Sinnlich entführt vom Milliardär

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„Stoppt die Hochzeit!“ Milliardär Ethan Connors setzt alles daran, seine Ex-Freundin im letzten Moment zurückzuerobern. Auch wenn das heißt, dass er die verschleierte Braut vom Altar weg entführen muss. Doch er hat die falsche Hochzeit gestürmt – und die falsche Braut erwischt! Denn als sie ihren Schleier hebt, schaut er in die samtbraunen Augen einer wunderschönen Fremden. Sie scheint wild entschlossen, vor dieser traditionellen Ehe zu fliehen und sich von Ethan nicht nur ent-, sondern auch verführen zu lassen …


  • Erscheinungstag 25.05.2021
  • Bandnummer 2186
  • ISBN / Artikelnummer 9783751503679
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

„Stoppen Sie diese Hochzeit!“

Ethan Connors’ Blick irrte hektisch durch den Garten des Mahal-Hotels, wo eine mandap aufgestellt worden war, der für Hindu-Hochzeiten typische offene Säulen-Pavillon. Das Paar saß auf Kissen vor einem kleinen Feuer. Ein Priester in weitem orangefarbenen Gewand sang eine Litanei und warf etwas ins Feuer. Die Flammen knisterten und rauchten.

Ethan wünschte, er hätte die Zeremonie aufmerksamer verfolgt, als er das eine Mal mit Pooja bei einer Hindu-Hochzeit gewesen war. Er hatte keine Ahnung, ob er rechtzeitig gekommen war, um die Trauung zu verhindern.

Bei seinem lauten Ausruf sahen Braut und Bräutigam sowie das Dutzend Menschen, die sie umstanden, überrascht zu ihm herüber. Der Priester erstarrte, und in der Menge der Gäste wurde es still. Er spürte die Blicke Hunderter auf sich gerichtet. Verzweifelt versuchte er, Poojas Blick zu finden, aber der schwere Brautschleier bedeckte ihren Kopf und fiel ihr über das halbe Gesicht. Der Rauch des Feuers umwirbelte sie. Sein Blick glitt zu dem älteren indischen Paar, das neben ihr saß. Waren das Poojas Eltern? Die Empörung in ihren Mienen sprach dafür.

Sein Magen schien sich zu verknoten. Drei Monate lang hatten sie sich getroffen, drei Monate hatten sie zusammengelebt, aber sie hatte ihn nie ihren Eltern vorgestellt. Auf einem Regal bei ihr hatten Fotos gestanden, aber aus der Erinnerung konnte er die Familienmitglieder nicht erkennen.

Ein jüngerer Mann, der neben der Braut gesessen hatte, erhob sich und kam zu Ethan herüber. „Ich weiß nicht, wer Sie sind, aber Sie stören die Hochzeit meiner Schwester. Es ist am besten, Sie verschwinden ganz schnell, bevor ich die Security hole.“ Sein Ton war eisig.

Ethan wollte Pooja nicht noch einmal verlieren. Ja, er hatte erst sehr spät erkannt, was sie ihm bedeutete, aber dafür war er jetzt umso entschlossener. Wie konnte sie den Mann an ihrer Seite heiraten? Sie kannte ihn gerade einmal drei Monate. Er und Pooja passten zueinander. Wieso hatte er das nicht früher begriffen? Als sie das Thema Heirat anschnitt und erklärte, ihre Familie würde ihre Beziehung zu einem Amerikaner nur akzeptieren, wenn er ihr einen Ring an den Finger steckte, da war er noch der Ansicht gewesen, mehr Zeit zu brauchen. Aber was gab es zu überlegen? Er ging auf die vierzig zu. Sein Bruder war zehn Jahre jünger und schon seit neun Jahren verheiratet. Pooja war die einzige Frau, mit der Ethan sich eine Ehe überhaupt vorstellen konnte.

Die Braut hatte sich erhoben, aber Ethan konnte sie immer noch nicht klar erkennen. Er hatte nicht mehr mit Pooja gesprochen, seit sie vor drei Monaten gegangen war, aber sie hatte ihm eine Mail geschickt, in der sie ihn über das Datum der Hochzeit informierte. Wieso hätte sie das tun sollen, wenn sie nicht wollte, dass er kam? Es wäre allerdings hilfreich gewesen, wenn sie ihm mehr Details genannt hätte, statt nur zu schreiben, ihr Bräutigam plane ‚einen großen barat am Vegas Strip‘. Den ganzen Morgen war er den Strip auf und ab gefahren und hatte nach einem von Tanzenden umgebenen Bräutigam auf einem Pferd Ausschau gehalten. Ein traditioneller indischer barat, die Ankunft des Bräutigams, war eigentlich schwer zu verfehlen. Zumindest war er davon ausgegangen. Er war am anderen Ende des Strips gewesen, als er in den Verkehrsnachrichten von einem Stau hörte, ausgelöst von einer indischen Hochzeit. Es hatte eine Weile gedauert, bis er es hierhergeschafft hatte.

Er war hereingestürmt, fest entschlossen, es mit der ganzen Welt aufzunehmen – oder zumindest mit ein paar wütenden Verwandten –, aber jetzt befielen ihn Zweifel. Wollte Pooja wirklich von ihm gerettet werden? Und wie um alles in der Welt sollte er mit ihr aus dem Hotel kommen, wenn so viele Gäste und die Security ihn aufhalten konnten?

Nimm deinen Schleier ab und sieh mich an, Pooja!, flehte er stumm. Er wollte ihr sagen, dass sie sich nicht dem Druck ihrer Eltern beugen und irgendeinen Mann heiraten musste, den ihre Eltern für sie ausgesucht hatten. Er war bereit, sich für sie einzusetzen und ihr einen Antrag zu machen.

Ein zweiter Mann, der eine unverkennbare Familienähnlichkeit mit Poojas Bruder hatte, löste sich aus der Menge und kam mit langen Schritten auf Ethan zu. Wie viele Familienmitglieder gab es? Ethan hatte keinerlei Rückendeckung. Wann hörst du endlich auf, so impulsiv zu sein? Die vorwurfsvollen Worte seiner Mutter klangen ihm in den Ohren.

Er konzentrierte sich auf Pooja, die eindeutig in seine Richtung sah, auch wenn der Schleier ihr Gesicht immer noch verdeckte. „Es tut mir leid, dass ich so ein Idiot war!“, rief er ihr zu. „Mir war nicht klar, wie viel du mir bedeutest. Ich möchte dich heiraten. Flieh mit mir!“ Bruder Nummer eins sagte etwas in sein Telefon. Zweifellos rief er die Security. „Wir müssen gehen. Jetzt!“

„Sie Vollidiot! Das ist kein Hollywood-Film. Was glauben Sie, was Sie hier machen?“ Bruder Nummer zwei war jetzt herangekommen. Er schien nicht ganz so zurückhaltend wie Bruder eins. „Meine Schwester weiß nicht, wer Sie sind. Verschwinden Sie, bevor ich …“ Er machte eine Geste, als wolle er Ethan ins Gesicht schlagen.

„Warte!“ Poojas Stimme klang merkwürdig.

Alle Blicke richteten sich auf sie, als sie die kleine Bühne mit einem eleganten Schritt verließ und den langen roten Rock raffte, der ihr bis auf die Fersen fiel. Er war von glänzenden Goldfäden durchzogen und mit glitzernden Steinchen besetzt. Das goldfarbene Top war ein paar Zentimeter über ihrem Nabel gerafft und ließ einen verführerischen Streifen Haut sehen. Spontan sah Ethan vor sich, wie er einen Eiswürfel über diesen Nabel gleiten ließ und dann die Wassertropfen aufleckte. Wieso hatte er das nie getan, solange sie noch zusammen gewesen waren?

Ihre Hände und Arme waren bis zu den Ellenbogen mit komplizierten Hennamustern bedeckt, und an den Handgelenken trug sie Bänder mit roten und weißen Glöckchen. Die Menge teilte sich, um sie durchzulassen. Die Braut hob den Schleier, während sie sich Ethan näherte. Sein Herz schien für einen Moment auszusetzen.

Das war nicht Pooja!

„Ich liebe dich! Ich kann diese Trauung nicht durchziehen.“ Sie warf sich in seine Arme und schien ihm alle Luft aus den Lungen zu pressen. Instinktiv legte er die Arme um ihre Taille. Ihre Haut fühlte sich kühl und weich an unter seinen Fingern. Sie duftete nach Vanille und Zimt.

„Was zum …?“ Er brachte den Satz nicht zu Ende, weil die Frau ihre Lippen auf seine presste und er keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Er drückte sie fester an sich, und das Schweigen der Umstehenden schien seine Benommenheit zu spiegeln.

Sie beendete den Kuss schnell. „Sag nichts!“ Ihr warmer Atem streifte sein Ohr. „Wenn du zugibst, dass du die falsche Hochzeit erwischt hast, schlagen meine Brüder dich zusammen für diesen Kuss. Lass uns den Überraschungsmoment nutzen und verschwinden!“

Sie hatte einen leicht indischen, etwas singenden und sehr sexy Akzent. Widerstrebend löste er den Blick von ihren Lippen und sah zu ihren Brüdern hinüber. Ihre grimmigen Mienen machten ihm klar, dass es Zeit wurde, aktiv zu werden.

„Aus dem Weg!“ Er packte ihre Hand. Obwohl sie sicher von Hunderten Gästen umgeben waren, hatten sie erstaunlich wenig Mühe durchzukommen. Die Menge teilte sich bereitwillig. Handys wurden gezückt, um Fotos und Videos zu machen. Wie ein Meer schloss sich die Menge hinter ihnen und versperrte ihren Verfolgern den Weg. Schnell etwas in den sozialen Medien zu posten war natürlich wichtiger, wenn der Braut die Flucht gelang.

Wie lange es wohl dauern würde, bis sie herausfanden, wer er war?

Die Braut hielt mit seinem Tempo mit, obwohl sie auf Gras liefen und sie High Heels trug und diesen Rock, der wahrscheinlich mehr wog als sie selbst. Sobald sie die Gäste hinter sich hatten, zog sie ihn am Arm, und er überließ ihr die Führung. Hinter ihnen erschollen Rufe in verschiedenen Sprachen. Er war froh, dass er nichts verstand.

Statt auf das Hauptgebäude zuzulaufen, aus dem vier Männer in Schwarz auf sie zukamen, hielt sich die Braut links. „Es gibt hinten im Garten einen Ausgang, der nicht bewacht ist.“

Das hölzerne Tor hatte eine Kindersicherung, aber sie öffnete es leicht. Hatte sie die Flucht geplant? Ethan hoffte es. Ihre Brüder hatten sich inzwischen von ihrem Schock erholt und folgten ihnen.

Er konnte gerade noch das Tor hinter ihnen zuwerfen, als einer der Brüder die Hand nach ihm ausstreckte. Dem Aufschrei nach zu urteilen, war es Ethan gelungen, den Verfolger abzuschütteln. Sie befanden sich in einer Seitenstraße, und er musste sich orientieren. Die Front des Hotels ging auf den berühmten Vegas Strip.

„Wo steht Ihr Wagen?“, fragte die Frau.

„Nicht weit von hier.“ Er hastete mit ihr die Straße hinunter. Sein Wagen stand glücklicherweise nur einen Block entfernt. Beim Näherkommen sah er den Strafzettel hinter dem Scheibenwischer. Er hatte im Halteverbot geparkt. Er ignorierte ihn und rannte zur Beifahrerseite hinüber, um den Griff zu berühren. Der Tesla-Roadster erkannte seinen Fingerabdruck und öffnete sich. Sekunden später ließ die Braut sich in den tiefen Schalensitz sinken. Ethan hatte gerade den Motor angelassen, als jemand gegen die Scheibe auf der Beifahrerseite schlug. Die Brüder hatten sie eingeholt. Ethan trat das Gaspedal durch. Der Verkehr in Las Vegas machte eine wilde Verfolgungsjagd unmöglich, also musste er nur ein paarmal wahllos abbiegen, um eventuelle Verfolger abzuschütteln.

„Wir müssen aus Las Vegas herauskommen!“ In der Stimme der Braut schwang Panik mit.

Als sie etwa eine Meile vom Hotel entfernt waren, fuhr er in ein öffentliches Parkhaus und hielt an. Er wandte sich der Frau zu. Ihre schönen dunklen Augen leuchteten vor Aufregung. Für einen Moment meinte er, in ihnen zu versinken.

„Wir fahren nicht weiter, ehe Sie mir sagen, wer Sie sind.“

Sie reichte ihm die Hand. „Divya Singh. Freut mich, Sie kennenzulernen. Jetzt müssen wir weiter.“

Er schüttelte den Kopf. „Sie müssen weiter. Ich muss zu einer Hochzeit. Diesmal zur richtigen.“

2. KAPITEL

Divya musste an sich halten, um den Mann an ihrer Seite nicht anzuschreien. Er war ihr natürlich nichts schuldig, aber sie brauchte ihn, wenn sie von ihrer Familie fortkommen wollte. „Wie wäre es, wenn ich Ihnen helfe, die richtige Hochzeit zu finden? Ich nehme an, es geht um eine indische Braut? Dann bekommen Sie leichter Zutritt, wenn ich an Ihrer Seite bin.“

Ihre Brüder würden sie überall vermuten, nur nicht auf einer anderen Hochzeit. Sie konnten ja nicht ahnen, dass der Mann neben ihr ein vollkommen Fremder für sie war. Sie brauchte seine Hilfe, wenn sie nach New York kommen wollte. Nachdem sie nun das Unvorstellbare wirklich getan hatte, war das hier ihre große Chance, ihren Traum zu verwirklichen.

Er musterte sie aus zusammengekniffenen Augen. Sie registrierte, dass sie von einem kristallenen Blau waren. Die kleinen Fältchen in seinen Mundwinkeln lösten einen leichten Schauer in ihr aus. Dabei war er nicht einmal ihr Typ! Aber es kam vieles zusammen: blondes Haar, das im Sonnenlicht glänzte. Markante Wangenknochen. Eine scharf geschnittene Nase. Breite Schultern. Er wirkte sportlich und gleichzeitig elegant in dem maßgeschneiderten schwarzen Smoking.

„Wie wäre es, wenn wir noch einmal neu anfangen?“, schlug sie vor. „Zum Beispiel mit deinem Namen? Unter den Umständen schlage ich vor, dass wir gleich zum Du übergehen.“

Er musste unwillkürlich lächeln, was ihrem Herzen einen kleinen Stoß versetzte. „Ethan Connors.“

Irgendwie kam ihr der Name bekannt vor, aber sie war sicher, ihm noch nie begegnet zu sein. Ihn hätte sie mit Sicherheit nicht vergessen. Sie setzte ihr bestes Lächeln auf. „Freut mich, dich kennenzulernen. Nun zu der Hochzeit, zu der du willst. Wie heißt die Braut?“

„Pooja Chaudhry.“

Divya deutete auf sein Handy.

„Ich habe schon ihren Namen gegoogelt, zusammen mit dem Datum von heute und jedem anderen Suchbegriff, der mir eingefallen ist.“

„Sieh in den sozialen Medien nach.“

„Habe ich schon.“

Divya hielt ihm stumm die Hand hin und zog eine perfekt gezupfte Braue in die Höhe. Er seufzte, klickte mehrfach auf das Handy und reichte es ihr schließlich. Auf dem Display war Poojas Facebook-Account zu sehen. Sie war eine attraktive Inderin mit glattem schwarzen Haar, braunen Augen, einer markanten Nase und einem breiten Mund. Auf dem Foto trug sie ein Sommerkleid. Vor dem Sonnenblumenfeld sah sie einfach umwerfend aus. Kein Wunder, dass Ethan sich in sie verliebt hatte. Divya verspürte einen Stich in der Brust. Sie hatte an ihrem eigenen Äußeren absolut nichts auszusetzen – wieso also irritierte sie die Schönheit dieser Frau?

Sie klickte Poojas Freunde an und las die letzten Posts. Nach wenigen Minuten hatte sie gefunden, wonach sie suchte, und zeigte Ethan das Display. Es war das Foto einer strahlenden Pooja in einem umwerfenden Brautkleid vor dem Logo des MGM Grand.

Er setzte den Wagen zurück und beschleunigte. Ganz gleich, wie oft er auch die Spuren wechselte – in dem dichten Verkehr auf dem Strip kam er nur langsam voran. Sie brauchten fast zwanzig Minuten für die kurze Strecke. Endlich hielt er vor dem Hotel und reichte dem Hoteldiener den Schlüssel und eine Hundert-Dollar-Note. „Halten Sie den Wagen bereit, und Sie bekommen ein Extra-Trinkgeld, wenn wir abfahren.“

Sie erkundigten sich, wo die Hochzeit stattfand, und wurden zu einem der großen Ballsäle gewiesen. Als Divya die Braut erblickte, versuchte sie, Ethan zurückzuhalten, aber er ging weiter.

„Du kommst zu spät“, sagte sie etwas zu laut und verzog entschuldigend das Gesicht, als einige der anderen Gäste zu ihnen herübersahen. Er schaute sie fragend an. „Es tut mir leid, Ethan. Siehst du, wie sie Reis auf das Tuch hinter sich wirft? Ein Zeichen dafür, dass die Trauung vollzogen ist und die Braut symbolisch Abschied von ihrer Familie nimmt.“

Divya erwartete Bestürzung, aber Ethan seufzte nur – und sie war sich nicht sicher, ob aus Erleichterung oder Frust.

„Ich sollte mit ihr reden.“ So wie er es sagte, wusste Divya nicht, ob es eine Frage war.

„Ich glaube, Las Vegas ist sehr großzügig, was die Annullierung von Ehen angeht. Wenn es dir ernst ist mit deinem Wunsch, sie zu heiraten, solltest du jetzt dafür eintreten.“

Sie betrachteten Pooja. Wie Divya trug sie die traditionellen roten und weißen Glöckchen der Braut an ihrem Hochzeitstag – sie wurden noch bis zu einem Jahr nach der Hochzeit getragen, je nach der Tradition der Familie, um den Neuverheiratetenstatus der Frau anzuzeigen. Ihr lehnga war ein rosafarbener, blau gesäumter und mit Juwelen besetzter Rock. Das dazu passende Top zeigte einen schmalen Streifen ihrer Haut. Der Bräutigam flüsterte ihr etwas ins Ohr, sie schenkte ihm ein strahlendes Lächeln und flüsterte auch ihm etwas zu. Er lachte. Dann beugte er sich vor und hauchte ihr zur allgemeinen Begeisterung der Gäste einen Kuss auf die Wange.

„Es sieht nicht so aus, als wollte sie gerettet werden“, murmelte Ethan.

Divya musste ihm zustimmen. Die Braut wirkte aufgeregt und glücklich, nicht irgendwie verweint oder verloren. Nicht so, wie sie selbst sich an diesem Morgen gefühlt hatte. Divya verspürte so etwas wie Neid. Sie wollte nicht heiraten, aber wenn es denn sein sollte, dann wollte sie so glücklich sein wie diese Braut mit ihrem Bräutigam.

In diesem Moment sah Pooja zu ihnen herüber. Divya wich ein wenig zurück.

Die Frau bekam große Augen. Sie flüsterte ihrem Bräutigam etwas zu und kam dann zu ihnen. Die Blicke von zweihundert Gästen folgten ihr. „Was machst du hier?“, fragte sie leise, als sie bei Ethan war. Ihr Blick glitt zu Divya, dann zurück zu Ethan. Er schwieg.

Divya trat zu Pooja und umarmte sie, um ihr zuzuflüstern: „Er ist aus Versehen bei meiner Hochzeit aufgetaucht, weil er Sie suchte.“ Sie ließ Pooja los und sagte laut: „Wir mussten kommen, um zu gratulieren, auch wenn es zugleich mein Hochzeitstag ist.“

Pooja schaltete schnell. Sie wandte sich an die anderen. „Ich hätte gern eine Minute für meine Freundin.“

Eine ältere Frau mischte sich ein. „Beeil dich, Pooja. Der Wagen wartet schon.“

Die Braut ging voraus, und Divya nahm Ethans Hand. Er runzelte die Stirn. „Sie ist eine verheiratete Frau“, raunte sie ihm zu. „Wir müssen die Form wahren.“

Sie hasteten weiter, bis sie schließlich im Service-Bereich waren. Ein Ober kam auf sie zu. „Bitte, nur einen Moment“, bat Pooja, und er nickte.

„Ich warte draußen“, begann Divya, aber Pooja schüttelte den Kopf. „Bitte bleiben Sie.“

Ethan war sichtlich fassungslos. „Ich bin hergekommen, um deine Hochzeit zu verhindern, und du machst dir Gedanken um den äußeren Schein?“

Pooja sah ihn empört an. „Wie kannst du es wagen, mir alles zu verderben? Du hast mich gehen lassen, Ethan. Hätte ich dich dabeihaben wollen, hätte ich dir eine Einladung geschickt. Du machst dasselbe wie immer – du tust, was du willst, ohne an die Folgen für die anderen zu denken.“

„Wenn du mich hier nicht haben wolltest, wieso hast du mir dann die Mail geschickt? Du hast geschrieben, dass du mich geliebt hast und mich geheiratet hättest.“

Sie seufzte. „Vergangenheitsform, Ethan. Die Mail war ein Abschied, keine Einladung.“ Sie trat näher und legte eine Hand auf seinen Arm. „Ich habe dir einige harte Dinge an den Kopf geworfen, als wir uns das letzte Mal gesehen haben. Ich wollte mein neues Leben nicht beginnen, ohne das aus der Welt zu schaffen. Du solltest wissen, dass du etwas Besonderes für mich gewesen bist.“

Ethan schwieg. Divya musste dem Wunsch widerstehen, für ihn einzutreten. Sie sah ihn an. Obwohl sein Blick auf Pooja gerichtet war, schien er eine Million Meilen entfernt.

Endlich sagte er: „Willst du diesen Mann heiraten?“

Poojas Blick wurde weich. „Ja“, sagte sie. „Meine Eltern haben uns zusammengebracht, aber Anil und ich haben uns nun wirklich ineinander verliebt.“

„So schnell?“ Er schien skeptisch.

„Ich weiß, du denkst, arrangierte Ehen seien erzwungen, aber das ist nicht so. Ich war bereit, eine Familie zu gründen, und er ebenso. Wir kannten unsere Familien schon. Daher mussten wir keine langen Umwege machen und konnten uns ganz auf das Wesentliche konzentrieren. Es dauert nicht lange, sich zu verlieben, wenn man weiß, was man will.“

Poojas Blick glitt zur Tür. „Es tut mir leid, Ethan. Das zwischen uns war etwas Besonderes, aber du weißt ebenso wie ich, dass du mich nie geheiratet hättest.“

Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. „Ich muss gehen. Versuche, deinem eigenen Glück nicht im Weg zu stehen.“

Ethan verharrte regungslos mit dem Rücken zur Tür.

Divya berührte ihn am Arm. „Alles in Ordnung?“

Er zuckte die Schultern. „Das war’s dann wohl. Wohin soll ich dich bringen?“

Sie war fassungslos. Wie konnte er so gleichgültig reagieren, wenn die Frau, die er liebte, einen anderen heiratete? Ihr lagen jede Menge Fragen auf der Zunge, aber er wandte sich ab. Sie spürte, dass er nicht reden wollte. Vielleicht war ihm das Ganze peinlich.

„Was möchtest du jetzt tun?“, fragte er.

Divya zögerte. Konnte sie es wagen? Aber nun war sie schon so weit gekommen, da konnte sie ihr Glück auch länger auf die Probe stellen.

„Ich habe da ein bestimmtes Ziel vor Augen, aber …“ Sie sprach nicht weiter, weil ihr die Tragweite dessen, was sie getan hatte, plötzlich klar wurde. Seit Wochen hatte sie mit der Entscheidung gerungen. Genauer gesagt: seit jenem Moment, als ihre Eltern ihr erklärt hatten, sie werde Vivek heiraten. Sie hatte protestiert und gedroht. Hatte ihre Flucht geplant. Aber letztlich hatte ihr der Mut gefehlt, sich durchzusetzen. Erst als sie neben Vivek beim heiligen Hochzeitsfeuer saß, wurde ihr wirklich bewusst, dass sie niemals die Freiheit haben würde, ihr Leben selbst zu bestimmen. Sie war nicht gläubig, aber in dem Moment betete sie um eine Möglichkeit zur Flucht. Es war der Moment, in dem Ethan aufgetaucht war.

„Ich habe kein Geld bei mir.“

„Du trägst genügend Schmuck, um dir davon ein ganzes Haus zu kaufen.“

Divya fasste unwillkürlich nach der Diamantkette. „Die gehört meiner Mutter. Familienschmuck darf man nicht verkaufen.“

Ethan verzog das Gesicht. „So redet nur jemand, der aus einer reichen Familie kommt.“

Divya sah ihn empört an. „Dir scheint es doch auch nicht schlecht zu gehen. Ein Tesla-Roadster ist kein Auto für Arme.“

„Ich arbeite für mein Geld“, erklärte Ethan trocken.

„Ich arbeite auch, und wenn ich könnte, würde ich nur zu gern von dem leben, was ich verdiene“, ereiferte sie sich. Seine Worte hatten sie getroffen. Natürlich wusste sie, wie privilegiert sie durch ihre reichen Eltern war, aber sie hatte keine Vorstellung davon, ob sie außerhalb ihrer Familie bestehen konnte.

Sie atmete tief durch. „Ich muss für ein paar Tage abtauchen. Ich möchte meiner Familie nicht gegenübertreten, solange sie so wütend auf mich ist, und solange noch eine Möglichkeit besteht, dass sie die Trauungszeremonie fortführen. Ich habe eine Tasche mit dem Nötigsten gepackt. Ich könnte meine Schwester anrufen und sie bitten, sie irgendwohin zu bringen.“ Schon während Divya das sagte, wusste sie, dass ihre Schwester gar nichts unbemerkt unternehmen konnte.

„Es ist wahrscheinlich keine gute Idee, Kontakt mit deiner Schwester aufzunehmen, wenn du deiner Familie aus dem Weg gehen willst. Hast du deinen Führerschein dabei?“ Er ließ seinen Blick über sie gleiten, als habe er Röntgenaugen.

„Hey, pass auf, wo du hinsiehst!“ Sie sah ihn empört an, konnte aber nicht leugnen, dass ihr unter seinem Blick heiß wurde. Sie griff in ihre eng anliegende Bluse und zog einen abgegriffenen Pass der Republik Indien hervor.

„Du bist keine Amerikanerin.“

Sie hob eine Braue. „Klinge ich wie eine Amerikanerin?“

„Wieso wolltest du in Las Vegas heiraten?“

„Weil mein Verlobter – mein Ex-Verlobter – Amerikaner ist.“ Sie hatte jetzt wirklich keine Zeit für Smalltalk. Ihr ältester Bruder Arjun würde all seinen beachtlichen Einfluss aufbieten, um sie zu finden. „Ich muss die Stadt so schnell wie möglich verlassen. In meiner Bluse ließ sich nur der Pass unterbringen. Ich habe kein Geld dabei, aber ich verspreche, dir das Geld für eine Busfahrkarte nach New York zurückzugeben …“

Er winkte ab. „Ich gebe dir, was auch immer du brauchst.“

„Danke. Ich zahle es zurück, sobald ich …“

„Ich habe mehr Geld, als ich in einem Leben ausgeben kann. Es bedeutet mir nichts.“ Seine Stimme brach.

Sie hörte es, und es tat ihr weh. „Kann ich irgendetwas für dich tun? Soll ich mit Pooja reden?“

„Ich glaube, wir wissen beide, dass ich Pooja verloren habe. Mach dir deswegen keine Gedanken. Ich bin es gewohnt. Wie wäre es, wenn wir uns jetzt auf dich konzentrieren?“

Sie hätte gern mehr erfahren. Wie konnte er die Liebe seines Leben so einfach abtun, als habe er nicht mehr verloren als Geld im Casino? Aber er war nicht ihr Problem. Sie hatte nur ein sehr kleines Zeitfenster, um die Stadt zu verlassen. Sie war nicht nach Amerika gekommen, um zu heiraten. Sie wollte endlich einmal ein Gefühl von Freiheit erleben. Wollte einen Traum verwirklichen und sehen, wie weit sie damit kam.

„Wieso New York City?“

„Ich muss dort etwas erledigen. Das erkläre ich später. Kannst du mich an einem Busbahnhof absetzen?“

Er lächelte. „Ich weiß eine bessere Art, um dorthin zu kommen. Ich erkläre es dir auf dem Weg.“

Ihr Herz machte einen Satz. Die Vorstellung, ohne die Fesseln ihrer Familie zu sein, war ganz und gar unglaublich.

Sie nahmen den Wagen wieder in Empfang. Der Hotelangestellte reichte Ethan den Schlüssel, der ihm dafür ein paar Hundert-Dollar-Scheine in die Hand drückte. Der Mann betrachtete sie verblüfft.

Als Divya im Wagen saß, wurde ihr plötzlich bewusst, in was für eine Situation sie sich gerade brachte! Ethan war ein Fremder. Was, wenn er ein Psycho oder ein Serienkiller war? Wieso vertraute sie ihm?

„Kann ich dein Smartphone leihen, um meine Mails zu checken?“

Er hielt sich das Gerät vor das Gesicht, um es durch das Erkennungsprogramm zu entsperren, und reichte es ihr. Während er sich in den laufenden Verkehr einfädelte, öffnete sie einen Browser und gab seinen Namen ein. Ethan Connors. Als sie die Suchergebnisse sah, stieß sie einen kleinen Schrei aus.

„Ich nehme an, du hast mich gegoogelt.“

Sie sah schuldbewusst zu ihm hinüber. Sein Blick war auf die Straße gerichtet, aber um seine Mundwinkel zuckte es verdächtig.

„Ich war neugierig, und ich wollte nur …“

„Du wolltest nur sicher sein, dass ich nicht irgendein Serienkiller bin?“

Sie lächelte peinlich betreten. „Dein Name kam mir bekannt vor. Meine Familie arbeitet im Hotelgeschäft, daher verfolge ich die Nachrichten der Tech-Welt nicht regelmäßig, aber ich erinnere mich an die Schlagzeilen, als deine App eine Milliarde Nutzer erreicht hat und auch auf dem indischen Markt eingeführt wurde.“

Autor

Sophia Singh Sasson
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