Sinnliche Überstunden mit dem sexy Boss

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Wer ist diese halb nackte Schönheit? Sante Trovato kann den Blick nicht von der Fremden im Bad seines Büros abwenden! Schnell klärt sich alles: Mia ist die neue Office Managerin im römischen Hauptsitz seines Unternehmens und wollte nur ihre beschmutzte Bluse wechseln. Doch die wohlgerundete Venus ist wie Feuer in seinem Blut. Und dazu die Schwester seines Erzfeindes – ein Tabu! Mit aller Macht hält Sante sich zurück. Bis sie gemeinsam auf seinem sizilianischen Anwesen stranden und ein Sturm der Leidenschaft losbricht …


  • Erscheinungstag 28.04.2026
  • Bandnummer 2750
  • ISBN / Artikelnummer 0800262750
  • Seitenanzahl 144

Leseprobe

Natalie Anderson

Sinnliche Überstunden mit dem sexy Boss

1. KAPITEL

Mia Simonini glitt über das polierte Parkett des schicken Büros und summte dabei ihr Lieblingslied. Als Erste kommen und als Letzte gehen war ihr Mantra, und bisher funktionierte es hervorragend. Allerdings war das Büro in den zehn Tagen, die sie jetzt hier arbeitete, meistens halb leer gewesen. Aber sie hatte einen Plan, wie sie die Truppe aus kreativen Genies und Ausnahmetalenten vielleicht dazu bringen konnte, zumindest ein paar Stunden mehr im Büro zu verbringen, anstatt im Homeoffice zu arbeiten. Manchmal waren es die kleinen Dinge.

Mia biss in ihr Cannoncino, genoss den reichen, sahnigen Geschmack und den luftigen Teig. Ihr Summen wurde zu einem genießerischen Seufzen. Vor ein paar Tagen hatte sie zufällig die beste Bäckerei in ganz Rom entdeckt. Das leckere Gebäck war eine Belohnung für ihre Pünktlichkeit und Sorgfalt.

Sie stellte ihren Kaffee auf den Tisch, aber als sie einen weiteren Bissen von der cremegefüllten Blätterteigrolle nahm, kleckerte ein dicker Tropfen auf ihre Bluse.

„Mist“, sagte sie laut zu sich selbst.

Okay, nicht alles funktionierte reibungslos. Anderseits … wenn ihre Brüste die Cremefüllung nicht aufgefangen hätten, wäre sie auf der Tastatur gelandet. Mia hatte nie die Fähigkeit entwickelt, sich hinzusetzen und langsam in kleinen Bissen zu essen. Wie eine Dame, hatte ihr Vater das genannt. Ihm hatte ihr Appetit nicht gefallen. Oder ihr Enthusiasmus. Ehrlich gesagt, hatte ihm überhaupt nichts an ihr gefallen. Aber inzwischen war er tot. Mia wusste nicht, warum sie immer noch das Echo seiner Mahnungen und abfälligen Worte im Kopf hörte.

Reiß dich zusammen.

Mia war an Jobs gewöhnt, bei denen es gelegentlich passierte, dass man kleckerte, aber diese Vertretung war keiner davon. Sie war als Büroleiterin in einer ehrgeizigen Softwarefirma eingesprungen. Das Unternehmen verfügte eindeutig über zu viel Geld. Es konnte es sich leisten, ein teures historisches Gebäude in der Innenstadt zu unterhalten, obwohl die Mitarbeiter dort so gut wie nie auftauchten.

Einschließlich des Chefs.

Anfangs hatte Mia gezögert, die Stelle anzunehmen. Computer waren nicht ihr Ding. Sie verstand nicht einmal, wie die Apps, die hier entwickelt wurden, überhaupt funktionierten. Aber so schwer konnte es nicht sein, eine Weile ein paar Programmierer zu organisieren. Außerdem war sie für ihre Freundin Adele eingesprungen, die ihren Ehemann nach seinem Schlaganfall in den nächsten Wochen zu Hause unterstützte. Also hatte Mia kurzerhand ihren nächsten Einsatz auf einem Kreuzfahrtschiff abgesagt und sich bereit erklärt, Adele zu vertreten. Es war eine seltsame Erfahrung. Das Büro war brandneu und teuer eingerichtet, das Unternehmen lief eindeutig sehr erfolgreich … und von der Belegschaft war so gut wie nichts zu sehen und zu hören.

Im Moment allerdings war es ein Segen, dass niemand da war. Mia schnappte sich ihre Ersatzbluse. Es war nicht das erste Mal, dass sie sich bekleckert hatte, und sie hatte für gewöhnlich etwas zum Wechseln in ihrem Schreibtisch. Fix machte sie sich auf den Weg in das Badezimmer im Büro des Chefs, das näher lag als der Waschraum für die Angestellten.

Besagten Chef hatte sie überhaupt noch nicht zu Gesicht bekommen.

Sie musste sich beeilen, denn die wenigen Angestellten, die jeden Tag ins Büro kamen, würden gleich da sein. Mit der frischen Bluse unter dem Arm und dem Rest ihres Gebäcks zwischen den Zähnen knöpfte Mia unterwegs schon ihre Bluse auf. Sie ging durch das leere Büro ins Bad und wandte sich dem Spiegel zu.

„Wer sind Sie?“

Erschrocken wirbelte sie herum, wobei sich ihre bekleckerte Bluse weit öffnete. Sie riss die Augen auf. Beinahe fiel ihr das Cannoncino aus dem Mund.

Vor ihr stand ein fremder Mann.

Und nicht irgendein Mann. Er trug ein offenes Hemd, unter dem sich seine festen Brustmuskeln, ein flacher gestählter Bauch und glatte, bronzefarbene Haut zeigten. Feines schwarzes Haar zog sich vom Nabel hinunter zu einer maßgeschneiderten, dunkelgrauen Anzughose, die seine schmalen Hüften und langen Beine betonte und …

„Wer sind Sie?“, wiederholte er auf Italienisch.

Wer ich bin? Wer ist er? Äußerlich erstarrte Mia. Innerlich schmolz sie dahin. Er war groß, dunkelhaarig und sah aus, als käme er gerade aus der Dusche. Der dezente Wohlgeruch, den er verströmte, stieg ihr tief in die Lunge, und der eine Wassertropfen, der seinen muskulösen Oberkörper herablief, fesselte sie.

Hastig schaute sie hoch in sein Gesicht.

Hilfe!

Er war frisch rasiert, was seine scharfen Wangenknochen und markanten Kiefer vorteilhaft zur Geltung brachte. Sein Haar war ein kleines bisschen zu lang und zu zerzaust, um perfekt zu sein. Was es auf eine eigene Art perfekt machte.

Himmel, er war umwerfend.

Mias Gehirn hatte die Arbeit eingestellt. Aber da war etwas an diesen tiefgründigen, verträumten braunen Augen …

Kannte sie ihn irgendwoher?

Sie nahm die Cremerolle aus dem Mund und leckte sich rasch die Lippen, um alle Krümel zu beseitigen. Zu spät bemerkte sie die feuchte Hitze im Raum. Eindeutig hatte er geduscht. Das hieß …

„Sie sind der Chef!“

Der Geschäftsführer, der sich hier die ganze Zeit nicht hatte blicken lassen. Der Chef, den Adele förmlich verehrte.

„Wer sind Sie, und warum sind Sie hier?“ Er wechselte ins Englische.

Ihr Italienisch war eindeutig noch nicht wieder flüssig genug. Sie hatte viel davon vergessen, als ihre Mutter gestorben war und sie nach England zu ihrem Vater hatte umziehen müssen.

„Sind Sie die Putzfrau?“ Er musterte sie.

Mit der freien Hand versuchte Mia, ihre Bluse zusammenzuziehen, aber das war nicht einfach. Sie war üppig gebaut.

Ein höflicher Mann würde den Blick abwenden. Dieser Mann war nicht höflich. Er ließ sich Zeit, und ihn schien nicht zu beeindrucken, was er sah. Jedenfalls wirkte er sehr missbilligend.

„Oder hat einer meiner Programmierer Sie angeheuert – als Form der Unterhaltung?“

Wie bitte? Hält er mich für eine Stripperin? Um sieben Uhr morgens – an einem Montag?

Mia richtete sich gerade auf, entschlossen, ihre Würde zurückzugewinnen. „Adele hat mich eingestellt.“

„Wie bitte?“ Er neigte den Kopf und trat einen Schritt näher. „Warum? Und wann?“ Er kniff die Augen zusammen. „Wozu?“

Mia antwortete nicht. Er wirkte immer noch irritierend vertraut. Wenn ihr Verstand nur endlich wieder arbeiten würde, erinnerte sie sich vielleicht daran, woher sie ihn kannte.

„Wer sind Sie?“ Er trat noch näher. Seine Stimme war kalt und wurde von einem noch kälteren Blick begleitet.

Aber seine Missbilligung war nichts gegen die beißende Verachtung ihres Vaters.

Er konnte sich seine Arroganz sonst wohin stecken.

Sie starrte zurück. Hart. Und stopfte sich den Rest ihres Cannoncinos in den Mund. Das war eine bewährte Strategie, sich davon abzuhalten, das Falsche zu sagen.

Im selben Moment begriff sie, wer er war.

Adele hatte ihn in ihrer Gegenwart nur Santo genannt. Den Heiligen. Mia hatte angenommen, es wäre ein Spitzname, immerhin hieß die Firma Santo Antonio. Seine E-Mail-Adresse enthielt nur ein S, und mit dem S unterschrieb er auch seine E-Mails.

Sein vollständiger Name war nie zur Sprache gekommen. Adele war bei der Einarbeitung so in Eile gewesen, dass Mia sie nicht mit unbedeutenden Details hatte behelligen wollen.

Jetzt war ihr klar, dass das S für Sante stand.

Sie wusste genau, wer er war.

Er stand aufrecht da und starrte sie finster an. Es dauerte einen Moment, bevor sie den Rest ihrer Cremerolle herunterschlucken konnte. Er schmeckte wie Pappe.

Sante Trovato war sich nicht sicher, ob er halluzinierte. Anscheinend war Venus persönlich in seinem Bad erschienen. Üppig war wohl das richtige Wort. Halb angezogen und wunderbar gerundet. Sie schaute ihn aus großen blauen Augen an, hungrig, als ob …

Sein Mund wurde trocken. Er ertrank beinahe in der hellen Haut, den vollen Kurven und dem glänzenden schokoladenbraunen Haar, das ihr über die Schultern fiel.

Sie sah aus wie eine Göttin.

Halt! Das darfst du nicht denken.

Er biss die Zähne zusammen. Aber sosehr er auch versuchte, ihre Schönheit auszublenden, ignorieren konnte er sie nicht. Sie war groß. Auf Absätzen würde sie ihm auf Augenhöhe begegnen, und er war kein kleiner Mann.

Er konnte sie nur hilflos anstarren.

Letzte Nacht war er erst spät in Rom angekommen, direkt ins Büro gefahren, hatte sich an einem Problem verbissen und die Nacht über gearbeitet. Erst vor einer Viertelstunde war er aufgewacht und hatte als Erstes geduscht – in der Hoffnung, die Müdigkeit zu vertreiben.

„Sagen Sie mir, wer Sie sind“, knurrte er erneut.

Sie hatte ihr Gebäck aufgegessen und leckte sich die Lippen. „Wenn Sie sich bitte umdrehen würden?“

In ihrer Stimme lag auf einmal eine eisige Reserviertheit.

Das ließ ihn erstarren. Vor einem Moment noch hatte Hitze in ihrem Blick gelegen.

Erst einen Moment später drangen ihre Worte zu ihm durch. Er verließ das Bad, blieb in seinem Büro stehen und knöpfte sich das Hemd zu Ende zu.

Was war passiert? Warum war sie auf einmal so frostig? Sie hatte geklungen wie die Direktorin des englischen Internats an dem Tag, als sich seine Hoffnung auf einen guten Bildungsabschluss zerschlagen hatte. Man hatte ihn für etwas verantwortlich gemacht, für das er nichts konnte. Dass er unschuldig gewesen war, hatte keine Rolle gespielt. Jemand mit seinem Hintergrund war immer der Sündenbock.

Aus genau diesem Grund hatte Sante sein eigenes Unternehmen gegründet und arbeitete allein. Er hatte ein paar Angestellte, die sein Kapital für ihn verwalteten und seine Interessen rechtlich durchsetzten. Und erst kürzlich hatte er eine Reihe von Leuten eingestellt, die ihm halfen, die Probleme zu lösen, an denen er sich die Zähne ausbiss. Aber keiner von ihnen sprach so mit ihm, wie diese Frau es gerade getan hatte. Niemand.

Nicht, seit er sein Schicksal selbst in die Hand genommen und seine Vergangenheit hinter sich gelassen hatte.

Wer war diese Frau, und warum zog sie sich in seinem privaten Badezimmer aus?

Einen Teil von ihm kümmerte das nicht. Ein Teil von ihm wollte nur zurück ins Badezimmer und sie anschauen. Und mehr tun als das …

Nein, verflucht. Er musste sich auf das konzentrieren, was wichtig war. Nicht auf ihren überaus attraktiven Körper. Oder die sinnliche Art, wie sie aß und sich die vollen Lippen leckte. Oder ihre glatte, helle Haut, die er gern berühren wollte.

Er lehnte sich an seinen Schreibtisch, die Arme überkreuzt, und starrte auf die Tür.

„Wer sind Sie, und was tun Sie hier?“, fragte er, sobald sie aus dem Bad kam.

Ihre frische Bluse war bis zum Hals zugeknöpft. Leider war das nicht genug, um ihre Brüste zu verbergen.

Sante zwang sich, ihr ins Gesicht zu sehen.

Irgendetwas war an ihren Augen, das ihm bekannt vorkam. Sie waren klar und blau und …

„Adele hat mich als Vertretung eingestellt“, sagte sie wieder auf Englisch in diesem unterkühlten, versnobten Ton. „Sie wollte Sie nicht behelligen. Anscheinend mögen Sie das gar nicht.“

„Wie bitte?“ Er runzelte die Stirn. „Ich war auf einer Konferenz …“

„Das war vor fünf Tagen. Werktagen, meine ich. Dazwischen lag noch ein Wochenende.“

Er versteifte sich. Wer war diese Frau? Sante hasste es, jemandem Rechenschaft zu schulden. Er war oft mehrere Tage nicht erreichbar und überließ es Adele, alles am Laufen zu halten. Wie sie es seit fast neun Jahren tat. Sie waren ein eingespieltes Team. Wenn es ein echtes Problem gegeben hätte, hätte Adele ihn kontaktiert. Dass sie es nicht getan hatte, hieß, die Sache konnte nicht so wild sein.

„Wie lange hat sie freigenommen?“

„Sie hat mich für drei Monate eingestellt.“

Sante zuckte zurück. Das war unmöglich. Auf keinen Fall wollte er sich der Gegenwart dieser personifizierten Versuchung so lange aussetzen. „Und das soll ich Ihnen einfach so glauben?“

„Wenn Sie im Büro gewesen wären oder auch nur persönlich mit irgendjemandem hier gesprochen hätten, wüssten Sie es längst.“

Ihr tadelnder Tonfall irritierte ihn. Es stimmte, er hatte vor ein paar Tagen einen Anruf von Adele verpasst und noch nicht zurückgerufen. Aber er hatte ihr wie üblich Anweisungen per E-Mail geschickt. Jetzt fragte er sich, von wem die Antworten gekommen waren. Warum hatte Adele ihm keine E-Mail geschickt? Oder ihn noch einmal angerufen? Er vertraute ihr. Sie war seine beste Angestellte, loyal und fähig. Die Hälfte seiner jungen Programmierer hatte sie für ihn gefunden und eingestellt. Er wollte sie auf keinen Fall verlieren.

„Obwohl sie sich solche Sorgen um Bruno gemacht hat, wollte Adele Sie auf keinen Fall stören“, sagte die Fremde.

Sante blinzelte. „Was ist mit Bruno?“

„Er hatte einen Schlaganfall.“

„Wie bitte?“ Sante schluckte. „Wann war das?“

„Adele verträgt nicht noch mehr Stress. Wenn Sie sie kennen würden, wüssten Sie das.“

Natürlich wusste er das. „Sie hätte zu mir kommen sollen. Ich hätte ihr …“

„Und dann wüssten Sie auch, dass sie niemals um Hilfe bitten würde.“

Auch das wusste er. So gut kannte er Adele immerhin, obwohl sie im Privaten nicht viel miteinander zu tun hatten. Weil ihnen beiden das lieber war. Adele war kompetent, diskret und zuverlässig. Die perfekte Angestellte.

Zumindest war sie das gewesen, bis sie diese Frau als Vertretung eingestellt hatte.

„Oder ist es Ihre Gewohnheit, Menschen im Stich zu lassen?“

Sante erstarrte. Sein Puls begann zu rasen. Und auch die Frau vor ihm stand auf einmal stockstill.

Mehrfach wiederholte er im Stillen ihre Anklage, bis er vollends begriffen hatte. Dann trat er vor und griff sie beim Arm. „Was haben Sie gerade gesagt?“

Mia hätte ihre letzte Frage nicht aussprechen sollen, aber ihr Mund war schneller gewesen als ihr Verstand. Sie hasste diesen Mann. Aus vollem Herzen. Sante Trovato hatte ihrem Bruder Jahre seines Lebens gestohlen. Seinetwegen hatte Dario unendlich gelitten. Und nun war Sante ihr Chef.

Dass er hier vor ihr stand, war ein Schock. Und dass sie ihn eben noch so anziehend gefunden hatte, entsetzte sie.

„Wer sind Sie?“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Heiser und drohend.

Seine Präsenz setzte ihr so zu, dass sie es nicht einmal fertigbrachte, ihm ihren Arm zu entziehen. Dabei hielt er sie nicht besonders fest. Sie war ihm gleichzeitig zu nah und nicht nah genug. Er sah unglaublich gut aus. Kein Wunder, dass sie ihn nicht auf Anhieb erkannt hatte. Aus dem schlaksigen Teenager mit Kurzhaarschnitt war ein großer, athletischer Mann mit glänzendem, dichtem Haar geworden, das ihm fantastisch stand.

Mia räusperte sich. Ganz gleich, wie gut er aussah, sie war schon darüber hinweg. Jetzt musste er sie nur noch loslassen, damit sie zurückweichen konnte. Aber das tat er nicht.

Stattdessen kam er noch näher. „Wer sind Sie?“

Sie hätte sich von Adele gründlicher einweisen lassen sollen. Es war arrogant gewesen anzunehmen, sie könnte diesen Job erledigen, für den sie kaum qualifiziert war. Aber dieser Mann war noch arroganter. Er glaubte, er könnte tun, was er wollte, und damit davonkommen. Ein kaltblütiger, habgieriger Geschäftsmann, dem es nur um den eigenen Vorteil ging.

Und er war ein Feigling.

Mia würde sich nicht vor ihm ducken.

Sie versuchte, ihm ihren Arm zu entziehen. „Ms. Simonini. Ich bin vertretungsweise Ihre Büroleiterin.“

Er verengte die Augen. Ließ sie nicht los.

Ihr Nachname würde ihm nichts sagen. Es war der Mädchenname ihrer Großmutter. Sie hatte den Namen Lorenti abgelegt, sobald sie achtzehn geworden war, weil er mit ihrem Vater in Verbindung stand.

„Okay, Ms. Simonini. Was haben Sie damit gemeint, ich würde Menschen im Stich lassen?“

„Was denken Sie, was ich meine?“ Ihm waren Gewinnchancen wichtiger als Menschen. Er nutzte andere aus, log und betrog.

„Sie sind Engländerin.“ Er ließ sie so plötzlich los, dass sie einen Schritt nach hinten machen musste, um nicht die Balance zu verlieren.

Sofort trat sie wieder vor. „Ich bin Halbitalienerin.“

Er starrte ihr ins Gesicht und brauchte so lange, sie wiederzuerkennen, dass es fast eine Beleidigung war.

„Mia“, murmelte er. „Lorenti. Sie sind Dario Lorentis Schwester.“ Er atmete scharf ein. „Packen Sie Ihre Sachen und verschwinden Sie. Augenblicklich.“

Sie wich nicht zurück. „Warum? Fühlen Sie sich in meiner Gegenwart schuldig? Schämen Sie sich vielleicht? Das hoffe ich.“

Ihr Bruder wäre schier außer sich, wenn er wüsste, vor wem sie gerade stand.

Was bedeutete, dass er es nicht erfahren durfte. Das hier war nur eine Vertretungsstelle. Sie würde sich von Sante Trovato nicht ins Bockshorn jagen lassen. Es war sein Pech, wenn ihre Gegenwart in ihm Gewissensbisse wachrief.

„Was auch immer Adele mit Ihnen vereinbart hat, ich kündige die Vereinbarung auf.“

Ganz bestimmt nicht. Mia ließ sich von niemandem sagen, was sie tun oder lassen sollte. Nicht mehr. Und sie würde es ihm nicht so leicht machen, sie loszuwerden. Allein Adele und ihrem Bruder zuliebe nicht.

„Ich gehe nirgendwohin.“ Sie trat näher.

Dario und sie standen sich nicht so nah, wie sie es gern hätte. Damals war sie zu jung gewesen, um Dario zu verteidigen. Oder sich mit ihm zusammen gegen ihren Vater zu wehren. Aber jetzt war sie ein anderer Mensch. Vor diesem Kampf würde sie nicht zurückschrecken.

„Ich habe einen Zeitvertrag unterzeichnet“, sagte sie. „Sie können ihn nicht einfach für ungültig erklären.“

In seiner Wange zuckte ein Muskel. „Wie Sie feststellen werden, bin ich …“

„Verpflichtet, sich ans Arbeitsrecht zu halten – wie jeder andere auch.“

„Nein.“ Er atmete erneut scharf ein. „Sie sind hier fertig. Keine Sorge, ich werde Sie für den Rest der Woche bezahlen.“

Natürlich glaubte er, damit durchzukommen. Leute wie er taten das immer. Was für ein selbstsüchtiger Mistkerl. Schlimmer als ihr Vater, und das wollte wirklich etwas heißen. „Und welchen Grund haben Sie für eine Kündigung?“

Einen Moment lang starrte er sie frustriert an. „Grobes Fehlverhalten“, stieß er dann hervor.

„Wie bitte?“

„Sie haben sich im Büro ausgezogen! Das hier ist kein Ort für derartig unangemessenes Verhalten.“

Machte er Witze? Mia hob ihr Kinn. Damals hatte ihr Vater schon mit Missbilligung auf ihre Brüste geschaut, als wären sie etwas, wofür sie sich schämen müsste. Das würde sie sich nicht noch einmal gefallen lassen. „Sagt der Mann, der ebenfalls nur halb angezogen war.“

„In meinem persönlichen Badezimmer! Sie sind einfach hereingekommen und haben angefangen, sich auszuziehen.“

„Und das hätte ich in Ihren wildesten Träumen nicht getan, wenn ich eine Ahnung gehabt hätte, dass Sie da waren.“

Eine Sekunde lang flackerte etwas in seinen Augen. Es wirkte fast wie Belustigung. „Okay, dann suspendiere ich Sie wegen des Verdachts auf Industriespionage.“

„Wie bitte?“ Mit offenem Mund starrte sie ihn an.

„Sie sind hier, um für Ihren Bruder zu spionieren.“

Das war die übelste Verleumdung, die sie je gehört hatte. Sante Trovato war der einzige Dieb geistigen Eigentums im Raum. „Mein Bruder hat kein Interesse an Ihren Apps!“

„Weil er über ein ererbtes Vermögen verfügt?“ Santes Sarkasmus war beißend. „Das würde ihn nicht davon abhalten. Menschen wie Ihr Bruder bekommen nie genug.“

Mia war sprachlos. Ihr Bruder war nicht habgierig. Es war genau andersherum.

„Es gibt keinen anderen Grund, warum Sie sich in mein privates Büro schleichen sollten“, fügte er hinzu.

„Ich hatte keine Ahnung, dass es Ihr privates Büro ist. Hätte ich das gewusst, wäre ich sonst wo, aber nicht hier.“

„Diese Vehemenz bestätigt meine Theorie nur.“

„Ich war im Bad, um meine Bluse zu wechseln.“ Sie biss die Zähne zusammen.

„Das sollte nur als Entschuldigung dienen, falls Sie erwischt werden. Was unwahrscheinlich war, da Sie schon so früh hier waren. Ein verdächtiger Arbeitseifer.“

„Es ist nur unwahrscheinlich, weil sich hier sonst niemand die Mühe macht, zur Arbeit zu erscheinen.“

„Also geben Sie zu, dass Sie herumspioniert haben.“

„Nein! Ich wollte meine Bluse wechseln.“

„Weil Sie schlechte Tischmanieren haben?“

„Manchmal.“ Das würde sie weder leugnen noch sich dafür schämen.

Er blinzelte. „Es gibt einen Waschraum für die Angestellten.“

„Da Sie komplett abgetaucht waren, bin ich davon ausgegangen, dass es nicht weiter schlimm wäre, mich hier schnell umzuziehen. Das andere Badezimmer liegt deutlich weiter von meinem Schreibtisch entfernt.“

„Warum benutzen Sie nicht Ihren echten Nachnamen? Was versuchen Sie zu verbergen?“

„Im Gegensatz zu Ihnen habe ich nichts zu verbergen.“

Wieder wirkte er sehr wütend.

Gut. Mia benutzte einen anderen Namen, weil sie nicht mit ihrem Vater in Verbindung gebracht werden wollte. Und weil sie sich nicht auf dem geschäftlichen Erfolg ihres Bruders ausruhen wollte. Sie blieb lieber unabhängig.

„Vielleicht bin ich verheiratet.“

Hitze loderte in seinem Blick. Er schaute rasch zu ihren schmucklosen Fingern. „Mir ins Gesicht zu lügen, lässt Sie nicht gerade gut aussehen.“

„Lesen Sie je Ihre E-Mails?“, fragte sie kühl. Ihre Entschlossenheit, nicht zu gehen, wuchs. Sie erinnerte ihn an seine Vergangenheit, und er wollte sie loswerden. Tja, Pech für ihn.

Er kniff die Lippen zusammen. „Wie schlecht geht es Bruno? Adele muss wissen, dass ich ihr jederzeit hel…“ Er brach ab und räusperte sich.

Seine Betroffenheit kam ihr beinahe aufrichtig vor. Aber sie wusste, wie gewissenlos er wirklich war.

„Warum hat sie mich nicht kontaktiert? Sie hat nur einmal versucht, mich anzurufen.“

„Wenn Sie nicht spurlos verschwunden wären, hätte sie es vielleicht wieder versucht. Aber anscheinend lautet die Devise, dass Sie keinesfalls gestört werden wollen, wenn Sie abtauchen, ganz egal, was passiert. Es steht in Großbuchstaben und dreimal unterstrichen auf dem Notizblatt, das sie mir bei der Übergabe ausgehändigt hat.“

Er blinzelte. „Es gab eine Übergabe?“

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