The Love Deal

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Der Traum: Von einem heißen Geschäftsmann zum Dinner eingeladen werden.


Die Realität: Er kauft nicht nur das Dinner, er kauft sie!

Nur für einen einzigen Abend sollte Emma ihrer besten Freundin Nina einen Gefallen tun und für sie als Begleitdame einspringen. Brav nicken und lächeln, das sollte machbar sein. Doch der Kunde, Jack Twain, ist so ein Mistkerl, dass Emma am liebsten aus dem Restaurant stürmen möchte. Zum Glück muss sie ihn nach diesem Abend nie wieder sehen - denkt sie.


Denn Jack steht plötzlich vor ihrer Tür und fordert, dass sie sich als seine Freundin ausgibt. Und es steht mehr auf dem Spiel, als Emma je erwartet hätte …

  • Erscheinungstag 15.06.2019
  • ISBN / Artikelnummer 9783745750737
  • Seitenanzahl 390
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

KAPITEL 1

Emma

„Zum x-ten Mal, nein, ich mach das nicht.“

„Komm schon, Emma, bitte!“

So langsam glaube ich, meine Mitbewohnerin und beste Freundin Nina hat ihren Verstand verloren. Ich werde sie auf gar keinen Fall bei ihrem Job als Begleitdame vertreten.

„Vergiss es. Unter keinen Umständen werde ich für einen Abend die Freundin für irgendeinen alten fremden Typen spielen.“

„Wie kommst du denn darauf, dass er alt ist?“

Ich schnaube abfällig. „Als ob sich ein junger sexy Typ eine Begleitung für einen Abend kaufen muss.“

„Okay, überwiegend sind es schon ältere Herren, die unsere Dienste in Anspruch nehmen … aber es waren auch schon welche in unserem Alter dabei.“

Wenn sie meint, mich damit umstimmen zu können, hat sie sich aber getäuscht.

„Ich würde es ja selbst machen, wenn nicht dieser blöde Magen-Darm-Infekt dazwischengekommen wäre.“

Und schon springt Nina vom Sofa auf und rennt ins Badezimmer. Wäre es nicht so eine ernste Sache, müsste ich bei ihrem Sprint lachen. Sonst bewegt sie sich nämlich sehr gemächlich. Was man bei ihrem Körperbau gar nicht vermuten würde. Sie ist wie dieses Faultier von Zoomania. Bloß, dass das Kerlchen sich noch schneller bewegt.

Nina ist einen Meter achtundsiebzig groß, schlank, und ihre Haut ist makellos. Selbst in ihrem jetzigen Zustand, mit ihrer blassen Haut und den aufgequollenen Augen, könnte sie es glatt mit jedem Supermodel aufnehmen. Wäre sie nicht meine beste Freundin, könnte ich glatt eifersüchtig auf sie sein. Ich hingegen bin bloß einen Meter fünfundsechzig groß und habe ein paar Kilos mehr auf den Rippen.

Ich höre Nina gequält würgen und verziehe mitfühlend mein Gesicht. Diese blöde Gastroenteritis macht zurzeit die Runde und hat Nina, die Arme, volle Kanne erwischt. Gestern Abend war noch alles gut, aber seit den frühen Morgenstunden sprintet sie zwischen Klo und Bett hin und her. Gegen Mittag konnte ich sie dann dazu überreden, ihr Schlaflager im Wohnzimmer aufzuschlagen. Unser Sofa ist riesig und fast genauso bequem wie ein richtiges Bett. Hier habe ich Nina besser im Blick und kann gleich reagieren, wenn sie etwas benötigt. Ich würde gern mehr für sie tun, aber ich kann nur hilflos zusehen und versuchen, ihr danach zumindest etwas Flüssigkeit zu geben, damit sie nicht dehydriert.

Die Klospülung geht, und kurz darauf taucht Nina in meinem Blickfeld auf. Sie bewegt sich ganz langsam. Ich gehe schnell zu ihr hinüber, um ihr auf das Sofa zu helfen. Sie ist ganz blass und schließt sofort die Augen, als sie in einer liegenden Position ist. Auch wenn ich mit Nina mitleide, hoffe ich doch im Inneren, dass sie diese Schnapsidee von vorhin vergessen hat und nicht wieder davon anfängt.

„Willst du was trinken?“

Sie schüttelt nur den Kopf und haucht: „Danke, aber ich bekomme jetzt nichts runter.“ Als sie die Augen noch fester zusammenkneift, tut mir das in der Seele weh. Vorsichtig decke ich Nina zu und warte, bis sie ihre blau-grauen Augen wieder öffnet. Dieses Mal dauert es viel länger.

„Bitte, Emma.“ Ich sehe Nina mit gerunzelter Stirn an, und sie spricht mit leiser Stimme: „Du weißt so gut wie ich, dass wir das Geld dringend brauchen.“

Damit hat sie natürlich den wunden Punkt getroffen. Die Aufträge für Nina sind im letzten halben Jahr stark zurückgegangen, und seit ich meinen Job im Hotelmanagement verloren habe, sind wir mehr denn je auf das Einkommen von Nina angewiesen. Wir liegen mit unserer Miete bereits seit drei Monaten im Rückstand. Jeden freien Cent, den wir zur Verfügung haben, geben wir unserem Vermieter. Aber das ist zurzeit bloß ein Bruchteil, und das wird er nicht mehr lange mitmachen. Erst gestern war er schon wieder da und machte mehr als deutlich, dass das kein Dauerzustand sein könnte. Wir mussten sogar Ninas Audi verkaufen, weil die Kosten für zwei Fahrzeuge einfach zu hoch waren. Und da mein kleiner Flitzer nicht viel verbraut, fiel die Wahl leider auf ihr Auto. Doch auch durch diese Einsparung wird unser Schuldenberg nicht niedriger. Wie oft habe ich deswegen schon schlaflose Nächte gehabt. Wenn wir nicht bald das Geld auftreiben können, werden wir wohl oder übel unter irgendeiner Brücke hausen müssen. Ich sehe uns schon mit Ratten um Brotkrümel kämpfen. Bei dieser Vorstellung schüttelt es mich innerlich. So weit darf es auf keinen Fall kommen. Allerdings kann ich unmöglich die Begleitung für irgendeinen alten notgeilen Kerl spielen. Das schaff ich einfach nicht.

„Es ist nur ein ganz normales Geschäftsessen. Du gehst mit ihm in ein schickes Restaurant und tust so, als wärst du seine Freundin“, versucht Nina mich vom Gegenteil zu überzeugen.

„Warum kann der nicht einfach alleine mit seinen Geschäftsleuten essen?“

„Dieser Jack Twain ist so ein Workaholic, der nur für seine Firma lebt. Er hat wohl keine Zeit … für andere Dinge in seinem Leben.“ Sie macht eine kurze Pause und spricht dann mit etwas kräftigerer Stimme: „Das kannst du ihn ja später selbst fragen.“

„Du meinst, falls ich es mache.“

„Du wirst es machen. Dafür kenne ich dich viel zu gut.“ Ein feines Lächeln huscht über ihr Gesicht. Doch dann verschwindet es direkt wieder, als eine neue Welle der Übelkeit sie überkommt. Nina springt auf und rennt zurück ins Bad. Ich hasse es, meine beste Freundin so leiden zu sehen. Während sie noch im Bad ist, verlasse ich das Wohnzimmer und gehe hinüber zu unserer offenen Küche. Nina braucht dringend etwas Flüssigkeit.

Als ich an dem großen Tresen vorbeikomme, fällt mein Blick auf die silberne Marmorplatte. Darauf befindet sich ein großer, weißer Umschlag. Ich betrachte ihn wie ein seltenes Tier. Mit langsamen Schritten gehe ich darauf zu. Es ist eine stille Abmachung zwischen Nina und mir, dass ich ihre geschäftliche Post ignoriere. Ich akzeptiere ihren Beruf, aber das bedeutet noch lange nicht, dass ich ihn gutheiße. In der heutigen Zeit laufen so viele kranke Menschen herum, die, ohne mit der Wimper zu zucken, ein Leben auslöschen. Und ich habe Angst um meine beste Freundin, dass sie bei einer dieser „Verabredungen“ an den falschen Kerl gerät. Ich könnte es nicht ertragen, wenn ihr jemand etwas Böses antäte. Aber angesichts der Umstände, kann ich meine Neugierde nicht kontrollieren. Nina hatte den Umschlag gestern Abend schon geöffnet. Ich klappe die Seitentasche auf und hole den Hefter heraus, der sich in seinem Inneren befindet. Auf den einzelnen Blättern ist fein säuberlich notiert, wie sich Nina an diesem Abend zu verhalten hat. Ich schüttle mit dem Kopf, als ich das lese.

Mal im Ernst, hat dieser Kerl nichts Besseres in seinem Leben zu tun?

Unter anderem steht dort, dass Nina nur das Wort ergreifen darf, wenn man sie direkt anspricht. Auch wird des Öfteren, oder besser gesagt auf jeder einzelnen Seite, erwähnt, dass er großen Wert auf Pünktlichkeit legt. Nina hat bis spätestens achtzehn Uhr beim Restaurant zu sein, und sie würden sich dann an der Bar treffen. Dieser Kerl hat echt eine Meise. Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter, wo es Frauen verboten wurde, eigenständig zu denken und zu handeln. Am liebsten würde ich diese Blätter in tausend Stücke zerreißen. Aber ich will unbedingt wissen, welche haarsträubenden Vorstellungen dieser Bekloppte noch hat. Auf der letzten Seite lese ich, dass um sechzehn Uhr ein Bote mit einem Kleid vorbeikommen wird.

Aber sonst geht es diesem Typ noch ganz gut. Der will Nina ernsthaft vorschreiben, was sie anzuziehen hat? Auf gar keinen Fall, werde ich diesen Job übernehmen!

Plötzlich höre ich wieder diese herzzerreißenden Geräusche, die Nina von sich gibt, und mich überkommt ein schlechtes Gewissen. Nina ist meine beste Freundin und die einzige Familie, die ich noch habe. Ich will nicht, dass sie meinetwegen auch noch ihre Arbeit verliert. Auch wenn ich jedes Mal tausend Tode sterbe, wenn sie unterwegs ist. Aber Nina hängt sehr an ihrem Job, und wer weiß, ob sie dann noch einmal gebucht wird, wenn sie diesen wichtigen Termin platzen lässt. Ich nehme mir die Auflistung erneut zur Hand, als es plötzlich an der Tür läutet. Ich lasse die Blätter so schnell wieder fallen, als hätte ich mich daran verbrannt.

Es klingelt erneut. Aber nicht bloß einmal, nein, es läutet wieder und wieder, bis ich bei der Haustür angekommen bin. Als ich sie öffne, steht ein junger Typ mit genervtem Gesichtsausdruck vor mir. Er trägt eine blau-schwarze Uniform und hält mir ungeduldig sein Klemmbrett zum Unterschreiben hin. Kaum habe ich das S von Emma Evans geschrieben, zieht er es auch schon unter meiner Nase weg und verschwindet. Kopfschüttelnd hebe ich das Paket vom Boden auf und gehe damit nach drinnen. Ich habe es gerade auf den Tisch im Wohnzimmer abgestellt, als Nina wieder aus dem Bad kommt. Sie ist noch blasser als vorher. Ich stütze sie bis zum Sofa und decke sie anschließend wieder schön kuschelig zu.

„Ein Bote hat das Outfit für heute Abend vorbeigebracht.“

Nina will gar nicht wissen, woher ich weiß, was in dem Paket ist, sondern fragt mit leiser Stimme: „Und, wie sieht es aus?“

„Ich habe noch nicht nachgesehen.“ Mir kommt eine Idee. „Das könnte ich aber schnell nachholen … vorausgesetzt du trinkst vorher etwas.“

Dass es Nina total mies geht, erkenne ich daran, dass sie keine Widerworte gibt. Alleine wenn es um unser abendliches Fernsehprogramm geht, diskutieren wir eine halbe Ewigkeit. Und wenn wir uns dann für ein Programm entschieden haben, ist der Film bereits im vollen Gange.

Nachdem Nina ihren Teil des Deals erfüllt hat, gehe ich hinüber zum Tisch und öffne das Paket. In seinem Inneren liegen zwei braune Schachteln. Ich nehme die erste zur Hand und hebe den Deckel ab. Als ich das Papier zurückschlage, schnaube ich abfällig. Ich fasse das kleine Schwarze an seinen Trägern und hole es aus seiner Verpackung. Dabei betrachte ich den hauchzarten Stoff des Kleides und sage mit angewidertem Blick: „Wow, der hat sich echt Mühe beim Aussuchen gegeben.“

Ich öffne die zweite Schachtel. Darin befinden sich unfassbar hohe schwarze High Heels. Welche Sorte von Mann einer fremden Frau solche Klamotten schicken kann, ist mehr als offensichtlich. In meinem Kopf entsteht das Bild von einem alten untersetzten Knacker, der seine schmierigen Finger nicht bei sich behalten kann. Es schüttelt mich innerlich.

Wie ekelhaft ist das denn bitte, denke ich mir. Dieser Typ erfüllt genau das Klischee von einem alten notgeilen Bock, der sich für Geld ein Mädel aus einer Begleitagentur buchen muss. Ich bekomm schon Herpes, wenn ich nur daran denke, seine Freundin spielen zu müssen.

„Und wie lautet deine Entscheidung?“, will Nina wissen.

„Ehrlich gesagt … stellen sich gerade meine ganzen Nackenhaare auf. Ich kann das nicht, Nina!“

„Es tut mir ja auch leid, aber …“

„Ja, ich weiß.“ Sage ich beschwichtigend.

Ohne Auftrag, kein Geld. Und ohne Geld können wir die Miete nicht zahlen und werden hungernd unter der Brücke landen. Vielleicht ist der Film, der gerade in meinem Kopf abläuft, völlig übertrieben. Ja, womöglich ist er ein Kerl Anfang sechzig. Na und? Er könnte doch auch super nett und zuvorkommend sein.

Und außerdem ist es schnell verdientes Geld, das uns die nächsten Wochen über Wasser halten würde.

„Aber das da …“, ich zeige angewidert auf diese Unterwäsche, „ziehe ich auf gar keinen Fall an.“

„Bitte, Emma. Du musst das anziehen. Er wird schon nicht begeistert darüber sein, dass du brünett bist.“

„Was!?“

„Er steht wohl eher auf Blondinen.“

„Ich werde mir aber unter Garantie nicht die Haare färben.“

„Nein, das musst du auch nicht. Dafür reicht die Zeit eh nicht mehr aus.“ Sie atmet geräuschvoll und spricht weiter: „Bitte zieh es an. Es sieht doch gar nicht so schlecht aus.“

„Nicht schlecht? Das Kleid ist viel zu eng und viel zu kurz! Bei meinen Hüften und meinem Busen, da könnte ich auch gleich nackt gehen.“

Ein Lächeln huscht über Ninas Lippen. Doch die Strafe dafür bekommt sie in der nächsten Sekunde. Sie kneift ganz fest ihre Augen zusammen und atmet hektisch ein und aus. Sie so zu sehen, ist kaum auszuhalten.

„Bitte.“ Kommt es gequält von Nina.

„Ich bin aber nicht so wie du. Ich kann keinen Smalltalk mit völlig Fremden halten.“

Was voll und ganz der Wahrheit entspricht. Bei Freunden kommen die Worte nur so herausgepurzelt, aber wenn ich jemanden noch nicht kenne, verhalte ich mich wie eine verschlossene Auster.

„Du schaffst das schon.“

„Und über was soll ich eigentlich mit denen reden?“

„Unterhalte dich über ganz unverfängliche Dinge: das Wetter, Bücher, Musik. Du kannst eigentlich über alles sprechen.“

Ich lasse mir ihre Worte durch den Kopf gehen. Das hört sich in der Tat gar nicht so kompliziert an. Noch dazu können wir mit dem gezahlten Honorar, zumindest einen Teil unserer Schulden begleichen, was eine große Anspannung von mir nehmen würde. Zwar fühle ich mich nicht sonderlich wohl bei dem Gedanken, aber ich weiß im Moment auch keine andere Lösung für unsere Situation.

Nina sieht mich voller Hoffnung an, und ich kann gar nicht anders, als zu sagen: „Ruh du dich aus. Ich werde mich für diesen Termin fertig machen.“

Ich muss ihr ja nicht verraten, dass ich es dann aber auf meine Art machen werde. Schnell verschwinde ich in meinem Zimmer und suche nach einem passenden Outfit. Ich entscheide mich für ein luftiges Sommerkleid, welches meine Kurven leicht betont und den Ansatz meiner Brüste erahnen lässt. Es ist eins meiner Lieblingskleider und das genaue Gegenteil von diesem kleinen Schwarzen. Da hätte ich gleich nur in Unterwäsche gehen können.

Zu dem Kleid wähle ich noch meine weißgepunkteten blauen Pumps. So bin ich zumindest von der Größe her Nina sehr ähnlich. Ich will diesen alten perversen Typen ja nicht zu sehr überfordern.

Ich überlege, meine braune Lockenmähne offen zu tragen. Ein gehässiges Grinsen umspielt meine Lippen, während ich an das Gesicht dieses Knackers denke. Er wird ganz schön blöd gucken, wenn keine Blondine an der Bar auf ihn wartet. Ich springe unter die Dusche und mache mich ganz in Ruhe fertig.

Nachdem ich dezentes Make-up aufgelegt habe, betrachte ich mein Werk im Spiegel. Also mir gefällt es. Zumindest habe ich jetzt weniger das Gefühl, mich zu verkleiden. Ich sehe auf die Uhr und stelle mit Erstaunen fest, dass es bereits siebzehn Uhr dreißig ist. Bei wenig Autoverkehr könnte ich die Strecke in circa einer halben Stunde zurücklegen. Da werde ich, wie von diesem Tyrannen gewünscht, pünktlich um achtzehn Uhr am Restaurant ankommen. Ein böses Grinsen huscht über mein Gesicht. In seiner detaillierten Anweisung hat er nicht erwähnt, dass Nina um Punkt achtzehn Uhr an der Bar zu sitzen hat. Man könnte also mit ruhigen Gewissen davon ausgehen, dass es völlig ausreichend wäre, wenn ich um diese Zeit auf dem Gelände des Restaurants bin. Und das werde ich ja im Endeffekt sein.

Schnell husche ich an Nina vorbei, um zu dem Garderobenständer im Flur zu gelangen. Ich ziehe meinen langen schwarzen Mantel über und so bemerkt Nina gar nicht, dass ich überhaupt nicht das Kleid von diesem Widerling trage.

„Brauchst du noch irgendwas, bevor ich gehe?“

„Nein alles gut … danke!“ Flüstert Nina.

Bevor ich es mir noch anders überlegen kann, hole ich ihr Handy aus dem Schlafzimmer und lege es auf das kleine Schränkchen neben dem Sofa.

„Wenn was ist, ruf an.“

„Mach ich.“

KAPITEL 2

Emma

Zum wiederholten Male schüttle ich fassungslos den Kopf. Wie konnte ich mich nur auf diese Schnapsidee einlassen? Okay, es gibt gute Gründe, um es zu tun, aber ich bin dafür doch die komplette Fehlbesetzung. Ich bin nicht gut im Smalltalk halten und meine schauspielerischen Talente lassen sehr zu wünschen übrig. Genauso gut könnte ich versuchen, einen Handstand zu machen … Was mit einem schmerzhaften Plumps auf dem Rücken enden würde.

Ich bin einfach keine professionelle Begleitdame. Ich weiß doch überhaupt nicht, wie man sich in so einer Situation zu verhalten hat. Ich frage mich, wie das normalerweise abläuft. Werden den Neuankömmlingen in der Agentur Schulungsvideos gezeigt, die einen darüber aufklären, wie man sich als Begleitdame zu verhalten hat? Womöglich werden sogar Kurse gegeben. Ich habe keine Ahnung.

Und dann gibt es auch noch das große Problem, dass ich mich nicht verstellen kann. Wenn ich jemanden nicht leiden kann, spricht mein Gesichtsausdruck Bände. Ich versuche, meine Mimik zwar unter Kontrolle zu halten, aber das gelingt mir in den wenigsten Fällen. Zumindest bekomme ich das immer von Nina zu hören.

Der Verkehr ist schrecklich langsam, und es ist nach neunzehn Uhr, als ich endlich mein Ziel erreiche. Ein bisschen plagt mich schon das schlechte Gewissen. Obwohl ich verantwortungsbewusst, wie ich nun mal bin, im Restaurant Bescheid gesagt hatte, als abzusehen war, dass ich es nicht pünktlich schaffe. Den Namen des Restaurants wusste ich ja, und dank Google hatte ich die Telefonnummer schnell herausgefunden.

Ich muss mit den Augen rollen, als ich an dieses Telefonat zurückdenke. Dieser Mann, der am anderen Ende der Leitung war, ich vermute mal ein Kellner, wollte natürlich wissen, wem genau er Bescheid sagen soll. Ich habe schon leichte Schweißausbrüche bekommen, weil mir der Name von diesem Kerl nicht einfallen wollte. Ich hatte ihn definitiv in den Unterlagen irgendwo gelesen, nur liegen die dummerweise zu Hause in der Küche. Ich könnte schwören, dass Nina den Namen auch gesagt hatte. Kurz habe ich überlegt, sie anzurufen. Doch sofort schoss mir das Bild durch den Kopf, wie sie ganz blass und hilflos auf dem Sofa liegt. Ich schüttelte den Kopf und erwiderte stattdessen: „Wenn jemand nach einer Nina fragt, richten Sie ihm bitte aus, dass ich unterwegs bin.“

Während ich weiter gewartet habe, dass die Autos vor mir endlich wieder Gummi geben, habe ich kurzerhand eine gemeinsame Freundin angerufen. Ich habe Rita gebeten, nach Nina zu sehen, und sie will mir Updates geben, wie es ihr geht. Gleich danach habe ich Nina angerufen, damit sie keine Panik bekommt, wenn auf einmal Rita vor ihr steht. Was man doch alles während eines Staus erledigen kann!

Ich parke meinen kleinen silbernen Fiat Punto auf dem Gelände und gehe schnell ins Innere des Restaurants. Dort angekommen, bleibe ich wie angewurzelt stehen. Bisher war ich noch nie in einem Fünf-Sterne-Restaurant, und wenn ich mich so umsehe, merke ich, dass das auch kein Ort ist, an dem ich mich wohlfühlen könnte. Das Ambiente sprüht nur so vor Luxus, und überall stehen Skulpturen, die sicher allesamt ein Vermögen kosten. Ich werde mich hier ganz vorsichtig bewegen müssen, um nicht aus Versehen so ein super teures Teil kaputt zu machen. Das würde mir gerade noch zu meinem Glück fehlen. Das ist mir hier alles viel zu protzig. Eindeutig nicht meine Welt. Ich gehe viel lieber in ein schönes kleines Bistro, wo man das Gefühl hat, nach Hause zu kommen. Hier hingegen habe ich den Eindruck, als würden mich alle anstarren und wissen, dass ich nicht hierhergehöre.

Mein Pulsschlag beschleunigt sich, und ich muss mich zwingen, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Ich versuche, die anwesenden Gäste gar nicht weiter zu beachten, und suche stattdessen nach dieser Bar. Ich muss ein gutes Stück durch den Raum gehen, bis ich mein Ziel endlich entdeckt habe.

Ein bisschen graut es mich schon davor, nun diesem Kerl gegenüberzutreten. Ich versuche, mir selbst Mut zuzusprechen.

Du schaffst das! Du schaffst das! Du schaffst das!

Aber es funktioniert nicht. Unwillkürlich frage ich mich, wie dieser Abend hier laufen wird, und bekomme fast eine richtige Panikattacke. Ich merke, wie mir das Atmen von Schritt zu Schritt schwerer fällt, und spiele mit dem Gedanken, mich einfach umzudrehen. Niemand weiß schließlich, wer ich bin und was ich hier mache. Und bis jetzt ist ja auch noch nichts passiert.

Oh man, Emma, jetzt reiß dich doch endlich mal zusammen. Vielleicht wird dieser Abend auch ganz lustig.

Ich schnaube verärgert. Als ob ich den Abend an der Seite eines widerlichen alten Kerls genießen könnte. Panik überkommt mich.

Was ist, wenn er auf verliebtes Paar machen und mit mir herumknutschen will?

Ich versuche, meine aufwühlenden Gedanken zu ordnen, denn Nina hat noch nie von so einem Vorfall gesprochen. Selbst wenn wir diese stille Vereinbarung haben, hätte sie mir das unter Garantie erzählt.

Ich straffe meine Schultern und gehe weiter zur Bar. Dabei fallen mir die interessierten Gesichter einiger männlichen Gäste auf, und ich fühle mich wieder sehr unwohl.

Ich kann das einfach nicht!

Ich drehe mich auf dem Absatz um und will mit schnellen Schritten das Restaurant verlassen. Viel zu spät bemerke ich die große dunkle Gestalt vor mir und stoße direkt mit ihr zusammen. Ich nehme sofort einen herben und gleichzeitig süßlichen Duft wahr. Ich bin eindeutig gegen einen Kerl gelaufen. Einem sehr trainierten, stelle ich fest. Als ich aufblicke, um mich zu entschuldigen, habe ich nur einen sehr beeindruckenden Oberkörper in meinem Blickfeld. Ich muss meinen Kopf in den Nacken legen, um sein Gesicht betrachten zu können. Und was ich da zu sehen bekomme, verschlägt mir die Sprache. Ich blicke in das schönste männliche Gesicht, das ich je gesehen habe. Ich habe fast den Eindruck, als würde er einer griechischen Gottheit entstammen. Nicht nur seine Aura vermittelt das, sondern auch seine markanten Wangenknochen.

Und wow, was für Augen! Sie sind so grün wie Smaragde. Ich könnte mich glatt in ihnen verlieren.

Ich atme tief durch und versuche, mich auf mein Gegenüber zu konzentrieren. Ich schätze ihn so in meinem Alter ein, Anfang bis Mitte Dreißig. Er hat kurze schwarze Haare und einige kleinere Leberflecke an Hals, Kinn und Stirn. Wie gern würde ich die einzelnen Punkte mit meinen Fingern nachfahren. Seine Lippen sind voll und geschwungen, sie laden einen regelrecht dazu ein, an ihnen zu knabbern. Plötzlich stelle ich mir vor, wie sie fordernd über meinen erhitzten Körper gleiten. Ein warmes Prickeln breitet sich in meinem Unterleib aus. Diesen Kerl würde ich auf jeden Fall nicht von meiner Bettkante stoßen. Und das, obwohl ich normalerweise nur auf große Hände und knackigen Po stehe. In seinem Gesicht zeichnet sich ein selbstgefälliger Ausdruck ab. Er weiß genau, welche Wirkung er auf seine Umwelt hat. Die maßlose Arroganz, die dadurch zum Vorschein kommt, lässt meine erhitzte Haut sofort abkühlen. Jetzt würde ich den noch nicht mal mit der Kneifzange anfassen.

Wie ich solche Menschen verabscheue, die so dermaßen von sich selbst überzeugt sind. Ich muss mich stark zusammennehmen, um ihn nicht abfällig anzufunkeln. Er hingegen mustert mich kühl von Kopf bis Fuß und scheint dabei festzustellen, dass ich nicht weiter wichtig bin. Er lässt mich einfach stehen, ohne ein Wort zu sagen. Ich fühle mich beschämt und spüre, wie meine Wangen beginnen zu glühen.

So ein blöder Arsch!

Auf diesen Schock brauche ich jetzt erst mal einen Drink, mit ganz viel Alkohol. Ich gehe in die Richtung, in die dieser eingebildete Affe gerade verschwunden ist, und setze mich auf einen Barhocker. Als der Barkeeper fragt, was ich haben will, bestelle ich mir einen Gravestone. Es dauert nicht lange und mein gewünschter Cocktail steht vor mir. Der junge Barkeeper lächelt mich freundlich an. Er scheint wohl zu merken, dass es mir im Moment nicht so gut geht. Ich nehme einen Schluck und muss husten. Der Alkohol brennt in meiner Kehle. Aber genau das brauche ich jetzt. Kurz darauf habe ich den Geschmack von Limette auf meiner Zunge. Das verleiht dem Drink eine frische Note und rundet das Ganze perfekt ab.

Wärme breitet sich in meinem Inneren aus, und ich fühle mich gleich viel besser. Ich verschwende keinen Gedanken mehr an diesen aufgeblasenen Typen von eben. Erleichtert atme ich aus und bin nun nicht mehr ganz so nervös wie bei meiner Ankunft in diesem Schickimickiladen. Ungeniert sehe ich mich an der Bar um, kann aber keinen alten und alleinstehenden Kerl ausmachen.

Da bin ich wohl nicht die Einzige, die heute zu spät auf der Bildfläche erscheint.

Ich nippe noch einmal leicht an meinen Drink. Er schmeckt so gut, dass ich ihn zu gerne in einem Zug leeren würde. Aber das wäre keine gute Idee. Der Alkohol würde mir gleich zu Kopf steigen, und dann wäre ich nicht mehr Herrin meiner Sinne. Das darf auf keinen Fall passieren.

Die Minuten verstreichen, und ich überlege zum x-ten Mal, ob ich das Restaurant nicht doch besser wieder verlassen soll. Es ist vielleicht ein Zeichen, dass der Kerl noch nicht da ist. Ich sollte meine Chance nutzen und von hier abhauen.

„Sie sind nicht blond.“ Kommt es plötzlich von einer dunklen Stimme hinter meinem Rücken.

Verwundert drehe ich mich um und zucke erschrocken zusammen. Obwohl ich auf einem hohen Barhocker sitze und er steht, sehe ich in grüne Augen, die mir sehr bekannt vorkommen.

Was will der denn von mir?

Er betrachtet mich mit strengem Blick, aber das macht mir nichts aus. Ich verspüre kein Unwohlsein, was mir zeigt, dass der Alkohol bereits seine volle Wirkung entfaltet. Im normalen Zustand hätte ich mich vor Scham gleich unter dem Barhocker verkrochen.

Aber dank des Drinks gehe ich sogar so weit und betrachte ihn in aller Ruhe etwas genauer. Und was ich sehe, gefällt meinen Hormonen ausgesprochen gut.

Der Stoff seines dunklen Anzugs sieht sehr teuer aus und ist bestimmt irgendein Designerfummel von Armani, oder wie diese ganzen teuren Labels heißen. Ich muss gestehen, dass es zu ihm passt und ihn sehr wichtig erscheinen lässt … diesen dunklen und geheimnisvollen griechischen Gott.

Okay, ich brauche sofort einen Kaffee. Ich bin ja jetzt schon betrunken.

Ich schüttle meinen Kopf, um wieder klar zu werden. Als ich dann wieder zurück in sein Gesicht sehe, scheinen seine Augen förmlich Funken zu sprühen. Doch ich bin immer noch in meinem Nebel. Dieser strenge Blick beeindruckt mich kein Stück.

Ich weiß nicht warum, aber plötzlich kommt alles wieder hoch: meine Kündigung, die Verabredung mit irgendeinem alten Macho-Arsch und dann auch noch dieser Idiot vor mir, der sich für unwiderstehlich hält. All das führt dazu, dass ich mein gutes Benehmen vergesse und ihm ins Gesicht fauche: „Und du bist nicht George Clooney. Da haben wir wohl beide kein Glück! Also verschwinde, ich warte hier auf jemanden.“

Ich drehe mich auf meinem Hocker um und nippe einfach weiter an meinem Drink. Ein Gefühl des Triumphes steigt in mir auf, und ich kann es kaum erwarten, Nina davon zu erzählen. Nun fühle ich mich wie eine Superheldin, die gerade einen Schurken zur Strecke gebracht hat.

„Und Sie sind viel zu spät.“

Zu spät für was? Ich denke einen Augenblick über seine Worte nach und schlage mir gedanklich gegen meinen Kopf. Nein, das ist nicht möglich.

Ich drehe mich langsam zu ihm um und sehe, wie er eine Augenbraue nach oben zieht. Irgendwie habe ich den Eindruck, als wäre ich ein ungezogenes Mädchen und würde gleich richtig Ärger bekommen. Er gehört wohl zu der Sorte Mensch, die keine Fehler dulden. Nicht mal die klitzekleinsten. Schnell drehe ich mich wieder um und überlege, wie es nun weitergehen soll. Zwar bin ich positiv überrascht, dass es sich bei dem Typ nicht um einen alten Kerl handelt, aber ob er die richtige Alternative ist, wage ich zu bezweifeln.

Wie soll ich es denn anstellen, seine Freundin zu spielen?

Was sein Äußeres angeht, wäre es kein Problem. Er ist wirklich sehr attraktiv. Nur kann ich mich leider nicht auf das Optische konzentrieren. Es hat mich viel zu sehr gekränkt, dass er mich vorhin einfach so stehengelassen hat. Als wäre ich ein Insekt, das seiner Aufmerksamkeit nicht würdig ist. Unbewusst kneife ich mir mit Daumen und Zeigefinger in meinen Handrücken. Das mache ich immer, wenn ich nicht weiß, wie es weiter gehen soll. Wie gern würde ich nun Nina um Rat fragen. Doch daraus wird jetzt wohl nichts; ich muss hier irgendwie allein durch. Ich nehme noch einen kräftigen Schluck von meinem Drink und drehe mich wieder zu ihm um. Ich versuche, ein freundliches Lächeln aufzusetzen, und sage: „Hallo mein Name ist ...“

„Ja, ich weiß wer Sie sind. Kommen Sie jetzt? Meine Geschäftspartner sind schon längst da und wir warten nur noch auf Sie.“

Ich sehe ihn perplex an und versuche ihm erneut zu erklären, dass ich nicht Nina bin. Aber ich komme gar nicht so weit. Er fährt mir erneut über den Mund und spricht: „Dies hier ist kein Date. Ich interessiere mich nicht für Sie und Ihr Geschwätz.“

Meine Augen verengen sich zu Schlitzen. Was bildet sich dieser Blödmann eigentlich ein?

„Los jetzt. Ich werde Ihnen auf den Weg zum Tisch alles Weitere erklären.“

Ich verschränke die Arme vor meiner Brust und sehe ihn herausfordernd an. Er fährt sich genervt mit seiner Hand durch seine Haare. Wäre er nicht so ein blöder Arsch, würde ich ihn in diesem Moment richtig sexy finden.

Wenn ich ehrlich bin, hätte ich es wirklich schlechter treffen können. Auch wenn ich um solch aufgeblasenen Typen eigentlich einen großen Bogen mache, brauchen wir dringend das Geld, und es wäre egoistisch, es nicht zu tun, nur weil mir sein Charakter nicht gefällt. Für zwei bis drei Stunden sollte das eigentlich kein Problem sein.

„Bringen wir es einfach hinter uns.“ Antworte ich. Zum Glück sagt er nichts weiter dazu und wir gehen gemeinsam in Richtung der Tische. Lange bleibt mir diese Stille aber nicht vergönnt.

„Wie Sie bereits aus den Unterlagen wissen, treffen wir uns mit Penelope Master und ihrem Sohn Peter Master. Seine Mutter ist eine alte Matrone und begleitet ihren Sohn zu allen wichtigen Verhandlungen. Beide sind sehr familienorientiert und würden daher niemals in einen Junggesellen investieren. Ihre Anwesenheit ist daher aus strategischen Gründen sehr wichtig.“

Er nickt einem Mann zu, der uns entgegenkommt, und spricht dann weiter: „Mein stellvertretender Geschäftsleiter und ich sind schon seit Monaten an diesem Deal dran, daher vermasseln Sie es bitte nicht. Sie müssen nur nicken und lächeln. Es wird nicht verlangt, dass Sie sich mit den beiden kultiviert unterhalten sollen.“

Das hat er jetzt nicht wirklich gesagt! Er stellt mich ja so hin, als wäre ich ein kleines Dummchen, das sich nicht normal mit erwachsenen Menschen unterhalten kann. Für dieses chauvinistische Verhalten würde ich ihm gerne eine verpassen. Was denkt der eigentlich, wer er ist?

Kurz überlege ich, meine guten Vorsätze zu vergessen und wieder umzukehren. Aber ich denke an meine kranke Freundin zu Hause, und an die unbezahlten Rechnungen an unseren Vermieter. Ich seufze.

Wir gehen durch den kompletten Essbereich bis zu einem angrenzenden Raum. Er hält mir galant die Tür auf, und ich schlüpfe, unter seinem durchbohrenden Blick, in das Zimmer hinein. Ein einzelner Tisch befindet sich schräg in der Mitte des Raumes. Daran sitzt eine gelangweilt wirkende ältere Dame und unterhält sich mit einem jüngeren Mann. Sie haben uns noch nicht bemerkt, und ich kann mir die zwei in Ruhe ansehen. Irgendwie erinnert mich die Frau an eine hoheitsvolle Gräfin aus einer früheren Zeit. Ihre schneeweißen Haare sind akkurat hochgesteckt, und um ihren Hals, den Handgelenken und Fingern liegen Unmengen an Schmuck. Sie trägt ein schlichtes schwarzes Kostüm und ist alles in allem eine beeindruckende Erscheinung. Da ist der Mann neben ihr das genaue Gegenteil. Er trägt einen schlichten braunen Anzug und seine kurzen dunklen Haare durchziehen feine graue Strähnen. Das sind dann wohl die Masters.

Sofort nimmt der Kerl neben mir meinen Arm und legt ihn in seine Armbeuge. Es fühlt sich unangenehm an, ihn so nahe an meiner Seite zu spüren. Ich muss den Impuls unterdrücken, meinen Arm nicht aus seiner Umklammerung wegzuziehen.

Als wir so vereint am Tisch ankommen, verkündigt er: „Meine liebe Frau Master … Peter, darf ich Ihnen meine Freundin Nina vorstellen?“

Bei dem Namen komme ich kurz in Stocken. Verdammt, ich habe ihn jetzt gar nicht mehr über meine Identität aufgeklärt.

Ich überlege, wie sich Nina nun verhalten würde und setze mein strahlendes Lächeln auf. Sofort erhebt sich Peter Master und hält mir seine Hand entgegen, die ich – ohne zu zögern – ergreife.

„Es freut mich, Sie endlich kennen zu lernen. Jack hat nur in den höchsten Tönen von Ihnen gesprochen.“ Sagt er, während er mir fast die Hand zerquetscht. Er scheint sehr freundlich zu sein.

„Jack, ich meinte, Sie erwähnten, dass ihre Freundin blond wäre.“

Autsch. Das kam von der alten Dame. Sie mustert mich von Kopf bis Fuß. Ich bin wie erstarrt.

„Meine Schöne wechselt gerne ihre Haarfarbe.“ Kommt es locker von diesem Jack. Dabei sieht er mich ganz verliebt an. „Wenn ich morgens das Haus verlasse, kann es schon mal passieren, dass Nina am Abend mit roten Haaren vor mir steht … Nicht wahr, mein Schatz?“

Ich hänge förmlich an seinen Lippen. Ich will etwas sagen, aber mein Mund gehorcht mir nicht. So etwas ist mir noch nie passiert. Wie kann es sein, dass ich ihn bis vor wenigen Sekunden noch dermaßen abstoßend fand und nun so sehr von seinem Charme eingenommen bin?

„Jetzt setzen Sie sich schon hin. Wir sind hier ja nicht in einem Stehcafé“, kommt es grummelnd von der älteren Frau.

Meine widersprüchlichen Gefühle verwirren mich. Wie ist so etwas bloß möglich? Entweder ich kann jemanden leiden oder eben nicht. Etwas dazwischen gibt es bei mir nicht. Zumindest bis eben.

Ich knöpfe meinen Mantel auf, und ganz gentlemanlike nimmt dieser Jack ihn entgegen. Dabei entgleist kurz sein verliebter Blick. Mit zusammengekniffen Augen begutachtet er mein Kleid. Es treibt mir die Röte ins Gesicht, als er einen Augenblick zu lange den Ansatz meiner Brüste betrachtet. Doch schnell hat er sich wieder gefangen. Er reicht einem Kellner meinen Mantel und rückt mir anschließend den gepolsterten Stuhl zu Recht. Nun sitze ich der alten Dame direkt gegenüber, die mich abschätzend betrachtet.

Dieser Abend wird ein Desaster.

„Bonjour Mesdames, Monsieurs!“ Ein anderer Kellner steht plötzlich neben mir und reicht jedem von uns eine Speisekarte. Kurz danach verschwindet er wieder. Es ist ein komisches Gefühl, nun mit drei völlig Fremden an einem Tisch zu sitzen und auch noch mit ihnen zu essen. Ich spüre ein Stechen in meinem Nacken. Ich muss mich dringend entspannen, sonst wird mich mein Rücken morgen umbringen.

Ich versuche, die Anwesenheit dieser fremden Menschen zu verdrängen und widme mich voll und ganz dem Speiseangebot. Ich schlage die erste Seite auf und muss schwer schlucken. Die Gerichte stehen alle in Französisch, und ich habe keine Ahnung, was sich hinter diesen Namen verbergen soll. Was zum Beispiel soll denn ein Blanquette de Veau sein? Oder eine Bouillabaisse? Die Namen habe ich zwar schon mal irgendwo gehört, aber ob sich dahinter etwas Leckeres oder vielleicht doch schleimige Schnecken verbergen, weiß ich nicht.

Verdammt, was mache ich denn jetzt?

Kurze Zeit später ist der Kellner wieder bei uns und sagt: „Mesdames, Monsieurs, haben Sie gewählt?“

Mir wird auf einmal ganz schlecht.

„Ja, das haben wir.“ Kommt es von dem Kerl neben mir. „Frau Master, Peter?“

„Ich nehme den Fisch en Papillote mit Piperade“, kommt es von Penelope Master.

„Und ich das Bœuf grillé aux sarments de vignes“, bestellt Peter Master.

„Das klingt hervorragend. Ich nehme das Gleiche wie Herr Master, und Nina bekommt die Tian mit grünem Spargel,“ ordert er, ohne nach meiner Meinung zu fragen. Dafür sollte ich ihm eigentlich dankbar sein, aber gleichzeitig trifft es mich, dass er offenbar sofort davon ausging, dass ich keine Ahnung habe. Ich fühle mich gerade, wie der dümmste Mensch auf Erden.

Der Druck in meiner Brust nimmt zu. Ich versuche, mir das Ganze nicht so zu Herzen zu nehmen. Zumal ich diese Menschen nach diesem Abend nicht noch einmal sehen werde. Da kann dieser Kerl doch ruhig denken, was er will.

Leider hat die Wirkung meines Cocktails bereits nachgelassen, und ich zwicke mir unter dem Tisch in meinen Handrücken. Ich muss irgendetwas machen, bevor meine Gedanken mich noch mehr verunsichern.

Ich erinnere mich an mein Gespräch mit Nina zurück und versuche, mit der alten Dame eine Unterhaltung zu führen. Aber das ist leider einfacher gesagt, als getan.

„Das Wetter ist für März bereits sehr angenehm.“

„Mmmh.“

Na, bravo. Das geht ja schon mal gut los.

Was hatte Nina gesagt, worüber ich noch sprechen könnte? Ach ja!

„Ihr Kostüm gefällt mir … Haben Sie das im Hellfeuer gekauft?“

„Jack, wie lange dauert es denn noch, bis das Dinner serviert wird?“

Autsch. Das war jetzt aber ganz schön unhöflich.

Betreten sehe ich auf den Tisch. Ich wollte doch nur ein wenig Smalltalk betreiben, aber die alte Dame hat diesen Versuch schnell zunichte gemacht. Ich fühle mich von Sekunde zu Sekunde unwohler. Wie soll ich diesen Abend nur überstehen?

Auf so ’nen Mist, werde ich mich nie wieder einlassen.

Jack

Wie konnte ich mich nur auf diese Schnapsidee einlassen? Morgen im Büro werde ich gleich meinem Kumpel und stellvertretenden Geschäftsleiter Ben seinen Hals umdrehen.

Wie konnte er mich bloß in diese Lage bringen?

Als wir vor gut zehn Jahren unsere gemeinsame Firma Future gründeten, konnten wir nicht ahnen, welche Dimension es einmal annehmen würde. Für das Startkapital plünderte ich damals meine Konten und verkaufte die ganzen Wertpapiere, die meine Eltern in jungen Jahren für mich angelegt hatten. Was als simple Idee begann, entwickelte sich schnell zum Erfolg. Was sich vor nicht allzu langer Zeit auf dem Firmenkonto widerspiegelte.

Doch zurzeit sieht es nicht rosig aus. Es vergeht kein Tag, an dem ich mir nicht selbst deswegen Vorwürfe mache. Nur durch meine Schuld sind wir jetzt auf Investoren angewiesen. Und sollten wir diese nicht bald auftreiben, werden über zweihundert Angestellte auf der Straße stehen. Ich stehe in letzter Zeit nur noch unter Strom und erkenne mich selbst kaum wieder in meinem angespannten Verhalten.

Aus dem Augenwinkel betrachte ich die Kleine neben mir. Ich hätte ihr vorhin sagen sollen, dass es keinen Sinn macht, die Dame Master in ein Gespräch zu verwickeln. Fast bekomme ich ein schlechtes Gewissen, als ich sie so mit hängenden Schultern sehe. Aber bei ihrem Job dürften ihr solche Begegnungen bestimmt nicht ganz fremd sein.

Emma

Die Minuten verstreichen so verdammt langsam, dass meine Stimmung immer mehr kippt. Ich muss mich irgendwie ablenken. Ein neuer Kampfgeist erwacht in mir, und ich versuche, mich nicht von der alten Dame so einfach unterbuttern zu lassen. Wäre Nina an meiner Stelle, würde sie das auch nicht tun. Also wage ich einen neuen Versuch.

„Sind Sie und Ihr Sohn schon länger in Hamburg?“

„Seit zwei Tagen.“

„Ah. Und wie gefällt es Ihnen bis jetzt?“

„Es ist laut, und es laufen zu viele Leute hier herum.“

„Naja, Hamburg ist eben eine sehr beliebte Stadt … Waren Sie denn schon im Speicherstadtmuseum?“

„Nein.“

„Dann sollten Sie das unbedingt nachholen. Es ist zwar nur ein kleines Museum, aber dort gibt es einiges über Hamburg zu entdecken.“

„Mmmh.“

Oh Mann, das ist ja zum Mäusemelken.

Ich überlege einen Moment und versuche es mit etwas ganz anderem: „Kennen Sie das Musical der König der Löwen?“

„Nein.“

„Die Musik und die Kulisse sind einfach atemberaubend schön. Es wird die Geschichte von dem kleinen Löwenjungen Simba erzählt … Sein Vater wird von Simbas bösem Onkel Scar getötet. Und Scar lässt den kleinen Simba glauben, dass es seine Schuld war… Simba läuft daraufhin von zu Hause weg, und …“

„Schätzchen, jetzt verrate doch nicht alles. Sonst hat Frau Master keinen Grund mehr, sich das Musical anzusehen.“ Obwohl Jack mich dabei anlächelt, erreicht es nicht seine Augen. Ich erkenne die Warnung, die hinter seinen Worten lauert, und gebe mich endgültig geschlagen. Die alte Dame ist echt ein harter Knochen. Also schweige ich und lausche stattdessen dem Gespräch der beiden Männer.

Sie unterhalten sich darüber, wie sich der Markt in den letzten Jahren entwickelt hat. Daraufhin erläutert dieser Jack, was er und sein Geschäftspartner Ben geplant haben. Ich verstehe bei diesem Fachchinesisch zwar nur die Hälfte, aber was ich so mitbekomme, entwickeln sie irgendwelche nachhaltigen Produkte. Diese sollen die Umwelt entlasten und gleichzeitig regenerieren. Alles in Allem eine noble Idee, die ich ihm gar nicht zugetraut hätte.

Die Stimmen der beiden Herren lullen mich langsam ein. Ich merke, wie ich mit meinen Gedanken abgleite. Zwar versuche ich mich weiter auf die Unterhaltung zu konzentrieren, aber es fällt mir immer schwerer. Die drei scheinen auf einer Wellenlänge zu liegen, denn auch die alte Dame mischt sich ab und an in die Unterhaltung mit ein. Aber für Außenstehende, die mit dieser Materie überhaupt nichts am Hut haben, ist das ein sehr trockener Stoff. Wenn es noch schlimmer wird, brauche ich dringend einen Espresso. Am besten einen Doppelten.

Warum können die nicht über ganz normale Themen sprechen, wie Fußball oder so? Dann könnte ich zumindest mitreden. Aber die zwei sprechen nur vom Geschäft.

Ich merke, wie mir die Augen ganz schwer werden. Als ich die Stimmen am Tisch nur noch dumpf wahrnehme, wird es langsam Zeit, mich abzulenken. Ich sehe mich also etwas genauer um. Wir sitzen ihr in einem Separee des Restaurants und sind so vor den Blicken der anderen Gäste geschützt. Man hört nur die klassische Musik, die leise den Raum erfüllt. Das Zimmer ist sehr groß, und es hängen viele Gemälde an den Wänden. Für mich sieht das aus, als hätten es Kleinkinder gekritzelt. Ich verstehe nicht, wie man in diesen Bildern überhaupt etwas erkennen kann. Schöne Landschaftsbilder haben doch mehr Herz und Seele als diese neumodischen Kritzeleien. Ich betrachte mir weiter den Raum.

Mit den ganzen Pflanzen, die es hier in den unterschiedlichsten Größen und Formen gibt, vermittelt dieser Raum ein sehr intimes Ambiente. Kein Vergleich mit der opulenten Ausstattung im Hauptbereich. Ich frage mich, ob dieser Jack das bewusst ausgesucht hat oder ob es ein Befehl von den Herrschaften Master war.

Mit halbem Ohr höre ich weiter dem Gespräch zu, während mein Blick sehnsüchtig zur Tür geht. Keine fünfzig Schritte entfernt liegt die Freiheit. Ich bezweifle ernsthaft, dass es irgendwem auffällt, wenn ich nun aufstehen und den Raum verlassen würde. Sie sind so in ihr Gespräch vertieft, dass sie mich gar nicht weiter beachten. Ich fühle mich hier so fehl am Platz. Nina hätte das hundertpro viel besser hinbekommen.

Plötzlich öffnet sich die Tür, und ein Kind von höchstens einem Jahr betritt tapsig den Raum. Ohne weiter darüber nachzudenken, stehe ich auf und gehe in die Richtung des Kindes. „Hallo, mein Kleiner. Du bist ja ein süßer Fratz.“

Ich gehe in die Hocke und der Kleine strahlt mich an. Ohne großartig darüber nachzudenken, nehme ich ihn auf meinen Arm. Ich will gerade auf die Suche nach seiner Familie gehen, als uns drei Augenpaare überrascht ansehen.

„Mein lieber Jack … Sie haben gar nicht erwähnt, dass Sie ein Kind haben“, sagt Frau Master.

„Glauben Sie mir, ich wüsste es, wenn ich Vater wäre …“ Nun richtet er seine gesamte Aufmerksamkeit auf mich. „Wo hast du das Kind her?“ So langsam bröckelt seine Fassade.

„Der Kleine ist ganz allein hier hereingelaufen … Ich werde nach vorn gehen und seine Eltern suchen.“

Ich drehe mich um und will gerade gehen, als Jack nach dem Kellner ruft. Sofort betritt ein junger Mann den Raum.

Wow, gibt es hier irgendwo eine Kamera, oder warum ist der so schnell?

Jack übernimmt das Zepter und erklärt ihm die ganze Situation.

„Ich werde mich sofort darum kümmern“, verspricht der Kellner und nimmt mir den Kleinen aus den Armen. Das findet der Knirps aber gar nicht lustig. Er brüllt wie am Spieß, und Kullertränen laufen über sein Gesicht. Sofort nehme ich ihn wieder an mich und versuche, den Jungen zu beruhigen.

„Schhh, Schhh mein Kleiner. Alles wird wieder gut.“ In Windeseile hat er sich beruhigt, und ich sage dem Kellner: „Bitte suchen Sie nach seinen Eltern. Ich werde so lange auf ihn aufpassen.“

Zusammen mit dem Kind setze ich mich und versuche ihn, so gut es geht, zu beschäftigen. Zur Unterstützung nehme ich mir den Salz- und Pfefferstreuer zur Hand und mache lustige Geräusche mit ihnen. Das scheint dem kleinen Kerlchen zu gefallen, denn er lacht aus vollem Hals.

Zumindest hat einer an diesem Tisch seinen Spaß.

Jack

Kann dieser Abend eigentlich noch mehr aus dem Ruder laufen? Ich fühle mich langsam echt wie im falschen Film. Wie konnte ich nur in diesen Schlamassel geraten? Aber die Antwort darauf liegt klar in der Vergangenheit.

Nachdem Ben und ich auf unzähligen Veranstaltungen waren, um für unser Projekt zu werben, versuchten wir unser Glück und wandten uns schriftlich an die Masters. Als sich wenig später Peter Master dann bei uns gemeldet hat, waren Ben und ich völlig aus dem Häuschen. Wir sahen unsere Chance gekommen.

Aus unseren Recherchen wussten wir, dass das Mutter-Sohn-Gespann bereits des Öfteren in Firmen investiert hatte, die danach in die Höhe geschossen waren. Penelope Master ist steinreich, was nicht nur an ihrem verstorbenen Mann liegen kann. Meine Vermutung war ja, dass die alte Dame im Hintergrund die Geschäfte regelt und die Investitionen gewinnbringend anlegt. Denn wie könnte man es sich sonst erklären, dass Penelope Master immer reicher wird, obwohl ihr Mann bereits seit über zwanzig Jahren tot ist?

Ihr Sohn Peter ist ein netter Kerl, keine Frage, aber ich bezweifle, dass er in Sachen Geldanlage das gleiche Gespür wie seine Mutter hat. Das wurde bei unserem ersten Gespräch in meinem Büro mehr als deutlich. Ich erinnere mich an die wenigen Worte von Peter Master, die wie einstudiert klangen. Schon damals war mir klar, dass die Fäden eindeutig seine Mutter in der Hand hat.

Zuerst lief unser Gespräch auch sehr vielversprechend, bis die alte Dame nach meiner Freundin fragte. Dabei betonte sie, wie wichtig ihr die Familie wäre und dass sie auf keinen Fall in ein Projekt von einem Junggesellen investieren würden. Ich stand kurzzeitig völlig auf dem Schlauch, weil die Trennung von Franziska noch nicht lange zurück lag. Ich schnaubte abfällig. Als ob man das, was diese falsche Schlange abgezogen hatte, als normale Trennung bezeichnen könnte. Aber ich war auch selbst schuld, weil ich es nicht eher sah. Doch als verliebter Gockel ignoriert man alle Warnhinweise… selbst die des besten Freundes.

Während ich tief in meinen Gedanken versunken war, rettete Ben die Situation. „Seine Freundin ist zurzeit auf einem Fortbildungsseminar.“

„Wenn das so ist, dann verschieben wir den Termin. Bevor wir uns endgültig entscheiden, möchte ich den Mann hinter dem Unternehmen näher kennenlernen“, erwiderte Frau Master. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, stand sie auf und verließ mein Büro. Ihr Sohn Peter folgte ihr wie ein braves Schoßhündchen.

Danach saßen Ben und ich zusammen und diskutierten darüber, wie es nun weitergehen sollte. Im Grunde hatten wir keine große Wahl. Die beiden waren bisher die Einzigen, die in unser Projekt investieren wollten. Und wir konnten es uns nicht leisten, wählerisch zu sein. Das wäre unseren Angestellten gegenüber nicht fair gewesen. Es sind gute, ehrliche Leute, die auf ein festes Einkommen angewiesen sind. Eine Lösung musste also her.

„Dann werden wir wohl die Clubs unsicher machen müssen, um dir eine neue Freundin zu suchen“, kam es locker von Ben.

„Pah, das dauert doch viel zu lange“, antwortete ich.

„Was daran liegen könnte, dass du viel zu wählerisch bist, mein Kumpel.“

„Ich weiß eben, was ich will.“

„Du kannst dir deine Traumfrau aber nicht wie in einem Katalog zusammenstellen … Obwohl …“ Schnell verschwand Ben hinter meinem Rechner und tippte wie wild darauf los. Nach wenigen Sekunden hatte er anscheinend das gefunden, was er gesucht hatte.

„Jack, komm mal her.“

Als ich neben ihm stand, lächelten mir viele attraktive Frauen vom Bildschirm entgegen. „Du willst doch nicht etwa, dass ich ein Mädel aus einem Escort Service engagiere?“

Dabei sah ich meinen Kumpel verwundert an. „Das ist kein Escort Service, sondern eine seriöse Begleitagentur.“

„Und woher willst du das so genau wissen?“

„Sagen wir es mal so, ich kenne da einen, der einen kennt. Und derjenige hat sich für eine Veranstaltung eine Dame aus dieser Agentur besorgt.“

Mit hochgezogener Augenbraue sah ich ihn an. Normalerweise reicht diese Geste schon aus und die Menschen in meiner Umgebung haben solchen Respekt vor mir, dass sie all meine Fragen beantworten. Ich hätte gleich wissen müssen, dass das bei Ben nicht ziehen würde.

„Auf dieser Seite kannst du dir deine Traumfrau für einen Abend aussuchen. Schau, wenn du hierhin gehst, kannst du auswählen welche Haarfarbe, Gewicht, Größe und so weiter sie haben soll.“

Diese Idee erstickte ich gleich im Keim: „Also so verzweifelt bin ich nicht. Verdammt, ich werde es schon schaffen, eine Begleiterin zu finden.“

Am selben Abend hatte ich mich zu diesem Zweck mit Ben in einem Club verabredet. Doch nach kurzer Zeit fielen mir fast die Ohren bei diesem monotonen BUM BUM BUM ab. Also gingen wir in eine Bar. Die Stimmung war ausgelassen, und es waren auch viele hübsche Mädels dort. Aber keine passte perfekt zu meinem Geschmack. Eine zum Beispiel lachte nach jedem meiner Sätze, und ich konnte mich gar nicht wirklich mit ihr unterhalten. Ich weiß bis heute nicht, was ich derart Lustiges gesagt haben könnte. Eine andere Dame, hatte so ausgiebig in ihrem Parfum gebadet, dass mir von dem Geruch übel wurde, und ich die Flucht ergreifen musste. Langsam zweifelte selbst ich daran, eine passende Dame zu finden. Diese Erkenntnis frustrierte mich dermaßen, dass ich mir einen Drink nach dem anderen hinter die Binde kippte. Ich weiß nicht mehr genau, wie es kam, aber irgendwann fuhr ich dann mit einem Taxi zurück nach Hause in mein Loft. Ich war kaum angekommen, da ging ich wie ferngesteuert hinüber zu meinem Rechner und rief die Homepage von dieser Agentur auf. Ich beantwortete die wenigen Fragen und schlief kurz danach an meinem Schreibtisch ein.

Am nächsten Morgen taten mir zwar alle Knochen weh, aber ich hatte eine E-Mail erhalten. Ich öffnete sie im Halbschlaf und bekam große Augen. Es war eine Nachricht von der Begleitagentur. Ich erhielt eine Bestätigung, dass sie die passende Dame für mich gefunden hätten. Vorab müsste ich ihnen nur ein paar persönliche Unterlagen, unter anderem ein aktuelles Führungszeugnis, vorlegen und danach wäre es kein Problem, den Termin für das Treffen festzulegen. Dass diese Agentur anscheinend nicht einfach so jeden akzeptierte, erweckte in mir ein gutes Gefühl. In der Anlage hatten sie sogar meinen ausgefüllten Fragebogen beigefügt. Mir brummte immer noch gewaltig der Schädel.

Während ich auf dem Weg zur Küche war, um mir ein Glas Wasser zu holen, rief ich sofort Ben an. Da soll noch einmal jemand sagen, dass Männer nicht multitaskingfähig sind. Mein Kumpel flippte total aus. Er vereinbarte gleich einen neuen Termin mit den Masters, und ich schickte eine Nachricht an die Agenturchefin.

Als die Formalitäten geregelt waren, reichte ich noch eine Aufstellung mit Dingen nach, die ich von dem Mädel erwarte. Es sollte von Anfang an alles klar sein, damit es zu keinen Missverständnissen kommen würde. Hätte ich vorher gewusst, dass sie sich null daranhält, hätte ich mir die ganze Arbeit gespart.

Autor

ML Winter
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