Sturm der Herzen in der Ägäis

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Ein Sturm überrascht Genevieve bei einem Segeltörn durch die Ägäis. Sie strandet auf einer einsamen griechischen Insel, auf der als Einziger der unwiderstehlich attraktive Milliardär Nikos Konstantinou lebt – ein Mann, der sich nach dem Tod seiner Frau selbst ins Exil verbannt hat. Schon bald entfacht zwischen ihnen eine verzehrende Leidenschaft. Doch nach einer ersten Liebesnacht in seinen Armen zeigt Nikos ihr plötzlich die kalte Schulter. Verletzt muss Genevieve sich fragen: Wird sein Herz jemals frei sein für sie?


  • Erscheinungstag 18.08.2026
  • Bandnummer 2766
  • ISBN / Artikelnummer 0800262766
  • Seitenanzahl 144

Leseprobe

Clare Connelly

Sturm der Herzen in der Ägäis

Prolog

Selbst bei gutem Wetter war die Insel Therasia Notia mitten im Ägäischen Meer felsig und unbezwingbar. Ein einziges Vulkangestein, das im Laufe der Zeit bizarre Berge geformt hatte. Doch wenn der Wind heulend hindurchfuhr, der Regen in Strömen auf den Stein prasselte und Blitze den Himmel zu zerschneiden schienen, war Nikos Konstantinou auf ihr beinahe überzeugt, der einzige Mensch auf der Welt zu sein.

Genau das mochte er.

Denn er wusste, dass er es verdiente.

Einsam, isoliert und in seinem Kummer allein, mit dem er für die Sünden seiner Vergangenheit büßte. Für unverzeihliche Fehler, die sich nicht rückgängig machen ließen. Seiner Mutter hatte er nicht helfen können, als sie ihren Körper an Männer verkauft hatte, damit ihre Familie ein Dach über dem Kopf behielt. Seine Frau war ihm weniger wichtig gewesen als sein Erfolg.

Das Leben als weltweit erfolgreicher Geschäftsmann, das er sich einst mit schierer Entschlossenheit aufgebaut hatte, war nur noch eine verblasste Erinnerung. Er hielt die Fäden nicht mehr in der Hand wie früher, sondern wurde nur noch über das operative Geschäft auf dem Laufenden gehalten. Die Befriedigung, die er früher aus den langen, anstrengenden Tagen gezogen hatte, bedeutete ihm heute nichts mehr. Denn inzwischen wusste Nikos, was sein Ehrgeiz angerichtet hatte. Welchen Schmerz er verursacht hatte.

Er stand auf der Türschwelle der kleinen Hütte, die er Stein für Stein mit seinen eigenen Händen gebaut hatte. Vor drei Jahren hatte er diese Insel gekauft und war hergekommen. Es war ihm egal gewesen, ob er hier lebte oder starb.

Bis dahin hatte er lange nicht körperlich gearbeitet. Sein Reichtum hatte ihn faul und behäbig gemacht, verweichlicht. Auch wenn in der Geschäftswelt niemand auch nur im Traum auf die Idee gekommen wäre, ihn so zu charakterisieren. Denn Nikos war berühmt für seine Kompetenz, aber auch berüchtigt für seine rücksichtslose Entschlossenheit.

Eine Entschlossenheit, mit der er zwanzig Stunden am Tag gearbeitet hatte, um sein Unternehmen aufzubauen und an die Spitze zu bringen. Doch er hatte sich selbst auf dem Weg dorthin verloren. Er hatte seine Ehe verspielt und das Glück seiner Frau.

Damals war es ihm unabänderlich erschienen. Als Kind hatte er bittere Armut erlebt und immer gehört, dass es ihm nicht zustehe, mehr zu wollen. Doch je mehr sein Vater ihm eingehämmert hatte, sich auf erreichbare Ziele zu konzentrieren, umso stärker war Nikos' Entschlossenheit geworden.

Er schloss die Augen und machte einen Schritt nach draußen, wo der Regen ihn sofort durchnässte – sein dichtes, dunkles Haar, den nackten Oberkörper, die Shorts. Mit ausgebreiteten Armen ergab er sich den Naturgewalten. Er hatte den Tod seiner Frau auf dem Gewissen. Da war es nur gerecht, wenn die Götter nun auch sein Leben forderten.

1. Kapitel

Genevieve Wood konnte nicht behaupten, dass es ihre dümmste Idee gewesen war, allein durch die Ägäis zu segeln. Dieser Titel gebührte eindeutig jenem Tag, an dem sie mit ihrem gewalttätigen Ex-Mann vor den Traualtar getreten war. Aber das Segelabenteuer hatte Potenzial, es unter die Top drei zu schaffen.

Seit ihrer Kindheit war sie nicht mehr gesegelt. Und auch wenn sie damals ständig mit dem Segelboot unterwegs und wirklich gut gewesen war, musste sie nun die schmerzhafte Erfahrung machen, dass Segeln nicht wie Radfahren war, das man nie verlernte. Einige Handgriffe hatte sie verinnerlicht, der gesunde Menschenverstand half auch. Und wenn das Meer so ruhig geblieben wäre wie in dem Moment, als sie Segel gesetzt hatte, wäre sie wahrscheinlich wohlbehalten in den Hafen zurückgekehrt, wenn auch um eine Erfahrung reicher.

Doch praktisch aus dem Nichts war ein Sturm aufgezogen und hatte die eben noch spiegelglatte Ägäis in eine Waschmaschine im Schleudergang verwandelt. Die Wellen rüttelten an ihrem kleinen Boot und warfen es von einer Seite zur anderen. Durch den Regen konnte sie kaum noch etwas sehen, und ihre Hände rutschten am Tauwerk ab.

Angst kroch in ihren Körper. Würde es irgendjemand mitbekommen, wenn ihr Boot kenterte und sie in den Tiefen des Meeres versank? Ihr Ex-Mann ganz sicher nicht. Und sonst gab es niemanden, der sich für sie interessierte. Ihr Vater war gestorben, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war, und auch ihre Mutter war seit einigen Jahren tot. Sie hatte mehrere Schlaganfälle erlitten und sich nie wieder davon erholt. Ihre Freundinnen waren nach und nach verschwunden, als Genevieve sich immer mehr in die perfekte Frau eines Senators verwandelt hatte. Welcher Menschenseele also sollte ihr Verschwinden überhaupt auffallen?

Aber Genevieve hatte in der Vergangenheit zu viel überstanden, um jetzt aufzugeben. Immerhin hatte sie ihre Freiheit zurück. Zumindest theoretisch. Denn finanziell war sie noch immer darauf angewiesen, dass ihr Ex die Schulden ihrer Mutter durch die horrenden Krankenhausrechnungen bezahlte.

Aber immerhin stand sie nicht mehr unter seiner Kontrolle. Sie war nicht mehr die unterwürfige Vorzeigefrau, die ausgenutzt und gedemütigt wurde und ihm jederzeit zur Verfügung stehen musste.

Jetzt hatte sie die Chance, sich ein neues Leben aufzubauen. Ganz sicher würde sie nicht einsam und ohne Freunde hier mitten auf dem Meer sterben. Also musste sie das Boot irgendwie an die nächste Küste bringen und einen Hafen im Sturm finden, im wahrsten Sinne des Wortes. Mühsam kniff sie die Augen gegen den Regen zusammen und versuchte, etwas zu erkennen. Der nächste Blitz schien direkt neben ihr einzuschlagen und erhellte die Umgebung, sodass sie eine vage Silhouette ausmachen konnte.

Ein Berg. Und das konnte nur bedeuten: eine Insel.

Obwohl es nahezu unmöglich war, Kurs zu halten, versuchte sie, das Eiland zu erreichen. Wellen schlugen über dem Boot zusammen, doch sie hielt tapfer das Steuer, bis sie endlich nah genug an der Küste war, um von Bord springen zu können.

Beherzt kletterte sie auf die Reling und sprang – keine Sekunde zu früh. Im nächsten Moment wurde das Boot von einer Welle erfasst, der Mast brach, das Boot neigte sich zur Seite und trieb kieloben.

Mit letzter Kraft schaffte Genevieve es, den Strand zu erreichen. Sie hatte die Orientierung verloren, befürchtete aber, dass dies eine der kleinen unbewohnten Felseninseln war. Und ihr Handy trieb im Meer.

Aber sie konnte es sich nicht leisten, jetzt panisch zu werden.

Es hatte sie viel Mut und Entschlossenheit gekostet, sich aus ihrer Ehe zu befreien. Und inzwischen wusste sie, dass sie stärker war, als sie jemals vermutet hatte.

Sie schaute sich um. Offenbar war sie in einer kleinen Bucht, von Zivilisation keine Spur. Aber das musste nicht bedeuten, dass die ganze Insel unbewohnt war.

Sie ignorierte die Furcht, auf der unwirtlichsten aller ägäischen Inseln gestrandet zu sein, und ging weiter. Vielleicht fand sie vorübergehend Schutz vor dem Unwetter – und mit ein bisschen Glück sogar doch noch auf ein Zeichen von Zivilisation. Allerdings konnte sie kaum die Hand vor Augen sehen, denn die dunklen Wolken schoben sich noch dichter zusammen, und es goss in Strömen.

Nur mit äußerster Willenskraft gelang es ihr, die Hoffnung nicht zu verlieren. Der tosende Sturm erschien ihr wie eine Metapher ihres derzeitigen Lebens. Dann, endlich, nachdem sie bereits eine Stunde lang auf der Insel herumgeirrt und völlig erschöpft war, entdeckte sie etwas, das ihr neuen Mut gab.

In der Ferne, weit oben auf einem der Hügel, sah sie ein Licht. Warm und golden und definitiv keine Einbildung. Kurzerhand änderte sie die Richtung und versuchte, darauf zuzugehen. Hinter dem Strand erstreckte sich ein dichter, furchteinflößender Wald. Im Dunkel hörte sie Tierstimmen. Es gehörte nicht sonderlich viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, dass es hier auch hungrige Wölfe gab.

Doch sie hatte keine Wahl. Also stieg sie mit dem Mut der Verzweiflung durch das Dickicht den Berg hinauf. Es gab nicht einmal einen Trampelpfad, und mehr als einmal rutschte sie aus. Ein scharfer Ast schnitt ihr ins Bein, kurz darauf verletzte sie sich schmerzhaft am Arm. Schließlich erreichte sie eine Lichtung und erkannte, dass das Licht tatsächlich zu einem Haus gehörte. Ohne darüber nachzudenken, wer dort wohl wohnen mochte, lief sie schneller. Als sie angekommen war – das Haus entpuppte sich als einfache Hütte, aber zumindest hatte sie vier Steinwände und ein Dach –, hämmerte sie gegen die Tür.

Doch nichts passierte.

Genevieve klopfte weiter, bis sie endlich einsah, dass ihr niemand öffnen würde. Sie war klitschnass von dem unaufhörlichen Regen, Blitze zuckten über den Himmel, und der Sturm toste in den Baumwipfeln. Sie beschloss auszuprobieren, ob die Tür sich öffnen ließ. Vorsichtig drückte sie die Klinke, und die Tür gab nach. Vielleicht hat derjenige, der hier lebt, ein Licht für seine Rückkehr angelassen, überlegte sie.

Zögernd trat sie ein. Das Regenwasser rann an ihrem Körper hinunter und tropfte auf den Holzfußboden. Als sie das Feuer bemerkte, das im gemauerten Kamin prasselte, wurden ihr zwei Dinge bewusst: Sie war nicht allein. Und es war ihr vollkommen egal, denn sie war viel zu durchgefroren, um sich darüber Gedanken zu machen.

Zielstrebig steuerte sie auf die Feuerstelle zu und stellte sich davor, um sich zu wärmen. Kurz darauf öffnete sich die Tür zu einem kleinen Raum, und ein Mann trat ein. Vermutlich kam er aus dem Bad, denn er war nackt und ebenso rau und wild wie der Wald, durch den sie sich hierher gekämpft hatte.

Verblüfft hielt er in der Bewegung inne und sah sie an.

Sie konnte den Blick nicht von ihm abwenden. Er war groß und muskulös, sein breites Kreuz wirkte, als könnte er die ganze Welt auf seinen Schultern tragen. Die Hüften waren schmal, die langen Beine strotzten vor Kraft. Er war groß und auf eine ursprüngliche, wilde Art gut aussehend. Seine Gesichtszüge wirkten wie in Stein gemeißelt, symmetrisch und ausgesprochen anziehend. Die Augen waren dunkelgrau wie der sturmgepeitschte Ozean, der sie hier auf die Insel gespült hatte. Sein inzwischen zu langes Haar, noch feucht von der Dusche, verriet noch einen ehemals akkuraten Schnitt.

Seine überbordende Männlichkeit trieb ihr die Röte in die Wangen, während er reglos vor ihr stand und den Raum allein mit seiner Anwesenheit komplett einnahm.

Sein zorniger Gesichtsausdruck hätte ihr unter normalen Umständen Angst eingeflößt, doch diese Begegnung war so unerwartet und verwirrend, dass sie nur dastehen und ihn betrachten konnte.

„Ich ... Sie sind ...“, versuchte sie, ihre Anwesenheit zu erklären. Doch noch immer zitterte sie am ganzen Körper, und ihre Gedanken gehorchten ihr nicht.

Grimmig kam er auf sie zu, seine Wut schien noch größer zu werden.

„Die Höflichkeiten sparen wir uns für später auf“, unterbrach er sie unwirsch. „Sie sehen aus, als würden Sie jeden Moment ohnmächtig werden. Geht es Ihnen gut?“ Er sprach fließend Englisch, wenn auch mit hörbar griechischem Akzent.

„Ich ... weiß nicht ...“ Von plötzlichem Schwindel und Übelkeit übermannt, schloss sie die Augen. Noch immer fror sie erbärmlich, durch ihre Adern schien flüssiges Eis zu pulsieren. „Ich bin okay“, brachte sie schließlich schwach heraus.

Ungläubig knurrte er, und dann hob er sie zu Genevieves Entsetzen einfach hoch, drückte sie an seinen nackten Oberkörper und trug sie durch die spärlich möblierte Hütte in jenen Raum, aus dem er gerade gekommen war. Kurzerhand setzte er sie auf den gefliesten Boden der Duschkabine und ließ das Wasser laufen. Ihre Panik wurde noch größer, als er ihr einfach das T-Shirt auszog.

„N... nicht“, protestierte sie instinktiv. Seltsamerweise hatte sie keine Angst vor ihm, obwohl er sie locker um einen Kopf überragte. Er war ungehobelt, ja, aber nichts an ihm wirkte brutal. Doch sie hatte sich bisher nur einem einzigen Mann – ihrem Ex – nackt gezeigt, und es war seltsam, dass ein völlig Fremder sie so sehen würde. Gleichzeitig aber war es berauschend, insbesondere, wenn sie sich vorstellte, dass James vor Eifersucht rasen würde.

„Sie müssen aus diesen nassen Kleidern heraus“, sagte er.

„Ich kann das selbst“, gelang es ihr zu sagen – und sie hoffte, dass es stimmte.

„Na, dann los.“

„Ich werde mich ganz sicher nicht vor Ihnen ausziehen.“

„Und ich werde ganz sicher nicht das Risiko eingehen, dass Sie hier allein unter der Dusche das Bewusstsein verlieren. Also?“

„Ich mache nicht ...“

„Streiten können wir später“, sagte er und presste entschlossen die Lippen zusammen. „Alles, was mich im Moment interessiert, ist, dass Sie sich nicht den Tod holen. Woher Sie kommen und wer Sie sind, interessiert mich nicht. Und mir ist auch egal, wohin Sie gehen, nachdem Sie sich erholt haben. Ich habe nur keine Lust, irgendjemandem erklären zu müssen, warum Sie tot in meiner Hütte liegen.“

Bevor sie ihr T-Shirt auszog, wandte sie ihm zumindest den Rücken zu, sodass er ihre Brüste nicht sehen konnte. Auch die Shorts streifte sie ab, behielt aber ihren Slip an.

Das Wasser war heiß, und je länger sie unter der Dusche stand, umso deutlicher spürte sie ihre Kräfte zurückkehren. Allerdings fühlten sich ihre Beine nach dem steilen Anstieg durch das unwegsame Gelände immer noch wie Wackelpudding an.

Als er die Dusche abstellte, streifte sein Arm ihre Leiste. Dann hüllte er sie in ein großes, weiches Handtuch. „Können Sie laufen?“

Auf keinen Fallwürde sie diesem Mann gegenüber eine Schwäche zugeben, also nickte sie tapfer. „Selbstverständlich.“

Abwartend verschränkte er die Arme vor der Brust. Ihm schien es völlig egal zu sein, dass er noch immer nackt war.

„Haben Sie eigentlich nichts anzuziehen?“, fragte sie und hörte selbst, dass sie klang wie ein mauliger Teenager.

Ohne etwas darauf zu erwidern, zog er im Wohnraum einen Stuhl dicht vor die Feuerstelle. „Hinsetzen.“

„Ich bin kein Hund, wissen Sie? Mit mir können Sie sprechen wie mit einem Menschen. Oder ist es hier in der Wildnis üblich, nur Befehle zu geben?“

„Ich habe Sie nicht gebeten, zu kommen. Und wenn nicht feststünde, dass Sie da draußen wohl kaum überleben würden“, mit einem Kopfnicken deutete er zum Fenster, vor dem noch immer die Blitze zuckten, „hätte ich keine Probleme damit, Sie hinauszuwerfen. Irgendwann wird der Sturm vielleicht nachlassen ...“

„Ganz sicher wird er das“, bekräftigte sie. Dennoch setzte sie sich folgsam auf den Stuhl, sorgsam darauf bedacht, dass das Handtuch nicht verrutschte.

„Dann sind wir uns ja zumindest in einem Punkt einig.“ Er ging zu einer grob gezimmerten Kommode, die neben dem Bett stand, und zog zu Genevieves Erleichterung eine Boxershorts heraus. Doch das Bild, wie er nackt vor ihr gestanden hatte, hatte sich unauslöschlich in ihr Gedächtnis eingebrannt hatte.

Hastig senkte sie den Blick und versuchte, sich auf etwas anderes zu konzentrieren.

„Leben Sie hier?“

„Ich stelle hier die Fragen.“ Mit schmalen Augen musterte er sie. „Wer sind Sie?“

Sie öffnete den Mund, dann schloss sie ihn wieder. Gute Frage. Drei lange, schlimme Jahre war sie die Frau des Senators gewesen. Ihr Mann und jeder andere hatte sie nur so wahrgenommen. Niemand hatte sie als eigenständige Person gesehen.

„Genevieve“, sagte sie schlicht. Warum sollte sie ihm die traurige Geschichte ihres Lebens erzählen? Ein Vorname reichte.

Und tatsächlich schien es ihm zu genügen, denn er nickte kurz. „Und Sie sind hier auf der Insel, weil ...?“

„Mein Boot ist gekentert. Der Sturm kam wie aus dem Nichts. Ich war schon zu weit draußen, um umzukehren. Dann habe ich die Insel entdeckt und darauf zugesteuert.“

Ungläubig sah er sie an. „Sie sind so losgesegelt?“, fragte er entsetzt.

„Es war kein Sturm in Sicht, als ich den Hafen verlassen habe. Sonst wäre ich nie so weit rausgesegelt.“

Er stieß einen missbilligenden Ton aus. „Es ist Januar, da müssen Sie immer mit einem Unwetter rechnen.“

„Ja, ich ...“ Sie brach ab. Er hatte natürlich recht, aber sie hasste es, das zuzugeben. Das Gefühl, dumm und nutzlos zu sein, kannte sie nur zu gut. Nahezu in ihrer gesamten Ehe hatte sie sich so gefühlt.

Es war den ganzen Tag ungewöhnlich warm und sonnig gewesen. „Ich hatte geglaubt, heute würde das gute Wetter halten.“

Mit leichten Schritten ging er durch den Raum in eine kleine Küche, die ihr bisher nicht aufgefallen war. Alles in dieser Hütte war extrem einfach. Strom und fließendes Wasser schienen der einzige Luxus zu sein. Aus einem Vorratsschrank nahm er eine Dose, öffnete den Deckel mit einem altmodischen Dosenöffner und reichte sie ihr. „Essen Sie das.“

Sie warf einen Blick darauf und rümpfte die Nase. „Thunfisch?“

„Das ist gut für Sie.“

Etwas an seinen Worten zauberte ein kleines Lächeln auf ihre Lippen. Er wirkte nicht gerade wie jemand, der sich Gedanken über gesundes Essen machte.

„Es macht satt und gibt Ihnen Energie zurück“, erklärte er, als sie zögerte.

„Aber es ist kalt“, wandte sie ein.

„Sie sind hier nicht in einem Fünf-Sterne-Hotel.“

„Ach, das ist mir noch gar nicht aufgefallen“, gab sie schnippisch zurück.

„Wenn es Ihnen hier nicht gefällt, können Sie gern wieder gehen.“

„Ich dachte, Sie wollen nicht, dass ich mir hier den Tod hole, weil es Ihnen Unannehmlichkeiten bereiten könnte.“

„Genau. Also essen Sie jetzt.“

Es wirkte auf sie wie ein Friedensangebot, als er plötzlich einen Topf mit Wasser füllte und auf den einfachen Gasherd stellte, der sie an die Bunsenbrenner aus dem Chemieunterricht in der Schule erinnerte.

Sie fuhr sich mit den Fingern durchs Haar und versuchte, es so gut wie möglich zu entwirren. Dann trocknete sie die Spitzen mit einem Zipfel des Handtuchs, ohne es von ihren Schultern zu lösen.

Neben der Eckbank stand ein kleiner Kühlschrank, aus dem er jetzt Sahne und Kaffee holte. Widerwillig spießte sie mit der Gabel ein kleines Stück Thunfisch auf. Genevieve war kein Fan von Konservenfisch, aber in dieser Ausnahmesituation musste sie über ihren Schatten springen. Und sie war wirklich sehr hungrig. Nachdem der Schock nachgelassen hatte, spürte sie, dass sie seit dem Morgen nichts mehr gegessen hatte. Und auch da hatte sie sich nur einen Apfel geschnappt und auf dem Weg zum Hafen gegessen, denn ihr eigentlicher Plan war gewesen, im Hafen einer bewohnten Insel zu ankern und dort zum Lunch einzukehren. Stattdessen aß sie nun Thunfisch aus der Dose in einer Hütte auf einem Steinfelsen mitten in der Ägäis.

„Und wer sind Sie?“, erkundigte sie sich, während sie zusah, wie er Kaffee in eine Stempelkanne gab und das kochende Wasser darüber goss. Seine Hände waren ebenso groß wie alles an ihm. Er wirkte wie ein Riese in einer Puppenküche.

Ohne zu antworten, holte er einen Becher aus dem Schrank, füllte ihn mit Kaffee und einem ordentlichen Schuss Sahne und reichte ihn Genevieve.

„Woher haben Sie die Sahne? Gibt es hier einen Laden?“

Ein ironisches Lächeln legte sich auf seine Lippen, und er hob eine Augenbraue. „Nein“, erwiderte er schlicht.

Vorsichtig nahm sie die Tasse und vermied es, mit seinen Fingern in Kontakt zu kommen. Noch immer prickelte ihre Haut an der Stelle, wo sein Arm sie unter der Dusche berührt hatte. Seine belustigte Miene verriet, dass er ihr Zögern gesehen und richtig gedeutet hatte.

„Einmal im Monat bekomme ich Lebensmittel geliefert“, sagte er schließlich. „Alles Dinge, die lange haltbar sind.“

„Oh.“ Sie nickte langsam und dachte darüber nach. „Aber es gibt doch bestimmt noch andere Häuser? Andere Menschen?“

„Nicht, solange sie nicht einfach hier eindringen, so wie Sie.“

„Glauben Sie wirklich, ich wäre freiwillig hierhergekommen? Nachdem ich gekentert bin, war ich froh, überhaupt irgendwo Boden unter die Füßen zu bekommen. Und ich habe Stunden gebraucht, um zu Ihrer Hütte hier oben zu gelangen. Dabei ist es ein Wunder, dass ich nicht von irgendeiner Klippe gestürzt oder von einem Bären angegriffen worden bin. Das ist nicht ganz das, was ich für heute geplant hatte.“

Die Hände in die Hüften gestemmt, stand er mit undurchdringlicher Miene vor ihr und musterte sie langsam. Der Blick aus seinen dunkelgrauen Augen glitt über ihre Lippen und wanderte dann über ihren Körper. Sie war sich ihrer Nacktheit unter dem Handtuch mehr als bewusst.

Als er etwas sagte, rauschte das Blut in ihren Ohren, sodass sie seine Worte kaum verstand. Wie war es möglich, dass ihr Körper so extrem auf diesen Mann reagierte? Warum um alles in der Welt fand sie es heiß, dass er sie so unverhohlen betrachtete?

Nun, es brauchte vermutlich keinen Doktortitel, um das zu ergründen. Ihre Ehe war zum Schluss eisig gewesen. Ihr Mann hatte sie ständig betrogen, und es hatte ihm Spaß gemacht, wenn Genevieve davon erfuhr. Er hatte ihr das Gefühl gegeben, sie wäre selbst schuld, weil sie als Ehefrau versagt hatte. Er fand sie frigide und beschwerte sich, dass sie keine Erfahrungen hatte und nicht voller Lust auf ihn reagierte.

„Sie sind verletzt.“

Es dauerte einen Moment, bis sie begriff, was er meinte. Verwirrt folgte sie seinem Blick und sah die Kratzer an ihren Beinen, den Schnitt an einem Oberschenkel. Vorsichtig fuhr sie mit dem Finger darüber und zuckte zusammen, als der Schmerz durch ihren Körper fuhr.

„Ich bin ein paarmal gestürzt“, murmelte sie.

„Zu einem späteren Zeitpunkt werden wir darüber reden, wie unglaublich leichtsinnig es von Ihnen war, so viele Risiken einzugehen. Bleiben Sie sitzen.“ Sein Tonfall war rüde und befehlsgewohnt, und sie sah ihn entgeistert an. Was bildete er sich ein, so mit ihr zu sprechen? Doch sie gehorchte – vermutlich aus langjähriger Gewohnheit. Schließlich war ihr Ex-Mann nicht anders mit ihr umgesprungen.

Er bückte sich und zog eine Schachtel unter dem Bett hervor. Als er den Deckel öffnete, sah Genevieve, dass es ein Verbandskasten war. Er nahm eine kleine Flasche Desinfektionsmittel heraus und legte sterile Auflagen und Verbände dazu.

Bisher hatte sie es vermeiden können, dass sie sich noch einmal berührten. Sie befürchtete, dass sie in Flammen stehen würde, wenn er jetzt ihre Wunden verarztete.

„Ich mache das selbst“, erklärte sie deshalb und streckte die Hand nach dem Verbandsmaterial aus.

„Trinken Sie Ihren Kaffee“, erwiderte er nur, kniete sich vor sie und gab etwas Desinfektionsflüssigkeit auf eine der Auflagen. Als er den Blick hob und Genevieve ansah, war es, als würde die Welt sich schneller drehen.

Sie öffnete den Mund, um zu protestieren. Doch dann berührte er ihr Bein mit seiner großen Hand, und sie schloss unwillkürlich die Augen, als eine Woge unendlicher Wärme sie erfasste. Begehren. Sie wusste nicht, ob sie so etwas schon jemals zuvor erlebt hatte. Lange hatte sie geglaubt, sie könne einfach keine Lust empfinden. Und so blieb sie, obwohl sie es eigentlich besser wusste, einfach sitzen und hielt die Luft an, während dieser Hüne von einem Mann ganz behutsam ihre Wunden versorgte.

2. KAPITEL

Als seine Hand zufällig in der Dusche ihren Arm gestreift hatte, war Nikos bewusst geworden, dass er schon seit Jahren kein menschliches Wesen mehr berührt hatte. Geschweige denn, eine nackte Frau. Nicht mehr, seit seine Frau gestorben war. Am Tag ihrer Beerdigung hatte er viele Hände geschüttelt und Umarmungen bekommen. Danach hatte er das griechische Festland verlassen und war hierhergekommen. Und es war ihm egal gewesen, ob er überlebte oder nicht.

Nur gelegentlich reiste er beruflich nach Athen, doch er vermied es geflissentlich, dort an sein altes Leben erinnert zu werden. Er besuchte weder Freunde noch die Familie. Niemanden, der ihn mitleidig ansehen würde und ihm Trost spenden wollte.

Wenn Theo zu ihm auf die Insel kam, sprachen sie ausschließlich über die Firma und Nikos' Vermögen. Denn obwohl er am Ende der Welt lebte, hatte er einen guten Überblick über lohnende Geldanlagen und vielversprechende Gelegenheiten. Theo war die einzige verbliebene Verbindung zu seinem alten Leben, seine rechte Hand. Nikos vertraute ihm. Er war der Einzige, dem Nikos Zutritt zur Insel gewährte und dem er sich manchmal anvertraute. Theo wusste, was in ihm vorging.

Abgesehen von Theo war Nikos vollkommen isoliert von der Außenwelt, und noch vor einer halben Stunde hätte er guten Gewissens und ohne Zögern behauptet, kein Interesse mehr an Frauen zu haben.

Aber nun wusste er, dass das gelogen wäre.

Denn es gab keine andere Erklärung dafür, dass das Blut in seinen Ohren rauschte, seine Männlichkeit hart gegen seine Shorts drückte und er gern mehr als nur ihre Wunden versorgt hätte. Die Vorstellung, mit seinen Händen an ihren Schenkeln hinaufzugleiten, ihre Beine sanft zu spreizen und ihren Venushügel zu erforschen, machte ihn fast wahnsinnig. Er stellte sich ihre Brüste vor, die nur von dem Handtuch bedeckt wurden. Am liebsten hätte er den flauschigen Frotteestoff von ihrem Körper gerissen, sie mit hungrigem Blick betrachtet und mit den Lippen jeden Zentimeter ihres Körpers erforscht.

Er fühlte sich schlecht dabei – es war, als würde er Isabella betrügen, seine verstorbene Frau. Doch es half nichts. Er war sich Genevieves Anwesenheit nur allzu bewusst. Weißglühend zog das Verlangen durch seinen Körper. Aber mehr war es eben auch nicht. Sein Körper reagierte auf einen anderen. Das bedeutete nichts, außer dass er viel zu lange enthaltsam gelebt hatte. Auch wenn seine Einsamkeit selbst gewählt war, bedeutete das nicht, dass er aus Stein war. Aber nur dann hätte er ihrer weichen Haut, den schlanken, muskulösen Schenkeln und ihrem leicht gebräunten Teint widerstehen können.

Früher, in einer anderen Welt, hätte er sie attraktiv gefunden. Mehr als das – er hätte gesagt, sie sei wunderschön. Mit ihrem rabenschwarzen Haar, den hellblauen Augen, der geraden Nase, die sich nur ganz vorn ein wenig nach oben streckte und ihn an eine Skisprungschanze erinnerte, und den weichen, vollen Lippen war sie ein Traum von einer Frau. Im Moment hatte sie diese wunderbaren Lippen leicht geöffnet und verriet damit Überraschung und Wachsamkeit.

Nikos spürte es. Sie empfand dasselbe Verlangen wie er. Die Funken sprangen von einem auf den anderen über und ließen das Feuer des Begehrens immer heller lodern.

Und dann ließ er seine Finger tatsächlich etwas weiter an ihrem Schenkel hinaufwandern, spürte ihre seidige Haut und stoppte an dem tiefen Schnitt, den ihr vermutlich ein Stein oder ein scharfer Ast zugefügt hatte.

„Das sollte genäht werden“, murmelte er und hoffte, dass seine Stimme noch immer unwirsch klang und nicht verriet, was er tatsächlich gerade empfand.

Er sah, wie sie schluckte, und hätte seine Lippen am liebsten auf die zarte Haut ihres Halses gelegt und sie dort geküsst, bis sich ein dunkles Mal seiner Leidenschaft abzeichnete. Als ihre Blicke sich trafen, bemerkte er, wie sie erschauerte. Doch er ließ seine Augen weiter auf ihr ruhen. Dann zwang er sich, den Schnitt genauer zu begutachten. Unter seiner Berührung bekam sie eine Gänsehaut.

„Kalt?“, fragte er, obwohl er die Antwort genau kannte. Sie brannte vor Lust, und ihr war eher zu heiß als zu kühl. Ihre Gänsehaut hatte definitiv andere Gründe.

„Was glauben Sie?“, erwiderte sie kühn. Hastig stand er auf und wandte ihr den Rücken zu, um zu verbergen, was er empfand. Er hatte tatsächlich gelächelt. Ganz kurz nur. Es war ein ungewohntes Gefühl auf seinen Lippen. Gleich darauf hatte er sich wieder im Griff. Welches Recht hatte er, sich mit dieser wunderschönen Frau zu amüsieren?

Autor

Clare Connelly

Clare Connelly liebt Liebesromane – von Jane Austen bis E L James. Nachdem sie lange erfolgreich Selfpublisherin war, ging 2017 ihr Traum in Erfüllung, als ihr erstes Buch bei einem Verlag erschien. Seitdem ist sie nicht mehr zu stoppen. Clare liest und schreibt leidenschaftlich gerne, und lebt in einem kleinen...

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