Unter glutroter Sonne: Calhoun

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Egal, mit wie vielen Männern Abby flirtet, ihr Herz gehört nur einem: Cal Ballenger. Dass gerade er ihr aus dem Weg gehen muss - früher war er ganz anders! Erst als er sie plötzlich leidenschaftlich küsst, beginnt Abby zu verstehen …


  • Erscheinungstag 20.05.2015
  • ISBN / Artikelnummer 9783955764340
  • Seitenanzahl 120
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Diana Palmer

Unter glutroter Sonne: Calhoun

Übersetzer: Astrid Pohlmann

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MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Copyright dieses eBooks © 2015 by MIRA Taschenbuch

in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:

Calhoun

Copyright © 1988 by Diana Palmer

Übersetzt von: Astrid Pohlmann

erschienen bei: Silhouette Books, Toronto

Published by arrangement with

HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Covergestaltung: pecher und soiron, Köln

Redaktion: Mareike Müller

Titelabbildung: Thinkstock / Getty Images, München

Autorenfoto: © by Harlequin Enterprises S.A., Schweiz / Chris Stanford

ISBN eBook 978-3-95576-434-0

www.mira-taschenbuch.de

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eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

1. KAPITEL

Abby schaffte es irgendwie, in ihr Nachtgewand aus silbrig glänzendem Satin zu schlüpfen. Doch als sie die Ränder am Halsausschnitt zusammenzuknüpfen versuchte, schienen ihr die Finger den Dienst versagen zu wollen, und so blieb das Oberteil über ihren vollen, festen Brüsten offen. Als sie dann am Spiegel vorüberging, betrachtete sie fasziniert ihr offenherziges, verwegenes Ebenbild, das ihr mit den verführerischen Rundungen ihres halb entblößten Busens und dem langen, in wirren Strähnen um ihr Gesicht herabfallendes Haar eine ungewohnte Aura von reifer Weiblichkeit verlieh. Da kicherte sie in ihrer Beschwipstheit über ihre ausschweifende Fantasie und ließ sich auf die blassrosa Tagesdecke ihres Himmelbetts sinken.

Das ganze Schlafzimmer war in rosa und weißen Tönen gehalten, aufgelockert durch blaue Zwischenakzente, und sie liebte es. Die Ballengers hatten sie die Wahl der Farben ganz nach ihrem Geschmack selbst treffen lassen; es waren sehr weibliche Farben, auch wenn sie selbst, Abigail Clark, nicht so ganz ihrem Ideal selbstbewusster Weiblichkeit entsprach. Ruhelos rutschte sie auf der Bettkante umher, und der Spitzenbesatz ihres Nachthemds ließ nun eine ihrer Brüste gänzlich frei. Die Augen fielen ihr zu. Was macht es schon, dachte sie noch, bevor der Schlaf sie übermannte, es kann mich ja doch niemand sehen.

Niemand außer Cal …

Calhoun Ballenger und sein älterer Bruder Justin hatten Abby zu sich genommen, als sie gerade fünfzehn geworden war, vor fast sechs Jahren. Sie wären ihre Stiefbrüder geworden, hätte es da nicht jenen tragischen Autounfall gegeben, bei dem der Vater der beiden Brüder und Abbys Mutter zwei Tage vor ihrer geplanten Hochzeit getötet worden waren. Andere Familienangehörige gab es nicht, und so hatte der damals sechsundzwanzigjährige Cal vorgeschlagen, dass er und Justin die Verantwortung für das todunglückliche junge Mädchen übernehmen. Und so geschah es auch, natürlich mit dem Segen des Gesetzes. Abby war seitdem von Rechts wegen Cals Mündel. Das Problem bestand nun, wenige Monate vor Abbys einundzwanzigstem Geburtstag, darin, dass Cal nicht wahrhaben wollte, dass sie inzwischen zur Frau herangereift war.

Um die Sache noch schlimmer zu machen, setzte Cal alles daran, sie vor der “bösen” Welt zu schützen. Während der vergangenen vier Monate hatte er zudem eifersüchtig über alle männlichen Bekanntschaften gewacht, sodass es ihr fast unmöglich geworden war, wie andere junge Frauen ihres Alters Verabredungen zum Essen und Tanzen zu treffen. Die Art, wie er den Wachhund spielte, grenzte fast ans Lächerliche. Sein Bruder Justin lächelte nur selten, aber die Umstände, die Cal veranstaltete, brachten ihn nahe daran.

Abby fand das weniger amüsant. Sie war bis über beide Ohren in Cal verliebt, doch der große blonde Mann behandelte sie immer noch wie ein Kind. Trotz ihrer häufigen Versuche, Cal zu zeigen, dass sie eine Frau und kein kleines Mädchen mehr war, schien sie damit seinen Panzer nicht durchdringen zu können. So hatte sie erst gestern versucht, als Beweis ihres Erwachsenseins im Grand Theater von Jacobsville eine Show mit Männer-Striptease zu besuchen. Unter dem Vorwand, sich eine Kunstausstellung ansehen zu wollen, war sie Justin auf der Ranch entwischt, während Cal geschäftlich unterwegs war. Viele solcher Gelegenheiten, sich in einer Kleinstadt im südlichen Texas, im Dreieck zwischen San Antonio, Houston und Victoria gelegen, auf demonstrative Weise reif und emanzipiert zu zeigen, gab es ja nicht gerade, und wenn Cal Wind davon bekam, was wohl unausweichlich geschehen würde, dann musste er wohl anerkennen, dass sie nicht der naive Teenager war, für den er sie noch immer hielt.

Die Sache hatte nur einen Haken gehabt: Cal erwischte sie, gerade als sie ihre Eintrittskarte lösen wollte, nahm sie, obwohl sie sich heftig sträubte, einfach auf seine starken Arme und packte sie in den wartenden Wagen, mit dem er, anscheinend von bösen Ahnungen getrieben, auf dem Heimweg vorbeigekommen war.

Eine nachfolgende hitzige Diskussion hatte zu keinem greifbaren Ergebnis geführt, außer dass Abby wieder einmal damit drohte, von der Ranch wegzuziehen und sich zusammen mit ihrer um einige Jahre älteren und erfahrenen Freundin Misty eine gemeinsame sturmfreie Bude in der Stadt zu nehmen. Da diese Auseinandersetzung nach der Rückkehr auf die Ranch stattfand, wurde nicht nur Justin aus seiner Feierabendruhe aufgeschreckt. Auch die übrigen Haushaltsmitglieder in Gestalt von Maria und Lopez, dem älteren mexikanischen Ehepaar, deren Familie seit zwei Generationen in Küche und Garten beschäftigt war, wurden durch das Geschrei auf den Plan gerufen.

Und am heutigen Abend nun hatte sich Abby erneut in Schwierigkeiten gebracht, und wieder war es Cal gewesen, der sie in letzter Minute gerettet und auf die Ranch zurückgeschafft hatte.

Am Tag, im Büro der Rinderfarm, wo sie als Sekretärin für die Ballenger-Brüder tätig war, hatte sie sich bereits wieder maßlos über Cals Gehabe geärgert, als er meinte, sie vor der Zudringlichkeit eines Kunden bewahren zu müssen, der sie, auf zugegebenerweise recht anzügliche Weise, zum Essen einladen wollte. Als ob sie nicht selber imstande wäre, sich eines so durchsichtigen Antrags zu erwehren! So hatte sie denn aus lauter Trotz nach Feierabend Misty angerufen, ihr ihre Absicht mitgeteilt, gegen Cal und seine strenge Aufsicht zu rebellieren, und ihr vorgeschlagen, zu diesem Zweck dem neu eröffneten Tanzpalast in Jacobsville einen Besuch abzustatten. Misty hatte fröhlich eingewilligt.

Justin hatte nichts einzuwenden gehabt. Solange sie nichts “anstellte”, sollte Abby nur gehen, wohin sie wollte. Cal war nicht zu Hause, er hatte selbst eine Verabredung, vermutlich mit irgendeiner schönen Blondine.

Es war Freitagabend, und der Tanzpalast war gerammelt voll. Im Western-Stil gekleidete Männer tanzten mit Frauen in Jeans und Stiefeln zur Musik einer Country-Band. Abby nippte an einem Glas Gin Tonic, zu dem Misty sie überredet hatte, obwohl Abby nicht daran gewöhnt war, Alkohol zu trinken.

Später tauchte Tyler Jacobs auf, der Pferdezüchter, der zusammen mit seiner Schwester Shelby eine schwere Hypothek zu tragen hatte. Der Vater war im vergangenen Sommer gestorben und hatte nichts als Schulden hinterlassen. Nun liefen die jungen Jacobs-Geschwister Gefahr, alles, was in Generationen aufgebaut worden war, unwiederbringlich zu verlieren.

Tyler blieb einige Minuten, wunderte sich über Abbys Anwesenheit, erkundigte sich nach Cal und warnte sie vor weiterem Alkoholgenuss. Zwar konnte Misty ihn beschwichtigen, doch kaum war Tyler wieder zur Tür hinaus, als sich bei Abby durch ihre Sprache und ihre Worte: “Ich hasse alle Männer, und besonders hasse ich Cal!”, die ersten Anzeichen eines beschwipsten Zustands zeigten. Da eilte Misty hinter Tyler her, um ihn zurückzuholen. Vielleicht war seine Hilfe nötig, um Abby ins Auto zu verfrachten.

Während ihrer kurzen Abwesenheit machte sich ein betrunkener Cowboy vom Nachbartisch an Abby heran. Als sie ihm daraufhin ihren Drink über die Hose schüttete, wurde der Mann bösartig, und Abby wurde es echt mulmig zumute. Wer sollte ihr inmitten dieser Menge helfen? Am liebsten hätte sie losgeheult.

Doch da hatte der Spuk auch schon ein Ende. Plötzlich sprang Cal dazwischen, verteilte ein paar Ohrfeigen und schleppte Abby hinaus. Als er nach Hause gekommen war, hatte Justin ihm mitgeteilt, wo er Abby finden könne.

Nun packte er Abby in seinen Jaguar, nachdem er Misty und Tyler, die draußen warteten, noch einige unfreundliche Bemerkungen mit auf den Weg gegeben hatte, und kutschierte die seiner Obhut anvertraute junge Frau zur Ranch hinaus. Bis sie dort ankamen, war sein Zorn verflogen und hatte seiner Sorge Platz gemacht, was Abby nur zu ihren Eskapaden trieb. Und Abby hatte ihm entgegengehalten, dass er sie daran hindere, allein mit ihrem Problem fertig zu werden. Doch dies war nur die halbe Wahrheit, und Cal, der eine Nase für so etwas hatte, wusste das.

Cal musste sich auch eingestehen, dass er stärkere Gefühle für Abby hegte, als es einem Vormund gegenüber seinem Mündel zustand.

Doch davon hatte Abby natürlich keine Ahnung. Von Alkohol und Müdigkeit übermannt, hatte sie sich in ihr Schlafzimmer zurückgezogen.

Cal öffnete leise die Tür zu Abbys Schlafzimmer; ein Ausdruck der Sorge lag in seinen dunklen Augen. Da sah er etwas, das ihm schier den Atem verschlug.

Abby bekam kaum etwas davon mit, öffnete nicht einmal die Augen, als er den Raum betrat. Das war ihm nur recht, denn hätte er jetzt sprechen sollen, so wäre ihm wohl kaum ein klares Wort über die Lippen gekommen. Er hatte sich Abby bisher nie so recht als voll erblühte Frau vorgestellt, doch ihr Anblick, lediglich in diesen seidigen Hauch einer silbrigen Robe gehüllt, eine ihrer exquisiten Brüste vollständig bloßgelegt, der schlanke Körper in vorteilhafter Weise von hauchdünnem Stoff umhüllt – dieser Anblick jagte ihm das Blut wie heiße Lava durch die Adern.

Wie erstarrt blieb Cal unter der Tür stehen und sah sich zum ersten Mal der Tatsache gegenüber, dass Abby kein Kind mehr war. Und schlagartig wurde ihm dabei auch klar, wieso er in letzter Zeit so außer sich geraten war, sie so brüsk behandelte und in solch übertriebener Weise den Beschützer gespielt hatte.

Er begehrte sie!

Ohne nachzudenken, zog er die Tür hinter sich zu und trat näher an Abbys Bett heran. Welch verführerischer Anblick! Er musste die Zähne zusammenbeißen, während er auf ihre sinnliche Nacktheit hinabsah, der sie sich ja nicht einmal bewusst war.

Cal fragte sich, ob eine ihrer Männerbekanntschaften sie jemals in diesem Zustand gesehen hatte, und bei diesem Gedanken stieg eine mörderische Wut in ihm auf. Ein anderer Mann, der sie so sah, sie berührte, seinen Mund auf diese sanfte Schwellung setzte und nach jener Knospe suchte, die er mit dem warmen Druck seiner geöffneten Lippen zum Erblühen bringen konnte …

Er erschauerte. Nein, so nicht! “Abby”, sagte er mit einer Stimme, die rau vor Anspannung klang.

Abby regte sich, doch nur, um sich ein wenig zur anderen Seite zu drehen, mit der Folge, dass jetzt auch die andere Hälfte des Spitzenbesatzes nach unten fiel. Cal begannen beim Anblick ihrer rosigen Brüste mit den feinen malvenfarbigen Knospen wahrhaft die Knie zu zittern.

Dann entsprang seinen Lippen ein saftiger, wenn auch nur leise geknurrter Fluch, er zwang sich dazu, sich über die Schlafende zu beugen, den Stoff über ihren Brüsten zusammenzuziehen und die Bänder zu verknoten. Seine Hände zitterten. Glücklicherweise war Abby nicht in der Verfassung, Zeugin seiner Schwäche, seiner Verletzlichkeit zu werden!

Sie stöhnte leicht, als seine harten Knöchel ihre Haut streiften, und bog im Schlaf den Rücken durch. Durch halb geöffnete Lippen stieß Cal den Atem aus. Ihre Haut war wie Samt und Seide, warm und sinnlich. Er knirschte mit den Zähnen, hob Abby hoch und stützte sie auf einem Knie ab, während er mit der freien Hand die Bettdecke zurückschlug.

Abby blinzelte und öffnete träge die Augen. Ein schwaches Lächeln überzog ihr Gesicht, als sie Cals grimmige Miene zu ergründen suchte. “Ich schlafe”, flüsterte sie und schmiegte sich an ihn. Ihr süßer Duft, der weiche Körper in seinen Armen, brachten ihn vollkommen durcheinander.

“Tatsächlich?” Cals Stimme klang tiefer, heiserer, als er es wollte. Er legte sie auf das Bettlaken und hielt ihren Kopf in seiner Hand, bis er ein Kissen daruntergezogen hatte. Sein Mund befand sich nur wenige Zentimeter über ihrem.

Abby hatte ihm die Arme um den Hals gelegt. Sanft löste er sie, und mit einem Gefühl der Erleichterung zog er ihr die Bettdecke bis zum Hals.

“Mich hat noch nie jemand zugedeckt”, murmelte sie im Halbschlaf.

“Eine Gute-Nacht-Geschichte gibt’s nicht”, erwiderte er in dem Versuch, die sinnliche Atmosphäre durch einen Scherz zu zerstören. Doch seine Stimme war wie eine Liebkosung. “Du bist noch zu jung für die paar, die ich kenne.”

“Das wird’s wohl sein. Für alles bin ich zu jung. Viel zu jung.” Sie seufzte tief und schloss die Augen. “Oh Cal, ich wünschte, ich wäre blond …”

“Was soll denn das schon wieder heißen?” Doch sie war bereits eingeschlafen. Nachdenklich sah er mit seinen dunklen Augen auf ihr leicht gerötetes Gesicht hinab. Nach einer Weile wandte er sich um, knipste das Licht aus und ging hinaus. Justin trat aus dem Wohnzimmer, als Cal die Treppe herunterkam.

“Hast du Abby nach Hause gebracht?”, fragte er seinen Bruder.

“Ja, sie schläft. Blau wie ein Veilchen”, setzte er mit einem nur mäßig amüsierten Lächeln hinzu. Seinen Stetson-Hut, Jackett und Weste hatte er bereits abgelegt.

Justin zog die Stirn in Falten. “Was ist geschehen? Deine Lippe ist aufgeplatzt.”

“Eine kleine Rempelei im örtlichen Tanzschuppen”, erwiderte Cal wegwerfend und nahm die Brandyflasche zur Hand, aus der er sich einen halben Schwenker voll eingoss. “Willst du auch einen?”

Justin schüttelte den Kopf und steckte sich stattdessen eine Zigarette an, ohne sich durch Cals missbilligenden Blick beeindrucken zu lassen.

“Was war denn der Anlass?”

Cal nippte an seinem Brandy. “Abby. Misty Davies hatte sie in eine Tanzbar geschleppt.”

“Gestern eine Strip-Revue, heute eine Bar.” Justin konzentrierte den Blick auf seine Zigarette. “Irgendwas frisst unserem Mädel an der Seele.”

“Ich weiß. Kann mir aber keinen Reim darauf machen. Auch gefällt mir die Rolle nicht, die Misty dabei spielt, aber damit kann ich Abby nicht kommen.”

Justin legte den Kopf schief, während er an seiner Zigarette zog. “Ich könnte mir vorstellen, dass sie Abby benutzt, um sich an dir zu rächen.”

“Na, das wäre doch wohl die Höhe!” Scherzhaft hob er das Glas, bevor er den Inhalt hinunterschüttete. “Sie hat sich mit aller Macht an mich rangeschmissen und einen Korb von mir gekriegt. Wäre ja auch noch schöner gewesen, ausgerechnet Abbys beste Freundin zu verführen.”

“Misty hätte es wissen sollen. Ist Abby soweit in Ordnung?”

“Ich denke doch”, sagte Cal und verschwieg, dass er selbst sie zu Bett gebracht hatte und sie der Grund war, dass er jetzt trank, was selten vorkam. “Irgend so ein besoffener Kerl hat sie angemacht.”

Justin reckte sich jäh auf. “Und?”

“Ich habe ihm die Leviten gelesen.”

“Gut gemacht. Offensichtlich braucht sie einen Wachhund.”

“Dazu kann ich nur Amen sagen. Sollen wir’s ausknobeln?”

“Warum soll ich mich da noch einmischen? Du machst deine Sache doch recht gut”, sagte Justin mit der Andeutung eines Lächelns, das ihm jedoch verging, als er den bekümmerten Blick in den Augen seines jüngeren Bruders bemerkte. “Du hast doch wohl nicht vergessen, dass Abby in drei Monaten einundzwanzig wird? Ich glaube, sie ist schon auf der Suche nach einer gemeinsamen Wohnung mit Misty.”

Cals Miene verdüsterte sich. “Misty wird sie verderben. Ich will nicht, dass sie von einigen ihrer liebestollen Freunde als Hors d’œvre vernascht wird.”

Justin zog die Augenbrauen in die Höhe. Das klang so gar nicht nach Cal, und überhaupt schien Cal nicht mehr er selbst zu sein. “Abby ist unser Mündel”, erinnerte er seinen Bruder. “Sie ist nicht unser Eigentum. Wir haben nicht das Recht, über ihr Leben zu entscheiden.”

Cal blitzte ihn an. “Was erwartest du von mir? Soll ich sie vielleicht von jedem betrunkenen Cowboy, der des Weges kommt, auflesen und vernaschen lassen?”

Er machte auf dem Absatz kehrt und verließ den Raum. Justin verzog seine schmalen Lippen und grinste in sich hinein.

2. KAPITEL

Abby erwachte am nächsten Morgen mit Kopfschmerzen und dem Gefühl drohenden Unheils. Sie setzte sich im Bett auf und griff sich an den Kopf. Es war sieben Uhr, und um halb neun musste sie mit der Arbeit beginnen. Das Frühstück stand bestimmt schon auf dem Tisch. Der Gedanke an Frühstück bereitete ihr Übelkeit.

Auf wackligen Beinen stelzte sie ins Badezimmer, wusch sich das Gesicht und putzte sich die Zähne. Danach fühlte sie sich schon viel besser. Als sie sich daranmachte, ihr Nachthemd abzustreifen, stellte sie fest, dass es am Hals zugebunden war. Seltsam. Sie war sicher, dass sie es offen gelassen hatte. Nun ja, dann musste sie es irgendwann vor Sonnenaufgang zugemacht haben und unter die Decke gekrochen sein.

Es war Samstag, doch auch heute gab es eine Menge zu tun. Das Vieh wollte wie an allen Tagen versorgt werden, und auch jede Menge Papierkram war zu erledigen. Abby hatte sich an die lange Arbeitswoche gewöhnt, es war ihr zur Routine geworden, samstags nicht freizuhaben. Manchmal konnte sie sich bereits mittags davonmachen, wenn sie etwas vorhatte, doch in den letzten Monaten war das kaum vorgekommen. Es dürstete sie danach, in Cals Nähe zu sein, und der verbrachte die meisten Wochenenden in seinem Betrieb.

Abby schlüpfte in ein blassgraues Kostüm, eine blaue Seidenbluse und zierliche Pumps. Sie steckte ihr Haar hoch und legte nur wenig Make-up auf. Nun, sie war zwar keine überwältigende Schönheit, das war sicher, aber ihre Würde wollte sie sich wenigstens bewahren. Wenn sie schon untergehen sollte, dann mit fliegenden Fahnen. Cal würde bestimmt mal wieder toben, und sie wollte verhindern, dass er sah, wie blass sie war.

Als sie herunterkam, saßen beide Ballenger-Brüder bei Tisch. Als sie zwischen ihnen Platz nahm, sah Cal sie mit einem seltsam brütenden Gesichtsausdruck an.

“Wird ja auch Zeit”, sagte er kurz angebunden. “Du siehst aus wie Braunbier mit Spucke. Geschieht dir ganz recht. Lass dich ja nicht noch einmal mit dieser Misty Davies in so einem Tanzschuppen erwischen!”

“Bitte, Cal, lass mich erst mal was zu mir nehmen”, sagte Abby leise. “Mir brummt der Schädel.”

“Kein Wunder”, schmetterte Cal zurück.

“Hör auf, an meinem Frühstückstisch zu stänkern”, forderte Justin ihn mit fester Stimme auf.

“Ich höre auf, wenn du aufhörst”, gab Cal in nicht weniger festem Ton zurück.

“Ach, was soll’s”, stöhnte Justin und biss in eines von Marias knusprigen Biskuits.

Normalerweise hätte Abby dieses Zwischenspiel amüsiert, doch jetzt war ihr nicht nach Lachen zumute. Sie nippte an schwarzem Kaffee und knabberte lustlos an einer lediglich mit Butter bestrichenen Scheibe Toast. Nach etwas Nahrhafterem stand ihr nicht der Sinn.

“Du solltest ein paar Aspirin schlucken, bevor du zur Arbeit gehst, Abby”, sagte Justin sanft.

Sie brachte ein Lächeln zu Stande. “Das werde ich. Schätze, Gin bekommt mir nicht recht.”

“Alkohol ist ungesund”, lautete Cals kurz gefasster Kommentar.

Justin hob die Brauen. “Und wieso hast du dann gestern Abend meine Brandyflasche geleert?”

Cal warf die Serviette auf den Tisch. “Ich fahre jetzt ins Büro.”

“Du könntest Abby mitnehmen”, schlug Justin mit einem seltsam berechnenden Ausdruck vor.

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