Unsere heimliche Liebesnacht

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Die heiße Nacht, in der Mac ihr zeigte, wie schön Liebe sein kann, hat die hübsche Lehrerin Quin Ellis nie vergessen. Zehn Jahre später sehen sie sich wieder - beide endlich frei, um ihr Begehren ohne Schuldgefühle auszuleben. Trotzdem befürchtet Quin, dass es auch diesmal kein Happy End geben wird: Mac kennt ihr Geheimnis nicht!
  • Erscheinungstag 21.04.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733756536
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Quin Ellis machte es sich gern bequem. Ein wenig sportliche Betätigung fand sie zwar ganz angebracht, dennoch bestand ihr bevorzugtes Freizeitprogramm darin, sich in die alte Schaukel auf der Veranda zu setzen und dort Ingwerbrötchen zu essen und süßen Tee zu trinken. Und während sie den Morgen genoss, liefen Angehörige des Marine Corps ihrer Heimatstadt Jacksonville auf ihrer täglichen Joggingstrecke an ihrem Haus vorbei.

Die Straße, in der sie wohnte, war eine bevorzugte Route für die Jogger. Wenn es so heiß war wie an diesem Julimorgen, trugen die Männer nur Schulterhemden und kurze Laufhosen, und Quin warf ganz gern einen Blick auf eine muskulöse Brust und vom Sport gestählte Männerbeine.

Wie immer am Samstagmorgen saß sie auf ihrem Lieblingsplatz und trank Tee. Durch das offene Fenster hinter ihr schallten die lauten und schrillen Töne eines Zeichentrickfilms hinaus auf die Terrasse. Hin und wieder hörte sie, wie Cady kicherte.

Jeden Samstag amüsierte sich Quin mit leichter Ironie darüber, dass sich ihre Tochter noch immer gern Comics anschaute. Und jedes Mal bemerkte Cady altklug und trocken etwas über Quins Vorliebe für halb nackte Marinesoldaten und harte Muskeln. Dann ließ sie sich unbeirrt auf das Sofa vor dem Fernseher plumpsen und aß zum Frühstück Eis mit Himbeersoße, während einer ihrer Lieblingscomics über den Bildschirm lief.

Drinnen läutete das Telefon. Sicher wieder für Cady. Mit ihren neun Jahren hatte sie mehr Freunde und Verabredungen als ihre Mutter mit fast dreißig. Quin seufzte.

Manchmal fühlte sie sich steinalt. Sie war neunzehn gewesen, als sie David Ellis geheiratet hatte, und nur ein paar Monate später war sie Witwe geworden. Mit zwanzig bekam sie Cady und zog sie allein groß. Gelegentlich ging sie mit einem Mann aus, doch die meisten Männer waren ihr einfach zu jung. Und die wenigen, die ungebunden, etwas reifer und attraktiv waren, hatten leider kein Interesse oder keine Ausdauer, die Verantwortung für ihre Tochter mit ihr zu teilen. Quin bedauerte das nicht weiter. Keiner der Männer interessierte sie wirklich, weil sie einen Mann einfach nicht vergessen konnte – Cadys Vater.

Quin stand auf und ging die Auffahrt hinunter, um die Post und die Zeitung zu holen. Der Rasen musste gemäht werden. Sie würde damit bis zum Abend warten. Vielleicht konnte sie Cady überreden, ihr zu helfen. Ihre Tochter war fünf Jahre alt gewesen, als sie beide in das Haus einzogen. Damals hatte Quin mit ihr zusammen Blumenbeete vor dem Haus und entlang des kleinen Weges neben der Auffahrt angelegt. Für eine Fünfjährige hatte sich Cady begeistert als Gärtnerin betätigt. Doch ihr Interesse an solchen Projekten hatte stark nachgelassen.

Quin schlug die Zeitung auf und überflog rasch sie die Schlagzeilen. Sie hörte, wie sich ein Jogger näherte, und spähte unauffällig, aber neugierig über den Rand der Zeitung hinweg. Wieder so ein gut gebauter Mann. Quin lächelte. Und dieser Mann war ganz besonders attraktiv – lange Beine, schlanke Hüften, eine schmale Taille und eine breite Brust. Ein muskulöser und sehniger Körper.

Und ein bekanntes Gesicht! Das Lächeln gefror auf Quins Gesicht. Das konnte nicht wahr sein! Es war Mac. Und sie hatte gedacht, sie würde Mac McEwen nie wiedersehen. Sie hatte gebetet, dass er aus ihrem Leben verschwand. Als er fort war, hatte sie sich sehnlich gewünscht, dass er zurückkäme. Offensichtlich hatte sich nun auch die zweite Bitte erfüllt – nach Jahren.

Zuletzt hatte sie ihn vor zehn Jahren gesehen, an dem Tag, als sein und Davids Bataillon als Teil einer internationalen Friedenstruppe in den Mittleren Osten abkommandiert wurde. Während sie David, mit dem sie fünf Tage verheiratet war, zum Abschied geküsst und ihm gesagt hatte, dass sie ihn liebte und ihn vermissen würde, war ihr Macs skeptischer Blick nicht entgangen.

Sie hatte beide Männer nicht wiedergesehen. David starb in einem fremden, von inneren Kämpfen zerrissenen Land. Mit ihm kam an einem Wintermorgen mehr als die Hälfte der Kompanie durch eine Bombe um. Quin wusste nicht, durch welches Wunder Mac unverletzt geblieben war. Er hatte sich nach seiner Rückkehr nach Jacksonville nicht bei ihr gemeldet. Sie hatte weder eine Nachricht noch einen Anruf von ihm erhalten. Offensichtlich hatte es ihn nicht interessiert, wie sie mit Davids Tod fertig wurde. Mac war Davids bester Freund gewesen, dennoch hatte er so getan, als ob Quin gar nicht existierte.

Jetzt lief Mac an der Auffahrt ihres Nachbarn vorbei und war nur noch wenige Meter von ihr entfernt. Panik ergriff sie. Sie wollte ihm jetzt nicht gegenübertreten – so unvorbereitet, geschockt und völlig aus dem Gleichgewicht. Außerdem konnte Cady jeden Moment aus dem Haus kommen. Das würde sie nicht durchstehen.

Quin drehte sich abrupt um und ging zurück zur Auffahrt. Ihre Füße waren schwer wie Blei. Reiß dich zusammen! befahl sie sich. Gleich bist du im Haus, und Mac wird nie erfahren, dass …

„Hallo, Quin“, rief Casey, die Nachbarin von gegenüber, über die Straße hinweg. „Nochmals danke, dass Sie mir Ihren Wagen gestern geliehen haben.“

Für einen Moment erstarrte sie. Dann drehte sie sich langsam um, lächelte krampfhaft und winkte der Nachbarin zu. Mac war stehen geblieben. Geh doch einfach weiter, betete Quin im Stillen. Doch dieser Wunsch erfüllte sich nicht.

Noch bevor sie etwas tun konnte, kam Mac bis auf ein paar Schritte auf sie zu. Er atmete schwer von dem anstrengenden Lauf in der Hitze. „Hallo, Quin.“

Seine Stimme war unverändert – kraftvoll, tief und kontrolliert. Seine dunklen Augen, die gerade Nase und das kräftige Kinn waren Quin sofort vertraut. Allerdings hatten die letzten zehn Jahre Spuren in seinem Gesicht hinterlassen. Er sah härter aus als damals.

„Hey, Mac“, begrüßte Quin ihn leise und spürte sofort einen Kloß im Hals.

„Ich wusste nicht, dass du noch immer in Jacksonville lebst“, sagte Mac.

„Wie solltest du auch? Nachdem das Bataillon die Stadt verlassen hatte, habe ich nie wieder etwas von dir gehört.“

Quin erntete einen scharfen Blick. „Wann hätte ich zu dir kommen sollen? Als Davids Sarg nach Hause kam? Oder als er beerdigt wurde?“

Wenn Mac sie vor zehn Jahren auf diese Weise angesehen hätte, wäre sie wahrscheinlich verschreckt vor ihm davongelaufen. Dabei hatte es nie einen Grund gegeben, ihn zu fürchten. Niemals hätte er sie absichtlich verletzt. Er war ein Mann, der auf andere Menschen hart wirkte. Doch die Zärtlichkeit, die sie durch ihn erfahren hatte, hatte ihr niemand sonst geben können, nicht einmal David.

Dennoch hatten die Gefühle, Gedanken und Wünsche, die er in ihr auslöste, ihr Angst gemacht. Und selbst jetzt, nachdem sie gereift und erwachsen war und mehr vom Leben erfahren hatte, als ihr lieb war, wäre sie am liebsten vor ihm geflohen.

Doch sie lief nicht davon. „Du hättest wenigstens sagen können, dass es dir leidtut.“

Und du hättest mir erklären können, warum du mich aus deinem Leben ausschließt, fügte sie im Stillen hinzu.

„Für was sollte ich mich denn entschuldigen?“, fragte er sarkastisch. „Dafür, dass ich lebte, während David tot war? Oder …“ Er brach verärgert ab und sah weg.

Es belastete ihn also auch. Jene Stunden, die sie zusammen verbracht hatten, nagten noch immer an seinem Gewissen. Sie und Mac hatten nur zwei oder drei Stunden gebraucht, um seinen besten Freund und ihren zukünftigen Ehemann zu betrügen.

„Du hättest mir sagen können, dass dir Davids Tod leidtut.“

„Es tat mir unendlich leid, und das weißt du auch.“

Als Quin bemerkte, wie müde und erschöpft Mac aussah, kamen ihr ihre Argumente plötzlich kleinlich vor. Ja, ich weiß es, dachte sie. Mac liebte David, und er hatte mit ihm seinen besten Freund verloren. Er und David hatten gemeinsam ihre Ausbildung absolviert und zusammen gearbeitet. Wären sie in einen Krieg geschickt worden, hätten sie zusammen kämpfen, vielleicht sogar gemeinsam sterben müssen. Doch David war ohne Mac gestorben. Nicht allein. Mit ihm waren einhundertundsiebzehn Männern getötet worden, aber nicht Mac. Quin wollte von Mac keine Entschuldigung dafür, dass er überlebt hatte. Als sie die Nachricht von Davids Tod erhielt, war die Gewissheit, dass Mac unverletzt war, ihr einziger Trost. Sie wäre wahrscheinlich zusammengebrochen, wenn auch er getötet worden wäre.

Es muss etwas geben, worüber ich mit ihm reden kann, dachte Quin. Eine harmlose Konversation. Leicht war das nicht. Sie und Mac hatten niemals Smalltalk geführt. Es hatte keinen unverbindlichen, oberflächlichen Austausch von Gedanken und Worten gegeben. Was zwischen ihnen gewesen war, ging in die Tiefe. Gut, dass David es nie erfahren hatte.

„Wohnst du hier?“ Eigentlich eine überflüssige Frage, dachte Quin. Er konnte unmöglich in der Nähe leben. So ironisch konnte das Schicksal gar nicht sein.

„Ich habe eine Wohnung in dem Komplex am Ende der Straße.“

Und ob das Schicksal kann! Quin konnte es kaum fassen. Sie kam jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit an den Häusern vorbei. Aber sie hatte keine Ahnung gehabt.

„Bist du …?“ Die Frage fiel ihr schwer, doch sie musste es wissen. Es ging schließlich auch um Cady. „Bist du verheiratet?“

„Nein“, antwortete er kalt.

Macs Blick fiel auf ihre linke Hand, an der sie aus lauter Gewohnheit noch immer Davids Diamantring trug. Quin wartete darauf, dass Mac sie fragte, ob der Ring von David war oder ob sie wieder geheiratet hatte. Aber er sagte nichts. Vielleicht wollte er ihr auf diese Weise zeigen, dass es ihn nicht kümmerte. Warum habe ich ihn damals interessiert? fragte sie sich. Warum mussten wir David betrügen?

Ihre Gedanken drehten sich im Kreis. Einerseits wollte sie sich verabschieden, ins Haus gehen und versuchen, Mac für immer aus dem Weg zu gehen. Doch ein anderer Teil in ihr konnte ihn nicht gehen lassen. Wegen Cady.

„Seit wann wohnst du hier?“

„Seit zwei Wochen.“

„Und du bist noch immer bei der Marine?“

„Es ist das, was ich gelernt habe.“

„Und offensichtlich bist du noch immer ein sehr guter Läufer.“

Statt zu antworten, zuckte Mac nur gleichgültig mit den Schultern und sah an Quin vorbei. Er machte ein paar Schritte auf der Stelle. Seine Beine schmerzten leicht, weil er viel zu abrupt stehen geblieben war. Normalerweise wäre er nach einer solchen Anstrengung langsam ausgelaufen, um die Muskeln zu entlasten. Doch als er hörte, wie jemand Quins Namen rief, war ihm fast die Luft weggeblieben. Selbst wenn es um sein Leben gegangen wäre, hätte er keinen Meter weiterlaufen können.

Vor zehn Jahren hatte er Quin gewollt wie nichts zuvor in seinem Leben. Weder ihre tiefe Unsicherheit ihm gegenüber noch die Tatsache, dass sie das Mädchen seines besten Freundes war, hatten ihn davon abgehalten, sie zu begehren und ihr so nahe sein zu wollen, wie sich zwei Menschen nur nahe sein können. Er hatte sie gewollt und gebraucht, und er hatte sie bekommen. Doch er war von seiner Sehnsucht nicht erlöst worden. Quälende Erinnerungen und peinigende Gewissensbisse waren der Preis, den er immer noch zahlte.

Quin hatte sich in zehn Jahren äußerlich nur wenig verändert. Ihr braunes Haar war etwas länger als damals, und um ihre dunkelbraunen Augen lagen nun ein paar zarte Fältchen. Obwohl sie noch immer schlank war, wirkte ihr Körper weicher und runder als früher. Ihre Lippen waren sanft und voll.

Sie ist verdammt schön. Irgendetwas musste Mac sagen, um das Schweigen zu beenden. „Und was machst du?“

„Ich bin Lehrerin.“ Quin klang erleichtert. „Während der Sommerferien arbeite ich für einen Freund in der Immobilienbranche.“

Lehrerin. Kann ich mir gut vorstellen, dachte Mac. Wenn David überlebt hätte und nach Hause gekommen wäre, hätte er seinen Dienst bei der Marine quittiert. Er hätte in der Versicherungsagentur seines Vaters gearbeitet, um irgendwann das Geschäft zu übernehmen, und Quin hätte unterrichtet. Sie wären eine perfekte kleine Familie gewesen, von allen gern gesehen und respektiert. Ein solches Leben hätte er Quin nie bieten können. Und doch hatte er davon geträumt. Er hatte ihr alles geben wollen und hatte ihr am Ende alles genommen. Sogar David.

Wusste sie, welche Rolle er beim Tod von David gespielt hatte? War das der Grund, warum zu Anfang diese Bitterkeit in ihren Fragen mitgeschwungen hatte?

Mac versuchte, seine Schuldgefühle und seinen Schmerz zurückzudrängen. Sein Blick schweifte zu Quins Haus. Es war nichts Besonderes, aber ein wenig zu groß für eine Person. „Wohnst du allein in dem Haus?“ Eigentlich sollte es ihm gleichgültig sein, mit wem Quin jetzt zusammenlebte oder ob sie wieder geheiratet hatte.

„Nein“, antwortete Quin schnell und errötete leicht.

Es gibt also einen Mann, folgerte Mac. Das dumpfe Gefühl in der Magengegend war der Beweis, dass es ihn sehr wohl interessierte. Doch es fiel ihm wie immer schwer, offen mit Quin zu reden. Bevor er etwas erwidern konnte, trat sie einen Schritt zurück. „Ich muss jetzt gehen.“ Sie lächelte verlegen. Noch nie hatte sie ihm ihr warmes und charmantes Lächeln geschenkt. Ihm gegenüber war sie stets vorsichtig, sogar misstrauisch, und manchmal schaute sie ihn mit schmerzvollem Blick an.

Mac sah ihr nach, wie sie zurück zur Veranda ging. An der Haustür drehte sie sich noch einmal um und winkte ihm gezwungen zu. Dann verschwand sie im Haus.

Warum noch immer diese Unsicherheit? Macs Gedanken wurden düster. Manches änderte sich wohl nie. Nur ein einziges Mal war alles anders gewesen. Für ein paar Stunden hatte sie nur ihn gewollt. So sicher, so zweifellos.

Wäre es doch nie geschehen. Und doch sehnte er sich seit zehn Jahren danach, diese Stunden noch einmal zu erleben. Oft hatte er darüber geflucht, sie kennengelernt zu haben und unfähig zu sein, sie zu vergessen.

Er konnte die Vergangenheit nicht rückgängig machen, aber er konnte die Zukunft mitbestimmen. Nun, da er wusste, wo sie wohnte, würde er ihr aus dem Weg gehen. Vielleicht konnte er für den Rest seiner Dienstzeit doch wieder in die Kaserne umziehen, obwohl er alle Hebel in Bewegung gesetzt hatte, außerhalb des Stützpunktes wohnen zu dürfen. Zehn Jahre lang hatte er es geschafft, ihr aus dem Weg zu gehen. Das würde ihm auch in den letzten drei Jahren seiner Dienstzeit noch gelingen.

Mac ging zunächst mit schnellen Schritten zurück zur Straße, joggte dann ein Stück, bevor er den Rest des Weges im Sprint zurücklegte. Er hatte das Gefühl, einen großen Teil seines Lebens mit Laufen zugebracht zu haben. Geholfen hatte es ihm nicht. Er war stets vor sich selbst weggelaufen. Und das, wovor er davonlief, wurde er dadurch nicht los.

Zu Hause ging er sofort unter die Dusche. Erst als er anfing zu frieren, stellte er das warme Wasser an. Innerlich erschöpft lehnte er sich gegen die Wand und ließ die wärmenden Strahlen über sich strömen.

Vor der Versetzung nach Jacksonville hatte er sich informiert, ob Quin noch in der Stadt wohnte. Aber auf ihren Namen war er bei seinen Nachforschungen nicht gestoßen. Welch ein Versehen. Er hatte angenommen, dass sie nach Morehead City, ihrer und Davids Heimatstadt, zurückgegangen sei. Jacksonville war ein Standort für David gewesen, und Quin war nur hierher gezogen, um bei ihm zu sein. Was hielt sie in Jacksonville?

Nach dem Duschen zog er sich eine Jogginghose und ein T-Shirt an und legte sich auf die Couch. Eine Weile zappte er durch die Fernsehprogramme, doch seine Ablenkungsversuche waren vergeblich. Quin. Mac konnte an nichts anderes mehr denken. Zehn Jahre war sie eine Erinnerung gewesen – weit weg und unerreichbar. Nun lebte sie ein halbe Meile entfernt von ihm. Wie sollte er damit umgehen?

Missmutig stellte er den Fernseher ab. Er dachte an den Tag, als er Quin zum ersten Mal gesehen hatte. David hatte ihn gefragt, ob er bei Quins Umzug in ihre neue Wohnung mithelfen würde … Mac sagte zu. An jenem Samstag hatte er nichts anderes zu tun, und er war neugierig. In den zwei Jahren, seit er David kannte, hatte er jede Menge über Quin Austin gehört. Er wusste, dass sie und David sich schon immer sehr nahe gestanden hatten. Sie waren als Nachbarskinder zusammen aufgewachsen, und ihre Eltern waren ebenfalls eng miteinander befreundet.

Als sie alt genug waren, gingen sie selbstverständlich auch zusammen aus. Von daher war es nur natürlich, dass sie heiraten würden, sobald David seine vierjährige Dienstzeit hinter sich gebracht hatte. Mac war gespannt darauf, Davids zukünftige Frau kennenzulernen.

Als Mac nach dem Umzug kurz vor Mitternacht in die Kaserne zurückging, wusste er zwei Dinge ganz sicher: David und Quin waren die allerbesten Freunde – mehr nicht.

Und wenn es geschehen sollte, würde eine Menge mehr zwischen Mac und Quin sein.

Sie hatte ihm vom ersten Moment an den Atem geraubt. Noch nie zuvor hatte er eine Frau so schnell und so sehr gewollt wie sie. Noch nie war er sich so sicher gewesen. Aber er hatte nie das Geringste getan, um seiner Sehnsucht nachzugeben. Er war stets freundlich und höflich gewesen, hatte niemals die Regeln verletzt. Quin war nun einmal Davids Freundin, die Frau, die er eines Tages heiraten wollte, auch wenn etwas nicht stimmte.

Jedes Mal, wenn David Quin in ihrer Wohnung besuchte, lud er einen seiner Kameraden ein, meistens war es Mac. Und Quin machte es offensichtlich nichts aus, nie mit David allein zu sein. Seine Küsse hatten eher brüderlichen Charakter. Zwischen den beiden gab es keine Leidenschaft, kein Begehren, keine Eifersucht.

Und es gab auch keine körperliche Liebe, jedenfalls nicht vor ihrer Heirat. Das hatte Mac erfahren, auf die intimste Weise, die es gab.

Quin und David waren ein Paar, weil sie sehr vertraut miteinander waren und ihre Verbindung bequem und sicher war. Außerdem machte nichts ihre Familien glücklicher, als sie beide verheiratet zu sehen. Mac wusste, dass Quin und David das Gefühl der Sicherheit dem Risiko vorzogen, und anstelle der Leidenschaft setzte Quin auf Vertrautheit.

Doch das alles änderte nichts an der Tatsache, dass er die Freundin seines besten Freundes verführt hatte. Er fühlte sich schuldig und gemein. Vor allem fühlte er sich deprimiert.

Mac. Mit geschlossenen Augen lehnte sich Quin gegen die Tür. Ihr Herz klopfte laut. Mac. Wie bei ihrer ersten Begegnung zitterte sie innerlich und war wie benommen. Von dem Tag an, als David sie miteinander bekannt gemacht hatte, fühlte sie sich stets angespannt und ängstlich, gleichzeitig aber auch erregt, beschämt und schuldig. In ihren Gedanken war sie David lange vor der Nacht mit Mac untreu geworden.

Sie ging hinüber zum Wohnzimmer und blieb im Türrahmen stehen. Cady lag bäuchlings auf dem Boden. Sie war ein großes, schlankes Mädchen und noch immer ein richtiger Wildfang. Ihr glattes Haar war schulterlang, der Pony kurz geschnitten. Shorts, T-Shirts, Jeans und Pullis waren ihre Lieblingskleidung, Kleider und Schmuck interessierten sie nicht. Und Jungen waren nur ein Thema, wenn es darum ging, sie im Sport und beim Spiel auszutricksen und zu besiegen.

Cady war Teil von Quins Schuldgefühlen. Sie war ihre größte Liebe und ihr tiefstes Geheimnis.

Sie sehe aus wie ihre Mutter, sagten alle Familienmitglieder und Freunde. Alle sahen, was sie sehen wollten. Dass nichts von Davids blondem Haar und seinen blauen Augen bei Cady wiederzufinden war, sahen sie als Beweis dafür, dass die Tochter eben stark ihrer Mutter ähnelte.

Doch wie so viele Kinder hatte Cady Ähnlichkeit mit beiden Elternteilen. Ihr Haar war wie das von Quin – braun, glatt und seidig. Auch die dunklen Augen und der volle Mund waren wie Quins. Den dunklen Teint hatte sie von beiden Eltern, aber von ihrem Vater die lange, schmale Nase, ebenso das ironische Lächeln, die Ernsthaftigkeit und die praktische Art zu denken. Allerdings hatte niemand außer Quin die starke Ähnlichkeit zwischen Cady und ihrem Vater je bemerkt, denn niemand hatte Mac je gekannt.

Ein bittersüßes Lächeln umspielte Quins Mund. Sie ging in die Küche und legte die Zeitung auf den Tisch.

Vor zehn Jahren hatte sie versucht, die Wahrheit über das Kind, das sie erwartete, zu sagen. Sie hatte David einen Brief geschickt, in dem sie ihm alles gestand. Nur den Namen des Mannes, mit dem sie David betrogen hatte, behielt sie für sich. Sie hatte ihren Mann inständig um Verzeihung gebeten und ihn angefleht, ihr zu vergeben. Wenn er sich allerdings scheiden lassen wollte, würde sie auch das verstehen.

Doch sie würde alles wieder gutmachen, wenn er ihr eine Chance dazu gab. Sechs Wochen später kam der Brief ungeöffnet zurück. David war bereits tot. Er war gestorben, ohne erfahren zu haben, dass sie das Kind seines besten Freundes unter dem Herzen trug.

Auch Mac war ahnungslos. Und nun wohnte er ein paar Häuser weiter, ganz in der Nähe seiner Tochter, die so viel Ähnlichkeit mit ihm hatte. Was soll ich nur tun? fragte sich Quin.

Cady unterbrach ihre Gedanken. „Wer war der Mann, mit dem du geredet hast?“ Sie stellte ihre leere Schüssel in die Spüle und nahm sich ein Brötchen.

„Jemand, den ich schon lange kenne“, antwortete Quin.

Sie ging zur Spüle und begann abzuwaschen. „Sein Name ist Mac McEwen. Er ist bei der Marine.“

„Wie alt ist er?“

„Fast sechsunddreißig.“

„Also etwas älter als Daddy.“

Wie leicht Cady das Wort „Daddy“ über die Lippen brachte, wenn sie über einen Mann sprach, den sie nie gekannt hatte. Die Großeltern und die Tanten und Onkel hatten es ihr beigebracht. „Schau her, Cady“, hatten sie bei jedem Besuch gesagt. „Das ist dein Daddy.“

Quin hatte nichts dagegen unternommen. Sie war zwanzig gewesen, selbst fast noch ein Kind, und war Witwe geworden. Der Vater des Kindes war aus ihrem Leben verschwunden. Sie brauchte die Unterstützung der Familie. Und Cady als Enkeltochter hielt die Familien zusammen. Besonders für Davids Eltern war sie ein wunderbarer Trost. Quin hatte sich vorgenommen, die Wahrheit zu sagen, wenn sie sich stark genug dafür fühlte. Aber sie hatte niemals den Mut dazu aufgebracht. So behielt sie ihr Geheimnis für sich und lebte mit der Lüge.

Doch nun war Mac zurückgekehrt. Jetzt klang der Name „Daddy“ für einen anderen Mann so falsch wie nie zuvor.

„Und woher kennst du Mac?“

Quin musste etwas antworten, sonst würde Cady vielleicht meinen, sie hätte etwas zu verbergen. „Er war einer von Davids Freunden.“ Sie strich eine Haarsträhne aus Cadys Gesicht. „Warum bist du eigentlich noch nicht angezogen?“, fragte sie, um vom Thema abzulenken. „Und was wollen wir heute Nachmittag machen?“

„Lass uns an den Strand fahren“, bat Cady.

Quin dachte über den Vorschlag nach. An einem so warmen Tag würden sicher viele Menschen am Strand sein, außerdem war es weit zu fahren. Schlimmer noch, sie würde dort liegen und sich erinnern, wie sie, David und Mac dorthin gefahren waren. Sie hatte ihren neuen Bikini getragen. Doch es war nicht David, der ihr einen bewundernden Blick geschenkt hatte, sondern Mac. Er hatte ihr zum ersten Mal das Gefühl gegeben, eine attraktive Frau zu sein.

„Wenn du noch öfter in der Sonne liegst, wirst du bald wie Schokolade aussehen“, scherzte Quin. „Wie wär’s mit einem Kinobesuch?“

„Bei dem schönen Wetter?“ Cady sah ihre Mutter kopfschüttelnd an. „Bitte, Mom, zum Strand, nur ein paar Stunden, die schaden doch nicht.“

Ein paar Stunden haben gereicht, um einen Menschen zu betrügen und mich zehn Jahre mit einer Lüge leben zu lassen, dachte Quin düster. Sie haben ein Leben verändert.

Doch es war noch mehr geschehen in diesen Stunden, etwas, das sie nie bereuen würde, gleichgültig, was geschah. In diesen Stunden war Cady das Leben gegeben worden.

2. KAPITEL

Auf dem Heimweg vom Hauptquartier stand Mac wieder einmal im Stau und trommelte mit den Fingern ungeduldig auf dem Lenkrad herum. Er hasste es zu warten und nichts tun zu können als nachzudenken. Aber er wollte nicht länger von seinen Gedanken verfolgt werden, die sich fast nur noch um Quin drehten.

Warum hatte das Schicksal ihre Wege wieder zusammengeführt? Vielleicht sollte ihre Nähe eine weitere Strafe für ihn sein, zusätzlich zu seinen Gewissensbissen. Er hatte nach Davids Tod ein stummes Gelöbnis abgegeben: Er würde sich von Quin fernhalten, für immer. Und er hielt sein Wort. Wie nah oder fern sie auch war, er konnte sie nicht haben.

Langsam rollte der Verkehr wieder an. Vielleicht wäre die Kaserne doch der angenehmere Wohnort, dachte er. Dann bliebe ihm die Fahrzeit in der Rushhour erspart. Er hatte den größten Teil seines Lebens als Erwachsener dort verbracht und es ganz bequem gefunden. Als er sich vor sechzehn Jahren beim Marine Corps verpflichtete, hatte er nicht an eine Berufslaufbahn gedacht. Vielmehr war er aus seinem Elternhaus geflüchtet. Er hatte es einfach nicht mehr aushalten können, obwohl es ihm schwergefallen war, seine Schwester zurückzulassen. Chelsea war damals gerade siebzehn geworden und brauchte noch ein Jahr, um die Schule zu beenden. Er hatte beschlossen, ein Jahr lang jeden Penny zu sparen. Sobald sie den Schulabschluss hatte, würden sie zusammen irgendwohin gehen, das hatte er Chelsea versprochen. Ein Jahr würde schnell vergehen. Doch Chelsea schaffte es nicht.

Mac brauchte fast eine Stunde bis zu der Straße, in der er wohnte. Allerdings fuhr er nicht sofort nach Hause, sondern weiter den Hügel hinauf bis zu Quins Haus. Er wusste selbst nicht genau, was er dort wollte, folgte einfach einem Impuls. Im Vorgarten eines Hauses, an dem er vorbeikam, saßen einige Jungen und ein dunkelhaariges Mädchen neben ihren Fahrrädern auf dem Rasen und diskutierten laut miteinander. Mac fuhr bis zu dem kleinen Kreisverkehr und den gleichen Weg wieder zurück. Er bemerkte, wie das Mädchen in der Auffahrt aus voller Fahrt eine Vollbremsung auf dem Fahrrad vorführte und dabei triumphierend grinste. Ein echter Wildfang, dachte er mit einem Lächeln.

Quin ging gerade mit der Post unter dem Arm den kleinen Weg hinauf, als Mac vor ihrer Auffahrt anhielt. Nachdem sie ihn bemerkt hatte, kam sie langsam auf ihn zu. Sie trug ein Sommerkleid, und ihr zurückgekämmtes Haar wurde hinten von einer großen weißen Spange gehalten. Wie damals. Mac erinnerte sich an ihr rotes Kleid und die Schildpattkämme, die er gelöst hatte. Weich und seidig war ihr Haar über seine Hände gefallen. Er spürte das Verlangen nach einer solchen Nacht mit Quin. Doch er hatte kein Recht dazu.

„Hey, Mac.“ Quin blieb am Briefkasten stehen. „Du bist auf dem Heimweg?“

Autor

Marilyn Pappano
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