Was heißer als jede Rache brennt

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Es ist der perfekte Plan, findet der spanische Unternehmer Xavi de la Rosa: Wenn er und die schöne Beth heiraten, ist das Imperium, das ihre Großväter einst gegründet haben, wieder vereint. Und zusätzlich kann er Beth zurückerobern, schließlich waren sie vor acht Jahren ein Paar, bis er sich von ihr trennte. Er ahnt nicht, wie fatal er sich täuscht, als Beth Ja sagt. Für sie ist diese Ehe nichts als die langersehnte Möglichkeit, sich zu rächen! Dafür, dass er ihr damals das Herz brach …


  • Erscheinungstag 23.06.2026
  • Bandnummer 2758
  • ISBN / Artikelnummer 0800262758
  • Seitenanzahl 144

Leseprobe

Michelle Smart

Was heißer als jede Rache brennt

1. KAPITEL

Beth Granger hielt vor der riesigen Villa der Familie de la Rosa, die sie nicht mehr betreten hatte, seit sie neunzehn gewesen war.

Überall ringsum stiegen in Schwarz gekleidete Leute aus ihren Autos und umarmten sich, als hätten sie nicht schon den halben Tag lang Trauer geheuchelt. Im Rückspiegel sah sie, wie der große schwarze SUV mit den getönten Scheiben durchs Tor fuhr, und schloss gequält die Augen.

Ihr Herz schlug jetzt schon viel zu wild. Sie war sich nicht sicher, ob sie die nächsten Stunden ertragen konnte. Am liebsten wäre sie direkt zum Flughafen gefahren und hätte den ersten Flug zurück nach England genommen.

Der Tag war so viel schwerer, als sie gedacht hatte. Sie hatte ihrem Großvater nicht besonders nahegestanden, aber er war ihr letzter lebender Verwandter mütterlicherseits gewesen. Allein deshalb hatte er es nicht verdient, dass seine einzige Enkelin am Tag seiner Beerdigung andauernd an jemand anderen dachte.

Beth hatte aufrichtig geglaubt, sie wäre endlich über Xavi de la Rosa hinweg. Seit ihrer Trennung hatte sie ihn ein paarmal auf irgendwelchen Partys gesehen, an denen sie während ihrer Pflichtbesuche bei ihrem Großvater teilgenommen hatte. Jedes Mal war es schwer gewesen. Nur wütender Stolz hatte letztlich geholfen, vor Xavi zu verbergen, wie belastend es für sie war, sich im selben Raum aufhalten zu müssen wie er. Für ihre schauspielerische Leistung hätte sie eigentlich einen Oscar verdient – Xavi dachte doch tatsächlich, zwischen ihnen wäre alles in Ordnung.

Als Beth die Kapelle betreten hatte, hatte sie seine Anwesenheit sofort gespürt. Selbst nach acht Jahren waren all ihre Sinne wie besonders sensitive Antennen immer noch auf ihn ausgerichtet. Glücklicherweise hatten sich so viele Leute versammelt, um von ihrem Großvater Abschied zu nehmen, dass ihnen weder Zeit noch Gelegenheit geblieben war, mehr zu tun, als einander zuzunicken. Beth hatte Xavi das perfekte Lächeln geschenkt – nüchtern genug, dass es dem traurigen Anlass Rechnung trug, aber doch freundlich.

Oh, ja, die Kunst, ihm gegenüber Freundlichkeit vorzutäuschen, hatte sie perfektioniert. Als sein Blick während des Gottesdienstes die ganze Zeit auf ihr geruht hatte, hatte sie nicht darauf reagiert. Nicht äußerlich. Aber sie hatte darum kämpfen müssen, ihn nicht anzusehen.

Die traurige Wahrheit war, sie wollte ihn ansehen. Und sie wollte, dass er zu ihr kam, sich neben sie setzte und den Arm um sie legte.

Anscheinend hatte der Tod ihres Großvaters irgendetwas in ihr losgetreten. Es fühlte sich fast an wie damals, unmittelbar nach der Trennung, als es ein Kampf gewesen war, morgens überhaupt aufzustehen. Im Moment war der Drang, sich nach Hause zu flüchten und sich mit einem großen Becher Eiscreme auf dem Sofa zusammenzurollen, fast unwiderstehlich.

Aber trotz all seiner Fehler hatte ihr Großvater einen würdigen Abschied verdient. Und Xavi de la Rosa war es nicht wert, seinetwegen Kummerspeck anzusetzen. Ohnehin war es fast vorbei, Beth musste nur noch den Beerdigungskaffee hinter sich bringen. Eine Stunde Small Talk, und dann Adios. Lebewohl, Spanien. Für immer.

Im Spiegel ihres Kosmetikdöschens überprüfte sie Lipgloss und Eyeliner. Stolz und Eitelkeit verboten es ihr, Xavi gegenüberzutreten, wenn sie nicht tipptopp aussah. Sie stieg aus dem Auto, glättete ihr Kleid, pustete sich den Pony aus den Augen und steckte sich eine Locke hinters Ohr. Sie richtete sich gerade auf und ging dann hinüber zur Villa, die sie das letzte Mal an dem Tag betreten hatte, als Xavi ihr Herz in Stücke geschlagen hatte.

Xavi hatte seinen Standort so gewählt, dass er es sofort bemerkte, als die kurvige rothaarige Frau in ihrem eleganten, wadenlangen schwarzen Hemdkleid den Raum betrat. Und wie immer – wie beim ersten Mal – machte sein Herz einen Satz, sobald er sie erblickte.

Acht Jahre, und Beth hatte sich kaum verändert. Jedes Mal, wenn er sie sah, staunte er darüber, wie gut ihr das Frausein stand. Ihr langes, dichtes rotes Haar leuchtete immer noch kupferfarben in der Sonne, und sie hatte dasselbe schmale Gesicht mit den klaren grünen Augen, den hervortretenden Wangenknochen und dem leicht spitzen Kinn. Die gleiche Stupsnase und die gleichen zarten Ohren. Ihre Kurven waren üppiger als früher, weibliche Reize, die Männer dazu brachten, die Köpfe nach ihr zu wenden.

Die Beth, in die Xavi sich vor so vielen Jahren verliebt hatte, war ein lebensfrohes neunzehnjähriges Mädchen gewesen. Auf den ersten Blick hatte sie ihn gefesselt, temperamentvoll, mit einem strahlenden Lächeln und einem musikalischen Lachen. Ein Mensch, der anderen offen Zuneigung zeigte. Diese Eigenschaft hatte sie nie verloren.

Er beobachtete, wie sie alle Trauergäste persönlich lächelnd und mit einer Umarmung begrüßte, selbst wenn es sich dabei nur um sehr entfernte Bekannte handelte. Und alle waren neugierig auf sie, auch diejenigen, die sie nie getroffen hatten. Sie war immerhin Raul Belmontes einzige Enkelin. Wenn sich einmal herumsprach, dass sie auch seine Alleinerbin war, würde ganz Spanien diese Neugier teilen.

Als sie nach einer Weile hochschaute und sich ihre Blicke trafen, lächelte sie. Einen Moment lang hatte Xavi das Gefühl, die Verbindung zwischen ihnen sei materiell greifbar.

Es war an der Zeit, die Initiative zu ergreifen.

Bei Beth richteten sich alle Nackenhärchen auf. Sie konnte kaum atmen.

Xavi kam auf sie zu. Sie spürte es. So, wie sie es immer gespürt hatte.

Sie umklammerte den Trageriemen ihrer Handtasche fester. „Es ist so schön, Sie wiederzusehen“, sagte sie zu Xavis Mutter Mireia in ihrem besten Spanisch. „Danke, dass Sie ...“ Sie kämpfte darum, die richtige Formulierung zu finden. „Dass Sie sich um alles gekümmert haben.“

Als einzige lebende Verwandte hätte Beth eigentlich die Beerdigung und die Trauerfeier ausrichten sollen. Aber da sie nicht in Spanien lebte und sich mit den Gepflogenheiten hier nicht auskannte, hatte sie Mireias Angebot, alles zu organisieren, dankbar angenommen. Die de la Rosas hatten ihren Großvater deutlich besser gekannt als sie selbst, die bis zu ihrem achtzehnten Geburtstag nicht einmal von ihm gewusst hatte.

„Hallo, Beth.“

Obwohl sie sich dagegen gewappnet hatte, schlug ihr Herz beim Klang des perfekten Englischs und der tiefen, klangvollen Stimme schneller.

Es kostete Kraft, sich nichts anmerken zu lassen. Mehr noch als die anderen Male, die sie ihn gesehen hatte, seit er ihr damals das Herz gebrochen hatte. Langsam wandte sie sich zu ihm um.

„Hallo, Xavi.“ Sie achtete darauf, dass ihre Stimme unbeschwert klang, und schaute ihm in die warmen dunkelbraunen Augen. „Gut siehst du aus.“

Der junge Mann, dem sie damals zu Füßen gelegen hatte, war jetzt zweiunddreißig und hatte sich sehr verändert. Das glänzende dunkelbraune Haar trug er länger als früher. Er hatte sich außerdem einen gepflegten dunklen Bart zugelegt, der ihm genauso gut stand wie die kleinen Fältchen um seine Augen und auf der Stirn. Der maßgeschneiderte schwarze Anzug, den er trug, sah fantastisch an ihm aus. Seine sinnlichen Lippen waren zu einem schwachen Lächeln verzogen.

Er legte ihr die Hände auf die Schultern und presste ihr einen Kuss auf beide Wangen. Beth blieb keine Zeit, sich darauf vorzubereiten. In ihr zog sich alles zusammen, als seine Wärme sie umhüllte und sein Duft, den sie immer geliebt hatte, ihr in die Nase stieg.

Er ließ die Hände auf ihren Schultern ruhen, als er einen Schritt zurücktrat und sie musterte. „Und du siehst toll aus.“

Irgendwie gelang es ihr, den Kopf neckend auf die Seite zu legen. „Man gibt sein Bestes. Hi, wie geht es dir? Die letzten Tage waren bestimmt schwierig für dich.“

Ihr Großvater hatte sich vor drei Jahren aus dem Firmenimperium, das er zusammen mit Xavis Großvater gegründet hatte, zurückgezogen. Sie hatte an seinem Abschied teilgenommen. Damals hatte er Xavi seine eigenen Anteile zu treuen Händen anvertraut und ihm offiziell sein Vertrauen ausgesprochen.

Wie alle anderen Anwesenden hatte Beth applaudiert und Xavi hinterher lächelnd gratuliert, ihn sogar auf die Wange geküsst.

Seitdem hatte Xavi das Unternehmen allein geführt, wie er es immer gewollt hatte. Aber seit dem Tod ihres Großvaters erging sich die Presse in Spekulationen, wer die Firmenanteile erben würde – und was das für die Rosbel Group bedeutete.

Er lächelte reuig. „Ich komme schon zurecht.“

„Da bin ich sicher.“ Berufliche Herausforderungen meisterte er mit Leichtigkeit. Gefühle waren es, mit denen er nicht umgehen konnte.

„Was ist mit dir? Läuft alles gut?“

„Auf jeden Fall.“

„Schön zu hören.“ Sein Lächeln verblasste, das Funkeln in seinen Augen nicht. „Hättest du ein paar Minuten für mich Zeit? Es gibt da etwas, das ich mit dir besprechen möchte.“

Beth sank das Herz. Sie schaute auf die Armbanduhr. „Wenn es schnell geht? Ich muss meinen Flug bekommen.“

„Es sollte nicht lange dauern. Aber wir unterhalten uns am besten unter vier Augen.“

Jetzt musste sie ein Zittern unterdrücken. In gespielter Neugier hob sie die Augenbrauen. „Das klingt nicht gut.“

„Es ist nichts Schlimmes, das verspreche ich. Es hat mit dem Testament deines Großvaters und deinem Erbe zu tun.“

Damit hatte sie nicht gerechnet. „Welchem Erbe?“

„Genau darüber müssen wir sprechen.“

„Sind dafür nicht am ehesten seine Anwälte zuständig?“

„Vertrau mir, es ist besser, wenn du es zuerst von mir hörst.“

Wie es ihr gelang, ihm dafür nicht ins Gesicht zu lachen, wusste sie selbst nicht. Vertrauen? Ihm? Dem Mann, der geschworen hatte, sie für immer zu lieben? Der ihr das Blaue vom Himmel versprochen und sie dann im Stich gelassen hatte?

Beth hatte die letzten acht Jahre viel Zeit und Mühe investiert, Xavi in den sozialen Netzwerken vorzugaukeln, sie wäre über ihn hinweg. Dazu gehörten sorgfältig bearbeitete Fotos, die sie in geselliger Runde und bei Unternehmungen mit Freunden zeigten. Sie war richtig gut in Photoshop geworden.

Sie schaute erneut auf die Uhr. „Zehn Minuten, und dann tut es mir leid, aber ich muss los.“

Das war schlicht gelogen. Ihr Flug ging erst in sechs Stunden. Aber sie wollte Xavi entkommen, dieser Villa und all den Erinnerungen, die daran hingen und drohten, wieder zu erwachen. Was Beth anging, blieb die Vergangenheit besser begraben.

„Ich versuche, mich kurz zu fassen. Wollen wir in den Garten gehen?“

„Ich habe keine Sonnencreme dabei“, log Beth und versuchte, nicht daran zu denken, wie sie im Garten der de la Rosas unter einem Olivenbaum eingeschlafen war. Die Party auf der Terrasse war noch in vollem Gang gewesen, als Xavi sie mit einem Kuss geweckt hatte ... aus dem mehrere geworden waren, bis er sie im Schutz der Dunkelheit nur mit seinen Fingern zum Orgasmus gebracht hatte.

Es quälte sie, sich vorzustellen, wie er das mit den Frauen getan hatte, die nach ihr gekommen waren. Bei ihrem dritten Besuch in Madrid nach der Trennung hatte ihr Großvater sie zu der Silvesterparty eines berühmten Kunsthändlers mitgenommen. Die erste Person, die Beth beim Eintreten gesehen hatte, war Xavi gewesen, eine blonde Sexbombe am Arm. Beth hatte sich gezwungen, hinüberzugehen und ihn zu begrüßen, als wären sie alte Freunde, selbst seiner neuen Flamme gegenüber war sie charmant gewesen. Sie hatte die Scharade durchgehalten, gelacht, getanzt, gefeiert, war am nächsten Morgen nach England zurückgeflogen und hatte auf dem Weg vom Flughafen beim Supermarkt angehalten. Am Abend hatte sie sich auf ihrem Sofa zusammengerollt und ihr Körpergewicht in Schokoladeneis gegessen.

Es hatte Monate gedauert, bis sie den Schmerz und den Schock überwand, den es ihr verursacht hatte, ihn mit einer anderen zu sehen. Dabei hatte sie längst gewusst, dass er nur wenige Tage nach ihrer Trennung schon mit Ellen geschlafen hatte.

„Wir gehen besser ins Arbeitszimmer“, sagte sie. Das war der eine Raum, in dem sie nie Sex gehabt hatten. Überall sonst in der riesigen Villa hatten sie sich geliebt. Es war ein Spiel gewesen. Außer den privaten Zimmern der anderen Hausbewohner hatten sie tatsächlich jeden Raum auf diese Weise „getauft“.

Bis auf das Arbeitszimmer.

Sobald sich die Tür hinter ihnen schloss, begriff Beth, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Sie hätten sich draußen auf dem Vorplatz unterhalten können, an ihrem Auto. Dann hätte sie hinterher gleich einsteigen und davonfahren können.

Sie blieb entschlossen, sich nichts anmerken zu lassen und weiterhin das Bild zu vermitteln, das sie im Internet so sorgfältig kultiviert hatte. Lässig schwang sie sich auf den Mahagonischreibtisch und legte ihre Arme locker in ihren Schoß, statt sie um sich zu s‍c‍h‍l‍i‍n‍g‍e‍n, wie sie es eigentlich tun wollte, und sah Xavi an. „Also?“

Statt ihr von ihrem mysteriösen Erbe zu erzählen, ging er hinüber zum Getränkeschrank, zog eine Flasche Whisky und zwei Gläser hervor.

„Einen Drink? Oder soll ich einen Strawberry Daiquiri für dich bestellen?“

Das war ihr Lieblingscocktail. Ihre Internetauftritte zeigten sie regelmäßig mit einem Glas in der Hand.

„Danke, aber ich muss noch fahren.“

„Sehr verantwortungsbewusst“, sagte er trocken und schenkte sich ein Glas bis zum Rand voll ein.

„Arbeitest du daran, Alkoholiker zu werden?“ Beth grinste ihn an, während sie sich vorstellte, ihm den Inhalt des Glases über seinen Designeranzug zu schütten.

Xavi hob das Glas, prostete ihr zu und leerte es in einem Zug bis zur Hälfte. „Er gibt mir mehr Mut.“

„Sehr interessant, Señor de la Rosa, aber ich muss immer noch einen Flug bekommen, also erzähl mir von meinem Erbe. Hat er mir ein Gemälde hinterlassen? Ein Auto?“ Ihr kam ein Gedanke, der sie erblassen ließ. „Doch nicht Diego? Ich kann bei mir keine Hunde halten.“ Nicht in ihrer Wohnung. Und sie hatte keinen Garten. Bestimmt hatte Raul nicht von ihr erwartet, seinen spanischen Wasserhund bei sich aufzunehmen? Bei seiner langjährigen Haushälterin Salma wäre das Tier sehr viel besser aufgehoben.

„Er hat dir alles hinterlassen.“

Sie blinzelte. „Hä?“

„Alles. Die Villa. Seine Autos. All seine Ferienhäuser, seinen Helikopter und seine Firmenanteile. Diego. Alles. Es gehört alles dir.“

Im ersten Moment schaute sie ihn nur sprachlos an. Und brach dann in Gelächter aus. „Wow. Einen Moment lang hattest du mich fast überzeugt. Okay, sag schon, was hat er mir tatsächlich hinterlassen?“

Xavi wirkte nicht im Geringsten amüsiert. „Ich versichere dir, es ist kein Scherz. Dein Großvater hat wirklich alles dir vererbt, Beth.“

Sie schüttelte den Kopf. „Auf keinen Fall. Jedes Mal, wenn ich hier war, hat er mir erzählt, dass er die Anteile deiner Familie vererben und alles andere für gute Zwecke spenden würde.“

„Das hat er nur gesagt, weil er gehofft hat, du würdest deine Meinung ändern und ins Unternehmen einsteigen. Er hatte nie ernsthaft vor, dich zu enterben. Es war nur eine Drohung, damit du nachgeben und tun würdest, was er wollte. Du bist seine einzige Erbin. Das hat ihm trotz allem viel bedeutet.“

Beth lachte, um zu überdecken, wie wenig sie auf diese Enthüllung vorbereitet war. Sie sprang vom Tisch, nahm Xavi kurz entschlossen das Glas aus der Hand und kippte den Rest seines Whiskys in einem Zug herunter. Normalerweise hasste sie Whisky, aber sie brauchte irgendetwas, um den Schock zu verkraften. Sie schenkte nach und leerte das Glas erneut. In drei Zügen.

„Okay, ich nehme ein Taxi. Wenn das alles stimmt, bin ich reich.“ Erneut lachte sie auf. ‚Reich‘ war wahrscheinlich die größte Untertreibung des Jahrhunderts.

Ihre Mutter Lorena war bei ihrer Geburt gestorben. Ihr Vater und ihre Großeltern väterlicherseits hatten Beth großgezogen. An Liebe hatte es ihr nie gemangelt. Natürlich war sie neugierig gewesen. Ihr Vater hatte ihr von ihrer Mutter erzählt – einer temperamentvollen, glücklichen Frau, die gern getanzt hatte und barfuß gelaufen war. Ein Freigeist, wie Beth selbst einer war.

Aber über die Familie ihrer Mutter hatte er ihr nie etwas gesagt. Lange hatte sie geglaubt, ihre Mutter hätte keine lebenden Verwandten mehr gehabt. Wie sich später herausstellte, hatte Lorena einfach nur den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen. Beths Großmutter hatte ihre Familie verlassen, als Lorena zwölf gewesen war, und nachdem Lorena nach England gezogen war, hatte sie weder ihre Mutter noch ihren Vater je wiedergesehen. Beths Vater hatte ihrem Wunsch entsprochen und nie mit Beth über ihre Großeltern gesprochen. Erst, als sie achtzehn geworden war, hatte er ihr von ihnen erzählt und gesagt, sie sei nun alt genug, sich selbst ein Urteil über sie zu bilden.

Es war ein Schock gewesen. Sie hatte die ganze Zeit ein zweites Paar Großeltern gehabt? Und dann hatte sie auch noch erfahren müssen, dass ihre Großmutter erst zwei Jahre zuvor verstorben war. Es blieb allein ihr Großvater, Raul Belmonte.

Anfangs hatte Beth viel Schmerz und Groll empfunden. Aber sie liebte ihren Vater und wusste, er hatte getan, was er für das Beste hielt.

Erst nachdem sie Kontakt mit ihrem Großvater aufgenommen hatte, hatte sie erfahren, wie reich er war. Reich wie Krösus. Mit seinem Geschäftspartner Ferdinand de la Rosa zusammen hatte Raul Belmonte die Rosbel Group gegründet, eines der finanzstärksten Unternehmen Europas. Regelmäßig wurde er in den Top Ten der reichsten Männer Europas gelistet.

Sein Reichtum hatte Beth nie etwas bedeutet. Sie hatte ihn kennenlernen wollen. Allerdings hatte sie schon, bevor sie zugestimmt hatte, einen Sommer bei ihm zu verbringen, geahnt, dass er keineswegs der freundliche, liebe alte Mann war, als der er sich präsentierte. Sie sah es nicht zuletzt daran, dass er von ihr gewusst hatte, aber niemals angeboten hatte, finanzielle Verantwortung für sie zu übernehmen – im Gegensatz zu ihren Großeltern väterlicherseits, die geholfen hatten, sie großzuziehen. An ihrem achtzehnten Geburtstag hatten sie ihr viertausend Pfund geschenkt, die sie über die Jahre hinweg auf ein Sparbuch eingezahlt hatten.

Sie hatten sich das Geld vom Mund abgespart. Ihr Großvater dagegen verdiente diese Summe wahrscheinlich innerhalb einer Stunde allein an Zinsen.

In den Monaten, die sie bei ihm in Madrid verbracht hatte, hatte sie ihn gut genug kennengelernt, um zu begreifen, weshalb ihre Mutter den Kontakt abgebrochen hatte. Und wenn Xavi nicht gewesen wäre, der Beth im Sturm erobert hatte, wäre sie schon nach ein paar Tagen zurück nach England geflogen. Aber schon am zweiten Tag ihres Besuchs hatte ihr Großvater seinen Geschäftspartner Ferdinand de la Rosa und dessen Familie zum Abendessen eingeladen, um ihnen seine Enkelin vorzustellen. Dem Vorbild seines alten Freundes folgend, der seinen Enkel als Erben einsetzen wollte, hatte Raul sich bemüht, Beth möglichst schnell in seine Arbeit mit einzubeziehen. Dadurch hatte sie viel Zeit mit Xavi verbracht. Eins war zum anderen gekommen, und sie war geblieben.

Aber schon im Winter war sie nach England zurückgekehrt – mit gebrochenem Herzen und zertrümmerten Träumen.

„Weißt du, was das heißt, Beth?“

Sie blinzelte. „Ja. Es heißt, ich habe einen Hund.“

Die Liebe zu seinem Hund war so ziemlich das Einzige gewesen, was ihren Großvater sympathisch gemacht hatte.

„Es heißt, du und ich sind jetzt Geschäftspartner. Mein Großvater hat sich ja schon vor fünf Jahren aus dem Unternehmen zurückgezogen und die Firmenanteile der de la Rosas mir übertragen. Ich habe den Rest der Familie ausgezahlt, sodass die Anteile allein mir gehören. Dein Großvater hat mich als Treuhänder für seine Anteile eingesetzt und mir die Entscheidungsgewalt übertragen. Aber jetzt, nach seinem Tod, gehören sie dir, und du kannst damit tun, was du willst. Wir besitzen jeder dreißig Prozent des Unternehmens.“

Beth dachte an den Firmensitz der glamourösen Rosbel Group im Herzen von Madrid und an all die Luxusmarken, die das Unternehmen unter seinem Dach vereinte, die enorme Marktmacht und die Umsätze. Und an all die privaten Investitionen und Vermögenswerte ihres Großvaters. Ungläubig schüttelte sie den Kopf.

Nicht eine Sekunde lang hatte sie geglaubt, er würde ihr irgendetwas davon hinterlassen. Die Monate, die sie für die Firma gearbeitet hatte, waren alles andere als friedfertig verlaufen, Beth hatte ihm nichts recht machen können. Am Ende hatte er ihr sogar gedroht, wenn sie nicht bereit wäre, das Geschäft ernst zu nehmen und ihre Position tatsächlich zu verdienen, würde er seinen Anteil den de la Rosas überlassen.

Beth hatte zurückgeschrien, er könnte sich sein Geld sonstwohin stecken, und hatte nie wieder einen Fuß in die Firma gesetzt. Wenn sie damals nicht mit Xavi zusammen gewesen wäre, wäre sie noch am selben Tag überstürzt nach England zurückgekehrt und hätte ihren Großvater wahrscheinlich nie wiedergesehen. Stattdessen hatte sie weiter bei ihm gelebt, und allmählich hatten sie sich wieder etwas angenähert.

Aber sie hatte sein Geld nicht gewollt. Genauso wenig wie die Führung des Unternehmens. Wenn sie gewusst hätte, dass es ihm letztlich nur darum ging, hätte sie nie zugestimmt, den Sommer bei ihm zu verbringen. Sie hatte einen Großvater gewollt. Und das hatte Raul schließlich akzeptiert, auch wenn er nie gelernt hatte, ein echter Großvater zu sein.

In Wirklichkeit hatten sie sich bis zum Schluss nicht richtig gekannt.

„Wenn wir unsere Anteile kombinieren wie unsere Großväter, behalten wir die Kontrolle über die Rosbel Group“, sagte Xavi.

Beth begegnete seinem Blick. Es kam ihr unmöglich vor, dass ein Mann, der solche Wärme verströmte, wirklich so kalt und grausam sein konnte.

„Und ich vermute, du möchtest, dass ich dich zum Treuhänder mache, wie es mein Großvater getan hat?“ Als ob sie ihm vertrauen würde.

„Wer die Mehrheit der Anteile kontrolliert, kann den Kurs des Unternehmens bestimmen. Ich habe kürzlich erst den Versuch einer feindlichen Übernahme abgewehrt, einen amerikanischen Investor mit einem Anteil von fünfzehn Prozent. Wie ich gehört habe, steckt er inzwischen in finanziellen Schwierigkeiten und wird es wohl so bald kein zweites Mal probieren. Aber garantiert werden jetzt nach dem Tod deines Großvaters noch weitere Interessenten auftauchen.“

Sie trank den letzten Schluck Whisky. „Also willst du, dass ich dir meine Anteile anvertraue.“

„In gewisser Weise.“ Er schenkte ihr nach und füllte das zweite Glas für sich.

„In welcher Weise? Möchtest du sie kaufen?“

Wenn das sein Ziel war, würde er eine Enttäuschung erleben. Freiwillig würde Beth ihm keinen einzigen Anteil des Unternehmens verkaufen, das für ihn damals wichtiger gewesen war als sie.

„Nur, wenn du meinen Vorschlag ablehnst.“

„Und der wäre?“

Ein Hauch von Vorsicht schlich sich in Xavis Stimme. „Ich bitte dich, nicht sofort nein zu sagen, sondern dir erst meine Gründe anzuhören.“

Beth zuckte mit den Schultern. „Okay.“

Er musterte sie so lange, dass ihr ganzer Körper zu prickeln begann. „Hör dir einfach in Ruhe an, was ich zu sagen habe. Und dann lass dir Zeit, bevor du mir deine Antwort gibst.“

Das Prickeln verstärkte sich. Sie trank einen weiteren Schluck Whisky. „Schieß los.“

Xavi lehnte sich gegen den Schrank, das Glas in der Hand. „Ich möchte, dass wir heiraten.“

2. KAPITEL

Xavi beobachtete Beth ganz genau. Aber abgesehen davon, dass ihre Lippen leicht zuckten, ließ sie sich nichts anmerken. Allerdings verlor sie an Farbe. Und die Fingerknöchel der Hand, die das Glas hielten, wurden weiß. Aber nichts an ihr deutete darauf hin, dass sie das Glas nach ihm werfen würde.

Er würde niemals das Geräusch splitternden Glases vergessen, kurz bevor er die Tür des Badezimmers aufgetreten hatte, in dem sie sich eingeschlossen hatte. Sie hatte den Spiegel und die Zahnputzgläser zerschlagen und die Duftkerzen auf den Boden geworfen, aber seine Befürchtung, sie könnte sich selbst verletzen, hatte sich nicht bewahrheitet. Und zu dem Zeitpunkt, als die Tür endlich nachgegeben hatte, hatte Beth all die Wut, die sie dazu gebracht hatte, sein Badezimmer zu zerstören, unter Kontrolle gebracht. Ihr Gesicht war vom Weinen rot und geschwollen gewesen, aber sie hatte ihm gerade ins Gesicht gesehen, sich für das Chaos entschuldigt, das sie angerichtet hatte, und war mit stiller Würde aus seinem Leben verschwunden.

Mehr als ein Jahr war vergangen, bevor er sie wiedergesehen hatte, auf einer Silvesterparty. Sie hatte ihn umarmt und sogar einen Scherz darüber gemacht, dass sie sein Badezimmer in einem so fürchterlichen Zustand hinterlassen hatte. Er war erleichtert gewesen, aber auch ein wenig verblüfft. Nicht, dass er sich Wutausbrüche oder Tränen gewünscht hatte, aber hatte er ihr wirklich so wenig bedeutet, dass sie über ihre Trennung scherzen konnte?

Sie ruckte mit dem Kopf, eine Aufforderung, sich zu erklären.

„Mein Vorschlag muss aus heiterem Himmel kommen.“

„Nur ein ganz klein bisschen.“ Sie verzog das Gesicht. „Besonders, wenn man bedenkt, dass wir schon mehr als einmal darüber gesprochen hatten, wie unsere Hochzeit aussehen sollte ... Du weißt schon, bevor du mir nur ein paar Wochen später den Laufpass gegeben hast.“

Xavi nickte. In seiner Brust zog sich alles zusammen. „Ich habe mich nie bei dir dafür entschuldigt, wie ich die Sache damals gehandhabt habe, oder?“

Beth rollte mit den Augen. „Xavi, das ist acht Jahre her.“

Acht Jahre. Und doch erinnerte er sich so lebhaft an ihre gemeinsame Zeit, dass es ihm vorkam, als sei es erst gestern gewesen.

Er bezweifelte, dass es ihr genauso ging. All ihrer Liebesschwüre zum Trotz war Beth damals verdammt schnell über ihn hinweggekommen. Ihm war klar, dass er kein Recht hatte, das zu kritisieren. Oder eifersüchtig zu sein, wenn sie im Internet Bilder von sich postete, Wange an Wange mit fremden Männern. Wenn er kommentierte, reagierte sie immer mit einem hochgereckten Daumen, einem Herz oder einer witzigen Bemerkung, die ihn zum Lachen brachte, während es in seinem Magen seltsam grummelte.

Er zwang sich zu einem Lächeln. „Ich will nur sagen, mir ist bewusst, dass die Art, wie ich damals Schluss gemacht habe, es schwerer macht, meinen Vorschlag ernst zu nehmen.“

Autor

Michelle Smart
Michelle Smart ist ihrer eigenen Aussage zufolge ein kaffeesüchtiger Bücherwurm! Sie hat einen ganz abwechslungsreichen Büchergeschmack, sie liest zum Beispiel Stephen King und Karin Slaughters Werke ebenso gerne wie die von Marian Keyes und Jilly Cooper. Im ländlichen Northamptonshire, mitten in England, leben ihr Mann, ihre beiden Kinder und sie...
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