Romana Weekend Band 37

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SO WEIT WIE DAS MEER von DARCY MAGUIRE

Auf dem Kreuzfahrtschiff nach Neuseeland wacht Cassie neben einem Fremden auf. Beim Anblick des attraktiven Mannes klopft ihr Herz wie verrückt –eine Katastrophe! Denn Cassie wollte in fünf Tagen heiraten. Jetzt muss sie erst einmal herausfinden, was in der Nacht an Bord geschehen ist …

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  • Erscheinungstag 25.04.2026
  • Bandnummer 37
  • ISBN / Artikelnummer 8038260037
  • Seitenanzahl 400

Leseprobe

Darcy Maguire, Sally Wentworth, Sandra Field

ROMANA WEEKEND BAND 37

Darcy Maguire

1. KAPITEL

Cassie Winters machte die Augen auf, schloss sie aber gleich wieder, denn das helle Tageslicht blendete entsetzlich. Was hatte sie nur gestern Abend getrunken? Sie entschied, besser noch ein bisschen zu schlafen, und zog die Bettdecke höher.

Sie hörte einen Mann hüsteln und rang sich ein Lächeln ab. Das konnte nur Sebastian sein, ihr Verlobter, den sie in knapp einer Woche heiraten würde. Höchstwahrscheinlich war es jetzt ziemlich genau zwanzig Minuten nach sieben, und er rüstete sich für die Arbeit. Wie jeden Morgen würde er sich sorgfältig die rotblonden Haare kämmen, selbst die winzigste Fluse vom Anzug entfernen und den schwarzen Aktenkoffer fein säuberlich packen. Sie sollte ihm zumindest richtig Auf Wiedersehen sagen.

Vorsichtig öffnete sie erneut die Augen, blickte zur Seite und sah auf dem Kopfkissen eine rote Rose liegen. Sie atmete den betörenden Duft ein und lächelte unwillkürlich. Aber eigentlich war Sebastian kein Romantiker. Behutsam berührte sie die samtigen Blütenblätter. „Wie viel Uhr ist es?“

„Du bist wach. Das ist gut.“

Cassie erstarrte. Die Stimme gehörte nicht Sebastian! Sie klang tiefer, rauer und war ihr gänzlich unbekannt. Unverzüglich setzte sie sich auf und musste einen Moment gegen einen leichten Schwindel ankämpfen.

Ein fremder Mann stand am Fußende des Bettes. Er hatte ein ausgesprochen markantes Gesicht, war etwa Anfang dreißig und machte in der schwarzen Hose und dem weißen Hemd eine ausgezeichnete Figur. Eine rostbraune Haarsträhne fiel ihm lässig in die Stirn, während er sie, Cassie, aufmerksam mit seinen dunklen Augen ansah. Er hatte große, breite Hände und presste einen Daumen auf den sinnlichen Mund, als wollte er ein Lächeln unterdrücken.

„Was … wer in aller Welt bist du?“

„Matthew Keegan. Und wer bist du?“

Hektisch blickte sie sich um. Sie war weder in ihrer noch in Sebastians Wohnung, denn die Wände waren weder zart pfirsichfarben gestrichen wie bei ihr zu Hause noch in hartem Weiß wie in seinem Apartment, sondern in einem Zitronengelb. „Eine Verwirrte.“

„Und Nackte.“

Sie sah an sich hinunter und zog sich eilig die Decke bis ans Kinn. Dann riskierte sie noch einen Blick und stellte entsetzt fest, dass sie nicht das Geringste anhatte. Sie errötete und überlegte fieberhaft, warum sie nicht wie sonst immer ein Nachthemd trug. „Wo ist Sebastian?“, fragte sie kleinlaut.

Matt zog die Augenbrauen hoch. „Wer?“

Verzweifelt versuchte sie, sich zu erinnern, was geschehen war. „Was mache ich hier?“

„Ich denke, es ist offensichtlich.“ Matt atmete tief ein und sah beiseite. „Wir hatten sehr viel Spaß zusammen.“

Cassie schluckte. Nein, das konnte unmöglich passiert sein. Nicht ihr! Sie war eine wenig attraktive, schlichte junge Frau, fast schon langweilig. Seit fünf Jahren arbeitete sie in dem gleichen Job, lebte in derselben Wohnung und hatte auch ihre Frisur nicht geändert. Jemand wie sie kam nicht in solch eine Situation.

„Wir haben nicht …“ Kritisch blickte sie auf das Kopfkissen neben sich. „Ich habe nicht … Nein, nicht mit dir!“

Matt nickte. „Doch.“ Er wandte sich um. „Wenn du mich jetzt bitte entschuldigst. Ich muss arbeiten“, erklärte er und nahm einen Aktenordner vom Stuhl, der in der Nähe des Bettes stand.

„Nein, warte.“ Unwillkürlich hob sie die Hand. Sie brauchte dringend einige Antworten. Das Ganze ergab keinen Sinn. Sie würde nie … „Bitte warte“, rief sie, als er zielstrebig auf die Tür zuging.

Eilig schwang sie sich aus dem Bett, während sie gleichzeitig die Decke um sich wickelte und hektisch überlegte, was letzte Nacht geschehen war. „Ich … ich kann mich an nichts erinnern.“

Matt hatte die Türklinke schon umfasst, drehte sich jedoch noch einmal um und sah Cassie eindringlich an. „Mach dir keine Gedanken. Du warst fantastisch.“

Ihr stockte der Atem. Langsam hob sie das Kinn und blickte ihn wütend an. Er war mindestens einen Kopf größer als sie und zweifellos attraktiv genug, um ihr Interesse zu erregen. Auch duftete sein Aftershave ausgesprochen verführerisch. Trotzdem würde sie sich nicht mit einem fremden, vor allem so arroganten Mann eingelassen haben.

Als er sie jetzt sogar noch anlächelte, ohrfeigte sie ihn schallend. „Das habe ich nicht gemeint!“ Hektisch zog sie die leichte Bettdecke fester um sich. „Wer zum Teufel bist du?“

„Matt Keegan. Ich sagte es bereits.“ Er rieb sich die Wange, auf der sich ihre Hand deutlich abzeichnete. „Und wie heißt du?“

Starr sah sie ihn an. „Du weißt nicht, wie ich heiße?“

„Nein“, antwortete er und räusperte sich. „Wir waren …“ Er ließ den Blick an ihr hinunter bis zu den bloßen Füßen gleiten. „Wir waren zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt.“

Ihr Magen krampfte sich zusammen, und sie hatte das Gefühl, als wären ihre Nerven zum Zerreißen gespannt. „Nein“, stieß sie hervor und schüttelte energisch den Kopf.

„Doch.“ Er nickte wie zur Bekräftigung und wollte sich abwenden, aber Cassie hielt ihn am Arm fest.

„Du verstehst nicht! Ich werde am nächsten Wochenende heiraten!“ Und es würde eine herrliche Hochzeit werden, mit allem, was dazugehörte. Ihre ganze Familie würde kommen und natürlich viele Freunde.

Matt mied ihren Blick. „Du kannst ihn nicht so sehr lieben. Du hast mit mir geschlafen.“

Cassie kochte vor Wut. „Ich bin vielleicht in deinem Bett aufgewacht …“

„Nackt.“

„Ja.“ Starr sah sie auf seine breite Brust, über der das weiße Hemd nicht ganz zugeknöpft war, und bemerkte unwillkürlich die dunklen Härchen, die sich darauf kräuselten. „Aber … aber das bedeutet nicht, dass etwas passiert ist.“

„Nein? Ich erinnere mich an einige interessante Dinge …“

Einhalt gebietend hob sie die Hand, damit er nicht weiterredete. Sie konnte sich denken, was er sagen wollte, und spürte, wie ihr leicht übel wurde. „Wenn du auch nur annähernd so betrunken warst wie ich, dürften wir uns ganz schön schwergetan haben“, erklärte sie und fragte sich verzweifelt, warum ihr der keineswegs reichlich genossene Alkohol so zu Kopf gestiegen war, dass sie eine Erinnerungslücke hatte.

„Okay, wenn du meinst …“, er lächelte flüchtig, „… und dich dann besser fühlst.“

Nein, das tat sie nicht. Finster blickte sie ihn an, konnte nicht glauben, dass zwischen ihnen nichts geschehen war – nicht bei seinem Aussehen. Sie musste unbedingt herausfinden, wie und warum es dazu gekommen war. Und das möglichst schnell, denn in fünf Tagen wollte sie heiraten!

2. KAPITEL

Matt schloss die Tür laut hinter sich. Wie zum Teufel war er nur in diese ganze Geschichte hineingeraten?

Eilig ging er den Flur entlang. Er hätte nie gedacht, dass es so unangenehm und belastend sein könnte, einer Frau zu erzählen, sie hätte mit ihm geschlafen. Doch er hatte keine Wahl gehabt.

Ein Mann in einer schmucken weißblauen Uniform kam ihm entgegen. „Mr. Keegan? Sie werden auf der Brücke erwartet.“

„Ich bin schon unterwegs.“ Matt blickte auf seine Armbanduhr. Jene Frau hatte ihm versichert, dass die schlafende Unbekannte in seiner Kabine binnen weniger Minuten aufwachen würde, was sie nach zwei Stunden dann auch endlich getan hatte. Gewiss, er hätte sie wecken können, doch hatte er lieber in dem Aktenordner geblättert, der praktisch sein ständiger Begleiter war. Er, Matt, hatte sie nicht auch noch zu Tode erschrecken wollen, denn was er gerade gemacht hatte, war schon schlimm genug.

Tief atmete er ein. Die Arbeit rief, und das war gut so. Er sollte sich auf sie konzentrieren. Sie war wichtig und zugleich vertrautes, sicheres Terrain. Doch während er eilig zur Brücke ging, kehrten seine Gedanken zu der Unbekannten in seiner Kabine zurück.

Sie hatte ein ausgesprochen hübsches Gesicht und trug die seidig schimmernden schwarzen Haare fast so kurz wie er. Natürlich hatte er auch die Make-up-Spuren auf ihrem zarten hellen Teint bemerkt, aber es waren ihre tiefgrünen Augen gewesen, die ihn besonders fasziniert hatten, und ihre herrlichen Brüste.

Matt fuhr sich mit der Hand durchs Haar und atmete tief ein, um das Verlangen zu bekämpfen, das sich deutlich in ihm regte. Nein, er hätte es nicht tun sollen. Sie hatte so verletzt ausgesehen, so beunruhigt und so verloren.

Rob fiel ihm ein, und er spürte, wie ein anderes, allerdings auch sehr bekanntes Gefühl ihn überkam. Nein, dachte er und seufzte, ich hätte nicht anders handeln können.

Die Brücke des Kreuzfahrtschiffs war ein Paradebeispiel modernster Technik. Matt lächelte einen Moment, denn seine Firma war für die technische Ausstattung an Bord verantwortlich. Es war einer der größten Aufträge, den sie seit der Gründung vor zehn Jahren erhalten hatten.

„Wie schön, dass Sie kommen konnten“, begrüßte ihn der Kapitän. „Sie haben leider das Ablegen verpasst.“

„Ja, ich weiß. Ich musste mich noch um etwas anderes kümmern. Wie hat es geklappt?“ Er blickte zum Bug des riesigen Luxusliners, der den Ozean durchpflügte.

„Wie am Schnürchen. Absolut reibungslos.“

Matt hörte es mit Zufriedenheit. Seine Leute hatten das Geschehen überwacht und sichergestellt, dass die Jungfernfahrt bilderbuchmäßig begann. Allerdings hatte er auch nichts anderes erwartet.

Er ging von Computer zu Computer, sah den Operatoren über die Schulter und las die Daten auf den Bildschirmen. Ja, alles scheint bestens zu funktionieren, dachte er und war stolz auf das, was er und sein Team geleistet hatten.

„Wo ist Rob?“, fragte er Carl, einen stämmigen Mann, der nach der Statur zu schließen eher auf einer Harley sitzen sollte statt an einer Tastatur.

Sein Mitarbeiter schob sich die Hemdsärmel hoch, sodass die eintätowierte Kobra an seinem Arm sichtbar wurde. „Sie ist auf Deck C im Sicherheitsbüro. Dort ist ein Fehler im System aufgetreten.“

Matt nickte. Rob würde das Problem schon lösen, daran zweifelte er nicht im Geringsten. Sie beherrschte ihren Job genauso gut wie er seinen. Wenn sein Privatleben doch nur ähnlich überschaubar wäre wie die Arbeit!

Unwillkürlich dachte er wieder an die junge Frau in seiner Kabine. Zumindest hatte er seine unrühmliche Rolle inzwischen gespielt und brauchte nun nichts weiter zu tun. Wahrscheinlich konnte er die ganze Geschichte jetzt sogar vergessen, nur musste es ihm erst einmal gelingen, den verletzten Blick der schönen Unbekannten aus seinem Gedächtnis zu löschen.

Matt setzte sich an einen Computer und atmete zur Beruhigung tief ein. Hör auf, dir Gedanken zu machen, ermahnte er sich insgeheim. Es war vorbei, und er brauchte nicht mehr weiterzulügen.

Cassie lehnte sich gegen die Tür und presste die Finger an die Schläfen. Entsetzt sah sie auf ihre Kleidungsstücke, die im Zimmer verstreut waren und wohl dort lagen, wo sie sie auf dem Weg zum Bett hatte fallen lassen.

Atme tief durch, und gerate nicht in Panik, rief sie sich stumm zur Vernunft, es muss nicht so abgelaufen sein, wie es scheint. Das Ganze konnte von ihren Freundinnen inszeniert worden sein, weil sie sie zum Besten halten wollten. Sie waren immer für einen Spaß zu haben.

Aber dieser wäre alles andere als lustig, dachte sie, während sie den Blick durchs Zimmer gleiten ließ. Falls es nur ein Streich war, war er genauso übel wie der, den man ihr als Vierzehnjährige gespielt hatte, als sie zum ersten Mal verliebt gewesen war.

Damals war sie eine leichte Beute gewesen, denn sie hatte ihr Herz auf der Zunge getragen. Es war kein Geheimnis gewesen, dass sie für jenen Jungen geschwärmt hatte. In den Unterrichtspausen und beim Mittagessen hatten ihre Freundinnen und sie immer die Köpfe zusammengesteckt und darüber geredet, wer gerade in wen verliebt war. Sie, Cassie, hatte gewusst, dass sie bei ihm keine Chancen hatte, denn jedes Mädchen hatte ihn angehimmelt, und sie war mit ihren Pausbacken und dem Babyspeck bestimmt keine Schönheit gewesen.

Am Valentinstag hatte sie dann in ihrem Schließfach in der Schule eine ziemlich scheußliche Karte gefunden. Doch was in krakeliger Handschrift darauf gestanden hatte, war eindeutig gewesen und hatte ihr Herz wie verrückt klopfen lassen. Er mochte sie ebenfalls!

Sie hatten sich an einem verschwiegenen Ort auf dem Schulgelände getroffen, wo er sie gefragt hatte, ob sie mit ihm gehen wolle, und sie war so dumm gewesen, ihm jedes Wort zu glauben. Es war wohl die kürzeste Lovestory in der Geschichte gewesen! Nur zehn Minuten später hatte sie ihn lachend mit fast all ihren Klassenkameraden zusammenstehen sehen. Zweifellos wäre es das Klügste gewesen, sie hätte es ignoriert und die Sache auf sich beruhen lassen. Stattdessen war sie zu ihnen hingegangen und hatte sich ausgerechnet von ihm anhören müssen, welch toller Spaß es gewesen sei.

Cassie schluckte und sah beklommen an sich hinunter, bemerkte ihr nacktes Handgelenk und fragte sich entsetzt, wo ihre Armbanduhr geblieben war. Sie ließ den Blick durchs Zimmer schweifen, entdeckte eine Uhr auf dem Schreibtisch und las die blinkenden Zahlen. Es war schon halb elf!

Verflixt, was würden die Klienten nur von ihr denken? Sie hätte um neun und um zehn Uhr einen Termin gehabt! Dass sie diese Termine nicht eingehalten hatte, zeugte wahrlich nicht von der Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit, deren sie und ihre Leute sich rühmten. Hoffentlich waren ihre Mitarbeiter der Situation gewachsen gewesen, sonst würde sie mit ihrer Time-Management-Beratungsfirma ein reichlich schlechtes Bild abgeben.

Plötzlich meinte Cassie, der Boden würde unter ihren Füßen wanken, und sie streckte unwillkürlich die Arme aus. Entweder war sie noch betrunken, oder es gab wirklich eine kleine Erschütterung, ein schwaches Beben.

Erneut blickte sie sich in dem spartanisch eingerichteten Raum um, dem jede persönliche Note fehlte. Es war vermutlich ein Motelzimmer. Schon ging sie zu dem großen, hermetisch verschlossenen Fenster und sah nach draußen. Über ihr erstreckte sich ein strahlend blauer Himmel, und unter ihr gab es nichts als Wasser. Du liebe Güte, sie war noch immer auf dem Schiff!

Entsetzt presste sie die Hände an die Scheibe und blickte angestrengt in die Ferne, aber nirgendwo war Land in Sicht. Wohin waren sie unterwegs? Verwirrt drehte sie sich um. Wie hatte ihr das nur passieren können? Und was in aller Welt war gestern Abend geschehen?

Ja, sie hatten ihren Junggesellinnenabschied gefeiert, daran erinnerte sie sich noch deutlich. Eigentlich hatte sie geglaubt, sie würde hier mit Sebastian ruhig und gemütlich zu Abend essen, stattdessen war sie von dem lauten Hallo ihrer Freundinnen und Kolleginnen begrüßt worden. Zweifellos hatte ihr Verlobter, ein aufstrebender Politiker, seine Beziehungen spielen lassen, damit sie an Bord feiern konnten. Aber er hatte für sie bestimmt keine Kreuzfahrt gebucht!

Sie hatten viel Spaß zusammen gehabt, und sie, Cassie, war reichlich beschenkt worden. Unwillkürlich ließ sie den Blick noch einmal durch die Kabine gleiten. Hatte ihre Freundin Eva alle Geschenke mitgenommen? Aber warum hatte sie dann sie, die zukünftige Mrs. Sebastian Browning-Smith, hier auf dem Schiff zurückgelassen?

Nervös verschränkte sie die Hände miteinander. Sie brauchte dringend ihren Terminkalender. Tief atmete sie ein. Die Termine vom heutigen Montag würde sie nicht wahrnehmen können, das war sonnenklar, doch musste sie unbedingt wissen, was diese Woche sonst noch so anstand. Auch brauchte sie etwas, das sie festhalten und umklammern konnte. Würde sie überhaupt rechtzeitig zu ihrer eigenen Hochzeit zurück sein? Das musste sie unverzüglich klären.

Entschlossen hob sie ihre schwarze lange Hose auf, die nahe der Tür achtlos auf dem Boden lag. Sie ging zwei, drei Schritte und bückte sich nach der cremefarbenen Bluse, die sie wohl abgestreift und einfach fallen gelassen hatte. Offenbar hatte sie es sehr eilig gehabt, ins Bett zu kommen.

Gepeinigt schloss sie einen Moment die Augen. Schließlich richtete sie sich wieder auf, sah sich nach ihrem BH um und entdeckte ihn über der Armlehne eines Stuhls in der Ecke. Wo aber war ihr Slip? Als sie ihn nach längerem Suchen endlich im Bett fand, stockte ihr der Atem. Nein, es ist kein Streich gewesen, dachte sie entsetzt und schluckte.

Frustriert stampfte sie mit dem Fuß auf. Das war nicht fair! Noch gestern hatte sie gemeint, ihr Leben würde sich bestens entwickeln, und dann tauchte so ein Idiot auf und machte alles zunichte.

Ihr Blick fiel auf ihre Armbanduhr, die neben dem Nachttisch auf dem Boden lag. Sie hob sie auf und beobachtete angelegentlich, wie der Sekundenzeiger immer weiter vorrückte. Zumindest auf die Zeit konnte sie sich verlassen. Sie strich über die Uhr, band sie sich um und fühlte sich gleich sicherer.

Wo ist nur meine Handtasche?, fragte sie sich und biss sich nervös auf die Lippe. Hatte man sie ihr vielleicht gestohlen, was sie in ihrem alkoholisierten Zustand nicht gemerkt hatte? Und wie war es überhaupt dazu gekommen, dass sie in dieser Kabine aufgewacht war, bei jenem Mann?

Cassie ging ins angrenzende Bad und betrachtete entsetzt ihr Spiegelbild. Sebastian würde sich um sie sorgen. Er wusste immer gern, wo sie sich aufhielt und mit wem sie zusammen war. Irgendwie musste sie ihm Bescheid geben. Vielleicht konnte sie ihn anrufen.

Nachdenklich legte sie einen Finger auf die Lippen. Wie würde er wohl reagieren, wenn er herausfand, was geschehen war? All ihre Pläne waren nun wegen jenes zweifellos attraktiven Mannes zunichte, der bestimmt skrupellos genug war und mit jeder Frau schlief, egal ob sie betrunken war oder nicht, verlobt oder ungebunden.

Peinlich berührt zog sie sich an und schlüpfte in ihre Pumps. Sebastian musste es nicht unbedingt erfahren. Niemand auf dem Schiff wusste, wer sie war … Verdammt, fluchte sie insgeheim, und ich weiß noch nicht einmal, wo ich bin und wohin die Reise geht. Sie befand sich auf offener See und entfernte sich mit jeder Minute weiter von Australien.

Mutlos ließ sie sich aufs Bett sinken. Wie hatte ihr das nur passieren können? Warum war ihr Leben zuweilen so schrecklich kompliziert? Hör auf zu jammern, rief sie sich im Stillen zur Vernunft und setzte sich aufrecht hin. Sie war bislang noch mit jeder Situation fertig geworden und würde auch diese bewältigen.

Unwillkürlich sah sie auf das zerwühlte Bett und zuckte zusammen. Ja, sie würde herausfinden, was zwischen Matt Keegan und ihr geschehen war, und diesem Mistkerl dann gehörig die Meinung sagen. Anschließend würde sie nach Hause zurückkehren und heiraten. Schluss, aus, Ende!

3. KAPITEL

„Mr. Keegan.“ Der Offizier berührte ihn leicht an der Schulter.

Abwehrend hob Matt die Hand. Er wollte jetzt nicht gestört werden. Seit zwei Stunden überwachte er das System, das wie am Schnürchen funktionierte, und hatte die Fehlerdiagnose fast abgeschlossen. In wenigen Minuten würde er fertig sein …

Er war bestimmt einer der vom Schicksal am meisten begünstigten Menschen auf der Welt, denn er hatte schon so viel Glück im Leben gehabt. Nach dem Schulabschluss hatte er mit einem Stipendium an der Bond-Universität studieren können und später eine Anstellung bei Thomas Boyton bekommen, einem wagemutigen, zukunftsorientierten Geschäftsmann. Dieser hatte ihn dann auch unterstützt, als er sich seinen Traum verwirklicht und eine Spezialfirma für Computersteuerung gegründet hatte. Seine Leute und er waren wahrscheinlich das beste Team in Australien. Alles lief einfach fantastisch.

„Mr. Keegan“, sagte der Offizier erneut. „Eine Frau fragt nach Ihnen.“

Aufmerksam verfolgte Matt die Zahlenkolonnen auf dem Bildschirm. „Eine was?“

„Eine Frau.“ Nervös trat der junge Mann von einem Bein aufs andere. „Sie wissen schon … das andere Geschlecht“, fügte er deutlich leiser hinzu.

Nach und nach drangen die Worte in sein Bewusstsein vor. Wer zum Teufel wagte es, ihn hier bei der Arbeit zu stören? Widerwillig blickte er auf und sah sie auf der Schwelle stehen. Sie hatte die pechschwarzen Haare sorgfältig gekämmt und rechts gescheitelt und machte in der dunklen Hose und der cremefarbenen Bluse eine ausgezeichnete Figur, wenngleich die Kleidung auch ihre langen Beine und vollen Brüste verbarg. Deutlich spürte er ihren Blick aus den grünen Augen, der ihn zu durchbohren schien.

Matt schluckte. „Okay. Bitten Sie sie, einen Moment zu warten. Ich komme dann“, erklärte er dem Offizier, bevor er sich wieder dem Computer zuwandte und seine Schuldgefühle verdrängte.

Angestrengt versuchte er, sich auf den Datenfluss auf dem Bildschirm zu konzentrieren. Wenn die Zahlen so erschienen, wie es der Testlauf vorweggenommen hatte, konnte aus der Arbeitsreise womöglich ein wohlverdienter Urlaub werden. Doch wie Matt aus Erfahrung wusste, war die Welt nicht perfekt und ein Computer erst recht nicht.

„Sir?“

„Ja, bitte?“, fragte er grimmig, drückte eine Taste und sah den Offizier finster an. Er sollte ihn endlich in Ruhe arbeiten lassen.

Verlegen trat der junge Mann von einem Bein aufs andere. „Sie ist sehr hartnäckig und will sich keinen Schritt von der Stelle rühren.“

„Ja und? Soll sie dort auf mich warten.“ Matt ballte die Hand zur Faust und vermied es, zur Tür zu blicken. In nur fünf Minuten würde er den Systemcheck beendet haben. Er schluckte. Nein, man konnte nicht von ihm erwarten, dass er mit dem Versteckspiel weitermachte.

„Sie steht im Weg, Sir.“

Verdammt noch mal, fluchte er insgeheim. Er hatte gewusst, dass es schwieriger werden würde, als man ihm gesagt hatte. Nichts war einfach, und wenn eine Frau darin verwickelt war, erst recht nicht. Energisch drückte er mehrere Tasten, um die Daten zu sichern. „Carl, kannst du das ausdrucken?“

Carl sah ihn an und zog die Augenbrauen hoch. Natürlich war ihm die attraktive Schwarzhaarige auf der Schwelle nicht entgangen. „Kein Problem.“

Matt stand auf und schlenderte zur Tür. Deutlich spürte er Carls Blick und erahnte schon all die Fragen, mit denen er später gelöchert werden würde. Verflixt, er hatte hier einen Job zu erledigen, was er auch von Anfang an klargestellt hatte! Dennoch hatte man ihm diese schmutzige Aufgabe zugeschoben.

Er schluckte schwer. Nein, er wollte der jungen Frau eigentlich nicht gegenübertreten und sich mit seinem unrühmlichen Verhalten konfrontieren – egal, aus welchem Grund er es getan hatte. Unerschrocken, fast schon herausfordernd, blickte sie ihm entgegen, und er sah sie seinerseits finster an, um sie so vielleicht einzuschüchtern. Doch es zeigte keinerlei Wirkung.

Zornig funkelte Cassie ihn an. Sie war wütend auf sich, weil sie sich in diese Lage gebracht hatte, und besonders wütend auf Matt, weil er die Situation ausgenutzt hatte. Ja, er war zweifellos attraktiv, hätte er sie allerdings letzte Nacht so angesehen wie jetzt, wäre sie ihm bestimmt nicht in die Arme gesunken.

„Weißt du, ich bin sehr beschäftigt“, erklärte er ruhig.

„In meinen Augen nicht beschäftigt genug“, erwiderte sie ärgerlich. „Du solltest deiner Verantwortung nachkommen.“

„So?“ Steif blieb er vor ihr stehen und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Ja.“ Cassie richtete sich zu ihrer vollen Größe auf und blickte ihn kühl an.

„Und welche wäre das?“

„Zunächst einmal solltest du mir erzählen wo zum Teufel ich überhaupt bin.“ Sie sah kurz nach links und rechts, war sich wohl bewusst, welche Aufmerksamkeit sie erregten, aber es kümmerte sie nicht im Mindesten. Die Situation sollte ihm ruhig peinlich sein, er hatte es nicht anders verdient.

„Auf einer Schiffsbrücke.“

„Besten Dank. So viel ist mir auch schon klar gewesen.“ Sie hatte ewig gebraucht, bis sie zur Rezeption gelangt war, und noch einmal so lange, um jemanden zu überreden, sie zu Matt Keegan zu bringen, nachdem sie festgestellt hatte, dass sie ihn nicht einfach so an Bord finden würde. „Und wohin sind wir unterwegs?“

„Die Jungfernfahrt der Pacific Princess geht nach Neuseeland.“

„Neuseeland?“ Sie wollte in fünf Tagen heiraten! Wenn sie die eigene Hochzeit verpasste, würde sie ihn umbringen. „Wann werden wir dort sein?“

„Die Kreuzfahrt dauert vierzehn Nächte und fünfzehn Tage. Rechne vorsichtshalber noch zwei, drei Stunden hinzu, denn ich möchte ungern später beschuldigt werden, dich falsch informiert zu haben.“

Cassie atmete zur Beruhigung tief ein. Wenn er glaubte, dass dies das Einzige wäre, was sie ihm verübeln könnte, irrte er sich gewaltig und würde noch böse überrascht werden. „Wann legen wir das erste Mal irgendwo an?“ Sie drückte sich die Daumen.

„Am Mittwoch in Dunedin. Die geplante Route verläuft rund um die Inseln und zurück nach Australien“, erklärte er sachlich.

Macht er sich keine Vorstellung, welche Tragweite die letzte Nacht für mich hat?, fragte sie sich, als sie ihn so nüchtern, fast schon gleichgültig antworten hörte. Außerdem würde sie mehrere Tage zum Nichtstun verurteilt sein. Wie gut, dass bereits alles für die Hochzeit organisiert war. Sogar ihr Brautkleid war schon fertig genäht und hing bei ihr zu Hause im Schrank. Und sobald das Schiff in Dunedin anlegte, konnte sie von Bord gehen und nach Australien zurückfliegen.

Gedankenverloren biss sie sich auf die Lippe. Natürlich gab es bis Samstag noch die eine oder andere Kleinigkeit zu regeln und zu überprüfen, doch würden ihre Freundinnen sie bestimmt tatkräftig unterstützen. Sie hatten ihr bislang schon so viel geholfen.

Eva hatte sie am meisten überrascht. Sie war eigentlich nicht mehr als eine gute Bekannte, aber sie hatte anscheinend die gestrige Party ganz allein organisiert, einschließlich des Stripteasetänzers. Cassie versuchte sich an ihn zu erinnern, doch es gelang ihr beim besten Willen nicht. „Du bist der Stripper!“

Matt blickte sich um. „Wie bitte?“

Cassie hörte, wie getuschelt wurde, und konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Bestimmt würde er später einiges erklären müssen. „Er war der einzige Mann bei meinem gestrigen Abschiedsfest vom Junggesellinnendasein. Wie sonst hätte ich dich kennenlernen sollen?“

Er sah sie an. „Sag … Wie heißt du doch gleich?“

„Cassie Win…“ Sie schwieg unvermittelt. Er brauchte ihren vollen Namen nicht zu erfahren. Wahrscheinlich war es klug und weise, ihn für sich zu behalten. Dann würde das unheilvolle Geschehen der letzten Nacht geheim bleiben.

„Cass, ich muss hier dringend weitermachen.“ Er winkte einen jungen Mann herbei. „Würden Sie Miss Win bitte zu ihrer Kabine begleiten?“

„Natürlich.“ Der Offizier lächelte sie an. „Welche Nummer haben Sie?“

„Ich habe keine Nummer.“ Zornig blickte sie Matt an. Was erdreistete er sich, ihren Namen einfach abzukürzen und zu ignorieren, dass sie die Kreuzfahrt nicht gebucht hatte! „Ich bin in deinem Bett aufgewacht! Schon vergessen?“

Er zupfte den Hemdkragen zurecht. „Seien Sie so freundlich, finden Sie für Miss Win eine Kabine, und bringen Sie sie dorthin.“

„Es tut mir leid, Sir. Das Schiff ist vollständig belegt. Wenn sie keine Kabine hat, ist sie genau genommen eine blinde Passagierin.“

„So.“ Matt rieb sich das Kinn. „Was machen Sie mit blinden Passagierinnen? Lassen Sie sie das Deck schrubben oder das Geschirr spülen … oder werfen Sie sie einfach über Bord?“

Er sah Cassie an und hielt ihren Blick gefangen. Deutlich spürte sie, wie sie sich mehr und mehr verspannte.

„Es sei denn, sie ist Ihr Gast, Sir“, schlug der junge Mann leicht hoffnungsfroh vor.

Cassie funkelte Matt wütend an, während sie auf seine Antwort wartete, aber er sagte keinen Ton. Lass ihm einen Moment Zeit, forderte sie sich insgeheim auf und zählte im Geist bis zehn. Sie hatte ihn sich ausgesucht – wenn auch in betrunkenem Zustand – und die Nacht mit ihm verbracht, da konnte er doch nicht so schlecht sein.

Die Sekunden verstrichen, und er schwieg noch immer. War er wirklich dermaßen herzlos und kühl, dass er keinerlei Verpflichtung, Fürsorge oder Ähnliches ihr gegenüber empfand? Sie war in seinem Bett aufgewacht! Doch das würde sie nicht an die große Glocke hängen. Sie würde es am liebsten vergessen.

Tief atmete sie ein. „Vielen Dank für die Unterstützung, Mr. Keegan“, stieß sie sarkastisch hervor. „Ich bin allerdings sicher, dass ich sehr gut allein zurechtkomme.“ O nein, sie würde ihn bestimmt nicht um Hilfe bitten. „Gehen wir“, forderte sie den Offizier auf und fasste ihn am Arm. „Ich muss telefonieren.“

Matt vertrat ihr den Weg. „Mit wem?“

Böse sah sie ihn an. „Mit meinem Verlobten Sebastian. Wenngleich dich das überhaupt nichts angeht. Du hast deine Position überdeutlich klargemacht. Er wird mich mit einem Hubschrauber oder dergleichen von diesem Pott abholen lassen“, erklärte sie und tätschelte den Arm des jungen Mannes. „Fühlen Sie sich nicht beleidigt.“

„Wunderbar.“ Matt blickte sie durchdringend an. „Erzähl ihm, was geschehen ist … Das passt mir ausgezeichnet. Auf Wiedersehen.“

Cassie zögerte und musste erst einmal ihr flaues Gefühl im Magen bekämpfen. Was sollte sie Sebastian sagen? Dass sie völlig betrunken gewesen und in die Arme eines anderen Mannes gesunken war? Wie hatte sie überhaupt so betrunken werden können? Sie hatte nur zwei Drinks gehabt und diesen Cocktail, den Eva ihr zum Probieren gegeben hatte. Sollte sie Sebastian vielleicht alles verschweigen?

Ob man einen Seitensprung beichten sollte oder nicht, war eine viel diskutierte Frage. Wenn man ihn eingestand, konnte es sein, dass der Partner ihn akzeptierte. Allerdings gab es auch die Möglichkeit, dass er ihn bei jedem Streit zur Sprache brachte oder ihn als Entschuldigung für das eigene Fehlverhalten benutzte. Außerdem konnte das Wissen um einen Treuebruch die Beziehung nach und nach vergiften. Und es war zwar nicht die Regel, aber auch nicht die Ausnahme, dass der Betrogene einen Schlussstrich zog.

Sie wusste nicht, was sie machen sollte. Doch eines war sicher: Sie brauchte Hilfe. Nachdenklich sah sie Matt an, bemerkte den selbstgefälligen Blick und wandte sich zum Gehen. Nein, sie würde diesem hinterhältigen, gemeinen Charmeur nicht den Gefallen tun, ihn um irgendetwas zu bitten, damit er sich am Ende noch zufrieden fühlte. Energisch setzte sie einen Fuß vor den anderen, während sie fieberhaft überlegte, wer ihr helfen konnte.

Keiner aus ihrer Familie kam dafür infrage. Ihre Mutter kehrte nicht vor Freitagabend aus Europa zurück, und ihr Vater flog erst am frühen Samstagmorgen von Neuguinea ab. Ihr jüngerer Bruder hielt sich zurzeit geschäftlich in England auf und ihr älterer Bruder in Amerika. Und bei Freunden anzurufen machte wenig Sinn, denn sie verfügten weder über die Verbindungen noch über die Mittel, um sie aus dieser unangenehmen Lage zu befreien. Ja, sie war auf sich allein angewiesen.

„Dort sind die Telefone, Miss.“ Der Offizier deutete zu einer Reihe von Apparaten und stellte sich diskret etwas abseits von ihr, behielt sie aber weiter im Auge.

Offenbar sieht er in mir eine Kriminelle, dachte Cassie, und ihr wurde leicht anders. Eigentlich war sie doch das Opfer, und Matt Keegan sollte unter Beobachtung stehen! Heute schien wirklich alles verkehrt zu laufen.

Zögerlich nahm sie den Hörer in die Hand. Sie wusste, wen sie anrufen musste, und ihr war überhaupt nicht wohl bei dem Gedanken, allerdings hatte sie kaum eine Wahl. Mit steifen Fingern drückte sie die Nummerntasten der Auskunft und ließ sich verbinden.

„Ja?“, hörte sie Eva nach dem dritten Klingelton atemlos fragen.

„Hier spricht Cassandra Winters. Könntest du mir vielleicht einen Gefallen tun? Ich bin dummerweise auf dem Schiff eingeschlafen und jetzt auf offener See.“

„Du meine Güte! Wirklich? Wie hast du das Ablegemanöver nur verschlafen?“ Sie schwieg einen Moment. „Möchtest du, dass ich Sebastian informiere?“

„Nein. Ich schätze, ein kleiner Kurzurlaub tut mir ganz gut. Ich möchte auch über einiges nachdenken. Sag ihm bitte, dass es mir gut geht und ich mich bei ihm melde, sobald ich zurück bin.“ Auf diese Weise blieb ihr genug Zeit, um sich zu überlegen, was sie ihm erzählen würde. Momentan hatte sie noch keinen blassen Schimmer. „Könntest du meine Katze füttern? Du hast doch noch meinen Ersatzschlüssel.“

„Natürlich. Ist irgendwas los? Möchtest du darüber sprechen?“, fragte Eva jetzt wieder in dem gewohnt sanften Ton.

„Wahrscheinlich bin ich nur nervös wegen der Hochzeit …“

„Ja? Bist du dir sicher? Falls ich irgendetwas für dich tun kann oder du mit mir reden willst, ruf mich an, egal wann.“

„Es wäre nett, wenn du mir meinen Pass und die Kreditkarte nach Dunedin schicken könntest, damit ich dort am Mittwoch von Bord gehen kann. Beides liegt in der linken oberen Kommodenschublade im Schlafzimmer. Ich weiß, es ist ziemlich viel verlangt, aber ich wäre dir unendlich dankbar“, schloss sie und war sich sicher, dass sie bei ihrer Rückkehr dafür würde bezahlen müssen. Eva zeigte sich zwar immer lieb und hilfsbereit, doch sie, Cassie, hatte stets das ungute Gefühl, dass es irgendwo einen Haken gab.

„Klar, das mache ich. Und meld dich wieder“, meinte Eva und beendete das Gespräch.

Auch Cassie legte den Hörer auf und ging auf den noch immer wartenden Offizier zu. Sie würde nicht um den heißen Brei herumreden. Fakt war, dass sie weder ein Ticket noch eine Kabine hatte und ihr auch kein edler Ritter zur Hilfe kam. „Wo ist das Geschirr?“

Der junge Mann deutete auf sein Ohr, und Cassie sah, dass er verkabelt war. „Mr. Keegan sagt, dass er mit Ihnen über die Situation sprechen wird, wenn Sie ihn um halb zwei zum Mittagessen im Restaurant Royale treffen.“

Zufriedenheit machte sich in ihr breit. Also war er doch noch zur Vernunft gekommen. Es war allerdings auch höchste Zeit. Jemand sollte ihm mal eine Lektion erteilen, wie man sich zu benehmen hat und seiner Verantwortung gerecht wird, dachte sie.

„Gut.“ Cassie konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. „Ich habe ihm auch einiges zu sagen.“ Und das würden keine Nettigkeiten sein!

4. KAPITEL

Mit fest ineinander verschränkten Händen stand Cassie vor der zweiflügligen Glastür des Royale und blickte starr in den großen Raum dahinter. Ihre persönliche Lage und auch die vornehme Atmosphäre an Bord setzten ihr stark zu. Und natürlich fragte sie sich, ob sie gerade den nächsten Fehler machte, indem sie sich mit Matt Keegan traf.

Sie hatte eine Ewigkeit gebraucht, um das Royale überhaupt zu finden, denn das Schiff hatte neun Decks und diverse Restaurants. Jetzt stand sie zwar vor dem richtigen, doch das hob ihr Selbstvertrauen dennoch nicht. Mühsam atmete sie ein, was nichts damit zu tun hatte, dass sie gleich diesem Mann wieder begegnen würde. Sie sah auf ihre Armbanduhr. Es war genau eine Minute vor halb zwei. Pünktlicher konnte man kaum sein.

Erneut blickte sie ins Restaurant. Es war dezent erleuchtet, und sie hörte leise, beschwingte Musikklänge, die die Ferienstimmung untermalten, die überall an Bord herrschte. Gern hätte sie die heitere Atmosphäre auf sich wirken lassen, aber es war ihr unmöglich. Sie konnte es einfach nicht, weil die Schuldgefühle sie zu sehr bedrängten, dass sie in gewisser Weise eine Schmarotzerin war.

Am liebsten würde sie sich verstecken, sich irgendwo in ein nettes, warmes Eckchen verkriechen und alles vergessen. Doch ihre Hochzeit würde sie nicht vergessen können. Auf diesen Tag hatte sie ihr ganzes bisheriges Leben lang gewartet. Schon als Vierzehnjährige hatte sie gewusst, wie er einmal werden sollte, und ihn im Laufe der Zeit bis ins kleinste Detail ausgestaltet. All die Jahre hatte der Gedanke sie geleitet, dass sie eines Tages heiraten würde und ihr Leben vollkommen wäre.

Alles würde so sein, wie sie es sich immer erträumt hatte. Ausgenommen die zusätzlichen Hunderte von Sebastian eingeladenen Gäste, die Anwesenheit der Presse und der belastende Umstand, dass sie fünf Tage vor der Hochzeit mit einem anderen Mann geschlafen hatte.

Gedankenverloren ließ sie den Blick über die Leute im Restaurant gleiten. Sie wirkten glücklich, lachten und schienen die Kreuzfahrt zu genießen. Auf unserer Hochzeitsreise wird es wohl nicht so entspannt zugehen, schoss es ihr durch den Kopf. Sebastian hatte für sie beide eine vierzehntägige Tour durch Europa gebucht, auf der sie vermutlich mehr Zeit im Bus und mit Besichtigungen verbringen würden als in Ruhe und Freude miteinander.

Langsam solltest du wirklich hineingehen, ermahnte sie sich im Stillen und fuhr sich noch einmal ordnend mit den Fingern durchs Haar. Sie musste in der leicht zerknitterten Kleidung und ohne Make-up ziemlich schrecklich aussehen. Dennoch setzte sie tapfer einen Fuß vor den anderen, nannte dem Ober Matts Namen und wurde sogleich zu einem kleinen Ecktisch geführt, der für zwei Personen gedeckt war. Sie wählte den Stuhl mit Blick auf die Glastür und behielt diese im Auge, damit sie Matt sofort kommen sah und nicht wieder von ihm überrascht wurde.

Er ließ nicht lange auf sich warten. Mit finsterer Miene betrat er das Restaurant, ging auf sie zu und winkte dem Ober, sobald er sich ihr gegenüber hingesetzt hatte.

„Auch dir einen guten Tag.“ Cassie stützte die Ellbogen auf den Tisch und versuchte, Matts Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. „Du bist wohl ein Nachtmensch und tagsüber ein Muffel, oder?“

„Du hast keine Ahnung.“

„Dann klär mich auf.“ Sie bemühte sich um einen direkten Blickkontakt, wollte mit ihm auf einer tieferen Ebene kommunizieren, um so vielleicht zu verstehen, warum sie die Nacht mit ihm verbracht hatte, wenn sich ihr Leben doch wunderbar nach Plan entwickelte. Aber leider behielt er die Lider gesenkt.

„Mir wäre es recht, wenn wir es weiter bei einem unpersönlichen Verhältnis beließen.“

Cassie zog die Augenbrauen hoch. „Nach letzter Nacht … Dass ich nicht lache.“ Sie bemerkte, wie seine Wimpern zuckten.

„Ja, das stimmt.“

Sie hätte ihn am liebsten so gereizt, dass er aussprach, was er vor ihr zu verbergen suchte. Es musste wichtig und schwerwiegend sein, daran hatte sie nicht den geringsten Zweifel. Aber sie brachte keinen Ton heraus. Was wäre, wenn sie in der vergangenen Nacht etwas mit ihm gemacht hatte, das ihr, sobald sie es erfuhr, entsetzlich peinlich sein würde?

Der Ober trat an ihren Tisch und reichte ihnen die Speisekarte, die Matt ihm gleich zurückgab, ohne sie aufgeschlagen zu haben. „Eine Flasche Riesling“, sagte er lässig. „Außerdem hätte ich gern eine leichte Suppe und dann Hummer mit Salat.“

„Und was darf ich Ihnen bringen?“, wandte sich der Ober an sie, nachdem er Matts Bestellung notiert hatte.

Cassie überlegte. Gern hätte sie das Gleiche gegessen, war sich jedoch schmerzlich bewusst, dass sie nicht nur ohne Gepäck und Kabine dastand, sondern auch ohne einen Cent in der Tasche. „Ich fürchte, ich bin ganz vom Wohlwollen meines Tischherrn abhängig.“

„Oh.“ Matt sah einen Moment erstaunt drein. „Bestell dir, was du möchtest. Es ist das Mindeste, was ich tun kann.“

Sie zog die Augenbrauen hoch. „In der Tat.“ Es war das Allermindeste. Wenn es nach ihr ginge, würde er sie mit flehendem Blick und gefalteten Händen auf Knien für das um Verzeihung bitten, was er getan hatte. Und wenn du letzte Nacht die treibende Kraft gewesen bist?, schoss es ihr plötzlich durch den Kopf, und sie spürte, wie sie errötete. Schnell wandte sie sich dem Ober zu und hoffte, dass Matt nichts bemerkt hatte. „Ich nehme das Gleiche“, erklärte sie. Dann waren sie allein.

Zwischen ihnen entstand eine peinliche Stille, die noch unangenehmer war, als wenn sich zwei fremde Menschen anschwiegen. Sie beide hatten die verschiedenen Stadien des Kennenlernens einfach übersprungen und waren sofort miteinander ins Bett gegangen. Da schien es fast albern, irgendwelche Nettigkeiten auszutauschen.

Matt begann, mit den Fingern auf den Tisch zu trommeln.

„Wie ist es deiner Ansicht nach dazu gekommen, dass ich heute Morgen nicht nur in deinem Bett aufgewacht bin …“

Er ließ die Hand ruhen und blickte Cassie argwöhnisch an.

Endlich hatte sie seine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. „… sondern auch nichts weiter dabeihatte als meine Kleidung auf dem Kabinenboden … auf dem Leib, meine ich …“ Sie errötete.

Beschwichtigend hob er die Hand. „Reg dich nicht auf.“ Er nahm die Serviette und legte sie sich auf den Schoß. „Es ist sinnlos, in die Einzelheiten zu gehen“, fuhr er fort, ohne sie anzusehen. „Ich habe leider keine Erklärung.“

„Du warst auch betrunken?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich erinnere mich an kaum etwas.“

„Aber du hast gesagt …“

Matt seufzte und ließ den Blick über ihr Gesicht gleiten, über ihren Hals und tiefer. Deutlich spürte sie, wie ihr Herz wild zu klopfen begann, und hätte am liebsten die Arme vor der Brust verschränkt.

„Du erinnerst dich also an das eine oder andere. Typisch Mann!“

„Ich stelle keine Fragen“, erwiderte er mit einem teuflischen Funkeln in den Augen.

Der Ober brachte den Wein. Er hielt Matt kurz die Flasche hin, damit er das Etikett lesen konnte, und nachdem Matt genickt hatte, schenkte er ihnen ein.

Cassie trank einen Schluck. „Zumindest habe ich einen guten Geschmack.“

„Wie bitte?“ Matt stellte sein Glas zurück und sah sie überrascht an.

„Ich habe mir einen sehr wichtigen Mann ausgesucht, auch wenn er ein Mistkerl ist.“

Matt hustete. „Ein Mistkerl? Warum genau bin ich ein Mistkerl? Weil mir eine hübsche Frau aufgefallen ist?“

„Nein. Wegen der Art und Weise, wie du mich heute Morgen einfach sitzen gelassen hast, und weil du deinen Charme bei mir hast spielen lassen, als ich offenbar nicht mehr wusste, was ich tat.“

„Nein.“ Er schüttelte den Kopf.

„Warum erinnere ich mich dann an nichts?“

Er beugte sich vor und blickte sie durchdringend an. „Ich weiß es nicht. Gibt es vielleicht irgendwelche medizinischen Gründe dafür?“

„Nein.“ Zornig funkelte sie ihn an und presste die Hände auf ihre Schenkel, damit sie nicht etwas Dummes tat. „Was macht dich überhaupt zu einem so wichtigen Mann an Bord?“ Jedes Crewmitglied, das sie nach ihm gefragt hatte, schien seinen Namen zu kennen.

„Ich habe auf dem Schiff einen Job zu erledigen. Belassen wir es dabei, okay? Es ist unnötig, dass wir uns unsere Lebensgeschichte erzählen.“

„Ja. Der Himmel bewahre uns davor, dass wir miteinander vertraut werden.“ Cassie merkte, wie sie immer wütender wurde. „Du könntest dann vor der Frage stehen, ob du nicht wegen deines Verhaltens ein schlechtes Gewissen haben müsstest.“

Matt versteifte sich. „Es gehören immer zwei dazu.“

„Wozu genau?“ Kaum hatte sie die Frage gestellt, wünschte sie, sie könnte sie zurücknehmen. Sie wollte die Einzelheiten nicht wirklich wissen.

Glücklicherweise trat der Ober gerade jetzt an den Tisch und servierte ihnen die Suppe. Matt griff sogleich zum Löffel und begann zu essen. Cassie beobachtete ihn leicht verblüfft. Er hatte sich noch nicht einmal erkundigt, was es für eine war.

„Und?“

„Und was?“ Er blickte sie unschuldig an.

„Was für eine Suppe ist es?“ Hoffentlich reagierte er darauf allergisch, lief rot an, bekam einen Hautausschlag oder auch einen furchtbaren Juckreiz.

„Keine Ahnung. Aber sie schmeckt gut und ist cremig.“

Fragend sah sie den Ober an. „Es ist eine Spargel-Blumenkohl-Cremesuppe“, sagte dieser so stolz, als hätte er sie selbst zubereitet.

Matt blickte Cassie mit hochgezogenen Augenbrauen an und zuckte mit den Schultern.

Männer, dachte sie und nahm den Löffel. War ihm die Geschmacksrichtung denn völlig egal? Und war es ihm auch egal, wer sie war und welche Auswirkungen sein Verhalten für sie hatte? Deutlich spürte sie, wie Empörung in ihr aufstieg. Sie führte einen Löffel nach dem anderen zum Mund, aß zwischendurch etwas von dem Brot und konzentrierte sich ganz auf das Essen.

„Du hast offenbar länger nichts gegessen?“

Unwillkürlich sah sie ihn an. Er hatte den Löffel aus der Hand gelegt und beobachtete sie angelegentlich mit seinen faszinierend dunklen Augen. Starr blickte sie wieder auf ihren Teller.

„Das Einzige, was ich zum Frühstück bekommen habe, waren ein gewaltiger Schock und eine rote Rose.“

Matt hustete, griff zum Löffel und widmete sich erneut der Suppe.

„Es war eine nette Idee.“ Sie sah ihn wieder an. „Das mit der Rose. Wirklich romantisch. Fast könnte man meinen, dass du doch ein Herz hast.“ Sie hasste sich für diesen versöhnlichen Ton. Es war nur eine Nacht gewesen, und die bedeutete weder ihr noch ihm etwas.

Erneut kam der Ober an ihren Tisch und servierte ihnen das Hauptgericht. Der Hummer duftete köstlich. Sie hatte so etwas Außergewöhnliches erst einmal gegessen, mit Sebastian. Starr blickte sie auf den Teller. Wie würde ihr Verlobter wohl darüber denken, dass sie einfach so verschwunden war?

„Ist alles in Ordnung?“, erkundigte sich Matt warmherzig.

Cassie nickte und verdrängte ihren Gedanken. „Wie geht’s nun weiter? Werde ich die nächsten Tage in der Küche verbringen und irgendwo in einer Ecke auf dem Boden schlafen, oder kannst du dich dazu durchringen, ein Gentleman zu sein?“

„Wenn du mich so fragst … Okay, du magst glauben, dass ich dir etwas schulde.“

Sie zog die Augenbrauen hoch und aß ein Stück Sellerie.

„Also gut, ich will sehen, was ich tun kann.“

„Vielen Dank. Deine Mutter wäre zufrieden, dass sie dich doch gelehrt hat, ein schlechtes Gewissen zu haben, wenngleich es sich etwas spät meldet.“

„Sei so nett, und lass meine Mutter aus dem Spiel.“

„Die Familie ist wohl ein heikles Thema. Willst du darüber reden?“ Sie schwieg einen Moment und beobachtete ihn dabei, wie er den Hummer zerlegte. „Deine Eltern sind geschieden, stimmt’s?“

„Nein, sie sind seit vierzig Jahren glücklich miteinander verheiratet.“

Ihre waren es dem Anschein nach auch gewesen, bis sie, Cassie, achtzehn Jahre alt geworden war. Dann hatten sie sich getrennt und scheiden lassen. „Sie sind noch immer glücklich?“

„Ja.“ Matt legte das Besteck zur Seite. „Aber wie ich schon sagte: Ich will mein Privatleben nicht mit dir diskutieren.“

„In Ordnung. Dann erzähle ich dir auch nichts über meines.“ Sie spießte mit der Gabel ein Salatblatt auf. „Wahrscheinlich bist du einfach nur unsicher.“

„Warum sollte ich das sein?“

„Weil meine Leute beruflich erfolgreicher, gesellschaftlich angesehener sind und höhere Intelligenzquotienten haben.“ Herausfordernd hob sie das Kinn. Ja, ihre Eltern und ihre Geschwister waren sehr tüchtig, doch waren sie auch Workaholics und Perfektionisten. Wenn immer man sich traf, war die Zeit genauestens verplant, damit sie optimal genutzt wurde.

Matt blickte sie an. „Ich persönlich finde das nicht allzu aussagekräftig. Sind sie glücklich?“

Cassie trank einen Schluck Wein. Nein, sie waren nicht glücklich. Aber wer war das schon? Ein Normalbürger, der sich an irgendetwas berauschte. Eine Mutter mit einem Neugeborenen im Arm, bevor die Wirklichkeit sie einholte. Ein Mensch, der zu einem Neuanfang fand, bis er dann feststellte, dass er doch der Alte geblieben war.

Hör auf, ermahnte sich Cassie im Stillen, so denken deine Eltern, nicht du. Und diese waren ebenfalls der Ansicht, dass es ihr Vorteile brachte, von Doktoren in Naturwissenschaften und Mathematik erzogen worden zu sein. Auch diese Meinung teilte sie nicht. Sicher, ihre Eltern waren wohlhabend, angesehen und intelligent – aber das war nicht alles im Leben.

„Habe ich einen wunden Punkt getroffen?“

„Nein, absolut nicht.“ Sie rang sich ein Lächeln ab und verdrängte das Gefühl der Unsicherheit, das sie wieder einmal überkam.

Und während sie sich beide auf den Hummer konzentrierten, herrschte am Tisch Schweigen, das immer unerträglicher wurde, je länger es dauerte. Schließlich legte Cassie das Besteck aus der Hand, säuberte sich die Finger und blickte zu Matt hin, der sie aufmerksam beobachtete. „Du gibst mir dann irgendwann Bescheid wegen der Kabine“, meinte sie und legte die Serviette beiseite.

„Nein.“

Sie sah ihm in die dunklen Augen. „Aber du hast gesagt …“

„Du wirst mich begleiten.“ Schon stand er auf und strich sich die schwarze Hose glatt. „Außerdem brauchst du noch neue Kleidung.“

Cassie wollte etwas erwidern, brachte jedoch keinen Ton heraus.

„Und denk jetzt nicht, dass ich ein weiches Herz bekommen hätte. Ich will nur nicht erneut bei der Arbeit gestört werden.“

Energisch schob sie den Stuhl zurück, so heftig, dass er mit der Rückenlehne gegen die Wand prallte, und stand auf. „Warum gehst du dann nicht gleich an deine Arbeit zurück und vergisst, dass es mich gibt?“

Matt bedeutete ihr vorauszugehen und folgte ihr aus dem Restaurant. „Wie du eben schon gesagt hast, hat mich meine Mutter gut erzogen. Ich möchte sicher sein, dass du alles hast, was du brauchst.“

Er tat es für sich, nicht für sie! „Damit du Ruhe vor mir hast.“

„Genau.“

Cassie wollte nicht nur seine Menschenfreundlichkeit, sie wollte viel mehr. Er sollte sich bei ihr entschuldigen, sein falsches Verhalten einsehen, damit er in Zukunft gründlicher nachdachte, bevor er eine Frau mit seinem Charme eroberte und ins Bett entführte. Sie wollte Gerechtigkeit, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

5. KAPITEL

Matt machte es sich in einem der Sessel in der Boutique bequem. Er konnte sich nicht erinnern, dass er je eine unleidlichere – oder faszinierendere – Frau kennengelernt hatte.

Cassie verließ gerade in Designerjeans und einem ärmellosen weißen Top die Umkleidekabine und kam auf ihn zu. Beide Teile saßen wie angegossen und brachten ihre ausgesprochen weibliche Figur hervorragend zur Geltung.

„Gefällt es dir? Gut, dann nehme ich es.“ Kritisch sah sie ihn an. „Allerdings nur unter der Voraussetzung, dass ich dir das Geld zurückzahle, sobald ich zu Hause bin.“

„Natürlich.“ Wieder ließ er den Blick über sie gleiten. Er hatte sich schon immer gefragt, wie es sein mochte, bei einer jungen Frau in Not den Wohltäter zu spielen. Es war ein herrliches Gefühl, wenn man einmal außer Acht ließ, dass sie vor allem durch ihn in diese Notlage geraten war. „Du brauchst auch noch etwas Formelles für abends.“ Er fand den Gedanken äußerst reizvoll, dass sie ihm noch einige Kleider vorführte. „Nach sechs Uhr gibt es eine Kleidervorschrift.“

„Na wunderbar.“ Sie sah an die Decke. „Einfach großartig.“

„Ich dachte, die meisten Frauen liebten es, einzukaufen.“ Matt lächelte. Er konnte sich kein weibliches Wesen vorstellen, das nicht gern durch Boutiquen streifte. Wahrscheinlich lag es jedoch daran, dass er bislang noch keine solche Frau kennengelernt hatte.

„Ich auch, aber mit meinem Geld“, antwortete Cassie und wandte sich den Kleidern zu. Schließlich nahm sie zwei schwarze vom Ständer, blickte Matt gequält an und verschwand in der Kabine.

Energisch unterdrückte er das Verlangen, das sich in ihm regte. Diese junge Frau war in festen Händen, war vergeben und für ihn tabu.

Er hatte schon mehr Frauen kennengelernt, als ihm lieb war. Mit der Hälfte von ihnen war er ausgegangen, doch keine hatte wirklich nachhaltig etwas in ihm zum Klingen gebracht. Für ihn war die Liebe eine Erfindung der Dichter, ein Märchen, das viele Menschen nur zu gern glaubten. Und Cass war schlicht und einfach eine weitere – wenn auch ausgesprochen faszinierende – Frau.

„Muss ich dir das tatsächlich vorführen?“ Sie steckte den Kopf aus der Kabine.

„Wenn ich bezahle …“ Matt zog die Augenbrauen hoch und hoffte, dass ihm nicht anzumerken war, wie sehnsüchtig er auf ihr Erscheinen wartete.

Widerstrebend kam sie heraus, und er hielt den Atem an. Nein, es war nicht verboten, eine hübsche Frau zu betrachten, und hübsch war Cassie Win ohne jeden Zweifel.

Sie sah in dem rückenfreien schwarzen Kleid wirklich umwerfend aus. Deutlich spürte er, wie er körperlich auf ihren betörenden Anblick reagierte und sie am liebsten umarmt und geküsst hätte. Er schüttelte den Kopf und versuchte, irgendwo anders hinzusehen, sich auf etwas anderes zu konzentrieren, aber seine Blicke richteten sich wie von selbst immer wieder auf sie, schienen wie magisch von ihr angezogen zu werden.

Cassie strich sich über die wohlgeformten Hüften und neigte den Kopf leicht zur Seite, während sie sich in dem großen Spiegel betrachtete, der etwas weiter entfernt an der Wand hing. Plötzlich lachte sie auf, wandte sich langsam zu Matt um und blickte ihn vorwurfsvoll an.

„Diese Klamotten sind keine Belohnung für geleistete Dienste“, stieß sie grimmig hervor.

Besänftigend hob er die Hand. Es gefiel ihm überhaupt nicht, dass er für sie anscheinend ein offenes Buch war. Konnte er seine Faszination so wenig verbergen? „Das ist mir keine Sekunde in den Sinn gekommen.“

„In Ordnung.“ Durchdringend sah sie ihn noch einen Moment an und entspannte sich dann. Das Kleid saß ihr wie angegossen und betonte ihre ausgesprochen weibliche Figur. „Was meinst du? Ist es des Guten zu viel?“

Matt schluckte und bedeutete ihr, sich einmal im Kreis herumzudrehen. Sie zu betrachten war eine Qual, eine unendlich süße Qual. Fasziniert blickte er auf ihren sanft geschwungenen schmalen Rücken, dessen samtige Haut er gern küssen würde …

Reiß dich zusammen, ermahnte er sich insgeheim. Heute Morgen hatte er noch mehr von ihr gesehen und sich dennoch abgewandt und die Kabine verlassen. „Es steht dir prima“, erwiderte er so ruhig wie möglich.

Cassie versuchte, das seltsam...

Autor

Sally Wentworth

Ihren ersten Liebesroman „Island Masquerade“ veröffentlichte Sally Wentworth 1977 bei Mills & Boon. Nachdem ihre ersten Romane für sich stehende Geschichten waren, entdeckte sie in den neunziger Jahren ihre Leidenschaft für Serien, deren Schauplätze hauptsachlich in Großbritannien, auf den Kanarischen Inseln oder in Griechenland liegen. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Donald...

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