Vampire mögen's heiß

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Sie ist schön, sie ist sexy und sie jagt Vampire wie ihn. Eigentlich müsste Angus Emma hassen. Stattdessen verliebt er sich unsterblich in die Sterbliche.
Ein Vampirmörder geht um im Central Park. Das können sich New Yorks Untote nicht bieten lassen! Sie schicken ihren General Angus McKay auf Patrouille. Schon in der ersten Nacht spürt er eine attraktive junge Frau auf. Emma Wallace trägt mehrere Holzpfähle mit sich herum und benimmt sich sowieso ziemlich verdächtig. Ganz klar, sie ist die Täterin! Eigentlich müsste Angus sie auf der Stelle umbringen, doch auf rätselhafte Art fühlt er sich zu ihr hingezogen. Und ihr scheint es ja ähnlich zu gehen, oder wieso fesselt sie ihn nur wenig später mit silbernen Handschellen an ihr Bett?
  • Erscheinungstag 01.10.2016
  • Bandnummer 4
  • ISBN / Artikelnummer 9783955766863
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

DANKSAGUNG

Während der Entstehung dieses Buches wurde viel gelacht und viel geweint. Ich möchte mich bei all denen bedanken, die mich in dieser Zeit begleitet haben, denn ohne ihre Unterstützung wäre das Buch bis heute nicht fertig. Da wären meine Kritikerinnen und besten Freundinnen MJ Selle, Sandy Weider, Vicky Dreiling und Vicky Yelton; meine Reisegenossinnen Linda Curtis und Colleen Thompson; mein Ehemann, meine Eltern und meine Kinder; Dr. Chapman, Dr. Vela, Gay McDow und Guylene Lendrum, die alle dafür gesorgt haben, dass es meiner Tochter wieder gut geht; meine Agentin Michelle Grajkowski, die immer für mich da ist, und meine Lektorin Erika Tsang, immer freundlich und verständnisvoll. Außerdem möchte ich mich bei meinen Kolleginnen aus den Gruppierungen West Houston, Northwest Houston, Lake Country und PASIC des Schriftstellerverbands RWA für ihre wertvolle Unterstützung bedanken. Immer wenn es mir schlecht ging, wurde ich liebevoll von ihnen aufgefangen. Ich habe das große Glück, über die stärkste und schönste Motivation in uns schreiben zu dürfen – die Liebe.

1. KAPITEL

Nach vierhundertdreiundneunzig Jahren Erfahrung mit Teleportation hatte Angus MacKay immer noch das Bedürfnis, jedes Mal unter seinem Kilt nachzusehen, ob auch alle wichtigen Teile die Reise unbeschadet überstanden hatten. Es gab schließlich gewisse Körperteile, auf die jeder Mann, ob Vampir oder nicht, nur ungern verzichtete. Diesmal jedoch musste Angus sich zusammenreißen, denn er war nicht allein. Er hatte sich gerade in Roman Draganestis Büro bei Romatech Industries materialisiert, und der ehemalige Mönch saß hinter seinem Schreibtisch und beobachtete ihn ruhig.

Angus schnallte das Claymore, sein schottisches Breitschwert, von seinem Rücken. “Also dann, alter Freund. Wen darf ich heute Abend für dich umbringen?”

Roman kicherte. “Wie immer, allzeit bereit. Du wirst dich nie verändern.”

Angus bekam es mit der Angst zu tun. Er hatte eigentlich nur einen Witz machen wollen. “Du … willst wirklich, dass ich jemanden umbringe?”

“Ich hoffe nicht, dass das nötig ist. Du sollst nur jemandem einen gehörigen Schrecken einjagen.”

“Aha.” Aus dem Augenwinkel nahm Angus wahr, dass die Tür aufging. “Das könnte nicht zufällig Connor erledigen? Bei seinem Anblick erschrickt jeder.”

“Das habe ich gehört.” Connor betrat das Büro, einen Aktenordner unter dem Arm.

Grinsend nahm Angus Platz und legte die Scheide mit seinem Lieblingsschwert auf seinen Schoß. “Was ist das Problem?”

“Der Vampirjäger ist wieder unterwegs. Letzte Nacht wurde im Central Park ein Vampir ermordet”, erklärte Roman. “Einer aus dem russischen Malcontent-Zirkel.”

“Oh, gut.” Angus grinste. Ein Malcontent weniger. Diese altmodischen Blutsauger weigerten sich beharrlich, auf das synthetische Blut umzusteigen, das von Romatech hergestellt wurde.

“Nein, schlecht”, erwiderte Roman. “Katya Miniskaya hat gerade angerufen und uns des Mordes beschuldigt.”

Bei der Erwähnung ihres Namens umklammerte Angus instinktiv sein Schwert, doch seine Miene blieb ausdruckslos. “Sie ist immer noch die Anführerin des Zirkels? Das erstaunt mich wirklich.”

Connor ließ sich auf den Stuhl neben Angus sinken. “Brutal genug dafür ist sie. Ich habe gehört, einige der russischen Männer hätten sich darüber beschwert, dass ihr Anführer eine Frau ist. Sie haben die Nacht nicht überlebt.”

“Ja, sie kann sehr grausam sein.” Angus spürte Romans mitleidigen Blick und sah weg. Der Mönch wusste zu viel. Glücklicherweise würde er sein Wissen für sich behalten.

“Katya hat uns gedroht”, erläuterte Connor. “Wenn auch nur ein weiteres Mitglied ihres Zirkels getötet wird, will sie uns den Krieg erklären.”

“Verdammt”, murmelte Angus. “Wer ist dieser Vampirjäger? Auch wenn er jetzt gerade Ärger für uns bedeutet – eigentlich hätte er einen Orden verdient!” Sein Blick richtete sich auf seinen Angestellten.

Connor schnaubte verächtlich. “Ich war es nicht und auch keiner von meinen Männern! Du bezahlst uns dafür, dass wir Roman, seine Frau, sein Haus und sein Geschäft schützen, und wir sind ohnehin nur zu dritt. Wir haben ganz sicher keine Zeit, uns im Central Park herumzutreiben!”

Angus nickte. Er war der Besitzer von MacKay Security and Investigation, und sein Unternehmen war zuständig für den Personenschutz mehrerer wichtiger Anführer von Vampirzirkeln. Erst vor Kurzem hatte er fünf von Connors Männern abziehen müssen. “Es tut mir leid, dass ihr nicht mehr seid, aber ich brauche zurzeit jeden verfügbaren Mann im Feld. Denn eine Sache hat absoluten Vorrang: Wir müssen Casimir finden, bevor er …”

Angus wagte kaum, es auszusprechen. Er wollte es nicht einmal denken. Dreihundert Jahre lang hatten sie geglaubt, der böseste aller Vampire sei tot. Doch dann mussten sie feststellen, dass er immer noch existierte und nach wie vor auf Mord und Zerstörung aus war.

“Habt ihr schon was?”, wollte Roman wissen.

“Nein. Bisher alles falsche Fährten.” Angus trommelte mit den Fingern auf der Lederscheide in seinem Schoß. “Gibt es denn irgendeinen Hinweis darauf, wer der Vampirjäger sein könnte? Ist es vielleicht derselbe Täter, der letzten Sommer gleich mehrere Malcontents umbrachte?”

“Davon gehen wir aus”, meinte Roman und stützte sich auf die Ellbogen. “Connor glaubt, er arbeitet für die CIA.”

Angus blinzelte überrascht. “Ein Sterblicher, der Vampire tötet? Das klingt aber sehr unwahrscheinlich.”

“Wir vermuten, es ist jemand aus ihrem Stake-out-Team.” Connor deutete auf den Aktenordner, den er dabeihatte. Darauf stand in Großbuchstaben: Stake-out-Team.

Eine unangenehme Pause entstand, denn alle Anwesenden wussten, dass der Anführer des Stake-out-Teams Romans sterblicher Schwiegervater war.

Angus räusperte sich. “Du glaubst, es ist Shannas Vater? Das trifft sich gut. Nichts gegen Shanna, aber Sean Whelan würde ich wirklich gerne einmal so richtig Angst einjagen.”

“Er ist einfach … lästig.”

Angus war da ganz Romans Meinung, aber er hätte es durchaus etwas bildlicher ausgedrückt. “Wie viele hat der Vampirjäger letztes Jahr getötet?”

“Drei”, antwortete Connor.

“Warum hat er eine Zeit lang nicht gemordet und fängt jetzt wieder an?” Was war der Grund für dieses Verhalten, überlegte Angus verwundert.

“Seit Anfang März wurden im Central Park zwei Sterbliche umgebracht. Man hat ihnen die Kehle aufgeschlitzt”, erklärte Roman.

“Um die Bisswunden unkenntlich zu machen”, folgerte Angus. Der alte Vampirtrick. “Die Malcontents haben also angefangen, und jetzt übt der Vampirjäger Rache.”

“So ist es”, pflichtete Roman ihm bei. “Nach den Morden an Sterblichen drohte ich Katya damit, sie und ihren Zirkel des Landes zu verweisen. Kein Wunder also, dass sie glaubt, wir seien es, die Vergeltung üben.”

“Natürlich. Es würde ja auch nie jemand auf den Gedanken kommen, dass ein Mensch einen Vampir töten könnte.” Angus runzelte die Stirn. Das passte ihm alles gar nicht. Er hatte einfach keine Zeit, nach einem sterblichen Vampirjäger zu suchen, während Casimir gleichzeitig gezielt Kriminelle und Mörder in Vampire verwandelte, um so kontinuierlich seine Armee auszubauen. Die bösen Vampire mussten aufgehalten werden, bevor sie den guten Vampiren zahlenmäßig überlegen waren und wieder ein Krieg ausbrechen würde. Kein Zweifel, warum die Malcontents also gerade jetzt zuschlugen – sie wollten Angus und seine Angestellten von ihrer eigentlichen Mission abhalten.

“Hallo, Jungs!” Die Tür ging auf und Gregori kam herein. “Alles klar?” Doch sein Grinsen verging ihm rasch, als er die missmutigen Gesichter der anderen sah. “Meine Güte, wart ihr auf einer Beerdigung? Was ist denn los, MacKay? Hast du eine Laufmasche in deinen Lieblingskniestrümpfen?”

“Das sind Hose-Tops. Kiltsocken”, korrigierte Angus ihn nüchtern.

Gregori prustete. “Oh, klingt gleich viel männlicher. Moment, ich weiß, was passiert ist! Du hast deinen Kilt falsch rum angezogen, dich hingesetzt und dann hat dich die böse kleine Kiltnadel in den Hintern gestochen.”

Angus warf Gregori einen mitleidigen Blick zu und wandte sich dann an Connor. “Warum hast du ihn denn bloß am Leben gelassen?”

Gregori blinzelte. “Wie bitte?”

Roman kicherte, während er in seiner Schreibtischschublade wühlte. “Spielt schön, solange ich weg bin.”

“Du gehst?”, fragte Angus.

“Ich begleite Shanna zu ihrem Arzttermin.” Er stellte ein Fläschchen mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit auf den Schreibtisch. Auf einem glänzenden Goldschildchen war das Wort Blissky zu lesen. “Für dich, Angus. Das verkaufen wir ab nächster Woche.”

“Oh, gut.” Angus stand auf und nahm die Flasche. Er hatte schon auf Romans neueste Kreation, ein Fusion-Cuisine-Drink, gewartet. “Ich habe den guten Scotch vermisst.”

“Lass ihn dir schmecken.” Roman eilte zur Tür. “Ich bin in einer Stunde zurück. Gregori wird mir mitteilen, zu welcher Entscheidung ihr gekommen seid.”

Angus wandte den Blick von seiner Blissky-Flasche. Warum musste Romans sterbliche Ehefrau unbedingt nachts zum Arzt? “Ist irgendwas mit dem Kleinen?”

“Nein, alles in Ordnung.” Roman vermied es, Angus anzusehen.

Von wegen. Natürlich war da was. Der Mönch war schon immer ein lausiger Lügner gewesen.

“Du solltest Shanna mal sehen. Sie ist total dick geworden, ich sag’s dir.” Gregori beschrieb mit den Armen den Leibesumfang eines Nilpferds.

Roman räusperte sich.

Schnell fügte Gregori hinzu: “Aber hübsch wie eh und je.”

Ein schwaches Lächeln huschte über Romans Gesicht. “Wir sprechen uns später, Gregori. Und dir, Angus, vielen Dank, dass du uns hilfst, den Vampirjäger zu finden.”

Angus erwiderte das Lächeln. “Du kennst mich doch – eine gute Jagd lasse ich mir ungern entgehen.” Als Roman gegangen war, wandte Angus sich an Connor und Gregori. “Also, ihr beiden. Was ist los mit ihrem Kind?”

“Gar nichts.” Connor warf Gregori einen warnenden Blick zu.

“So ist es”, beeilte sich Gregori zu sagen. Er rollte mit den Augen, ging um den Schreibtisch herum und setzte sich auf Romans Stuhl.

Angus schickte sich an, die Flasche Blissky zu öffnen. Er würde später noch aus Gregori herausbringen, was los war.

“Zurück zum Geschäftlichen.” Connor legte den Aktenordner auf den Schreibtisch. “Das sind die Profile und Fotos aller Leute vom Stake-out-Team minus Austin Erickson, der jetzt für uns arbeitet.”

In diesem Moment entkorkte Angus die Flasche und wurde mit dem herrlichen Aroma feinsten schottischen Whiskys belohnt. “Vielleicht weiß Austin ja, wer der Vampirjäger ist.”

Connor zuckte zusammen. “In der Tat weiß er es. Er hat mir gesagt, letztes Jahr hätte er den Vampirjäger dazu bewegen können aufzuhören.”

“Verdammt! Und er hat dir nicht gesagt, wer es ist?”

“Nein.” Connor seufzte. “Ich hätte ihn wahrscheinlich mehr unter Druck setzen sollen. Ich habe eben schon versucht ihn anzurufen, aber er ist gerade zusammen mit Darcy undercover in Ungarn unterwegs. Sie suchen dort nach Casimir.”

“Mist”, murmelte Angus wieder und nahm einen tiefen Schluck des köstlichen Getränks. Die Mischung aus synthetischem Blut und feinstem Whisky brannte herrlich in seiner Kehle, zog eine warme Spur in seinen Magen und hinterließ einen angenehm rauchigen Geschmack auf seiner Zunge. Er stellte die Flasche wieder ab. “Mmh, das war gut.”

“Riecht lecker.” Gregori streckte die Hand nach der Flasche aus.

Schnell stellte Angus sie woanders hin.

Connor grinste, als er den Ordner aufklappte. “Eine dieser vier Personen muss der Vampirjäger sein.”

Gregori griff sich das erste Profil. “Sean Whelan. Buh! Ich wette, er ist es.”

“Es stimmt, Whelan hasst uns – vor allem, seit seine Tochter Roman geheiratet hat.” Connor nahm Gregori das Profil aus der Hand. “Aber Austin scheint den Vampirjäger schützen zu wollen, und das würde er garantiert nicht bei seinem Ex-Chef tun, der ihn auf die schwarze Liste gesetzt hat.”

Angus nahm einen weiteren Schluck Blissky. “Whelan ist es nicht. Der Mann hat doch keine Eier in der Hose.”

Connor reichte ihm das zweite Profil. “Das ist Garrett Manning.”

“Hey!” Gregori sprang auf und zeigte auf Garretts Foto. “Der Typ war letztes Jahr in der Reality Show!” Er sah Connor überrascht an. “Du hast zwar gesagt, Austin gibt sich als Teilnehmer aus, aber von diesem Typen hast du nichts gesagt!”

Connor zuckte die Schultern. “Es gab keinen Grund, dich darüber zu informieren.”

“Ja.” Angus nickte. “Du bist nicht so wichtig, dass du alles wissen musst.”

Gregori schnitt eine Grimasse. “Leck mich doch.”

“Ich bezweifle ernsthaft, dass Garrett der Vampirjäger ist. Er hat nur eingeschränkt übersinnliche Kräfte, und als sich letztes Jahr die ersten Morde ereigneten, war er mit der Reality Show beschäftigt”, überlegte Connor weiter.

“Wen haben wir sonst noch?” Gregori legte Garretts Foto beiseite. “Oh, eine Frau.”

“Ja.” Connor nickte. “Zwei Frauen, um genau zu sein.”

“Eine weibliche Sterbliche, die Vampire tötet?” Angus stellte die Flasche wieder auf den Schreibtisch. “Das ist unmöglich.”

“So viel zu deiner Theorie, dass man Eier in der Hose haben muss.” Und damit schnappte Gregori sich schnell die Flasche Blissky.

Sein Freund Angus stand auf und nahm ihm die Flasche wieder weg.

Connor reichte ihm das nächste Profil. “Ein weiblicher Vampirjäger würde aber vielleicht erklären, warum Austin nichts sagt.”

“Meine Herren, sieht die scharf aus!” Gregori grabschte nach dem Foto.

Angus überflog das Profil von Alyssa Barnett. Übersinnliche Kräfte: fünf. Sie war ganz neu bei der CIA. Keine Erfahrung im Feld, bevor sie ins Stake-out-Team aufrückte. “Sie ist sicher nicht der Vampirjäger.”

“Schade.” Gregori ließ das Foto fallen und schnappte sich das letzte Profil. “Wie wär’s dann mit dieser Dame, Emma Wallace?”

Angus erstarrte. “Wie der Wallace?”

“Der aus Braveheart?” Gregori riss die Augen auf. “Kanntet ihr den?”

“Der arme Mann wurde hingerichtet, lange bevor wir geboren wurden.” Connor wandte sich an Angus. “Heutzutage heißen viele Leute Wallace.”

“Es ist der Name eines Kriegers.” Angus nahm Gregori das Profil ab. Übersinnliche Kräfte: sieben. Schwarzer Gürtel in mehreren Kampfsportarten. Anti-Terrorismus-Training beim MI6. Sein Herz schlug schneller. Vielleicht war der Vampirjäger ja tatsächlich eine Frau.

“Süß.” Gregori war kurz davor, auf das Foto zu sabbern.

Die Flasche beiseite stellend, nahm Angus ihm das Foto ab. Sein Herz hämmerte bis zum Hals. Kein Wunder, dass Gregori sie angestarrt hatte. Ihre Haut war cremeweiß, das volle Haar dunkelbraun. Ihre Augen hatten die goldbraune Farbe von Bernstein, der Blick verriet Intelligenz und Willensstärke, und sie strahlte die Leidenschaftlichkeit eines echten Kriegers aus.

“Sie ist es”, flüsterte Angus.

Connor schüttelte den Kopf. “Wir können erst sicher sein, wenn wir den Vampirjäger auf frischer Tat ertappen.”

Angus legte ihr Bild hin. Ihre Augen schienen jeder seiner Bewegungen zu folgen. “Wir werden sie fangen. Noch heute Nacht. Connor, du übernimmst die nördliche Hälfte des Parks, ich die südliche.”

“Ich komme mit.” Gregori nahm schnell einen Schluck aus Angus’ Flasche. “Ich kann gut aussehende Weiber aus einem Kilometer Entfernung riechen.”

“Hey!” Angus riss ihm die Flasche aus der Hand. Er war so fasziniert von Miss Wallaces Foto gewesen, dass ihm entgangen war, wie Gregori sich der Blissky-Flasche bemächtigt hatte. “Und was machst du, wenn die Schwarzgürtel-Vampirjägerin dich auf den Boden schleudert und ihren Holzpflock rausholt?”

“Jetzt komm schon, Mann.” Gregori richtete seine Krawatte. “Keine Frau bringt einen gut gekleideten Mann um.”

“Angus hat recht.” Connor sammelte die Profile ein und legte sie zurück in den Ordner. “Du bist nicht darauf trainiert, gegen Vampirjäger zu kämpfen. Bleib hier und sag Roman, wozu wir uns entschieden haben.”

“Verdammt.” Gregori zog an seinen Hemdsmanschetten. “Das ist nicht fair.”

Angus zog einen Flachmann aus seiner Kilttasche, dem Sporran, und füllte ihn mit Blissky. “Es wird eine lange Nacht. Das wird mich warm halten.”

“Ich hole schnell noch mein Claymore, dann können wir gehen.” Connor war schon auf dem Weg zur Tür.

“Warte!” Gregoris Mund zuckte. “Ihr zwei geht mitten in der Nacht im Rock in den Central Park?” Er lachte. “Dann wird euch aber keiner glauben, dass ihr auf der Suche nach einer Frau seid.”

Angus sah an seinem Kilt herunter. “Ich habe gar keine Hose dabei.”

Gregori lachte höhnisch. “Besitzt du überhaupt eine?”

“Keine Sorge.” Connor hatte schon die Hand auf der Klinke. “Heute ist St. Patrick’s Day, da ist die Stadt voll von Männern in Röcken. Wir werden überhaupt nicht auffallen.”

“Und was werdet ihr mit ihr machen, wenn ihr sie gefunden habt?”, fragte Gregori.

“Wir quatschen”, antwortete Connor und verließ das Büro.

Emma Wallaces bernsteinfarbene Augen und ihr verführerischer Mund beherrschten seine Gedanken. Angus würde gerne mehr mit ihr machen als bloß reden. Als er den Deckel seines Flachmanns zudrehte, musste er lächeln. Die Jagd war eröffnet. Er schnallte sich sein Schwert um und ging zur Tür.

“Okay, wenn ihr darauf besteht, dann bleibe ich eben hier.” Gregori nahm die Flasche, die auf dem Schreibtisch zurückgeblieben war. “Ich passe darauf auf, solange du weg bist.”

Emma Wallace lief lautlos über das Gras. Die kühle Luft war angenehm, solange sie in Bewegung war. Aber sobald sie stehen blieb, um sich zum Beispiel längere Zeit hinter einem Baum zu verstecken, begann sie schnell zu frieren.

Dieser Teil des Central Park war verlassen, richtig tot – sogar zu tot für die Untoten. Hier musste sie nicht länger suchen. Sie hängte sich ihre Stofftragetasche über die Schulter und genoss den tröstlichen Klang der gegeneinanderschlagenden Holzpflöcke darin. Dann verließ sie ihr Versteck und schlitterte den steilen Abhang hinunter bis auf den gepflasterten Weg. Ihre Bewegung und die Geräusche, die sie verursachte, schreckten einige Vögel auf einem Baum in der Nähe auf. Sie erhoben sich mit lautem Gezeter und flatterten durch die Nacht davon.

Emma wartete eine Weile. In ihrer schwarzen Kleidung war sie im Schatten der Bäume so gut wie nicht zu sehen. Jetzt war alles wieder still. Beinahe unvorstellbar, dass nicht weit von hier schon wieder die lärmenden Straßen zu hören waren, auf denen immer noch die Nachzügler der St.-Patrick’s-Day-Parade feierten.

Vielleicht war es deshalb heute so ruhig im Park. Vielleicht waren die Vampire in den Straßen unterwegs und jagten dort ihre Beute. Nach einem langen Tag mit viel grünem Bier und Whisky würde sich keiner der Feiernden daran erinnern, wer oder was sie gebissen hatte.

Plötzlich war der Weg besser erkennbar. Es war heller, und sie konnte sogar die Umrisse einzelner Büsche und Bäume sehen. Lautlos ging sie weiter und betrachtete den fast vollen Mond. Die Wolken hatten sich verzogen und die silberne Kugel leuchtete hell und klar.

In diesem Moment bemerkte sie eine leichte Bewegung. Südlich von ihr stand jemand auf einem großen Granitvorsprung, mit dem Rücken zu ihr. Wolkenfetzen umgaben den Mann und ließen seinen Kilt flattern. Sein kastanienbraunes Haar glänzte im hellen Mondlicht.

Um ihn herum waberten Nebelschwaden, was ihm eine ätherische Aura verlieh. Er kam Emma vor wie der Geist eines Highlanders. Sie seufzte. Von diesen tapferen Kriegern, die sich gegen das Böse stellten, könnte die Welt mehr gebrauchen.

Manchmal hatte sie das Gefühl, dass die Guten den Geschöpfen der Nacht zahlenmäßig hoffnungslos unterlegen waren. Sie war weit und breit die einzige Vampirjägerin, davon ging sie zumindest aus. Das lag zum Teil natürlich auch daran, dass die meisten Menschen ohnehin nicht an die Existenz von Vampiren glaubten. Doch es lag auch an ihrem ineffizienten und schwachen Boss, Sean Whelan. Er gab sich keine Mühe, ihr kleines Team aus nur vier Agenten zum Kampf gegen Vampire aufzustocken. Sie konnten also nicht viel mehr tun als beobachten und Recherchen anstellen.

Doch das reichte Emma nicht – zumindest nicht seit der schrecklichen Nacht vor sechs Jahren. Aber anstatt sich mit den schlimmen Ereignissen abzufinden und einfach zu trauern, hatte sie sich Rache geschworen. Am besten konnte man einen Vampir erledigen, wenn er gerade bei der Nahrungsaufnahme war. Ein kurzer, kräftiger Stoß mit dem Holzpflock in sein Herz, und schon war sie dem Ziel, ihren Seelenfrieden zu finden, ein großes Stück näher.

Sie tätschelte ihre Tasche mit den Pflöcken. Mit einem wasserfesten Markierstift hatte sie auf die eine Hälfte der Pflöcke Dad geschrieben, auf die andere Hälfte Mum. Die Pflöcke waren bestes Handwerkszeug, und bisher hatte sie schon vier Vampire erwischt. Aber es konnten nie genug sein.

Ihr Blick glitt wieder hinüber zu dem Mann im Kilt, der immer noch auf dem Granitvorsprung stand. Wo waren all die mutigen Männer hin, die sich allein der Gefahr zu stellen wagten?

Der Nebel löste sich auf und nun waren die Umrisse des Mannes im hellen Mondlicht klar zu erkennen. Ihr stockte der Atem – der Mann war wunderschön. Er hatte breite, stattliche Schultern und unter dem flatternden Kilt muskelbepackte Waden. Er war sicher ein großer Krieger, stark und erbarmungslos.

Plötzlich beugte er sich nach vorn, packte den Saum seines Kilts und sah darunter. Er ließ den Saum wieder los und begann, an irgendetwas unterhalb seiner Hüfte zu fummeln. Emma erschrak. Spielte er etwa an sich selbst herum? Jetzt führte er etwas an die Lippen und trank. Etwas glitzerte metallisch. Ein Flachmann. Na super. Ein perverser Trunkenbold. Mit einem Seufzen wandte Emma sich ab und setzte ihren Weg in nördlicher Richtung fort.

Wie bescheuert, sich diesen Typen als einen mutigen Highland-Krieger vorzustellen! Natürlich war er nichts anderes als einer dieser Rock tragenden, Whisky saufenden Proleten, die nach dem Festumzug durch die ganze Stadt torkelten. Und außerdem konnte sie sich Sentimentalitäten in ihrem Business ohnehin nicht gestatten. Der Feind war schließlich auch gnadenlos.

Knirsch. Emma blieb stehen und lauschte. Der Weg beschrieb eine Kurve nach links und war für sie nicht einsehbar. Aber sie hörte Schritte, die durch das Laub auf sie zukamen. Schnell huschte sie ins Gebüsch und versteckte sich hinter einem Baum. Die Schritte kamen näher.

Ein Mann tauchte in ihrem Blickfeld auf. Emma hielt den Atem an. Er trug einen langen schwarzen Trenchcoat – genau wie der Vampir, den sie letzte Nacht getötet hatte. Vielleicht kauften sie ja alle im selben Laden, Vampires ‘R’ Us oder so was. Sie setzte ihre Tasche ab und kramte einen Holzpflock heraus.

Der Mann kam näher. Es wäre leichter, ihn umzubringen, wenn er bei der Nahrungsaufnahme wäre, aber es war weit und breit kein Opfer in Sicht. Emma steckte den Pflock hinten in ihren Gürtel. Dann würde sie sich eben selbst als Beute ausgeben.

Schnell sprang sie zurück auf den Weg und schlenderte dem Fremden entgegen. Unschuldig sah sie ihn an: “Ich glaube, ich habe mich verirrt. Wissen Sie, wie ich wieder aus dem Park herauskomme?”

Der Mann blieb stehen und lächelte sie an. “Auf jemanden wie dich habe ich gewartet.”

Natürlich. Jemand, den er leer trinken konnte. Elender Blutsauger! Emma stellte sich breitbeinig hin, damit sie im Falle eines Angriffs nicht das Gleichgewicht verlor. Eine Hand tastete nach dem Pflock in ihrem Gürtel. “Ich bin bereit.”

“Okay!” Der Mann öffnete den Gürtel seines Mantels.

In diesem Moment entdeckte Emma die haarigen Beine, die unter dem Mantel herausragten. Er trug keine Hose!

“Ta-da!” In diesem Moment entblößte er sich vor ihr.

Oh Scheiße! Der Kerl hatte unter dem Mantel überhaupt nichts an! Emma verzog das Gesicht angesichts ihres Pechs. Sie wollte einen Vampir plattmachen und traf stattdessen einen Exhibitionisten!

“Und? Wie findest du das?” Der Typ streichelte sich. “Beeindruckend, was?”

“Einen Moment.” Emma ließ den Holzpflock los und nahm ihr Handy aus dem Gürtel. Sie würde die Polizei anrufen, damit sie diesen Typen aus dem Verkehr zogen.

“Oh, ist das ein Foto-Handy?”, rief der Mann begeistert. “Super Idee! Dann kannst du ja mein Bild ins Netz stellen. Komm, ich zeig ihn dir im Profil.” Er drehte sich zur Seite, damit seine Erektion besser zu sehen war.

“Ausgezeichnet. So bleiben!” Emma klappte ihr Telefon auf. In diesem Moment bemerkte sie einen dunklen Schatten.

Automatisch griff sie nach hinten. Falscher Alarm. Sie ließ den Pflock wieder los. Es war kein Vampir. Trotzdem schlug ihr Herz schneller – denn vor ihr stand plötzlich der Mann im Kilt.

2. KAPITEL

Aus der Nähe sah er noch viel beeindruckender aus. Emma hätte sich ohrfeigen können, als ihr bewusst wurde, wie begeistert sie ihn anstarrte. Hallo! Dieser Typ hatte gerade eben erst unter seinem Kilt nach dem Rechten gesehen. Warum waren Männer bloß so besessen von ihrem Geschlechtsorgan? In diesem Zusammenhang fiel ihr der Exhibitionist wieder ein.

Er war immer noch da – und immer noch nackt. Aber die Ankunft eines Konkurrenten hatte ihn, nun ja, etwas zusammenschrumpfen lassen.

“Brauchen Sie Hilfe, Miss?” Das leichte Schnarren seiner Stimme ließ sie erzittern wie Heidekraut im Highland-Wind. Es erinnerte sie an die glückliche Zeit mit ihrer Familie, als sie in Schottland gelebt hatten.

Sie runzelte nachdenklich die Stirn, denn sie wollte sich nicht an glückliche Zeiten erinnern. Erst wieder, wenn die schrecklichen Zeiten gerächt waren.

“Belästigt dieser Mann Sie?” Der Schotte hatte funkelnde grüne Augen. Sie verrieten Intelligenz und etwas anderes, das Emma nicht ganz deuten konnte. Neugierde? Vielleicht. Eher schien er auf der Suche nach etwas zu sein.

Emma reckte trotzig das Kinn nach oben. “Ich mach das schon alleine, vielen Dank.”

Der Exhibitionist kicherte. “Du machst es mir? Das ist aber nett.”

Da hatte sie sich wohl falsch ausgedrückt – Emma tippte seufzend in ihr Handy die Nummer der Polizei ein. Erste Ziffer.

Der Mann im Kilt stellte sich neben den Exhibitionisten. “Ich schlage vor, Sie lassen die Frau jetzt in Ruhe.”

“Sie hat mich zuerst angesprochen.” Der Typ wurde richtig frech. “Also schwirr ab, Mann.”

Emma konnte es nicht fassen. Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Ein besoffener Schotte und ein bekloppter Exhibitionist, die sich ihretwegen stritten. Sie tippte die zweite Ziffer ein.

“Oh, bitte entschuldigen Sie die Störung. Sie scheinen ja ein aufrechtes Beispiel an Tugend und guten Manieren zu sein.” Der Schotte sah den anderen Mann skeptisch an. “Immerhin spazieren Sie hier mit Ihrem entblößten schlaffen Ding durch den Park.”

“Es ist nicht schlaff! Es ist steinhart!” Der Exhibitionist sah an sich herunter. “War es jedenfalls, bis du aufgetaucht bist.” Er fing an, sich zu reiben. “Keine Sorge, Süße. Ich bin in null Komma nichts wieder in Form.”

“Von mir aus brauchen Sie sich nicht zu beeilen.” Emma klappte ihr Handy zu und beschloss, doch nicht die Polizei zu rufen. Wenn sie hier bleiben und eine Aussage machen müsste, würde sie heute Nacht überhaupt nicht mehr dazu kommen, Vampire zu jagen. Also steckte sie ihr Handy wieder ein und sagte: “Ich muss los. Hab vergessen, die Katze zu füttern.” Sie hatte gar keine Katze.

“Warte!”, rief der Exhibitionist. “Du hast noch kein Foto von mir gemacht!”

“Glauben Sie mir, dieses Bild werde ich auch so nicht vergessen.”

Der Schotte kicherte. “Verschwinden Sie jetzt, Mann. Ihr mickriges Ding interessiert niemanden.”

“Mickrig? Diesen mächtigen Hammer nennst du mickrig? Ich wette, mein Ding ist größer als deins!”

Der Schotte verschränkte die Arme vor der Brust und stellte sich breitbeinig hin. “Die Wette verlieren Sie.”

“Ach ja? Das will ich sehen!”

“Meine Herren!” Emma hob flehend die Hände. “Ich muss wirklich nicht noch einen …” Sie biss sich auf die Lippen und nahm die Hände herunter. Warum sollte der schöne Schotte eigentlich nicht seinen Kilt lupfen? Er hatte es ja heute Abend schon einmal getan, warum sollte sie ihn jetzt daran hindern? Das war schließlich ein freies Land. Ihr Blick fiel auf seinen Schritt.

“Was wollten Sie sagen?”

Sie sah ihm ins Gesicht. Seine Mundwinkel zuckten, seine grünen Augen funkelten belustigt. Er glaubte wohl, sie wäre auf eine private Peepshow aus. Sie wurde rot.

“Worauf wartest du, Scottie?”, fragte der Exhibitionist grinsend. Er war inzwischen zu überragender Größe herangewachsen und sah sich schon als Sieger dieses zwielichtigen Zweikampfes.

Steht ihm gut, dachte Emma.

“Und die hübsche Lady macht die Jury”, verkündete der Exhibitionist.

Sie wich zurück und schüttelte den Kopf. “Ich befürchte, ich habe nicht das nötige Augenmaß.”

“Keine Sorge, Süße. Ich bin auf alles vorbereitet.” Er zog ein silbern glänzendes, rundes Ding aus seiner Manteltasche. “Du musst nur messen, welcher länger ist.”

Der Schotte runzelte die Stirn. “Sie haben ein Maßband dabei?”

“Selbstverständlich”, erwiderte der Typ verärgert. “Ich führe Tagebuch, und ich bemühe mich, dabei so akkurat wie möglich zu sein.” Er stemmte die Hände in die Hüften und ergänzte: “Ich nehme das sehr ernst, wisst ihr.”

“Großartig”, murmelte Emma. “Tja, Jungs. Es war … ein Erlebnis, aber jetzt muss ich wirklich los. Viel Spaß beim gegenseitigen Messen.” Sie ging auf den Baum zu, unter dem sie ihre Tasche liegen gelassen hatte.

“Nein!”, rief der Exhibitionist.

Es war Teil ihrer Ausbildung gewesen, einen Angriff vorherahnen zu können. Auch diesmal interpretierte sie das Schwirren in ihrem Rücken richtig, machte einen Satz nach vorn und war außerhalb der Reichweite des Exhibitionisten. Sofort nahm sie ihre Angriffsstellung ein. Sie hatte blitzschnell reagiert, doch der Schotte war noch schneller. Im Bruchteil einer Sekunde hatte er hinter sich gegriffen und ein Schwert gezogen, mit dessen Spitze er jetzt auf die Kehle des Exhibitionisten zielte.

Emma erstarrte. Er hatte ein Schwert? Und zwar nicht irgendeins, sondern ein riesiges Ding.

Der Exhibitionist blieb stehen, die Augen vor Angst weit aufgerissen. Er schluckte – und schrumpelte in sich zusammen.

“Ich hab doch gesagt, mein Ding ist größer”, sagte der Schotte drohend. “Versuchen Sie noch einmal, die Lady anzufassen, und Ihnen fehlen ein paar Zentimeter.”

“Tu mir nichts!” Der Exhibitionist wich zurück und begann, seinen Mantel zuzuknöpfen.

Immer noch bewegte sich das Schwert nur ein paar Millimeter vor dem zuckenden Adamsapfel des Mannes. “Ich schlage vor, Sie tragen ab heute Unterwäsche.”

“Alles, was du sagst, Mann.”

“Und jetzt verschwinden Sie!”

Der Exhibitionist rannte davon und verschwand hinter der Kurve. Der Schotte steckte sein Schwert zurück in die ledernde Scheide, die er auf dem Rücken trug. Dabei war ein leises Schaben zu hören.

Emma war hingerissen von dem Anblick seines mächtigen Bizeps, doch sie besann sich schnell wieder. “Wieso haben Sie ein Schwert?”

“Das ist ein Claymore.” Der Schotte sah sie an. “Keine Sorge. Sie sind jetzt in Sicherheit.”

“Ich soll mich sicher fühlen, wenn ein Fremder mit so einem monströsen Ding neben mir steht?”

Er lächelte schwach. “Ich habe doch gesagt, meins ist größer.”

Typisch Mann, diese Arroganz! “Ich hatte eigentlich Ihr Schwert gemeint. Nicht Ihr schlaffes Ding.”

Das hatte gesessen. “Wenn Sie mich beleidigen wollen, kann ich Sie gern vom Gegenteil überzeugen.”

“Denken Sie nicht mal dran!”

“Hier geht es um die Ehre!” Seine Mundwinkel zuckten. “Und ich bin ein sehr ehrenwerter Mann.”

“Eher ein sehr betrunkener Mann. Ihre Whiskyfahne riecht man bis hierher.”

Sein Blick schien erstaunt. “Ich hatte vielleicht ein oder zwei Schlückchen, aber ich bin doch nicht betrunken!” Dann ging er einen Schritt auf sie zu und flüsterte: “Geben Sie’s ruhig zu. Sie hatten sich schon auf eine kleine Show gefreut.”

“Ha! Was fällt Ihnen ein! Ich gehe jetzt. Gute Nacht.” Emma ging zu dem Baum und holte ihre Tasche. Sie war wütend auf sich selbst. Wie peinlich! Sie war ein Profi und ließ sich dennoch von einem beeindruckenden Bizeps und einer breiten Brust derart aus dem Konzept bringen. Oder von unbeschreiblichen grünen Augen.

“Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen.”

Sie warf sich die Tasche über die Schulter und ignorierte ihn.

“Normalerweise spreche ich erst über meine Geschlechtsteile, wenn ich mich vorgestellt habe.”

Ein Grinsen konnte sie sich nicht verkneifen. Ach, dieser Mann hatte einfach etwas. Vielleicht lösten sein Akzent und sein Kilt Heimweh in ihr aus – sie war ja erst seit neun Monaten in New York. Sie sah ihn an, und sein sanftes Lächeln drang ihr mitten ins Herz. Verdammt. Sie sollte sich jetzt wirklich auf den Weg machen.

Rasch nahm sie den Holzpflock, den sie immer noch in ihrem Gürtel stecken hatte, und warf ihn zu den anderen in die Tasche. Sie war sich bewusst, dass er jede noch so kleine Bewegung wahrnahm. Ihr Instinkt befahl ihr, sich nicht länger aufzuhalten, doch am Ende siegte die Neugierde. Wer war dieser Mann? Und warum trug er ein Schwert? “Ich vermute, Sie sind wegen der Parade in die Stadt gekommen?”

Er zögerte. “Ich bin heute erst angekommen.”

Keine klare Antwort. “Um zu feiern oder aus geschäftlichen Gründen?”

Seine Mundwinkel schossen nach oben. “Da ist aber jemand neugierig …”

Sie zuckte die Schultern. “Das liegt an meinem Beruf. Ich bin bei der Bundespolizei. Deshalb würde ich auch gerne wissen, warum Sie eine tödliche Waffe dabeihaben.”

Sein Grinsen wurde noch breiter. “Entwaffnen Sie mich doch.”

Sie reckte das Kinn. “Machen Sie keinen Fehler. Das könnte ich tun, wenn ich wollte.”

“Und wie würden Sie das machen?” Er deutete auf ihre Tasche. “Wollen Sie mit ihren Stöckchen gegen mich und mein Schwert antreten?”

Sie hatte nicht vor, ihm zu erläutern, für welchen Zweck die Holzpflöcke dienten. Darum verschränkte sie einfach die Arme vor der Brust und wechselte das Thema. “Wie konnten Sie das Schwert im Flugzeug mitbringen? Oder durch den Zoll?”

Er imitierte ihre Bewegung und verschränkte ebenfalls die Arme vor der Brust. “Warum wandern Sie mitten in der Nacht allein durch den Park?”

Sie zuckte mit den Schultern. “Ich jogge gern. Jetzt beantworten Sie bitte meine Frage.”

“Hat Ihnen noch nie jemand gesagt, dass es gefährlich ist, mit einem angespitzten Pfahl durch die Gegend zu laufen?”

“Das dient meinem Schutz. Aber Sie haben mir immer noch keine Antwort gegeben. Wieso haben Sie ein Schwert?”

“Das dient meinem Schutz. Diesen Schlappschwanz hat es zum Beispiel verjagt.”

“Den hätte auch ein lautes ‘Buh!’ verjagt.”

Er grinste. “Damit könnten Sie recht haben.”

Sie musste sich auf die Lippen beißen, um sein Grinsen nicht zu erwidern. Dieser verfluchte Typ war ärgerlich und attraktiv zugleich. Und außerdem hatte er immer noch nicht ihre Frage beantwortet. “Sie wollten mir gerade erzählen, warum Sie mit einem Schwert bewaffnet durch den Central Park laufen?”

“Es ist ein Claymore. Und ich habe es einfach gerne dabei.”

Vor ihrem geistigen Auge sah sie den Schotten, wie er nackt mit seinem Riesending in ihrem Bett lag. Und mit dem Schwert. “Mir ist nur nicht klar, wozu Sie das Claymore brauchen. Sie sehen eigentlich kräftig genug aus, um sich auch so ganz gut verteidigen zu können.”

“Schön, dass Ihnen das auffällt.”

Wie bitte? Wenn er wüsste … Im Geiste war sie schon dabei, ihn auszuziehen, und wenn sie seinen Blick nicht missdeutete, ahnte er, dass sie den Anblick genoss. Sie ließ ihren Blick nach unten wandern, vorbei an seinem blau-grün karierten Schottenrock, und entdeckte den Griff eines Messers, der aus einer seiner Socken ragte. Ihr Herz begann zu rasen. Dieser Mann hatte also noch mehr Waffen dabei – vielleicht sollte sie ihn erst mal filzen. Und davor den Notarzt alarmieren. “Haben Sie auch einen Namen?”

“Ja.”

Sie zog die Brauen hoch und wartete auf eine Antwort, aber er lächelte nur. Der Typ war wirklich ärgerlich. “Lassen Sie mich raten. Conan der Barbar?”

Er lachte. “Ich heiße Angus.”

Angus? Wie das Steak? Sie hätte es ahnen müssen. “Und einen Nachnamen?”

“Ja.” Nun öffnete dieser geheimnisvolle Mann die Ledertasche, die an seinem Gürtel befestigt war.

Unwillkürlich trat Emma einen Schritt zurück und fragte sich, ob er darin noch eine Waffe versteckt hatte. “Was ist da drin?” Der Sporran sah gut gebraucht aus, als benutzte er ihn jeden Tag.

“Entspannen Sie sich. Ich suche nur nach einer Visitenkarte.” Er nahm den Flachmann, der ihr vorher bereits aufgefallen war, aus der Tasche, damit er besser darin herumkramen konnte.

Mit verschränkten Armen wartete sie belustigt. “Das, was man sucht, ist immer ganz unten. Kenne ich von meiner Handtasche.”

Ein irritierter Blick strafte ihre Worte. “Das ist keine Handtasche, sondern eine altehrwürdige Tradition unter schottischen Männern.”

Aha. Das war also sein Schwachpunkt. Sie sah ihn mit großen Bambi-Augen an. “Ich finde aber, es sieht aus wie eine Handtasche.”

Er bleckte die Zähne. “Man nennt es Sporran.”

Sie biss sich auf die Lippen, um nicht laut herauszuplatzen. Kein Wunder, dass der Mann ihr gefiel – er brachte sie zum Lachen. Das hatte sie lange nicht mehr erlebt. Seit sie sich ihrer Mission verschrieben hatte, die sie sehr ernst nahm, war ihr nicht sehr oft zum Lachen zumute gewesen, denn ihr Feind war tödlich. “Und was haben Sie da drin? Außer dem Whisky, meine ich. Shortbread und ein bisschen Haggis?”

“Sehr lustig.” Seine Antwort war mürrisch, obwohl er dabei lächeln musste. “Wenn Sie es unbedingt wissen wollen: mein Handy, eine Rolle Klebeband …”

“Klebeband?”

Er zog die Brauen hoch. “Kein Grund, sich lustig zu machen. Klebeband erweist sich als sehr praktisch, wenn man jemanden an Handgelenken oder Knöcheln fesseln muss.”

“Wann muss man das denn?” Sie sah ihn mitleidig an. “Armer Schatz. Ist es so schwer, eine Frau für ein Date zu finden?”

“Es eignet sich übrigens auch hervorragend dazu, einen vorwitzigen Mund zum Verstummen zu bringen.” Angus ließ seinen Blick zu ihrem Mund wandern – und dort verweilen. Sein Lächeln verschwand.

Ihr Herz fing an zu pochen. Jetzt sah er ihr mit einer Intensität in die Augen, die ihren Atem stocken ließ. Sie erbebte und hatte das Gefühl, selbst ihre Zehen hätten eine Gänsehaut.

In seinen grünen Augen las sie mehr als Begierde. Messerscharfe Intelligenz. Ihr fiel auf, dass er überhaupt nicht betrunken war. Und er schien in ihr zu lesen wie in einem Buch – das hatte noch kein Mann geschafft. Plötzlich kam sie sich so nackt vor wie der Exhibitionist.

Er trat näher. “Und Ihr Name?”

Name? Was ist das? Meine Güte, die Art, wie er sie ansah, hatte ihren Verstand komplett ausgeschaltet. Scotty, Energie! “Ich … ich heiße Emma.” Es war sicherer, ihm nur ihren Vornamen zu nennen. Er hatte es ja nicht anders gemacht.

“Ich freue mich, Sie kennenzulernen.” Mit einer leichten Verbeugung reichte er ihr eine verknitterte Visitenkarte.

Mittlerweile waren die Wolken wieder über den Mond gezogen, und im fahlen Licht konnte sie die kleine Schrift auf der Karte nicht entziffern. “Sie haben nicht zufällig auch eine Taschenlampe in Ihrem Sporran?”

“Nein, denn ich sehe sehr gut im Dunkeln.” Er deutete mit dem Kopf auf die Karte. “Ich führe ein kleines Security-Unternehmen.”

“Oh.” Sie steckte die Karte in ihre Hosentasche. Später würde sie sich genauer damit befassen. “Sie sind also ein professioneller Bodyguard?”

“Brauchen Sie vielleicht einen? Für eine Frau, die nachts alleine durch Parks wandert, könnte ein Beschützer durchaus nützlich sein.”

“Ich kann auf mich selbst aufpassen.” Sie tätschelte ihre Tasche mit den Holzpflöcken.

Schon wieder legte sich seine Stirn in Falten. “Eine ziemlich ungewöhnliche Methode.”

“Wie Ihre auch. Wie beschützen Sie Ihre Kunden, wenn plötzlich jemand eine Schusswaffe zieht? Ich möchte Sie nicht beleidigen, aber so ein Claymore ist doch wirklich ein bisschen altmodisch.”

Er sah sie mit hochgezogenen Brauen an. “Ich habe auch noch andere Fähigkeiten.”

Darauf würde sie wetten. Ihr Hals fühlte sich trocken an.

Der Mann ging noch einen Schritt auf sie zu. “Ich könnte Ihnen dieselbe Frage stellen. Wie schützen Sie sich mit so einem blöden Stöckchen gegen einen Angreifer, der eine Schusswaffe hat … oder ein Schwert?”

Sie schluckte. “Ist das eine Herausforderung zum Kampf?”

“Eher nicht. Es wäre nicht fair.”

Schon wieder diese männliche Aufgeblasenheit! “Ich glaube, Sie unterschätzen mich.”

Er neigte den Kopf zur Seite und betrachtete sie. “Könnte sein. Darf ich eins Ihrer Stöckchen sehen?”

Einen kurzen Moment zögerte sie. “Warum nicht?”, sagte sie und langte in ihre Stofftasche und reichte ihm einen der Holzpflöcke. Falls er auf falsche Gedanken kommen sollte, würde sie ihm den Pflock sofort aus der Hand treten.

Seine Hand umschloss das Holz, während er es sorgfältig betrachtete. “Das ist ja wohl nur der traurige Abklatsch eines Holzpflocks.”

“Ist es nicht. Ich habe damit schon sehr erfolgreich …” Sie verstummte. Der Typ war dabei, sie auszuhorchen. “Ich finde sie jedenfalls sehr nützlich.”

“Wie geht das?” Er fuhr mit dem Finger über den Rand bis zur Spitze des Pflocks.

“Sie sind scharf genug, um sich damit zu verteidigen.”

Er runzelte nachdenklich die Stirn, als er den Pflock hin und her drehte. “Da steht ja was drauf.”

“Nichts von Bedeutung.” Sie wollte ihm den Pflock abnehmen, aber er wich ihr aus.

Überrascht sagte er: “Da steht Mum.”

Emma zuckte zusammen. Er konnte wirklich gut sehen im Dunkeln. Und jetzt war sein Blick auf sie gerichtet. Sie griff nach dem Holzpflock, doch sein Griff verstärkte sich. Sie zog an ihm, aber er ließ nicht los.

“Warum haben Sie Mum auf den Holzpflock geschrieben?”, fragte er flüsternd.

“Das geht Sie nichts an.” Sie riss ihm das Stück Holz aus der Hand und ließ es in ihrer Tasche verschwinden.

“Meine Liebe.” Seine Stimme klang mitleidig und machte sie unglaublich wütend.

Was fiel ihm ein, ihre alte Wunde wieder aufzureißen? Wie konnte er es wagen, ihren Schutzschild durchbrechen zu wollen? “Sie haben nicht das Recht …”

“Sie haben nicht das Recht, sich in Gefahr zu bringen”, unterbrach er sie mit finsterer Miene. “Sie laufen nachts durch diesen Park und haben nur diese Stöcke zu ihrer Verteidigung dabei? Das ist reichlich naiv! Die Menschen, die Sie lieben, sind sicher nicht sonderlich begeistert, dass Sie sich derart in Gefahr begeben.”

“Hören Sie auf!” Sie zeigte mit dem Finger auf ihn. “Hören Sie auf, mich zu belehren. Sie kennen mich doch überhaupt nicht!”

“Würde ich aber gerne.”

“Lassen Sie mich in Ruhe!” Sie drehte sich auf dem Absatz herum und ging den Weg in Richtung Süden davon. Dieser Mistkerl! Ja, es hat Menschen gegeben, die mich geliebt haben. Aber jetzt sind sie alle tot.

“Emma!”, rief er ihr hinterher. “Wenn Sie morgen auch hier sind, werde ich Sie finden!”

“Ich würde nicht darauf bauen”, rief sie, ohne sich noch einmal umzudrehen. Mit jedem Schritt wuchs ihre Wut. Dieser elende Mistkerl! Es war sehr wohl ihr Recht, ihre Eltern zu rächen.

Warum hatte sie ihm nicht einfach gezeigt, wie hart sie drauf war. Sie hätte ihn entwaffnen und ihm die Handgelenke mit seinem eigenen blöden Klebeband fesseln sollen! Sie verlangsamte ihren Schritt, plötzlich versucht, umzukehren und ihm eine Lektion zu erteilen.

Als sie sich umsah, war der Weg leer. Wo war er hin? Wie ein Verlierer davonzuschleichen war ganz sicher nicht seine Art. Sie drehte sich einmal langsam um ihre eigene Achse. Der Kerl war nirgends zu sehen. Nicht die leiseste Bewegung war auszumachen. Eine kühle Brise wehte ihr eine Haarsträhne ins Gesicht. Sie schob sie zurück und lauschte. Nicht mit den Ohren, sondern mit ihren übersinnlichen Fühlern – sie suchte nach den Gedanken eines anderen Gehirns in der Nähe.

Ein plötzliches Kältegefühl ließ sie erschaudern. Emma zog den Reißverschluss ihrer kurzen Jacke zu und schlug den Kragen hoch. In ihrem Magen machte sich ein seltsames Gefühl breit. Sie hatte keine Gedanken wahrgenommen, aber sie spürte ganz deutlich die Anwesenheit eines anderen. Jemand beobachtete sie.

Sie griff nach einem Pflock in ihrer Tasche. War dieser Jemand, den sie spürte, vielleicht Angus? Wer war er wirklich? Sie würde Nachforschungen über ihn anstellen, sobald sie wieder zu Hause war.

Der Ausgang des Parks war nicht weit weg. Sie überquerte eine kleine Steinbrücke und ging an einem Teich entlang. Der Schotte hatte sie total verwirrt. Ohne Frage ein sehr attraktiver, verführerischer Mann. Es hatte Spaß gemacht, sich mit ihm zu unterhalten – bis er angefangen hatte, sie zu maßregeln wie ein dummes Kleinkind. Was war da bloß in ihn gefahren? Kaum hatte er ihren Pflock in der Hand gehabt, war er unverschämt und anmaßend geworden. Warum regte sich jemand mit einem so riesigen Schwert derart über jemanden mit einem Holzpflock auf?

Mit einem Satz blieb sie stehen. Bitte nicht!

Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Nein, nicht er. Er war doch kein Vampir! Oder doch? Sie drehte sich einmal um sich selbst, suchte mit den Augen die Umgebung ab. Sie sah sogar in den Teich, als ob er sich aus dem Wasser erheben und auf sie zufliegen würde.

Nimm dich zusammen! Der Mann war kein Vampir. Das hätte sie gespürt. Und außerdem hätte er sie dann angegriffen. Stattdessen war er ihr mit Sicherheitsvorschriften gekommen. Und er hatte nach Whisky gerochen. Vampire tranken doch nichts anderes als Blut! Angus hatte aus einem silbernen Flachmann getrunken, und Silber verbrannte Vampiren die Haut.

Oh, verdammt. Als sie vor ein paar Monaten in der Stadt angekommen war, hatte sie einen Bericht über die Ereignisse des letzten Sommers gelesen. Das Stake-out-Team im Central Park hatte eine Gruppe Vampire beobachtet, bei denen auch Shanna Whelan, die Tochter ihres Chefs, gewesen war. Viele Vampire aus dieser Gruppe hatten einen Schottenrock getragen. Es waren schottische Vampire – und sie waren alle mit einem Schwert bewaffnet gewesen. Und nur weil Angus’ Flachmann silbern aussah, hieß das nicht, dass er auch aus echtem Silber war. Er könnte genauso gut aus rostfreiem Stahl oder Zinn sein.

Oh Gott. Er könnte tatsächlich ein Vampir sein.

Scheiße! Sie hätte ihn erlegen sollen! Emma lief in großen Schritten zum Ausgang des Parks, dann rannte sie die Treppen zur Fifth Avenue hoch. Verdammt! Angus hatte ihre Holzpflöcke gesehen! Sicher hatte er sie als den Vampirjäger identifiziert und würde jetzt alle anderen Vampire darüber unterrichten.

Sie erstarrte mitten in ihrer Bewegung. Eigentlich hatte sie ein Taxi anhalten wollen. Autos rasten an ihr vorüber, in der Ferne ertönte Hupen. Das Geklapper von Pferdehufen dröhnte in ihren Ohren, als sich eine Kutsche näherte. Die Geräusche der Großstadt surrten in ihrem Kopf, als sie sich des vollen Ausmaßes der Geschichte bewusst wurde.

Angus wusste, wer sie war. Ihre Nächte des heimlichen Vampirtötens waren gezählt. Jetzt würden die Vampire sich an ihr rächen und sie töten wollen. Ihr Rachefeldzug war auf einem neuen Level angekommen.

Jetzt befand sie sich im Krieg.

3. KAPITEL

Zum Teufel. Er hatte alles versaut. Aber so richtig.

Angus beobachtete, wie Emma entschlossenen Schrittes die Steinbrücke überquerte. Eigentlich hatte er sie davon überzeugen wollen aufzuhören, doch stattdessen waren seine Worte Ermunterung gewesen, ihre elenden Holzpflöcke erst recht einzusetzen.

Roman und Jean-Luc hatten recht. Er war einfach zu aufbrausend. Aber es ging ihm nun mal gewaltig auf den Geist, dass sich eine so hübsche junge Frau in Gefahr brachte. Ihr Rachefeldzug galt wahrscheinlich nicht nur den unschuldigen Sterblichen, die vor Kurzem im Central Park ihr Leben gelassen hatten, sondern dem Tod ihrer Mutter. Das würde zumindest ihre Entschlossenheit und Kompromisslosigkeit erklären. Trotzdem war das, was sie tat, reiner Selbstmord. Es war idiotisch und rücksichtslos sich selbst gegenüber. Ein so dummes oder sorgloses Verhalten schien gar nicht zu Emma Wallace passen zu wollen.

Sie war intelligent und geistesgegenwärtig, außerdem besaß sie ausreichend ausgebildete übersinnliche Kräfte. Eben hatte sie seine Anwesenheit wahrgenommen, obwohl es ihm gelungen war, seinen genauen Standort und seine Gedanken vor ihr abzuschirmen. Das hatte er einem Sterblichen gegenüber noch nie tun müssen und es bewies ihre besonderen Fähigkeiten. Auch deshalb hatte er gehofft, sie würde Vernunft annehmen. Aber offenbar war sie von ihrem Entschluss, weiter zu kämpfen, nicht abzubringen. Wahrscheinlich musste man sie fesseln, damit sie einem überhaupt zuhörte.

Bei dem Gedanken daran schwoll zwischen seinen Beinen etwas an. Verdammt. Er sah hinunter zu seinem Sporran, der nun schief hing. Mit dieser Erektion konnte er sich nicht in Romans Stadthaus blicken lassen. Das würde ihm den Spott seiner Gefährten bis weit ins nächste Jahrhundert einbringen.

Also sah er Emma zu, wie sie die Treppe zur Fifth Avenue hinauflief, dann folgte er ihr auf die Straße, allerdings in einigem Abstand, sodass er sie gerade noch mit seiner dem menschlichen Auge überlegenen Sehkraft erkennen konnte. Mit besorgter Miene hielt sie ein Taxi an. Gut. Vielleicht war ihr endlich klar geworden, dass sie mit dem Feuer spielte.

Er musste sich etwas einfallen lassen. Wenn die Malcontent-Vampire sie auf frischer Tat ertappten, würden sie Emma ohne jede Umschweife sofort töten. Für sie waren Sterbliche nichts weiter als eine Nahrungsquelle, so etwas wie Nutzvieh. Von Natur aus waren Vampire schneller und stärker als Menschen, daher war das Schicksal von Emma Wallace so gut wie besiegelt. Außer Angus gelang es, sie zum Aufhören zu bewegen.

Er beobachtete, wie sie mit einer geschmeidigen Bewegung auf die Rückbank des Taxis glitt. Eine reizende Gestalt. Und so erstaunlich. Drei Morde letzten Sommer und einer in diesem Frühjahr – diese Frau war wirklich eine leidenschaftliche Kriegerin. Könnte er nur ihre Leidenschaft in eine andere Richtung lenken …

Sein geschwollenes Geschlecht pulsierte. Verdammt. Jetzt war er schon über fünfhundert Jahre alt und reagierte immer noch wie ein pubertierender Teenager. Im Grunde wusste er nicht, ob er verärgert oder doch eher erleichtert sein sollte, schließlich war es schon eine ganze Weile her, seit er zum letzten Mal eine Erektion gehabt hatte. Angus war sich schon mehr tot als lebendig vorgekommen – was natürlich in gewisser Weise auch zutraf.

Seufzend machte er sich auf den Weg zu Romans Stadtdomizil auf der Upper East Side. Mit Teleportation käme er schneller ans Ziel als zu Fuß, aber er brauchte etwas Zeit zum Nachdenken. Und auch damit sich die Beule unter seinem Kilt zurückbildete.

Warum reagierte er bloß nie in dieser Weise auf eine Frau seiner Gattung? Es gab so viele verfügbare Vampirfrauen, inklusive derer in seinem Harem. Sie waren alle hübsch, aber auf eine erbärmliche, hilflose Art eben auch fordernd und eitel. Emma war ganz anders. Sie war clever, unabhängig und mutig. Sie besaß alle die Eigenschaften, die er an einem Mann schätzte. Sie war sogar eine Kriegerin.

Angus erkannte plötzlich ihre Ähnlichkeit zu ihm. Natürlich war sie viel jünger. Und lebendiger. Und sie besaß einen äußerst anziehenden weiblichen Körper.

Aber die Anziehungskraft ging nicht nur von ihrem Körper aus. Wie er selbst, wich sie keinem Kampf aus, nicht einmal mitten in der Nacht, und sie teilte auch seinen Wunsch, Unschuldige beschützen zu müssen. Im Grunde waren sie beide aus demselben Holz geschnitzt. Wenn er ihr das klarmachen könnte, würden sie vielleicht bald gemeinsam statt gegeneinander kämpfen.

Er bog auf die Straße ab, in der Roman wohnte und ging auf das Haus zu. Seit Romans Harem verschwunden war und er mit seiner sterblichen Frau in White Plains wohnte, war normalerweise alles dunkel. Hier in seinem Stadthaus waren nur noch Connor und zwei Vampirwachleute. Ian war für die Sicherheit des Stadthauses zuständig, Dougal übernahm dieselbe Aufgabe bei Romatech Industries.

Angus wohnte immer, wenn er in New York war, in Romans Stadthaus. Die Schlafzimmer waren mit Aluminiumrollläden ausgestattet, um die Bewohner tagsüber vor den tödlichen Sonnenstrahlen zu schützen, und auch die Wachleute, die die Tagschicht übernahmen, waren absolut vertrauenswürdig. Sie arbeiteten schließlich für MacKay Security and Investigation.

Ohne Zweifel würde Emma Wallace sein Unternehmen genauer unter die Lupe nehmen, wenn sie seine Visitenkarte gelesen hatte. Wahrscheinlich würde sie zu dem Schluss kommen, dass er ein Untoter war, aber das war in Ordnung. Je weniger Geheimnisse es zwischen ihnen beiden gab, desto besser. Er wollte ihr Vertrauen gewinnen.

Natürlich würde auch er Nachforschungen über sie anstellen. Es würde sich schon ein Anhaltspunkt finden, durch den er sie für seine Sache gewinnen könnte. Das nannte man psychologische Kriegsführung. Normalerweise griff er auf simplere Methoden zurück, aber in diesem Fall handelte es sich schließlich um eine ganz besondere Zielperson. Er konnte ihr schlecht einfach eins mit seinem Claymore überziehen, er musste geschickter vorgehen. Verführerischer.

Angus lächelte. Die Schlacht konnte beginnen.

Als er die Treppe zum Eingang des Hauses betrat, sah er sich um. Die Straße war leer und alles ruhig. Die perfekte Gelegenheit, die von ihm selbst erst vor wenigen Monaten installierte Alarmanlage zu testen. Seit sich Roman direkt in den Schlupfwinkel des russischen Vampirzirkels teleportiert hatte, befürchtete Angus, die Russen könnten sich mit einer ähnlichen Aktion revanchieren.

Noch einmal vergewisserte er sich, dass die Straße menschenleer war, dann teleportierte er sich in das dunkle Foyer des Hauses. Sobald sein Körper sich zu materialisieren begann, ging der Alarm los – in einer nur für Hunde und Vampire hörbaren Tonfrequenz.

Sofort ging die Küchentür auf und eine Gestalt raste in Vampirgeschwindigkeit auf ihn zu. Es war Ian, der mit flatterndem Kilt Angus seinen Dolch an die Kehle hielt.

“Ach, du bist es.” Ian ließ den Dolch zurück in die Scheide in seinem Strumpf gleiten. “Ich hätte dich fast massakriert.”

Angus klopfte dem jungenhaft aussehenden Vampir auf den Rücken. “Schnell wie immer. Schön, dich zu sehen.” Dann ging er zu dem Kontrollkasten neben der Tür und stellte den Alarm ab. “Hättest du den Monitor im Auge gehabt, dann hättest du gesehen, wie ich die Treppe hochgegangen bin, und wärest nicht überrascht worden.”

Ian ließ den Kopf hängen. Es war ihm ganz offensichtlich peinlich, dass er nicht auf seinem Posten gewesen war. “Ich war in der Küche. Wir haben nämlich Besuch.”

“Wen?” Angus ging an der Treppe vorbei Richtung Küche, aus der ein silbriger Lichtschein unter der Tür auf den Flur schien. Er gab der Schwingtür einen Schubs und entdeckte Gregori, der am Küchentisch saß und genüsslich aus seiner Flasche Blissky trank.

“Was machst du denn hier? Wieso hältst du Ian von seinen Pflichten ab? Du solltest eigentlich noch bei Romatech sein.”

Gregori schnitt eine Grimasse. “Du bist doch eigentlich der Nette, oder? Roman erwartet von mir einen Bericht über den Vampirjäger, aber weder du noch Connor seid ins Büro zurückgekommen. Außerdem wollte ich dir deine Flasche zurückgeben.”

Angus schnappte sich die Flasche und hielt sie vors Licht. “Das Ding ist ja halb leer!”

“Du meinst sicher halb voll.” Doch Gregoris blödes Grinsen erstarb augenblicklich, als ihn ein böser Blick traf. “Okay, ich habe einen kleinen Schluck genommen. Aber wirklich nur ein Tröpfchen.”

Im selben Moment, in dem Angus die Flasche abstellte, erschien Ian im Zimmer.

Gregori zeigte auf ihn. “Er hat auch was davon getrunken.”

“Nur ein winziges Schlückchen”, behauptete Ian. “Schließlich bin ich ja im Dienst.”

“Da hast du verdammt recht.” Angus musste ein Grinsen verkneifen. Romans neuer Fusion-Drink würde garantiert wie eine Bombe einschlagen. “Würdest du Connor anrufen und ihm sagen, dass ich hier bin?” Um seine Worte zu unterstreichen, nickte er Ian auffordernd zu.

“Klar.” Ian nahm ein schnurloses Telefon von der Küchentheke und verschwand in den Flur.

“Also, Großer. Was kannst du mir berichten?” Gregori lehnte sich in seinem Stuhl zurück. “Hast du den Vampirjäger gefunden? War es eine der beiden heißen Miezen?” Er wackelte mit den Augenbrauen.

Angus sah den jüngeren Vampir an. “Ich werde dir verzeihen, dass du meinen Blissky getrunken hast, wenn du mir sagst, was mit dem Balg los ist.”

“Mit dem was? Das Ganze jetzt noch mal, und bitte auf Deutsch.”

“Das Balg, das Kind. Ich will wissen, was mit ihm los ist.”

“Oh.” Gregoris Miene wurde ernst, und er stützte sich auf die Ellbogen. “Tja, das ist sozusagen persönlich.”

“Deine Eier sind auch persönlich, wenn du verstehst, was ich meine. Also, sagst du mir jetzt, was los ist, oder nicht?”

“Meine Güte!” Gregori sah ihn ungläubig an. “Ich empfehle, mal die Steroide wegzulassen.”

“Ich brauche kein Doping. Ich bin von Natur aus so.”

“Schon klar.” Gregori sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an. “Du hast der scharfen Lady doch nichts getan?”

Angus lächelte. Langsam dämmerte ihm, warum Roman den jungen Vampir so schätzte. “Ich sag dir jetzt mal was. Du verrätst mir, was mit dem Balg los ist und ich erzähl dir von der scharfen Lady.”

Gregori nickte bedächtig. “Abgemacht.” Er deutete auf den Stuhl gegenüber.

Angus legte sein Claymore mitten auf den Tisch und setzte sich. “Ist das Balg in Gefahr?”

“Das wissen wir nicht. Die Vampirärzte sagen, er ist gesund.”

“Es ist ein Junge?”

Gregori lächelte. “Du hättest Roman mal sehen sollen, als er es mir erzählte. Er hat sich fast nicht mehr eingekriegt, so stolz war er.”

“Wo ist dann das Problem? Und versuch gar nicht erst, mir etwas vorzumachen. Das merke ich sofort. Und du willst doch nicht, dass ich böse werde?”

Sagenhaft, wie Gregori die Augen verdrehte. “Oh. Jetzt kriege ich aber Angst.”

Angus unterdrückte ein Grinsen. Er verschränkte die Arme vor der Brust und kniff die Augen zusammen.

“Na gut. Shanna erwähnte vor ein paar Monaten, das Baby würde den ganzen Tag schlafen und wäre dafür nachts total aufgedreht. Und da hat Roman Angst bekommen.”

Angus stützte sich mit den Ellbogen auf dem Tisch ab. “Roman hat Angst, dass sein Balg ein Kind der Nacht ist? Deswegen gehen sie zum Vampirarzt? Hat Roman denn keinen menschlichen Samen verwendet?”

“Doch. Aber er hat die Spender-DNA gelöscht und durch seine eigene ersetzt.”

“Damit er der Vater ist. Trotzdem verstehe ich nicht, wo das Problem liegt.” Die Küchentür ging auf und Connor trat herein, gefolgt von Ian.

“Ich hoffe, du hattest mehr Glück als ich.” Connor holte sich eine Flasche synthetisches Blut aus dem Kühlschrank und stellte sie in die Mikrowelle. “Ich habe mich die ganze Nacht im nördlichen Central Park rumgetrieben und nichts entdeckt außer ein paar Pärchen beim Vögeln.”

“Verdammt!” Gregori schlug mit der Faust auf den Tisch. “Ich hätte doch mitgehen sollen!”

Schlagartig wurde es still im Zimmer. Nur das Surren der Mikrowelle war noch zu hören. Die drei Schotten richteten ihren Blick auf Gregori, der rot anlief.

Er rutschte nervös auf seinem Stuhl herum. “Ich brauche wohl langsam mal wieder eine Freundin.”

“Tun wir das nicht alle”, murmelte Ian.

Der Klingelton der Mikrowelle unterbrach die Stille, und Connor entnahm die Flasche mit dem Blut. “Bevor wir jetzt alle anfangen, unseren Verflossenen nachzutrauern, würde ich gerne etwas über den Vampirjäger erfahren. Hast du sie gefunden, Angus?”

“Sie?”, wiederholte Ian.

“Ja, ich habe sie gefunden.” Angus deutete auf Gregori. “Aber zuerst wollte mir Gregori noch von Romans Balg erzählen.”

“Er wollte nichts über die Vampirjägerin sagen, wenn ich nicht mit der Wahrheit herausrücke”, gab Gregori entschuldigend zu.

Connor verzog das Gesicht und nahm dann einen tiefen Schluck aus der Flasche. “Roman hatte darum gebeten, niemandem etwas davon zu sagen.”

Angus bleckte die Zähne. “Du glaubst also nicht, dass ich ein Geheimnis bewahren kann? Ich kenne mehr Geheimnisse, als du dir träumen lässt, Connor. Ich muss dich doch nicht daran erinnern, dass du für mich arbeitest?”

“Ja, das stimmt. Aber mein Job ist es, für Romans Sicherheit zu sorgen – und genau das tue ich auch.”

“Wo liegt denn nun das Problem?” So schnell würde Angus nicht aufgeben.

Seufzend lehnte sich Connor gegen die Küchentheke. “Nachdem Shanna schwanger geworden war, führte Roman einige Tests durch, um herauszufinden, ob er sich in einen Sterblichen zurückverwandeln könnte.”

Angus nickte. “Die Prozedur, der sich Darcy Newhart unterzogen hat. Was wurde eigentlich daraus?”

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