Romana Extra Band 169

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AUF DER INSEL DER SEHNSUCHT MIT DIR von POLA GARDNER

Auf der kroatischen Sonneninsel Vis will Charlotte nach der Trennung von ihrem Verlobten zur Ruhe kommen. Doch der geheimnisvolle Jakuv entfacht schon bald ein ungeahntes Feuer in ihrem Herzen. Bis sie plötzlich fürchten muss, erneut an einen Betrüger geraten zu sein …

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  • Erscheinungstag 14.02.2026
  • Bandnummer 169
  • ISBN / Artikelnummer 0801260169
  • Seitenanzahl 400

Leseprobe

Pola Gardner, Faye Acheampong, Ally Blake

ROMANA EXTRA BAND 169

Pola Gardner

1. KAPITEL

Charlotte war komplett am Ende. Ihr schwarzes Top klebte klitschnass an ihrem Rücken, und sie war so erschöpft wie noch nie in ihrem Leben. Mit zitternden Fingern löste sie den Bauchgurt ihres schweren Wanderrucksacks und ließ ihn achtlos auf die Holzplanken des kleinen Stegs plumpsen. Dann sank sie nieder und griff sich die Plastikflasche mit dem viel zu warmen Wasser. Sie schloss die Augen und nahm einen langen Schluck.

Schließlich streckte sie alle viere von sich und legte sich einfach lang hin. Es war ihr egal, falls es irgendjemanden stören sollte, dass sie hier wie ein Stück Treibgut im Hafen von Vis herumlag. Die Besitzer der teuren Segeljachten, die hier die Szenerie bestimmten, würden wohl oder übel damit leben müssen.

Charlotte schloss die Augen, doch als sie merkte, dass ihr die Tränen kamen, setzte sie sich schnell wieder auf. Mit aller Macht konzentrierte sie sich auf die Möwen, die am Himmel über der malerischen kleinen Hafenstadt entlangschossen. Auf keinen Fall würde sie jetzt weinen! Sie hatte mehr als genug geweint in den letzten vier Wochen. Viel zu viel, wenn man bedachte, dass der Grund ihrer Tränen es nicht mal wert war, sich auch nur für den Bruchteil einer Sekunde mit ihm zu beschäftigen.

Verdammt, jetzt dachte sie schon wieder an Tom! Es war jedoch nicht nur die Erinnerung an ihren Ex, die ihr die Tränen in die Augen trieb. Es war vor allem dieses grenzenlose Gefühl der Enttäuschung, das sich mehr und mehr in ihr breitmachte.

Vis – der Name der kleinen kroatischen Insel war in den letzten Wochen alles gewesen, woran sie sich hatte festhalten können. Für sie hatte Vis Verheißung bedeutet – und vor allem Entkommen. Und als sie vor zwei Stunden auf der großen Fähre gestanden und die Insel das erste Mal in ihrem Leben zu Gesicht bekommen hatte, hatte sie nach Luft schnappen müssen, so schön war das Gefühl gewesen.

Endlich, hatte sie gedacht, endlich! Der Anblick, der sich ihr bot, war sogar noch atemberaubender gewesen als in ihrer Fantasie. Türkisblaues Meer, wilde Felsküsten und dann, als die Fähre sich langsam der Hafenstadt genähert hatte, diese wunderschönen terracottafarben gedeckten alten Häuser, die sich an die sanften Hügel schmiegten. Es war, als näherten sie sich einem in der Zeit verloren gegangenen italienischen Dorf der Fünfzigerjahre.

In ihrer Fantasie hatte Charlotte sich selbst gesehen, wie sie von einem romantischen kleinen Fischerboot zum Haus ihrer verstorbenen Großmutter gebracht wurde. Zu ihrem Haus! Wie ihr Haar im Fahrtwind wehte und sie sich vom Fahrer des Boots erzählen ließ, wo die besten Spots zum Schnorcheln waren. Wie sie endlich etwas über ihre Wurzeln erfuhr …

Dieser Moment kam ihr jetzt allerdings vor wie eine Ewigkeit her. Zwei Stunden war sie inzwischen in dieser unerträglichen Hitze im Hafen umhergeirrt. Unfähig, sich zu verständigen, frustriert und überfordert – und voller Ärger auf ihren Vater, der ihr offensichtlich kompletten Quatsch erzählt hatte, als er meinte, sie könne einfach mit einem Fischerboot nach Rukavac fahren.

Charlotte überlegte kurz, ob es vielleicht am besten wäre, sich gleich hier ins Wasser gleiten zu lassen. Das Meerwasser war selbst im Hafen glasklar. Die Vorstellung, ihren Badeanzug aus den Tiefen ihres Rucksacks zu kramen, überstieg jedoch ihre Kräfte. Alles überstieg im Moment ihre Kräfte.

Es dauerte einen Augenblick, bis ihr klar wurde, dass das helle Geräusch in ihren Ohren das Klingeln ihres Handys war. Sie seufzte und fischte widerwillig ihr Smartphone aus ihrer Bauchtasche. „Anonym“ stand auf dem Display. Ihr Vater. Sie hatte ihm schon tausendmal gesagt, dass er das endlich umstellen sollte, aber der alte Mann war störrisch wie ein Muli. Na ja, da stand sie ihm in nichts nach. Wenigstens konnte sie ihm jetzt die Meinung sagen.

„Hallo, Dad“, meldete sie sich ärgerlich, „du hast mir eine schöne Suppe eingebrockt! Es gibt hier kein Boot! Und ich …“

„Hallo, Charlotte“, sagte eine jüngere männliche Stimme, „sehr freundlich, dass du endlich mal ans Telefon gehst.“

Charlotte erstarrte. In ihrem Bauch krampfte sich alles zusammen. Kurz hatte sie den Impuls, einfach aufzulegen, doch dann sagte sie sich, dass das kindisch wäre und von ihrem Gegenüber nur als Zeichen von Schwäche gedeutet werden würde.

„Hallo, Tom“, sagte sie kühl. Sie hoffte, dass er das Zittern in ihrer Stimme nicht bemerkte. „Hätte ich gesehen, dass du es bist, wäre ich nicht rangegangen. Wie du sehr gut weißt, nehme ich an.“

„Jepp! Das weiß ich“, sagte er kurz.

Früher hätte sie das lässig gefunden. So wie sie früher fast alles an Tom lässig gefunden hatte. Jetzt fand sie seine Masche ungefähr so cool wie die Sprüche eines spätpubertierenden Neuntklässlers, der dazu noch emotional unterentwickelt war. Sie hatte gezwungenermaßen lernen müssen, dass sich hinter Toms vermeintlicher Lässigkeit kaum mehr als Oberflächlichkeit und Verlogenheit verbarg. Wie hatte sie das so lange nicht sehen können? Sie war blind gewesen.

Charlotte zwang sich, ihr Gedankenkarussell zu stoppen, bevor es richtig in Fahrt kam. Das Letzte, was sie wollte, war, dass Tom auch hier in Kroatien noch einen Platz in ihrem Kopf bekam. Sie würde das Telefonat so schnell wie möglich beenden.

„Hör zu“, begann sie, doch Tom unterbrach sie.

„Nein, hör du mir bitte zu. Ich weiß, dass du nicht mit mir reden willst. Ich weiß, dass du nichts mehr von mir wissen willst. Ich weiß, ich war …“ Er schien nach Worten zu suchen. „Ich habe mich dir gegenüber nicht korrekt verhalten.“ Pause.

Einen kurzen Moment hatte Charlotte den verrückten Gedanken, dass er sich bei ihr entschuldigen würde. Dass er sie tatsächlich um Verzeihung bitten würde für das, was er ihr angetan hatte.

Was das betraf, war Tom jedoch absolut verlässlich – verlässlich idiotisch, verlässlich selbstgerecht … verlässlich verletzend.

„Aber“, fuhr er fort, „man muss schon sagen, dass du dich auch nicht gerade toll verhalten …“

„Hör sofort auf damit!“, schrie sie ins Telefon. Tränen der Wut standen ihr in den Augen. „Ich will kein Wort mehr hören! Du bist so … Ich fasse es einfach nicht!“ Sie musste abbrechen, weil ihre Stimme ihr nicht mehr gehorchte.

Tom nutzte seine Chance: „Siehst du“, sagte er vorwurfsvoll, „du willst mir nicht mal zuhören! Dabei hast du doch immer wieder gepredigt, wie wichtig es ist, dass man über seine Gefühle spricht. Dass man dem anderen zuhört. Aber was für andere gilt, scheint für dich offenbar nicht zu gelten.“

„Tom“, zischte Charlotte. Ihre heiße Wut war innerhalb weniger Sekunden zu Eis geworden. „Ich erkläre es dir jetzt noch einmal“, fuhr sie fort. „Weil du es scheinbar schon wieder vergessen hast: Du hast mich monatelang betrogen. Mit einer Kollegin. Fast einer Freundin. Du hast mich geheiratet. Und zwei Tage nach unserer Hochzeit – unserer verdammten Hochzeit! – hast du schon wieder mit ihr geschlafen. Es würde mich nicht mal wundern, wenn ihr es sogar auf unserer Hochzeitsfeier getrieben hättet …“

Charlotte merkte, dass ihre Stimme kippte. Tom schaffte es noch immer, das Niedrigste und Peinlichste aus ihr herauszuholen. Warum legte sie nicht einfach auf?

Auflegen, einfach auflegen, sagte sie sich wie ein Mantra, doch sie schaffte es nicht. Irgendein idiotischer Teil von ihr schien noch immer zu glauben, dass ein Gespräch mit Tom irgendetwas klären könnte. Irgendetwas heilen könnte.

„Also, die Geschichte mit Sarah …“, sagte er, als würde er nachdenken. „Ja, das war nicht in Ordnung. Da gebe ich dir ja vollkommen recht, aber ganz ehrlich … Das war auch ein bisschen deine Schuld.“

Charlotte traute ihren Ohren nicht. Sie hatte nicht erwartet, dass Tom sich noch steigern konnte. Offensichtlich hatte sie ihn unterschätzt. Für einen Moment stellte sie sich vor, wie sie das Handy einfach in hohem Bogen ins Wasser schleuderte. Oder es auf den Steg schmiss und mit den Füßen darauf rumtrampelte. Aber wahrscheinlich würde sie sich nur die Zehen verletzen.

„Ich meine“, fuhr er fort, „wann hast du dich denn das letzte Mal ein bisschen … du weißt schon … ein bisschen sexy angezogen für mich? Mich ein bisschen verführt?“

Charlotte merkte, wie ihr Körper erstarrte. Es war, als hätte sie schlagartig die Verbindung zu all ihren Emotionen verloren. Als hätte ihr jemand ein starkes Beruhigungsmittel verpasst.

„Tom“, sagte sie mit einer Ruhe, die ihr fast unheimlich war, „hör einfach auf. Du weißt selbst, dass das absoluter Schwachsinn ist. Ich werde jetzt auflegen, und ich will, dass du mich nie wieder anrufst. Und ich meine nie wieder! Die Nummer meiner Anwältin hast du ja. Falls es irgendetwas wegen der Scheidung zu klären gibt.“

„Na toll“, rief er mit hoher Stimme. Jetzt klang er wie ein weinerlicher kleiner Junge. „Echt toll! Und ich bleib auf den ganzen Ausgaben sitzen … Verlobungsringe, Eheringe …“

Charlotte legte auf und konzentrierte sich auf ihre Atmung. Ein, aus. Ein, aus. Ein, aus.

Die Tränen kamen trotzdem. Unaufhaltsam. Heiß. Wütend. Und verzweifelt. Wie hatte sie diesen Mann fast drei Jahre lang lieben können? Wie hatte sie so dumm sein können? So blind! Wie konnte sie jemals wieder einen Mann lieben? Nein! Niemals! So etwas würde ihr niemals wieder passieren!

Sie legte sich zurück auf die Holzplanken des kleinen Stegs und rollte sich zitternd auf die Seite. Dann schnappte sie sich die Bluse, die auf ihrem Rucksack lag, und begann, hemmungslos in den weichen Stoff zu schluchzen.

In diesem Moment ertönte eine weibliche Stimme in ihrer Nähe: „Alles okay? Können wir dir helfen?“

Charlotte setzte sich erschrocken auf. Ohne dass sie irgendetwas davon mitbekommen hatte, hatte ein kleines Motorboot an ihrem Steg angelegt. Neben ihr war eine schlanke Frau mit langen, dunklen Haaren damit beschäftigt, das Boot mit sicheren Handgriffen an einem Poller zu befestigen, dabei lächelte sie sie besorgt an.

„Schon gut.“ Charlotte schniefte. Sie fand eine Packung Taschentücher in ihrer Bauchtasche und putzte sich geräuschvoll die Nase. „Ich bin nur … Es geht schon wieder.“

Die Frau hielt sie vermutlich für verrückt, weil sie hier im Hafen rumlag und heulte. Na, wenn schon.

Erst da bemerkte sie den Mann, der im Inneren des Motorboots dabei war, irgendetwas zu verstauen. Sie sah nicht viel mehr als seinen Rücken, schmale Hüften in kurzen schwarzen Badeshorts und die Rückseite seiner langen muskulösen Beine. Dann kam er unter der Überdachung des kleinen Boots hervor, richtete sich auf und drehte sich um. Seine Gesichtszüge erinnerten sie an die römischen Statuen im Britischen Museum, doch sein vom Fahrtwind zerzaustes dunkles Haar und seine unter dem offenen weißen Hemd sichtbare gebräunte Brust ließen ihn äußerst lebendig wirken. Er schaute sie verwundert an. Seine dunklen Augen waren ein Schock.

Charlotte schluckte. Sie spürte, wie ihre Haut über und über von einem Kribbeln überzogen wurde.

Oh Gott, dachte sie, vor zwei Minuten habe ich mir noch geschworen, nie wieder etwas mit einem Mann anzufangen – und jetzt drehe ich schon beim erstbesten schönen Männerkörper durch … Und dann noch ein Typ, der vergeben ist! Ich bin wahrscheinlich einfach unzurechnungsfähig – es wird wirklich Zeit, dass ich mich zusammenreiße!

Dann wurde ihr erst bewusst, wie sie aussehen musste. Verschwitzt, rote Nase, zugeschwollene Augen, und ihre blasse Haut hatte inzwischen wahrscheinlich schon die ersten Anflüge von Sonnenbrand.

Sie hatte das Temperament und die Sturheit ihres kroatischen Vaters geerbt – und das rotblonde Haar und die empfindliche Haut ihrer britischen Mutter. Vielleicht war sie einfach nicht gemacht für Kroatien. Vielleicht sollte sie die ganze verrückte Geschichte mit dem geerbten Haus hier und jetzt abbrechen und einfach nach London zurückkehren. Vielleicht war das hier mehr als ein schwieriger Anfang, wahrscheinlich würde ihr ganzes hirnrissiges Projekt von Frust und Katastrophen geprägt sein.

Das schöne Paar stand nun nebeneinander auf dem Steg und schaute sie ratlos an. Die Frau war etwa in ihrem Alter, Anfang dreißig. Er wirkte etwas älter, aber es war schwer zu sagen. Seine jungenhafte Frisur bildete einen starken Gegensatz zu seinem ernsten, männlichen Gesicht.

„Ich bin Ela“, sagte die Frau spontan und reichte ihr die Hand. „Das ist Jakuv.“

Er nickte ihr stumm zu. Vielleicht sprach er kein Englisch. Das Englisch seiner Freundin war allerdings ziemlich gut, und Charlotte beschloss, ihre Chance zu nutzen. Sie hatte zwei Höllenstunden hinter sich, in denen es ihr nicht gelungen war, sich in ihrer Sprache zu verständigen, und in denen sie ihren Vater im Geiste verflucht hatte, weil er in ihrer Kindheit nicht wenigstens ein bisschen Kroatisch mit ihr gesprochen hatte.

„Ich heiße Charlotte. Charlotte Anderson.“ Sie reichte beiden die Hand. „Sorry für meinen kleinen Zusammenbruch. Ich bin ehrlich gesagt ziemlich am Ende. Mir wurde gesagt, dass ich hier ein Boot finden würde, das mich zur Südküste der Insel bringen kann, nach Rukavac, aber … Ich renne jetzt seit zwei Stunden den Hafen auf und ab und … Ich hab das Gefühl, dieses Boot ist der Fantasie meines Vaters entsprungen.“ Sie seufzte. „Gibt es hier vielleicht so etwas wie einen Busbahnhof?“

„Warte einen Moment. Ich frag mal“, sagte der Mann.

Wie hieß er noch – Jakob? Auch sein Englisch wirkte sehr sicher, allerdings hatte er einen stärkeren Akzent als seine Freundin. Er ging mit schnellen Schritten den Steg entlang, überquerte die Fahrbahn und verschwand in der Pizzeria auf der anderen Seite der Straße.

Ela schaute sie neugierig an. „Willst du Urlaub machen auf Vis?“

„Nein, nein, ich … Meine Großmutter hat hier gelebt. Ich will zu ihrem Haus. Zu meinem Haus, eigentlich. Sie ist vor vier Wochen gestorben, und mein Vater hat mir sein Erbe überschrieben.“

„Wow!“, machte Ela. „Dann hast du kroatische Wurzeln? Wie spannend!“

Die Frau strahlte sie mit weit aufgerissenen Augen an, und ihr wurde warm ums Herz. Elas Herzlichkeit und Interesse waren wie Balsam für ihre wunde Seele. Vielleicht würde ihr Kroatienabenteuer ja doch kein komplettes Desaster werden.

„Aber Anderson klingt nicht besonders kroatisch“, sagte Ela jetzt neugierig.

„Mein Vater hat den Namen meiner Mutter angenommen. Er hieß früher Duvnjak.“

„Oh Gott, ich würde dich am liebsten stundenlang ausfragen!“, rief Ela. „Wir müssen unbedingt mal einen Kaffee trinken gehen. Jakuv und ich wohnen auf Brač, aber wir kommen oft nach Vis, weil wir hier Freunde haben. Und weil es hier so schön ruhig ist. Brač ist eine ziemliche Partyinsel.“

In diesem Moment kam Jakuv zurück, und die beiden Frauen schauten ihn erwartungsvoll an.

„Also“, sagte er, „es gibt tatsächlich ein Boot.“

Charlottes Gesicht hellte sich auf.

„Aber“, fuhr er fort, „heute ist Sonntag. Da fährt gar nichts. Ich glaube, noch nicht mal ein Bus. Am besten suchst du dir in der Stadt ein Zimmer für die Nacht und fährst morgen früh rüber.“ Er machte eine Pause und schaute sie nachdenklich an. „Allerdings könnte das mit dem Zimmer auch schwierig werden. Wir haben Hochsaison.“

Er ließ seinen Blick weiter auf ihr ruhen. Dieser Mann hat eine Art, einen anzuschauen, die einem durch Mark und Bein geht, dachte sie. Forschend. Und so … intensiv. Dabei lag keine Spur von Flirt in seinem Blick. Im Gegenteil, wahrscheinlich würde er den Motor seines Bootes genauso eindringlich unter die Lupe nehmen, wenn der nicht richtig funktionierte.

„Kommt gar nicht infrage!“, sagte Ela entschieden. „Jakuv bringt dich.“

„Moment mal“, wandte der ein. „Wir sind mit Alen verabredet, hast du das vergessen?“

„Du kommst eben nach“, meinte Ela. „Du willst Charlotte ja wohl nicht einfach ihrem Schicksal überlassen! Außerdem ist sie sozusagen unsere neue Nachbarin.“

Jakuv schüttelte den Kopf. „Nein!“, sagte er bestimmt. „Ich habe Alen seit Wochen nicht gesehen, und er braucht …“

Ela verdrehte die Augen. „Alen braucht gar nichts. Und er wird es überleben, wenn er mal eine Stunde allein mit seiner Sandkastenfreundin verbringen muss.“

„Aber …“

Jakuv wechselte ins Kroatische, und zwischen den beiden entspannte sich eine kurze, aber hitzige Diskussion. Schließlich hob er kapitulierend die Arme.

„Okay, okay!“, rief er auf Englisch. „Ela, ich tue alles, was du willst! Ich vergesse immer wieder, wer der Chef ist bei uns beiden.“

Er wandte sich ihr zu und sagte: „Okay, auf geht’s!“

Er wirkte nicht gerade begeistert, doch er packte ihren schweren Rucksack, als wöge der nichts, und stieg mit ihm in das leicht schaukelnde Boot.

Charlotte stand zögernd am Steg und wusste nicht, wohin mit sich.

„Ciao“, sagte Ela, dann umarmte sie sie spontan. „Willkommen auf Vis!“

„Na los“, rief Jakuv ungeduldig.

Er winkte Ela zum Abschied zu, und die warf ihm eine Kusshand zu. Charlotte stieg vorsichtig ins Boot. Das alles war so schnell gegangen, dass sie noch gar nicht richtig Zeit gehabt hatte, sich zu freuen oder erleichtert zu sein. Oder hatte es einen anderen Grund, dass sie sich so merkwürdig angespannt fühlte?

Jakuv löste die Taue, mit denen das Boot befestigt war, und startete den Motor. Charlotte bewunderte die Sicherheit und ruhige Kraft, von der jede seiner Bewegungen bestimmt war. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund schlug ihr das Herz bis zum Hals.

„Charlotte!“, übertönte Elas Stimme das Knattern des Bootsmotors. „Gib Jakuv unbedingt deine Nummer! Ich will alles wissen über dein Haus und deine Großmutter!“

Jakuv Vikuda steuerte die Tiny Princess sicher aus dem Hafen der Stadt Vis. Das kleine Boot war von der gleichen Marke wie sein erstes Motorboot, die Dina. Die hatte er damals mit siebzehn Jahren von hart ersparten 3000 Kuna gekauft und mit der Hilfe eines geschickten Nachbarn wieder fahrtüchtig gemacht. Wie die Dina, die vor acht Jahren endgültig den Geist aufgegeben hatte, war auch die Tiny Princess nichts Besonderes. Sie war schlicht, robust und schnell genug für seine Ansprüche.

Er hatte es nicht nötig, mit einem teuren Motorboot irgendetwas zu beweisen, hatte es in jungen Jahren nicht nötig gehabt, und heute mit Ende dreißig hatte er es schon gar nicht nötig. Die Tatsache, dass er es als Inhaber der Croatian Princess – einer der exklusivsten kroatischen Reedereien von Luxusjachten – inzwischen zum Millionär gebracht hatte, spielte dabei keine Rolle.

Er vermied es, die Frau anzuschauen, die ihm irgendeine kapriziöse Laune des Schicksals ins Boot geweht hatte, doch aus den Augenwinkeln nahm er sie genau wahr.

Sie war ihm wie eine verirrte Fee erschienen, als er sie das erste Mal mit verweintem Gesicht auf dem Steg in Vis erblickt hatte. Und auch jetzt, während ihr rotblondes langes Haar im Wind flatterte und sie versunken aufs Meer starrte, sah sie vollkommen verloren aus. Dabei ahnte man, dass sich unter ihrer Verlorenheit ein eiserner Wille verbarg.

So wie man vorhin sofort erkennen konnte, dass sich unter den vom Weinen geschwollenen und geröteten Zügen ein wunderschönes, zart geschnittenes Gesicht verbarg. Und dass die verweinten, aber leuchtend blauen Augen es unter normalen Umständen liebten zu lachen und zu staunen.

Jakuv rief sich zur Vernunft. Solche Fantasien waren das Letzte, was er im Moment brauchen konnte. Am liebsten wäre es ihm, wenn sie die Fahrt einfach schweigend hinter sich bringen könnten. Und dann addio!

Dummerweise tat sie ihm aber leid. Es war klar, dass hinter ihrer Verzweiflung mehr stecken musste als die erfolglose Suche nach einer Überfahrt. Außerdem bereute er seine anfängliche Weigerung, sie zu ihrem Haus zu bringen. Das war sonst überhaupt nicht seine Art. Zum Glück konnte er sich da auf Ela verlassen – seine kleine Schwester und er standen sich meist in nichts nach, wenn es darum ging, Menschen beizustehen, die in Not waren. Das war schon immer so gewesen, und seit dem Tod ihrer Mutter hatte sich dieser Wesenszug bei ihnen sogar noch verstärkt.

Wenn er ehrlich war, hatte er gehofft, dass diese feenhafte Erscheinung einfach schnell und ohne Spuren zu hinterlassen wieder aus seinem Leben verschwinden würde. Eigentlich verfügte er über sehr gute Menschenkenntnis, vor allem in geschäftlichen Dingen, aber mit den Frauen …

Es schien, als ob die Schönheit und der Charme einer Frau sein Bauchgefühl immer wieder komplett ausschalteten. Er war schon zu oft in eine Affäre oder eine Liebesgeschichte getaumelt, die er hinterher bereut hatte. Dann wachte er eines Tages an der Seite einer Frau auf, die ihn anfangs unglaublich fasziniert hatte und die ihn auf einmal – im besten Fall – nur noch langweilte. Inzwischen hasste er das schale Gefühl, das diese Begegnungen bei ihm hinterließen.

Immerhin hatte er dazugelernt. Er war jetzt auf der Hut und wusste, wann er es riskieren konnte, mit jemandem eine heiße Nacht zu verbringen. Und er würde nicht so bald wieder reines körperliches Begehren mit wahrer Leidenschaft verwechseln. Bei der schönen Engländerin hatte er allerdings das Gefühl, dass es besser war, wenn er von Anfang an auf Distanz ging. Sie war definitiv eine Frau, die ihm gefährlich werden konnte.

Da war so viel, das seine Fantasie anregte. All die kleinen Dinge, die ihn schon so oft von einer Frau hatten glauben lassen, dass sie mehr war. Mehr als nur schön. Mehr als nur sexy. Mehr als nur intelligent. Weil er es so sehr hatte glauben wollen.

Es waren Hunderte kleine, fast unmerklichen Trigger. Die Art, wie sie blinzelte. Wie sie ihren Kopf hielt. Mit welcher natürlichen Anmut sie sich bewegte. Ihre tiefe Stimme. Die Schweißperlen, die ihr über die Schlüsselbeine liefen … überhaupt ihre Schlüsselbeine … Ja, selbst die Art, wie sie sich mit ihrem abgewetzten Tramper-Rucksack einfach mitten im luxuriösen Hafen von Vis niedergelassen hatte, um dort prompt einen Nervenzusammenbruch zu bekommen. Er grinste wider Willen.

Vielleicht sollte er langsam doch mal was sagen, denn er musste sich ja nicht gleich wie der letzte arrogante Idiot verhalten.

Sie kam ihm jedoch zuvor: „Danke, dass du mich fährst“, sagte sie leise. „Ich bezahle die Fahrt natürlich. Wenigstens das Benzin.“

Er starrte sie erstaunt an, dann begriff er. Sie hatte keinen Schimmer, wie reich er war. Besser, wenn das so blieb, entschied er.

„Ist schon okay“, sagte er. „Benzin ist sehr billig in Kroatien. Und ich mag diese Strecke eigentlich ganz gern. Schau mal.“

Er deutete nach rechts und lenkte das Boot näher an die beeindruckenden Felsen, die hier teilweise so weit vom unruhigen Meer unterspült waren, dass es aussah, als würden sich dort geheimnisvolle Unterwasserhöhlen verbergen.

„Es ist unglaublich. Ich komme mir vor wie in einem Fantasyfilm!“, sagte sie träumerisch. „Mein Vater hat mir nie erzählt, wie wunderschön die Landschaft hier ist.“

„Ist dein Vater in Kroatien geboren?“

„Ja. Auf Vis. Aber er hat seine Heimat mit Anfang zwanzig verlassen. Er … Er ist nicht besonders gut auf Kroatien zu sprechen. Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht wirklich, warum. Er redet nicht darüber. Aber irgendwie kommt es mir oft so vor, als stünde da eine schwarze Wolke zwischen uns. Ich glaube, er hat hier irgendetwas Schlimmes erlebt.“

Jakuv schwieg. Was sie als schwarze Wolke zwischen sich und ihrem Vater beschrieb, konnte er sich sehr gut vorstellen. Oder eher gesagt – er kannte das Gefühl. Er hatte schon lange aufgegeben, die schwarze Wolke zu bekämpfen, die die Beziehung zu seinem eigenen Vater so belastete. Was diese Wolke verbarg, tat einfach zu weh. Seine Mutter … ihr Tod …

Verdammt! Ohne es zu ahnen, hatte diese Charlotte seinen wundesten Punkt berührt. Und er kannte sie gerade mal zwanzig Minuten! Er würde jetzt nicht an seine Mutter denken. Und er würde auf keinen Fall seinem Verlangen nachgeben, dieser fremden Frau etwas über seine Gefühle zu erzählen.

Zum Glück hatten sie inzwischen Rukavac erreicht, wie er erleichtert feststellte.

„So“, sagte er, „wir sind da.“ Er merkte, wie unfreundlich er klang, aber jetzt war es ihm egal. Er musste sich schützen vor dieser Frau. Und je unsympathischer er ihr war, desto besser.

„Oh“, sagte sie aufgeregt. „Moment!“ Sie zog einen zerknitterten Zettel aus ihrer Bauchtasche. „Es ist nicht direkt im Dorf … Etwa 800 Meter weiter östlich, fast direkt an der Küste … Wahrscheinlich sind wir gerade dran vorbeigefahren. Aber ich kann ja einfach laufen. Es war sowieso schon so nett, dass du mich gebracht hast.“

Sie warf ihm einen schüchternen Blick zu. Hier auf dem Meer strahlte das Blau ihrer Augen noch unglaublicher als vorhin im Hafen. Verdammt!

„Schon okay“, knurrte er, „die paar Minuten habe ich noch.“

Fünf Minuten später liefen sie auf einem schmalen Pfad zwischen den Felsen bergauf. Auf dem Hügel vor ihnen stand einzeln ein kleines, altes Steinhaus, das über und über mit blühenden Bougainvilleen bewachsen war. Jakuv hatte einmal kurz den Fehler begangen, nach oben zu schauen, doch der Anblick von Charlottes wohlgerundetem Hintern direkt vor ihm hatte ihn schnell eines Besseren belehrt. Wohl zum zehnten Mal in der letzten halben Stunde verfluchte er sich und seine Schwäche.

Er würde ihr ihren Rucksack nach oben tragen, sie an ihrem Haus abliefern und sich dann sofort verabschieden. Er würde zurückfahren und einen unbeschwerten Abend mit seinem besten Freund und seiner Schwester Ela verbringen.

Und er würde so schnell wie möglich vergessen, was für einen Aufruhr der Anblick dieser kurvigen Silhouette und dieses verschwitzten Nackens in seinem Körper verursacht hatte! Hoffentlich kam sie nicht auf die Idee, ihn zum Abschied umarmen zu wollen.

Als sie fast an dem kleinen Häuschen angekommen waren, kam ihnen eine aufgeregt gestikulierende Frau um die siebzig entgegen.

„Charlotte, Charlotte! Da bist du ja endlich“, rief sie auf Kroatisch.

Charlotte blieb wie angewurzelt vor ihm stehen, und er wäre fast in sie hineingerannt.

Die ältere Frau ergriff Charlottes Hände und überschüttete sie mit einem begeisterten Redeschwall. Sie hieß Zinka und war wohl eine Freundin und Nachbarin der Großmutter gewesen. Immer wieder rief sie aus, wie sehr sie sich freue, endlich Doras Enkelin und Mateos Tochter kennenzulernen.

Charlotte lachte und sagte immer wieder auf Englisch: „Ich verstehe leider nichts. Ich spreche kein Kroatisch.“

Jakuv widerstand dem Impuls, Zinkas Worte zu übersetzen. Die beiden würden schon einen Weg finden, sich zu verständigen. Er durfte sich nicht weiter in das Leben dieser Frau hineinziehen lassen. Er lehnte den schweren Rucksack an die Holzbank, die vor dem Haus stand, und sagte knapp: „So, ich muss jetzt wirklich zurück. Alles Gute.“

Charlotte wandte sich ihm zu und sagte ernst: „Tausend Dank noch mal, dass du mich gebracht hast.“ Sie zögerte. „Ich glaube, ohne dich und Ela hätte ich die nächste Fähre zurück nach Split genommen. Und ich gebe dir wirklich gern Benzingeld, das ist doch das Mindeste.“

Sie begann, in ihrer Tasche zu kramen, aber er winkte nur ab. „Schon gut, schon gut. Addio!“

Er wollte sich gerade wieder auf den Abstieg zu seinem Boot machen, als Zinka ihn aufgeregt am Arm festhielt. Ihr Gesicht hatte sich verdüstert, und es sah fast aus, als hätte sie vor irgendetwas Angst.

„Geh noch nicht!“, sagte sie eindringlich. „Das Mädchen versteht unsere Sprache nicht. Du musst sie warnen!“

Jakuv verfluchte sich innerlich. Er hätte die Engländerin einfach unten an der Küste absetzen sollen. Wenn er ehrlich mit sich war, war es natürlich mehr als nur Hilfsbereitschaft gewesen, die ihn dazu gebracht hatte, ihr noch mit dem Rucksack zu helfen. Würde er denn nie dazulernen?

Zinka hatte jetzt Tränen in den Augen. Sie rang um Worte, doch dann stürzte es aus ihr heraus: „Ich weiß nicht, was ich tun soll! Ich habe solche Angst! Das arme Mädchen … Er war hier und … Er will das Haus kaufen und …“

„Wer war hier?“, fragte Jakuv. Charlotte stand mit bestürztem Gesichtsausdruck neben ihm. Natürlich verstand sie kein Wort von ihrem Gespräch, doch es war klar, dass es um etwas Schlimmes ging.

„Er! Petkovic!“, rief Zinka und schluchzte verzweifelt auf.

Jakuv erstarrte.

„Branko Petkovic?“, fragte er mit eisiger Ruhe.

Zinka nickte und murmelte: „Ja, er will das Haus kaufen und meins auch … Und wenn er etwas will, dann sorgt er dafür, dass er es bekommt. Er wird alles zerstören! Unsere Heimat … Uns.“ Wieder schluchzte sie auf. Dann ging ein Ruck durch ihren Körper. Sie krallte ihre Finger in seinen Unterarm, schaute ihn mit finsterer Miene an und sagte fest: „Branko Petkovic ist der Teufel!“

Jakuv antwortete nicht. Er konnte nicht. Ohne ein Wort ließ er die beiden Frauen stehen und begann, mit schnellen Schritten den Pfad zu seinem Boot hinunterzugehen. Er musste weg hier – nur weg!

Branko Petkovic war schlimmer als der Teufel – er war der Mörder seiner Mutter.

2. KAPITEL

Als Charlotte am nächsten Morgen aufwachte, war das erste Geräusch, das sie hörte, das Rauschen des Meeres. Durch das offene Fenster klang es ganz nah. Sie musste etwas Schönes geträumt haben, denn sie fühlte sich so entspannt und gelöst wie seit Ewigkeiten nicht mehr.

Einen Moment lang rekelte sie sich genüsslich in dem großen Bett. Es kam ihr vor, als würde sie noch immer träumen. Sie war auf Vis. In ihrem Haus.

Als sie das kleine Haus gestern Nachmittag das erste Mal zu Gesicht bekommen hatte, hatte sie ihr Glück nicht fassen können. Nicht nur die Lage fast direkt am Meer war ein Traum, auch das Häuschen selbst sah aus wie aus Instagram in die Welt kopiert.

Die Mauern bestanden zum größten Teil aus Natursteinen und waren nur stellenweise mit Backsteinen ausgebessert, wobei das Provisorische daran das Gesamtbild nur noch charmanter machte, wie sie fand. Vor allem in Kombination mit den üppigen Bougainvilleen, deren satter Rosaton dem Ganzen eine unglaublich romantische Note gab.

In den Ritzen der niedrigen Steinmauer, die den kleinen Garten umgab, wuchsen Mauerpfeffer und blühender Thymian, und eine Reihe von knorrigen, alten Olivenbäumen spendeten Schatten – etwas, das in der Hitze des kroatischen Sommers ein Vermögen wert war.

Am Abend hatte sie das Haus ganz in Ruhe erkundet, und ihr war schnell klar geworden, dass dieses wunderschöne Kleinod dringend ein paar Renovierungsarbeiten benötigen würde. Sie war handwerkliches Arbeiten gewohnt, und in ihrem Job als Messebauerin und Dekorateurin hatte sie über die Jahre ein Auge dafür entwickelt, kleine Details wahrzunehmen, die den meisten anderen Menschen gar nicht auffielen.

Zum Beispiel das Dach. Romantisch sah es aus mit seinen verwitterten roten Ziegeln, aber es war klar, dass es an einigen Stellen kurz vorm Abrutschen war. Und im Inneren des Hauses gab es so einige Flecken an den Wänden, die förmlich danach schrien, neu verputzt zu werden. Die Fußbodenfliesen in der Küche waren zum Teil wohl gebrochen und dann einfach durch hellen Beton ersetzt worden.

All diese Dinge registrierte ihr professioneller Blick automatisch – doch sie störten sie nicht im Geringsten. Was für sie zählte, war, wie liebevoll das Haus eingerichtet und dekoriert war. Es war sehr gemütlich und außerdem makellos sauber. Sie nahm an, dass Zinka sich nach dem Tod ihrer Großmutter um alles gekümmert hatte.

Auf jeder Fensterbank standen Tontöpfe mit Kräutern und blühenden heimischen Pflanzen. Das kleine pastellgrüne Sofa mit den fliederfarbenen Kissen passte perfekt zu der altmodischen Tapete mit den etwas verblichenen rosa und cremefarbenen Streifen. Überhaupt waren die Möbel auf eine Art alt – und altmodisch –, die Charlotte als ausgesprochene Vintage-Liebhaberin fast schon entzückte.

Nur das große Bett stach merkwürdig heraus. Es sah fast wie ein Kunstobjekt aus, als hätte ein Holzbildhauer es aus altem Treibholz gebaut. Dabei war es auf eine sonderbar spröde Art sehr schön, und es wirkte äußerst solide. Sie hatte wunderbar darin geschlafen.

Sollte sie das Haus wirklich behalten und als Ferienhaus herrichten, würde sie so viel wie möglich von der Einrichtung behalten. Vielleicht könnte sie das Häuschen zwischendurch auch vermieten – die einzigartige Lage und der authentische Vintage-Charme würden definitiv gut ankommen. Im Geiste war sie schon dabei, Fotos zu machen und kurze Texte für eine Website zu entwerfen.

Das Haus war jedoch nicht bloß romantisch oder süß. Das Verrückte war, dass es ihr das Gefühl gab, dass ihre Großmutter ihr total vertraut war. Einfach weil die alles so eingerichtet hatte, wie sie es getan hatte. Als hätte sie, Charlotte, ihren sehr speziellen Geschmack direkt von ihrer Großmutter geerbt.

Dabei hatten sie sich nie getroffen, und ihr Vater hatte selten von seiner Mutter gesprochen. Charlotte wünschte jetzt, sie hätte selbst die Initiative ergriffen und ihre Großmutter besucht, solange das noch möglich gewesen war. Was für ein Verlust!

Ihre Tante Natascha hatte ihr manchmal Fotos von früher gezeigt und wenigstens die eine oder andere Anekdote aus ihrer Kindheit erzählt. Doch auch Tante Tascha, wie Charlotte sie nannte, seit sie sprechen konnte, war schnell schweigsam geworden, wenn sie begonnen hatte, Fragen zu stellen.

Gähnend stand Charlotte auf und ging noch im Nachthemd in die Küche, um nach Kaffee zu suchen. Eins war klar – wenn sie zurück in London war, würde sie sich ihre Tante und ihren Vater endlich schnappen. Es war höchste Zeit, dass die beiden ihr etwas über deren Kindheit in Kroatien erzählten.

Aber jetzt war sie erst mal auf Vis, und sie hatte absolut kein Verlangen, zu schnell nach London zurückzukehren. Sie hatte das Gefühl, dass es hier eine Million Dinge für sie zu entdecken und zu tun gab. Schon allein mit der Erkundung des Hauses könnte sie Tage verbringen.

Sie war unendlich froh, dass sie hergekommen war. Das merkwürdige Gefühl von Verbundenheit mit ihrer Großmutter machte die Vorstellung, dass fremde Menschen deren Besitz durchstöberten, fast unerträglich.

Als sie eine Dose mit Espresso fand, versuchte sie, das Fenster über der Spüle zu öffnen, doch sie stellte fest, dass der Rahmen komplett verzogen war. Ein weiterer Punkt in der langen Liste von anstehenden Renovierungsarbeiten, doch das machte ihr nichts aus. Sie öffnete die schmale Eingangstür und stand einen Moment lang mit geschlossenen Augen da, die Espressodose noch in der Hand. Tief atmete sie die um diese Zeit noch angenehm kühle Meeresluft ein.

Als sie die Augen öffnete, fiel ihr Blick auf Zinkas Haus, das am anderen Ende der schmalen Schotterstraße stand. Unwillkürlich musste sie wieder an die merkwürdige Szene von gestern denken. Es war von Anfang an klar gewesen, dass Jakuv sie nur widerwillig gebracht hatte, aber dass er so urplötzlich verschwunden war, als die alte Frau weinend auf ihn eingeredet hatte, war trotzdem merkwürdig gewesen.

Er hatte sich nicht mal verabschiedet – geschweige denn Telefonnummern mit ihr ausgetauscht, wie seine Freundin es ihm ausdrücklich aufgetragen hatte. Was schade war, denn sie hatte Ela auf Anhieb sehr sympathisch gefunden. Ob Jakuv irgendetwas gegen Zinka hatte?

Mitleidig schüttelte sie den Kopf. Ihre Nachbarin war schrecklich aufgewühlt gewesen, so viel war klar, aber alle Versuche, sich später allein mit ihr zu verständigen, waren aufgrund ihrer Sprachbarrieren gescheitert. Sie schämte sich fast, weil sie kaum mehr als fünf Worte Kroatisch sprach. Es war dringend Zeit, das zu ändern.

Charlotte befüllte die kleine Mokkakanne, die sie auf einem Wandbord entdeckt hatte, und stellte sie auf den Herd. Während sie im Stehen auf ihren Kaffee wartete, blätterte sie abwesend durch ihren Sprachführer. Das kleine Büchlein enthielt vor allem Redewendungen für ganz konkrete Situationen. Es gab sogar eine Doppelseite, die sich mit dem Flirten und Kennenlernen beschäftigte – leider ein Thema, das ihre entspannte Stimmung in Windeseile ins Gegenteil verkehren konnte.

Schnell wollte sie weiterblättern, doch ihr Blick war an einer kleinen Illustration hängen geblieben. Die charmante Strichzeichnung zeigte einen Mann und eine Frau in einem Straßencafé, beide lachend und in offensichtlich gelöster Stimmung.

Charlotte erstarrte – plötzlich tauchte die Erinnerung an ihren Traum in der letzten Nacht aus den Tiefen ihres Unterbewusstseins auf. Im selben Moment begann der in der Mokkakanne hochsteigende Espresso lautstark zu brodeln.

Charlotte zuckte zusammen, das laute Geräusch erschien ihr fast wie eine Warnung. Sie nahm vorsichtig die Kanne vom Herd und versuchte mit aller Macht, die vor ihrem inneren Auge hochsteigenden Bilder zu verdrängen. Vergeblich.

Ihr Traum hatte in genau so einem süßen Straßencafé begonnen, wie es in dem Sprachführer abgebildet war. Doch der Schauplatz hatte sich schnell an einen menschenleeren Strand verlagert.

Menschenleer, bis auf sie selbst – und den fremden Mann, dessen Berührungen und Küsse sie mühelos in ungekannte Höhen katapultiert hatten.

Sie spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde vor Scham.

Sei nicht albern, schimpfte sie mit sich selbst, es war schließlich nur ein Traum!

Ihr Problem war nicht, dass es ein erotischer Traum gewesen war – sie war zwar desillusioniert, aber sie war nicht prüde. Das Problem war, dass der Mann kein Fremder war. Zumindest kein komplett Fremder.

Das offene weiße Hemd, die gebräunte muskulöse Brust, die markanten Gesichtszüge … Sie hatte im Traum sogar seinen Namen gestöhnt. Wieder und wieder. Jakuv …

Bei der Erinnerung wogte heiße Erregung durch ihren Körper. Offensichtlich ließen ihr Unterbewusstsein und ihre Libido sich nicht besonders beeindrucken von ihrem Verstand und ihren Werten. Sie atmete tief durch und richtete sich entschlossen auf.

Ach, du liebe Güte! Zum Glück werde ich den Typen niemals wiedersehen.

„Wie, du hast sie nicht nach ihrer Nummer gefragt?“ Ela stand am Herd, wo sie Šurlice mit frischen Meeresfrüchten auf zwei Tellern anrichtete, und warf ihm einen genervten Blick zu. Dann stellte sie die Teller mit der wunderbar duftenden Pasta ziemlich hart auf dem Tisch ab und setzte sich. Ohne ein weiteres Wort fing sie an zu essen.

Jakuv stocherte mit wenig Appetit in seinen Nudeln herum. Er nahm Ela ihr unfreundliches Verhalten nicht übel, denn er wusste genau, dass seine Schwester gerade mit aller Macht versuchte, ihr Temperament im Zaum zu halten. Manche Menschen hielten sie für streitsüchtig, aber er wusste es besser. Sie war einfach ein extrem emotionaler Mensch – und das betraf die ganze Bandbreite an Emotionen.

Nicht, dass er sich nicht schon oft erbittert mit ihr gestritten hätte – ihre Temperamentsexplosionen forderten ihn immer wieder extrem heraus. Es war schwer, die eigenen Gefühle beiseitezuschieben und eine souveräne Fassade zu bewahren, wenn das Gegenüber sich damit einfach nicht zufriedengeben wollte.

„Schmeckt es dir nicht?“, fragte sie schließlich und deutete auf seinen Teller.

Er brummte etwas Unverständliches, und sie hakte nicht weiter nach. Eigentlich gehörte Šurlice mit Meeresfrüchten zu seinen absoluten Lieblingsgerichten, doch die Vorstellung, dass sein Vater jederzeit in der großen Wohnküche auftauchen könnte, erfüllte ihn mit ziemlicher Anspannung. Ela wohnte während ihrer Semesterferien in ihrem Elternhaus in Supetar, der einzigen Stadt auf Braˇc, und sie bestand darauf, für ihn zu kochen.

Jetzt bereute er, dass er sich darauf eingelassen hatte. Sein Vater und er hatten sowieso kein sonderlich gutes Verhältnis, und Zinkas Worte gestern hatten die tiefe Wunde, die ihrem Konflikt zugrunde lag, wieder schmerzlich aufgerissen.

Jakuv seufzte. Er wollte jetzt wirklich nicht an den Tod seiner Mutter denken, das hatte er in den letzten vierundzwanzig Stunden mehr als genug getan. Stattdessen fragte er sich wohl zum hundertsten Mal, was Petkovic wohl im Schilde führte. Die arme Zinka hatte allen Grund, verängstigt zu sein. Wenn Branko Petkovic es wirklich auf Charlottes und Zinkas Häuser und Grundstücke abgesehen hatte, hatten sie schlechte Karten.

Sein neu entflammter Hass auf den Bauunternehmer vermischte sich auf merkwürdige Weise mit Sorge um die fremde Engländerin. Es war deutlich spürbar gewesen, dass das Haus ihrer Großmutter große Bedeutung für sie hatte.

„Ich weiß übrigens genau, warum du sie nicht gefragt hast.“ Ela zeigte anklagend mit ihrer Gabel auf ihn.

Verwirrt blickte er auf. „Wovon sprichst du?“

„Warum du Charlotte nicht nach ihrer Nummer gefragt hast. Dahinter steckt garantiert deine bescheuerte Idee, dass du dich fernhalten solltest von Frauen.“

Er verdrehte genervt die Augen. „Erstens halte ich mich nicht von Frauen fern …“

Ela unterbrach ihn: „Ich rede nicht von One-Night-Stands. Ich rede von Frauen, die wirklich dein Interesse wecken. Und man muss kein Genie sein, um zu sehen, dass Charlotte definitiv zu dieser Kategorie gehört.“

„Ach ja?“ Er runzelte die Stirn und schob seinen noch fast vollen Teller zur Seite. „Schön, dass du mehr über mich weißt als ich selbst.“

Ela ignorierte die offensichtliche Ironie und nickte. Dann sagte sie in etwas versöhnlicherem Ton: „Jakuv, ich will mich ja nicht in dein Liebesleben einmischen, aber …“ Sie suchte nach Worten, dann lachte sie. „Falsch! Ich will mich unbedingt in dein Liebesleben einmischen. Aber ich versuche, deine Grenzen zu respektieren.“

„Gut. Dann können wir ja endlich das Thema wechseln“, brummelte er. Er stand auf, um einen Korkenzieher zu holen und die Flasche Rotwein, die er mitgebracht hatte, zu öffnen. Es war ein kroatischer Spitzenwein, ein Dingač Potomje aus dem Süden Dalmatiens. Er kostete einen Schluck und nickte zufrieden. Dann schenkte er ihnen beiden ein und lehnte sich etwas entspannter auf seinem Stuhl zurück.

Ela trank von ihrem Wein und musterte ihn nachdenklich. Schließlich sagte sie mit einem listigen Funkeln in den Augen: „Okay, wechseln wir das Thema. Du weißt ja, dass all meine kroatischen Freundinnen inzwischen im Ausland leben. Und im Gegensatz zu mir kommen die meisten in den Ferien nicht nach Hause.“

Jakuv nickte nur. Er fragte sich, worauf sie hinauswollte.

Ela zog ein übertrieben trauriges Gesicht. „Und Brad hat mich heute angerufen und mir gesagt, dass er doch erst in zwei Wochen kommen kann. Irgendwas mit seinem aktuellen Projekt. Jedenfalls kann er nicht früher Urlaub machen. Du arbeitest ständig. Alen auch. Und ich liebe Tata über alles, wie du weißt … Aber ich kann nicht die ganze Zeit mit meinem Vater verbringen. Ich brauche auch Leute in meinem Alter, sonst sterbe ich hier noch vor Einsamkeit und Langeweile.“

Der traurige Ausdruck verschwand plötzlich von ihrem Gesicht, und sie strahlte ihn erwartungsvoll an. Jakuv begriff zu spät, dass sie das Thema ganz und gar nicht gewechselt hatte. Er sollte eigentlich genervt von ihr sein, stattdessen musste er gegen seinen Willen grinsen.

Er hob die Hände, als würde er sich ergeben. „Okay, okay, ich habe verstanden … Du brauchst eine Spielkameradin in deinem Alter. Und es schadet nicht, wenn es eine etwas … sagen wir mal … emotionale Engländerin ist. Du weißt, ich will nur dein Glück, Schwesterherz. Also, meinetwegen fahre ich dich morgen früh zu ihrem Haus. Dann könnt ihr eure Nummern austauschen und beste Freundinnen werden.“

Ela stieß einen kleinen Freudenschrei aus, doch gleich darauf verzog sie bedauernd das Gesicht. „Geht nicht. Morgen früh bin ich mit Tata zum Angeln verabredet.“

„Na gut, dann eben übermorgen.“

Sie zog besorgt die Augenbrauen hoch. „So spät? Aber dann wird sie die ganze Zeit denken, dass ich es gar nicht ernst gemeint habe mit dem Treffen.“

Genervt schüttelte er den Kopf.

„Bitte, Brüderchen … Ich fand sie wirklich wahnsinnig nett.“ Ela legte den Kopf schief und klimperte mit den Augen. „Kannst du nicht schnell allein hinfahren? Schließlich ist es deine Schuld, dass ich ihre Nummer nicht habe.“

Jakuv starrte sie finster an, doch dann musste er plötzlich lachen. „Du bist unglaublich, weißt du das?“

„Heißt das, du fährst morgen hin?“

Er nickte. „Ja. Damit du nicht vor Einsamkeit und Langeweile stirbst.“ Er wusste ganz genau, dass Ela absolut kein Problem damit hätte, die Tiny Princess selbst nach Vis zu steuern, ließ sie jedoch mit ihrem durchschaubaren Trick davonkommen.

Es gab noch einen anderen Grund, wieso er noch einmal nach Rukavac wollte. Er hatte beschlossen, diesmal nicht tatenlos zuzusehen, wie Branko Petkovic die Makarska Riviera und der benachbarten Inselwelt mit einem weiteren abstoßenden Hotelkomplex verschandelte. Denn das war mit Sicherheit dessen Plan. Vis war wunderschön in seiner relativen Unberührtheit, und es war höchste Zeit, dass jemand diesem skrupellosen Typen ein paar Steine in den Weg legte.

Als Erstes würde er ein paar Erkundigungen einholen – und er würde noch einmal in Ruhe mit Zinka sprechen. Außerdem schuldete er der alten Frau eine Entschuldigung dafür, dass er sie gestern einfach so stehen gelassen hatte.

Energisch zog er seinen Teller mit Pasta zu sich heran. Aus irgendeinem Grund war sein Appetit wieder erwacht.

Charlotte machte ein paar ruhige Schwimmzüge in Richtung offenes Meer, dann trat sie langsam, fast schon meditativ, Wasser, um ihren Herzschlag noch weiter zu verlangsamen. Als sie das Gefühl hatte, das der Zeitpunkt richtig war, holte sie tief Luft und tauchte unter. Der Ventilmechanismus ihres Schnorchels verschloss sich automatisch, sodass kein Wasser eindringen konnte.

Das Meer war hier sicher fünf Meter tief, doch ein paar kräftige Bewegungen ihrer Schwimmflossen brachten sie schnell an den Grund, wo sie ruhig zwischen den Felsen umherschwamm.

Sie war geübt im Freitauchen, auch wenn sie niemals so ans Extrem gehen würde wie manche der Leute, mit denen sie in ihrem Tauchsportverein in London trainierte. Sie hatte kein Interesse daran, sich selbst oder der Welt etwas zu beweisen. Sie liebte einfach nur das Gefühl, in eine völlig andere Welt einzutauchen. Liebte die Stille, die Kühle … Nichts zu denken, nichts zu müssen …

Eine Zeit lang betrachtete sie fasziniert einen leuchtend roten Seestern, der sich unendlich langsam über den fast weißen Sand bewegte. Dann wurde ihre Aufmerksamkeit von einem Fischschwarm gefangen. Die kleinen hellen Fische hatten zwei markante schwarze Streifen an der Seite; eine Art Brasse, wenn sie sich richtig erinnerte. Sie folgte den glitzernden Fischen, die zwischen zwei hohen Felsen Richtung offenes Meer schwammen. Danach erkundete sie einen Moment das zerklüftete Gestein, bevor sie sich an die Wasseroberfläche treiben ließ, um Luft zu holen. Zwei Minuten später setzte sie ihre Unterwasserexpedition fort – sie hätte Stunden so verbringen können.

Als sie nach einiger Zeit merkte, dass ihre Kraft nachließ, tauchte sie auf, schob die Schnorchelbrille auf ihre Stirn und ließ sich ein paar Minuten lang mit geschlossenen Augen auf dem Rücken treiben. Wie sehr sie dieses Gefühl inneren Friedens genoss … Ein Gefühl, dass sie wirklich verdient hatte nach der schweren Zeit, die sie durchgemacht hatte. Sie wusste, dass sie diesen Zustand nicht würde festhalten können, aber sie schwor sich, während ihrer Zeit auf Vis so viel davon aufzusaugen, wie es nur ging.

Allmählich machte sich auch Hunger bemerkbar, und sie beschloss widerstrebend, das Wasser zu verlassen. Mit kräftigen Zügen schwamm sie in Richtung Ufer. Dort hatte sich inzwischen eine Familie mit zwei Kindern niedergelassen. Als Charlotte vor zwei Stunden angekommen war, hatte sie die versteckte kleine Bucht noch für sich allein gehabt.

Bis auf einen höchstens zwei Meter breiten Sandstreifen gab es hier nur Felsen, was den Ort wohl zu einem Geheimtipp machte. Die meisten Urlauber zogen den hübschen kleinen Strand mit den bunten Sonnenschirmen vor, der direkt am Dorf lag.

Sie spürte Grund unter den Füßen, stellte sich auf und ging langsam aus dem Wasser an Land. Ihr Körper fühlte sich angenehm müde an, und die warmen Strahlen der Sonne waren wie eine Liebkosung auf ihrer kühlen Haut. Lächelnd winkte sie den beiden kleinen Mädchen zu, die im Sand spielten.

Das ältere Kind zeigte fasziniert auf ihre Schnorchelbrille und fragte sie etwas auf Kroatisch. Charlotte zog bedauernd die Achseln hoch und schaute sich hilfesuchend nach den Eltern um, doch die waren damit beschäftigt, einen Sonnenschutz am Rand der Felsen aufzubauen.

Dann fiel ihr Blick auf eine einzelne, braungebrannte Gestalt, die nur wenige Meter vor ihr auf der schmalen Treppe zwischen den Felsen saß.

Charlotte erstarrte. Ihre gerade noch kühlen Wangen standen plötzlich in Flammen. Offensichtlich weigerte der Traum der letzten Nacht sich hartnäckig, in Vergessen zu geraten. Einen verrückten Moment lang hatte sie die Illusion, der Mann auf den Stufen könne in ihrem Gesicht lesen, welche Bilder gerade vor ihrem inneren Auge abliefen.

„Hi …“ Ihre Stimme gehorchte ihr irgendwie nicht. Sie atmete tief durch und räusperte sich. „Hi, Jakuv.“

„Hallo, Charlotte.“ Sein Gesicht war ernst. „Ich habe leider schlechte Nachrichten für dich.“

3. KAPITEL

Jakuv hatte vollkommen gebannt zugeschaut, wie Charlotte langsam aus dem Meer kam.

Er wusste, dass er sie nicht so anstarren sollte, aber es war ihm unmöglich, seinen Blick abzuwenden. Er musste unwillkürlich an die Szene denken, in der James Bond in dem Film „007 jagt Dr. No“ das erste Mal Honey Ryder begegnet. Nicht nur Charlottes kurvige Figur und ihr zartes Gesicht, das von den nassen Haaren nur noch mehr betont wurde, erinnerten ihn an die Schauspielerin Ursula Andress – auch ihr Bikini hatte diesen typischen Sechzigerjahre-Schnitt. Charlottes helle Haut bildete einen wunderschönen Kontrast zu dem dunkelbraunen nassen Stoff, und das Verlangen, ihre kühle, feuchte Haut zu berühren, war plötzlich übermächtig.

Zum Glück hatte sie ihn noch nicht entdeckt. Mit aller Macht zwang er sich, seine Gesichtszüge – und auch den Rest seines Körpers – unter Kontrolle zu bringen. Er brauchte einen kühlen Kopf, schließlich ging es um eine ernste Sache. Er musste unbedingt mit ihr über ihr Haus sprechen.

Die letzten zwei Stunden hatte er damit verbracht, sich ausführlich mit Zinka zu unterhalten und anschließend einen alten Bekannten anzurufen, der in dem Amt arbeitete, das die Baugenehmigungen an der Makarska Riviera vergab. Dann hatte er seiner Sekretärin geschrieben, dass sie alle seine Termine für den heutigen Tag absagen solle. Seine Reederei konnte gut ein paar Tage auf ihn verzichten, und er war viel zu aufgewühlt, um sich auf die Arbeit konzentrieren zu können.

Was er herausgefunden hatte, war noch schlimmer, als er erwartet hatte. Offensichtlich hatte Petkovic bereits die Genehmigung für sein Bauprojekt eingeholt – was ein absoluter Skandal war, denn die Felsküsten von Vis durften offiziell nicht mehr bebaut werden. Jakuv war sich sicher, dass er das nur mit Bestechungen geschafft haben konnte.

Die vertraute heiße Wut, die bei dem Gedanken an den Bauunternehmer in ihm hochstieg, war ihm ausnahmsweise fast willkommen. Sie war definitiv besser als die idiotische Sehnsucht, die die fremde Frau vor ihm in ihm weckte.

Inzwischen hatte Charlotte ihn offensichtlich bemerkt. Ihr Gesichtsausdruck war schwer lesbar, und auf die kurze Entfernung sah er, dass ihre sonst so hellen Wangen leicht gerötet waren. Wahrscheinlich hatte sie unterschätzt, wie viel Kraft die Sonne auch unter Wasser hatte.

Sie begrüßten sich etwas steif, und er beschloss, keine langen Vorreden zu halten. Je eher sie beim Thema waren, desto besser. „Ich habe leider schlechte Nachrichten für dich. Wie es aussieht, soll dort, wo dein Haus steht, ein Hotelkomplex gebaut werden. Und der Mann, der das plant, hat leider ziemlich viel Einfluss in dieser Gegend. Sein Name ist Petkovic. Ich habe eben mit Zinka gesprochen, ihr Grundstück ist auch betroffen. Sie hat mir übrigens auch verraten, dass du hier bist.“

Charlotte riss schockiert die Augen auf. Dann schüttelte sie langsam den Kopf. „Aber … Das Haus und das Grundstück gehören doch mir … Und ich weiß noch gar nicht, ob ich es verkaufen will.“ Sie warf ihr Schnorchel-Equipment in den Sand und sagte entschieden: „Und ich würde auf gar keinen Fall an jemanden verkaufen, der vorhat, das Haus abzureißen! Und Zinka? Das ist doch ihr Zuhause.“

Er nickte ernst. „Es kann sein, dass ihr keine Wahl habt.“

„Was soll das denn heißen?“ Sie stemmte die Hände in die Hüften, ihre Augen sprühten Funken.

Er musterte sie nachdenklich. Offensichtlich war sie nicht nur ziemlich emotional, sondern hatte auch einen starken Willen. Umso besser. Den würde sie brauchen, um sich Petkovics Plänen entgegenzustellen. Und noch viel mehr als das.

„Hör zu“, sagte er, „ich würde das Ganze gern in Ruhe mit dir besprechen. Hast du Hunger? Wir könnten in Rukavac eine Pizza essen. Die Konoba Romana ist super und schön kühl. Der Speiseraum ist ein ehemaliger Weinkeller.“

Sie zögerte. „Ich weiß nicht … Ich hab mir eigentlich Sandwiches eingepackt.“ Sie machte eine unbestimmte Geste in Richtung Felsen, wo ein großes cremefarbenes Handtuch neben einer altmodisch bedruckten Stofftasche ausgebreitet war.

Dann schaute sie ihn zweifelnd an. „Außerdem … Also, versteh mich nicht falsch, ich bin dir dankbar, dass du mir davon erzählt hast, aber ich kapier nicht so ganz, warum du …“

„Warum ich mich überhaupt dafür interessiere?“

Sie nickte.

Jakuv überlegte kurz. Auf keinen Fall konnte er ihr die ganze Geschichte erzählen. Er musste sie irgendwie auf Abstand halten, und es war besser, wenn sie so wenig wie möglich über sein Privatleben wusste.

„Das hier ist meine Heimat“, sagte er schließlich schlicht. „Ich liebe diese Inseln. Ich liebe dieses Meer. Und in den letzten Jahrzehnten wurde hier bereits mehr als genug zerstört von geldgierigen Profiteuren. Ich spreche nicht nur von der Landschaft und der Umwelt. Ich spreche auch von den Menschen, die hier leben. Die verwurzelt sind mit ihren Häusern und den dörflichen Gemeinschaften. Es heißt immer, wir würden den Tourismus brauchen. Weil wir das Geld brauchen … die Arbeitsplätze. Aber Tourismus kann viele Gesichter haben.“

Er verstummte einen Moment, dann fügte er bitter hinzu: „Und w...

Autor

Faye Acheampong
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Ally Blake

Ally Blake ist eine hoffnungslose Romantikerin. Kein Wunder, waren die Frauen in ihrer Familie doch schon immer begeisterte Leserinnen von Liebesromanen. Sie erinnert sich an Taschen voller Bücher, die bei Familientreffen von ihrer Mutter, ihren Tanten, ihren Cousinen und sogar ihrer Großmutter weitergereicht wurden. Und daran, wie sie als junges...

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