Die widerspenstige Tochter des Earls

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„Ich verspreche Ihnen, ich werde alles tun, um Sie glücklich zu machen.“ Benedicts Worte sind wie ein Schwertstich in Alyssas stolzem Herzen. Niemals wollte sie ihre Unabhängigkeit aufzugeben. Doch ein drohender Skandal zwingt sie, ihren Schwur zu brechen: Sie muss Benedict, den Mann mit den feurigen Augen, heiraten …


  • Erscheinungstag 12.06.2021
  • ISBN / Artikelnummer 9783751507257
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Was tut man nicht alles, um sein Gewissen zu beruhigen.

Benedict Tawny hing seinen Gedanken nach, als er an der Zufahrt nach Dornton Manor entlangritt. Der kurvenreiche Weg führte durch ein lichtes Waldstück. Es war noch früh am Morgen eines freundlichen Tages Anfang Oktober. Das Sonnenlicht fiel in Sprenkeln durch die spärlichen Blätter an den Bäumen über ihm. Ein heftiger Windstoß wehte ihm den Hut vom Kopf, und er sprang hoch, um ihn einzufangen.

Wenn die Jungs der ‚Teufelsbrut‘ mich so sehen könnten, dachte er und grinste, als er sich den Hut fest auf den Kopf drückte. Er trug nur eine abgenutzte Jacke, zweckmäßige Hosen und abgeschabte Stiefel und machte nicht gerade einen respektablen Eindruck, obwohl er Parlamentsmitglied war und als einer der Führer der Reformbewegung einen wachsenden Einfluss in der Regierung hatte. Er wunderte sich selbst, wie schnell er in die Rolle des Erkunders zurückgefallen war, die er früher für die Army in Indien ausgeübt hatte.

Alles nur, um die Tugend einer Frau zu schützen, die er noch nicht einmal kannte.

Das Parlament hatte vorläufig zu Ende getagt bis Grey es gegen Jahresende wieder einberufen würde. Und die übrigen Mitglieder der Teufelsbrut hatten London verlassen.

Also konnte er die Gelegenheit zu einer guten Tat nutzen.

Etwas bewegte sich ein Stück weiter vor ihm im Wald. Er konnte nur erkennen, dass es eine junge Frau war, und machte ein paar Schritte vorwärts, um sie besser sehen zu können. Sie war klein und trug eine alte Strohhaube über dem dunklen Haar. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt dem Skizzenbuch, das sie auf den Knien balancierte, um darin zu zeichnen.

Kleid und Haube waren offenbar alt, aber schienen von guter Qualität zu sein. Das Kleid war so altmodisch, dass es keiner Kammerzofe einer Lady gefallen hätte, aber zu fein für eine Hausmagd. Also musste sie etwas Besseres sein. Außerdem würde nur eine feine Lady um diese frühe Zeit im Wald sitzen, um zu zeichnen.

Zierlich und klein … unmodern gekleidet … passionierte Künstlerin. Diese Beschreibung passte perfekt auf die Frau, die er suchte. Er war entzückt, so einfach die Lösung für sein Problem gefunden zu haben, als Mann mit einer wohlerzogenen Jungfer, mit der er nicht verwandt war, allein sprechen zu können. Ben näherte sich ihr vorsichtig, um sie nicht zu erschrecken.

Als er die Lichtung erreichte, wo sie auf dem Stamm eines gefällten Baumes saß, schien sie vollkommen in ihre Zeichnung vertieft zu sein. Schließlich räusperte er sich und sagte: „Habe ich das Vergnügen mit Lady Alyssa Lambornne?“

Die Jungfer schrak zusammen. Das Skizzenbuch hielt sie gerade noch fest, aber das Kästchen mit den Pastellstiften begann zu rutschen. Ben sprang hinzu, um das Kästchen aufzufangen, bevor es den Waldboden erreichte. „Entschuldigung, ich wollte Sie nicht erschrecken“, sagte er.

Er richtete sich auf und hielt ihr das Kästchen entgegen. Und als er ihr dann in die Augen sah, erstarrte er. Ihr Anblick ging ihm durch Mark und Bein.

Sie hatte wunderschöne große rehbraune Augen, in deren goldenen Tiefen er eine Klugheit ahnte, die er überaus anziehend fand. Doch er spürte auch eine gewisse Wildheit und intensive Spannung in ihr. Nicht nur in ihren Augen, dachte er wie betäubt, sondern in ihrem ganzen Körper. Als wüsste sie nicht, ob sie fliehen sollte – oder angreifen.

In ihrem dunklen Kleid, dem Tuch, das ihr von den Schultern rutschte, und der schäbigen Haube, unter der sich eine dunkle Haarsträhne hervorringelte, erschien sie ihm so ungezähmt wie der Wald, den sie zeichnete.

Ihre ursprüngliche, leidenschaftliche und kraftvolle Weiblichkeit schien den Mann in ihm direkt anzusprechen. Plötzlich fühlte sich seine Zunge schwer an, Begehren rauschte ihm durch die Adern und erweckte jeden Teil seines Körpers zum Leben.

Hingerissen von dem Wunsch, diese Lippen zu küssen, streckte er die Hände aus. Dabei klapperten die Stifte in dem Kästchen, das er festhielt. Das kleine Geräusch klang sehr laut in der Stille und brach den Zauber, in dem er gefangen war.

Nimm dich zusammen, Tawny. Dies ist keine Verführerin, die mit dir im Wald herumtollen will, sondern ein anständiges unberührtes Mädchen.

Obwohl seine launischen Sinne ihm etwas anderes einflüsterten.

Seine irritierende Reaktion hatte wohl nicht so lange gedauert, wie es ihm selbst erschienen war. Lady Alyssa schaute ihn immer noch forschend an. Sie runzelte die Stirn und überlegte offenbar, wo sie ihn einordnen sollte.

Vor ihm saß kein Mädchen, sondern eine Frau, wie er nun feststellte. Er erwiderte ihren prüfenden Blick, kämpfte aber immer noch gegen die Auswirkungen des Feuers in seinen Sinnen an. Ihr Gesicht war ein perfektes Oval, die Wangen und Nase übersät mit kleinen Sommersprossen, die vermutlich ihre Mama zur Verzweiflung brachten, weil modisch blasse Haut gerade fashionable war. Ein keckes Näschen und volle rosige Lippen ergänzten den Gesamteindruck.

Sie war zwar ziemlich klein – unter Normalgröße – und ihre Haare waren von unauffälligem Braun. Nur das entsprach der Beschreibung, die man ihm gegeben hatte, aber alles Übrige machte einen völlig anderen Eindruck auf ihn.

Unscheinbar … alte Jungfer …? Er hätte sie eher als kleine Venus bezeichnet. Das unmodische Kleid war hochtailliert und unterstrich damit ihren schönen vollen Busen, und der abgetragene Stoff schmiegte sich an den richtigen Stellen an ihre sehr sehenswerten Kurven.

Kein Mann konnte ihren glutvollen Blick sehen und nicht von dem Wunsch überwältigt werden, sie zu besitzen. Wie konnte Denbry dieses wunderschöne Geschöpf der kleinlichen Rache an ihrem Bruder opfern?

Noch hatte die Lady kein Wort gesprochen … vielleicht war sie ja doch schüchtern. Es gelang Ben, sie freundlich anzulächeln. „An diesem wunderschönen Tag ritt ich daher auf meinem Ross …“, er zeigte auf sein Pferd, „… und erblickte von Weitem eine Frau im Wald. Falls sie sich verirrt hatte, wollte ich ihr meine Hilfe anbieten. Nun kann ich sehen, dass Sie gerade zeichnen, und bitte um Entschuldigung für die Störung.“

Er beugte sich vor, um ihr das Kästchen mit den Pastellstiften zu reichen. Dabei gelang es ihm, einen Blick auf ihr Bild zu werfen. „Übrigens finde ich Ihre Zeichnung ganz ausgezeichnet“, fügte er – selbst überrascht – hinzu und verrenkte sich den Hals, um es genauer zu betrachten. Alle jungen Damen lernten zu zeichnen, aber diese hier war wirklich begabt. „Wie geschickt Sie die Form des Vogels eingefangen haben. Es sieht aus, als würde er gleich losfliegen.“

„Vielen Dank“, sagte sie schließlich. „Doch Sie sind im Vorteil, Sir, denn Sie wissen, wer ich bin, während ich Sie immer noch nicht zuordnen kann. Sicherlich sind wir keine Bekannten, denn ich würde mich an Sie erinnern, wenn wir einander vorgestellt worden wären.“ Sie musterte ihn noch einmal von Kopf bis Fuß. „Sind Sie vielleicht Lord Fultons Sekretär?“

Sie war sehr aufmerksam und hatte ihn so eingeschätzt, wie er es geplant hatte, als er seine Verkleidung anlegte. Seine kultivierte Sprechweise verriet, dass er kein einfacher Arbeiter war. Seine Kleidung war nicht billig gewesen, aber abgetragen und unauffällig. Er war sicher nicht die Art von elegantem Peer, den Lady Fulton zu ihrer Hausparty einladen würde.

„Nein.“

„Aber Sie sind auch kein neuer Gast. Dafür sind Sie nicht passend gekleidet. Außerdem haben Sie kein Gepäck dabei. Woher kennen Sie mich eigentlich?“

„Ich wohne im Dorf. Dort ist die Party auf Dornton Manor in aller Munde. Einer der Gäste, Lady Alyssa Lambornne, wurde mir als klein und dunkelhaarig beschrieben. Und sie soll sehr gern zeichnen.“

Sie machte ein verschlossenes Gesicht. „Sie haben sich speziell nach mir erkundigt? Warum? Ich bin sicher, wir sind uns noch nie begegnet!“

„Das möchte ich wiedergutmachen. Lady Alyssa, darf ich Ihnen Mr. Benedict Tawny vorstellen, den Parlamentsabgeordneten für Launton.“ Er machte eine schwungvolle Verbeugung.

Ihr missbilligender Gesichtsausdruck wurde eher noch finsterer. „Es tut mir leid, wenn ich mich jetzt so einfältig aufführe wie mein Vater es immer von mir behauptet, aber leider sagt Ihre parlamentarische Position überhaupt nichts darüber aus, mit welcher Absicht Sie hierhergekommen sind. Wollen Sie sich mit Lord Fulton beraten?“

„Nein, ich kenne weder Lord noch Lady Fulton. Ich bin gekommen, um Sie zu sehen, Lady Alyssa. Ich bin entzückt, Sie hier getroffen zu haben, denn nun können wir uns unterhalten, ohne dass ich noch einen anderen Weg suchen muss, Sie allein zu treffen.“

„Sie sind gekommen, um mit mir allein zu sprechen? Ich kann mir keinen Grund dafür vorstellen. Würden Sie mir das bitte erklären?“

„Selbstverständlich. Ihre Verwirrung ist sehr verständlich. Wir haben uns zwar noch nicht persönlich getroffen, aber in Oxford habe ich Ihren Bruder kennengelernt, Lord Harleton. Und ich fürchte, ich muss Ihnen jetzt eine bedauerliche Mitteilung machen.“

Allmählich schien sie zu begreifen. „Jetzt erinnere ich mich wieder! Sie gehören der Gruppe an, die Harleton als ‚Teufelsbrut‘ bezeichnete. Sie waren Studienkollegen, die vorhatten, in die Politik zu gehen, um die Regierung zu reformieren. Und Sie nannte er gewöhnlich Chil…“ Sie unterbrach sich und errötete. „Den Namen möchte ich nicht wiederholen.“

Chilford Bastard. Ben biss die Zähne zusammen, weil er sich wie früher über den Schimpfnamen ärgerte.

Er wusste besser als jeder andere in der feinen Gesellschaft, dass es immer die Frau ist, die bei einem Skandal die ganze Schande ertragen muss, während über das Verhalten des beteiligten Mannes stillschweigend hinweggegangen wird. Er hatte es am Beispiel seiner eigenen Mutter erfahren, deren einziger Fehler gewesen war, ihrem Geliebten das Heiratsversprechen zu glauben. Die Familie seines Vaters hatte alles getan, um die Heirat ihres Sohnes mit einer Frau zu verhindern, die sie für nicht standesgemäß hielten. Nach dieser Erfahrung war Ben sehr empfindlich geworden, wenn es darum ging, eine unschuldige Frau zur Zielscheibe zu machen.

Darum war er hier.

Den meisten Frauen, deren Ruf ruiniert war, blieb nur der Weg auf die Straße, wenn ihre Familien sie verstießen. Seine Mutter hatte sogar noch Glück gehabt. Sein Vater hatte sie zwar für Geld und Titel verlassen – dafür hatte Ben ihn immer gehasst –, aber der Viscount hatte immerhin dafür gesorgt, dass sie einen Platz zum Leben und genug zu essen hatten. Das war natürlich kein Ausgleich dafür, seine Mutter zu einer Ausgestoßenen gemacht zu haben. Und Ben selbst wurde zum Opfer jedes Rüpels, nur weil er ein Bastard war.

„Ich danke Ihnen, dass Sie den Namen nicht aussprechen, obwohl es mir leidtut, dass Ihr Bruder solche Worte vor seiner Schwester gebraucht hat.“

„Wenn Sie Harleton kennen, dann müssten Sie wissen, dass er immer nur das tut, was er will, und wann er es will, ohne Rücksicht auf die Wünsche oder Gefühle anderer.“

„Das weiß ich nur zu gut“, sagte er und verzog das Gesicht. Er hatte nie versucht, die Tatsache seiner unehelichen Geburt zu verheimlichen, und die meisten Klassenkameraden in Oxford hatten das Thema höflich vermieden. Nicht so Lord Harleton, der keine Gelegenheit ausließ, ihn als Chilford Bastard bloßzustellen.

„Also sind Sie keiner seiner … speziellen Freunde?“

„Weit gefehlt. Ohne jemanden beleidigen zu wollen, muss ich gestehen, dass ich seit Oxford Ihren Bruder nach Möglichkeit meide.“

Seltsamerweise musste sie über diese Bemerkung lachen. „Es scheint so, als hätten wir zumindest eine Sache gemeinsam. Aber warum wissen Sie so viel über mich, und warum möchten Sie mit mir sprechen? Ist Harleton etwas zugestoßen?“

„Es hat mit Ihrem Bruder zu tun, doch meines Wissens ist er bei guter Gesundheit. Es ist etwas kompliziert.“

„So ist es immer, wenn es um Harleton geht. Und vermutlich ist es auch anstößig.“ Sie legte das Skizzenbuch weg und klopfte auf den Platz neben sich auf dem Baumstamm. „Das müssen Sie mir genauer erklären.“

„Anstößig ist es auf jeden Fall“, sagte er und setzte sich etwas weiter entfernt hin, als sie angedeutet hatte. Das war sehr vernünftig. Obwohl die sachliche Unterhaltung ihre sinnliche Anziehungskraft ein wenig gedämpft hatte, spürte er sie immer noch deutlich.

„Wie schon erwähnt, bin ich Abgeordneter“, begann er. „Einige meiner Kollegen und ich treffen uns gern in einem Lokal in der Nähe des Parlamentsgebäudes. Es heißt Quill and Gavel. Da momentan Parlamentsferien sind, hielt ich mich vor ungefähr einer Woche allein dort auf. Ein früherer Bekannter aus Oxford entdeckte mich und zog mich in eine Gruppe von Gentlemen, die gerade eine Wette verabredeten. Organisiert wurde sie vom Earl of Denbry, der Ihrem Bruder nicht gerade wohlgesinnt ist.“

„Denbry!“, rief sie. „Ja, ich habe gehört, dass Harleton über ihn hergezogen ist. Offenbar versuchen die beiden seit ihren Oxforder Tagen, sich bei verschiedenen zweifelhaften Aktivitäten gegenseitig auszustechen. Ging es darum, meinen Bruder erneut in Schwierigkeiten zu bringen?“

„So ist es. Ihr Bruder war wohl mit Denbry aneinandergeraten, als er ihn beim Pferdekauf überbot. Und dann, noch schlimmer, nahm er ihm eine Frau weg.“

„Ging es um diese Tänzerin?“ Als Ben fragend die Brauen in die Höhe schnellen ließ, fügte sie hinzu: „Die Bediensteten reden immer sehr gern über meinen Bruder – seine Pferde, seine Frauen und seine Glücksspiele – und meine Zofe wiederholt mir hinterher immer alles haarklein. Wurde Denbry überboten von meinem Bruder in der … Gunst dieser Frau?“

„So sieht es aus. Denbry ist darüber so erbost, dass er einen perfiden Racheplan entworfen hat, den Harleton bis an sein Lebensende nicht vergessen soll. Obwohl ich nicht gern über solch eine abscheuliche Wette mit einer Lady spreche, hielt ich es für angebracht, Sie zu warnen. Was Denbry vorschlug, war … dass einer aus seiner Gruppe Sie erst verführen und dann verlassen sollte.“

Lady Alyssa riss erstaunt die Augen auf, rang nach Luft – und begann dann zu lachen.

„Was für ein Unsinn! Sie glauben doch wohl nicht, dass ich so eine absurde Geschichte glaube. War das die Wette? Mich dazu zu bringen, so eine haarsträubende Geschichte zu glauben, damit ich die Fassung verliere und Sie es meinem schadenfrohen Bruder berichten können?“

„Ich wünschte, es wäre so. Es mag absurd und abstoßend sein, aber ich versichere Ihnen, dass Denbrys Plan, Sie zu verführen, der Wahrheit entspricht. Diese Wette wurde von allen akzeptiert, und sie bezahlten ihren Einsatz. Der Gewinner erhält alles, wenn er Erfolg hat.“

Ihre Heiterkeit verschwand, und sie musterte ihn wieder eindringlich. Erneut wurde eine Welle der Sinnlichkeit in ihm ausgelöst, gegen die er ankämpfen musste. „Wenn Sie nicht der beste Schauspieler in der Geschichte des Theaters sind, beginne ich allmählich zu glauben, dass Sie die Wahrheit sagen. In dem Spiel, einander zu überbieten, versucht jetzt also Denbry, eine abspenstige Mätresse mit einer entehrten Schwester zu übertrumpfen?“

„Leider ist es so.“ Ben fühlte sich elend und beschämt. Denbry brachte nicht nur die Aristokraten in Verruf, sondern das männliche Geschlecht insgesamt.

„Aber … wie haben diese Männer sich eigentlich die Durchführung ihres Planes vorgestellt? So naiv bin ich nun doch nicht, dass ich mich von irgendeinem glattzüngigen Gentleman in eine kompromittierende Situation bringen lassen würde.“

„Denbry hat sich irgendwie eine Liste der Hauspartys besorgt, zu denen Sie eingeladen sind, und die Männer wollten sich Einladungen dazu beschaffen. Da sich alle für große Herzensbrecher halten, haben sie geplant, Sie irgendwie zum Durchbrennen zu überreden. Sie wollen Sie in einen Gasthof bringen, dort verführen und dann im Stich lassen.“

Skeptisch zog sie eine Augenbraue hoch. „Wenn man mich verlässt, könnte ich doch einfach in aller Stille nach Hause gehen, und niemand würde es erfahren …“

„Der Verführer soll zum Beweis Ihr Kleid mitnehmen. Und wenn er bei Ihrer Entdeckung nicht mehr da wäre, wenn alles auffliegt, könnten Sie ihn nicht einmal beschuldigen. Die Gesellschaft glaubt immer nur das Schlechteste von den Frauen. Man würde Sie mit Hohn und Spott überschütten, wenn Sie den Mann ohne Beweis anklagen würden.“

Ben nahm ihre nächste Frage vorweg und fuhr fort: „Sollte es Ihnen trotzdem irgendwie gelingen, die Sache geheim zu halten, würde der Täter den Namen des Gasthofs preisgeben und den Wirt, die Dienstmädchen und Stallknechte als Zeugen nennen. Denbry könnte dann eine Verleumdungskampagne starten im Sinne von ‚Vereitelte Flucht mit geheimnisvollem Gentleman‘. Je mehr Sie alles leugnen würden, desto unglaubwürdiger wären Sie. Selbst, wenn Sie den Namen des Verführers verraten würden, verliehe das dem Gerücht eher noch mehr Glaubwürdigkeit. Sie wären entehrt, ihre Familie gedemütigt. In diesem bösartigen Schachspiel hätte Denbry Ihrem Bruder seine Dame genommen.“

Während dieser Schilderung wurde Lady Alyssa bleich. Als Ben geendet hatte, blieb sie noch einige Zeit schweigend sitzen, als müsste sie alle schmutzigen Details überdenken. Dann sah sie ihn mit beunruhigtem Blick an.

„Aber … haben Sie nicht eben gesagt, dass Sie in die Diskussion hineingezogen wurden? Und nicht nur einfach zuhörten? Also … wurden Sie auch eingeladen, an dem Plan teilzuhaben?“

Plötzlich schien ihr aufzufallen, dass sie ganz allein mit einem unbekannten Mann im Wald saß. Sie rückte von ihm ab, nahm ihr Skizzenbuch und hielt es vor ihren Körper, als könnte das dünne Stück Papier und Pappe sie schützen.

Ben stand auf und trat ein Stück zurück. „Ich versichere Ihnen, Lady Alyssa, dass Sie von mir nichts zu befürchten haben! Ihrem Bruder bereitete es damals in Oxford sehr viel Vergnügen, mich zu peinigen. Darum schienen die anderen Männer davon auszugehen, dass ich aus Rachedurst an der Intrige gegen ihn teilnehmen würde. Aber wenn ich so charakterschwach wäre, mich an so einem abscheulichen Plan zu beteiligen, wäre ich dann zu Ihnen gekommen, um Sie zu warnen?“

„Wenn Sie es für besonders clever hielten?“, rief sie. „Da man Sie zur Teilnahme aufgefordert hat, hält man Sie sicher auch für einen Herzensbrecher! Dachten Sie vielleicht, dass ich bei dieser Geschichte sogleich in Ihre Arme sinken würde und Sie mich sofort in diesen schändlichen Gasthof bringen könnten?“

„Wenn ich annehmen müsste, dass Sie einem Fremden in die Arme sinken würden, statt laut schreiend zurück zu Ihrer Mutter nach Dornton Manor zu laufen, würde ich Sie in der Tat für sehr einfältig halten“, entgegnete er. „Außerdem könnte ich Sie schwerlich gegen Ihren Willen in den Gasthof bringen, denn dann würde niemand uns für ein Liebespaar halten, wie es geplant ist.“

„Und ich soll Ihnen glauben, dass Sie zwar an diesem Plan teilhaben, aber von Gewissensbissen an der Durchführung gehindert werden? Oder war die Belohnung nicht hoch genug?“, fügte sie erbittert hinzu.

Ben fühlte sich ehrlich betroffen. Er war zwar ein Lebemann, das gab er auch offen zu, aber einer mit Prinzipien. Er würde nie eine Frau gegen ihren Willen verführen. Immer bezahlte er pünktlich seine Bediensteten und Lieferanten, und er gab sich Mühe, seinen Mitmenschen zu helfen.

Doch er konnte nicht erwarten, dass sie einem völlig Fremden vertraute. Außerdem hatte er ihr gerade selbst erzählt, dass er mit Männern zu tun hatte, die zu den besonders nutzlosen und verschwenderischen Mitgliedern der Oberschicht gehörten.

„Da Sie mich nicht kennen, kann ich Sie nicht davon abhalten, so von mir zu denken. Ich muss zugeben, dass man mir einen gewissen Ruf bei den Damen nachsagt, aber ich gehe stets höflich und respektvoll mit ihnen um.“

Bevor sie ihn weiter verächtlich behandelte, wollte er ihr die restlichen Informationen geben und sich dann verabschieden. Doch erfasste ihn eine gewisse … Enttäuschung. Die ungewöhnliche Lady Alyssa hatte ihn schon auf den ersten Blick mehr fasziniert als jede andere Frau.

Nun hatte er schon zwei Gründe, dieses kleine Tête-à-Tête so schnell wie möglich zu beenden.

„Wenn Sie die Freundlichkeit hätten, mir noch eine Minute zuzuhören, dann überlasse ich Sie Ihren Zeichnungen. Ich möchte Ihnen nur noch die Namen der beteiligten Männer geben, die sich momentan auf Lady Fultons Party befinden.“

Sie starrte ihn an. Ihr Gesicht verriet Ungläubigkeit, Skepsis und Ärger. Endlich sagte sie: „Ich finde es immer noch schwer zu fassen, dass es Männer gibt, die sich an so einem schändlichen Komplott beteiligen. Doch es wäre tatsächlich unlogisch von Ihnen, mich vor ihnen zu warnen, wenn Sie selbst daran beteiligt wären. Ich weiß nichts weiter von Ihnen, als dass Sie zu einer Universitätsgruppe gehörten, die ‚Teufelsbrut‘ genannt wurde, und dass mein Bruder sich über Ihre Abstammung mokierte. Abgesehen von Ihrer fantastischen Geschichte, habe ich jedoch nichts an Ihnen auszusetzen. Wenn Sie die Wahrheit sagen, haben Sie einige Unannehmlichkeiten auf sich genommen, um mich zu warnen. Darum muss ich mich nun bei Ihnen entschuldigen und bedanken – obwohl ich immer noch nicht sicher bin, ob ich Ihnen glaube.“

Nun war er von ihr noch faszinierter. „Entschuldigung angenommen. Es ist mir klar, dass sich die Geschichte … absurd anhört.“

„So ist es. Ich finde die Existenz dieser Wette immer noch unglaubwürdig, aber andererseits kann ich mir nicht anders erklären, warum Sie sonst wie aus heiterem Himmel hier auftauchen und mir diese Geschichte auftischen sollten.“ Sie schüttelte offensichtlich verwirrt den Kopf. „Aber Sie sagten auch, dass Sie schon seit einigen Tagen im Dorf wohnen. Warum haben Sie so lange gezögert, mich aufzusuchen, wenn der Grund für Ihre Reise nach Sussex darin bestand, mich vor diesem ruchlosen Komplott zu warnen?“

„Ich wusste, dass Sie in Dornton Manor sein würden, aber sonst nicht viel. Um einen Weg zu finden, an Sie heranzukommen, musste ich mehr erfahren. Ich wollte auch herauskriegen, wer von den Beteiligten an der Party teilnehmen würde. So weit ich weiß, bin ich in jener Nacht als Einziger gegen die Wette gewesen. Es konnte aber sein, dass nach reiflicher Überlegung sich auch andere gegen eine Teilnahme entschließen würden. Ich wollte niemanden verleumden.“

„Oh nein, wir wollen doch keinen Gentleman verleumden“, sagte sie mit scharfer Stimme. „Allerdings verstehe ich nicht, was es Ihnen bringen sollte, im Dorf zu wohnen. Man kennt mich hier nicht. Es gibt sicher Gerede über die Party, aber wie wollten Sie herausfinden, wer wirklich hier ist, wenn Sie nicht selbst nach Dornton gingen?“

„Oh, aber ich war da.“

Sie blinzelte. „Sie waren dort und haben mich nicht gesehen?“

„Ich ging nicht durch die Vordertür.“ Er lächelte. „Während meiner Zeit bei der Army habe ich gelernt, dass es nicht gut ist, beim Feind einzufallen, ohne vorher alles genau auszukundschaften. Nein, so eine heikle Mission erfordert eine gewisse … Heimlichkeit.“

„Wie meinen Sie das?“

„Ich hatte keinen Grund, Sie aufzusuchen, außerdem verkehre ich nicht in den gesellschaftlichen Kreisen, die mich als Gast bei Lady Fultons Party qualifizieren würden. Doch dank meiner Zeit bei der Army kann ich mich unter gewöhnlichen Leuten unauffällig bewegen. Dornton Manor ist das größte Anwesen in dieser Gegend, also stammen die meisten Verbrauchsgüter aus der Umgebung, und die meisten Bediensteten im Haus kommen aus dem Dorf. Ein paar Runden im Gasthaus und einige Gespräche mit den verschiedenen Händlern, die Dornton Manor beliefern, genügten. Es brauchte dann nur die Andeutung, dass man als ehemaliger Soldat arbeitslos sei und ein bisschen Geld verdienen möchte, und schon hat man den Auftrag, Lebensmittel zu liefern. Der gute Fisch, den Sie gestern Abend gegessen haben? Die Ananas zum Dessert?“ Er klopfte sich auf die Brust. „Aus dem Dorf geliefert von Ben Tawny. Und als ich erst einmal im Gebäude war, fand ich bei einem Glas Ale mit den Dienern sehr schnell heraus, wer bei wem Kammerdiener ist. Und ein kleiner Flirt mit den Zofen genügte, um einige interessante Details über ihre Dienstherrinnen zu erfahren. Voilà – schon wusste ich Bescheid über Ihre Größe, Haarfarbe und Vorliebe für das Zeichnen.“

„Mit anderen Worten haben Sie die Dienstboten irregeführt und die Händler angelogen“, sagte sie in strengem Ton, obwohl sie ein leichtes Lächeln nicht verbergen konnte. „Wie soll ich ein einziges Wort von dem glauben, was Sie mir erzählen?“

„Ich habe niemanden absichtlich getäuscht“, protestierte er. „Ich habe nur … eine Illusion erzeugt.“

„Sie haben gelogen.“

Er schüttelte den Kopf. „Stimmt nicht! Ich bin wirklich ein ehemaliger Soldat und in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, und damals brauchte ich ständig Geld. Die Angestellten mögen geglaubt haben, dass ich ein Lieferant sei, weil ich Waren angeliefert habe, aber gesagt habe ich es niemals.“

„Weil die Diener sich nicht hätten vorstellen können, dass ein Lieferant eigentlich Abgeordneter ist und persönliche Auskünfte über Lady Fultons Gäste braucht.“

Er zuckte mit den Schultern. „Nachdem ich ihnen ‚A‘ und ‚B‘ präsentierte, sind sie irrtümlich zu der Folgerung ‚C‘ gelangt, aber das ist nicht meine Schuld.“

Sie schüttelte den Kopf. „Sie sind ein gefährlicher Mann.“

Er grinste. „Das hoffe ich doch. Glauben Sie mir jetzt ein wenig mehr?“

„Ja. Nein. Ich weiß nicht. Sie sprechen und benehmen sich wie ein Gentleman … aber wenn ich Ihren Namen und Ihre Beziehung zu Oxford nicht kennen würde, würde ich Sie für einen Betrüger halten.“

„Bei der Army bin ich dazu ausgebildet worden, Informationen zu sammeln. Es ist erstaunlich einfach, selbst völlig Fremde zum Sprechen zu bringen, wenn man Interesse vorgibt und ihnen zuhört. So bin ich an die erwünschten Informationen gekommen. Wollen Sie denn nicht erfahren, was ich weiß?“

„Nun gut! Aber ich verspreche nicht, dass ich Ihnen glaube!“

„Denbry kommt heute an. Quinlen und Rossiter sind bereits hier. Selbst wenn Sie mir nicht glauben, seien Sie bitte sehr vorsichtig in ihrer Nähe. Achten Sie darauf, wie man Sie behandelt. Sie werden sicherlich schnell merken, wie ungewöhnlich zuvorkommend und einschmeichelnd sie sein werden, und dass sie ausnahmsweise alle anderen Frauen ignorieren.“

Ihr Gesichtsausdruck wurde plötzlich ernst.

„Die beiden haben bereits damit begonnen, Sie zu bezirzen, nicht wahr?“, fragte er.

„Ich sehe immer noch nicht, wie sie denken konnten …“ Sie brach ab und errötete. „Ach so, nun ergibt die Wette einen Sinn“, sagte sie. „Diese Männer denken, dass ich wegen meines vorgerückten Alters und als unverheiratete Frau dankbar für die Aufmerksamkeiten eines passenden Junggesellen sein müsste. Und mit ein wenig Schmeichelei alles tun würde, was sie wollen.“

Ben zögerte, weil er nicht bestätigen wollte, dass Denbry ebendies gesagt hatte. Sie nickte. „Obwohl es nett von Ihnen war, mir diese demütigende Feststellung ersparen zu wollen, hätte ich schneller begriffen, worum es geht, wenn Sie es mir gesagt hätten.“

„So etwas würde ich nie tun!“, erwiderte er, als er sah, wie mühsam sie versuchte, ihre Würde zu bewahren. Es machte ihn wütend. „Erstens würde ich nie etwas derartig Unhöfliches zu einer Lady sagen. Zweitens habe ich mich mit eigenen Augen davon überzeugt, dass es nicht stimmt. Sie sind wunderschön, haben einen scharfen Verstand, sind selbstständig und sehr talentiert. Wenn Sie unverheiratet sind, dann aus eigenem Entschluss.“

Er hatte jedes Wort ernst gemeint, doch er sah Tränen in ihren Augen glänzen. „Ich dachte, die anderen Gentlemen würden versuchen, mich zu verführen.“

Er schüttelte den Kopf. „Es ist die reine Wahrheit, wie ich sie sehe. Wenigstens weiß ich jetzt, dass Sie auch ohne meine Einmischung nicht so einfach hinters Licht zu führen sind.“

Ärgerlich wischte sie die Tränen ab. „Obwohl ich jetzt verstehe, warum diese Männer ausgerechnet mich zur Zielscheibe ihrer Wette gewählt haben, kann ich es immer noch nicht ganz glauben. Und Sie kamen extra hierher, um mich zu warnen! Ich schätze Ihren Sinn für Anstand, aber Sie haben sehr viel Mühe aufgewandt, um einer Frau zu helfen, die Sie nie zuvor gesehen haben. Wieso tun Sie das?“

„Weil ich weiß, was es für eine Frau bedeutet, betrogen zu werden – und die Folgen für den Rest ihres Lebens tragen zu müssen.“

Plötzlich begriff sie. „Chilford Bastard“, sagte sie leise.

„So ist es.“ Er versuchte, seine Bitterkeit nicht offen zu zeigen.

„Wenn es wahr ist, schulde ich Ihnen eine ganz besondere Entschuldigung – und meinen Dank.“

Er winkte ab. „Bleiben Sie auf der Hut und beobachten Sie das Verhalten der genannten Männer. Keiner von ihnen wird so dumm sein, die Entführung gegen Ihren Willen zu versuchen, weil Ihre Einwilligung Voraussetzung ist, um die Wette zu gewinnen. Außerdem wird eine versuchte Entführung vom Gesetz hart bestraft.“

„Ich werde sie im Auge behalten.“

Trotz ihrer Beteuerung fühlte er sich immer noch ein wenig unwohl. Dann kam ihm eine Idee, wie er gleichzeitig seine Sorgen zerstreuen und diese ungewöhnliche Frau wiedersehen könnte.

„Würden Sie sich bereit erklären, sich morgen mit mir um die gleiche Zeit hier zu treffen? Wenn diese Gentlemen sich verdächtig aufführen, wissen Sie, dass ich Ihnen die Wahrheit gesagt habe. Ich könnte dann beruhigt nach London zurückkehren, weil ich wüsste, dass Sie mir glauben und gewarnt sind.“

Er beobachtete, wie sie offenbar die Gründe dafür und dagegen abwog. „Ich denke schon.“

„Gut. Aber bringen Sie bitte morgen Ihre Zofe mit zu unserem Treffen. Und gehen Sie nicht allein im Garten spazieren.“ Er lächelte sie an. „Man weiß nie, welche Kerle sich dort herumtreiben.“

Erleichtert und nur allzu begierig auf ein Wiedersehen mit ihr, reichte Ben ihr das Kästchen mit den Stiften, das sie auf den Boden gestellt hatte, und ging zu dem Weg, um sein Pferd zu holen.

Er spürte ihren nachdenklichen Blick auf sich, als er fortritt.

Lady Alyssa Lambornne entsprach überhaupt nicht dem Bild, das Ben sich von ihr gemacht hatte, als sein Gewissen ihn zu dieser Mission trieb. Darüber dachte er nach, als er jetzt auf das Dorf zuritt. Nach Denbrys Beschreibung hatte er sie für demütig und unscheinbar gehalten. Solche schüchternen Wesen machten auf dem Heiratsmarkt nur selten eine gute Partie. Wenn die Jahre vergingen und sie unverheiratet blieben, wurden sie immer besorgter, dass ihnen der einzige respektable Status verwehrt blieb, auf den eine Frau hoffen konnte. Dann waren sie durchaus zu einer weniger vorteilhaften Heirat bereit.

Stattdessen war er auf eine Frau getroffen, die auf ihn ungewöhnlich intelligent und selbstbewusst wirkte und ein echtes künstlerisches Talent besaß. Was er ihr nicht gesagt hatte, war – er fand sie absolut nicht unscheinbar, sondern sehr verführerisch und attraktiv. Wie hatte sie es geschafft, trotz ihres anziehenden Äußeren und einer hohen Mitgift unverheiratet zu bleiben?

Vielleicht, weil die meisten Männer eine konventionelle und fügsame Ehefrau wollten und von ihrer ungewöhnlichen Ausstrahlung abgeschreckt wurden?

Auf ihn wirkte sie jedenfalls äußerst anziehend. Er ließ ihr Bild vor seinem inneren Auge vorbeiziehen. Weiche Lippen, volle Brüste und entzückend gerundete Hüften. Die Anspannung ihres Körpers und die durchdringende Intensität ihres Blicks schienen von ihrer leidenschaftlichen Natur zu zeugen, kaum verborgen unter einer dünnen Schicht äußeren Anstands …

Wieder wurde er von seinem Verlangen fast überwältigt. Trotz ihres Alters und des Eindrucks verborgener Leidenschaft war Lady Alyssa jedoch gewiss noch unschuldig. Sein Selbsterhaltungstrieb warnte ihn vor dem gefährlichen Zeitvertreib, ein anständiges Mädchen zu verführen. Bisher hatte er das grundsätzlich vermieden, und jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, damit anzufangen. Es wäre der direkte Weg zum Traualtar. Doch an einer Heirat war er nicht interessiert und hatte sich deshalb bisher nur auf Damenbekanntschaften einer gewissen Art beschränkt. Außerdem hatte er vermutlich nicht die gesellschaftliche Stellung, die eine Frau aus gutem Hause verdient hätte.

Und wenn er ganz ehrlich mit sich selbst war – nach allem, was er mit seiner Mutter erlebt hatte, war er nicht sicher, ob er überhaupt eine Frau so sehr lieben wollte, dass er für immer bei ihr blieb.

Darum musste er in seinem Umgang mit Lady Alyssa extrem vorsichtig sein. Sie schien zwar nicht besonders erpicht darauf zu sein, einen Verehrer zu haben, aber ihre Verwandtschaft dachte gewiss anders darüber. Aufgrund ihres Alters war für ihre Familie wahrscheinlich sogar der uneheliche Sohn eines Viscounts akzeptabel, auch wenn er keine gehobene Stellung innehatte.

Er musste lachen. Ihre Familie müsste wahrhaftig verzweifelt sein, wenn sie einen Bastard als Gatten für die Tochter eines Earls akzeptieren würde.

Nur noch ein einziges Mal würde er sie treffen, bevor er sich aus Gründen der Vernunft von ihr fernhalten musste. Er wollte sich vergewissern, dass sie gewappnet und somit in Sicherheit war. Doch auch, wie er zugeben musste, weil er sich das Vergnügen gönnen wollte, mit dieser ungewöhnlichen Lady zu sprechen.

Jetzt schon freute er sich darauf, als er zu dem Gasthof im Dorf ritt, wo er ein Zimmer gemietet hatte. Er würde sich an der guten Kost im Rose and Crown erfreuen und dann im Schankraum den Abend mit Kartenspielen verbringen. Und morgen wollte er die unerwartet fesselnde Lady Alyssa Lambornne wiedersehen.

2. KAPITEL

Als Mr. Tawny fortritt, schaute Alyssa ihm längere Zeit hinterher, denn sie hatte sich seiner maskulinen Ausstrahlung nicht entziehen können. Doch sie dachte immer noch darüber nach, ob sie ihm wirklich glauben sollte. Die ganze Sache erschien ihr sehr unwahrscheinlich, aber er hatte seine Beweise so überzeugend dargelegt, dass sie sich fast gezwungen fühlte, ihm zu glauben. Man hatte sie offenbar wirklich zum Opfer einer skrupellosen Intrige auserkoren.

Es gab keine andere Erklärung, wenn Mr. Tawny wirklich der Mann war, der er vorgab zu sein, dann hatte er die Wahrheit gesagt. Und indem er gekommen war, um sie zu warnen, bewies er auch noch seine Selbstlosigkeit.

Zu schade, dass er keiner von den falschen Verehrern war, denn von ihm verführt zu werden, könnte sich lohnen … Die Vorstellung erregte sie. Seit langer Zeit hatte sie sich nicht mehr zu einem Mann hingezogen gefühlt. Obwohl sie als Jungfrau nur über begrenzte Erfahrungen verfügte, fiel es ihr nicht schwer, den Grund für die Hitze in ihrem Körper zu verstehen.

Weil er so überaus attraktiv war, dass sie den Blick nicht hatte abwenden können, als er vor ihr stand. Es hatte ihr auch nicht geholfen, ihn aus der Perspektive und mit der Distanz der Künstlerin zu betrachten.

Als sie ihn zuerst erblickt hatte, stand er mit seinen breiten Schultern vor der Sonne. Seine muskulöse Figur war wie umgeben von einem Strahlenkranz gewesen, und die Spitzen der dunkelbraunen Haare hatten golden geglänzt. Sein gut aussehendes Gesicht erweckte den Eindruck, als wäre er es gewohnt, Befehle zu erteilen. Er hatte schmale Wangen mit deutlich sichtbaren Wangenknochen und eine scharf geschnittene Nase. Eine blasse Narbe verlief von der linken Schläfe bis fast zum Kinn. Seine Augen hatten die Farbe sonnenheller Smaragde, und seine tiefe Stimme ging ihr direkt unter die Haut. Er schaute sie unverwandt an, und trotz der Ermahnungen ihrer Mutter, nie einen Mann direkt anzusehen, erwiderte sie seinen Blick in gleicher Weise. Das unerwartete Auftauchen dieses attraktiven Mannes ließ sie beinahe alle Schicklichkeit vergessen, und sie wäre ihm am liebsten in die Arme gesunken.

Er sah überaus männlich aus und hatte eine Stimme, die ihr Schauer über den Rücken jagte. Darum konnte sie durchaus verstehen, warum man ihn als „Herzensbrecher“ bezeichnete.

Sein plötzliches Auftauchen hatte sie erschreckt, aber sie fühlte sich nicht bedroht. Das war eigentlich verwunderlich, weil die Männer ihrer Familie zu gewalttätigen Ausbrüchen neigten. Sie hätte skeptisch und vorsichtig sein müssen, aber stattdessen fühlte sie sich zu ihm hingezogen, selbst als ihre verwirrende körperliche Reaktion auf ihn allmählich nachließ.

Sie bewunderte ihn sogar, denn er hatte sehr viel auf sich genommen, um eine Frau zu beschützen, die er nicht einmal kannte. Er war ein intelligenter und zielstrebiger Mann mit Prinzipien, der sich in seiner eigenen Haut wohlzufühlen schien. Dabei besaß er die gleiche Art von Selbstsicherheit wie Will, stellte sie fest und empfand wieder den bekannten Schmerz.

Kein Wunder, dass sie diesen Mann reizvoll fand.

Auffällig war, wie viel er über sie wusste – vom Namen ihrer Kammerzofe bis zu ihren Ausflügen in den Wald.

Sie glaubte ihm, dass er in der Army gelernt hatte, sich Informationen zu beschaffen. Außerdem wusste sie, dass er in Oxford gewesen war und sich dort einer Gruppe gleichgesinnter Reformer angeschlossen hatte, die es sogar bis ins Parlament gebracht hatten. Was hatte er eigentlich getan, seit er im Unterhaus war? Ihre Familie war an Politik nur sehr wenig interessiert, und sie wusste nicht viel über die politischen Ereignisse, obwohl sie sich vage an Gerüchte über ein neues Reformgesetz erinnerte. War er mit seiner Gruppe daran beteiligt?

War der Mann, der sie angesprochen hatte, überhaupt Benedict Tawny? Da niemand sie einander vorgestellt hatte, musste sie sich auf sein Wort verlassen. Andererseits fiel ihr kein Grund ein, warum jemand sie in seinem Namen vor einem bösartigen Komplott warnen sollte.

Wie konnte sie sichergehen? Wenn sie ihre Mama fragte, würde die ihr nur lästige Fragen stellen. Außerdem kannte ihre Mutter nur wenige Politiker, und Mr. Tawny hatte gesagt, dass er nicht oft an gesellschaftlichen Ereignissen teilnahm, wo sie ihm hätte begegnen können.

Vielleicht sollte sie mit Lord Fulton sprechen. Er war zwar auch nicht besonders an Politik interessiert, aber über das Parlament und das Reformgesetz wusste er trotzdem wahrscheinlich mehr als die anwesenden Frauen.

Sie freute sich über ihre gute Idee.

Mr. Tawny war nicht nur der attraktivste Gentleman, den sie seit langer Zeit getroffen hatte, sondern auch der spannendste. Obwohl es unwahrscheinlich war, dass sie ihn nach dem morgigen Tag jemals wiedersehen würde, war sie froh, dass sie eingewilligt hatte, sich noch einmal mit ihm zu treffen.

In der Zwischenzeit würde sie sich ihrerseits auf die Suche nach Informationen begeben.

Ihr Gefühl der Kränkung war fast vergangen und sie war jetzt hauptsächlich empört. Sie würde Lord Fulton über Mr. Tawny ausfragen. Außerdem wollte sie Rossiter und Quinlen in ihren Aufmerksamkeiten ermutigen, um mehr über das Komplott zu erfahren.

Diese zügellosen Müßiggänger hatten sie zur Zielscheibe ihrer bösen Absichten gemacht, aber sie hatte nicht vor, ihnen in die Hände zu spielen, im Gegenteil. Sie wollte versuchen, das Komplott gegen die Urheber selbst zu wenden. Wenn diese sie für naiv, leichtgläubig und verzweifelt hielten, konnte sie auch davon ausgehen, dass sie arrogant, überheblich und unaufmerksam waren und nur das sahen, was sie zu sehen erwarteten.

Trotz der bösen Absichten dieser Männer hatte Alyssa nicht im Sinn, sie zu ruinieren. Doch empfand sie es als gerechtfertigt, die Männer mit einer Finte hereinzulegen, um sie am Ende beschämt dastehen zu lassen.

Entschlossen sammelte sie ihre Malutensilien ein und machte sich auf den Rückweg nach Dornton.

Alyssa hoffte, dass ihre Mutter bereits frühstückte und sie sich so in Ruhe umziehen könnte. Doch leider saß Lady Aldermont noch am Frisiertisch, als ihre Tochter in ihr gemeinsames Schlafzimmer schlich.

„Entschuldige, dass ich so lange geschlafen habe, Darling“, sagte ihre Mutter. Doch dann erblickte sie ihre Tochter im Spiegel. „Um Himmels willen, Kind!“, rief sie entsetzt. „Wo in aller Welt bist du in diesem scheußlichen alten Kleid gewesen?“

„Ich habe gezeichnet, Mama. Nach dem Regen von gestern war es immer noch sehr nass draußen, und ich wollte keins von den hübschen Kleidern schmutzig machen, die du für mich eingepackt hast. Die anderen Gäste waren noch nicht auf, darum konnte ich kommen und gehen, ohne gesehen zu werden.“

„Immer diese Zeichnerei“, meinte Lady Aldermont verdrießlich. „Wenn du nur einen kleinen Teil deiner Aufmerksamkeit während der Saison den wirklich wichtigen Dingen gewidmet hättest, müssten wir jetzt nicht diese langweiligen Hauspartys an abgelegenen Orten besuchen!“

Autor

Julia Justiss
Julia Justiss wuchs in der Nähe der in der Kolonialzeit gegründeten Stadt Annapolis im US-Bundesstaat Maryland auf. Das geschichtliche Flair und die Nähe des Meeres waren verantwortlich für zwei ihrer lebenslangen Leidenschaften: Seeleute und Geschichte! Bereits im Alter von zwölf Jahren zeigte sie interessierten Touristen das historische Annapolis, das für...
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