Wiedersehen in Dolphin Cove

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Endlich zurück in Dolphin Cove! Lucas kann es kaum erwarten, mit Ellie Frieden zu schließen. Doch sie hat eine überraschende Neuigkeit für ihn …


  • Erscheinungstag 10.09.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751547710
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Leseprobe

Annie O’Neil

Wiedersehen in Dolphin Cove

1. KAPITEL

Ellie Stone hob ein Hundebaby nach dem anderen hoch und vergrub ihre Nase in seinem Fell. Nach einer schwierigen Operation Welpen zu streicheln, tat ihr immer unglaublich gut. Ein kleiner rabenschwarzer Labrador legte ihr die Pfote auf die Nase und leckte ihr mit seiner winzigen rosa Zunge über die Wange. Obwohl sie schon viele Welpen aufgezogen hatte, wurde ihr immer noch ganz warm ums Herz.

„Oh! Du bist zuckersüß.“

Die anderen Welpen – eine Mischung aus goldenen, rostroten, schwarzen und einem einzigen schokoladenbraunen – krabbelten ihr die Beine hoch und wollten auch gestreichelt werden.

Sie waren vier Wochen alt und quicklebendig. Es war ein perfekter Wurf von zehn Welpen, und alle Farben des Labradorspektrums waren vertreten. Sie hob noch einen hoch und atmete seinen wunderbaren Duft ein.

Sie konnte es kaum erwarten, bis Mav aus der Surfschule zurückkam. Das Gekicher ihres Sohnes und flauschige Welpen – es gab nichts Schöneres.

„Du gönnst dir ein bisschen Welpen-Therapie, hm?“

Ellie sah auf, und ihr langjähriger Mentor kam lächelnd auf sie zu. „Ha! Du hast mich erwischt, Henry.“

„Schlimme OP gehabt?“

„Sehr schlimm.“ Sie erzählte ihm von dem Golden Retriever, der mit einem großen Stock im Maul gestürzt war. „Er hatte Unmengen von Holzsplittern in der Zunge und in der Mundschleimhaut, der Ärmste. Schwer zu sagen, wer sich schlechter fühlt, er oder die Besitzer.“

„Oje. Bei mir hat gerade eine Frau geweint, während ich ihrer Katze die Krallen geschnitten habe.“

Ellie krauste die Nase. „Mrs. Coutts?“

Henry grinste. „Genau. Woher wusstest du das?“

„Unsere Patienten und ihre Besitzer gut zu kennen, ist einer der Schlüssel zum Erfolg hier in Dolphin Cove.“ Sie klopfte neben sich auf den mit Zeitungspapier ausgelegten Boden. „Willst du dich zu mir setzen?“

Henry lächelte und ließ sich ihr gegenüber auf dem Boden nieder. „Wie könnte ich da widerstehen?“ Die Welpen kletterten sofort auf ihm herum. Für jemanden, der in jedem Arm einen kleinen Hund hielt, sah er allerdings erstaunlich bedrückt aus.

„Komm schon, Henry, raus mit der Sprache. Du hast mir geholfen, als ich in einer misslichen Lage war, wenn ich also irgendetwas für dich tun kann, musst du es nur sagen.“

Als Drew, Ellies bester Freund und Geschäftspartner, einen schlimmen Autounfall gehabt hatte, war Henry ihr sofort zu Hilfe geeilt. Drews langer Krankenhausaufenthalt neigte sich jetzt zwar dem Ende zu, aber es lag immer noch eine lange Reha vor ihm, mindestens acht Wochen, wenn es keine Rückschläge gab.

Oje. „Drews Zustand hat sich nicht verschlechtert, oder?“

Henry schüttelte den Kopf.

Puh. Doch sie las in seinem Blick, dass ihr nicht gefallen würde, was er ihr zu sagen hatte. Sie nahm sich einen Welpen, setzte ihn sich auf den Schoß und streichelte gedankenverloren seine Ohren, als Henry anfing zu reden.

Als er ausgeredet hatte, schwirrte Ellie der Kopf.

Henry bat sie um einen Gefallen. Er wollte, dass sie das tat, was sie sich geschworen hatte, nie zu tun: Lucas Williams in Dolphin Cove arbeiten zu lassen.

Und doch wusste sie, dass sie Henry diese Bitte nicht abschlagen konnte. Sie war ihm etwas schuldig, sehr viel sogar.

Als Drew vor ein paar Monaten im Krankenhaus mit dem Tod gerungen hatte, hatte sie gerade so alles am Laufen gehalten. Henry war buchstäblich ihr Retter in der Not gewesen. Er hatte nicht nur Drews äußerst komplizierte Operationen übernommen, sondern auch Studierende vom College für Veterinärmedizin mitgebracht, die bei ihr Praktika machten und ihr Arbeit abnahmen. Sehr zu ihrer Verlegenheit hatte er Ellie als leuchtendes Beispiel herausgestellt für das, was man alles erreichen konnte, wenn man sich richtig ins Zeug legte. Sie hatte eine der modernsten chirurgischen Tierkliniken Großbritanniens in einem der altmodischsten Dörfer des Landes errichtet, und das, nachdem ihr Herz in tausend Stücke zertrümmert worden war.

Nun ja, dieses letzte Detail hatte er den Studierenden nicht auf die Nase gebunden.

Er hatte sich auf das Positive konzentriert. Was auch ihr Weg gewesen war, mit all dem Herzschmerz und den drastischen Veränderungen nach ihrer Trennung vor fast sechs Jahren umzugehen. Mit der Tierklinik von Dolphin Cove hatte sie sich ihren Lebenstraum verwirklicht. Und nun würde sich womöglich all das, was sie sich in den letzten Jahren aufgebaut hatte, grundlegend verändern.

Aber nichts war so schlimm, wie wenn der Traummann seinen Heiratsantrag zurückzog und all die gemeinsamen Pläne über Bord warf, um im Fernsehen der Lieblingstierarzt der Nation zu werden.

Der Supertierarzt.

Tsss.

Wohl eher der supernervige Tierarzt.

Es erschreckte sie, wie sehr die Erinnerungen an diese Zeit noch immer schmerzten.

Ellie schüttelte sich und zwang sich, ins Hier und Jetzt zurückzukehren. „Und er hat gesagt, du musst gleich anfangen?“, knüpfte Ellie an das an, was Henry zuletzt gesagt hatte.

Lucas Williams, ehemals die Liebe ihres Lebens, wollte, dass Henry seine blöde Fernsehsendung übernahm. Um das zu ermöglichen, würde Lucas nach Dolphin Cove kommen und Henry ersetzen.

In ihrem Nacken begann es, unangenehm zu kribbeln.

„Ganz genau. Wir könnten am College filmen und es dadurch bekannter machen, und der ganze Profit ginge an weniger wohlhabende Studierende.“

Genau wie sie damals. Verdammt! Jetzt konnte sie erst recht nicht Nein sagen. Den Studierenden von heute das zu verwehren, was ihr damals ein Studium ermöglicht hatte, nur weil sie zu stolz war, ihre Prinzipien über den Haufen zu werfen? Das wäre unfassbar selbstsüchtig.

„Und du musst morgen los?“

„Übermorgen. Morgen kommt Lucas hierher. Die Produzenten scheinen die Idee mit dem College großartig zu finden und wollen sofort mit den Aufnahmen anfangen.“

Ellie seufzte und blickte über die niedrige Wand des Welpenstalls hinweg zu den großen, alten, bodentiefen Fenstern mit Blick auf den Strand, der hinter der Klinik lag. Die Sonne schien noch immer. Der Himmel war nach wie vor blau. Ein perfekter Sommertag in Cornwall. Immerhin gab es noch Dinge, die sich nicht verändern würden.

„Und es gibt wirklich niemand anderen auf der ganzen weiten Welt, der an seiner Stelle hierherkommen könnte?“

„Du forderst und verdienst das Beste, Ellie, und Lucas ist der Beste, den es gibt. Wer sonst könnte die komplizierte Prothesen-OP von unserem unfallgebeutelten Berner Sennenhund Samson übernehmen?“

Ellie schüttelte genervt den Kopf und ließ langsam die Luft ausströmen. Sie wusste, dass er recht hatte. Es war nur so schwer, das zuzugeben.

„Ich kann natürlich auch ablehnen und hierbleiben.“

„Mach dich nicht lächerlich.“ Natürlich musste er gehen. Es war ein einmaliges Angebot. „Gib mir einfach einen Moment, um das alles zu verdauen.“

Ein kalter Schauer lief ihr den Rücken hinunter.

Sie hätte damals natürlich tun können, was ihre Eltern und Drew vorgeschlagen hatten, als sie erfahren hatte, dass sie schwanger war. Sie hätte Lucas mitteilen können, dass sie einen Sohn von ihm erwartete. Aber gerade, als sie sich fast dazu durchgerungen hatte, waren die Zeitungen voll gewesen mit Schlagzeilen über eine angebliche Verlobung des Supertierarztes mit seiner Produzentin. Und schon waren ihre Pläne, es ihm zu sagen, wieder vergessen. Stattdessen hatte sie all ihre Wut und ihren Schmerz als Antrieb genutzt, um die Klinik aufzubauen. Eine so großartige Klinik, dass selbst Lucas sie bewundern würde.

Sie rieb sich fröstelnd die Arme. Was brachte es ihr jetzt noch, dass sie sich so an ihm gerächt hatte?

Lucas würde wütend sein. Das war auch sein gutes Recht. Mehr als fünf Jahre lang hatte er nicht gewusst, dass er einen Sohn hatte … Sie an seiner Stelle wäre fuchsteufelswild. Trotzdem hatte sie gute Gründe für ihre Entscheidung gehabt. Viele gute Gründe. Einer davon war gewesen, dass sie das alleinige Sorgerecht für Maverick haben wollte. All das würde sich ändern, sobald Lucas herausfand, dass Maverick sein Sohn war.

„Oh, Henry, ich weiß nicht, ob ich das schaffe.“

Er tätschelte ihr beruhigend das Knie. „Ellie, meine Liebe. Ich weiß, du hast in letzter Zeit viel durchgemacht, aber ich würde das nicht tun, wenn ich mir nicht sicher wäre, dass es das Richtige ist. Denk nur an all die wunderbaren Tierärztinnen und Tierärzte, die ich dir für Praktika herschicken kann.“

Ellie seufzte dramatisch. „Ich weiß. Ich sollte die Korken für dich knallen lassen und mit dir anstoßen. Es ist eine großartige Chance. Ich stehe dadurch aber an einem Scheideweg in meinem Leben …“

„Gerade du wirst gut damit zurechtkommen.“

„Meinst du?“ Sie fühlte sich gerade alles andere als stark.

„Du bist viel stärker, als du glaubst, Ellie“, sagte Henry, rückte zu ihr herüber und umarmte sie unbeholfen. „Wer weiß? Vielleicht ist es das Beste, was dir je passieren wird.“

„Ha!“ Sie rümpfte die Nase. „Den Supertierarzt hierzuhaben, ist sicher nicht das Beste, das mir je passieren wird.“

„Nein, das stimmt“, sagte Henry nachdenklich und kratzte sich am Bart. „Aber Lucas Williams hierzuhaben vielleicht schon.“ Henry lächelte versonnen, stand auf und ging. Ellie blieb nachdenklich zurück.

Lucas bog von der Landstraße ab in die waldgesäumte Zufahrt zur Klinik. Als er zwischen den Bäumen hindurch das Meer blitzen sah, fühlte es sich fast so an, als wäre er nie weggewesen.

Ellie und er hatten sich damals gemeinsam jedes Detail ihrer Traumklinik ausgemalt. Als das Grundstück noch in Privatbesitz gewesen war, hätten sie nie gedacht, dass sie es sich würden leisten können. Doch mit Ellie war es leicht gewesen, sich das Unmögliche vorzustellen. Sie war eine Frau, die überall, wo sie hinschaute, Chancen sah. Vielleicht hatte er sich deshalb am ersten Tag auf dem College sofort in sie verliebt.

Am Ende des Wäldchens gabelte sich der Weg, und laut den Schildern ging es in der einen Richtung zur Klinik und der Chirurgie und in der anderen zum Streichelzoo. Er pfiff durch die Zähne.

Ellie und Drew hatten sich offensichtlich mächtig ins Zeug gelegt. Er lenkte das Auto zur Klinik. Das Hauptgebäude bestand aus einer imposanten Glasfront mit Holzelementen und einem Schindeldach, das gleichermaßen modern und einladend wirkte. Genau der Ort, wo man sein Haustier hinbringen würde, wenn ihm etwas fehlte. Er war beeindruckt, dass Ellie es tatsächlich geschafft hatte, ihren Traum zu verwirklichen.

Es fühlte sich jedoch überraschend unangenehm an, zu sehen, dass sie ihn mit ihrem treuen Kindheitsfreund Drew wahr gemacht hatte und nicht mit Lucas. Sicherlich hatte sie sich in der Zwischenzeit in ihn verliebt und ihn geheiratet …

Er stellte sich vor, wie Drew ihr einen Ring an den Finger steckte, und seine Eingeweide zogen sich schmerzvoll zusammen. Dann atmete er tief durch und rief sich in Erinnerung, dass er keinerlei Anspruch auf diesem Gebiet hatte und sicher auch kein Recht dazu, eifersüchtig zu sein. Wen Ellie liebte, ging ihn nichts mehr an. Er war hier, um ihr in der Tierklinik zu helfen.

Er parkte, schloss das Auto ab und rieb sich die Hände. Er hatte lange darauf gewartet, Wiedergutmachung zu leisten. Vielleicht zu lange.

Trotz der Unsicherheit regte sich auch etwas in ihm, von dem er nicht gedacht hatte, dass er noch dazu fähig war. Hoffnung. Er hoffte, dass sie beide mit ihrer komplizierten Vergangenheit Frieden schließen konnten.

Eine kleine Glocke bimmelte, als er den atriumartigen Empfangsbereich betrat. In seiner Mitte stand eine junge Eiche. Eine Bank, auf der noch einige Menschen mit ihren Haustieren saßen und warteten, rahmte den etwa drei Meter hohen Baum ein.

Dieser Anblick erinnerte ihn daran, wie er mit Ellie auf dem Grundstück gestanden und sie eine keimende Eichel gefunden und daraufhin beschlossen hatten, dass hier der perfekte Ort für ihre Klinik war.

Aus der kleinen Eichel …

Er schüttelte sich. Der Baum war vermutlich unecht. Wer pflanzte schon eine Eiche in eine Klinik?

Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar und sah sich um. Das würde also für die nächsten paar Wochen sein Arbeitsplatz werden, falls Ellie ihn nicht sofort in die Wüste schickte. Wenn man hereinkam, ging man direkt auf einen großen Empfangstresen aus Holz und Stein zu, und statt der sonst üblichen Plastikstühle standen überall Sessel und Sofas, und es gab gepolsterte Fensterbänke, die dem Wartebereich den Charme eines Landhotels verliehen.

An der Rezeption stand eine junge Frau, die wie eine Springreiterin wirkte und mit schlanken und gepflegten Fingern etwas in die Tastatur tippte. Als er sich ihr näherte, sah sie auf. „Hallo, kann ich Ihnen …? Oh mein Gott! Sind Sie …? Sie sind der Supertierarzt!“

Lucas schüttelte den Kopf. Ruhm und Bekanntheit waren die beiden Dinge, die er an seiner letzten Tätigkeit am wenigsten gemocht hatte. Das und die ständigen Gerüchte über seine angeblichen Verlobungen. Er hatte kaum Freizeit zum Entspannen gehabt, geschweige denn für Beziehungen.

„Bleiben Sie genau da stehen!“ Die junge Frau kam mit gezücktem Handy auf ihn zugeeilt. „Können wir ein Selfie machen?“

Wie er Selfies hasste! Doch die Rezeptionistin hatte seine Antwort nicht abgewartet und stand schon neben ihm. Lucas seufzte nur und setzte sein Fotolächeln auf.

Das klassische Fotogeräusch ertönte einige Male, und die Frau hob zu einem Monolog an. „Ich bin Tegan. Ich arbeite hier. Sehen Sie ja. Das dort drüben ist Mrs. Cartwright mit ihrer geliebten Siamkatze Tabatha.“ Dann flüsterte sie auffällig laut. „Sie ist ein echter Hypochonder, aber wir lieben sie sehr.“ Sie hob die Stimme wieder. „Mrs. Cartwright, möchten Sie auch ein Foto mit dem Supertierarzt?“

„Mit wem?“, fragte die adrette Dame und sah ihn mit klaren blauen Augen an. „Oh, nein“, entschied sie, nachdem sie ihn kurz gemustert hatte. „Nein, danke. Ich warte lieber auf Ellie. Meine arme, arme Tabatha.“ Sie seufzte schwer.

„Ich hätte gern ein Selfie“, sagte ein junger Mann mit einem Pekinesen auf dem Arm, dessen seidiges Fell bei jeder Bewegung sanft hin und her wogte. „Hier …“ Er reichte Lucas sein Handy. „Können Sie es machen? Ihre Arme sind länger … und stärker. Mein Freund wäre so was von neidisch, wenn er wüsste, dass ich mich hier an Sie ranschmeiße. Teegs! Komm auch mit aufs Foto.“

Tegan ließ sich das nicht zweimal sagen. Lucas riss sich zusammen und grinste. Fast sechs Jahre auf den Fernsehbildschirmen des Vereinigten Königreichs hatten es ihm erlaubt, die Klinik seines Vaters zu retten und die Schulden seiner Familie einzudämmen, also hielt er das Handy hoch und sagte: „Bereit? Alle mal lächeln!“

Das Blitzlicht war ausgelöst worden, und Lucas war für einen Moment geblendet. Als er wieder sehen konnte, wollte sein Herz fast zerspringen. Da war sie. Ellie Stone. Sie war sogar noch schöner, als er sie in Erinnerung gehabt hatte. Ihre wilden, rotblonden Locken umrahmten ihr Gesicht. Ihr sportlicher Körper steckte in perfekt sitzender hellblauer OP-Kleidung und modernen Sneakers. Ihre grünen Augen strahlten so einladend wie das Meer hinter der Klinik. Dann blitzten sie auf und verengten sich.

„Du bist zu spät.“

„Ellie!“ Tegan versetzte ihr einen Klaps auf den Arm. „Sei nicht so gemein. Das ist der Supertierarzt!“

„Ich weiß ganz genau, wer das ist.“

„Cool.“ Tegan grinste. „Dann macht es dir bestimmt nichts aus, wenn ich Torky holen gehe, oder?“ Sie wandte sich Lucas zu und drückte seinen Arm. „Torky ist mein Zwillingsbruder.“ Tegan plapperte weiter und merkte nicht, wie eisig der Blick war, mit dem Ellie sie ansah. „Ells? Machst du gleich ein Bild von uns? Was ist? Warum guckst du denn so?“

Lucas blickte Ellie in die Augen. Törichterweise hatte er bis eben gehofft, dass so viel Zeit vergangen war, dass Ellie wenigstens ein bisschen froh war, ihn zu sehen. Ihre hochgezogenen Augenbrauen verrieten ihm jedoch, dass das Gegenteil der Fall war.

Sie lächelte nicht. Sie wirkte nicht einmal ansatzweise so, als wäre sie froh, ihn zu sehen. Sie taxierte Tegan mit einem mütterlich strengen Blick.

„Es macht mir etwas aus, Tegan. Torquil ist in der Chirurgie beschäftigt, und du hast Telefondienst.“ Sie deutete mit dem Kinn auf die Rezeption, wo tatsächlich gerade das Telefon läutete.

Voll jugendlichem Schwung eilte Tegan wieder an ihren Arbeitsplatz und nahm den Hörer ab.

„Das tut mir leid“, setzte Lucas an, doch Ellies Augenrollen ließ ihn sofort verstummen.

„Sie wird es verkraften.“

„Es ist schön, dich zu sehen, Ellie“, sagte Lucas und lächelte sie an. „Wie geht es dir?“

Sie verschränkte die Arme vor der Brust und starrte ihn böse an. „Hmmm. Das ist eine gute Frage.“ Theatralisch legte sie den Zeigefinger ans Kinn, als würde sie nachdenken. „Meinst du: Wie geht es dir, Ellie, nachdem wir sechs Jahre kein einziges Wort miteinander gewechselt haben? Oder: Wie geht es dir, Ellie, nachdem ich dich verlassen und mehr als deutlich gemacht habe, dass du keinen Platz mehr in meinem Leben hast?“

„Was?!“, kreischte Tegan von der Rezeption her und hielt mit einer Hand den Hörer zu. „Du warst mal mit dem Supertierarzt zusammen? Du bist mir ja eine! Ellie und der Supertierarzt. Wer hätte das gedacht?“

„Sein Name ist Lucas“, knurrte Ellie.

„Lucas reicht völlig“, sagte er zeitgleich.

„Ah, Lucas!“ Henry tauchte aus einem der Flure auf, die einige Meter hinter der Rezeption vom Empfangsbereich abgingen. „Da bist du ja. Wie ich sehe, habt ihr euch schon begrüßt.“

„Henry“, sagte Ellie und drehte sich zu ihm um. „Das war eine furchtbare Idee. Ich werde mir jemand anderen suchen.“

„Jemand anderen, der den Berner Sennenhund operieren kann?“, warf Lucas ein und wusste, dass das sein bestes Argument war. „Das glaube ich kaum. Der einzige Tierarzt auf den Britischen Inseln, der diese OP machen kann, steht direkt vor dir.“

Ellie öffnete den Mund, um zu protestieren, aber sie hatte keine Gegenargumente.

„Oje. Nun ja, also … ich …“ Henry runzelte besorgt die Stirn, während er zwischen den beiden hin und her sah.

„Henry, wir haben gerade besprochen, wo ich meine Sachen hintun kann, nicht wahr, Ellie?“, sagte Lucas und lächelte.

„Wir haben nichts dergleichen getan“, knurrte Ellie.

Henry strich sich nachdenklich über den Bart. „Du kannst sehr gerne bei mir in der Gästewohnung übernachten. Ich glaube, man kann das Sofa ausziehen oder ich …“

„Nein!“, fuhr Ellie dazwischen. „Es ist mein Haus, also entscheide ich. Es ist auch meine Klinik, also entscheide ich, ob und welche Tiere du hier anfasst.“

Der junge Mann mit dem Pekinesen schaltete sich ein. „Dafür ist es allerdings schon zu spät. Er hat meine Audrey schon gestreichelt.“

Ellies Augenbrauen schossen in die Höhe, als wollten sie in ihrem Haaransatz verschwinden.

„Und Sie sind?“

„Caspian Smythe-Bingham.“

Sie öffnete den Mund, schloss ihn aber wieder, als sie sich erinnerte, woher sie ihn kannte. „Ah, Caspian, natürlich. Bitte entschuldigen Sie vielmals. Ich … ähm … bin normalerweise nicht so … nun …“ Sie warf Lucas einen vernichtenden Blick zu und wandte sich dann an ihren Mentor. „Henry, wärst du so gut, unserem temporären Gast die Kaffeeküche zu zeigen? Ich komme dann zu euch, nachdem ich mir … Audrey angesehen habe, nicht wahr?“ Sie streckte die Hände nach dem Hund aus, der sich an der Brust seines Eigentümers zusammenrollte.

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