sich früher niemals erlaubt, so zu fühlen, wie er es heute getan hatte.

Heute hatte er nicht nur den großartigen Menschen wahrgenommen, sondern auch die wunderschöne Frau, die sie war. Ihr Lächeln hatte plötzlich eine andere Bedeutung gehabt, ihr Duft eine andere Wirkung. Es war nichts Geschwisterliches mehr zwischen ihnen, nichts Freundschaftliches, stattdessen gab es eine sexuelle Spannung zwischen ihnen, die er so intensiv bisher nur selten erlebt hatte.

„Heilige Scheiße“, murmelte er, stellte das Wasser beiseite, um die Ellbogen am Knie abzustützen und die Hände in sein Haar zu krallen. Wie hatte das nur so schnell passieren können? Vor allem aber, was zum Henker sollte er davon halten?

Sollte er es zulassen? Es forcieren? Oder es im Keim ersticken und die Geister, die er heute gerufen hatte, wieder verjagen, woher auch immer sie gekommen waren?

Außerdem – was würde Kenneth dazu sagen? Würde er ihm seinen Segen geben oder würde er ihm eher die Freundschaft kündigen? So gut er ihn auch kannte, er war sich in diesem Punkt nicht sicher.

Kenneth hatte Lucy geliebt. Schon als er damals begann mit ihr auszugehen und er Nicos ständig von ihr vorschwärmte, hatte Nicos den leisen Verdacht, dass es dieses Mal ernst sein könnte. Und er sollte recht behalten. Denn Kenneth verbrachte immer mehr Zeit mit ihr, stellte sie ihm schließlich vor und Nicos musste neidlos anerkennen, dass sein Freund keine bessere Wahl hätte treffen können.

Nichtsdestotrotz hatte Nicos in den ersten Monaten der Beziehung in Lucy eher eine unscheinbare, schüchterne Person gesehen als die intelligente Frau, die sie eigentlich war. Erst als sie alle mehr Zeit miteinander verbrachten, lernte er sie besser kennen und schätzen.

Als ihm Kenneth dann wenige Wochen vor seinem Tod offenbarte, dass er einen Verlobungsring beim Juwelier ausgesucht hatte, hatte es Nicos nicht überrascht. Es hatte so kommen müssen und wäre Kenneths bösartiger Hirntumor nicht gewesen, die beiden wären glücklich miteinander geworden. Daran hegte Nicos keinen Zweifel.

Auch heute nicht.

Was also würde Kenneth davon halten, wenn Nicos nun um Lucy warb? Wenn er sich ernsthaft in sie verlieben und sie verführen würde, wäre Kenneth damit einverstanden? Er hoffte es. Er hoffte es sehr. Denn irgendwie hatte er das Gefühl, dass er selbst keine Wahl hatte. So wie er heute auf Lucy reagierte, war für ihn der Damm gebrochen. Er würde in Lucy nie wieder nur die Freundin seines besten Freundes sehen und ihr auch nie wieder nur mehr geschwisterliche Gefühle entgegenbringen. Die Jahre der Distanz hatten etwas verändert.

Vielleicht war ein gemeinsames Wochenende also doch keine so schlechte Idee. Es würde vielleicht rasch klären, wie Lucy und er zueinander standen. Ob mittlerweile mehr zwischen ihnen war als früher.

Vielleicht würde es auch dem Spuk ein Ende setzen – oder etwas Großartigem zum Leben verhelfen.

3. KAPITEL

Lucy klappte Nicos’ aktuellsten Thriller zu und legte das Buch samt ihrer Lesebrille auf den Couchtisch. Sie konnte sich einfach nicht auf die geschriebenen Worte konzentrieren, obwohl Nicos’ dramaturgischer Erzählstil sich im Vergleich zu früher noch verbessert hatte. Kein Wunder, dass er so rasch internationale Anerkennung erhalten hatte. Nichtsdestotrotz war sie zu verwirrt über ihr heutiges Treffen, um sich auf den Roman einzulassen und ihn genießen zu können.

Seufzend kuschelte sie sich tiefer in die Polster und zog die dünne Wolldecke enger um sich. Die Temperaturen machten eine Decke eigentlich völlig unnötig, aber sie brauchte etwas, an dem sie sich festhalten konnte und das sich um sie schmiegte. Es gab ihr einen Hauch von Halt und Gewohnheit. Denn Nicos’ Angebot, ihn auf das Anwesen seiner Eltern zu begleiten, verunsicherte sie. Er hatte versucht, sie davon zu überzeugen, es aber schließlich aufgegeben und ihr Bedenkzeit eingeräumt. Nun lag sie hier und tat nichts anderes, als darüber nachzudenken.

Worauf sollte das Ganze hinauslaufen? Was bezweckte er damit?

Ihr Treffen war anders als erwartet gewesen. Sie hatte sich so viele Gedanken darum gemacht, welche schmerzlichen Erinnerungen seine Gegenwart heraufbeschwören konnte, dass sie gar nicht auf die Idee gekommen wäre, seine Präsenz könnte sie auf ganz andere Art irritieren. Aber etwas hatte in der Luft gelegen, das sie nicht einordnen konnte. Ihr war klar gewesen, dass es schwierig werden würde, wieder da anzuknüpfen, wo sie vor zwei Jahren auseinandergegangen waren. Aber letztlich hatte nicht nur die Unbefangenheit von früher gefehlt, sie hatte sich beinahe so unsicher gefühlt wie bei einem ersten Date.

Dabei war das lächerlich. Immerhin handelte es sich hier um Nicos, Kenneths besten Freund. Ihren Freund. Sie hatten sich früher so gut verstanden. Stunden zusammen über seinen Texten gebrütet, bis sie beide damit zufrieden waren. Wochenlang eine Überraschungsparty für Kenneth geplant, bis dieser sie beide einer heimlichen Affäre bezichtigte. Wie hatten Nicos und sie darüber gelacht, war dieser Gedanke für sie beide doch so absurd gewesen. Nie hatte es auch nur den Hauch von Intimität zwischen ihnen gegeben. Nicht so wie heute.

Und das verunsicherte sie, wenn sie daran dachte, ein ganzes Wochenende allein mit ihm zu verbringen.

Die Tür ging auf und ihr Großvater humpelte herein.

Lächelnd wartete sie, bis er sich in dem Sessel ihr gegenüber niedergelassen hatte. Nachdem sie zwei Jahre allein gelebt hatte, war es für sie anfangs eine Umstellung gewesen, wieder mit jemandem zusammenzuwohnen. Sie war es nicht mehr gewohnt gewesen, ihren Zeitplan mit dem eines anderen zu koordinieren, und damit rechnen zu müssen, dass jederzeit jemand hereinkommen konnte und sie in ihren Gedanken unterbrach. So wie jetzt.

Aber inzwischen freute sie sich meistens darüber. Denn ihre Gedanken waren in den vergangenen Monaten oft genug zu trübselig gewesen und selten dazu geeignet, sie in bessere Stimmung zu versetzen, weshalb sich die Ablenkung durch die pragmatische Art ihres Großvaters oft als sehr heilsam erwies.

Der alte Mann klopfte demonstrativ mit dem Stock auf den Boden und sah sie erwartungsvoll an. „Wann willst du mir endlich von dem Treffen mit Bonaros erzählen?“

Lucy hatte sich nach ihrer Rückkehr am späten Nachmittag kaum dazu geäußert. Lediglich erklärt, dass Nicos noch darüber nachdachte, ob er die Lesung halten wollte oder nicht. Da ihr Großvater rasch Lunte roch, war es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis er gemerkt hatte, wie sehr sie das Treffen aufwühlte.

Sie holte tief Luft, um sich für das Gespräch zu wappnen, denn ihr Großvater würde nicht gehen, ehe er nicht alles wusste. „Er hat mich für ein Wochenende auf das Anwesen seiner Eltern eingeladen. Hier auf Korfu.“

„Das ist doch nett.“

„Ja, aber …“

„Aber was?“

Lucy knabberte an ihrer Unterlippe, unsicher, wie sie ihm ihre Bedenken erklären sollte.

„Ist es wegen Kenneth? Weil er dich an ihn erinnert?“

Obwohl es sie selbst überraschte, war das heute nicht das Problem gewesen. Nicos wiederzusehen schmerzte sie nicht so wie erwartet. Sie hatte geglaubt, seine Gegenwart würde sie wieder daran erinnern, was sie verloren hatte, wie es einmal gewesen war und ihr vor Augen führen, wie es jetzt war. Tatsächlich aber fühlte sie den Verlust bei Weitem nicht mehr so stark wie früher.

„Das ist es nicht“, erwiderte sie leise.

„Wo liegt dann das Problem?“

Sie holte tief Luft, ehe sie zu einer Antwort ansetzte. „Das Problem ist …“ Seufzend schlug sie die Decke zurück und stellte die Beine auf dem Boden ab, um sich richtig hinzusetzen. „Dass wir dort allein wären und ich nicht weiß, was Nicos damit bezweckt.“

Irritiert runzelte ihr Großvater die Stirn und schien angestrengt nachzudenken. Dann grinste er. „Du meinst, er will dir an die Wäsche?“

Lucy stöhnte auf. Konnte Pappoús nicht einmal ernst bleiben? „Nein. Ja. Ach, ich weiß auch nicht. Es war heute nur so merkwürdig. So anders.“ Beinahe hatte sie den Eindruck gehabt, als würde er mit ihr flirten.

Das verschmitzte Lächeln im Gesicht ihres Großvaters verschwand, stattdessen musterte er sie ernst. „Du meinst, weil Kenneth tot ist?“

Sie war sich nicht sicher, ob es so einfach war. Ob es nur daran lag, dass es keinen Grund mehr gab, sich einzig als Freunde anzusehen. Hilflos zuckte sie mit den Schultern.

„Glaubst du denn, Kenneth hätte etwas dagegen, wenn du dich neu verlieben würdest?“

Verlieben? Erschrocken riss sie die Augen auf. Wer sprach denn hier von verlieben? „Pappoús! Wir haben nur einen Kaffee zusammen getrunken. Wir haben uns nicht die ewige Liebe geschworen.“

„Aber offenbar hattest du den Eindruck, Nicos wäre an dir so interessiert, wie sonst eben ein junger Mann an einer jungen Frau interessiert ist. Im Gegensatz zu früher, wo ihr nur platonische Freunde wart.“

„Ja, irgendwie schon.“ Es war eben Nicos. Er war nie auf der Suche nach der großen Liebe gewesen, sondern hatte stets seine Abenteuer, die er nach Lust und Laune auslebte. Und sie wollte keines seiner Abenteuer sein. Sie wollte niemandes Abenteuer sein.

„Wäre es nicht möglich, dass du überreagierst und zu viel hineininterpretierst? Dass er nur nett sein wollte und mit dir über alte Zeiten plaudern will?“

Allmählich hatte sie das Gefühl, gar nichts mehr zu wissen, weswegen sie ihren Großvater einfach nur anstarrte. Ihr Hirn schien wie leer gefegt, völlig davon überfordert eine vernünftige Entscheidung zu fällen und die Dinge realistisch einzuschätzen.

„Vielleicht“, gestand sie schließlich ein. Vielleicht reagierte sie ja tatsächlich über und Nicos wollte nur nett sein und es gab diese sexuelle Spannung zwischen ihnen überhaupt nicht und all das hatte sich nur in ihrer Fantasie abgespielt. „Er hat die Einladung aber an die Lesung geknüpft. Lehne ich ab, will er auch keine Lesung abhalten.“ Und ein derartiges Ultimatum war nun keinesfalls nett.

Ihr Großvater zuckte ungerührt mit den Schultern. „Der Kerl ist eben geschäftstüchtig.“

Lucy lachte. „Du bist echt schrecklich, Pappoús.“

„Wieso?“

„Weil du unbedingt das Gute in ihm sehen willst.“

„Und du willst unbedingt das Schlechte in ihm sehen.“

Nachdenklich kaute sie auf ihrer Unterlippe. Wollte sie das? Sie kannte Nicos. Sie mochte ihn. Dennoch traute sie ihm zu, Kenneths Andenken nicht so zu ehren, wie sie es tat. Sich womöglich zu etwas hinreißen zu lassen, das früher undenkbar gewesen wäre.

„Was wäre denn das Schlimmste, das passieren könnte?“, fragte ihr Großvater. „Dass ihr zwei ein schönes Wochenende miteinander verbringt?“

Lucy seufzte. Die Wahrheit war wohl auch, dass sie sich selbst nicht über den Weg traute. Kenneth war inzwischen zwei Jahre tot und das Treffen mit Nicos machte ihr deutlich, wie der Schmerz über seinen Tod allmählich nachließ. Sie hatte sich dabei ertappt, dass ein ganzer Tag verging, ohne an Kenneth gedacht zu haben. Aber selbst wenn sie sich wieder erlauben würde, einen anderen Mann in ihr Leben zu lassen, konnte dies doch unmöglich Kenneths bester Freund sein.

„Lucy, hör auf zu grübeln“, sagte ihr Großvater streng. „Ich mache es dir einfach. Wenn du schon nicht wegen Nicos zu dem Anwesen seiner Eltern willst, und auch nicht deinetwegen, dann tu es doch meinetwegen.“ Sich auf seinen Stock stützend erhob er sich. „Vielleicht kommt so wenigstens ein sterbender Mann doch noch zu seiner Lesung.“

Lucy schüttelte lachend den Kopf. Ihr Großvater war wirklich unverbesserlich. „Du stirbst nicht, Pappoús.“

„Jeder stirbt“, erklärte er ungerührt. „Und ich früher als andere. Also solltest du nett zu mir sein und dafür sorgen, dass mein letzter Wunsch in Erfüllung geht.“

Lächelnd stand sie auf und drückte ihrem Großvater einen Kuss auf die Wange. Im Grunde nahm er ihr die Entscheidung ab, weil er so tat, als würde er sie dazu nötigen. Aber Lucy wusste, er würde sie nicht drängen, wenn er nicht ehrlich daran glaubte, dass es die richtige Wahl war. Und wenn sie selbst nicht wollte, hätte sie Nicos sofort abgesagt, anstatt um eine Bedenkzeit zu bitten. Sie brauchte nur diesen kleinen Schubs, vielleicht so etwas wie eine Erlaubnis von jemandem, der ihr sagte, es war in Ordnung, das Leben trotz Kenneths Tod wieder zu genießen.

„Danke, Pappoús.“ Die Entscheidung war also gefallen. Sie würde Nicos’ Einladung annehmen.

Lucy kam aus dem Staunen nicht heraus. Sie hatte ja gewusst, dass Nicos’ Eltern vermögend waren und sie sich offenbar ein Anwesen auf Korfu leisten konnten, aber mit dieser Pracht hatte sie nicht gerechnet.

Gerade ließen sie das mächtige, gusseiserne Einfahrtstor hinter sich und fuhren langsam den gepflasterten Weg hoch zur Villa. Ringsherum befand sich ein atemberaubender mediterraner Garten mit zurechtgestutzten Zypressen, Lavendel und Olivenbäumen. Zwischen verschiedenen Kräuter- und Wildblumenbeeten schlängelte sich ein gepflegter Weg aus Pflastersteinen. Allein hierfür einen Gärtner zu beschäftigen musste ein Vermögen kosten.

„Du hast nie so genau erzählt, womit deine Eltern ihr Geld verdient haben.“ Ihre Stimme klang kratzig und sie musste sich räuspern, um ihre ausgetrocknete Kehle wieder in Schwung zu bringen.

„Ach, nein?“

„Nein.“

„Ich habe wohl gedacht, du wüsstest es.“ Er stellte den Motor seines BMWs direkt vor der Villa ab und wandte sich ihr zu. Dann legte er den Arm über die Rückenlehne des Beifahrersitzes und beugte sich noch etwas näher zu ihr.

Obwohl es Lucy widerstrebte, setzte ihr Herz kurz aus.

„In den Neunzigern haben meine Eltern eher zufällig ein neues Medikament zur Blutgerinnungshemmung synthetisiert, das rasch den kompletten Markt revolutioniert hat und ihr Pharmaunternehmen zu einem der erfolgreichsten weltweit machte. Solange sie das Patent besaßen, haben sie eine Menge Geld verdient und da sie das Medikament weiter perfektioniert und auf dem Gebiet weitergeforscht haben, blieben sie auch danach Marktführer.“ Er lächelte, als wollte er sich fast dafür entschuldigen. „Das ist alles.“

„Und das ganze Unternehmen gehört jetzt dir?“

Er schnallte sich ab und langte nach dem Türgriff. „Ja“, lautete seine knappe Antwort, während er starr aus der Frontscheibe sah.

„Warum hast du das nie erzählt?“ Sie erinnerte sich, dass selbst Kenneth nur gesagt hatte, dass Nicos’ Eltern Chemiker seien und ihr eigenes Unternehmen besäßen. Sie hatte auch nie weiter gefragt und bisher war ihr nicht bewusst gewesen, wie reich Nicos offenbar war.

„Es ist das Geld meiner Eltern. Nicht meines.“

„Aber …“

„Lassen wir das“, unterbrach er sie, dann lächelte er sie an. „Genießen wir die Zeit, die wir hier sind.“ Er stieg aus und umrundete das Auto. „Komm mit.“ Er reichte ihr die H...

Autor

Nancy Callahan
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Penny Roberts

Hinter Penny Roberts steht eigentlich ein Ehepaar, das eines ganz gewiss gemeinsam hat: die Liebe zum Schreiben. Schon früh hatten beide immer nur Bücher im Kopf, und daran hat sich auch bis heute nichts geändert. Und auch wenn der Pfad nicht immer ohne Stolpersteine und Hindernisse war – bereut haben...

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