Vampire tragen keine Karos

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Drei untrügliche Hinweise, dass dein neuer Mann anders ist als andere:
1. Er schläft den ganzen Tag - ist dafür nachts aber ganz besonders aktiv.
2. Er wird angefallen von Schwert schwingenden Schurken und behauptet, allein damit klarzukommen.
3. Er scheint einfach nicht älter zu werden.
Heather Westfield führt ein beschauliches Leben. Bis sie einem gut aussehenden, ziemlich mysteriösen Fremden hilft. Etwas stimmt nicht mit Jean-Luc, aber trotzdem hat sie noch nie einen so charmanten, so attraktiven. so wunderbaren Mann getroffen. Wäre ihnen jetzt kein blutdürstiger Bösewicht auf den Fersen, sie könnten glücklich sein bis an ihr Lebensende.
  • Erscheinungstag 01.10.2016
  • Bandnummer 5
  • ISBN / Artikelnummer 9783955766870
  • Seitenanzahl 416
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Heather Lynn Westfield befand sich im Paradies. Wer hätte gedacht, dass ein berühmter Modedesigner aus Paris ausgerechnet mitten in Texas Hill Country einen schicken Laden eröffnen würde? Egal, wovon Jean-Luc Echarpe betrunken war, als er diese Entscheidung getroffen hatte, es musste stark genug gewesen sein, um einem die Socken auszuziehen. In seinem Fall zweihundert Dollar teure Seidensocken, bestickt mit seinem Markenzeichen, der berühmten Fleur-de-Lys.

Heather wollte sich irgendein Andenken kaufen, um sich immer an die große Eröffnung von Le Chique Echarpe zu erinnern, aber die Socken waren das preiswerteste, das sie finden konnte. Hmm, sollte sie etwas kaufen, das sie eigentlich nicht benötigte, oder die nächste Monatsrate für ihren Chevy mit Allradantrieb abbezahlen? Mit einem Schnaufen warf sie die Socken zurück in das Glasregal.

Plötzlich kam ihr eine brillante Alternative in den Sinn. Sie würde sich eines der kostenlosen Horsd’œuvre schnappen, es in eine Plastiktüte stecken, sie mit Echarpes große Eröffnung beschriften und sie für immer in ihrem Gefrierschrank aufbewahren.

“Heather, warum siehst du dir Herrensocken an?” Sashas verblüffter Blick wandelte sich zu einem wissenden Grinsen. “Oh, verstehe. Du kaufst etwas für deinen neuen Lover.”

Die Freundin lachte und schnappte sich ein Krabbenküchlein vom Tablett eines vorbeigehenden Kellners. “Schön wär’s.” Sie hatte noch nie einen Liebhaber gehabt. Nicht einmal ihr Exehemann hatte diese Bezeichnung verdient. Sie wickelte das Krabbenküchlein in eine Papierserviette und verstaute es dann in ihrer kleinen schwarzen Handtasche.

Kundinnen in Abendkleidern, die mehr gekostet hatten als der Wiederaufbau von New Orleans, stolzierten im Laden umher. Ihre Stilettos klackerten auf dem grauen Marmorboden. Hoffentlich konnte keine von denen sehen, dass sie ihr schwarzes Cocktailkleid selbst genäht hatte.

Auf Glastresen waren Handtaschen und Schals ausgestellt, natürlich von Echarpe entworfen. Eine elegante Treppe schwang sich hinauf in den ersten Stock. Eine Wand des oberen Stockwerks bestand nur aus verspiegeltem Glas. Bei dem, was die Waren hier kosteten, gab es oben wahrscheinlich eine ganze Armee von Sicherheitsleuten, die wie Raubvögel über die Kundschaft wachte.

Die Wände im Erdgeschoss waren in einem hellen Grau gestrichen. An ihnen hingen eine Reihe Schwarz-Weiß-Fotos. Sie schlenderte hinüber, um sich die Bilder genauer anzusehen. Woah, Prinzessin Di in einer von Echarpes Abendroben. Marilyn Monroe in einem Kleid von Echarpe. Cary Grant in einem Echarpe-Smoking. Der Kerl kannte einfach jeden.

“Wie alt ist Echarpe?”, fragte Heather nachdenklich. “Mindestens siebzig Jahre?”

“Ich weiß nicht. Ich habe ihn nie getroffen.” Sasha drehte sich, als würde sie auf dem Laufsteg arbeiten, und sah sich dabei immer wieder um, ob jemand sie beobachtete.

“Du hast ihn nie getroffen? Aber du warst erst vor ein paar Wochen bei seiner Modenschau in Paris.” Heather und ihre alte Freundin Sasha hatten beide von glamourösen Karrieren in der Modewelt geträumt, als sie herausfanden, dass ihre Barbies immer viel cooler angezogen waren als die der anderen in der kleinen Stadt Schnitzelberg, Texas.

Heather war jetzt Lehrerin, während Sasha es zum erfolgreichen Laufstegmodel gebracht hatte. Heather schwankte zwischen enormem Stolz auf ihre Freundin und zögerlichem Neid.

Sasha schnaubte durch ihre chirurgisch verkürzte Nase. “Niemand bekommt Echarpe je zu Gesicht. Es ist, als wäre er vom Erdboden verschwunden. Manche sagen, er hat für sein Genie teuer bezahlen müssen und ist dem Wahnsinn verfallen.”

“Wie traurig.” Heather zuckte zusammen.

“Er hat aufgehört, seine eigenen Shows zu koordinieren. Und er wird sich bestimmt nichts aus einem Laden wie diesem irgendwo am Ende der Welt machen. Dafür hat er seine kleinen Angestellten.” Sasha deutete auf einen schlanken Mann am anderen Ende des Raumes und flüsterte: “Das ist Alberto Alberghini, Echarpes persönlicher Assistent, auch wenn man sich fragen darf, wie persönlich er ihn wirklich kennt.”

Heather betrachtete das lavendelfarbene Rüschenhemd des Mannes. Die Manschetten seines schwarzen Smokings waren mit ebenfalls lavendelfarbenen Perlen und Pailletten bestickt. “Verstehe.”

“Siehst du die zwei Frauen neben dem alten Mann mit dem Stock?” Sasha beugte sich näher zu ihrer Freundin.

“Ja.” Sie bemerkte zwei ausgezehrte Frauen mit blasser, makelloser Haut und langen Haaren.

“Das sind Simone und Inga, berühmte Models aus Paris. Manche sagen, dass Echarpe etwas mit ihnen am Laufen hat. Mit beiden.”

“Verstehe.” Vielleicht war Echarpe eher ein Hugh Hefner als ein Liberace. Heather betrachtete die beiden Models. Sie wog wahrscheinlich so viel wie die beiden zusammen. Unsinn. Größe 42 war ganz normal. Sie drehte sich um und bewunderte ein gewagtes rotes Abendkleid an einer weißen Schaufensterpuppe.

“Die Medien können sich nicht entscheiden, ob Echarpe nun schwul ist oder auf mehrere Partner gleichzeitig steht”, flüsterte Sasha.

Das Kleid war höchstens Größe 32. “Das wäre nichts für mich.”

“Ein Dreier? Hat mir auch nicht sehr gut gefallen.”

Heather blinzelte. “Wie bitte?”

“Wahrscheinlich hätte es mir besser gefallen, wenn es nur ich und zwei Männer gewesen wären. Es ist immer besser, im Mittelpunkt zu stehen, findest du nicht auch?”

“Wie bitte?”

“Aber bei meinem Glück würden die zwei Kerle eher aufeinander abfahren.” Sasha hob eine Hand und betrachtete sie. “Ich überlege mir, ob ich mir Kollagen in die Hand spritzen lasse. Meine Knöchel sind so knochig.”

Heather brauchte einen Augenblick, um sich zu sammeln. Du liebe Zeit, Sasha und sie hatten wirklich nicht mehr viel gemeinsam. Ihre Leben hatten sich nach der Highschool in vollkommen unterschiedliche Richtungen entwickelt. “Vielleicht könntest du statt Schönheitschirurgie etwas ganz Radikales versuchen. Iss etwas.”

Sasha bebte vor Lachen. Die Männer im Raum drehten sich zu ihr um, und sie belohnte sie, indem sie ihre langen blonden Haare über die Schulter warf. “Du bist echt der Brüller, Heather. Aber ich esse doch etwas. Ich schwöre dir, ich habe überhaupt keine Selbstkontrolle. Heute Abend habe ich zwei ganze Pilze gegessen.”

“Du gehörst ausgepeitscht.”

“Ich weiß. Komm, ich zeig dir das neue Kleid, das ich bald vorführen werde.” Sasha führte sie zu einer grauen Schaufensterpuppe, die auf einem glänzenden schwarzen Würfel stand. Die Puppe trug eine atemberaubende weiße Robe ohne Rücken, mit einem Ausschnitt, der bis zum Nabel hinabreichte.

Heather machte große Augen. Nicht in hundert Jahren hätte sie den Mut, so ein Kleid zu tragen. Und auch in hundert Jahren würde sie niemanden finden, der sie in so einem Kleid sehen wollte. “Wow.”

“Es ist aus einem sehr anschmiegsamen Stoff”, erklärte Sasha, “also kann ich nichts darunter tragen. Das ist unglaublich sexy.”

“Klar.”

“Vielleicht trage ich es auf der Wohltätigkeitsshow in zwei Wochen.”

“Davon habe ich gehört.” Der Erlös ging an den örtlichen Schulbezirk, Heathers Arbeitgeber. “Es war wirklich nett von Echarpe, das zu tun.”

Sasha fuchtelte mit einer knochigen Hand. “Oh, er hat eigentlich nichts damit zu tun. Alberto hat das alles auf die Beine gestellt. Egal, ich bin so froh, an der Show teilnehmen zu können.”

“Gratuliere. Ich hoffe, ich kann zusehen.”

“Ich bin nur ein Mal auf dem Laufsteg.” Sasha schob ihre aufgespritzte Unterlippe vor. “Es ist einfach nicht fair. Simone und Inga bekommen jede zwei Läufe.”

“Oh, das tut mir leid.”

“Ich habe versucht, mir darüber keine Gedanken zu machen, weil man davon bloß Falten bekommt. Aber ehrlich, mit wem muss man wohl schlafen, um hier ein wenig Respekt entgegengebracht zu bekommen?”

Heather hob die Schultern. “Warum redest du nicht einfach mit Alberto?”

“Oh. Das ist eine gute Idee.” Sie winkte dem jungen Mann.

“Sasha, Darling, du siehst fantastisch aus.” Alberto eilte zu ihnen und küsste sie auf beide Wangen.

“Das ist meine Freundin aus der Highschool, Heather Lynn Westfield”, stellte Sasha vor.

“Wie geht es Ihnen?” Heather lächelte und streckte eine Hand aus.

Alberto verbeugte sich und gab ihr einen Handkuss. “Hoch erfreut.” Dann bemerkte er ihr Kleid, und seine Augen weiteten sich erstaunt.

Mist, sie fühlte sich wie ein Hinterwäldler. Heather öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber Sasha kam ihr zuvor.

“Alberto, Darling, können wir irgendwo hingehen, wo wir ungestört sind?” Sasha legte ihre Hand auf seinen Arm und warf ihm unter ihren falschen Wimpern einen lodernden Blick zu. “Ich würde mich gern … unterhalten.”

Albertos Blick klebte auf Sashas tiefem Ausschnitt. “Ich habe hier ein Büro. Da können wir uns … unterhalten.”

“Das wäre wunderbar.” Sasha lehnte sich gekonnt an das Objekt ihrer Begierde, sodass ihre Brüste sich gegen seinen Arm drückten. “Ich muss unbedingt … reden.”

Heather sah fasziniert zu. Es war wie in einer Live-Soap. War Sasha beleidigt, weil Alberto sich nur mit ihren Brüsten unterhielt? Waren ihre Brüste echt? Würde sie ihm eine Ohrfeige verpassen oder mit in sein Büro gehen? Und was war mit Alberto? War er schwul oder metrosexuell? Würden sie wirklich reden?

Alberto führte Sasha durch den Laden. Heather seufzte. Die Show war vorüber. Sie war immer nur ein Zuschauer, nie der Teilnehmer am Geschehen.

Die Freundin sah sich zu ihr um und formte mit den Lippen das Wort “Bingo”.

Heather nickte und hatte plötzlich ein Déjà-vu. Es war wieder genau wie in der Highschool. Sexy Sasha knutschte im Klassenzimmer, und die hilfreiche Heather drückte sich bei den Schließfächern rum und hielt Wache. Würde das immer so bleiben? Warum konnte sie nicht ein einziges Mal die Wagemutige sein? Warum konnte sie nicht eines von diesen sexy freizügigen Kleidern anhaben?

Na ja, zuerst einmal konnte sie es sich nicht leisten. Und sie war einfach nicht schmal genug dafür. Sie umkreiste das Kleid, von dem Sasha gesprochen hatte. War doch egal, dass sie es nicht tragen oder kaufen konnte. Sie konnte sich etwas Ähnliches selber machen. Und sie konnte das wahrscheinlich für etwa fünfzig Dollar tun.

Weiß war noch nie eine gute Farbe für sie. Sie war zu blass und sommersprossig. Nein, sie würde es stattdessen in Mitternachtsblau nähen. Und statt den Ausschnitt bis zum Nabel zu schneidern, würde sie ihn am Brustansatz enden lassen. Und sie würde dem Kleid einen Rücken verpassen. Und Ärmel. Die Ideen kamen schneller, als sie darüber nachdenken konnte. Sie öffnete ihre Handtasche und fand einen Stift und einen Notizblock, den sie beim letzten Gartenwerkzeug-Ausverkauf im Haushaltswarenladen von Schnitzelberg dazubekommen hatte.

Jean-Luc Echarpe konnte seine Preisschilder von mehreren Tausend Dollar nehmen und sie vom Eiffelturm werfen. Sie war vielleicht eine von Les Misérables, aber sie musste nicht auch so aussehen.

“Auf Jean-Luc und die Eröffnung seiner fünften Boutique in Amerika.” Roman Draganesti hob ein Champagnerglas, gefüllt mit Bubbly Blood.

“Auf Jean-Luc”, erwiderten die anderen und stießen mit den Gläsern an.

Jean-Luc nahm einen kleinen Schluck und stellte sein Glas dann zur Seite. Die Mischung aus synthetischem Blut und Champagner hob seine Stimmung auch nicht. “Danke für euer Erscheinen, mes amis. Es hilft, dieses Exil etwas leichter zu ertragen.”

“So darfst du darüber nicht denken, Alter.” Gregori klopfte ihm auf den Rücken. “Das hier ist eine großartige Gelegenheit für dein Geschäft.”

Jean-Luc warf Romans Vizepräsidenten der Marketingabteilung einen genervten Blick zu. “Es ist ein Exil.”

“Nein, nein, es nennt sich: ‘den Markt erweitern’. In Texas leben jede Menge Leute, und wir können davon ausgehen, dass sie alle Kleidung tragen. Wenigstens die meisten. Ich habe über diesen See in Austin gehört, wo sie …”

“Warum Texas?”, unterbrach ihn Roman. “Shanna und ich hatten gehofft, dass du in New York bleibst, bei uns in der Nähe.”

Jean-Luc seufzte. Paris war, wenn man ihn fragte, die Mitte des Universums, und jeder andere Ort würde ihm im Vergleich dazu öde erscheinen. Aber New York City wäre seine zweite Wahl gewesen. “Ich wünschte, ich könnte, mon ami, aber die Medien in New York kennen mich zu gut. Das Gleiche in Los Angeles.”

“Aye”, stimmte Angus MacKay zu. “Keiner von diesen Orten wäre infrage gekommen. Jean-Luc muss …”

“Ich schwöre, Angus”, unterbrach ihn Jean-Luc, “wenn du nur ein einziges Mal sagst ‘Ich habe dich gewarnt’, dann ramme ich dir eines von deinen Breitschwertern in den Hals.”

Angus hob einfach eine Augenbraue und forderte ihn damit heraus, das ruhig zu versuchen. “Ich habe dich aber schon vor zehn Jahren gewarnt. Und dann wieder vor fünf.”

“Ich hatte damit zu tun, mein Geschäft aufzubauen”, ereiferte sich Jean-Luc. Er hatte 1922 angefangen und nur für Vampire Abendkleider entworfen, 1933 erweiterte er dann sein Geschäft und stattete auch die Elite von Hollywood aus. Nachdem er gemerkt hatte, wie sehr die Sterblichen seine Entwürfe liebten, wagte er seinen größten Schachzug 1975. Er fing an, alle möglichen Kleidungsstücke zu entwerfen und sie der breiten Masse zu verkaufen. Bald wurde er in der Welt der Sterblichen zu einer Berühmtheit. Die letzten dreißig Jahre waren in einem Wirbelsturm aus Erfolg an ihm vorbeigezogen. Wenn man ein mehr als fünfhundert Jahre alter Vampir war, vergingen die Jahre mit einem Augenzwinkern.

Angus MacKay hatte ihn gewarnt. Er selbst hatte sein Ermittlungs- und Sicherheits-Unternehmen 1927 eröffnet und gab sich jetzt als Enkel des Gründers aus.

Jean-Luc nahm eine Ausgabe der Le Monde von seinem Schreibtisch. “Habt ihr schon das Neueste gesehen?”

“Gib her.” Robby MacKay griff nach der Pariser Zeitung und überflog den Artikel. Er war ein Nachkomme von Angus und arbeitete jetzt für seine Firma. Die letzten zehn Jahre hatte er für die Sicherheit von Jean-Luc gesorgt.

“Was steht drin?” Gregori linste über Robbys Schulter.

Robby runzelte die Stirn, während er übersetzte. “Jeder in Paris fragt sich, warum Jean-Luc seit mehr als dreißig Jahren nicht gealtert ist. Manche sagen, dass er ein Dutzend Mal unter dem Messer gelegen hat, und andere glauben, er hat den Jungbrunnen entdeckt. Er ist auf der Flucht, aber niemand weiß, wohin. Manche glauben, er versteckt sich in einem Irrenhaus und erholt sich von einem Nervenzusammenbruch, andere sagen, er unterzieht sich gerade einem weiteren Facelifting.”

Der Modedesigner stöhnte und ließ sich in den Sessel hinter seinem Schreibtisch fallen.

“Ich habe dich gewarnt, dass so was passieren kann.” Angus wich nach rechts aus, als Jean-Luc ein Lineal nach ihm warf.

Roman lachte leise. “Mach dir keine Sorgen, Jean-Luc. Sterbliche haben sehr kurze Aufmerksamkeitsspannen. Wenn du dich eine Zeit lang versteckst, werden sie dich einfach vergessen.”

“Und sie werden vergessen, meine Waren zu kaufen”, knurrte Jean-Luc. “Ich bin ruiniert.”

“Du bist nicht ruiniert”, wendete Angus ein. “Du hast jetzt fünf Filialen in Amerika.”

“Geschäfte, die die Kleidung eines Designers verkaufen, der verschwunden ist”, grollte Jean-Luc. “Für dich ist es leicht, Angus. Deine Firma existiert im Geheimen. Aber wenn ich verschwinde, dann verschwindet das Interesse an meiner Mode vielleicht gleich mit.”

“Wir könnten der Presse mitteilen, dass du dich wirklich einer Schönheitsoperation unterzogen hast”, bot Robby ihm an. “Es könnte den Spekulationen ein Ende bereiten.”

“Non.” Jean-Luc starrte ihn wütend an.

Gregori grinste. “Oder wir sagen denen, du bist in einer Anstalt eingesperrt und vollkommen durchgeknallt. Das würde uns jeder abkaufen.”

Jean-Luc betrachtete den Freund, eine Augenbraue leicht angehoben. “Oder ich sage denen, dass ich im Gefängnis sitze, weil ich einen gewissen nervenaufreibenden Vizepräsidenten umgebracht habe.”

“Dafür hast du meine Stimme”, unterstützte Angus ihn.

“Hey.” Gregori rückte seine Krawatte zurecht. “Ich hab nur einen Witz gemacht.”

“Ich nicht”, murmelte Jean-Luc.

Angus lachte. “Was du auch tust, Jean-Luc, lass niemanden ein Foto von dir machen. Du musst wenigstens fünfundzwanzig Jahre versteckt bleiben. Dann kannst du nach Paris zurückkehren und dich als dein eigener Sohn ausgeben.”

Jean-Luc sank tiefer in seinen Sessel und starrte trauernd an die Decke. “Im Exil in einem Land der Barbaren, und das für fünfundzwanzig Jahre, bringt mich einfach um.”

Jetzt konnte Roman sich ein Lachen nicht verkneifen. “Texas ist kein Land der Barbaren.”

So leicht ließ sich Jean-Luc jedoch nicht überzeugen. Er schüttelte den Kopf. “Ich habe die Filme gesehen. Schießereien, Indianer, und immer wieder kämpfen sie um einen Ort namens Alamo.”

Gregori schnaufte. “Alter, du hinkst den Ereignissen so was von hinterher.”

“Glaubst du? Hast du die Leute da unten gesehen?” Jean-Luc stand auf und trat ans Fenster seines Büros, das einen Überblick über den gesamten Laden ermöglichte. “Die Männer tragen Stricke um den Hals.”

“Das sind Krawatten.” Gregori warf ebenfalls einen Blick nach unten. “Mann, du bist hier echt in Texas. Da unten trägt einer eine Smoking-Jacke zu Blue Jeans. Und Cowboystiefel.”

“Sie müssen Barbaren sein. Sie tragen ihre Hüte im Haus.” Jean-Luc runzelte die Stirn. “Sie erinnern mich an den Dreizack, den Napoleon getragen hat, aber sie tragen ihn seitwärts.”

“Das sind Cowboyhüte, Alter. Aber was regst du dich auf? Sieh hin, sie geben Geld aus. Jede Menge Geld.”

Jean-Luc lehnte seine Stirn gegen das kühle Glas. Nach der Wohltätigkeitsshow in zwei Wochen würden Simone, Inga und Alberto nach Paris zurückkehren. Dann würde Jean-Luc den Laden mit der Ausrede schließen, dass er nur Verluste einfuhr. Seine anderen Filialen von Le Chique Echarpe in Paris, New York, South Beach, Chicago und Hollywood würden hoffentlich florieren, aber dieses Gebäude in Texas würde leer stehen und vergessen werden. Von hier aus konnte er weiterhin Kleidung entwerfen und das Geschäft betreuen, aber sein Gesicht musste in Vergessenheit geraten. Fünfundzwanzig lange Jahre durfte er sich nicht in der Öffentlichkeit zeigen. “Bringt mich einfach um.”

“Nay”, sagte Angus. “Du bist der beste Schwertkämpfer, den wir haben, und Casimir hält sich immer noch irgendwo versteckt und baut seine Armee des Bösen aus.”

“Richtig.” Jean-Luc sah seinen alten Freund schief an. “Was für eine Verschwendung, hier zu sterben, wenn ich es auch auf dem Schlachtfeld tun kann.”

Angus’ Mund zuckte. “Aye, ganz genau.”

Der Summer an der Bürotür erklang.

“Deine Frau, Angus”, verkündete Robby, als er die Tür öffnete.

Mit einem Lächeln auf den Lippen begrüßte Angus seine Frau Emma.

Mist. Jean-Luc wendete den Blick ab. Erst Roman, und jetzt Angus. Beide verheiratet und schwer verliebt. Es war einfach peinlich. Zwei der mächtigsten Meister der Vampirwelt, abgestürzt zu liebenden Ehemännern. Jean-Luc wollte sie bedauern, aber der traurigen Wahrheit entsprach, dass er einfach eifersüchtig war. Verdammt eifersüchtig. Diese Art von Glück würde ihm nie vergönnt sein.

“Hi, Leute!” Emma MacKay kam ins Büro und eilte direkt in die Arme ihres Mannes. “Ratet mal? Ich habe eine total niedliche Handtasche gekauft. Alberto packt sie gerade für mich ein.”

“Noch eine Handtasche?” Angus war für einen kurzen Moment sprachlos. “Hast du nicht schon ein Dutzend?”

Jean-Luc warf einen Blick durch das Fenster und sah, welche Handtasche Alberto verpackte. “Gute Nachrichten, Angus. Es ist eine meiner preisgünstigeren Modelle.”

“Och, sehr gut.” Angus umarmte seine Frau.

Jean-Luc lächelte. “Oui, sie kostet nur achthundert Dollar.”

Angus trat mit schreckensgeweiteten Augen einen Schritt zurück. “Vergiss die verdammte Armee. Ich spieße dich eigenhändig auf.”

“Du kannst es dir leisten, Angus”, feixte Roman.

“Du dir auch.” Jean-Luc lächelte seinen alten Freund verschmitzt an. “Hast du gesehen, was deine Frau alles kauft?”

Roman eilte ans Fenster und sah im Geschäft unter ihnen nach seiner Frau. “Blut Gottes”, flüsterte er.

Shanna Draganesti trug ihren siebzehn Monate alten Jungen auf ihrer Hüfte, während sie seine Kinderkarre mit Kleidung, Schuhen und Handtaschen füllte.

“Sie hat einen guten Geschmack”, merkte Jean-Luc an, “du solltest stolz sein.”

“Ich werde pleite sein.” Roman sah verzweifelt zu, wie der Berg in der Kinderkarre immer höher wurde.

Jean-Luc ließ seinen Blick über die Ausstellung schweifen. So sehr er auch über sein selbst auferlegtes Exil grollte, er war mit dem Gefängnis, das er sich selbst entworfen hatte, zufrieden. Es lag inmitten texanischer Hügel. Die nächste Stadt war Schnitzelberg, vor hundertfünfzig Jahren von deutschen Einwanderern gegründet. Es war eine schläfrige, vergessene Stadt, voll von mit Moos überzogenen Roteichen und weißen Queen-Anne-Häusern mit Spitzenvorhängen.

Alle seine Filialen in Amerika ähnelten sich im Design, aber die in Texas war etwas Besonderes. Sie verbarg ein riesiges unterirdisches Reich, in dem Jean-Luc sich während seines Exils verstecken konnte. Es war von höchster Wichtigkeit, dieses Reich geheim zu halten, also hatte Jean-Lucs sterblicher Assistent, Alberto, eine Übereinkunft mit dem Bauunternehmer getroffen, der dafür verantwortlich war. Der Unternehmer war Teil des lokalen Schulausschusses, also hatte Jean-Luc sich einverstanden erklärt, durch die bevorstehende Wohltätigkeitsmodenschau eine saftige Spende für den Schulbezirk zu leisten. Solange Jean-Luc sich Schnitzelberg gegenüber großzügig zeigte, würden sie kein Wort über den bankrotten Laden am Rande der Stadt verlieren, der einem Ausländer gehörte.

Nur um sicherzugehen, hatte sich Robby in das Büro des Bauunternehmers teleportiert und alle Blaupausen und andere Papiere, die mit dem Bau zu tun hatten, entfernt. Nach der Wohltätigkeitsshow würden Robby und Jean-Luc einige Erinnerungen auslöschen, und niemand würde sich daran erinnern, dass es unter dem verlassenen Geschäft noch einen riesigen Keller gab. Pierre, ein Sterblicher, der für MacKay Security and Investigation arbeitete, war mit der Aufgabe betraut, das Gebäude während des Tages zu bewachen, wenn Jean-Luc in seinem Todesschlaf lag.

Er beobachtete die Party unter ihm. Simone und Inga flirteten mit einem weißhaarigen älteren Mann, der über einen Stock gebeugt stand. Er musste reich sein, sonst würden sie seine Zeit nicht mit ihm verschwenden.

Jean-Luc ließ seinen Blick durch den Laden wandern. Er hatte es schon immer gemocht, Leute zu beobachten. Der Gedanke, dass dieses Gebäude die nächsten fünfundzwanzig Jahre leer stehen würde, war verdammt deprimierend. Ach, egal, er war an die Einsamkeit gewöhnt.

Er entdeckte das neue Model, das Alberto für seine letzte Show in Paris gebucht hatte. Sasha Saladine. Sie sprach mit jemandem, der hinter einer Schaufensterpuppe verborgen stand. Alberto trat zu ihnen, und Sasha stellte ihre Begleitung vor. Alberto nahm elegant die ihm angebotene Hand und küsste sie. Eine Frau. Mit einem Arm, der nicht dünn wie ein Bleistift war. Sie war kein Model. Dann wohl eine Kundin. Wahrscheinlich sterblich.

Alberto und Sasha schlenderten gemeinsam davon und verließen die Ausstellung. Was hatten die beiden vor? Jean-Luc vergaß, darüber nachzudenken, denn sein Blick fiel erneut auf Sashas Begleitung. Die Frau trat aus dem Schatten, und ihm stockte der Atem. Sie hatte Kurven. Und Brüste. Einen Hintern, an dem ein Mann sich festhalten konnte. Und eine Mähne aus lockigem rotbraunen Haar, die sich über ihre Schultern zu ergießen schien. Sie erinnerte ihn an Mägde in mittelalterlichen Tavernen, die herzlich lachten und wild und ungezwungen liebten. Mon Dieu, wie hatten ihm diese Frauen früher gefallen.

Sie war wie die alten Filmstars, für die er so gerne Kleidung entworfen hatte. Marilyn Monroe, Ava Gardner. Sein Kopf mochte Kleider in Größe 30 entwerfen, aber der Rest von ihm sehnte sich nach einer sinnlichen, üppig ausgestatteten Frau. Und hier war eine wunderschöne direkt vor ihm. Ihr schwarzes Kleid schmiegte sich an eine fantastische Stundenglasfigur. Und doch blieb das Wichtigste, ihr Gesicht, noch immer verborgen. Er bewegte sich nach links und blickte angestrengt durch die Scheibe.

Da erhaschte er wenigstens einen Blick auf ihre Stupsnase, deren Spitze leicht nach oben zeigte. Keine klassische Nase, wie all seine Models sie hatten, doch er mochte sie. Sie war natürlich und … niedlich. Niedlich? Kein Wort, das er je für seine Models benutzen würde. Sie strebten alle nach Perfektion, sogar wenn sie nachhelfen mussten, aber das Ergebnis war bloß, dass sie alle gleich aussahen. Und auf der Suche nach Perfektion ging ihnen etwas verloren. Sie verloren ihren Sinn für Persönlichkeit und ihren einzigartigen Esprit.

Diese Frau, die seine ganze Aufmerksamkeit beanspruchte, strich sich gerade ihr volles lockiges Haar hinter die Ohren. Sie hatte hohe breite Wangenknochen und einen fein geschwungenen Kiefer. Ihre Augen waren groß und blickten aufmerksam, als sie sich auf das weiße Abendkleid konzentrierte. Er fragte sich, welche Farbe ihre Augen hatten. Zu ihrem tief rotbraunen Haar waren sie hoffentlich grün. Ihre Lippen waren breit, aber fein geformt. Kein Kollagen. Sie war eine natürliche Schönheit. Ein Engel.

Sie zog einige Gegenstände aus ihrer Handtasche – einen kleinen Notizblock und einen Kugelschreiber. Nein, einen Bleistift. Sie schrieb etwas auf. Nein, sie zeichnete. Er sperrte den Mund auf. Das durfte doch nicht wahr sein! Sie zeichnete sein neues Abendkleid ab und stahl seinen Entwurf.

Jean-Luc kniff die Augen zusammen. Die hatte Nerven, einfach so vor allen anderen sein Kleid zu kopieren. Wer zum Teufel war sie? War sie mit Sasha Saladine aus New York gekommen? Wahrscheinlich arbeitete sie für eines der anderen großen Modehäuser. Die hätten alle nur zu gern Kopien seiner neuesten Entwürfe.

“Merde.” Er griff sich seine Smoking-Jacke von der Lehne seines Schreibtischsessels.

“Wohin gehst du?”, fragte Robby, aufmerksam wie immer.

“Nach unten.” Jean-Luc zog sich rasch die Jacke über.

“In die Ausstellung?” Angus runzelte die Stirn. “Nay. Jemand könnte dich erkennen. Das solltest du nicht riskieren.”

“Das sind nur Leute, die hier wohnen. Die werden schon nicht wissen, wer ich bin.”

“Da kannst du dir nicht sicher sein.” Robby ging auf die Tür zu. “Wenn du etwas aus dem Laden willst, kann ich es dir bringen.”

“Es ist keine Sache. Es ist eine Person.” Jean-Luc deutete auf das Fenster. “Da unten ist ein Spion, der meine Entwürfe stiehlt.”

“Du machst Witze.” Emma rannte ans Fenster, um ebenfalls hinauszusehen. “Wo ist er?”

“Sie.” Jean-Luc sah aus dem Fenster. “Neben dem weißen – nein. Mist, sie ist zum roten Kleid weitergegangen.”

“Wir kümmern uns um sie.” Angus schloss sich Robby an der Tür an.

“Nein.” Jean-Luc schritt auf den Ausgang zu und blieb vor den zwei Schotten stehen, die ihm den Weg versperrten. “Bewegt euch. Ich muss herausfinden, wer sie bezahlt, um mich auszuspionieren.”

Mit einem stur angehobenen Kinn verschränkte Angus die Arme und weigerte sich, zur Seite zu treten.

Jean-Luc hob eine Augenbraue und sah seinen alten Freund an. “Deine Firma arbeitet für mich, Angus.”

“Aye, wir werden bezahlt, um dich zu beschützen, aber das können wir nicht, wenn du dich wie ein Volltrottel benimmst.”

“Und ich sage dir, diese Dorftrottel werden nicht wissen, wer ich bin. Alberto hat immer als mein Mittelsmann fungiert. Lass mich vorbei, ehe dieser verdammte Spion mit meinen Entwürfen abhaut.”

Angus seufzte. “In Ordnung, aber Robby geht mit dir.” Er flüsterte seinem Ur-Ur-Enkel einige Anweisungen zu. “Lass nicht zu, dass ihn jemand fotografiert. Und hab ein Auge auf ihn, er hat Feinde.”

Jean-Luc schnaubte, als er sein Büro verließ. Mit wenigen Schritten erreichte er die Hintertreppe. Hielt Angus ihn für einen Schwächling? Er konnte sehr gut selbst auf sich aufpassen. Sicher, er stand auf Casimirs Abschussliste, aber das taten sie alle. Und Jean-Luc hatte noch andere Feinde. Ein Mann konnte nicht mehr als fünfhundert Jahre leben, ohne ein paar andere Vampire wütend zu machen. Aber jetzt hatte er sich einen neuen Feind gemacht. Eine Diebin mit dem Gesicht eines Engels.

Er erreichte den Fuß der Treppe und eilte durch einen Seitenkorridor in die Ausstellung. Robbys Schritte donnerten hinter ihm die Treppe hinab.

Als Jean-Luc den Laden betrat, drehten sich einige Köpfe in seine Richtung und dann wieder weg. Gut. Niemand erkannte ihn. Der Duft verschiedener Blutgruppen strich an ihm vorbei. Die ganze Veranstaltung war ein süßes, appetitliches menschliches Buffet. Sich mit Menschen abzugeben, hatte seine Selbstkontrolle auf die Probe gestellt, bis Roman 1987 das synthetische Blut erfand. Jetzt sorgten Jean-Luc und seine Vampirfreunde einfach dafür, dass sie satt waren, ehe sie sich mit Sterblichen abgaben.

Er bemerkte, wie Robby sich am Rand des Raumes herumtrieb und nach Fotografen Ausschau hielt. Oder nach Attentätern. Jean-Luc ging um einen alten Mann mit Stock herum und auf die Diebin zu. Er blieb ein kurzes Stück hinter ihr stehen. Sie war groß, ihr Kopf reichte bis an sein Kinn. Der Duft ihres Blutes war frisch und süß. Sie war sterblich.

“Entschuldigen Sie bitte, Mademoiselle.”

Sie drehte sich um. Ihre Augen waren wirklich grün und weiteten sich jetzt unmerklich, als sie ihn ansah.

Es gab nichts Traurigeres als einen gefallenen Engel.

Mit gerunzelter Stirn fixierte er Heather. “Nennen Sie mir einen guten Grund, warum ich Sie nicht verhaften lassen sollte.”

2. KAPITEL

Heather blinzelte verwirrt. “Wie bitte?” Es brauchte eine Zeit, bis sie sich an den französischen Akzent des gut aussehenden Mannes gewöhnt hatte, aber sie hätte schwören können, dass er damit gedroht hatte, sie verhaften zu lassen. Sie lächelte strahlend und reichte ihm die Hand. “Wie geht es Ihnen? Ich bin Heather Lynn Westfield.”

“Heather?” Seine merkwürdige Aussprache ließ einen wohligen Schauer über ihren Rücken fahren. Es klang wie Eh-zair, weich und süß, wie ein Kosewort. Er nahm ihre Hand und umschloss sie mit der seinen.

“Ja?” Sie lächelte und hoffte, dass keine Reste der Feta-Spinat-Tasche zwischen ihren Zähnen steckten. Ihr Gegenüber hatte wunderschöne blaue Augen. Und sein Gesicht – der kräftige Kiefer und der Mund schienen zu einer griechischen Statue zu gehören.

Sein Griff um ihre Hand wurde fester. “Sagen Sie mir die Wahrheit. Wer hat Sie geschickt?”

“Wie bitte?” Sie versuchte, ihre Hand zurückzuziehen, aber er hielt sie fest. Zu fest. In ihrem Nacken stellten sich die Haare warnend auf.

Jean-Luc kniff seine blauen Augen zusammen. “Ich habe gesehen, was Sie getan haben.”

Oh Gott, er wusste von dem Krabbenküchlein. Er musste wohl zum Sicherheitspersonal gehören. “Ich – ich werde dafür bezahlen.”

“Das wären dann zwanzigtausend Dollar.”

“Für ein Krabbenküchlein?” Sie entriss ihm ihre Hand. “Der Laden hier ist der absolute Wucher.” Mit einem empörten Schnaufen zog sie die Serviette aus ihrer Handtasche. “Hier. Nehmen Sie ihren blöden Krabbenkuchen. Ich will ihn nicht mehr.”

Er starrte das in die Serviette gewickelte Häppchen an. “Sie sind ein Spion und eine Diebin?”

“Ich bin keine Spionin.” Sie zuckte zusammen. Hatte sie gerade zugegeben, eine Diebin zu sein?

Er sah sie mit gerunzelter Stirn an. “Es gibt keinen Grund, hier Essen zu stehlen. Es ist umsonst. Wenn Sie Hunger haben, sollten Sie etwas essen.”

“Es war ein Andenken, okay? Ich habe eigentlich keinen Hunger. Sehe ich so aus, als würde ich Mahlzeiten auslassen?”

Er ließ seinen Blick langsam und so eindringlich, dass ihr Herz zu rasen begann, über ihren Körper schweifen. Na, wie du mir … Sie betrachtete ihn ebenfalls eingehend. Waren die schwarzen Locken auf seinem Kopf so weich, wie sie aussahen? Wow, so lange dichte Wimpern hatte sie noch nie gesehen.

Sie räusperte sich. “Ich bezweifle, dass Sie Leute festnehmen, weil sie Krabbenküchlein mitgehen lassen. Also werde ich mich jetzt einfach auf den Weg machen.”

Er sah ihr in die Augen. “Ich bin noch nicht fertig mit Ihnen.”

“Oh.” Vielleicht würde er sie mit sich zerren und über sie herfallen. Nein, das passierte nur in Büchern. “Was schwebt Ihnen vor?”

“Sie werden meine Fragen beantworten.” Er winkte einem Kellner und ließ ihre zusammengeknüllte Serviette auf sein Tablett fallen. “Jetzt sagen Sie mir die Wahrheit. Wer bezahlt Sie?”

“SISD.”

“Ist das eine Regierungsbehörde?”

“Das ist der Schnitzelberg Independent School District. Unsere Schulbehörde.”

Er neigte den Kopf zur Seite und sah sie verwirrt an. “Sind Sie keine Designerin?”

“Schön wär’s. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen …” Sie drehte sich um und wollte gehen.

“Non.” Er fasste sie am Arm. “Ich habe gesehen, wie Sie das weiße Kleid kopiert haben. Es kostet zwanzigtausend Dollar. Da es Sie so interessiert, sollten Sie es kaufen.”

Sie schnaubte. “In dem Ding würde ich mich nicht einmal begraben lassen.”

“Was?” Er hob entsetzt die Augenbrauen. “Das Design ist tadellos.”

“Machen Sie Witze?” Sie entzog sich seinem Griff. “Was hat Echarpe sich dabei gedacht? Der Ausschnitt geht bis unter den Nabel. Der Rock ist geschlitzt bis rauf nach North Dakota. Keine Frau bei Verstand würde damit in der Öffentlichkeit erscheinen.”

Sein Kiefer bewegte sich, als er mit den Zähnen knirschte. “Die Models tragen es sehr gern.”

“Genau das meine ich. Diese armen Frauen sind so unterernährt, dass sie keinen klaren Gedanken fassen können. Meine Freundin Sasha zum Beispiel. Für sie ist ein dreigängiges Menü eine Stange Sellerie, eine Kirschtomate und ein Abführmittel. Sie bringt sich um, um in diese Kleider zu passen. Frauen wie ich können sich so nicht anziehen.”

Sein Blick schien sie fast auszuziehen. “Ich glaube, das könnten Sie doch. Sie würden … superbe aussehen.”

“Meine Brüste würden rausfallen.”

“Ganz genau.” Er hob einen Mundwinkel.

Sie schnaufte. “Ich werde meine Brüste bestimmt nicht der Öffentlichkeit vorführen.”

Seine Augen funkelten. “Und würden Sie es unter vier Augen tun?”

Dieser Mann sollte mit seinen hübschen blauen Augen zum Teufel gehen. Heather musste einen Moment nachdenken, bis sie sich erinnerte, worum es in ihrem Gespräch eigentlich ging. “Wollen Sie mich verhaften oder mich ansabbern?”

Er lächelte. “Kann ich nicht beides tun?”

Was für ein verwirrender Typ. “Ich habe nichts Falsches getan. Außer das Krabbenküchlein zu stehlen, meine ich. Aber ich hätte es nicht genommen, wenn ich mir hier irgendetwas tatsächlich leisten könnte.”

Sein Lächeln verblasste. “Sie brauchen Geld? Sie haben vor, die Entwürfe, die Sie kopiert haben, an ein anderes Haus zu verkaufen?”

“Nein. Ich wollte nur eines für mich selbst machen.”

“Sie lügen. Sie haben gesagt, dass Sie sich in einem solchen Kleid nicht einmal begraben lassen würden.”

Lügen? Der Kerl steckte voller mieser Anschuldigungen. “Hören Sie, ich würde nie eines der Kleider tragen, so wie Echarpe sie entworfen hat. Ich sage Ihnen, der Typ hat vollkommen den Bezug zur Realität verloren. Kennt er überhaupt irgendwelche echten Menschen?”

“Keine wie Sie”, murmelte er und streckte dann seine Hand aus. “Lassen Sie mich Ihre Zeichnungen sehen.”

“In Ordnung. Wenn das dabei hilft, die Sache aufzuklären.” Sie zeigte ihm ihren Notizblock. “Das erste ist das weiße Kleid, aber ich habe es ein wenig verbessert.”

“Verbessert? Ich erkenne es kaum wieder.”

“Ich weiß. So sieht es viel besser aus. Ich könnte es tatsächlich tragen, ohne wegen Unzüchtigkeit festgenommen zu werden.”

Es war nicht abzustreiten. “So schlecht ist es nicht.”

“Wenn ein Minderjähriger mich darin sehen würde, würde man mich auf einer Webseite als Sexualstraftäterin abspeichern. Aber das ist auch egal, da ich mir das Kleid ja sowieso nie leisten könnte. Ich kann mir hier nicht einmal ein Paar Socken leisten, ohne meinen Wagen in Zahlung zu geben.”

“Diese Waren sind für eine ausgewählte Elite entworfen worden.”

“Oh, verzeihen Sie, ich werde Cheeves den Rolls Royce vorfahren lassen, damit er mich rüber zum Airport fährt, wo mein Privatjet darauf wartet, mich in die Toskana zu bringen.”

Seine Mundwinkel zuckten, als er auf das nächste Blatt umblätterte. “Und das hier ist das rote Kleid?”

“Ja, aber viel besser mit meinen Veränderungen. Dahinter sind noch vier Entwürfe. Ich hatte so viele Ideen auf einmal, dass ich sie einfach festhalten musste, ehe sie verloren gingen. Wenn Sie verstehen, was ich meine.”

“Das tue ich tatsächlich.” Er sah sie merkwürdig an.

Alles war merkwürdig. Er sah nicht aus wie der Typ, der einen skurrilen kreativen Schaffensprozess verstand. Er sah eher wie ein Athlet aus, aber mit der Figur eines Schwimmers, nicht eines Gewichthebers.

Konnte er sie wirklich verhaften lassen? Seine seltsamen Anschuldigungen, und dazu sein äußerst gutes Aussehen, hatten sie so verwirrt, dass sie wie eine Idiotin vor sich hin stammelte. Sie musste sich entspannen und netter sein. “Es tut mir leid. Ich hatte wirklich nicht vor, etwas zu stehlen. Bin ich in Schwierigkeiten?”

Der Anflug eines Lächelns huschte über sein Gesicht. “Wollen Sie es sein?”

Es fiel ihr schwer, nicht Ja zu sagen. Lieber Gott, der Typ war so sexy. Und er sah viel besser aus, als ihm guttat. Er hatte bestimmt Probleme damit, Kleidung zu finden, in die seine breiten Schultern und seine langen Beine passten. Er hatte wahrscheinlich auch Probleme mit Frauen. Sie sahen ihn einmal an, und dann verloren sie aus Versehen alle ihre Kleider.

Aha! Das würde sie tun, wenn er sie verhaftete. Sie konnte ihm ihren Körper als Opfer darbieten. Wie edel von ihr. Wie lächerlich. Sie hätte nie den Mut dazu.

Er war damit fertig, ihre Zeichnungen anzusehen. “Die sind tatsächlich ziemlich gut. Ich kann erkennen, wie sie einer Frau mit einer … sinnlicheren Figur besser schmeicheln würden.”

Mochte er ihre Entwürfe wirklich? Heathers Herz schwoll vor Stolz und Freude an. Sie mochte es auch, sinnlich genannt zu werden. “Danke. Und danke, dass Sie Frauen wie mich nicht als fett bezeichnen.”

Er erstarrte. “Warum sollte ich das tun, wenn es doch nicht stimmt?”

Woah. Der Mann konnte sie wirklich in Schwierigkeiten bringen. Er war nicht nur unverschämt gut aussehend, er sagte auch genau das Richtige. Doppelte Gefahr. Und doppelter Spaß? Nein, gab sie sich selbst einen Klaps. Sie hatte sich gerade von einem männlichen Desaster befreit – sie würde auf keinen Fall die Fortsetzung abwarten. “Ich sollte lieber gehen.”

“Sie haben Ihre Zeichnungen vergessen.”

Heather drehte sich auf der Stelle wieder zu ihm um. “Ich darf sie behalten?”

“Unter einer Bedingung.” Er blickte um sich. “Mist. Wir müssen gehen.”

Als Heather sich umdrehte, bemerkte sie einen großen Kerl im Kilt, der gerade das Kamerahandy einer jungen Frau konfiszierte.

“Ich wollte aber ein Bild für mein Blog”, protestierte die Frau gerade.

“Mitkommen.” Der attraktive Wachmann griff nach Heathers Arm und führte sie durch eine Flügeltür, über der das Wort Privat geschrieben stand.

“Einen Augenblick.” Heather ging langsamer. “Wohin führen Sie mich?”

“An einen Ort, wo wir reden können.”

Reden? War das nicht ein Codewort für etwas anderes? Lieber Gott, er zerrte sie wirklich davon, um über sie herzufallen. “Uh, ich rede nicht mit Fremden.”

“Sie haben mit mir geredet.” Er sah sie spöttisch an, als er sie in einen Flur zog. “Sie haben mir, wie man so sagt, ein Ohr abgekaut.”

“Na ja, schon.” Sie sah zurück in die Ausstellung. “Ich hoffe nur, dass Sie nicht mehr von mir erwarten.”

Er blieb vor einer weiteren Doppeltür stehen und gab ihr den Notizblock zurück. Während sie ihn in ihrer Handtasche verstaute, gab er eine Nummer in eine Tastatur ein. “Was ich Ihnen zeigen werde, ist sehr privat.”

Oh Gott, das hatte sie befürchtet. “Nur zugänglich für eine ausgewählte Elite?”

“Genau. Ich weiß, dass Sie eine strenge Kritikerin sind, aber ich denke, es wird Sie beeindrucken.”

Ihr Blick wanderte tiefer. “Das wird es bestimmt.”

“Heather.”

Die sanfte Art, auf die er ihren Namen aussprach, ließ ihr Innerstes schmelzen und ganz zittrig werden. Sie hob ihre Augen und schaute in seine.

Sein Mund verzog sich zu einem Lächeln. “Reden wir über das Gleiche?”

“Ich weiß es nicht.” Ihr Herz klopfte. Es war schwer zu denken, wenn er sie so ansah.

“Ich werde Ihnen den Rest der Herbstkollektion zeigen.”

“Oh.” Sie blinzelte. “Klar. Genau das habe ich auch gedacht.”

“Natürlich haben Sie das.” Das Funkeln in seinen Augen war verdächtig. Er öffnete die Tür und führte sie hinein.

“Es ist dunkel …” Sie verstummte augenblicklich, als die Lichter angingen.

Ein kurzer Blick an die Decke verriet ihr, dass er nur die halbe Beleuchtung angeschaltet hatte. Ihr Blick senkte sich. Der Raum war riesig, viel riesiger als die Ausstellung selbst. An den Wänden standen Regale aufgereiht, in denen sich Ballen wunderschöner Stoffe stapelten. Ihre Finger zuckten danach, sie alle zu berühren. Im hinteren Teil konnte sie zwei Nähmaschinen erkennen. Sie spiegelten sich in den französischen Glastüren an der rückwärtigen Wand. An der linken Seite standen die Zuschneidetische. An der rechten reihten sich Ständer um Ständer mit wunderschöner Kleidung. In der Mitte befand sich eine Meute männlicher und weiblicher Schaufensterpuppen, im Kreis aufgestellt wie der Stonehenge der Haute Couture.

Lieber Gott, was hätte sie für so ein Arbeitszimmer gegeben. Es war der Himmel. “Hier wird also Magie geschaffen.”

“Magie?” Er schloss die Tür. “Ich würde es harte Arbeit nennen.”

“Aber es ist magisch.” Sie schlenderte zum ersten Kleiderständer. Ihre Absätze klickten auf dem Holzfußboden. “Hier gebären Ideen die wunderschönsten Dinge.”

Er folgte ihr. “Dann gefällt Ihnen unser Studio?”

“Oh ja.” Sie betrachtete die raffiniert geschnittenen Jacken und Röcke auf der ersten Stange. “Atemberaubend.” Sie rieb den Stoff zwischen ihren Fingern und runzelte die Stirn.

“Was ist los?”

“Das ist Wolle.”

“Es ist eine Winterjacke.”

“Und wir sind hier in Texas. Die können Sie woanders verkaufen, aber hier müssten Sie erst die Klimaanlage aufdrehen, um so was tragen zu können, sogar im Winter.”

“Das war mir nicht klar.” Er verschränkte seine Arme und runzelte die Stirn.

“Der Schnitt ist allerdings bemerkenswert.” Sie bewunderte eine der Jacken. “Der Kerl ist ein Genie.”

“Ich dachte, er hätte jeden Bezug zur Realität verloren.”

Heather lachte. “Das auch.” Sie ging zum zweiten Kleiderständer weiter.

“Haben Sie Ihr Kleid selbst gemacht?”

Auf diese Frage hatte sie schon gewartet. “Ist das so offensichtlich?”

Er zuckte mit den Schultern. “Im Grunde ist es gut gemacht. Der Stoff ist Mist, aber das ist er heutzutage oft.”

“Oh, ich weiß. Ich habe schon Sachen gekauft, die nach nur zwei Wäschen in Fetzen gegangen sind.” Sie hielt bei einer perlenbestickten Bolerojacke inne, als ihr plötzlich etwas auffiel. Seit wann kannten sich Wachmänner mit Stoffen aus?

“Ist das Ihr eigener Entwurf?”, hakte er nach.

“Irgendwie schon. Ich kombiniere gerne verschiedene Schnitte, um mir etwas … Einzigartiges zu machen.”

Er nickte. “Es ist wirklich etwas Einzigartiges.”

“Danke.” Wer war denn dieser Kerl? “Arbeiten Sie für Echarpe … als Designer?”

“Würden Sie das gerne tun?”

Sie sperrte den Mund auf. “Wie bitte?”

“Sie haben mich davon überzeugt, dass ich einen Teil des Marktes vernachlässigt habe, und dass Frauen wie Sie es verdient haben, so gut wie möglich auszusehen.”

“Oh.”

“Ich glaube, dass noch mehr dieser Entwürfe an üppigere Figuren angepasst werden könnten, und Sie sind genau die Person, die das schaffen kann.”

“Oh.”

“Kommen Sie Montagabend wieder, wenn Sie anfangen möchten.”

“Oh.” Lieber Gott, sie klang wie ein Volltrottel. “Ich könnte hier arbeiten? An diesem magischen Ort?”

“Ja.”

“Du meine Güte!” Der Kerl war offensichtlich kein Wachmann. “Sind Sie der Manager? Ich – ich hoffe, ich habe Sie mit einigen Dingen, die ich gesagt habe, nicht beleidigt. Ich habe immerhin gesagt, dass Echarpe ein Genie ist.”

“Und dass er vollkommen den Bezug zur Realität verloren hat. Und dass Sie seine Entwürfe verbessern müssen.”

Wie sollte sie aus dieser Misere wieder herauskommen? “Ich habe mich etwas gehen lassen. Aber nur, weil ich so leidenschaftlich davon überzeugt bin, dass Frauen wie ich es verdient haben, genauso gut auszusehen wie unsere dünneren Schwestern.”

“Sie haben Leidenschaft.” Er deutete auf ihr Kleid. “Und Talent. Sonst würde ich Sie nicht einstellen.”

Sie strahlte über das ganze Gesicht. “Oh, Danke! Das ist ein Traum, der wahr wird!” Sie presste eine Hand auf ihre Brust. “Ich bin so aufgeregt, Mr. – ähm, wie soll ich Sie nennen?”

Er verbeugte sich leicht. “Erlauben Sie, dass ich mich Ihnen vorstelle.” Seine Augen leuchteten auf, und er verzog seinen Mund langsam zu einem Lächeln. “Ich bin Jean-Luc Echarpe.”

3. KAPITEL

Jean-Luc hatte erwartet, dass ihre Reaktion unterhaltsam ausfallen würde, und er wurde nicht enttäuscht. Heathers Mund stand offen. Ihre bezaubernden grünen Augen hatte sie vor Schreck weit aufgesperrt. Alles Blut war ihr aus dem Gesicht gewichen, und sie wurde so blass, dass sogar ihre Sommersprossen Farbe verloren.

Er grinste. So viel Spaß hatte er seit Jahren nicht mehr gehabt. Sie öffnete und schloss ihren hübschen Mund, aber keine Worte kamen heraus, sodass sie an einen Fisch erinnerte. Einen bezaubernden Fisch.

Er neigte den Kopf. “Wie meinen?”

Es gelang ihr, sich ein ersticktes Quietschen abzuringen. “Wie können Sie – ich – ich dachte, Sie wären richtig alt.”

Er hob eine Augenbraue.

“Ich meine … oh Gott, es tut mir leid.” Sie strich ihre schweren Locken zurück. Ihre Handtasche fiel auf den Boden. “Ach, Mist.”

Er beugte sich vor, um sie aufzuheben.

“Nein, ich mach das schon.” Sie griff so schnell nach ihrer Handtasche, dass sie taumelte, als sie sich aufrichtete.

Er streckte die Arme aus, um sie aufzufangen.

“Es geht mir gut.” Sie griff nach einer Reihe Kleidungsstücke, um sich zu fangen. Unglücklicherweise teilte sich der Stoff wie das rote Meer, und sie fiel. “Aaah!”

“Ich habe Sie!” Er griff nach ihrem Ärmel. Ratsch.

Sie krachte auf den Boden, und er hielt ihren Ärmel in der Hand. Merde.

Er beugte sich über sie. “Geht es Ihnen gut?” Ihr Rock war hochgerutscht und gab den Blick auf ihre wohlgeformten Beine frei. Er konnte nicht anders, als sich vorzustellen, wie sich diese Schenkel um seine Hüften schlangen. Oder um seinen Hals.

“Sind Sie wirklich Jean-Luc Echarpe?”, fragte sie.

“Oui.”

Sie stöhnte und verbarg ihr Gesicht in den Händen. “Haben Sie einen Keller, in dem ich mich für die nächsten fünfzig Jahre verkriechen kann?”

Den hatte er tatsächlich, und er war kurz davor, sie dorthin einzuladen. Sie würde sein langes Exil mit Sicherheit erleichtern. Aber er hatte nicht das Recht, nur zu seinem eigenen Vergnügen eine Sterbliche einzusperren.

Er setzte sich auf den Boden neben sie. “Es gibt keinen Grund, sich zu schämen.”

“Ich will im Boden versinken! Bringen Sie mich einfach um.”

Sein leises Lachen war atemberaubend. “Das habe ich vorhin auch schon gesagt. Wir sind beide zu melodramatisch, non?”

“Ich habe schreckliche Dinge über Sie gesagt.” Sie ließ ihre Hände sinken. “Es tut mir wirklich leid.”

“Entschuldigen Sie sich nicht für Ihre Ehrlichkeit. Das gefällt mir. In diesem Geschäft sind die wenigsten Menschen ehrlich.”

Sie setzte sich auf und zuckte zusammen, als sie ihren Rock bemerkte. Sie zog ihn eilig wieder über ihre Beine. “Ich verstehe nicht, wieso Sie so gut … jung aussehen. Sie haben für Leute wie Marilyn Monroe Kleider entworfen.”

Hatte sie ihn fast gut aussehend genannt? Sein Lächeln verdüsterte sich, als ihm auffiel, dass er jetzt anfangen musste zu lügen. Mist. Sie war so ehrlich zu ihm. “Ich bin der … Sohn des ersten Jean-Luc Echarpe. Sie können mich Jean nennen, damit Sie mich nicht mit meinem Vater verwechseln.”

“Oh. Toll, dass Sie sein Talent geerbt haben.”

Jean-Luc zuckte mit den Schultern. Er hasste es, jemanden zu hintergehen. Deshalb bevorzugte er normalerweise die Gesellschaft von Vampiren. Jede Beziehung mit Sterblichen erforderte eine gewisse Anzahl an Lügen, besonders jetzt, wo er sich verstecken musste. Er reichte Heather ihren Ärmel. “Tut mir leid, dass er abgerissen ist.”

“Schon in Ordnung.” Sie stopfte ihn in ihre Handtasche. “Wie Sie schon sagten, der Stoff ist Mist.” Sie sah sich um und grinste. “Ich kann nicht glauben, dass ich in einem echten Designstudio sitze, mit einem berühmten Modeschöpfer.”

Er lächelte und stand auf. “Dann kommen Sie Montag zur Arbeit?” Er reichte ihr eine Hand, um ihr aufzuhelfen.

“Oh, darauf können Sie wetten. Das ist für mich ein Traum, der wahr wird.” Sie legte ihre Hand in seine.

Er zog sie so schnell hoch, dass sie gegen seine Brust prallte. Sofort schloss er seine Arme um sie. Sie sah mit ihren schönen Augen zu ihm hoch. So ein dunkles, lebendiges Grün. Er konnte hören, wie ihr Herzschlag sich jetzt, da sie in seinen Armen lag, beschleunigte. Das gefiel ihm. “Wissen Sie, wie schön Sie sind?”

Sie schüttelte den Kopf.

Anscheinend konnte er dafür sorgen, dass es ihr die Sprache verschlug. In seinen Venen pulsierte das Blut vor Begehren. Sie fühlte sich so warm und lieblich an, aber er musste aufhören, ehe seine Augen anfingen, rot zu glühen. Sie war eine zu große Versuchung, und er war immer auf der Hut, wirkliche Beziehungen zu vermeiden.

Er ließ sie los. “Ich fürchte, ich kann Sie nur für zwei Wochen beschäftigen.” Wenn der Laden geschlossen war, durfte nur noch der Wachmann, Pierre, das Gelände betreten.

“Ich verstehe.” Sie trat mit traurigem Gesicht zurück. “Mir ist klar, dass ich keinerlei Erfahrung habe. Und ich muss im September wieder unterrichten.”

“Nehmen Sie an, dass ich an Ihnen etwas zu bemängeln haben werde?” Ihr Erröten reichte ihm als Antwort aus und zeigte, dass er einen Nerv berührt hatte. Er nahm an, dass sich hinter ihrer aufmüpfigen Art ein ganzer Stausee voller Selbstzweifel verbarg. Es war ein Trick, den er erkannte, weil er ihn selbst oft benutzt hatte.

Aber warum sollte Heather Westfield an sich selbst zweifeln? Hatte jemand versucht, ihre Lebensgeister zu fesseln? Wenn dem so war, hatte er das plötzliche Bedürfnis, demjenigen seine Faust ins Gesicht zu rammen. “Meine Sorge ist nicht, dass ich mit Ihnen unglücklich sein könnte. Ganz im Gegenteil. Ich könnte zu glücklich mit Ihnen sein.” Zu versucht, sie zu behalten, um die Einsamkeit seines Exils zu lindern.

Sie schluckte hörbar.

“Und ich habe einen Grundsatz, dem ich immer folge. Ich lasse mich niemals mit einer Angestellten ein. Egal, wie sehr ich mich zu ihr hingezogen fühle.” Er erlaubte sich, seinen Blick über ihren sinnlichen Körper wandern zu lassen.

“Du liebe Güte”, flüsterte sie. Sie trat noch einen Schritt zurück. “Ich – ich suche nicht nach … Ich bin noch nicht so weit … Ich meine, ich …”

“Die Vorstellung einer Beziehung verschlägt Ihnen die Sprache?”

“Eher lässt sie mich vor Schreck erstarren!” Der Typ brachte sie um den Verstand. “Oh, ich meine nicht, mit Ihnen. Ich meine, mit jedem. Ich habe gerade vor einem Jahr eine hässliche Scheidung durchgemacht und …”

Er hob eine Hand, um ihr Einhalt zu gebieten. “Ich werde mich benehmen. Können Sie das auch?”

“Natürlich. Ich bin immer … brav.” Sie sah allerdings ein wenig verzweifelt aus.

Wünschte sie sich insgeheim, unartig zu sein? Wieder überkam ihn die Lust, und er musste seine Hände zu Fäusten ballen, um sie nicht zu packen. Es war so lange her, seit er das letzte Mal … er verdrängte den Gedanken. Er musste sich von sterblichen Frauen fernhalten. Das hatte Jean-Luc auf die schmerzhafteste Art, die man sich vorstellen konnte, gelernt.

Heather schlenderte durch den Gang und berührte die Kleidungsstücke, an denen sie vorbeiging. “Die hier sind cool.” Sie hielt vor einem Haufen Gürtel inne, die aus Leder, Messing und Silber gemacht waren.

“Diese Saison entwerfe ich zum ersten Mal auch Gürtel.” Er trat näher zu ihr heran. Nur die sterblichen Models konnten die Gürtel aus Silber tragen. Simone und Inga hielten sich von allem weit fern, das ihre empfindliche Haut verbrennen konnte. “Was denken Sie darüber?”

“Sie sind schick. Ich mag besonders die breiten, kräftigen, die auf den Hüften liegen.”

Klick. Jean-Lucs übermenschliches Gehör nahm ein Geräusch wahr. Er hob eine Hand, und Heather verstummte mit einem fragenden Blick. Ein Schritt, und noch ein Klick.

Er hatte nicht gehört, dass die Tür sich geöffnet oder geschlossen hatte. Nur jemand, der die Kombination kannte, war in der Lage, die Tür zu öffnen. Ein Vampir, der sich von außerhalb in das Gebäude teleportierte, hätte einen Alarm ausgelöst. Also musste sich diese Person irgendwo von innerhalb des Gebäudes teleportiert haben. Seine Freunde hätten sich angekündigt, also standen die Chancen gut, dass es sich bei ihrem Besucher nicht um einen Freund handelte.

Jean-Luc legte warnend einen Finger an seine Lippen. Er bewegte sich geräuschlos ans Ende des Ganges, auf die Mitte des Raumes zu und spähte durch die Lücke zwischen den Kleidern und der langen Stange, an der sie hingen.

Da war er. Der alte Mann mit dem Stock. Klick. Er stellte den Stock auf den Parkettboden und schob seine Füße vorwärts. Er blieb nach vorn gebeugt, und sein Gesicht blieb verborgen.

Jean-Luc sog die Luft scharf durch die Nase ein. Er nahm hinter sich Heathers Duft wahr, absolut sterblich, aber von diesem Mann witterte er nichts.

Der alte Mann blieb mit einem letzten Klicken seines Stocks stehen. “Ich weiß, dass du hier bist, Echarpe.”

Jean-Luc versteifte sich. Mon Dieu, es war Lui. Er hatte seinen größten Feind mehr als hundert Jahre nicht gesehen.

“Ich bin ein geduldiger Mann. Ich wusste, dass du mit der Zeit achtlos werden würdest. Und hier bist du, unbewaffnet, ohne deine heiß geliebte Leibwache.” Der alte Mann richtete sich langsam auf und streckte seine Wirbelsäule. “In Paris konnte ich dich unmöglich erreichen. Du warst Tag und Nacht von einem halben Dutzend Wachen umgeben.” Er hob sein Kinn.

Jean-Luc atmete scharf ein, als er die Augen des Mannes erblickte. Lui hatte über die Jahrhunderte viele Persönlichkeiten angenommen, und es war ihm immer gelungen, anders auszusehen. Bis auf seine Augen. Sie waren immer dunkel, kalt und angefüllt mit Hass.

Jean-Luc ging langsam rückwärts auf Heather zu, während Lui weiter prahlte.

“Du hast deinen letzten Fehler begangen, Echarpe. Ich bin zu den Eröffnungen aller deiner Geschäfte gegangen, aber du hast dich immer versteckt, wie der Feigling, der du eben bist. Und jetzt, endlich, bist du aufgetaucht. Zum letzten Mal.”

Jean-Luc erreichte Heather und legte einen Finger auf seine Lippen. Sie nickte mit besorgtem Blick.

Er flüsterte ihr ins Ohr: “Lass nicht zu, dass er dich sieht. Flieh durch die Hintertür. Lauf.”

Sie öffnete den Mund, um ihm zu widersprechen, aber er hielt sie auf, indem er ihr einen Finger auf die Lippen legte.

Lauf, formte er mit den Lippen. Er stieß sie sanft auf das andere Ende des Ganges zu.

“Komm aus deinem Versteck, du Feigling”, rief Lui. “Ich habe beschlossen, dich endgültig zu vernichten. Ich werde es vermissen, dich nicht mehr foltern zu können, aber Casimir hat mir eine enorme Summe angeboten. Ich konnte sie nicht ablehnen.”

Jean-Luc schritt den Gang hinab in die Mitte des Raumes. “Verdammt, ich dachte, du wärest tot. Aber egal, du wirst es bald sein.” Er war ein besserer Schwertkämpfer als Lui, nur war er unglücklicherweise gerade nicht bewaffnet. Er schickte in Gedanken eine Nachricht raus.

“Ich kann dich hören”, spottete Lui. “Quengelst nach deinen Freunden, damit sie kommen und dich retten.”

Jean-Luc trat in die freie Mitte seiner Werkstatt. “Ich fechte meine Schlachten selbst aus. Sag mir, wie lange hat es gedauert, bis du dich von unserer letzten Begegnung erholt hast? Wenn meine Erinnerung mich nicht trügt, hingen deine Eingeweide heraus.”

Mit einem Knurren drehte Lui den Knauf seines Stocks und riss die hölzerne Schneide von einem schmalen, tödlichen Degen. Er warf die hölzerne Hülle beiseite, wo sie scheppernd auf den Boden fiel. “Deine Freunde werden zu spät kommen.” Er stieß zu.

Jean-Luc sprang zur Seite, griff nach einer der Schaufensterpuppen und schleuderte sie von sich, um den ersten Angriff abzuwehren.

Luis Schwert fuhr durch das Plastik und köpfte die männliche Puppe. “Ah, das weckt süße Erinnerungen an die Terrorherrschaft.” Er stieß noch einmal zu und zerschmetterte der Puppe den Oberkörper.

Jean-Luc konnte sich nur noch mit dem Bein der Puppe verteidigen. Wenigstens steckte darin eine Metallstange. Und Robby würde jeden Augenblick mit einem echten Schwert erscheinen.

Über seinem Kopf war der Luftzug zu spüren, als Luis Degen durch die Luft schnitt. Jean-Luc rannte nach rechts, stützte das Schaufensterpuppenbein auf den Boden und benutzte es, um sich wie beim Stabhochsprung auf einen Zuschneidetisch zu befördern.

Lui schlug nach seinen Beinen, doch Jean-Luc sprang und landete auf der anderen Seite des Tisches. Als Lui nach rechts wich, um ihn zu erwischen, bewegte er sich ebenfalls nach rechts. Er konnte Lui um den Tisch tanzen lassen, bis Robby mit dem Schwert erschien.

Gerade hatte er eine Umdrehung vollendet, als er hinter Lui eine Bewegung bemerkte und erstarrte. Heather schlich sich von hinten an Lui an, bewaffnet mit nicht mehr als einer Handvoll Gürtel. War diese Frau wahnsinnig? Er wagte es nicht, ihr etwas zuzurufen. Das würde Lui erst auf sie aufmerksam machen, und dann würde er sie mit dem Schwert erstechen. Merde! Er schnitt ihr eine Grimasse und deutete mit seinem Kopf, dass sie so schnell wie möglich verschwinden solle.

Heather ignorierte ihn einfach und hatte nur Augen für Lui.

Alles, was Jean-Luc noch tun konnte, war, Lui von ihr wegzulocken. Er rannte in die Mitte des Zimmers und stellte sich mit dem Bein der Schaufensterpuppe dem Kampf. Kleine Plastikstücke flogen durch die Luft, als Lui auf Jean-Lucs minderwertige Waffe einschlug.

“Aufhören!” Heather schwang ihre Gürtel auf Lui zu.

Lui versteifte sich, als das silberne Metall seinen Hinterkopf traf. Ein dünner Rauchfaden stieg empor. Er drehte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht zu ihr um. “Du hinterhältige Schlampe.” Er hob sein Schwert.

“Heather, lauf!” Jean-Luc sprang vor und schlug Lui mit dem Bein der Schaufensterpuppe auf den Kopf.

Der Metallstab ließ Lui zur Seite taumeln. Sein Degen fiel scheppernd zu Boden. Jean-Luc bückte sich, um das Schwert aufzuheben, und sprang dann aus dem Weg, als Heather noch einmal nach Lui schlug.

“Nimm das, du Bastard!” Ihre Augen funkelten wild.

Lui hob seine Hände, um seinen Kopf zu schützen, und das Silber zischte auf seinen Handflächen, wo es das offene Fleisch verbrannte.

Die Tür sprang auf, und Angus und Robby kamen mit gezogenen Claymores hereingerannt. Robby warf einen Degen durch den Raum zu Jean-Luc.

Er fing die Waffe auf und stellte sich dann Lui entgegen. Der Bastard hatte sich zurückgezogen und versteckte sich zwischen den Kleiderstangen. Aus dem Augenwinkel konnte Jean-Luc sehen, dass Angus zwischen zwei Regale glitt. Ohne Zweifel hatte der Schotte vor, sich dem Feind von hinten zu nähern.

Jean-Luc übergab Luis Klinge an Heather. “Wenn er auf dich losgeht, zögere nicht, sie zu benutzen.”

Sie nickte und sah ihm in die Augen. Sein Herz machte einen Aussetzer. Mon Dieu, in was hatte er sie hineingezogen?

“Ich komme wieder, Echarpe”, verkündete Lui. “Aber erst werde ich deine Frau umbringen. Wie in alten Zeiten, non?”

“Sie ist nicht meine Frau! Lass sie da raus.”

“Ah, aber ich kann sehen, dass du etwas für sie empfindest. Ob sie mir wohl genauso zu Willen sein wird wie deine letzte Mätresse?”

“Zur Hölle mit dir.” Jean-Luc ging auf die Regale zu. “Pass auf sie auf”, rief er Robby zu und rannte dann einen Gang hinunter. Er sah, wie Angus aus der entgegengesetzten Richtung kam.

Jean-Luc stieß Kleidungsstücke zur Seite auf der Jagd nach Lui.

“Mist”, murmelte Angus. “Er muss sich teleportiert haben. Ich suche weiter.” Er sauste in Vampirgeschwindigkeit davon.

“Hast du ihn?”, rief Heather.

“Nein. Er … ist entkommen.” Jean-Luc kochte vor Enttäuschung und schlug seine Klinge durch die Luft. Heather machte große Augen.

Robby eilte um sie herum, seinen Claymore noch fest umschlossen. “Ich muss das Gelände durchsuchen. Jetzt.”

Jean-Luc nickte. “Los.”

In Windeseile war Robby an der französischen Tür und gleich darauf verschwunden.

“Ist alles in Ordnung?” Ein tiefer Seufzer entfuhr Jean-Luc.

“Ich glaube schon.” Heather ließ die Gürtel und Luis Waffe auf einen der Zuschneidetische fallen. “Aber ich verstehe nicht, was hier vor sich geht. Was hat es mit all diesen Schwertern auf sich? Und warum sollte irgendwer einen Modedesigner umbringen wollen?”

“Das ist eine lange Geschichte.” Und eine schmerzvolle. “Ich wünschte, Sie wären weggerannt, wie ich es gesagt habe.”

“Das wollte ich, aber als ich gesehen habe, wie er Sie mit dem Schwert angegriffen hat, und Sie hatten nicht mehr als eine Schaufensterpuppe – ich weiß auch nicht. Ich hätte Angst haben sollen, aber ich habe mein ganzes Leben lang Angst gehabt, und ich habe es einfach gründlich satt. Dann kam all diese Wut in mir hoch. Wut auf meinen Ex, weil er so ein Arschloch ist. Ich musste einfach irgendetwas tun. Und – und ich war gut!”

Jean-Luc nahm ihre Hand in seine. Wahrscheinlich war es ihr Exmann gewesen, der sie in Selbstzweifeln erstickt hatte. Aber sie fing an zu kämpfen, und das erfüllte ihn mit Stolz. “Sie waren sehr mutig. Sie haben vielleicht mein Leben gerettet.”

Ihre Wangen färbten sich rosa. “Ich weiß nicht, ob ich so viel geholfen habe. Sie haben sich wirklich gut geschlagen. Wer war der Kerl?”

“Ich habe seinen wahren Namen nie erfahren. Ich nenne ihn Lui.”

“Louie?”

Non, Lui.”

Sie runzelte die Stirn. “Das habe ich doch gesagt.”

Jean-Luc seufzte. “Lui heißt ‘er’ en Français. Er ist ein Mörder mit vielen Namen. Jacques Clément, Damiens, Ravaillac. Er stachelt zum Mord an und erfreut sich am Tod.”

Ihre Hand zitterte. “Warum will er Sie umbringen?”

“Weil ich über die Jahrhu… Jahre versucht habe, ihn aufzuhalten. Einmal ist es mir gelungen, und seitdem will er, dass ich leide.” Jean-Luc drückte ihre Hand. “Heather, ich bedaure, Ihnen dies sagen zu müssen, aber Sie befinden sich in großer Gefahr.”

“Das hatte ich befürchtet. Er denkt, ich bin …”

“Er denkt, Sie sind meine Geliebte.”

Heather entzog ihm ihre Hand. “Ich sollte mich dann wohl lieber fernhalten. Ich nehme an, ich kann doch nicht hier arbeiten.”

“Im Gegenteil. Sie sollten hier arbeiten. Ich habe eine Wachmannschaft, die Sie beschützen kann. Im Grunde sollten Sie hier leben, bis wir uns um Lui … kümmern können.”

Das war jetzt allerdings ein bisschen übertrieben. “Ich kann hier nicht leben. Ich habe ein Haus in Schnitzelberg.”

“Sie müssen hier leben. Lui hat in der Vergangenheit bereits zwei Frauen umgebracht.”

Heather schluckte. “Er bringt Ihre Freundinnen um?”

“Ja. Es tut mir leid, Sie da mit hineingezogen zu haben, aber ich hatte Sie gewarnt.”

Da hatte er wohl recht. “Ich hätte tun sollen, was Sie mir gesagt haben.”

“Wenn Sie das getan hätten, wäre ich jetzt vielleicht tot. Lassen Sie mich jetzt Ihr Beschützer sein, Heather. Das bin ich Ihnen schuldig.”

“Ich kann nicht bleiben. Meine Tochter …”

“Non.” Jean-Luc fühlte sich, als hätte man ihm in den Magen geschlagen. “Sie haben eine Tochter?”

“Ja. Oh mein Gott. Meinen Sie, sie ist auch in Gefahr?”

Eine Vision von zerhackten Leichen blitzte in seinen Gedanken auf. Yvonne, 1757. Claudine, 1832. Jean-Luc konnte diesen Schmerz und diese Schuld nicht noch einmal ertragen. “Haben Sie keine Angst. Ich werde Sie beide beschützen.”

4. KAPITEL

Sie hätte wissen müssen, dass er nicht perfekt war. Jeder, der so unglaublich gut aussah wie Jean-Luc Echarpe musste einige ernsthafte Fehler haben. Nummer eins: stur wie ein Esel. Nachdem Heather sich von dem ersten Schock erholt hatte, lehnte sie Echarpes Angebot, sie zu beschützen, ab. Er wirkte erstaunt, aber dann hatte er einfach noch einmal gesagt, was ihm vorschwebte, als ob er damit automatisch ein Gesetz verabschieden wollte.

Nachdem sie sechs Jahre lang einen Kontrollfreak ertragen musste, der alles für sie reguliert hatte, sogar, welche Unterwäsche sie sich kaufen durfte, und zwar laut ihrem Diktator-Ehemann nur weiße Baumwollschlüpfer, hatte sie es satt. Gott steh ihr bei, sie musste diesen bevormundenden Männern entkommen. Und sie musste sich neue Unterwäsche kaufen – etwas Wildes, das ihren neu entdeckten Mut symbolisierte. Gott sei Dank gab es auf dem Nachhauseweg einen riesigen Lagerverkauf. Wo sonst konnte ein unabhängiges Mädchen wie sie Spitzenunterwäsche und Gewehrmunition an einem Ort kaufen?

“Mr. Echarpe, ich weiß Ihr nettes Angebot zu schätzen, aber ich brauche wirklich keinen Beschützer.” Sie deutete auf die verschlossene Tür. “Wenn Sie mich nur einfach rauslassen würden …”

“Nur einen Augenblick.” Er sah die Tür mit gerunzelter Stirn an. “Ich glaube, Ihnen ist nicht klar, wie gefährlich Lui wirklich ist.”

Grrrr. Der Mann gab wohl niemals auf. “Louie kam mir nicht sehr gefährlich vor. Als ich ihn mit den Gürteln geschlagen habe, schien er mir eher ein ziemliches Weichei zu sein. Und Sie haben mit einer kaputten Schaufensterpuppe gegen ihn gekämpft. Für einen Bösewicht war er ziemlich einfach zu besiegen.”

“Es war nicht einfach! Das schien nur so, weil ich der beste Schwertkämpfer in ganz Europa bin.”

Fehler Nummer zwei: aufgeblasenes Ego. Auch wenn sie ihm etwas Nachsicht gönnen musste. Sie war bisher noch keinem Mann begegnet, der unter diesem Problem nicht litt. “Sie in Europa kämpfen vielleicht noch mit Schwertern gegeneinander, aber hier in Texas benutzen wir Schusswaffen. Hätte ich eine, wäre dieser Louie jetzt auf dem Weg zum Leichenbestatter.”

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