Schicksalhaftes Wiedersehen in Neuseeland

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Die Gesichtszüge wirken gemeißelt, das dunkle Haar ist windzerzaust. Mia ist wie erstarrt, als sie den neuen Gast in ihrem Hotel erblickt! Über drei Jahre ist es her, dass sie mit Benedict del Castillo eine atemberaubend sinnliche Nacht verbracht hat … Als er sie jetzt ansieht, weiß Mia, dass er sich genauso gut an sie erinnert wie sie sich an ihn. Und plötzlich klopft ihr Herz wie wild. Was, wenn Benedict herausfindet, dass jene Nacht nicht ohne Folgen geblieben ist - wenn er ihren kleinen Sohn Jasper sieht, der ihm wie aus dem Gesicht geschnitten ist?


  • Erscheinungstag 10.04.2011
  • Bandnummer 1663
  • ISBN / Artikelnummer 9783862953356
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

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IMPRESSUM

BACCARA erscheint 14-täglich im CORA Verlag GmbH & Co. KG,

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CORA Verlag GmbH & Co. KG ist ein Unternehmen der Harlequin Enterprises Ltd., Kanada

Geschäftsführung:

Thomas Beckmann

Redaktionsleitung:

Claudia Wuttke (v. i. S. d. P.)

Cheflektorat:

Ilse Bröhl

Lektorat/Textredaktion:

Daniela Peter

Produktion:

Christel Borges, Bettina Schult

Grafik:

Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn,
Marina Grothues (Foto)

Vertrieb:

asv vertriebs gmbh, Süderstraße 77, 20097 Hamburg Telefon 040/347-29277

Anzeigen:

Christian Durbahn

Es gilt die aktuelle Anzeigenpreisliste.

 

© 2010 by Dolce Vita Trust

Originaltitel: „For the Sake of the Secret Child“

erschienen bei: Silhouette Books, Toronto

in der Reihe: DESIRE

Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe: BACCARA

Band 1663 (10/2) 2011 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg

Übersetzung: Ute Launert

Fotos: Harlequin Books S.A.

Veröffentlicht im ePub Format in 05/2011 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

ISBN: 978-3-86295-335-6

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

BACCARA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Führung in Lesezirkeln nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlages. Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte übernimmt der Verlag keine Haftung. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Satz und Druck: GGP Media GmbH, Pößneck

Printed in Germany

Der Verkaufspreis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:

BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, HISTORICAL MYLADY, MYSTERY, TIFFANY HOT & SEXY, TIFFANY SEXY

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Yvonne Lindsay

Schicksalhaftes Wiedersehen in Neuseeland

1. KAPITEL

Zum unzähligsten Mal glättete Mia Parker ihre Uniform, während sie auf dem privaten Bootsanleger am Ufer des Lake Wakatipu wartete. Voller Ungeduld sah sie der Ankunft des neuen Gasts im Parker’s Retreat entgegen. Ihre Unruhe hatte bereits morgens um drei Uhr eingesetzt und war inzwischen starker Nervosität gewichen.

„Wie er wohl ist?“, fragte ihre Mutter, die neben ihr stand.

„Keine Ahnung. Aber er zahlt so viel, dass wir uns darum keine Sorgen zu machen brauchen“, erwiderte Mia lächelnd.

Sie versuchte, sich einzureden, dass ihre plötzliche Furcht völlig unbegründet war. Von ihrer Freundin Rina Woodville wusste sie, dass Benedict del Castillo aus einer wohlhabenden Familie stammte. Er war auf der Suche nach einem abgeschiedenen Ort, an dem er sich von den Folgen eines Autounfalls erholen konnte. Trotzdem kam Mia nicht umhin, sich zu fragen, was das wohl für ein Mann sein mochte, der reich genug war, um ihr gesamtes kleines Luxushotel inklusive Wellness-Einrichtung für einen ganzen Monat zu buchen und ihr überdies noch einen großzügigen Bonus zu zahlen.

Warum nahm er eine so lange Reise bis nach Neuseeland in Kauf, wenn er doch so reich war und sich praktisch an jedem Fleckchen auf der Erde einmieten konnte? In Europa gab es viele exklusive Einrichtungen, die wesentlich näher an Benedict del Castillos Heimatland, der Mittelmeerinsel Isla Sagrado, lagen. Die wären sicher genauso gut in der Lage gewesen, die Art luxuriöser Anonymität zu bieten, die Mr del Castillo offensichtlich wünschte.

„Wenn wir Glück haben, ist er groß, dunkelhaarig, attraktiv und Junggeselle“, meinte Mias Mutter.

„Mom, ich habe ja gar nicht gewusst, dass du nach einem neuen Ehemann Ausschau hältst“, neckte Mia sie, obwohl sie nur zu gut wusste, dass ihre Mutter immer noch Reuben Parker nachtrauerte, der vor drei Jahren gestorben war.

Zu Mias Überraschung errötete ihre Mutter, fasste sich jedoch schnell wieder. „Du weißt sehr gut, worüber ich rede, junge Dame. Glaub bloß nicht, dass du vom Thema ablenken kannst. Es ist an der Zeit, dass du wieder richtig am Leben teilnimmst und aufhörst, dich hier draußen zu verstecken.“

„Ich verstecke mich nicht, ich baue ein Geschäft auf. Und dieser Typ ist nun mal unser Fahrschein für die finanzielle Sicherheit, die wir dringend nötig haben. Das ist wesentlich wichtiger für mich als Romantik.“

Mia schloss die Augen und erinnerte sich an das Gefühl der Erleichterung, das sie verspürt hatte, als die erste Hälfte des Betrages, den Benedict del Castillo für den Aufenthalt hier bezahlte, auf ihrem Bankkonto eingegangen war. Somit konnte sie die Gehälter ihrer Angestellten für zwei weitere Monate bezahlen. Deswegen fiel es ihr auch nicht besonders schwer, zu akzeptieren, dass sie nichts weiter über ihren mysteriösen Gast – der so auf Geheimhaltung bedacht war – wusste.

Ein Geräusch auf dem Wasser erregte ihre Aufmerksamkeit, und Mia öffnete die Augen. Mit dem Boot näherte sich auch der Mann, um dessen alleinige Bedürfnisse sich das gesamte Personal von Parker’s Retreat für die nächsten dreißig Tage kümmern würde. Die schnittige Elfmeterjacht steuerte über den See direkt auf den Anleger zu, und Mia war froh, die Jacht nach dem Tod ihres Vaters nicht verkauft zu habe, obwohl ihr Bankberater ihr ausdrücklich dazu geraten hatte.

Das Boot hatte für Mia eine ganz besondere Bedeutung, war es doch ein Symbol dafür, dass die Parkers nicht aufgaben – auch wenn Reuben sich lieber das Leben genommen hatte, als das Gesicht vor seinen Gläubigern zu verlieren.

Mia machte drei Personen an Deck aus. Don, ihren Bootsführer und Mann für alle Fälle im Parker’s Retreat. Bei den beiden anderen musste es sich um ihren neuen Gast und seinen Fitnesstrainer handeln, denn Dons einundsiebzigjähriger Vater – der sich selbst zum Schiffsjungen ernannt hatte – stand auf dem Hauptdeck und hielt bereits die Festmachleine in der Hand.

Mias innere Anspannung nahm weiter zu. Das Fortbestehen ihres Hotels hing ganz allein von diesem neuen Gast ab, der wie ein Einsiedler leben wollte.

„Es ist doch alles vorbereitet, oder?“, wandte sie sich in ihrer unerklärlichen Furcht davor, etwas Wesentliches vergessen zu haben, an ihre Mutter.

„Mia, entspann dich. Du weißt doch, dass wir an alles gedacht haben. Mr del Castillo bekommt die beste Suite, für die Unterkunft seines Trainers ist bestens gesorgt, die Küche weiß über Mr del Castillos Vorlieben beim Essen und Trinken Bescheid, ein Wagen und ein Chauffeur stehen in Queenstown zur ständigen Verfügung, und du höchstpersönlich hast Mr del Castillos Termine im Spa mit militärischer Präzision durchgeplant. Hör auf, dir Sorgen zu machen. Und falls wir unwahrscheinlicherweise doch etwas übersehen haben sollten, bringen wir es in null Komma nichts in Ordnung, daran besteht nicht der geringste Zweifel.“

„Du hast ja recht – alles ist bestens“, erwiderte Mia leise, bevor sie einen Schritt vortrat, um die Halteleine aufzufangen und am Dock zu befestigen. Dons Vater sprang von Bord und sicherte das Schiffsheck.

Sobald das Boot angelegt hatte und die Gangway ausgefahren worden war, setzte Mia ihr Begrüßungslächeln auf. Als Erster ging ein gertenschlanker blonder Mann von Bord, der mit Jeans und einer leichten Skijacke bekleidet war. Mia vermutete, dass es sich bei ihm um den Fitnesstrainer handelte. Mr del Castillo musste es wirklich ernst damit sein, wieder gesund zu werden, wenn er diesen energiegeladenen jungen Mann engagiert hatte.

„Hi“, sagte der Trainer und schüttelte begeistert Mias Hand. „Ich bin André Silvain. Es freut mich, Sie kennenzulernen.“

Ein Franzose, dachte Mia, als sie seinen Akzent bemerkte. „Willkommen im Parker’s Retreat, Mr Silvain. Das ist meine Mutter, Elsa Parker. Sie ist die Dame des Hauses.“

„Nennen Sie mich André.“ Er schenkte ihr ein charmantes Lächeln und sah sich um. „Dieser Ort ist ganz erstaunlich. Ich bin fest davon überzeugt, dass Ben und ich hier große Dinge vollbringen.“

Seine Begeisterung war nahezu überwältigend, und Mia spürte bereits, wie ihre Wangen vor lauter Lächeln zu schmerzen begannen, als sie sich umdrehte und beobachtete, wie der große dunkelhaarige Mann die Gangway herunterhumpelte. Er war ganz in Schwarz gekleidet und litt offensichtlich unter dem großen Temperaturunterschied zwischen seiner Heimatinsel Isla Sagrado und dem Winter in Südneuseeland. Mit einer Hand hielt er sich am Geländer fest.

Obwohl Mia sein Gesicht noch nicht sehen konnte, kam ihr irgendwas an ihm bekannt vor. Der Wind wehte den Seidenschal beiseite, den Benedict del Castillo um den Hals und den unteren Teil des Gesichts geschlungen hatte, und entblößte einen feinen Bartschatten. Die Blässe seiner Haut stand in einem merkwürdigen Kontrast zu dem Sommerwetter im Mittelmeer, aus dem er gerade kam. Die Windböe zerzauste sein etwas längeres schwarzes Haar und enthüllte eine glatte, kühne Stirn. Mias Gefühl, diesen Mann von irgendwoher zu kennen, verstärkte sich, als er den Kopf hob und sie mit seinen dunkelbraunen Augen ansah.

Und plötzlich erkannte Mia in ihm den Mann wieder, der einst ihr Leben auf den Kopf gestellt hatte und nun wieder in ihre Welt zurückgekehrt war.

Trotz des schweren schwarzen Wollmantels, der ihm bis zu den Knien reichte, zitterte Benedict del Castillo vor Kälte. Unwillkürlich verstärkte er den Griff um den Handlauf der Gangway, als er der jungen Frau unten auf dem Dock in die Augen sah. Sofort erkannte er sie wieder und spürte, wie das unerwartete Gefühl von wildem, ungezähmtem Verlangen sich seiner bemächtigte. Als er ihr dreieinhalb Jahre zuvor auf einer Wochenendparty der High Society begegnet war, hatte er diese Frau lediglich als „M“ kennengelernt und ihren wahren Namen nie erfahren. Trotzdem kannte er ihren Körper besser als den jedes anderen weiblichen Wesens. Nie hätte er damit gerechnet, sie ausgerechnet an diesem Ort wiederzusehen. Er betrachtete sie von Kopf bis Fuß und bemerkte enttäuscht, dass die leger geschnittene Uniform ihre Figur verhüllte, anstatt sie voll zur Geltung zu bringen. Wenn seine Erinnerung ihn nicht täuschte, dann gab es keinen Grund für diese Frau, irgendetwas zu verbergen.

„Willkommen im Parker’s Retreat, Mr del Castillo. Ich bin Mia Parker und hoffe, dass Sie sich bei uns wohlfühlen.“

„So förmlich, M?“

Er war fasziniert von dem furchtsamen Ausdruck in ihrem Blick. Offenbar wollte sie nicht, dass jemand davon erfuhr, dass sie sich bei ihrem letzten Zusammentreffen den allersinnlichsten Freuden hingegeben hatten, zu denen ein Mann und eine Frau fähig sein konnten. Ihre Zurückhaltung fand Ben durchaus verständlich, denn für den kommenden Monat hatten sie beide eine Geschäftsvereinbarung, und es verwunderte ihn nicht, dass Mia auch wie eine Geschäftsfrau auftreten wollte. Aber wovor, um alles in der Welt, fürchtete sie sich?

Nachdem er ihre Hand genommen und an seine Lippen geführt hatte, küsste er ihre kalten Fingerknöchel. Dabei entging ihm nicht, dass sie zu zittern begonnen hatte. Mit einem Lächeln gab er sie wieder frei. Zu seiner Belustigung entriss sie ihm förmlich die Hand und rieb die Knöchel an ihrer viel zu weiten Hose.

„Alles ist gemäß Ihren speziellen Bedürfnissen und Wünschen arrangiert worden – dafür haben meine Mitarbeiter Sorge getragen.“

„Und du, meine Liebe? Sorgst auch du für meine …“ Er machte eine Pause, um die Spannung zu steigern, denn er konnte der Versuchung nicht widerstehen, Mia zu necken. „… speziellen Bedürfnisse?“

Sie errötete zart, und ihre Stimme zitterte leicht. „Natürlich arbeite ich eng mit Ihrem Trainer zusammen, um sicherzustellen, dass Ihre Genesung so schnell wie möglich voranschreitet.“

Seine Genesung. Plötzlich war er wieder da, dieser Selbstekel, der Bens Erheiterung genauso effektiv abkühlte wie der Gletscher, der vor langer Zeit den Lake Wakatipu geformt hatte. Wütend erinnerte er sich an seinen Autounfall, den er lediglich seiner eigenen Dummheit und Selbstüberschätzung zu verdanken hatte. Und dem Drang, das Schicksal immer wieder aufs Neue herauszufordern. Diese Erkenntnis war wie eine bittere Pille. Doch Ben unterdrückte die verwirrenden Gefühle, die ihn seit seinem Unfall quälten, und richtete seine Aufmerksamkeit lieber wieder auf das offensichtliche Unbehagen der attraktiven Mia.

„Ganz meine Meinung“, erwiderte er schließlich. „Und wer ist die bezaubernde Lady neben dir?“

„Oh, verzeihen Sie bitte“, meinte Mia verlegen. „Darf ich vorstellen? Meine Mutter, Elsa Parker. Wir beide betreiben das Parker’s Retreat gemeinsam.“

„Sehr angenehm, Mr del Castillo, aber Sie müssen meiner Tochter ihre Bescheidenheit nachsehen. Denn in Wahrheit ist sie ganz allein für alles hier verantwortlich.“

„Tatsächlich?“, fragte Ben, während er Elsas Hand in seine nahm und zu den Lippen führte, um sie mit derselben vornehmen Höflichkeit zu begrüßen, die er zuvor Mia hatte zuteilwerden lassen.

Die ältere Frau ließ die Begrüßung mit wesentlich größerer Gelassenheit über sich ergehen als ihre Tochter. Sie hatte ja auch keine Ahnung, wie gut Ben Mia kannte.

Diese wies gerade auf die zwei Golfwagen, die am Dock geparkt waren. „Wenn Sie dann Platz nehmen wollen. Don fährt Sie und André zum Haupthaus. Mutter und ich kommen mit dem Gepäck nach.“

So schnell würde sie ihn allerdings nicht loswerden. „Ach, so weit ist es doch nicht, oder? Ich glaube, dass ich nach dem langen Flug lieber ein Stückchen laufe. Fahr du ruhig, André“, sagte Ben zu seinem Trainer. „Ms Parker kann mich ja zum Hotel begleiten.“

„Was ist mit deinen Krücken, Ben? Sind die noch auf dem Boot?“, fragte André.

„Die können hierbleiben. Je früher ich lerne, ohne sie zu leben, umso besser.“

„Wie du meinst, mon ami. Ich glaube allerdings, dass du es im Augenblick bequemer mit ihnen hättest. Nimm wenigstens einen Spazierstock – schließlich bist du ja erst vor ein paar Wochen aus dem Krankenhaus entlassen worden. Eigens zu diesem Zweck habe ich einen zusammenklappbaren Gehstock hier oben auf meinem Koffer liegen.“

Ben schnitt eine Grimasse, als André ihm den Stock reichte. Er hatte es langsam satt, dass man ihn ständig mit Samthandschuhen anfasste. Durch seine Flucht in diese abgeschiedene Gegend hatte er eine echte Chance, wieder zu alten Kräften zu gelangen – ohne ständig von den Medien beobachtet zu werden, die auf der Suche nach möglichen Anzeichen von Langzeitfolgen seines Unfalls waren. Seine Familie war zu berühmt, als dass Ben im Mittelmeerraum hätte bleiben können, ohne von der Presse auf Schritt und Tritt verfolgt zu werden. Doch hier, auf der anderen Seite der Erde, fand er die Abgeschiedenheit, um in Ruhe wieder gesund zu werden. Eine Abgeschiedenheit, die ihm der Vertrag mit dem Parker’s Retreat garantierte.

Es war höchste Zeit, dass sein störrischer Körper endlich wieder so fit wie vor dem Unfall wurde, damit Ben sein altes Leben wieder aufnehmen konnte. Er warf einen Seitenblick auf seine zögerliche Begleitung und verspürte eine angenehme Vorfreude. Und schon wusste er, wer ihm dabei behilflich sein konnte, wieder er selbst zu werden.

Er hat sich verändert, dachte Mia, während sie langsam auf das Hauptgebäude zugingen. Von dem umgänglichen und selbstsicheren Mann, der sie im Sturm erobert und in sein Bett bekommen hatte, war keine Spur mehr zu sehen. Oh, er war natürlich immer noch selbstbewusst, doch irgendwie wirkte er jetzt düsterer. Als läge etwas anderes unter seinem Charme verborgen, das vorher noch nicht da gewesen war – und was vorher gewesen war, daran erinnerte Mia sich noch ganz genau.

Ihre Hand hatte gekribbelt, als Ben sie geküsst hatte. Warum hatte er sich nicht einfach auf einen Händedruck beschränken können? Allerdings wäre er dann auch nicht Benedict del Castillo, der Mann, den sie bei einer Silvesterfeier auf einem Weingut im Gibbston Valley getroffen hatte. Der Mann, der sie augenblicklich in seinen Bann gezogen und diesen Zauber jede Sekunde des einen herrlichen Tages und zweier noch herrlicherer Nächte aufrechterhalten hatte, bis er wieder nach Übersee hatte zurückreisen müssen.

Ein Mann, der ihr Blut zum Kochen gebracht hatte. Mia konnte es sich nicht leisten, dass er jetzt noch diese Wirkung auf sie hatte. Er war ein Gast im Retreat, und als solchen – und nur als solchen – musste sie ihn sehen.

Liebe Güte. Ihr fiel plötzlich ein, dass sie ihren Masseurinnen die kommenden vier Wochen Urlaub gegeben hatte, da sie beschlossen hatte, die Behandlungen selbst durchzuführen. Schließlich war sie zertifizierte Massagetherapeutin. Was hatte sie sich da bloß eingebrockt? Sie würde ihn berühren, ihn streicheln und ihre Hände über den vertrauten Körper gleiten lassen. Und was für ein Körper das war! Sogar jetzt noch hatte sie seinen gebräunten Oberkörper und seine dunklen Brustwarzen vor Augen, die unter ihren Küssen hart geworden waren, und erinnerte sich nur zu gut daran, wie köstlich er schmeckte. Doch jetzt musste sie versuchen, ihre abwegigen Gedanken zu vergessen. So unanständige Dinge dachte man einfach nicht in Bezug auf einen Gast. Sie war nicht länger dasselbe Mädchen, das mit Ben im Bett gewesen war. Mittlerweile lebte sie ein neues Leben, trug Verantwortung. In den vergangenen drei Jahren hatte sie sowohl ihr Geld als auch ihren Vater verloren. Und einen Sohn bekommen. Sie musste unbedingt an Jasper denken und sich daran erinnern, warum sie so hart dafür arbeitete, dass das Retreat ein Erfolg wurde. Warum es so wichtig war, für ihren Sohn, ihre Mutter und sich selbst eine sichere finanzielle Grundlage zu schaffen. Trotzdem ging ihr ständig diese Liaison durch den Kopf, obwohl sie schon Jahre zurücklag. Allein Bens Anblick erinnerte sie erneut an den leidenschaftlichen Sex, den sie damals gehabt hatten.

Denk noch nicht mal daran, ermahnte sie sich. Was sie miteinander geteilt hatten, lag in der Vergangenheit. Jetzt war sie Mutter, Tochter und Arbeitgeberin – und nicht mehr das wilde Partygirl, das leichtsinnig mit Geld um sich geworfen hatte, ohne zu erkennen, wie gut es ihm eigentlich gegangen war.

Autor

Yvonne Lindsay

Die in Neuseeland geborene Schriftstellerin hat sich schon immer für das geschriebene Wort begeistert. Schon als Dreizehnjährige war sie eine echte Leseratte und blätterte zum ersten Mal fasziniert die Seiten eines Liebesromans um, den ihr eine ältere Nachbarin ausgeliehen hatte. Romantische Geschichten inspirierten Yvonne so sehr, dass sie bereits mit...

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