Romana Extra Band 177

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EINE VILLA FÜR ZWEI von ZOE LARSEN

Überraschend erbt Cathy ein Haus in der Toskana. Unter einer Bedingung: Sie muss dort einige Wochen mit Franco De Lucia wohnen, dem zweiten Erben. Zwischen ihr und dem sexy Architekten knistert es heftig – bis ein altes Familiengeheimnis ihr Glück zu zerstören droht …

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  • Erscheinungstag 26.09.2026
  • Bandnummer 177
  • ISBN / Artikelnummer 9783751539340
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Zoe Larsen, Mariah Ankenman, Clare Miles

ROMANA EXTRA BAND 177

Zoe Larsen

1. KAPITEL

Cathy Felton war sich sicher, dass sie noch nie etwas so Schönes gesehen hatte wie Montepulciano im goldfarbenen Licht eines späten Nachmittags. Sie vergaß sogar, wie erschöpft und verschwitzt sie war. Ihr Flieger war in Florenz gelandet, von dort aus hatte sie den Bus hierhergenommen. An einem heißen Sommertag wie diesem war das nicht gerade ein Vergnügen, doch der Ausblick auf die Hügel und die Weinberge hatte sie entschädigt. Im Nachhinein kamen sie ihr jedoch nur wie ein kleiner Vorgeschmack auf dieses malerische Städtchen hier vor.

Über die Gartenmauern der charmant verwitterten Häuser rankten pinkfarbene Bougainvilleen. Dort, wo nichts den Blick versperrte, sah sie die Hügel der Toskana mit ihren Zypressen und Landhäusern in Honig- und Terracottatönen. Herrje, diese kleine Bergstadt hieß sogar wie ein leckerer italienischer Rotwein. Wobei wohl eher die Stadt dem Wein seinen Namen verliehen hatte. Irgendwo, wohl auf der Piazza, die Cathy vorhin überquert hatte, schmetterte ein Straßenmusiker eine italienische Popballade. Er tat es so inbrünstig, dass die melancholische Melodie bis in diesen entlegenen Winkel des Ortes drang. Cathy war hingerissen. Genau so hatte sie sich Italien vorgestellt.

Doch dann keimte ein Anflug von Misstrauen in ihr auf. Wenn etwas zu gut ist, um wahr zu sein ...

Sie ermahnte sich, positiv zu denken, was ihr trotz aller Widrigkeiten in ihrem Leben bis jetzt gelungen war. Bis zu der Sache mit Gary jedenfalls. Vor einigen Monaten hatte Cathy ihren Freund in flagranti mit einer anderen erwischt. Was das Thema Männer anging, war ihre Fähigkeit zu positivem Denken seither angeknackst. Doch sie würde nicht zulassen, dass diese schlechte Erfahrung auch andere Lebensbereiche beeinträchtigte.

Da vorne musste es sein! Sie glich noch einmal die Adresse mit der auf dem Zettel in ihrer Hand ab, um sicherzugehen. Doch das entzückende Bauwerk vor ihrer Nase war tatsächlich das Haus, dessentwegen sie aus ihrem englischen Heimatort Saint Albans hierhergereist war.

Die fliederfarbenen Fensterläden waren hübsche Farbtupfer an der dezenten Natursteinfassade. Die schwere Holztür war in demselben pastelligen Farbton gestrichen. Auf ihr prangte ein bronzener Türklopfer, der von einem Löwenmaul gehalten wurde. Alles wirkte sehr gepflegt, selbst von den rotbraunen Dachziegeln schien nicht einer zu fehlen, jedenfalls was sie von hier unten sah. Das Haus lag am Rande der Stadt. Cathy nahm an, dass man von den oberen Räumen aus weit ins Tal blicken konnte.

Da bemerkte sie eine rot getigerte Katze, die entlang dem Haus umherstreifte. Mit zusammengekniffenen Augen beobachtete das Tier die Fremde, die in ihr Revier eingedrungen war. In diese ruhige Seitenstraße verirrte sich sonst wohl kaum jemand, der nicht hierhergehörte. Cathy ging in die Hocke und hielt ihr den Handrücken hin.

„Hallo, du Schöne.“

Vorsichtig schnupperte die Katze an den Fingern, bevor sie scheinbar gelangweilt weiterzog.

Cathy sah ihr lächelnd nach, dann rappelte sie sich hoch und musterte das Haus weiter.

Im oberen der beiden Stockwerke waren die Läden geschlossen, nur unten standen sie offen, sodass Cathy einen Blick in einen Raum erhaschen konnte, der wahrscheinlich als Wohnzimmer gedient hatte. In einem Regal aus dunklem Holz stapelten sich Bücher wild durcheinander. Dazwischen staubten verschiedene Gegenstände ein, bei denen es sich vermutlich um lieb gewonnene Andenken der Vorbesitzerin handelte. Der Anblick verwelkter Blumen in einer bunt bemalten Vase versetzte Cathy einen Stich. Hier hatte sich eine Frau ein behagliches Heim geschaffen, die Blumen und bunten Nippes gemocht hatte, aber nun nicht mehr da war. Diese Frau war ihr nie begegnet, und doch sollte Cathy die Hälfte dieses Hauses gehören. Kein Wunder, dass ihr dies alles zutiefst unwirklich vorkam. Im echten Leben geschah so etwas sonst nicht. Genauso wenig wie ein Prinz einem gläserne Pantoffeln hinterhertrug, was Cathy überhaupt nicht bedauerte. Sie fand ihre Sneaker viel bequemer.

„Gefällt Ihnen, was Sie sehen?“

Cathy fuhr herum. Ein Mann hatte sich ihr unbemerkt genähert. Er sprach Englisch mit italienischem Akzent.

„Woran haben Sie erkannt, dass ich Engländerin bin?“, erwiderte Cathy überrascht auf Italienisch.

Sie schätzte, dass er ein paar Jahre älter als sie selbst war. Vermutlich Ende zwanzig oder Anfang dreißig. Er überragte sie ein ganzes Stück und sah ein bisschen arrogant auf sie herunter.

„Habe ich nicht, aber Sie wirken wie eine Touristin. Die sprechen sonst kaum Italienisch. Anscheinend sind Sie die Ausnahme“, erwiderte er nun in rasantem Italienisch, als wolle er sie auf die Probe stellen, wie gut ihre Sprachkenntnisse wirklich waren. „Ich würde Ihnen ja eine Führung durch das Haus anbieten, aber noch habe ich keinen Schlüssel.“

Noch? In Cathys Kopf ratterte es. War ihr Gegenüber etwa der andere Eigentümer des Hauses? Was für ein unwahrscheinlicher Zufall, der sich andererseits perfekt in die seltsamen Ereignisse der letzten Zeit einreihen würde.

Sie gestand sich widerwillig ein, dass sie den Fremden nicht unattraktiv fand. Hätte sie Männer nicht weit ans untere Ende ihrer Interessensliste verbannt, würde sie vielleicht zugeben, dass dieses Exemplar sogar sehr attraktiv war. In das warme Braun seiner Augen mischten sich grüne Sprenkel. Der Stoff seines weißen Hemdes schlug nicht eine Falte. Es lag nicht betont eng an, aber doch eng genug, sodass Cathy erkannte, dass der Körper darunter zwar schlank, aber auch sehr muskulös war. Die gerade Nase erinnerte sie an die Bilder von römischen Feldherren, sein Mund wirkte streng und zugleich sinnlich. Nur die dunkelbraunen Haare verweigerten sich so viel Perfektion. Sie waren relativ kurz geschnitten, fielen aber trotzdem in widerspenstige Wellen.

Schlagartig wurde Cathy bewusst, wie zerknittert ihr dünnes Sommerkleid inzwischen aussehen musste. Ihr kinnlanges blondes Haar hatte sie zu einem schlichten Zopf gebunden, aus dem sich bereits einige Strähnen gelöst hatten. Vermutlich hinterließ sie einen ziemlich desaströsen Eindruck. Und wenn schon, sagte sie sich. Ich bin schließlich nicht hier, um attraktive Männer kennenzulernen.

Aber wieso sah er sie so erwartungsvoll an?

Endlich ging ihr auf, dass sie seine Frage gar nicht beantwortet hatte. „Ich wollte mir das Haus nur einmal ansehen, es ist hübsch, oder? Eigentlich kommt mir die ganze Stadt wie ein einziger Traum vor. Sie ist hinreißend“, sagte Cathy. Sie sprach vielleicht langsamer als er, aber immerhin fielen ihr alle passenden italienischen Worte ein.

„Hinreißend?“ Er runzelte irritiert die Stirn, als müsste er über diese Beschreibung erst einmal nachdenken. „Das ist sie wohl.“

Cathy sah ihn ungläubig an. Aber vielleicht nahm man die Schönheit dieses Ortes nicht mehr so deutlich wahr, wenn man hier lebte. Sie würde es leider nicht herausfinden, denn für sie zählte nur eins: Wie viel Geld ihr der Verkauf einer Immobilie im „Goldenen Dreieck“ Italiens – eine der teuersten Gegenden des Landes – einbringen würde.

„Sie klingen nicht sehr begeistert. Sind Sie so ein Snob, dass Sie die Schönheit Montepulcianos nicht wahrnehmen?“, neckte sie ihn.

„Mich faszinieren wohl andere Dinge mehr als ein paar alte Steine.“ Er sah sie prüfend an.

Schlagartig wurde ihr noch wärmer. Schon die Temperaturen trieben Schweißperlen auf die Haut, doch unter seinem Blick schien sie innerlich zu versengen. Mit einer Handbewegung, mit der man lästige Fliegen verscheuchte, wehrte sie die unliebsame Empfindung ab. War sein Spruch nicht eigentlich ziemlich plump?

Trotzdem hielt sie irgendetwas – vielleicht war es ja der Zauber dieses malerischen Ortes selbst – davon ab, sich schnaubend zurückzuziehen. Stattdessen lächelte sie ihn herausfordernd an.

„Tatsächlich, was fasziniert Sie denn?“

„Zum Beispiel die Frage, warum Sie so gut Italienisch sprechen.“

„Ich hatte Gesangsunterricht bei einer italienischen Nachbarin. Von ihr habe ich nicht nur das Singen, sondern auch die Sprache gelernt.“ Die Erinnerung an Signora Bianchi entlockte Cathy ein strahlendes Lächeln.

Er nickte. „Verstehe. Sonst verlassen sich englischsprachige Reisende ja gern darauf, dass sie keine anderen Sprachen lernen müssen.“

Seine Voreingenommenheit ärgerte sie. „Wie gut, dass Sie uns nicht alle über einen Kamm scheren. Waren der Cappuccino und die Zigarette heute Morgen gut?“

Er blinzelte. „Wie bitte?“

„Das ist doch das typische Frühstück eines Italieners, oder nicht?“

Er lachte schallend. „Touché. Ich rauche nicht und trinke meinen Kaffee schwarz.“

Eigentlich gab es nichts weiter zu sagen, dennoch bewegte sich keiner von ihnen auch nur einen Zentimeter von der Stelle. Aus irgendeinem Grund schien ihm ebenso daran gelegen, ihre Begegnung auszudehnen wie ihr.

Moment, das wollte sie doch nicht wirklich, oder? Cathy ärgerte sich über ihr albernes Benehmen, ohne es abstellen zu können. Während sich ihre Blicke ineinander verschränkten, kam ihr die plötzliche Stille zwischen ihnen fast intim vor. Sie ließ Raum für beunruhigende Bilder und Fantasien.

Als er den Bann mit einem Räuspern durchbrach, wusste Cathy nicht, ob sie erleichtert oder enttäuscht sein sollte. „Im Ernst, was hat Sie gerade zu diesem Haus hingezogen? Es sieht doch aus wie die meisten anderen?“

Cathy dachte darüber nach, sich als Erbin erkennen zu geben, entschied sich aber dagegen. Seine viel zu selbstsichere Art reizte sie, ihn selbst dahinterkommen zu lassen – falls er denn wirklich derjenige war, für den sie ihn hielt.

„Ich frage mich, was so ein Haus wohl wert ist? Das muss ein ganz schöner Batzen sein, oder?“ Sie schnitt eine muntere Grimasse.

Wie aus dem Nichts schlug die Stimmung ihres Gegenübers um. Die Belustigung, die sich in seinen Zügen abgezeichnet hatte, wich einem dunkleren Gefühl, das Cathy als Ärger deutete.

„Manche Menschen interessieren sich nur für den Preis einer Sache, nie für ihren Wert“, entgegnete er in schneidendem Ton. Die Wärme in seinen Augen war in eisige Kälte umgeschlagen.

Cathy blinzelte getroffen. Gleich darauf breitete sich Unmut in ihr aus. Es stimmte, dass sie nur daran denken konnte, wie viel ihr das Häuschen einbringen würde. Sie brauchte das Geld dringend. Vielleicht hatte sie raffgierig geklungen, aber warum sollte das bei ihm eine so starke Reaktion auslösen?

Bevor sie zu einer Erwiderung ansetzen konnte, tippte er sich einem ironischen Abschiedsgruß gleich an die Stirn und entfernte sich zügig. Er ließ Cathy in dem Gefühl zurück, etwas Schönes verdorben zu haben. Gleich darauf schalt sie sich für diese Wahrnehmung. Er war derjenige, der sich danebenbenommen hatte. Außerdem war es vollkommen egal, was dieser ruppige Kerl von ihr dachte. Was wusste sie schon von ihm, außer dass er gut aussah? Hinter einer verlockenden Fassade konnte sich Hässliches verbergen, das hatte sie auf die schmerzhafte Tour gelernt.

Wenn Franco De Lucia ehrlich war, hätte er selbst gern einen Blick durch das Fenster geworfen. Dieses Haus war mit ihm untrennbar mit seiner Kindheit und seiner Mutter verbunden, doch es war eine Weile her, seit er es zum letzten Mal betreten hatte. Doch die junge Engländerin hatte ihn mit ihren sommerhimmelblauen Augen aus dem Konzept gebracht und die Wehmut vertrieben. Entwaffnet von ihrer Unbefangenheit, hatte er sich anfangs sogar hinreißen lassen, mit ihr zu flirten.

Sie hatte so erfrischend allürenfrei gewirkt, ungeschminkt und ihre fröhlich-luftige Aufmachung ... Solche Frauen traf er selten in den Kreisen, in denen er sich sonst aufhielt. Erst ihre Bemerkungen über das Haus hatten ihn wieder an den eigentlichen Grund für seine Anwesenheit erinnert.

In die noch frische Trauer um seine Mutter mischte sich der Schock über ihr Testament. Franco konnte es immer noch nicht fassen, dass sie die Hälfte dieses Hauses einer Wildfremden vermacht hatte. Es hingen so viele Erinnerungen und Gefühle daran.

Als der Notar den Namen der unbekannten Erbin verkündet hatte, war Francos Vater blass geworden. Natürlich hatte Franco sofort nachgebohrt, aber keine zufriedenstellende Antwort erhalten. „Alte Freundin deiner Mutter“, hatte sein Vater gemurmelt und danach nicht mehr darüber reden wollen.

Demnach musste seine Miterbin in den Sechzigern sein. Eine Engländerin, genau wie die junge Frau, die ihm an diesem Tag über den Weg gelaufen war.

Vielleicht faszinieren mich andere Dinge nur mehr als ein paar Steine. Warum hatte er so etwas Albernes gesagt?

Es entsprach ja nicht einmal der Wahrheit. Als Architekt interessierte er sich für Baumaterialien ebenso wie für Bauwerke und Baugeschichte. Und an den Steinen, über die sie gesprochen hatten, hing sein Herz ganz besonders. Sie bargen ein Stück glückliche Kindheit. Hier hatten die De Lucias früher ihre Ferien verbracht, und er, damals noch ein kleiner Junge, hatte jedem Aufenthalt entgegengefiebert.

Es waren die wenigen Wochen im Jahr, in denen sich sein Vater Zeit für die Familie nahm und seine Mutter gelöster als sonst wirkte. Während der übrigen Zeit schienen das eigentliche Zuhause von Tommaso De Lucia dessen Büro und Baustellen in aller Welt zu sein. In Rom kam Franco seine Mutter oft traurig und verloren vor, egal wie sehr sie sich bemühte, ihm zuliebe eine fröhliche Miene zu wahren. Nur in Montepulciano war sie wirklich glücklich gewesen.

Franco liebte das Haus, aber warum hätte er das einer Fremden auf die Nase binden sollen? Er wusste, wie man Gefühle in sich verschloss. Von klein auf hatte er versucht, den Erwartungen seines Vaters zu entsprechen, und Tommaso De Lucia hatte für Sentimentalität nie etwas übriggehabt. Alles schien sich bei ihm um den Job zu drehen, um neue Aufträge, Auszeichnungen und Erfolge. Die Familie schien bestenfalls an zweiter Stelle zu kommen. Umso mehr hatte es Franco überrascht, wie sehr der Tod seiner Mutter den bis dahin unbezwingbar wirkenden Vater aus der Bahn geworfen hatte.

Zumindest hatte er nach seiner Bemerkung über die Steine keine Gelegenheit mehr bekommen, sich vor der Fremden vollends lächerlich zu machen. Zum Glück hatte sie ihn rechtzeitig daran erinnert, warum er sich lieber auf die Arbeit konzentrierte als auf Beziehungen. Ihre Begeisterung, die er zunächst bezaubernd gefunden hatte, galt nur dem möglichen Gewinn, der sich mit einem solchen Haus erzielen ließ.

Damit unterschied sie sich nur auf den ersten Blick von den Luxusgeschöpfen, mit denen er bislang zusammen gewesen war. Solche, die sich von ihm eher materielle Güter als tiefe Gefühle erhofften, was ihm entgegenkam. Er schien solche Frauen magisch anzuziehen. So war es wohl, wenn man in eine prominente Familie hineingeboren wurde. Obwohl die Ehe seiner Eltern skandalfrei verlaufen war, hatte die Verbindung zwischen einer schönen englischen Schauspielerin und einem italienischen Stararchitekten ausreichend Glamour abgestrahlt, um Neider und Bewunderer anzuziehen. Und der Glanz hatte auf ihr einziges Kind abgefärbt.

Nach seinen ersten eigenen Erfolgen als Architekt hatten noch mehr Menschen Francos Nähe gesucht, Männer wie Frauen. Er verlor deshalb nicht die Bodenhaftung. Er ahnte, dass diese Leute nicht wirklich ihn sahen, sondern vor allem das, was er ihnen ihrer Ansicht nach zu bieten hatte. Aber auch das war ihm immer recht gewesen.

Immerhin hatte die junge Engländerin den Anstand gehabt, verlegen auszusehen, nachdem er ihr seine Meinung gesagt hatte. Sie war sogar ein wenig errötet, was ärgerlicherweise ganz zauberhaft ausgesehen hatte. Schluss damit, Franco!

Er konnte nicht zulassen, dass sein Verstand sich an den seltsamen Regungen aufrieb, die er in ihrer Gegenwart empfunden hatte. Viel eher sollte er sich auf das konzentrieren, was vor ihm lag. Am folgenden Tag stand der Notartermin an.

2. KAPITEL

Cathy zögerte einen Moment, bevor sie am nächsten Morgen das Haus des Notars betrat. Der kurze Spaziergang hierher hatte sie belebt, aber ihre Glieder fühlten sich immer noch steif an. Ihre Unterkunft war die preiswerteste, die sie hatte auftreiben können, und das Bett war nicht sehr bequem gewesen. Aber sie hätte wohl auch sonst kein Auge zugetan, so aufgeregt wie sie war. Was waren das nur für „letzte Feinheiten bezüglich des Erbes“, die laut Signore Montelli noch zu klären waren? Man sagte ja nicht umsonst, dass der Teufel oft im Detail steckte. Hoffentlich würde sie am Ende nicht doch noch leer ausgehen.

Sie atmete ein letztes Mal tief durch, dann straffte sie ihre Schultern und trat ein. Obwohl sie zehn Minuten zu früh gekommen war, winkte die Sekretärin sie sofort durch.

„Die anderen sind bereits da.“

„Ich habe mich doch nicht in der Zeit vertan, oder?“, fragte Cathy besorgt.

Die Sekretärin lächelte beschwichtigend. „Keineswegs, Signore De Lucia war heute nur noch überpünktlicher als Sie dran.“

Sie betrat den Raum und blieb wie angewurzelt stehen. Obwohl sie zunächst nur einen kleinen Teil seines markanten Profils sehen konnte, erkannte sie ihn sofort. In ihrem Magen flatterte es unruhig. Da fuhr er auch schon zu ihr herum. Er blinzelte ein paar Mal irritiert. Als ihm schließlich klar wurde, wer vor ihm stand, sah er so entsetzt aus, dass Cathy beinahe nervös gelacht hätte.

Das konnte ja heiter werden, dachte sie. Woher kam nur seine unverhohlene Ablehnung? Dieser Mann kannte sie doch gar nicht! Die meisten Menschen in ihrer Umgebung hielten sie für nett und zugänglich, weil sie gut zuhören und sich in andere hineinversetzen konnte. Eine Stammkundin in ihrem kleinen CD- und Plattenladen in Saint Albans hatte sie sogar einmal als Wunderheilerin bezeichnet, weil Cathy stets die passenden Klänge für die Gemütsverfassung ihrer Kundschaft fand.

Wenigstens der Notar begrüßte sie freundlich.

„Signora Felton, schön, dass Sie da sind.“

Das sah Signore De Lucia offensichtlich anders, er sah sie mit gerunzelter Stirn an. Immerhin war er so höflich, aufzustehen und Cathy die Hand zu reichen.

„Franco De Lucia. Guten Morgen.“

Seine Züge glätteten sich zu einer undeutbaren Miene. Niemand hätte angenommen, dass er Cathy vorher schon einmal begegnet war.

Sie konnte nicht widerstehen, ihn ein wenig zu foppen. „Wie schön, Sie kennenzulernen“, sagte sie mit honigsüßer Stimme. Ihrer Erfahrung nach war radikale Freundlichkeit die schärfste Waffe gegen schwierige Kunden.

Vielleicht wirkte sie ja auch bei diesem Mann, jedenfalls ließ er sich rasch wieder auf seinen Stuhl sinken.

Signore Montelli deutete auf den freien Stuhl neben sich. „Setzen Sie sich doch bitte.“

Als sie Platz nahm, hörte sie ein leises Schleifen. Rückte De Lucia etwa gerade ein Stück von ihr ab? Cathy beschloss, ihn zu ignorieren.

„Ich hoffe, Sie hatten eine gute Reise?“, fragte Montelli.

Sie nickte. „Ja, das hatte ich. Ich bin gestern Nachmittag angekommen. Jetzt bin ich ein wenig aufgeregt, um ehrlich zu sein.“

„Das ist kein Wunder, nehme ich an. Diese Situation muss Ihnen sehr merkwürdig vorkommen. Soweit ich weiß, haben Sie Helena De Lucia nie kennengelernt?“

Cathy schüttelte bedauernd den Kopf. „Nein, ich weiß nicht, wer sie ist. Dies alles kam absolut überraschend für mich.“

„Genau wie für mich“, warf Franco trocken ein.

Der Notar nickte. „Natürlich, Signore De Lucia. Bestimmt fragen Sie sich, was Ihre Mutter zu dieser Regelung bewogen hat. Wenn ich richtig informiert bin, wurde das Haus von Ihrer Familie als Ferienhaus genutzt?“

„Das ist richtig.“ De Lucia klang verstimmt.

Cathy warf ihm verstohlen einen Blick von der Seite zu. Sie sah in seinem Gesicht die Andeutung eines Gefühls, das sie nicht gleich zu deuten wusste. War er verletzt?

Sofort überkam sie ein schlechtes Gewissen. Franco De Lucia schien etwas Tiefergehendes mit dem Haus zu verbinden, und nun sollte er es mit einer fremden Frau teilen. Eigentlich war es ihm nicht zu verdenken, dass seine Stimmung nicht die Beste war. Leider konnte sie es sich nicht leisten, so viel Mitleid zu empfinden, dass sie das Erbe ausschlug. Aber sie würde nicht mehr von ihm verlangen, als sie brauchte, falls er sich entschloss, sie auszubezahlen.

Der Notar schob einen dicken Briefumschlag über den Tisch. Cathy griff nicht zu, um Franco De Lucia taktvoll den Vortritt zu lassen.

Allerdings machte auch er zunächst keine Anstalten, das Kuvert in die Hand zu nehmen. Er betrachtete es, als würde er eine Bombe darin vermuten. Mühsam zügelte Cathy ihre Ungeduld, bis er endlich zugriff und den Umschlag öffnete.

Er zog einen Stapel Fotos heraus. Verdutzt sah er zu dem Notar.

„Was ist das?“ Er ließ die Bilder auf den Tisch fallen. Ein Foto landete direkt vor Cathy. Sie nahm es hoch – und erkannte eine junge Version ihrer eigenen Mutter. Sie hielt ein Baby im Arm und lächelte es so liebevoll an, dass Cathy unvermittelt Tränen in die Augen stiegen. Der Säugling war sie selbst.

Verflixt! Eilig wischte sie die verräterischen Tropfen mit dem Handrücken von ihrer Wange. Diese Blöße wollte sie sich vor ihrem Sitznachbarn nicht geben.

Der Notar, dem ihre plötzliche Gefühlsregung nicht entgangen war, sah diskret weg.

„Entschuldigung“, murmelte Cathy. „Meine Mutter ist seit ein paar Jahren tot. Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich sie hier auf einem Foto sehen würde.“

Sie mied De Lucias Blick, obwohl sie ihn auf sich gerichtet spürte. Sie wollte nicht zu dem arroganten Italiener hinsehen. Nicht jetzt, wo sie sich so verletzlich fühlte.

Mit seiner Antwort kam er dem Notar zuvor. „Tut mir leid.“

Die unerwartete Wärme in seiner Stimme verleitete Cathy dazu, ihn doch anzusehen. Für einen Moment wirkte seine Miene weich, dann sah er wieder distanziert und emotionslos aus.

„Nun spannen Sie uns doch nicht so auf die Folter. Was hat das alles hier zu bedeuten?“, fragte er den Notar.

Montelli räusperte sich mehrmals, bevor er antwortete.

„Ich befürchte, ich habe da noch eine kleine Überraschung für Sie beide, die Sie wohl nicht begeistern wird, wenn ich die Situation richtig einschätze. Aber bitte erschießen Sie nicht den Boten!“

Cathy erstarrte in ihrem Sitz. Hatte sie es nicht bereits geahnt? Wenn etwas zu gut aussah, um wahr zu sein …

„Offenbar hat Ihre Mütter eine ganz besonders innige Freundschaft verbunden.“

Cathy hörte De Lucia neben sich lautstark ausatmen. Auch sie selbst fühlte sich ein wenig erleichtert. Es gab schlimmere Überraschungen, oder nicht?

„So etwas hat mein Vater schon angedeutet“, erwiderte De Lucia ruhig. „Deshalb dachte ich, dass meine Miterbin deutlich älter sein würde. Ich wusste ja nicht …“

Er schien nicht zu wissen, wie er fortfahren sollte. Unentschlossen sah er zu Cathy.

„Schon gut“, erwiderte diese. „Also war die Hälfte des Hauses eigentlich für meine Mutter bestimmt?“

Der Notar schüttelte den Kopf. „Dann wäre Ihr Anteil teils an Ihren Vater, teils an Sie gegangen. Aber Signore De Lucias Mutter wusste, dass ihre alte Freundin nicht mehr lebt. Deshalb werden ausdrücklich Sie erwähnt. Der Tod Ihrer Mutter hat meine Mandantin tief getroffen. ‚Aber zumindest will ich dann der kleinen Cathy noch etwas Gutes tun‘, hat sie gesagt, als sie das Testament aufgesetzt hat.“

„Sie kannte mich?“, fragte Cathy überrascht.

De Lucia reichte ihr ein Foto. „Ich vermute, das sind Sie.“

Cathy betrachtete das Bild, auf dem eine wunderschöne Frau einen Säugling mit einem feinen blonden Flaum auf dem Kopf in die Luft hob und dabei lachte. Es war das gleiche Baby, das Cathy auf dem anderen Bild gesehen hatte, sie selbst. Die Umgebung kam ihr bekannt vor. Schließlich ging ihr auf, dass es sich um den Raum handelte, den sie durch das Fenster von Helenas Haus gesehen hatte.

Ungläubig starrte sie ihren Sitznachbarn an. Doch der schien in diesem Moment nur die Frau auf dem Foto zu sehen. Sein Blick war verhangen.

„Das ist doch vollkommen verrückt“, murmelte er.

Auf einer anderen Aufnahme erkannte Cathy ihren Vater – jung und unversehrt. Er hatte einem anderen Mann jovial den Arm um die Schulter gelegt und schien gerade eine launige Anekdote zum Besten zu geben.

„Ist das Ihr Vater?“, fragte sie.

De Lucia nahm das Bild an sich. „Ja, das ist er allerdings. Aber ich verstehe nicht …“ Cathy griff nach einem weiteren Bild. Diesmal saß das Baby vom ersten Bild lachend auf dem Schoß eines Jungen mit großen, dunklen Augen, der etwa vier oder fünf Jahre alt sein musste.

Stumm überreichte sie die Aufnahme der grimmigeren, erwachsenen Version des süßen Jungen.

De Lucia schüttelte den Kopf. „Ich war kein Baby mehr, wieso erinnere ich mich an nichts?“

Der Notar zuckte die Schultern. „Die meisten Menschen haben kaum echte Erinnerungen an ihre frühe Kindheit. Sie glauben nur, alles noch zu wissen. Weil sie Fotos gesehen haben oder ihnen eine Szene oft genug erzählt wurde, um sie sich detailreich auszumalen.“ Montelli räusperte sich wieder. „Wie auch immer. Kommen wir besser zum Punkt. Die Fotos können Sie sich später in Ruhe ansehen. Sie werden einige Zeit miteinander verbringen, falls niemand einen Rückzieher macht.“

„Wie meinen Sie das?“, fragte Cathy angespannt.

Sie und De Lucia saßen jetzt kerzengerade in ihren Stühlen.

„Es gibt eine Bedingung, die Sie beide erfüllen müssen, um das Erbe anzutreten.“

Franco lachte spöttisch. „Ich weiß nicht, ob ich noch eine Überraschung verkrafte.“

Der Notar wiegte seinen Kopf hin und her. „Nun ja, anscheinend hatten Ihre Mütter geplant, dieses Haus irgendwann einmal gemeinsam zu bewohnen – in einer Art Seniorinnen-WG. Aus bekannten Gründen wird daraus nichts mehr.“

Cathy gab einen erstickten Laut von sich.

Montelli fühlte sich sichtlich unbehaglich. „Verzeihen Sie, ich wollte nicht pietätlos klingen. Wir Notare neigen dazu, uns trocken auszudrücken. Jedenfalls ist es nun an Ihnen, den Traum ihrer Mütter stellvertretend zu erfüllen. Sie müssen zwei Wochen zusammen in besagtem Haus leben. Danach dürfen Sie frei entscheiden, was Sie damit anfangen wollen.“

De Lucia sah ihn ungläubig an. „Wie soll das gehen? Was ist mit meiner Arbeit in Rom? Wir arbeiten an einem großen Projekt. Ich kann nicht einfach zwei Wochen abwesend sein.“

„Falls einer von Ihnen sich nicht auf die Bedingungen einlässt, erhält der andere – oder in diesem Fall die andere – alles.“

Der Notar sank tiefer in seinen Stuhl, als wollte er in Deckung gehen.

Auch Cathy wusste nicht, was sie denken oder sagen sollte. Dann kam ihr eine Idee, die hoffentlich auf De Lucias Zustimmung stoßen würde. Schließlich würde ihr Vorschlag ihm zeigen, dass sie nicht vorhatte, das ganze Haus an sich zu reißen.

„Mir gehört ein kleiner Laden in Saint Albans. Für mich wäre es auch sehr schwierig, mich zwei Wochen nicht um mein Geschäft zu kümmern.“ Sie wandte sich an De Lucia. „Sie hängen an dem Haus, richtig?“

„Es geht Sie zwar nichts an, aber ja, das tue ich.“ Er klang arrogant.

„Und mich verbindet nichts damit. Wenn Sie einverstanden sind, können wir die Sache hier auf der Stelle beenden, indem Sie mich ausbezahlen.“

Sie spürte seinen Widerwillen geradezu körperlich. Sicher war es ihm ein Dorn im Auge, eine Fremde für etwas auszuzahlen, das er für seinen rechtmäßigen Besitz hielt. Doch dann verschloss sich sein Gesicht wieder, und plötzlich war sie sich sicher, dass er einwilligen würde. Erleichtert ließ sie sich auf ihrem Stuhl zurücksinken. Bald würde sie diesen Mann nie mehr wiedersehen müssen. Warum nur nagte dieser Gedanke an ihr? Weil er dich fasziniert, Cathy, ob es dir passt oder nicht. Er hatte etwas von einem gezähmten Panther, der nicht von anderen, sondern von sich selbst in festem Geschirr gehalten wurde. Ihre widersprüchlichen Eindrücke von ihm verwirrten sie. Noch ein Grund mehr, so schnell wie möglich von hier zu verschwinden.

„Nun, was sagen Sie?“ Sie wollte, dass er ihr endlich antwortete. „Ich denke …“

Wieder erklang das mittlerweile vertraute Räuspern von Montelli.

De Lucia zuckte zusammen. Cathy fing seinen Blick auf. Sie wusste genau, was er dachte, und erkannte, dass es ihm umgekehrt ebenso ging. Was kommt jetzt noch für eine Hiobsbotschaft? Unwillkürlich kreuzten sich ihre Blicke, dann sahen sie schnell wieder geradeaus.

Zumindest spannte Montelli sie diesmal nicht lange auf die Folter. „Verzeihen Sie, wenn ich Sie unterbreche, Signora Felton, und anstelle von Signore De Lucia antworte. So wie Sie sich das vorstellen, wird es nicht funktionieren. Meine Mandantin war an dieser Stelle ganz klar. Sie müssen zwei Wochen in dem Haus bleiben. Gemeinsam. Erst dann dürfen Sie gemeinsam entscheiden, was Sie mit dem Haus machen wollen.“

3. KAPITEL

„Unfassbar, dass ich mich darauf einlasse“, schimpfte Franco, während sie das Haus des Notars verließen.

Signora Felton antwortete nicht. Sie schien ihren eigenen Gedanken nachzuhängen.

Wenn Franco fair blieb, konnte er ihr die Situation nicht anlasten. Es war ein Schock gewesen, der jungen Frau auf diese Art wiederzubegegnen. Außerdem missfiel es ihm, wie eilig sie es hatte, das Geld zu bekommen, doch seine angehende Mitbewohnerin – Himmel, hilf – hatte Helena De Lucia wohl kaum dazu gezwungen, ein Testament zu ihren Gunsten zu verfassen.

Nein, diesen Schlamassel hatte ihm allein seine Mutter eingebrockt. Leider war es schwer, wütend auf sie zu sein, wo er sie so sehr vermisste, dass er sich pausenlos mit seiner Arbeit ablenkte, um sich nicht dem Schmerz auszusetzen.

„Wo sind Sie untergebracht? Mein Hotel liegt gleich hier um die Ecke“, fragte er seine Begleiterin.

„Meine Pension liegt hinter der Stadtmauer. Ich habe für eine Woche gebucht. Ich hoffe, dass sie mir nicht die volle Summe berechnen.“

„Ich habe ein Auto hier. Wie wäre es, wenn wir erst einmal mein Gepäck abholen und dann gemeinsam zu Ihrer Unterkunft fahren, um Ihres zu holen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe nur einen ganz kleinen Koffer. Wir treffen uns vor dem Haus.“

Er musste zugeben, dass sie wirklich sehr gut Italienisch sprach. Da sie kein einziges Mal Anstalten gemacht hatte, in ihre Muttersprache zu wechseln, blieb er ebenfalls beim Italienischen, obwohl sein Englisch durch mehrere Auslandsaufenthalte recht passabel war.

„Sind Sie sicher?“, wollte er wissen.

Sie rollte mit den Augen, schmunzelte dabei aber. „Wir sehen uns später.“

Er sah ihr unschlüssig hinterher. Welche Frau reiste schon mit einem „ganz kleinen Koffer“? Jetzt, wo er einen Moment gehabt hatte, um alles sacken zu lassen, ging ihm auf, wie unhöflich er Cathy behandelt hatte. Dabei fürchtete er, dass er sein unangemessenes Verhalten nicht allein auf ihre vermeintliche Geldgier schieben konnte. Irgendetwas an ihr ging ihm unter die Haut. Etwas, das nicht nur mit ihren aquamarinblauen Augen und den zarten Zügen zu tun hatte, sondern tiefer reichte.

Ihre Lebendigkeit kam ihm unwiderstehlich vor. Wie unbefangen sie da beim Notar reinspaziert war und mit dem alten Herrn geplaudert hatte … Er musste aufpassen, dass er sich in den kommenden zwei Wochen keine Komplikationen einhandelte. Schnell rief er sich ins Gedächtnis, was ihn an ihr störte – dieses Gerede über Geld. Zukünftig würde er ihr mit der gleichen distanzierten Höflichkeit begegnen, mit der er sich auch sonst Scherereien vom Hals hielt.

Er ließ das Auto beim Hotel stehen. In der schmalen Gasse, in der das Haus stand, konnte höchstens eine Vespa parken. Franco war froh, dass er die Räume noch ein paar Minuten für sich haben würde. Es war ein sehr emotionaler Moment für ihn, ins Ferienhaus seiner Familie zurückzukehren. Wann war er eigentlich das letzte Mal hier gewesen?

Doch als er sein Ziel erreichte, fiel ihm ein, dass der Notar ihr den Schlüssel überlassen hatte. Frustriert stellte er seine Lederreisetasche ab und wartete mit verschränkten Armen auf Cathy Felton. Dann entdeckte er auf einer Gartenmauer etwas, das ihm ein kleines Lächeln entlockte – eine rot getigerte Katze, die dort elegant entlangstolzierte, bevor sie mit einem Sprung hinter der Mauer verschwand. Der Duft von Orangenblüten und Jasmin drang in seine Nase. Und wann war es in Rom jemals so still? Kein Wunder, dass seine Mutter sich hier so wohlgefühlt hatte.

Kurz darauf stieß Cathy zu ihm, mit leicht geröteten Wangen und einem wirklich winzigen Koffer. „Gewöhnt man sich jemals an die vielen Treppenstufen in dieser Stadt?“ Sie schnaufte. „Oje, Sie kommen ja gar nicht rein. Das habe ich vergessen, tut mir leid.“

Er winkte ab. „Ich habe auch nicht daran gedacht.“

Cathy reichte ihm den Schlüssel.

„Ich denke, Sie haben die älteren Rechte“, sagte sie.

Montelli hatte ihnen tatsächlich nur einen Schlüssel überlassen. Franco nahm ihn an sich und betrachtete den vertrauten Anhänger aus pinkfarbenem Glas. Er rang sich ein Lächeln ab, dann gab er ihr den Schlüssel zurück. „Nein, schließen Sie auf. Wie es scheint, haben wir jetzt gleiche Rechte. Ich war nur … überrascht.“

Zögernd nahm sie ihm den Schlüssel aus der Hand, wobei ihre Fingerkuppen zart über seine Handfläche strichen. Etwas in Franco vibrierte bei dieser unabsichtlichen Berührung wie bei einem Stromschlag. Doch sie schien nichts bemerkt zu haben.

Nein, Cathy Felton betrachtete scheinbar ungerührt den Anhänger. „Eine Katze, wie passend. Ich glaube, ich habe gestern eine gesehen, die hier das Haus bewacht hat.“ Sie sperrte die Tür auf und gab den Schlüssel danach Franco zurück. „Wir werden ihn uns gerecht teilen.“ Sie schmunzelte, wobei ihre hellblauen Augen so übermütig blitzten, dass er beinahe vergaß, was er sich gerade vorgenommen hatte. Nicht etwa den Vorsatz, sich höflicher zu verhalten, sondern den, ihr nicht näherzukommen.

„Der Anhänger ist nicht gerade ein Beweis für den guten Geschmack meiner Mutter“, sagte er.

„Sie mochte anscheinend Katzen, daran ist doch nichts Schlechtes.“

„Das stimmt.“ Eine Erinnerung ließ Franco wehmütig lächeln. „Sie hat immer Futter vor die Tür gestellt, für die Streuner, dabei hatte sie eine Katzenhaarallergie.“

„Für mich klingt das sehr sympathisch.“ Cathy lächelte. „Ich hoffe, ich bin nicht aufdringlich, aber mir tut es sehr leid, dass Sie Ihre Mutter verloren haben.“

„Wie es scheint, bin ich hier nicht der Einzige, der das durchmachen musste.“ Franco räusperte sich. Dann wandte er sich schnell ab, damit Cathy nicht bemerkte, wie aufgewühlt er war, und trat in den Flur. Hier drinnen war es angenehm kühl. Die Steine hielten die Hitze draußen. An den Wänden hingen dicht an dicht bunte Gemälde, die seine Mutter bei Ausstellungen erstanden hatte. Nicht alle waren Meisterwerke, doch seiner Mutter hatte es Freude bereitet, junge Künstler zu unterstützen.

„Wenn wir hier zusammenwohnen, sollten wir uns vielleicht duzen“, hörte Franco sich sagen.

„Das erscheint mir angemessen, wo ich doch schon auf deinem Schoß gesessen habe.“

Er fuhr herum. „Wie bitte?“

Wieder überflog ein zauberhafter Anflug von Röte ihre Wangen. „Ich meinte das Foto. Allerdings war ich ein Baby, und du warst ein Kleinkind.“

„Mhm. Stimmt, das Bild hatte ich vergessen.“ Er konnte nicht anders, als ihr freches Lächeln zu erwidern. Dabei fühlte er sich jetzt selbst ein wenig verlegen. Bevor sie das Kinderfoto erwähnt hatte, waren bei ihrem Kommentar einen Moment lang Szenen durch seinen Kopf gespukt, die sich definitiv nicht mit seinen Vorsätzen vereinbaren ließen.

Als sie das Wohnzimmer betraten, sah Franco sich um. Alles war so vertraut und doch zugleich fremd, weil seine Mutter fehlte. In einem Lichtstrahl tanzten glitzernde Staubkörner. Sein Blick glitt zu der petrolfarbenen Samtcouch mit den pinkfarbenen Kissen. Seine Mutter hatte leuchtende Farben geliebt.

Ihr Haus in Rom war dennoch kühl und sparsam eingerichtet. Francos Vater meinte, nur in einer reduzierten Umgebung klar denken zu können.

Zuletzt hatte Helena viel Zeit allein in ihrem Haus in Montepulciano verbracht. Ihr Mann war zu beschäftigt gewesen, und Franco war eigene Wege gegangen.

„Soll ich dich für einen Moment allein lassen?“, fragte Cathy leise.

Sah man ihm so deutlich an, wie sehr ihn all das hier mitnahm? Oder war sie einfach besonders einfühlsam?

„Nein, ist schon in Ordnung. Es hängen bloß sehr viele Erinnerungen an diesen Räumen“, entgegnete er mit fester Stimme.

Cathy stieß ein behagliches Seufzen aus. „Es ist so gemütlich hier. Ich wünschte, ich könnte mich an irgendetwas erinnern.“

Ihr Kommentar irritierte ihn. Es kam ihm immer noch unvorstellbar vor, dass Cathy und er sich schon einmal gemeinsam in diesen Räumen aufgehalten haben sollten.

„Unsere Mütter mochten sich so sehr, dass sie im Alter zusammen wohnen wollten“, fuhr Cathy fort, bevor er etwas erwidern konnte. „Und wir haben nichts voneinander gewusst? Wieso hatten die beiden plötzlich keinen Kontakt mehr? Trotzdem waren meine Mutter und ich Helena noch so wichtig, dass sie mich in ihr Testament aufgenommen hat. Das ergibt doch keinen Sinn!“

„Tut es nicht“, bestätigte er.

Cathy stieß einen verärgerten Laut aus. „Mein Vater kann sich auf etwas gefasst machen. Er hat herumgedruckst, als wisse er von nichts. Dabei ist er auch auf den Fotos zu sehen. Und …“

Sie verstummte und sah plötzlich so traurig aus, dass Franco beinahe die Hand nach ihr ausgestreckt hätte. Doch auf halber Strecke hielt er inne und fuhr sich stattdessen durchs Haar, als habe er von Anfang an nichts anderes vorgehabt.

„Was ist?“, fragte er.

„Ach, es ist nur … Es hat mich geschockt, meinen Vater auf seinen Beinen stehen zu sehen. Er sitzt im Rollstuhl, solange ich denken kann. Auf den Bildern sieht er viel gelöster aus als in all den vergangenen Jahren.“

„Darf ich fragen, was ihm zugestoßen ist?“

„Er hatte einen Autounfall, als ich noch klein war.“

Beim Anblick ihrer kläglichen Miene schmolz etwas in ihm. „Das kann nicht leicht für dich gewesen sein. Dein Vater im Rollstuhl, deine Mutter tot. Tut mir wirklich leid, dass du so viel durchmachen musstest.“

Für einen Moment schwiegen sie, dann schüttelte Franco ungläubig den Kopf.

„Das ist doch unfassbar, in was für eine absurde Situation wir hier geraten sind. Und mein Vater wollte auch nicht mit der Sprache rausrücken. Das lassen wir ihnen nicht so einfach durchgehen, oder?“

Der Schatten auf Cathys Gesicht wich einem kleinen Lächeln. „Da kannst du dir hundertprozentig sicher sein, Franco. Wir werden uns die alten Herren ordentlich vorknöpfen. Sonst reden mein Vater und ich über alles, aber was diese Erbschaft angeht, bin ich nur auf stures Schweigen gestoßen.“

Franco nickte nachdenklich, sein Blick glitt zur Wanduhr. „Ich sollte mich jetzt um die Arbeit kümmern. Es gibt viel zu besprechen, wenn ich die nächsten zwei Wochen dem Büro fernbleiben soll.“

Cathy zögerte einen Moment. „Darf ich dich vorher noch etwas fragen?“

„Seit wann bittest du mich dazu um Erlaubnis?“, erwiderte er trocken.

„Warum fechtest du das Erbe nicht an?“

Sie sprach so leise, dass er sie kaum verstand, weswegen er noch einen Schritt an sie herantrat.

Cathy war ihm jetzt so nahe, dass er ihren Duft wahrnahm – warm, süß, verführerisch. Eine Haarsträhne hatte sich aus ihrem Zopf gelöst. Er musste sich zusammenreißen, um sie nicht hinter ihr Ohr zu streichen. Seltsamerweise war ihm nicht einen Moment in den Sinn gekommen, das Erbe anzufechten. Er würde den letzten Wunsch seiner Mutter respektieren, egal wie seltsam der ihm vorkam.

„Wenn überhaupt, dann gewinne ich mit fairen Mitteln“, erklärte er leise.

Sie lächelte. „Indem du mich aus dem Haus ekelst, bevor die zwei Wochen um sind?“

„Schauen wir mal. Aber das klingt nicht besonders fair.“ Er lachte kurz auf, weil ihm in diesem Moment nichts ferner lag, als sie vertreiben zu wollen.

Sie lächelte. „Unterschätz mich besser nicht, Franco.“

„Das tue ich nicht.“ Es war die Wahrheit. Er trat einen Schritt zurück. „Wie gesagt, ich sollte jetzt ein wenig arbeiten.“

Cathy nickte. „Ich sollte mich auch mal ans Telefon hängen. Zum Glück habe ich eine zuverlässige Mitarbeiterin, die den Laden sehr gut allein zwei Wochen schmeißen kann. Trotzdem fühlt es sich merkwürdig an, mir solange freizunehmen. Was machst du eigentlich beruflich?“

Er stockte. Wollte sie herausfinden, ob er einen annehmbaren Verdienst hatte? War es wieder ein Hinweis darauf, dass sie auf Geld aus war? „Ich bin Architekt.“

„Dann sitzt du doch sicher viel am Rechner und kannst einen Großteil der Arbeit von hier aus verrichten. Wenn man einen Laden führt, geht das leider nicht.“

Franco war sich nicht sicher, was er wollte – den Raum schnellstmöglich verlassen oder bei Cathy bleiben. Er entschied sich für Letzteres. Natürlich nur, um mehr über die Hintergründe der Entscheidung seiner Mutter herauszufinden, sagte er sich.

„Um was für einen Laden handelt es sich denn?“

„Schallplatten und CDs, vor allem klassische Musik, aber auch ausgewählte Pop-, Rock- und Jazzsachen.“

„Werden solche Tonträger überhaupt noch nachgefragt?“, fragte er überrascht.

„Reich werde ich wohl nicht damit. Aber es gibt immer noch genügend Menschen, die lieber CDs und Schallplatten mögen als alles zu streamen. Manche Raritäten sind außerdem im Internet gar nicht zu finden.“

„Ein Laden für Musikfreaks also?“

Ihre Augen blitzten verärgert. „Wenn du es so ausdrücken willst. Ich würde sagen, dass mein Laden für Menschen da ist, die besondere Musik lieben.“

Er hob abwehrend die Hände. „Hey, kein Grund, sauer zu sein. Ich meinte das nicht abfällig. Ich habe mich wohl unglücklich ausgedrückt. Ich mag Menschen, die sich für etwas begeistern.“

Cathys angespannte Haltung löste sich wieder. „Vielleicht reagiere ich da etwas empfindlich. Ich hänge sehr an dem Laden und meiner Kundschaft.“

Über beides hatte sich ihr Ex-Freund Gary gern einmal lustig gemacht.

„Meine Mutter hat Musik auch sehr gemocht“, sagte Franco. Aus irgendeinem Grund war er sich sicher, dass sie außerdem die erwachsene Cathy gemocht hätte. Er räusperte sich.

Cathy lachte lauthals auf.

„Bitte?“, fragte er verwirrt.

„Entschuldigung“, prustete sie. „Das Geräusch hat mich an Signore Montelli erinnert. Nur eine kleine Sache noch, Signore De Lucia und Signora Felton.“

Sie imitierte Montellis Räuspern so gekonnt, dass Franco mitlachen musste. Er sah sie überrascht an und wurde sich wieder bewusst, wie nahe sie sich gegenüberstanden.

„Nun ja, dann werde ich jetzt mal nach oben gehen und ein Zimmer beziehen. Oder willst du dir zuerst eins aussuchen? Es gibt oben drei Schlafzimmer“, sagte er.

Sie schüttelte den Kopf. „Ich vertraue darauf, dass du mir nicht den Verschlag unter der Treppe überlässt.“

„Ich kann gleich deinen Koffer mit nach oben nehmen.“

Diesmal ließ sie ihm die galante Geste durchgehen. „Einverstanden, danke.“

Im oberen Stockwerk stellte er ihren Koffer vor das Schlafzimmer seiner Eltern, damit sie wusste, welches Zimmer er ihr zugedacht hatte. Dann öffnete er die Tür. Es war stockdunkel in dem Raum, da die Fensterläden verschlossen waren. Doch Franco wusste, dass sich dahinter der größte Schatz dieses Hauses verbarg – die Aussicht.

Er öffnete die Tür am anderen Ende des Zimmers, klappte die Holzläden zur Seite und trat nach draußen. Die Loggia lag auf der von der Stadt abgewandten Seite. Von hier aus konnte man weit ins Land blicken und hatte das Gefühl, einem läge ein riesiger Garten zu Füßen.

Er ließ die Tür weit offen stehen, als er die Loggia verließ.

Nun fiel genügend Licht in den Raum, dass Franco das großzügige Doppelbett mit dem romantischen Betthimmel in Augenschein nehmen konnte. Er nahm frische Bettwäsche aus dem schweren Mahagonischrank und legte sie für Cathy auf die Matratze, zusammen mit ein paar Handtüchern.

Es fiel ihm nicht leicht, ihr diesen Raum zu überlassen. Es kam ihm wie ein Eindringen in die Privatsphäre seiner Eltern vor, aber er wollte kein schlechter Gastgeber sein.

Wobei er sich eigentlich nicht als Gastgeber aufspielen konnte, wenn die Hälfte des Hauses ohnehin ihr gehörte. Und wenigstens würde auf diese Weise ein großzügiges Badezimmer ihre Räume trennen und nicht bloß eine dünne Wand. Das frühere Gästezimmer grenzte nämlich direkt an sein eigenes, das er aus Gewohnheit auch diesmal beziehen würde.

Als er sein altes Refugium betrat, spürte er einen Kloß in seinem Hals. Irgendwann hatte Helena auf seine Bitte hin alles Kindliche aus dem Raum verbannt. Nur auf dem Bett saß noch sein alter Teddy. Wo kam der plötzlich wieder her? Franco hatte ihn seit vielen Jahren nicht gesehen, obwohl er wusste, dass seine Mutter ihn aufbewahrte.

„Du hast ihn so geliebt. Behalte ihn für deine eigenen Kinder“, hatte sie liebevoll gesagt.

Ihre Sentimentalität hatte ihn peinlich berührt. „Vielleicht will ich ja gar keine bekommen.“

Er hatte gesehen, wie seine Worte sie trafen. Das hatte er nicht beabsichtigt, doch er konnte sich tatsächlich nicht vorstellen, eine Familie zu gründen. Am Ende würde er bloß der abwesende und zu strenge Vater sein, genau wie sein eigener Vater es gewesen war.

Franco wusste nicht, was er mit dem Kuscheltier anfangen sollte. Erst einmal legte er es behutsam auf dem oberen Bord im Kleiderschrank ab.

Es wurde Zeit, dass sein Vater ihm endlich reinen Wein einschenkte, was das Erbe dieses Haus anging. Doch der Job kam bei den männlichen De Lucias immer zuerst. Deshalb rief Franco zunächst einmal Stefano an. Der ältere Kollege hatte sich über die Jahre als rechte Hand von Francos Vater etabliert. Nun da Franco das Ruder übernommen hatte, mussten sie alle erst einmal ihre neuen Rollen finden.

Mit seinen dreißig Jahren hatte Franco schon reichlich Erfahrung in anderen großen Architekturbüros gesammelt. Sein Vater und er waren sich einig gewesen, dass er als Junior sich seine eigenen Sporen verdienen sollte, bevor ihm das Familienunternehmen anvertraut wurde. Diese Herausforderung hatte Franco erfolgreich gemeistert. Spätestens mit seinem letzten Entwurf, dem Opernhaus in Form einer Ohrmuschel in San Francisco, hatte er internationale Anerkennung und mehrere Preise eingeheimst.

Er war voller Selbstvertrauen, was seine Entwürfe anging, und das bestimmt nicht, weil er ein aufgeblasenes Ego besaß. Sondern weil er gut in dem war, was er tat.

Aber da Stefano ihn kannte, seit Franco ein kleines Kind gewesen war, fühlte es sich immer noch seltsam an, dem langjährigen Mitarbeiter seines Vaters Anweisungen zu geben. Es fiel Franco schwer, die Zügel aus der Hand zu geben. Auch da hatte er, wie er genau wusste, fatale Ähnlichkeit mit seinem Vater.

„Zwei Wochen, Franco, das schaffe ich. Auch wenn du hier natürlich fehlen wirst“, beteuerte Stefano.

Franco glaubte, ein leichtes Amüsement in der Stimme des alten Mitarbeiters zu hören. Nach all den Jahren fand sich Stefano in dem Unternehmen vermutlich besser zurecht als der neue Juniorchef selbst.

„Aber gerade jetzt, wo wir mit der Ferienanlage in die heiße Phase kommen.“ Franco seufzte frustriert.

„Du bist doch nicht aus der Welt“, beschwichtigte ihn Stefano. „Wie ich dich kenne, hast du deinen Rechner mitgeschleppt, und Internet wird es in der Toskana doch wohl auch geben?“

Franco schwieg.

Stefano lachte leise. „Du bist genau wie dein Vater.“

Schon wieder. Etwas an dem Kommentar irritierte Franco.

„Ich richte mich hier ein und rufe dich morgen wieder an“, sagte er knapp.

Stefano lachte erneut. „Aber bitte nicht vor sechs Uhr morgens, wie dein Vater es oft genug getan hat, weil ihm noch etwas Wichtiges einfiel, das keinen Aufschub duldete.“

Franco wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Das Unternehmen hieß offiziell „De Lucia & Partner“, aber es gab einen Grund, warum nur ein Name genannt wurde. Viele hielten seinen Vater für ein Genie, aber als Chef musste er eine Herausforderung gewesen sein. Zumal er als aufbrausend galt, wenn etwas nicht nach seinen Vorstellungen lief.

An diesem Punkt unterschieden sie sich. Franco hatte die Erfahrung gemacht, dass Mitarbeiter, die sich sicher und zufrieden fühlten, viel kreativer und besser arbeiteten als solche, die sich sorgten oder überfordert wurden.

„Er fehlt mir trotzdem“, sagte Stefano. „Ich hoffe, er ist bald wieder auf dem Damm. Ich kann ihn mir ohne seine Arbeit überhaupt nicht vorstellen.“

„Ich mir auch nicht“, murmelte Franco.

Nachdem sie sich verabschiedet hatten, rief er sofort bei seinem Vater an, um ihm von den neuen Entwicklungen zu berichten.

„Du sollst in dem Haus zwei Wochen wohnen? Zusammen mit Coras Tochter? Was hat Helena sich dabei bloß gedacht?“

Selbst wenn Franco nicht die alten Fotos gesehen hätte, auf dem die Mitglieder beider Familien zu sehen waren, wüsste er spätestens jetzt, dass Cathys Mutter für seinen Vater keine Unbekannte war. Ihr Name war ihm viel zu selbstverständlich über seine Lippen gegangen.

„Das Gleiche wollte ich eigentlich dich fragen“, entgegnete Franco. „Der Notar hat uns Fotos gezeigt. Offenbar haben uns die Feltons besucht, als ich klein war. Wenn unsere Mütter so gute Freundinnen waren, was hat sie dann auseinandergebracht? Und warum hat Mama Cathy trotzdem ein halbes Haus vererbt?“

Für einen Moment dachte Franco, sein Vater hätte aufgelegt, so still wurde es in der Leitung. Doch dann hörte er ein schweres Atmen.

„Ich weiß es nicht“, presste Tommaso schließlich hervor.

In Franco ballte sich etwas zusammen. Er war sich sicher, dass sein Vater ihn belog.

„Das kann ich kaum glauben. Wieso wurden die Feltons bei uns nie erwähnt? Was kann so schlimm sein, dass du nicht mit mir darüber reden willst?“

Während er dies fragte, ging Franco auf, dass er mit seinem Vater fast nie über etwas Persönliches redete. Nicht einmal über Helena sprachen sie. Bei Francos letztem Besuch hatte Tommaso ihm nachlässig gekleidet und mit ungepflegtem Stoppelbart die Tür geöffnet. Während des ganzen Gesprächs hatte Francos Vater geistesabwesend gewirkt. Ganz offensichtlich kam er nicht zurecht, aber er wollte sich auch nicht helfen lassen.

Immerhin war er noch vernünftig genug, um seinem Sohn vorläufig die Geschäfte zu übertragen. Doch sofern es nicht die Arbeit betraf, weigerte er sich, von Franco Hilfe anzunehmen. Die Ferienanlage mit nachhaltigen Luxusobjekten hätte ihr erstes großes Gemeinschaftsprojekt werden sollen. Nun sah es so aus, als würde Franco den Auftrag mit seinem Team allein durchziehen müssen.

„Bist du noch da?“, fragte Franco.

Wieder ließ sich sein Vater viel Zeit mit einer Reaktion. Er war sich inzwischen sicher, dass er nichts Neues erfahren würde, doch dann hörte Franco plötzlich ein heiseres Krächzen.

„Ich habe einen schlimmen Fehler gemacht.“

4. KAPITEL

Erleichtert legte Cathy ihr Handy beiseite und lehnte sich zurück in die pinkfarbenen Kissen der Couch. Wie erwartet hatte Becky sich sofort bereit erklärt, den Laden für zwei Wochen zu übernehmen. Cathy hatte volles Vertrauen in ihre Angestellte, die zugleich seit vielen Jahren ihre beste Freundin war. Trotzdem fühlte es sich ungewohnt an, für eine Weile nicht selbst im Laden zu stehen.

Sie hatten eine Arbeitsteilung entwickelt, die ihren jeweiligen Stärken in die Hände spielte. Becky war hervorragend in der Buchhaltung, Cathy im Umgang mit den Kunden. Als Cathys Beziehung zerbrach, hatte Becky ihr beigestanden. Gary hatte behauptet, eine Frau zu wollen, die sich ganz und gar auf ihn einließ, statt einen Großteil ihrer Zeit in einem skurrilen Laden zu verbringen oder damit, sich für ihren Vater aufzuopfern. Sein Vorwurf hatte Cathy sehr verletzt, zumal Gary ihr lange Verständnis für ihre Situation vorgegaukelt hatte.

Ein lautstarkes Fluchen aus dem oberen Stockwerk riss Cathy aus ihren Gedanken. Es klang, als sei etwas wirklich Schlimmes geschehen. Sie rannte die steile Treppe so eilig hoch, dass sie mit ihrem Schienbein heftig gegen eine harte, abgetretene Holzstufe stieß. Es schmerzte höllisch, weswegen sie nun selbst einen lauten Fluch ausstieß.

Sie humpelte weiter und klopfte beherzt gegen die Tür des Zimmers, aus dem die Geräusche drangen.

„Ja?“, hörte sie Franco rufen.

Als sie eintrat, entdeckte sie das vermeintliche Unfallopfer, wie es vor einem Schreibtisch stand und mit angespannter Miene auf einen Laptop starrte.

„Ich finde nirgends das WLAN-Passwort.“ Anklagend deutete Franco auf sein Gerät, als wäre es Cathys Schuld, dass er es nicht wie gewünscht benutzen konnte.

Cathy rieb sich das schmerzende Schienbein. „Und ich dachte, dir wäre etwas Schlimmes zugestoßen.“

Er sah sie an, als wäre sie nicht ganz bei Trost. „Das ist schlimm! So kann ich nicht arbeiten.“ Fahrig fuhr er sich durch das dunkle Haar. „Früher klebte ein Zettel mit dem Passwort am Router. Anscheinend hat meine Mutter es geändert.“

Cathy fragte sich, ob es wirklich eine so große Katastrophe war, wenn er eine Arbeitspause einlegte. Aber weil sie zu wenig darüber wusste, verkniff sie sich einen spöttischen Kommentar.

„Ich habe einen kleinen Elektronikladen gesehen“, sagte sie. „Vielleicht bekommst du dort einen mobilen Router.“

Er starrte sie an, als wäre ihr gerade ein zweiter Kopf gewachsen. Anscheinend überraschte ihn ihre praktische Ader. Wenn er wüsste! Wie sollte sie sich denn sonst um ihren Va...

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