Zwei Herzen in Fesseln

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Schottland, 1146: Lady Gillian of Rockskill braucht dringend einen Ehemann, der stark genug ist, um ihre Burg zu beschützen. Als Rory of Roul, einer der gefürchtetsten Krieger des Königs, in ihrem Herrschaftsgebiet auftaucht, lässt sie ihn kurzerhand gefangen nehmen. In ihrer Not stellt sie ihm ein Ultimatum: Entweder er heiratet sie, oder seine Männer müssen sterben! Zu ihrem Glück stimmt Rory einer vorübergehenden keuschen Ehe zu. Doch schon bald fühlt sie sich wider jede Vernunft immer stärker zu ihm hingezogen. Ein gefährliches Spiel mit dem Feuer beginnt. Denn Rorys goldgesprenkelte Augen funkeln nicht nur vor Verlangen …


  • Erscheinungstag 01.09.2026
  • Bandnummer 459
  • ISBN / Artikelnummer 9783751540018
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

Denise Lynn

Zwei Herzen in Fesseln

1. KAPITEL

Schottland, Festung Rockskill

Frühling 1146

„Ich brauche auf der Stelle einen Ehemann!“

Die aufgeregte Stimme einer jungen Frau drang ins Bewusstsein des Mannes, der in eisernen Ketten betäubt an der Mauer einer dämmrigen Arrestzelle hing. Nur langsam kam er wieder zu sich und schüttelte benommen den Kopf, wusste aber weder, wo er sich befand, noch, wie er dorthin gelangt war.

Mit Mühe klaubte er ein paar Erinnerungsfetzen zusammen, worauf er sich zumindest an seinen Namen erinnerte. Er hieß Rory of Roul und gehörte – wie seine drei Brüder auch – zu den „königlichen Wölfen“, einer Spezialeinheit King Davids von Schottland. Doch während er sich noch zu orientieren suchte, stieg das Bild dunkler Rauchschwaden über gemartertem Land vor seinem inneren Auge auf, ohne dass er sich dagegen zu wehren vermochte. Da wurde ihm voller Entsetzen bewusst, dass er selbst Teile der Normandie nach unwürdiger Schlacht auf Befehl seines Bruders und Lehnsherrn Lord Elrik in Brand gesetzt hatte. Am schlimmsten reute ihn, dass die Toten, deren Leiber dicht an dicht die Felder bedeckten, die sie hatten verteidigen wollen, ihren Gegnern nicht ebenbürtig gewesen waren. Milchgesichter mit Holzschwertern, dachte er verstört. Welch unwürdiger Kampf! Was fiel uns bloß ein?

Allerdings war das längst nicht alles. Als wäre das Massaker an der Bevölkerung nicht schon schlimm genug gewesen, war Rory mit seinen Mannen auch noch unerlaubt davongestürmt, als wäre ihm der Teufel auf den Fersen. Man konnte es drehen und wenden, wie man wollte: Er war desertiert. Und dass er auf schnellstem Wege zu King David geeilt war, um sich mit einer Spezialmission betrauen zu lassen, ohne ihn aber über die Geschehnisse in Kenntnis zu setzen, machte es nicht besser.

Ich gratuliere, Rory! dachte er zynisch. Gebärde dich ruhig wie ein Ehrenmann, obwohl du wie ein aufgescheuchtes Huhn vom Schlachtfeld flüchtetest!

Sein ahnungsloser König hatte ihn dann in Begleitung zweier guter Männer zur Festung Rockskill gesandt, um der Krone die durch Piraterie erbeuteten Reichtümer des dort residierenden Lords zuzuführen. So weit der Plan! Doch war er auf dem Weg dorthin offenbar gefangengenommen worden, ohne sich an irgendetwas erinnern zu können. Das erboste ihn so sehr, dass er sich aufbäumte und hart mit dem Hinterkopf an die Mauer stieß, an die er gekettet war. Erst als er die kalten Steine an seinem bloßen Rücken spürte, merkte er, dass er nicht einmal ein Hemd trug.

Mich auszuziehen, zeugt von schlechten Sitten! dachte Rory erzürnt. In was für ein Loch bin ich geraten? Und was faselt die Frau, die ich nicht kenne? Mir scheint, sie weiß nicht, was sie sagt. „Wo sind meine Männer?“, stieß er aus.

„Denen geht es gut.“ Ihr Ton war spöttisch.

„Ach ja?“

„Besser als Euch, glaubt mir! Jedenfalls für den Augenblick.“ Sie trat näher und hob das Kinn, um ihm ins Gesicht zu sehen. „Sorgt Euch lieber um Euer eigenes Schicksal.“ Verächtlich verzog sie ihren roten Mund. „Oder fühlt Ihr Euch im Kerker ganz wohl?“

Der junge Mann, der seit Verlassen seines Postens kein Wohlbefinden mehr kannte, schnaubte erbittert. Schließlich stand auf Desertion die Todesstrafe, welche der Lehnsherr selbst auszuführen hatte, sodass Rory bloß hoffen konnte, Elrik werde eine scharfe Klinge benutzen und seinem Bruder damit unnötiges Leid ersparen.

„Wo bin ich?“, fragte er grimmig.

„Auf der Feste Rockskill.“

Verblüfft, an seinen Bestimmungsort gelangt zu sein, ohne zu wissen, wie, nahm er die Sprecherin genauer ins Visier. Und fand eine reizende junge Frau vor sich, wie er selten eine erblickt hatte. „Ich fordere auf der Stelle eine Unterredung mit dem Burgherrn!“, stieß er aus.

„Eurer Forderung kann leider nicht entsprochen werden, denn der Burgherr ist tot.“ Sie lächelte spöttisch.

Da schau her, dachte er. Das wusste King David wohl nicht, als er mich hierher sandte! Doch geht es ihm sowieso vorrangig um Schmuggelware von Schiffen, die man vorsätzlich zum Stranden brachte. Dass Mord bei Piraten an der Tagesordnung ist, interessiert ihn wohl weniger, gehört der Tod doch zum Geschäftsmodell …

„Wer ist sein Nachfolger?“, fragte er um einen kühlen Ton bemüht, obwohl es in ihm kochte.

„Ich bin es, die jetzt die Geschäfte führt. Die Lady of Rockskill, zu Euren Diensten.“ Sie vollführte eine spöttische Verbeugung.

Sich dieser Frau ausgeliefert zu sehen, die ihn von oben herab behandelte, erzürnte Rory so sehr, dass er unversehens vorwärtssprang. Hätten die eisernen Fesseln ihn nicht zurückgehalten, hätte er sie wohl zu Boden geworfen, doch blieb sie trotzdem ungerührt stehen, statt vor ihm zurückzuweichen.

„Hoho, immer langsam mit den jungen Pferden!“, warnte sie ihn. „Krümmt Ihr mir auch nur ein Haar, seid Ihr des Todes!“

Pah, dachte er, will sie mich einschüchtern? Das ist ja lachhaft!

Als die junge Lady die Hand hob und ihren Gefangenen fast berührt hätte, erstarrte dieser. Denn ließ sie ihren Arm auch wieder sinken, fühlte er sich von der Berührung, die sie ihm versagte, wie versengt. Auch sie merkte auf und musterte Rory mit ihren großen blauen Augen von Kopf bis Fuß, bis sie die feingeschwungenen Brauen hob und ihren Blick ein wenig zu forsch in den seinen senkte, als kaschiere sie ihre Unsicherheit. Warum wirkt sie so unerfahren? rätselte er. Sie war doch mit dem Burgherrn verheiratet, den sie inzwischen begrub, und dürfte mit allen Wassern gewaschen sein?

Stirnrunzelnd sah er zu, wie sie einen Dolch aus ihrem Gewand zog und mit der scharfen Spitze an den Bändern seiner Hosen herumspielte. „Eigentlich sollte ich Euch nackt sehen“, murmelte sie. „Wie sonst gehe ich sicher, dass Ihr den Anforderungen genügt, denen mein Gemahl zu genügen hat?“

Ist sie von allen guten Geistern verlassen? Rory schluckte entgeistert. Sie wird doch nicht …

„Wisst Ihr überhaupt, wer ich bin?“, fragte er schnell.

„Ihr seid Rory of Roul“, gab sie zur Antwort, indem sie den Dolch wieder wegsteckte. „Des Königs jüngster Wolf.“

Dass sie ihn kannte, befremdete ihn noch mehr. Dennoch setzt sie mich gefangen? dachte er. Welche Kühnheit! „Wie kam ich hierher?“, fragte er stirnrunzelnd. „Ich erinnere mich an nichts.“

„Ich ließ Euch in der Dorfschenke überrumpeln, wo Ihr zechtet. Denn ich brauche einen kriegserfahrenen Ehemann, der meine Festung wehrbereit hält.“

„Wie praktisch, dass ich gerade zur Hand war! Ihr hättet sonst eine Heiratsvermittlerin bemühen müssen.“

„In der Tat. Ich wusste aber, dass Ihr im Anmarsch seid, weil ich stets erfahre, was auf Rockskill vor sich geht. Meine Leute sind mir nämlich treu ergeben, Herzchen, merkt Euch das!“

„Nennt mich nicht Herzchen!“, gab er bärbeißig zurück, worauf ihm die Erinnerung an das strohgedeckte Wirtshaus, wo er nach anstrengendem Ritt haltgemacht hatte, ins Bewusstsein stieg. Es hatte einladend auf einen hungrigen und durstigen Reiter wie ihn gewirkt, sodass er eingekehrt war, um sich zu stärken.

So liegt die Schenke wohl bereits auf Piratenland, dachte er verdrossen, und der Wirt mischte mir etwas ins Bier.

„Das Gasthaus zwischen den Flüssen …“

„Gehört zu Rockskill“, fiel die Frau ihm ins Wort.

„Der Wirt hat mich betäubt!“

„Und Eure Männer desgleichen.“

„Warum seid Ihr bloß derart versessen auf einen Ehemann?“

„Es geht nicht um irgendeinen dahergelaufenen Wicht!“, ereiferte sie sich. „Ich brauche einen kriegserfahrenen Kämpfer mit hervorragenden Eigenschaften.“ Wieder ließ sie ihren Blick über ihn gleiten, als gefiele ihr, was sie sah. „Gerade so einen wie Euch … Dass Ihr stark gebaut seid, springt direkt ins Auge.“

Unter ihren Blicken wurde ihm heiß. Und während er vor lauter Verlegenheit das Standbein wechselte, bemerkte er, dass ihre Hand unmerklich zitterte. Wusste ich’s doch! dachte er triumphierend. Ihr tut so erfahren, Mylady, seid es aber nicht! Wüsstet Ihr, wie anziehend Eure Unwissenheit Euch macht, hieltet Ihr bestimmt größeren Abstand zu mir. Denn stähle ich Euch auch nicht mehr als einen Kuss, bevor ich wieder davonritte, würde manch anderer Euch mehr abverlangen. Seid Ihr doch verlockend und süß wie eine Honigwabe, deren Saft man kosten möchte …

Vor noch nicht langer Zeit hätte Rory jeden Gedanken an eine Heirat weit von sich gewiesen, zumal er mit angesehen hatte, wie holprig die arrangierten Ehen seiner beiden ältesten Brüder sich während der ersten Monate gestalteten. All das Geschrei und Geheule, bis Mann und Frau sich besser kennengelernt und miteinander arrangiert hatten! Nach und nach aber war Frieden eingekehrt, und sowohl Gregor als auch Elrik wirkten inzwischen glücklicher und zufriedener denn je. So träumte er nun mitunter davon, des Nachts selber von einer Frau im Bett erwartet zu werden, die ihn mit sanftem Flüstern empfing und sich ihm willig hingab. Während der Mahlzeiten würde sie mit ihm lachen und sein Leben insgesamt aufheitern. Eine gute Frau schwebte ihm vor, die ihm Kinder schenkte und ihn glücklich machte. Doch wusste er, dass seine Träume Schäume waren, weil sein Kopf ihm nicht mehr lange auf den Schultern sitzen würde.

„Männer mit starken Muskeln gibt es viele“, wandte er ein. „Warum wollt Ihr unbedingt mich? Ich verzichte auf die Ehre, die Ihr mir erweist!“

„So, so!“ Sie lächelte belustigt. „Ich will es Euch verraten: Körperliche Voraussetzungen allein reichen nicht aus. Man muss auch Mut und Grips besitzen, um sie einzusetzen.“ Unwillkürlich strich sie mit den Fingerspitzen über seine Schläfen, wo das dunkle Haar von wenigen silbrigen Fäden durchzogen war. „Einen besseren Mann als einen von King Davids Wölfen werde ich nirgends finden, so viel ist sicher.“

Waren ihre Worte auch keck, lag Nervosität, ja sogar Schüchternheit in ihren Gesten. Sie spielt die Unverfrorene, dachte er, überzeugt mich aber nicht. Was bewegt sie zu dieser Farce? Ich fände gern heraus, was dahintersteckt …

„Auch ein armer Schlucker käme nicht in Frage“, fuhr sie großspurig fort. „Ihr aber seid reich genug, was Eure teure Rüstung beweist.“ Sie zeigte auf Rorys doppelgliedriges Kettenhemd, das viel gekostet hatte, nun aber mit seiner restlichen Ausrüstung auf einen Haufen geworfen in der Ecke lag.

Dass man mit seinem wertvollen Kampfgerät achtlos umging, schmerzte ihn. Doch sagte er nichts dazu. „Ihr weicht mir aus“, warf er ihr stattdessen vor. „Warum pressiert es mit der neuen Ehe?“

„Es gibt viele Gründe, die eine Frau zur Heirat zwingen mögen“, versetzte sie deutlich reservierter.

„Doch hörte ich noch von keiner Lady, die sich genötigt sah, ihren Zukünftigen zu rauben und in Ketten zu schlagen! Meint Ihr nicht, den Mann, den Ihr mit Gewalt zur Ehe zwingen wollt, in Eure Beweggründe einweihen zu müssen?“

„Mäßigt Eure Ausdrucksweise!“

Er ruckte an seinen Ketten, dass sie klirrten. „Ach ja? Wie würdet Ihr es denn nennen? Ist das etwa keine Gewalt?“

„Lasst das! Ihr werdet Euch noch wehtun!“ Mit entschlossenem Griff drückte sie ihn gegen die Mauer, um ihn zu beruhigen.

Der Moment, als der Lavendelduft ihres warmen Körpers Rory in die Nase stieg, war flüchtig. Und auch ihr weiches Haar, das zum Verweilen lud, streifte ihn kaum. Der köstliche Augenblick aber prägte sich dem jungen Mann auf immer ein.

Die junge Lady zog allerdings so hastig den Rückzug an, dass sie fast gestolpert wäre. „Warum pocht Euer Herz so laut?“, wollte sie wissen, indem sie ihn misstrauisch beäugte. „Ist das immer so?“

In seiner Verlegenheit trat Rory die Flucht nach vorne an. „Bindet mich los, Mylady!“, rief er. „Dann beweise ich Euch, wie wild auch das Eure zu schlagen vermag.“

„Seid nicht so anmaßend! Was lässt Euch glauben, Euch derartige Freiheiten nehmen zu dürfen?“, tadelte sie ihn. Der beabsichtigte Eindruck von Strenge aber wurde verfehlt, weil auch ihr Atem schneller ging.

Sie hat wirklich keine Erfahrung mit Männern, dachte Rory belustigt. Vielleicht gelingt es mir, sie richtig aus der Fassung zu bringen, indem ich sie ordentlich beleidige … Liegen mir Grobheiten sonst auch fern.

„Was glaubt Ihr denn, wie Euer Tun und Treiben auf mich wirkt?“, fragte er zurück. „Ihr gebt doch alles, um mich an die Angel zu bekommen! Da fällt es schwer, ein scheues Mauerblümchen in Euch zu sehen. Vielmehr erscheint Ihr mir, was Männer angeht, durch Erfahrung gewieft.“

Da riss sie die schönen blauen Augen auf. „Was wollt Ihr damit sagen?“

„Dass Ihr mich förmlich anfleht, mir eben die Freiheiten zu nehmen, die mir angeblich nicht offenstehen. Also hört schon auf mit dem Theater! Macht mich los, und ich gebe Euch, was Ihr ersehnt. Und noch ein bisschen mehr!“

Selbst im trüben Dämmerlicht des Kerkers sah er, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. „Schluss mit den losen Reden, Sir! Oder haltet Ihr mich für eine Dirne, die sich an jeden wegwirft?“, herrschte sie ihn an.

„Wie soll ich wissen, mit wem ich es zu tun habe? Ein gedungener Galan erhält einen Beutel voll Silber für seine Liebesdienste, während Ihr mir dafür die Ehe anbietet. Wo ist da der Unterschied?“

„Oh! Ihr seid abscheulich!“ Sprachlos vor Entsetzen raffte sie ihre Röcke, rannte hinaus und knallte die Tür hinter sich zu.

Was erwartet sie denn, wenn sie sich all das herausnimmt? dachte Rory stirnrunzelnd. Mir scheint, sie hat den Tort, den ich ihr antat, wohl verdient.

Ansonsten aber saß er unbestreitbar in der Patsche. Denn hatte sein König ihm auch den Auftrag erteilt, dem gesetzlosen Treiben auf Burg Rockskill einen Riegel vorzuschieben, waren ihm bis auf Weiteres buchstäblich die Hände gebunden.

Lady Gillian of Rockskill, die empört in ihrem Zimmer auf und ab lief, wäre wesentlich lieber durch den Wald gerannt oder auf dem schmalen Streifen Sand am Meer entlangmarschiert. Denn ihre Wut schien den kleinen Raum, in dem sie sich eingeschlossen hatte, schier zu sprengen.

Was hat mich bloß geritten, ohne Umschweife mit der Tür ins Haus zu fallen? fragte sie sich, indem sie sich reuig auf die Unterlippe biss. Ich wollte mir den Gefangenen doch nur ansehen und ein paar Worte an ihn richten!

Stattdessen war sie ihm so nahegekommen, dass sie sogar die Rosmarinnote in seinem männlichen Geruch erschnuppert hatte, der ansonsten von Leder und Schweiß dominiert wurde. Dieses Potpourri war ihr wohl zu Kopfe gestiegen und hatte sie jede Vorsicht vergessen lassen.

Dabei war sie längst kein unschuldiges Mädchen mehr, das sich das Ehebett als einen Hort von Zärtlichkeit und Liebe ausmalt. Nein, Gillian hatte erfahren, dass ihre Illusionen der harschen Realität des Ehealltags nicht standhielten. Doch ging das Leben trotz aller Enttäuschung weiter … Wobei die Vorstellung, nachts läge ein stattlicher Mann bei ihr, der sie liebevoll küsste und streichelte, erheblich half.

Der Unbekannte in ihren Träumen war dunkelhaarig, tapfer und stark, und sie war Wachs in seinen Händen, sobald er sie nur berührte. Bevor ihr Liebster aber etwa gewagte Dinge tat, die ihre kühnsten Erwartungen überstiegen, riss die Vorstellung ab. Was würde er noch mit mir machen? dachte sie ratlos. Na, das soll er mir ja zeigen! Ich habe schließlich keine Ahnung davon.

Früher einmal hatte ihre jugendliche Neugier sie in die Ställe getrieben, um sich von ihrem Freund Jonathan heimlich küssen zu lassen, sich dann aber vor dem wilden Ausdruck in seinen Augen gefürchtet. Doch suchte sie auch wegzurennen, hatte er sie mit Händen wie Schraubstöcken festgehalten, ihr den Mund zerbissen und mit den Bartstoppeln das Gesicht aufgescheuert. Als Krönung seiner Leidenschaft hatte er mitleidslos an ihren Lippen gesaugt, bis sie anschwollen, und sich nicht darum geschert, was für Folgen das für sie haben musste.

Die dunklen Blutergüsse, die Gillian davontrug, wirkten wie Spuren von Misshandlungen und waren unmöglich zu verstecken. Als sie ihrem Vater so vor die Augen kam, hatte er ihr eine fürchterliche Tracht Prügel mit seinem Ledergürtel verpasst, während ihr ungeliebter Vetter Albert seinem Onkel nicht nur mit sadistischem Lächeln zugesehen, sondern ihn auch noch angefeuert hatte. All ihr Weinen und Flehen hatte nichts bewirkt: Der Lord of Rockskill versohlte seine Tochter nach Strich und Faden, bis ihm der Arm lahm wurde. Darauf schwor er, nicht tatenlos zusehen zu wollen, wie sie sich zur Hure mache, sondern sie mit dem nächstbesten Freier zu verheiraten, um den untadeligen Ruf der Rockskills zu wahren.

Es dauerte nur eine knappe Woche, bis ihr Erzeuger sie unter die Haube brachte. Dass sein Freund Sir Robert viel zu alt für Gillian und als grausam verschrien war, scherte ihn nicht. So zerschlugen sich ihre Hoffnungen auf einen liebenden Ehemann, denn der alte Graukopf machte seiner jungen Braut gleich in der Hochzeitsnacht klar, dass er auf ihre Gefühle keine Rücksicht nehmen werde. Da ließ sie alle Illusionen fahren und verschloss ihr Herz, um es vor den Demütigungen durch ihren Gatten zu schützen. Der Anblick des schönen Gefangenen aber war ihr dennoch unter die Haut gegangen.

Nicht nur der Schimmer seiner grünen Augen mit den goldenen Sprenkeln und sein muskulöser Körper hatten es ihr angetan. Auch seine warme dunkle Stimme und das ironische Lächeln, das er trotz seiner Zwangslage beibehielt, nahmen sie für ihn ein. Weil sie ihn aber nicht wissen lassen wollte, dass er ihre Jugendträume aufs Neue wachrief, trieb es ihr die Schamesröte ins Gesicht, als sie sich von ihm durchschaut sah.

Es geht ihn nichts an, wie es in mir aussieht, dachte sie, wenn ich auch nichts Schlechtes über ihn sagen kann. Für die grobe Behandlung, die er meinetwegen erhielt, schnauzte er mich nicht einmal an! Ich aber nutzte seine Lage aus und weidete mich an seiner Machtlosigkeit. Stellt mich das nicht auf eine Stufe mit Jonathan? Herrje, ich sollte mich schämen!

Es war ihr lästig, dass ihr Jugendfreund, den sie nach seinen brutalen Küssen notgedrungen gedeckt hatte, sie seither mit lüsternen Blicken verfolgte. Diese waren nicht besser als die kalten Augen Sir Roberts, in denen sie dieselbe Verachtung las, die er ihr auch im Bett bewies.

Warum schlug Rory of Roul das Herz bis zum Hals, als ich ihn berührte? fragte sie sich im Geheimen. Kann er vielleicht gut küssen? Ich frage mich, ob er sich von mir angezogen fühlt … Unvermittelt überkam sie die Sehnsucht nach Zärtlichkeit und Leidenschaft, und ihr alter Wunsch, von Herzen geliebt zu werden, erwachte mit Macht. Dem schönen jungen Mann aber wollte sie mit Vorsicht begegnen, hatte die Erfahrung sie doch gelehrt, dass Erwartungen sich am Ende nicht erfüllen.

Gillian hatte der Vorstellung eines Familienidylls mit liebevollem Ehemann und fröhlichen Kindern längst Lebewohl gesagt. Stattdessen wollte sie im Kopf behalten, dass der schöne Mann in ihrem Kerker nur Mittel zum Zweck war, und sich nicht von ihm um den Finger wickeln lassen.

Du fingst Rory of Roul, damit er dich und die Burg vor Albert beschützt, trichterte sie sich ein. Mehr willst du nicht von ihm! Richte dich also danach.

2. KAPITEL

Als es heftig an der Tür klopfte, fuhr Gillian zusammen, griff unters Bett und zog ihr Kurzschwert hervor, das sie dort zu ihrem Schutz aufbewahrte. Dann aber erkannte sie die Stimme ihrer Zofe Catherine und atmete auf.

„Herrin, ich bringe dringende Neuigkeiten!“, rief diese durch die Tür. „Die werden Euch sicher interessieren.“

Mit einem Seufzer der Erleichterung schob die junge Frau den hölzernen Riegel zurück, öffnete und winkte die ältliche Frauenperson herein, die seit Jahren ihr Vertrauen besaß.

Diese war in heller Aufregung. „Ein Bote traf ein, der die Rückkehr Eures Vetters ankündigte, der in längstens einem Monat wieder auf Rockskill eintreffen will. Und stellt Euch vor: Er bringt einen Priester mit! Das kann nichts Gutes bedeuten.“

Gillian entfuhr ein Fluch. Warum kommt der Grützkopf jetzt schon? Das Weichei behauptete doch immer, den Winter auf unserer gottverlassenen Burg nicht ertragen zu können! Ich zählte darauf, dass er sich bis zum Frühling in südlichere Gefilden verdrückt. Kommt er zu früh zurück, macht er mir noch einen Strich durch die Rechnung!

Dass Albert einen Großteil seiner Männer auf der Festung belassen hatte, die ein Auge auf seine Kusine haben sollten, war allerdings kein gutes Zeichen gewesen. Und dass er jetzt einen Priester mitbrachte, kein besseres.

„Hat der Gefangene das Heiratsangebot angenommen?“, fragte Catherine neugierig.

Gillian schluckte. Ich habe mich furchtbar ungeschickt angestellt, dachte sie beschämt. Statt Sir Rory meine Hand in allen Ehren anzutragen, provozierte und verärgerte ich ihn, sodass er sicher schlecht von mir denken muss.

„Habt Ihr ihm Eure Pläne denn nicht dargelegt?“, hakte die alte Zofe nach.

„Ich kam nicht dazu“, gestand ihr Schützling. „Man hatte ihn halbnackt ausgezogen, bevor ich ihn aufsuchte, worauf ich nicht gefasst war.“

„Im Vergleich mit dem alten Sack, an den Euer Vater Euch wegschenkte, war er sicher eine Augenweide“, knurrte Catherine.

„Sprich nicht schlecht von den Toten“, ermahnte ihre Herrin sie.

„Habe ich nicht recht? Der Alte taugte doch zum Ehemann für eine junge Frau wie ein dreibeiniger Esel zum Ziehen eines schwerbeladenen Karrens.“

„Du solltest ihm nicht nachtragen, dass wir kinderlos blieben.“

Catherine schlug die Augen gen Himmel. „Der Schlappschwanz hätte göttlicher Hilfe bedurft, um auf seine alten Tage einen Ständer zu bekommen“, schnaubte sie. „Dass er so frech war, Euch zu heiraten und unglücklich zu machen, verzeihe ich ihm nie!“

„Es könnte auch an mir gelegen haben.“ Was weiß ich schon, wie Mann und Frau ein Kind zustande bringen? dachte sie. Den Vorwurf meines Gemahls, ich wäre unfruchtbar wie eine Wüstenei, darf ich nicht einfach vom Tisch wischen. „Lass die Sache ruhen, meine Liebe. Schließlich ist Robert tot und begraben“, sagte sie begütigend. „Es lohnt nicht, über verschüttete Milch zu weinen; man wischt sie auf und geht aufs Neue melken. Jetzt gilt es, die Zukunft in neue Bahnen zu lenken.“ Damit ging sie zum Fenster und starrte ins Blaue empor.

„Ist der Wolf des Königs noch in Ketten geschlagen?“, fragte Catherine.

„Das ist er.“

„So kann er nichts Schlimmeres anrichten, als Euch eine Abfuhr zu erteilen, weshalb Ihr Euch nicht fürchten müsst.“

Gillian seufzte auf. „Ich fürchte aber, er sagt Nein, weil ich mich weidlich unklug verhielt.“

Die Zofe setzte eine schlaue Miene auf. „Lady Gillian, ich weiß, es ist nicht Eure Art, jemandem schönzutun. Doch könntet Ihr dem Gefangenen mit einer Hand ein wenig Zucker auf die Fesseln streuen und seinen Leuten mit der anderen Hand den Tod androhen.“

„Catherine! Das kann ich doch nicht machen!“ Ich ging bereits zu weit, als ich Rory of Roul mit seinen beiden Männern in Geiselhaft nahm, dachte sie bedrückt. Allerdings scheinen seine Begleiter, nach denen er fragte, sobald er zu sich kam, ihm am Herzen zu liegen …

Also eilte sie zur Tür. „Catherine, es pressiert!“, warf sie über die Schulter zurück. „Hol unseren Priester und heiße ihn im Raum der Wachmannschaft warten, der über dem Kerker liegt. Ich will, dass er zur Stelle ist, sobald ich ihn brauche! Hol auch die Ledertasche aus meiner Truhe und warte dann mit ihm.“

Kann ich den Wolf des Königs nicht im Guten dazu bringen, mich zu heiraten, muss ich ihn wohl erpressen, dachte sie grimmig. Ich weiß, das ist gemein und meiner nicht würdig. Doch frisst der Teufel in der Not Fliegen, wie es heißt.

Auf halbem Weg durch die Great Hall hielt Jonathan sie auf. „Auf ein Wort, Gillian.“

Misstrauisch sah sie ihn an, doch wirkte er nicht betrunken auf sie. „Nun gut, aber nur kurz“, gab sie zurück.

Als sie in das Arbeitszimmer der jungen Lady eintraten, schloss er die Tür, lehnte sich mit dem Rücken dagegen und musterte Gillian durch halb geschlossene Lider. Lieber Gott, er ist doch nicht nüchtern! dachte sie bestürzt, indem ein ungutes Gefühl über sie kam. „Nun, was gibt es?“, fragte sie und trat vorsichtshalber hinter den Tisch, auf dem sich allerlei Schriftstücke stapelten. „Immer heraus damit.“

Er nickte eifrig. „Du sollst wissen, dass es eine Menge Waren in unseren Höhlen gibt, die noch auf deine Inspektion warten.“

Überrascht sah sie ihn an. „Ich wüsste nicht, dass kürzlich ein Schiff auf Sand gelaufen wäre. Hilf mir auf die Sprünge!“

Er strahlte sie an. „Vor kurzem kaperten wir ein Schiff, um dir eine Überraschung zu bereiten, und machten dabei mächtig gute Beute! Nicht nur Gold, auch Waffen und feine Ritterrüstungen …“

Alarmiert hob sie die Hand. „Ich höre wohl nicht recht! Habt ihr etwa ein königliches Schiff überfallen?“

Schwankend trat er an den Tisch heran, stützte sich darauf ab und grinste sie an. „Komm schon, Gillian! Freu dich doch.“

Als er ihr seinen Bieratem ins Gesicht blies, wandte sie angewidert den Kopf ab. Es war ein Fehler, ihm zu vertrauen, rügte sie sich. Und jetzt habe ich den Salat! „Antworte mir!“, befahl sie ihm. „Und lass keine Einzelheit aus.“

Er richtete sich auf und zuckte mit den Achseln. „Na wenn schon! Niemand wird davon erfahren, weil die Besatzung – wenn auch unter weinerlichem Protest – längst ins Paradies einging.“

„Jonathan! Sag nicht, ihr hättet die Mannschaft ermordet!“

„Lord Albert drückte es schöner aus: Wir erlösten sie von ihren irdischen Qualen.“

Entsetzt sank die junge Frau auf ihren Stuhl nieder. „Wie kann man nur so dumm sein! Jetzt müssen wir damit rechnen, dass King David seine Truppen nach Rockskill schickt. Habt ihr das nicht bedacht?“ Als hätte ich nicht schon genug Probleme! dachte sie entnervt. Halte ich doch Rory of Roul im Kerker fest, um ihn zur Ehe zu zwingen.

„Ich dachte, du würdest dich freuen“, stieß Jonathan vorwurfsvoll aus. „Es ist ein prächtiger Fang, der unsere Schatzkisten bis zum Bersten füllen wird.“

Oh ja, dachte sie augenrollend. Und das Kapergut verkaufen wir direkt unter der Nase des königlichen Wolfs, ohne dass er etwas merkt … Das kann einfach nicht gutgehen.

Jonathan, von Gillians Reaktion enttäuscht, griff über den Tisch, packte sie beim Arm und riss sie in die Höhe. „Ach komm“, lallte er. „Lass uns feiern! Was soll der Trübsinn? Wir leben nur einmal!“

Als er sie zu küssen versuchte, zog sie den Kopf weg, doch hielt er sie fest und grub seine Zähne in ihre pralle Unterlippe, dass sie blutete. Da schrie sie ihn an: „Raus mit dir, du Idiot! Besorg dir was zu essen und dann ab ins Bett!“

„Ich wollte dir nicht wehtun, ich schwör’s dir …“, murmelte er kleinlaut, als er sah, was er angerichtet hatte.

Seufzend wischte Gillian sich den Mund ab und zeigte resigniert auf die Tür. „Ich weiß. Und doch machst du es immer wieder. Nun geh schon, lass mich in Ruhe und schlaf deinen Rausch aus. Wir sehen uns morgen.“

Als er gehorsam den Raum verließ, ließ die junge Lady sich entmutigt auf ihren Stuhl fallen, schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte auf. Jetzt sitze ich noch tiefer in der Patsche! ging es ihr im Kopf herum. Ein Schiff des Königs zu kapern, war das Dümmste, was Albert und Jonathan je ausheckten. Stürzen sie aber in den Abgrund, falle ich mit ihnen.

Dabei schien ihr eins unumstößlich: Zürnte sie Jonathan auch noch so sehr, blieb sie durch ihre gemeinsame Kindheit mit ihm verbunden. Hatte er sie aber auch oft vor Albert in Schutz genommen, würde sie nie das Bett mit ihm teilen, wünschte er es sich auch noch so sehr.

Trotzdem war er ihr einziger Freund, für den sie ihr Leben riskiert hätte.

Als Rory leichte Schritte vor seiner Zelle hörte, spitzte er die Ohren. Und nach kurzem Getuschel vor der Tür öffnete diese sich quietschend, und die schöne Lady trat ein.

Für ein Weilchen starrte sie ihn stumm an, indem die rotflackernde Fackel in ihrer Wandhalterung sie mit einem sanften Leuchten umgab, das ihr das Aussehen eines Engels verlieh.

Dieser Gedanke zauberte ein Lächeln auf sein Gesicht. Denn weder hielt er die Lady of Rockskill für einen Engel, noch glaubte er einen solchen zu verdienen.

„So fröhlich?“, versetzte sie bissig. „Ihr erstaunt mich.“

„Für Frohsinn gibt es keinen Anlass, will ich meinen“, gab er zurück, worauf er erkannte, dass sie geweint hatte. Wer besitzt die Dreistigkeit, eine Lady in ihrer eigenen Burg zu kränken? schoss es ihm durch den Kopf.

„Habt Ihr es Euch inzwischen überlegt?“, fragte sie drängend. „Ich suche immer noch einen Ehemann!“ Die Verzweiflung, die in ihren Worten lag, ging ihm zu Herzen.

Mir scheint, Ihr braucht wirklich einen Gemahl, dachte er. Oder zumindest einen Champion, der seiner Lady Schutz gibt …

Um sich nicht anmerken zu lassen, dass sie sein Herz zu erweichen begann, knurrte er: „Ihr wiederholt Euch“.

„Hochmut passt kaum zu Eurer Lage!“, fuhr sie ihn an. „Überlegt Euch lieber, wie wichtig Ihr das Leben Eurer Männer nehmt!“

Da warf Rory ihr einen scharfen Blick zu. Sie wird doch keine Unschuldigen opfern, um an ihr Ziel zu gelangen? dachte er besorgt. Wie er sie aber mit hängenden Schultern dastehen sah, die Hände vor Verzweiflung so fest gefaltet, dass die Knöchel weiß hervortraten, vermochte er ihr nichts Böses zuzutrauen.

„Meine Begleiter sind mir lieb und wert“, gab er eindringlich zurück. „Adam ist verheiratet und hat eine kleine Tochter, wohingegen Daniel seine Frau vor kurzem verlor. Seine beiden Söhne, an denen er hängt, wohnen auf der Festung Roul, wenn er mich begleitet. Wollt Ihr den Halbwaisen etwa auch noch den Vater nehmen?“ Er blickte sie tadelnd an.

Zwar wogte Gillians schöne Brust vor Bedrängnis auf und ab wie die Meeresflut. Doch hob sie stolz den Kopf und blickte Rory fest in die Augen. „So die Lage es erfordert, werde ich es tun“, sagte sie. „Harte Zeiten erfordern harte Maßnahmen.“

Allein das leise Zittern in ihrer Stimme beruhigte ihn ein wenig. Hoffentlich stößt sie nur leere Drohungen aus, dachte er. Mein Gott, sie muss verzweifelt sein!

Doch ließ er sich sein Mitgefühl nicht anmerken. „Ich würde es begrüßen, wenn Ihr mir endlich reinen Wein einschenktet“, sagte er kühl. „Warum um alles auf der Welt braucht Ihr so dringend einen Ehemann, dass Ihr mich als Geisel nehmt?“

Erst kaute sie ratlos auf ihrer Unterlippe herum, überwand sich dann aber zu einer Erklärung. „Nach dem Tode meines Gatten riss mein Vetter Albert hier die Macht an sich. Um mich loszuwerden, sucht er mich zu verheiraten und wählte zu diesem Zweck bereits einige Scheusale aus, die er vorsorglich auf der Burg einquartierte.“

Mehr steckt nicht dahinter? dachte er entgeistert. Nichts weiter als ein unwillkommenes Verlöbnis? „Mir scheint, Ihr übertreibt, Mylady“, versetzte er säuerlich. „Von welchen sogenannten Scheusalen sprecht Ihr?“

„Sogenannte?“ Ihre Stimme war schrill. „Da wäre beispielsweise Sir Cranwell.“

Der Mann ist eine Ratte, dachte Rory bedauernd, und legt bekanntermaßen einen enormen Appetit auf Frauen aller Art an den Tag. Man munkelt, er frage nicht danach, ob sie willig sind oder nicht … Was aber nicht bewiesen ist. „Und wer noch?“, fragte er deutlich milder.

„Smithfield“, gab sie mit tonloser Stimme zurück.

Der noch schlimmer ist, schoss es ihm durch den Kopf. Der Kerl ließ junge Ladys verschwinden, die, wenn überhaupt, nur als verstümmelte Leiche wiedergefunden wurden. Dass man ihm nichts nachweisen kann, liegt an seiner Raffinesse … Ein unangenehmer Patron!

„Und wer ist noch im Bunde?“, fragte er mit zusammengezogenen Brauen, indem ihm nur ein Name in den Sinn kam, der zu den beiden anderen passte.

Zaudernd trat Gillian zurück, welcher der dritte Name vor Abscheu nicht über die Lippen wollte. Also wirklich Blackshore? dachte er. Der Kerl, der immer wieder neue Opfer findet? Die er quält, bis sie ihrem Dasein mit eigener Hand ein Ende setzen … „Wollt Ihr sagen, dass Blackshore hier ist?“, fragte er mit rauer Stimme.

Sie erbleichte. „Erraten“, flüsterte sie leise, als presse ihr jemand die Luft ab.

Dieser Vetter ist definitiv ein Scheusal, dachte Rory angewidert. Will er sie mit Absicht unter die Erde bringen? Kein Wunder, dass sie auf abstruse Ideen verfällt, um sich zu retten … Doch ist nicht daran zu rütteln, dass eine Ehe für mich nicht in Frage kommt.

Schließlich lag sein Los, das Los eines Deserteurs, im Dunklen. Mein Leben ist ein Desaster, weshalb ich einer hilfesuchenden Frau keine Zuflucht bieten kann! dachte er bedrückt. Sie würde durch meinen Ehrverlust ebenfalls befleckt und hätte keine Zukunft.

„Sagtet Ihr nicht, Eure Wachen wären Euch treu ergeben?“, fragte er scheinbar ruhig, obwohl ein Sturm in ihm tobte.

„Das stimmt, doch sind es wenige, weil ich auf die Dörfler, die auf der Burg aushelfen, nicht zurückgreifen kann. Die Männer, die mein Vetter hier zurückließ, sind in der Überzahl und haben inzwischen das eine oder andere Exempel an meinen Leuten statuiert, wenn diese aufzumucken wagten. Ich konnte die Ärmsten nicht retten und will niemanden mehr in Gefahr bringen, versteht Ihr? Schließlich bin ich verantwortlich für sie.“

Rory fragte sich im Stillen, ob die Dörfler als Späher und Träger dienten, wenn es Konterbande einzubringen galt. Doch stellte er den Gedanken zurück. „Ich meine, Ihr solltet Eure Leute ihre Pflicht und Schuldigkeit tun lassen“, sagte er in nüchternem Ton. „Sie müssen für Euch eintreten und Euch beschützen! Wozu sonst sind sie da?“

„Ich will nun einmal keine weiteren Opfer beklagen müssen.“

Ihre Weichherzigkeit wird sie noch zugrunde richten, dachte er besorgt. „Und warum ruft Ihr King David nicht zur Hilfe?“

„Das versuchte ich, als mein Vater noch lebte.“ Sie blickte betreten zu Boden. „Er sandte einen Mann, der meine Klage überprüfen sollte, aber den Lügen meines Vaters und meines Vetters glaubte, die mich als schwachsinnig hinstellten. So verspreche ich mir von ihm keine Hilfe.“

Als sie ihre blauen Augen wie zwei Sterne auf Rory ruhen ließ, verstand er. Die Erfahrung muss niederschmetternd gewesen sein, dachte er, und hat sie entmutigt. „Man sollte nie aufgeben“, sagte er freundlich, worauf er im Geiste die Augen rollte. Das ist famos! dachte er. Ausgerechnet ein Todgeweihter erteilt ihr gute Ratschläge!

„Ihr habt gut reden“, gab sie bitter zurück. „Als Wolf des Königs wisst Ihr nicht, wie man sich mit dem Rücken zur Wand fühlt.“

Fast hätte er laut gelacht. Als wären wir freiwillig in Davids Wolfsrudel eingetreten! dachte er. Nach dem Fehltritt unseres Vaters aber blieb uns nichts weiter übrig, als dem Monarchen zu willfahren, damit dieser Vaters Leben schonte und uns unseren Besitz zurückerstattete. Zweimal entließ der König uns schon in die Freiheit, und zweimal holte er uns in seine Dienste zurück. Ich wette, er wird uns nie freigeben! Dabei bin ich bei Lichte besehen ein noch schlechterer Untertan als mein Erzeuger, der bloß Verrat an seinem eigenen Bruder beging. Denn ich beging Verrat an der Krone, als ich desertierte. Größere Schändlichkeit gibt es kaum …

„Was geschieht mit mir, wenn ich Euer Anerbieten ausschlage?“, fragte er.

Als ein stählerner Glanz in Gillians Augen trat, verstand der junge Mann, dass er ihre Weichherzigkeit überschätzt hatte. „Das werdet Ihr nicht“, antwortete sie kühl. „Es sei denn, dass Ihr Eure Männer sterben sehen wollt.“

Da sie ihm den Wind aus den Segeln nahm, schwieg er betroffen, worauf sie die Tür öffnete und hinausrief: „Bringt den Mann Daniel her, der mit dem Gefangenen auf die Burg gebracht wurde.“ Mit entschlossener Miene trat sie auf Rory zu. „Ihr denkt, ich bin schwach? Besitze ich aber nicht die Körperkraft, Eure Männer eigenhändig zu töten, so doch die Gewalt, den Befehl dazu zu erteilen.“

Zwar flammte heißer Zorn in Rory empor, doch suchte er diesen zu verbergen. „Wollt Ihr mich mittels brutaler Drohungen vor den Altar schleppen, wie ein skrupelloser Verbrecher?“, fragte er stattdessen.

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