Weiße Weihnacht – heiße Weihnacht

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Auf einer Ferienranch will Kira über die Weihnachtstage zur Ruhe kommen. Doch plötzlich taucht ein verführerischer Cowboy auf. Kaum hat sie sich auf eine heiße Affäre mit Pax eingelassen, muss sie fürchten, dass er mit ihr spielt …


  • Erscheinungstag 10.09.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751547765
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Leseprobe

Jules Bennett

Weiße Weihnacht – heiße Weihnacht

1. KAPITEL

„Komm schon, du hässliches Ding.“

Kira Lee zerrte an dem unansehnlichen Baum, den sie gerade auf der Weihnachtsbaumplantage in Willowvale Springs gekauft hatte. Leider war die Auswahl so kurz vor den Feiertagen nur noch dürftig. Aber sie hatte so viel Baumschmuck gekauft, dass sie damit die Löcher in diesem traurigen Baum verdecken konnte, der ohnehin nur für ein paar Wochen in ihrem Ferienhäuschen stehen würde.

Auf der Plantage hatte ein Mitarbeiter den Baum auf ihren SUV geladen, doch sie hatte nicht bedacht, wie sie dieses Ungetüm vom Auto herunter und in das Haus bekommen sollte.

„Wer gewinnt den Kampf?“

Eine männliche Stimme ließ sie aufschrecken, sie konnte jedoch nicht sehen, zu wem sie gehörte, weil ihr das Tannengrün die Sicht versperrte.

„Ich natürlich“, rief sie und zog noch einmal kräftig an dem Baum. „Sie könnten sich als Gentleman erweisen und mir helfen.“

Normalerweise hatte sie bessere Manieren, aber hier in Wyoming war es so kalt, dass sie schnell wieder ins Warme zurück wollte. Das Wetter war hier ganz anders als in Portland.

„Ich habe nicht behauptet, ein Gentleman zu sein“, erwiderte der gesichtslose Mann spöttisch.

Wow. Sie war erst einen Tag in der Stadt, weil sie sich von ihrer besten Freundin zu diesem Urlaub hatte überreden lassen, und schon war sie genervt. Aber daran war sie selbst schuld. Warum musste sie auch das Ferienhaus für die Feiertage aufhübschen? Kira zerrte erneut an dem Baum und taumelte nach hinten, als er sich bewegte. Endlich. Sie würde es vielleicht tatsächlich noch vor Einbruch der Dunkelheit ins Haus schaffen.

„Lassen Sie mich das machen, bevor Sie sich noch wehtun.“

Die Stimme kam näher und Kira blickte hinüber zu dem attraktivsten Cowboy, dem sie seit ihrer Ankunft in der Stadt begegnet war. Sonnengebräunte Haut, schwarzer Hut, schwarzer Wollmantel, dunkle Jeans und Stiefel. Wahrscheinlich stand irgendwo in der Nähe auch noch ein schwarzes, beeindruckendes Pferd.

Egal, sie wollte nur Hilfe mit ihrem Baum. Sonst nichts. Aber sie hatte nichts dagegen, sich eine Weile an seinem Anblick zu erfreuen.

Mit einer Kraft, die sie nicht erwartet hatte, hievte der Mann den Baum von ihrem Auto auf seine Schulter und deutete dann auf ihre Unterkunft.

„Sie könnten wenigstens die Tür aufmachen“, brummte er.

Kira schenkte ihm ihr schönstes Lächeln, drehte sich auf dem Absatz um und ging die Stufen zu ihrer Tür hinauf. „Da ist aber jemand in Festtagsstimmung.“

Sie gab den Code ein und öffnete die Tür, damit er eintreten konnte. Nachdem er den Baum durch die Öffnung manövriert und es geschafft hatte, nicht über die Stufen zu stolpern, drehte er sich in Richtung der offenen Wohnküche.

„Wo ist der Eimer?“, fragte er.

Kira stockte. „Eimer?“

„Um den Baum reinzustellen.“

Er drehte sich zu ihr um, sodass sie zum ersten Mal sein markantes Gesicht richtig sehen konnte. Wenn der Mann jetzt noch lächeln würde, wäre er verdammt attraktiv mit diesen dunklen Augen unter den dichten, schwarzen Brauen.

„Sie haben doch sicher einen Behälter für den Baum, oder?“, fügte er hinzu.

Ups.

„Soweit habe ich nicht gedacht, aber ich habe wirklich schönen Baumschmuck besorgt“, sagte sie schmunzelnd, schien aber die Einzige zu sein, die das amüsant fand.

Der Fremde legte den Baum vorsichtig auf den Boden.

„Sie haben das nicht wirklich vorher geplant, oder?“, fragte er.

Bevor sie antworten konnte, murmelte er etwas davon, dass er gleich wieder da sei. Er ging zur Tür hinaus und ließ sie offen, sodass kalte Luft hereinströmte.

Kira blickte hinaus und sah zu, wie er in einem schwarzen Wagen davonfuhr.

Sie schloss die Tür, um den eisigen Wind nicht hereinzulassen. Als sie sich dem traurigen Baum zuwandte, der auf dem Boden lag, hätte sie sich am liebsten zu ihm gelegt. Denn sie war sich sicher, dass es einige Gemeinsamkeiten zwischen ihr und diesem halbtoten Baum gab.

Kira versuchte, sich auf den Kurzurlaub zu konzentrieren, den ihre beste Freundin für sie organisiert hatte, statt auf das Desaster, in das sich ihr Leben verwandelt hatte, ohne dass sie etwas dafür konnte. Sie hatte nicht nur ihre Wohnung verloren, sondern war wegen ihres stressigen Berufs auch völlig ausgelaugt. Und dann plante ihre Mutter auch noch ihre vierte Hochzeit. Kira brauchte wirklich eine Auszeit.

Bisher hatte sie ein ganz normales, langweiliges Leben geführt, in dem sie auf Struktur und Planung Wert legte, und war damit vollkommen zufrieden gewesen. Deshalb hatte sie dieses Chaos auch fast in einen Nervenzusammenbruch gestürzt. Glücklicherweise hatte Delilah Kiras Gemütszustand erkannt und diese malerische Ranch in Wyoming gefunden, weit weg von den Problemen in Oregon.

Vielleicht war der Baum, den sie gekauft hatte, hässlich, aber irgendetwas an ihm brachte sie zum Lächeln. Er war alles andere als perfekt, und vielleicht sollte das ihr zeigen, dass etwas, das beschädigt war, nicht unbedingt komplett kaputt war – genau wie ihr Leben. Sie konnte es wieder aufbauen und neu gestalten, sobald sie sich die Zeit genommen hatte, sich auszuruhen und sich nicht mehr um die Probleme anderer zu sorgen – ihrer Kunden, ihrer Mutter, ihres Vermieters. Sie musste sich endlich einmal auf sich selbst konzentrieren.

Zweifellos würde ihre beste Freundin ihr raten, sich den sexy, grüblerischen Cowboy zu angeln, aber Kira war nicht wegen eines Flirts hier. Sie musste herausfinden, was sie mit ihrem Leben anfangen sollte, wo sie wohnen und wie sie dieses Karriere-Burn-out in den Griff bekommen sollte.

Und sie glaubte nicht, dass Mr. Mürrisch ihr dabei helfen würde.

Paxton Hart hatte keine Zeit, den jämmerlichsten Weihnachtsbaum aufzustellen, den er je gesehen hatte. Verdammt, er wollte nicht einmal auf dieser Ferienranch sein.

Doch leider musste er erst einmal bleiben. Aus Gründen, die er immer noch nicht verstand, hatte Hank Carson beschlossen, seine Ranches, Farmen, sein Haus und seine Ferienanlagen den Männern zu vermachen, die vor Jahren in den Sommerferien für ihn gearbeitet hatten. Pax hatte Hank seit über zehn Jahren nicht mehr gesehen, aber anscheinend hatte Pax einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Seine alten Freunde Mason, Kahlil und Vaughn hatten wie Pax Hanks Anwesen geerbt. Die drei anderen waren mit der festen Absicht hierher zurückgekehrt, ihr Erbe zu verkaufen und wieder in ihr geschäftiges Leben zurückzukehren. Doch das Schicksal hatte andere Pläne. Jeder von ihnen hatte als Teenager für Hank gearbeitet und jeder von ihnen hatte sich geschworen, es einmal zu etwas Größerem und Besserem zu bringen. Sie alle waren in ihrer jeweiligen Branche erfolgreich und hatten gut bezahlte, erfüllende Berufe. Und nun waren sie alle wieder hier. Pax hatte seinen Freunden angeboten, beim Verkauf ihrer Grundstücke zu helfen, aber die Männer hatten sich dafür entschieden, zu bleiben und ihr geerbtes Anwesen zu behalten. Weil sie sich alle verliebt hatten und nun planten, sich in Willowvale niederzulassen. Die drei waren entweder verlobt oder verheiratet, was Pax eine Heidenangst einjagte.

Er war nicht in die Stadt zurückgekommen, um sich zu verlieben oder was auch immer seine Freunde empfanden. Pax hatte einen vollen Terminkalender und zahlreiche Karriereziele auf seiner Prioritätenliste – insbesondere die neue Immobilienagentur in Spanien. Zeit in Willowvale Springs zu verbringen, stand auf keiner seiner Listen.

Als Pax einen großen Eimer aus der Scheune holte, beschäftigte ihn immer noch die Tatsache, dass der neue Gast in einer der Ferienhütten eine der bezauberndsten Frauen war, die er je gesehen hatte. Er war sich nicht sicher, ob er sich darüber ärgerte, dass er Zeit verschwenden musste, um einen hässlichen Baum aufzustellen, oder ob er sich darüber ärgerte, wie sie auf ihn wirkte.

Beides. Definitiv beides.

Er nahm den vertrauten Weg zurück zu den Ferienhütten. Diese Gästeranch war früher gut besucht gewesen und hatte Besucher aus dem ganzen Land angezogen. Laut den aktuellen Unterlagen war die Anzahl der Besucher jedoch mittlerweile auf die Hälfte gesunken. Daher war ein Großteil des Personals bereits gegangen, der Manager war jedoch nach Hanks Tod geblieben.

Pax hatte zwar in seinen Teenagerjahren in den Sommerferien hier gearbeitet, aber was wusste er schon über die Leitung einer Gästeranch? Sein Leben drehte sich um den Kauf und Verkauf von Immobilien. Er war bereits Marktführer auf dem US-Markt und würde in den nächsten Monaten seinen neuen Standort in Spanien eröffnen. Deshalb hatte er keine Zeit für diese Gästeranch oder die sexy Bewohnerin von Hütte Nummer 5.

Er parkte direkt hinter ihrem SUV. Mit einem Eimer in der Hand stieg er die Stufen hinauf und klopfte an die Tür. Sofort schwang die Holztür auf und ein Anflug von Lust durchfuhr ihn völlig unvorbereitet. Die zierliche Frau mit dem bezaubernden Pferdeschwanz, dem eng anliegenden roten Pullover und der körperbetonten Jeans sollte ihn nicht so erregen. Es musste an der eisigen Luft liegen, dass er seinen gesunden Menschenverstand verlor.

„Wo soll der Baum hin?“, fragte er in der Hoffnung, dass er die Angelegenheit schnell und schmerzlos über die Bühne bringen konnte.

Sie blickte sich im Raum um und zeigte auf die Ecke in der Nähe des Kamins. „Das ist der perfekte Platz.“

Pax stieg über den halbtoten Baum und stellte den Eimer an der vorgesehenen Stelle ab. Als er sich umdrehte, wäre er beinahe mit ihr zusammengestoßen. Sie wich einen Schritt zurück.

„Entschuldigung“, sagte sie lächelnd. „Glauben Sie, dass er dort gut aussehen wird?“

Pax widerstand dem Drang, einfach zu fliehen. Es war ihm egal, wo sie den Baum hinstellte, denn dies war nicht seine Hütte, und beim Aufstellen würden wahrscheinlich sowieso die Nadeln abfallen. „Wenn Sie ihn da haben wollen“, antwortete er.

Sie schien eine Minute lang nachzudenken, was etwa fünfzig Sekunden länger war, als seine Geduld zuließ. Schließlich nickte sie. „Ja, wir stellen ihn dorthin. Neben dem knisternden Feuer sieht er sicher toll aus.“

„Sie wissen schon, dass Weihnachten in ein paar Tagen ist, oder?“

Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, als sie zu ihm aufsah. „Deshalb müssen wir diesen Baum ja auch schnell aufstellen.“

Sie beugte sich zu dem Baum hinunter, richtete sich dann aber wieder auf. „Moment. Ich weiß nicht einmal, wie Sie heißen.“

„Ist das wichtig, wo Sie doch nur meine Hilfe brauchen, um den Baum aufzustellen?“, konterte er.

„Dann werde ich Sie wohl Scrooge nennen müssen.“ Sie streckte ihm die Hand zum Gruß entgegen. „Ich bin Kira.“

Er blickte auf ihre ausgestreckte Hand, doch er würde sie auf keinen Fall berühren. Allein schon bei ihrem Anblick wurde ihm ganz flau – wie würde er dann erst auf eine Berührung reagieren? Er hatte sich vor langer Zeit geschworen, keinerlei Bindungen einzugehen.

„Ich hole schnell die restlichen Sachen“, erklärte er und ging schnell zu seinem Wagen. Dort nahm er einen Sandsack heraus und ging wieder in die Hütte. Er wollte keine Minute länger als nötig hier sein. Zum einen hatte er in einer Stunde ein Online-Meeting bezüglich des neuen Projekts in Barcelona und zum anderen war es ihm einfach unangenehm, mit Kira hier zu sein.

Sogar ihr Name klang bezaubernd. Alles an ihr schien bezaubernd zu sein, von ihrer Frisur über ihre zierliche Statur bis hin zu ihrer lebhaften Persönlichkeit. Aber bezaubernde Frauen waren eigentlich gar nicht sein Geschmack.

Sogar ihr Name klang bezaubernd. Alles an ihr schien bezaubernd zu sein, von ihrer Frisur über ihre zierliche Statur bis hin zu ihrer lebhaften Persönlichkeit. Aber bezaubernde Frauen waren eigentlich gar nicht sein Geschmack. Dennoch war sie ihm bereits unter die Haut gegangen, sodass er sich lieber darauf konzentrierte, den Baum so gerade wie möglich in den Eimer mit Sand zu stellen. „Halten Sie ihn gut fest“, bat er sie, während er den Sand einfüllte und den Stamm zurechtrückte.

Als er der Meinung war, dass der Baum so gut wie möglich stand, kroch er wieder unter dem Baum hervor. Er war nach Willowvale Springs zurückgekehrt, um herauszufinden, wie er dieses unerwünschte, geerbte Anwesen am besten verkaufen konnte, und nicht, um sich zu vergnügen und den Gästen zu helfen.

„Sie sollten warten, bis Sie ihn geschmückt sehen“, meinte Kira und lächelte den Baum an, als könne sie das Bild schon in ihrem Kopf sehen.

„Ich kann es mir lebhaft vorstellen.“

Sie blickte zu ihm hinüber und zog ihre dunklen Brauen zusammen. „Sie haben garantiert etwas Besseres zu tun, als einen Weihnachtsbaum zu schmücken. Ich wette, Sie haben nicht einmal einen.“

„Die Wette gewinnen Sie.“

„Sind Sie immer so mürrisch?“, fragte sie mit den Händen in den Hüften.

„Sind Sie immer so redselig bei Fremden?“, konterte er.

Kira zuckte mit den Schultern. „Berufsrisiko.“

Frag nicht. Frag bloß nicht.

„Und was machen Sie?“ Natürlich befolgte er seinen eigenen Rat nicht, da er sich fragte, welchen Beruf jemand haben konnte, der so forsch war. „Sie sind Hochzeitskoordinatorin“, vermutete er.

Kira lachte. Und dieses Lachen erwärmte etwas in ihm – etwas, von dem er nicht einmal gewusst hatte, dass es erkaltet war. Diese ganze Situation war absolut lächerlich.

„Nein“, antwortete sie, „ich arbeite als Life Coach, also Lebensberaterin.“

Pax schnaubte und erwartete, dass sie lachen würde, aber sie starrte ihn nur an. „Oh, im Ernst?“

„Warum denn nicht?“, konterte sie. Sie griff nach oben und zog ihren Pferdeschwanz fester. Er kannte diese Geste. Es war wie eine Angriffsgeste, die Frauen machten, wenn sie jemand verärgert hatte. Offensichtlich war er dieser jemand.

„Was genau machen Sie?“, fragte er, nicht sicher, warum er blieb, obwohl er einen Termin hatte und er noch tausend andere Dinge zu tun hatte.

„Im Moment versuche ich herauszufinden, warum Sie mir Ihren Namen nicht nennen wollen, warum Sie anscheinend keine Weihnachtsbäume mögen und wie ich Ihnen helfen kann.“

Pax verschränkte beleidigt die Arme vor der Brust. „Mir helfen?“, wiederholte er. „Was muss Ihrer Meinung nach bei mir verbessert werden“

„Zum einen Ihre Einstellung. Obwohl Sie mir mit dem Baum geholfen haben, also danke dafür.“

Sie ging zu einem Stapel Taschen, den sie auf dem Sofa abgelegt hatte, und begann, Girlanden, Lichterketten und Baumschmuck herauszuholen. Pax fragte sich, wo zum Teufel sie das alles aufhängen wollte, wo die Zweige doch so spärlich waren.

„Hat Ihre Frau bei Ihnen zu Hause auch einen Baum aufgestellt?“, fragte sie, während sie ihre Sachen weiter auspackte.

„Sie sind meiner Frage ausgewichen, und das war keine subtile Art zu fragen, ob ich Single bin.“

Sie warf ihm ein verschmitztes Lächeln über die Schulter zu. „Ich beantworte Ihre Frage nicht weiter und es ist mir egal, ob Sie Single sind. Ich vermute, dass Sie selbst auf keinen Fall einen Baum aufstellen, also gehe ich davon aus, dass Ihre Frau das getan hat, sofern es bei Ihnen zu Hause einen Weihnachtsbaum gibt.“

„Ich bin nicht verheiratet und habe keinen Baum.“

Sie drehte sich mit einer Lichterkette in der Hand um. „Wohnen Sie hier auf der Ranch?“

„So in der Art“, murmelte er.

Dass er für die Dauer seines Aufenthalts im Haupthaus wohnte, musste er ihr nicht erzählen. Er war schließlich nicht hier, um Freundschaften zu schließen, sondern um diese Gästeranch zu einem guten Preis zu verkaufen. Er hatte diese Kleinstadt schon vor langer Zeit hinter sich gelassen und würde garantiert nicht bleiben.

„Ich vermute, Sie arbeiten in einem deprimierenden und langweiligen Job wie in der Buchhaltung. Sind Sie deshalb so schlecht gelaunt? Also, wenn ich den ganzen Tag mit Zahlen hantieren müsste, wäre ich auch mies drauf.“

Warum war diese Frau so gesprächig? „Sind Sie allein hier?“, fragte er. Die Worte rutschten ihm heraus, bevor er sie zurückhalten konnte.

„Zwangsurlaub“, erklärte sie leicht lächelnd. „Meine beste Freundin hat diesen Urlaub für mich gebucht, weil es zu Hause ein paar Probleme gab.“

Probleme? Er wollte sich ganz sicher nicht mit den Problemen einer anderen Person befassen, da er selbst schon mehr als genug Probleme hatte.

Sein Handy vibrierte in seiner Tasche und riss ihn abrupt aus seinen Gedanken. Pax blickte auf das Display und schreckte zusammen. Er hatte hier so lange gestanden und geredet und den Anruf, auf den er gewartet hatte, ganz vergessen.

„Ich muss da rangehen. Viel Spaß beim Dekorieren.“ Schnell ging er zur Tür.

„Sagen Sie Bescheid, wenn Sie Hilfe mit Ihrer Deko brauchen“, rief sie ihm nach.

Pax verfluchte sich dafür, dass er sie witzig fand, aber noch mehr dafür, dass er sich von ihr von einem der wichtigsten Anrufe seiner Karriere ablenken ließ. Verdammt. Er musste schnellstmöglich in sein Büro, um sich wieder auf seine Arbeit zu konzentrieren.

Noch während er von ihrer Hütte davonfuhr, nahm er den Anruf entgegen. Und nahm sich im Geiste vor, Kiras weitere Anliegen dem Hausmeister zu überlassen.

2. KAPITEL

Kira schloss die Augen, während die Stimme ihrer Mutter durch die gemütliche Blockhütte hallte. Seit zwanzig Minuten telefonierten sie, um Hochzeitspläne zu besprechen, doch Kira konnte es langsam nicht mehr hören.

Musste man wirklich eine vierte Hochzeit so detailliert planen?

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich eine Hochzeit am Strand will“, fuhr ihre Mutter fort. „Ich habe ein Kleid, das überhaupt nicht dazu passt. Eher zu einer Boho-Feier. Aber ich kann mir natürlich ein anderes Kleid kaufen.“

Klar, warum nicht? Ein anderes Kleid, ein anderer Ehemann.

Anscheinend konnte man von beidem nie genug haben. War es da ein Wunder, dass Kira immer noch Single war? Sie wusste nicht einmal, wie Romantik oder wahre Liebe aussahen … oder ob es sie überhaupt gab.

„Schatz, du wirkst abgelenkt“, fügte ihre Mutter hinzu. „Hörst du überhaupt zu?“ Diane Morton Lee Frasure achtete normalerweise nie darauf, ob jemand zuhörte oder nicht. Solange jemand in Hörweite war, war das für sie ausreichend. Sie redete gerne, vor allem über sich selbst, sodass Kira das Telefon normalerweise auf Lautsprecher stellen und sich ihren anderen Dingen widmen konnte. Ein gelegentliches Hmm oder Aha reichte üblicherweise.

„Ich höre dir zu“, antwortete Kira. „Ich dekoriere nur ein bisschen für Weihnachten.“

„Aber das ist doch schon in ein paar Tagen“, meinte ihre Mutter. „Oh, Schatz. Du musst dir wirklich mal Zeit für etwas Sinnvolleres nehmen. Wo bist du noch mal? Utah? Montana? Geh doch mal in einen angesagten Club und such dir einen Singlemann.“

„Mom, ich bin gerne Single. Und ich bin in Wyoming“, erklärte Kira, aber ihre Mutter begann gleichzeitig wieder zu sprechen.

„Ich habe einen schönen Lavendelton für dein Kleid ausgesucht“, sagte Diane. „Und weil du so wenig Oberweite hast, habe ich ein Neckholder-Top gewählt.“

Ja, bitte, sprich alle meine Makel an. Wenig Oberweite, Single, verbringt die Feiertage allein.

Warum ließ sie zu, dass ihre Mutter sie runterzog? Vor wenigen Augenblicken war sie noch vollkommen glücklich mit einem hilfsbereiten, wenn auch launischen Fremden gewesen. Er war vielleicht etwas schroff, aber er hatte geholfen, also hatte er auch etwas Gutes an sich. „Ich suche mir mein Kleid selbst aus und es wird schon zu deiner Hochzeit mit Tim passen.“

„Tom. Dein neuer Stiefvater heißt Tom.“

Spielte das eine Rolle? Tim? Tom? Nächstes Jahr um diese Zeit würde er nicht mehr da sein.

„Ich muss jetzt wirklich los, Mom. Schick mir einfach eine SMS, wenn du mich noch für irgendetwas brauchst. Hab dich lieb.“

Kira beendete das Gespräch, bevor ihre Mutter noch etwas sagen konnte. Der wichtigste Rat, den Kira ihren Klienten immer gab, war, die Negativität aus ihrem Leben zu entfernen. Sie konnte ihre Mutter zwar nicht ganz aus ihrem Leben entfernen, aber sie konnte ihr Grenzen setzen.

Ein Teil von ihr fühlte sich ein bisschen wie eine Hochstaplerin, weil sie anderen immer Ratschläge gab, wie sie ein besseres Leben führen und ihr Glück finden könnten, obwohl sie in ihrem eigenen Leben offensichtlich nicht alles im Griff hatte. Ganz besonders im Moment hatte sie keinen festen Halt und ihre ganze Welt schien in der Schwebe zu sein.

Doch während der nächsten drei Wochen wollte Kira ihren Urlaub in vollen Zügen genießen. Sie wollte viele Bücher lesen, Podcasts hören und neue Rezepte ausprobieren. Nicht mehr in der Stadt, sondern auf dem Land zu sein, erlaubte ihr, ihr Tempo endlich mal zu drosseln.

Kira trat einen Schritt zurück und begutachtete ihre Dekorationskünste. Der Baum neigte sich ein wenig zum Fenster hin, würde aber hoffentlich nicht umfallen. Der Baumschmuck und die Lichterketten, die sie gekauft hatte, halfen, die Löcher der fehlenden Äste zu verdecken. Dass dieser Baum so unperfekt war, gefiel ihr ehrlich gesagt richtig gut.

Diese kleine Hütte und ihre festliche Atmosphäre bereiteten ihr pure Freude. Nun drehte sie die Weihnachtsmusik lauter, während sie sich auf den Weg in die winzige Küche machte. Sie hatte dem Hausverwalter eine Nachricht geschickt und darum gebeten, dass jemand den Kamin anfeuerte. In ihrer Wohnung in Portland hatte sie eine Gasheizung, sodass sie mit einem Holzkamin nicht vertraut war. Hoffentlich würde bald jemand auftauchen, denn sie konnte es kaum erwarten, sich bei einem knisternden Feuer den fallenden Schnee anzusehen, während der Duft von frisch gebackenem Brot ihre gemütliche Hütte erfüllte. Dafür sollte sie aber endlich mit dem Cranberry-Brot anfangen. Sie war zwar nicht die beste Köchin, hatte aber Spaß daran, und bei dieser Reise ging es schließlich darum, ihre Freude wiederzufinden.

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