Julia Sommeredition Band 1

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LIEBESWUNDER IN ITALIEN von REBECCA WINTERS
Clara stockt der Atem, als er plötzlich wieder vor ihr steht: Valentino Casali, ihre große Jugendliebe! Clara ist glücklich wie nie und genießt Vino, Küsse und Amore in Bella Italia. Aber wird der erfolgreiche Unternehmer dieses Mal für immer bleiben, oder ist sie für ihn nur ein süßer Flirt?


DAS IST AMORE, LIEBLING! von HELEN BROOKS
Ein Jahr nachdem sie ihren untreuen Ehemann verlassen hat, kehrt Grace zurück an die sonnige Amalfiküste. Ihr Verstand will Donato nicht verzeihen - dennoch kann ihr Körper den Versöhnungsversuchen des charismatischen Italieners kaum widerstehen. Bis Grace erfährt, was dahintersteckt.


HAPPY END AUF ITALIENISCH von CATHERINE GEORGE
Als der faszinierende Connah ihr das verlockende Angebot macht, ihn einen Sommer lang in die Toskana zu begleiten, stimmt die süße Hester sofort zu. Schon lange schwärmt sie für den sexy Millionär - doch erwidert er ihre Gefühle? Oder sucht er nur ein Kindermädchen für seine Tochter?
  • Erscheinungstag 04.08.2020
  • Bandnummer 1
  • ISBN / Artikelnummer 9783751500005
  • Seitenanzahl 400
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Rebecca Winters, Helen Brooks, Catherine George

JULIA SOMMEREDITION BAND 1

1. KAPITEL

Clara Rossetti lief die steile Treppe zwischen den alten Häusern hinunter, die auf die Piazza Gaspare führte. Sie musste sich beeilen, wenn sie den letzten Bus noch erreichen wollte. Plötzlich rief eine tiefe, männliche Stimme hinter ihr: „Hallo, bella, weißt du, dass du eine bemerkenswert schöne Frau bist?“

Die verführerisch klingende Stimme kam ihr irgendwie bekannt vor. Sie nahm jedoch an, dass der Typ eine andere Frau meinte. Deshalb eilte sie weiter über den belebten Platz zur Bushaltestelle. Zu Hause würde sie sich ein leichtes Abendessen zubereiten und danach ins Bett gehen, denn sie war müde und erschöpft. Morgen würde sie sich wieder besser fühlen.

„Clarissima, du hast mich doch hoffentlich nicht vergessen!“

Vor Überraschung schrie sie leise auf. Natürlich kannte sie diese Stimme. War etwa Tino, der beste Freund, den sie in ihrer Kindheit gehabt hatte, nach neun Jahren zurückgekommen? Valentino Casali war der einzige Mensch auf der ganzen Welt, der sie jemals Clarissima genannt hatte, eine Kombination aus Clara und Belissima. Sie hatte es eigentlich immer für einen Scherz gehalten, denn sie war als Kind und Teenager etwas rundlich gewesen, so wie alle Rossettis.

Sie drehte sich um und blickte in die dunkelbraunen Augen des attraktivsten Playboys ganz Italiens. Für sie war er jedoch der verlässlichste Partner in den schwierigen Jahren des Erwachsenwerdens gewesen. Mit achtzehn hatte er Monta Correnti verlassen und bei ihr eine Lücke hinterlassen, die kein anderer hatte füllen können.

Jetzt war er ein bekannter und berühmter Rennfahrer und Abenteurer, dessen Foto regelmäßig auf den Titelseiten der Regenbogenpresse erschien und der immer wieder Anlass gab zu Gerüchten in den Klatschspalten.

„Nein, natürlich nicht“, erwiderte sie schließlich heiser. Schon als Jugendlicher hatte er unglaublich gut ausgesehen. Außerdem hatten seine Intelligenz, sein Wagemut und seine Kühnheit bleibenden Eindruck bei ihr hinterlassen. „Hallo, Valentino! Wie geht es dir?“

Er stutzte sekundenlang, als hätte er eine andere Reaktion erwartet. „Besser, nachdem ich meine beste Freundin wiedergefunden habe.“

Zur Begrüßung küsste er sie auf beide Wangen und ließ dann den Blick bewundernd über ihr feines Gesicht und ihre schlanke Gestalt gleiten.

„Deine beste Freundin?“, wiederholte sie belustigt. „Was ist denn aus den vielen Postkarten und Geschenken geworden, die du mir von überallher schicken wolltest? Und besucht hast du mich auch kein einziges Mal in all den Jahren, obwohl du es mir hoch und heilig versprochen hattest. Behandelt man so seine beste Freundin?“, fragte sie scherzhaft.

Er zuckte die breiten Schultern und lenkte dadurch ihren Blick auf sein teuer aussehendes helles Freizeithemd mit dem geöffneten Kragen und die perfekt sitzenden Designerjeans. Mit dem Zeigefinger fuhr er ihr über die Lippen, eine Geste, die völlig natürlich wirkte. Dennoch war Clara leicht schockiert, denn so hatte er sie damals nie berührt.

„Ich wollte dir schreiben, das musst du mir glauben“, flüsterte er. Seinem Charme und seiner sinnlichen Ausstrahlung konnte sich wahrscheinlich kaum eine Frau entziehen.

Clara lächelte, während sie versuchte, sich ihre Reaktion auf seine Berührung nicht anmerken zu lassen. „Mit deinen guten Absichten kann man wahrscheinlich mittlerweile ganze Straßen pflastern“, neckte sie ihn. Sie kannten sich viel zu gut und zu lange, um einander etwas vorzumachen. Außerdem hatte sie ihm nie böse sein können. Trotz seiner sorglosen Art war er immer ein guter und treuer Freund gewesen.

In der Schule waren sie und ihre jüngere Schwester Bianca von den anderen Kindern gehänselt worden. Valentino hatte sich jedoch nie daran beteiligt.

Da er hier geboren und aufgewachsen war, hatte er Monta Correnti weithin bekannt gemacht. Immer mehr Touristen besuchten den Ort, und einige Promis hatten sich sogar hier ein Haus gebaut. Er war jedoch der berühmteste Bürger des Ortes, auch wenn er jetzt in Monaco lebte, und er war der Schwarm aller jüngeren und älteren Frauen.

In den letzten neun Jahren hat er sich zu einem atemberaubend attraktiven Mann entwickelt, dachte sie, als er den Kopf leicht zur Seite neigte.

„Ist dir bewusst, dass du eine gewisse Ähnlichkeit mit Catherine Zeta-Jones hast, als sie noch jünger war?“

Clara vermutete, dass es ein großes Kompliment sein sollte. „Nein, das ist mir nicht bewusst. Kennst du sie persönlich?“

Er nickte. „Du bist noch viel schöner als sie.“ Sein Lächeln verschwand, und er musterte sie ungeniert von oben bis unten. „Was hast du mit deinem langen Haar gemacht?“

Damals hatte sie gehofft, mit dem langen Haar, das ihr fast bis zur Taille reichte, kaschieren zu können, dass sie nicht so schlank war wie andere Mädchen.

Überrascht, dass er es überhaupt bemerkte, und verblüfft über den Themenwechsel, antwortete sie: „Der April war außergewöhnlich heiß, außerdem brauchte ich eine andere Frisur.“ Ihr seidenweiches Haar, das eher schwarz als dunkelbraun war, hatte sie kaum noch bändigen können. Deshalb hatte sie es kinnlang schneiden lassen.

„Es steht dir gut, obwohl mir das andere noch besser gefiel.“

„Ah ja.“ Sie wünschte, ihr Herz würde in seiner Gegenwart nicht so heftig klopfen. „Du trägst dein braunes Haar ja auch viel kürzer.“ Es war jetzt gewellt statt lockig. „Weißt du noch, als du es schulterlang hast wachsen lassen? Signor Cavallo hielt dich für die ideale Besetzung der Rolle des Prinzen Valiant in der Theateraufführung in der Schule.“

Er musste lachen. „Und weißt du noch, wie du es mir gestutzt hast?“

„Das war deine Schuld. Du hast mich dazu aufgefordert, damit du in dem Stück King Arthur nicht mitmachen musstest. Ich konnte nichts dafür, dass du dann eine unmögliche Frisur hattest. Die Geflügelschere aus der Küche eures Restaurants war nicht zum Kappen geeignet. Als du am nächsten Morgen in die Schule gekommen bist, dachte ich, Signor Cavallo würde einen Tobsuchtsanfall bekommen.“

„Dank deiner Hilfe brauchte ich dann wirklich nicht mitzuspielen“, erinnerte er sich immer noch lachend. „Was hätte ich ohne dich gemacht? Du hast mir doch ständig aus irgendwelchen Schwierigkeiten geholfen.“ Seine Miene wurde ernst. „Lass uns den Abend zusammen verbringen“, meinte er. „Ich lade dich zum Essen ein, dann können wir unser Wiedersehen feiern und uns über alte Zeiten unterhalten.“

Der Vorschlag klang verlockend, doch sie brauchte unbedingt Ruhe. „Es wäre eine nette Abwechslung, und ich würde gern mitkommen. Es ist jedoch leider unmöglich. Trotzdem vielen Dank. Ich habe mich sehr gefreut, dich wiederzusehen, Valentino.“

Sie war froh, dass in dem Moment der Bus kam. Die Begegnung mit Valentino hatte zu viele Erinnerungen geweckt und Clara emotional mitgenommen. Da die Leute schon anfingen einzusteigen, stellte sie sich ans Ende der Schlange.

Valentino legte Clara die Hand auf die Schulter. „Warte. Wohin willst du?“ Sie spürte, wie angespannt er plötzlich war. So kannte sie ihn gar nicht. Irgendetwas schien ihn zu beunruhigen.

„Nach Hause. Meine Familie erwartet mich.“

„Ich bin aber gerade erst zurückgekommen, wir haben viel nachzuholen. Weshalb musst du unbedingt jetzt schon nach Hause?“

Wie hartnäckig er sein konnte, wusste sie noch sehr genau. Meist war sie diejenige gewesen, die nachgegeben hatte.

„Meine Mutter hat eine kleine Feier für meine Großmutter geplant, und ich habe versprochen, ihr zu helfen.“

„Dann fahre ich dich. Ich hole rasch meinen Wagen, es dauert nicht lange.“

Sie konnte sich jedoch kaum noch auf den Beinen halten und sehnte sich danach, sich hinzusetzen, sonst würde sie vor Erschöpfung zusammenbrechen. „Danke, das ist nett von dir, aber ich nehme den Bus. Wenn du länger hierbleibst, begegnen wir uns vielleicht noch einmal. Dann können wir irgendwo eine Kleinigkeit essen. Ciao, Valentino.“

Er ließ sie los, und sie stieg ein. Sie rechnete damit, dass er schon morgen Monta Correnti wieder verlassen würde, um an irgendeinem Rennen teilzunehmen. Wahrscheinlich würde ihn seine neueste Freundin begleiten.

Clara hatte einen Videoclip über ihn und seine Begleiterin Giselle Artois, ein französisches Starlet, gesehen. Der Reporter hatte ihn gefragt, ob es stimme, dass die Hochzeit schon geplant sei und sie in einem kleinen Palast in einem Pariser Nobelviertel wohnen würden.

Charmant lächelnd hatte er eine nichtssagende Antwort gegeben, Clara war allerdings das geheimnisvolle Lächeln der jungen Frau nicht entgangen. Die beiden passten gut zusammen. Vielleicht hatte sie es geschafft, Valentino so sehr zu fesseln, dass er bereit war, seine Freiheit aufzugeben. Bisher hatte er seine Begleiterinnen mehr oder weniger regelmäßig gewechselt.

Ganz hinten im Bus fand sie einen freien Platz. Als sie aus dem Fenster rechts neben ihr blickte, sah sie, dass Valentino sie mit gerunzelter Stirn beobachtete. Seine Miene wirkte seltsam finster. Sie ließ ihren Gedanken freien Lauf und erinnerte sich an die vielen Poster, die von ihm existierten, wie er in einem Katamaran allein über den Indischen Ozean segelte oder wie er in Dubai auf der Rennstrecke den neuesten Rennwagen testete.

Schon als Jungendlicher war er geradezu besessen gewesen von Geschwindigkeiten und dem Wunsch, Rekorde zu brechen. Nach der Schule hatte er viel Zeit damit verbracht, an seinem Motorscooter herumzubasteln.

Sein Freund Luigi hatte ihm dafür extra einen Platz in der Garage seines Vaters zur Verfügung gestellt. Valentino war der Meinung, keine der verfügbaren Maschinen sei schnell genug. Clara hatte ihm stundenlang zugehört, wenn er mit ihr über seinen Traum redete, eines Tages ein Motorrad zu entwickeln, das alle anderen Modelle in den Schatten stellte.

Als er als Rennfahrer nach Monaco ging, hatte er den Entwurf eines neuen Motors in der Tasche, der der Prototyp der späteren Serienfertigung wurde. Mit einundzwanzig gründete er das Unternehmen „Violetta Rapidita“, das Motorräder herstellte und ihm ein Vermögen einbrachte.

Er war unaufhörlich auf der Suche nach neuen Herausforderungen gewesen. Wenn Clara ihm lauschte, verspürte sie sogar selbst zuweilen einen Nervenkitzel. Oft genug fragte sie sich allerdings, ob er nur deshalb ein so hektisches Leben führte, um irgendwelchen Dämonen in seinem Innern zu entfliehen.

Obwohl sie keine Ahnung hatte, womit er sich herumquälte, vermutete sie, dass es mit familiären Problemen zusammenhing. Auch sein älterer Bruder Cristiano hatte Monta Correnti verlassen und kam nur noch selten nach Hause. Nur seine Schwester Isabella war noch zu Hause und half ihrem Vater im Restaurant.

Da war ihre eigene Familie ganz anders. Die Rossettis hielten eisern zusammen. Sie hatte unzählige Tanten, Onkel, Cousinen und Cousins, die alle beim Bewirtschaften des Gutshofs halfen. Auch ihre vier verheirateten Geschwister machten keine Anstalten, das Anwesen zu verlassen, das seit mehreren Generationen im Besitz der Familie war.

Dass sie ausgerechnet jetzt Valentino wiedergesehen hatte, empfand sie als ungerecht und unfair. Sie war entschlossen gewesen, sich von den Schwierigkeiten, mit denen sie zu kämpfen hatte, nicht unterkriegen zu lassen. Doch das sah plötzlich ganz anders aus. Sie lehnte den Kopf zurück und wünschte, das Leben wäre für sie etwas leichter.

Nachdem der Bus abgefahren war, ging Valentino mit besorgter Miene langsam zum Restaurant seines Vaters, das direkt neben dem seiner Tante lag.

Das „Sorella“ war von seiner Großmutter Rosa eröffnet worden. Jetzt gehörte es seiner Tante Lisa Firenzi, unter deren Leitung es sich zu dem schicksten, elegantesten und mondänsten Restaurant mit internationaler Küche in und um Monta Correnti herum entwickelt hatte. Sein Vater Luca Casali war mit seiner Schwester Lisa zerstritten. Ihm gehörte das „Rosa“, wo er seine Gäste mit italienischen Spezialitäten verwöhnte.

Valentino hatte den Kontakt mit seinem Vater und Isabella nie abgebrochen, doch in den letzten neun Jahren war er nur selten nach Hause gekommen. Sein letzter Besuch lag allerdings erst wenige Wochen zurück. Er war zum Geburtstag seines Vaters da gewesen und noch am selben Abend wieder abgereist.

Wenn er nur daran dachte, schauderte ihm. Er hasste Streitigkeiten und verstand einfach nicht, warum zwei intelligente Menschen wie sein Vater und dessen Schwester Lisa ihre Differenzen nicht beilegen konnten oder wollten.

Die unangenehme Auseinandersetzung zwischen den beiden würde er so leicht nicht vergessen. Seine Tante hatte die Beherrschung verloren und in ihrem Zorn ein von Luca ängstlich gehütetes Geheimnis gelüftet.

Der Schmerz schnürte Valentino die Kehle zu. Aus Enttäuschung über seinen Vater hatte er Monta Correnti beinah fluchtartig verlassen. Nur weil es seinem Vater momentan ziemlich schlecht ging und Isabella ihn um Hilfe gebeten hatte, war er jetzt wieder hier und verzichtete auf die Teilnahme an mehreren Rennen.

Dass er allerdings so besorgt war an diesem Abend, hatte nichts mit seinem Vater zu tun, sondern mit Clara Rossetti. Dass sie ihm heute über den Weg gelaufen war, ersparte ihm, zu ihren Eltern zu fahren und sich nach ihr zu erkundigen. Die Aussicht, sie wiederzusehen, war das Einzige, worauf er sich gefreut hatte, als er nach Hause gekommen war. Sie hatte ihn immer trotz all seiner Fehler und Schwächen akzeptiert.

Bei ihrer Begegnung war ihm bewusst geworden, wie sehr er sich danach sehnte, mit ihr zu reden. Niemand hatte so viel Verständnis für ihn gehabt wie sie. Er hätte sie jedoch beinah nicht wiedererkannt.

Nur ihre wunderschönen leuchtend grünen Augen hatten sich nicht verändert. Sie war nicht mehr der übergewichtige Teenager mit dem hübschen Gesicht von damals, sondern eine hinreißend attraktive Frau mit einer fantastischen Figur.

Ihn irritierte allerdings, wie sehr sie auf Distanz bedacht gewesen war. Statt ihn wie früher Tino zu nennen, hatte sie ihn mit Valentino angeredet und ihn wie einen flüchtigen Bekannten behandelt. Dabei waren sie doch die allerbesten Freunde gewesen und hatten alle Streiche gemeinsam ausgeheckt.

Die Clara, wie er sie kannte, die für jeden Spaß und jedes Abenteuer zu haben gewesen war, wäre bestimmt nicht mit dem Bus gefahren, sondern hätte sein Angebot angenommen.

Vielleicht hatte sie die Wahrheit gesagt und wollte wirklich ihrer Mutter helfen, dennoch war sie nicht mehr das warmherzige, mitfühlende Mädchen, das er in seiner Kindheit und Jugend so gerngehabt hatte. Sie war der einzige Mensch gewesen, der ihm zuhörte, und hatte ihn nie ausgelacht wegen seiner kühnen Ideen. Dass sie sich so sehr verändert hatte, schockierte ihn.

In seiner Arroganz hatte er geglaubt, ihre Freundschaft sei für sie so wertvoll und einmalig, dass sie sogar sein jahrelanges Schweigen und seine Abwesenheit überstehen würde. Offenbar hatte er sich getäuscht. Sie wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben. Davon musste er jedenfalls ausgehen.

Früher hatte sie sich gern von ihm nach Hause bringen lassen. Sie war die erste Frau, die eine Fahrt in seinem Sportwagen ausschlug. Wahrscheinlich fühlte er sich in seinem Stolz verletzt, weil sie nicht beeindruckt war von dem, was er erreicht hatte, und ihm ihre damalige Freundschaft offensichtlich nichts mehr bedeutete.

Als sie ihn gesehen hatte, hatte es in ihren Augen mit den dunklen Rändern aufgeleuchtet, doch während des kurzen Gesprächs hatte er das Gefühl gehabt, sie blicke durch ihn hindurch. Das hatte ihn ratlos gemacht. Geradezu schmerzlich vermisste er die Lebenslust und – freude, die sie damals versprüht hatte. Nur ein einziges Mal zuvor, als Fünfjähriger, hatte er sich so verzweifelt und hilflos gefühlt.

Er betrat jetzt das „Rosa“, in dem gerade die Tische für das Abendessen gedeckt wurden. Ohne zu zögern, eilte er weiter in die Küche zu seiner Schwester. Eigentlich hatte er vorgehabt, hier etwas zu sich zu nehmen. Doch nach der Begegnung mit Clara war ihm der Appetit vergangen.

In dem Restaurant, das nach seiner Großmutter benannt worden war und mit dem sein Vater sich einen Traum erfüllt hatte, wurden traditionelle italienische Gerichte angeboten, die selbstverständlich frisch zubereitet wurden. Die mit Fresken geschmückten Wände und der Terrakottaboden vermittelten eine behagliche Atmosphäre.

Gern erinnerte er sich an den ganz besonderen Duft der Tomatensauce, der Spezialität des Hauses. Sein englischer Großvater hatte das Rezept seiner Großmutter, die seine Geliebte gewesen war, anvertraut. Sie hatte es später an ihren Sohn Luca, Valentinos Vater, weitergegeben. Luca hatte es noch verbessert, und genau das war der Grund für die Popularität seines Lokals, auch wenn er momentan hoch verschuldet war.

Valentino konnte ihm finanziell helfen und war deshalb auf Isabellas mehrfache Bitten nach Hause gekommen. Doch was er über seinen Vater erfahren hatte, hatte ihn sehr enttäuscht. Er kam nur schwer damit zurecht. Zu allem Überfluss musste er auch noch Rücksicht auf die angeschlagene Gesundheit und den Stolz seines Vaters nehmen.

Claras Zurückweisung schmerzte jedoch mehr als alles andere. Am liebsten wäre er sofort nach Monaco zurückgefahren, um sich auf das in Kürze in Amerika stattfindende Rennen vorzubereiten. Aber er konnte Isabella nicht schon wieder enttäuschen. Er hatte ihr versprochen, dieses Mal etwas länger zu bleiben. Heute Abend würde er ihr seine Vorschläge unterbreiten, wie er seinem Vater helfen wollte. Je eher er die Sache regelte, desto schneller konnte er sich verabschieden.

Als er die Küche betrat, begrüßte seine Schwester ihn erfreut und sagte dem Koch, dass sie kurz wegmüsse. Dann bedeutete sie Valentino mit einer Kopfbewegung, ihr zur Hintertür zu folgen. Sie gingen zu einer der Brücken des Flusses, der vor vielen Jahren in einen befestigten Kanal umgeleitet worden war, und lehnten sich an das Geländer.

„Hast du dich mit Max geeinigt wegen der Villa?“, begann Isabella ohne Einleitung. „Sie steht schon lange leer, und er hat gehofft, dass du interessiert bist.“

Valentino nickte. „Ja, ich habe mit ihm vereinbart, sie für einen Monat zu mieten und den Vertrag zu verlängern, falls ich länger hierbleibe. Sie ist sehr geräumig und die perfekte Lösung in meiner derzeitigen Situation.“

„Ich dachte, du wolltest den ganzen Sommer hier verbringen“, sagte sie betrübt.

Das hatte er auch beabsichtigt – ehe er sich durch Claras Zurückweisung in seinem Stolz gekränkt fühlte. Niemals hätte er erwartet, dass sie ihn einmal verletzen würde, weder absichtlich noch unabsichtlich. Eigentlich konnte es ihm egal sein, doch es schmerzte viel zu sehr.

„Du weißt doch, ich lasse mich nicht gern festnageln“, erwiderte er. Isabella hörte das natürlich nicht gern. Sie hatte für ihn und Cristiano so viele Jahre Mutterersatz gespielt, dass sie immer noch glaubte, ihn und seinen Bruder bevormunden zu müssen.

Sie hatte ihm zunächst vorgeschlagen, in das leer stehende Haus der Casalis am See „Clarissa“, das jetzt nur noch als Ferienquartier diente, zu ziehen. Es war leicht und schnell zu erreichen, dennoch hatte er erklärt, es sei ihm zu weit weg. In Wahrheit wollte er es jedoch nie wieder betreten nach allem, was vor vielen Jahren dort geschehen war. Damit quälte er sich sowieso schon sein Leben lang herum.

„Es tut mir leid, dass du nicht bei uns wohnen willst. Papà hätte sich gefreut.“

Seine Schwester verschloss die Augen vor den Tatsachen, sonst hätte sie so etwas gar nicht in Erwägung gezogen. Ihr Harmoniebedürfnis brachte ihn zum Wahnsinn. Er nahm es ihr immer noch übel, dass sie ihre älteren Zwillingsbrüder Alessandro und Angelo kennenlernen wollte, von deren Existenz er und seine Geschwister nichts geahnt hatten.

Doch dank seiner Tante Lisa, die immer wieder Unfrieden stiftete, war Lucas sorgsam gehütetes Geheimnis vor Kurzem gelüftet worden. Jetzt war Isabella entschlossen, die Zwillinge in die Familie zu integrieren, wofür Valentino kein Verständnis hatte.

„Ich lebe schon zu lange allein, Izzy“, erklärte er. „Außerdem kümmerst du dich doch um unseren Vater, deshalb kann er auf meine Gesellschaft verzichten. Ich wäre nur im Weg. Versteh mich bitte nicht falsch.“

„Das tue ich auch nicht.“

„Ich finde es wirklich bewundernswert, wie sehr du ihm hilfst“, stellte er wahrheitsgemäß fest. Sie war auf ihre Art ein wunderbarer Mensch und mit dem langen gewellten dunklen Haar und der leicht gebräunten Haut eine schöne Frau. Und sie hielt die Familie zusammen. „Ohne dich würde unser Vater schon lange nicht mehr zurechtkommen.“

„Danke“, antwortete sie ruhig.

„Das wollte ich dir schon immer sagen.“ Tag für Tag arbeitete sie viel und hart, ohne sich jemals zu beschweren, und er hatte ein schlechtes Gewissen, weil er daran gedacht hatte, schon wieder abzureisen.

Sie sah ihn aufmerksam an. „Du bist in einer seltsamen Stimmung, finde ich. So nachdenklich kenne ich dich gar nicht. Was ist passiert?“

Wie einer Mutter blieb auch Isabella kaum etwas verborgen. Die zufällige Begegnung mit Clara Rossetti war ganz anders verlaufen, als er es sich gewünscht hätte, und deshalb war er beunruhigt und aufgewühlt.

„Ich habe bestimmte Vorstellungen, wie er seine finanzielle Situation verbessern kann. Unser Vater ist allerdings recht unflexibel, und ich bezweifle, dass er mir überhaupt zuhört. Wahrscheinlich bin ich sowieso der letzte Mensch, von dem er Ratschläge annehmen würde.“

„Wieso das denn? Du bist ein erfolgreicher Geschäftsmann.“

„Das beeindruckt ihn doch nicht.“

„O doch.“

Valentino schüttelte den Kopf. „Machen wir uns doch nichts vor, Izzy. Du weißt genau, was los ist. Ich bin nicht sein leiblicher Sohn, sondern erinnere ihn immer wieder an die Liebesaffäre unserer Mutter mit einem anderen Mann.“

„Unser Vater hat dich wie ein eigenes Kind großgezogen und dich genauso behandelt wie Cristiano und mich.“

„Ja. Aber jedes Mal, wenn im Fernsehen über mich berichtet wird, fragt er sich wahrscheinlich, welcher Typ für meine Existenz verantwortlich ist. Dieser Mensch will allerdings nichts mit mir zu tun haben und ist mir deshalb völlig egal.“

Isabella blickte ihn skeptisch an.

„Er hätte mit unserer Mutter ein Besuchsrecht vereinbaren können, wenn er es gewollt hätte. Unser, besser gesagt, euer Vater hat mich einfach akzeptiert, als unsere Mutter zu ihm zurückgekommen ist. Nach ihrem Tod musste er wohl oder übel weiter für mich sorgen. Da er noch nicht einmal seine beiden Ältesten bei sich haben wollte, bin ich doch für ihn nur ein lästiges Übel.“

„Nein, Valentino, das siehst du völlig falsch.“ Sie umarmte ihn.

„Lass uns das Thema lieber beenden, Izzy. Das ist Schnee von gestern.“ Die schockierende Enthüllung, dass ihr Vater zwei Söhne aus erster Ehe hatte, die irgendwo in Amerika lebten, beschäftigte ihn immer noch viel zu sehr.

„Verrat mir, wie du dir die finanzielle Rettung vorstellst“, bat Isabella ihn.

„Ich weiß nicht, ob es funktioniert, man könnte es wenigstens versuchen. Das Restaurant war der Traum unseres Vaters, und wir alle wollen, dass es erhalten bleibt.“

„So ist es.“

„Ich meine, wir könnten Werbung machen und Busreiseveranstalter in Rom, Neapel, Florenz und Mailand ansprechen, damit sie hier für ihre Touristen eine Mittagspause einlegen.“

„Das ist eine glänzende Idee“, erwiderte sie begeistert.

„Ich befürchte allerdings, papà wird es rundweg ablehnen. Ich würde auch gern eine Website für ihn erstellen, sodass man Reservierungen über das Internet vornehmen kann. Durch die Präsenz im Netz wird man bekannter, was sich schließlich auch am Umsatz bemerkbar macht.“

„Ja, das klingt gut“, stimmte sie ihm zu.

„Was meinst du, wann soll ich mit ihm reden?“

„Am besten beim Frühstück.“

„Okay, dann komme ich morgen früh. Wenn er gut gelaunt ist, unterbreite ich ihm meine Vorschläge.“

„Ich bin wirklich froh, dass du uns helfen willst.“

Und ich bin froh, wenn ich wieder wegfahren kann, dachte er. „Da fällt mir ein, ich bin Clara Rossetti begegnet.“

„So? Früher wart ihr unzertrennlich. Manchmal hatte ich das Gefühl, sie war der einzige Mensch, den du nach dem Tod unserer Mutter noch gernhattest. Zuweilen war ich eifersüchtig auf Clara.“

„Das war mir nicht bewusst.“ So deutlich hatte man ihm seine Zuneigung zu Clara also angemerkt.

„Ich habe sie vor Kurzem in der Kirche gesehen. Sie hat sich zu einer wahren Schönheit entwickelt.“

„O ja, das hat sie.“

„Bianca auch. Du erinnerst dich an ihre Schwester, oder?“

„Natürlich.“ Sie war beinah genauso nett gewesen wie Clara. Mit ihrem Zwillingsbruder Silvio war er jedoch nicht gut zurechtgekommen. Die Kinder der Casalis und Rossettis hatten dieselben Schulen besucht, und von Anfang an hatte Silvio ihn nicht ausstehen können.

Auf dem Gymnasium hatte Silvio den Beschützer seiner Schwester Clara gespielt und nichts unversucht gelassen, sie von Valentino fernzuhalten.

„Es geht das Gerücht um, Clara sei mit einem der Brüder Romaggio befreundet“, erzählte Isabella.

Deshalb also hat sie mich so abweisend behandelt, überlegte er. „Mit welchem?“

„Mit Leandro, glaube ich. Er ist der attraktivere der beiden und besitzt jetzt eine Gemüsefarm. Die jungen Frauen aus der ganzen Umgebung beneiden Clara um ihn.“

Das konnte Valentino sich nicht vorstellen. Er kannte die beiden aus der Schulzeit. Leandro besaß mehr Muskeln als Verstand, während Clara die Intelligenteste ihres Jahrgangs gewesen war. Dieser junge Mann war bestimmt nicht ihr Typ.

Dennoch verspürte er so etwas wie Eifersucht. „Sei mir bitte nicht böse, ich möchte mich jetzt verabschieden. Heute Morgen bin ich sehr früh aus Monaco weggefahren und ziemlich erschöpft.“

„Das kann ich verstehen.“

„Wir sehen uns morgen.“ Er küsste seine Schwester auf die Wange, ehe er sich auf den Weg zu der Villa machte.

Er war allerdings Isabella gegenüber nicht ganz ehrlich gewesen. Zwar stimmte es, dass er um fünf Uhr aufgestanden war. Dennoch war er hellwach, denn die Behauptung, man solle nicht an einen Ort zurückkehren, den man verlassen hatte, schien sich für ihn zu bewahrheiten. Dass Clara sich sehr verändert hatte, ließ ihm keine Ruhe.

Wenig später betrat er die Villa, die aus dem achtzehnten Jahrhundert stammte und von einem Vorfahren von Prinz Maximilliano Di Rossi als Sommersitz erbaut worden war. Max, der mit Izzy verlobt war und sie heiraten wollte, hatte Valentino das Haus mit dem herrlichen Blick auf die malerische Landschaft für die Dauer seines Aufenthalts in Monta Correnti als Bleibe angeboten. Valentino war darauf gern eingegangen, allerdings bestand er darauf, Miete zu zahlen. So fühlte er sich freier und unabhängiger.

Als er jetzt seine Schritte in der Eingangshalle widerhallen hörte, wurde ihm bewusst, wie leer ein Zuhause ohne einen anderen Menschen war. An so viel Ruhe und Frieden war er nicht gewöhnt, und er wusste nicht, ob er es hier auch nur einen Monat aushalten würde.

Er kannte genug junge Frauen, die ihm gern Gesellschaft geleistet hätten, doch jede würde eine solche Einladung falsch interpretieren. Dabei dachte er gar nicht daran, seine Freiheit aufzugeben.

Da bin ich ganz anders als papà, der zweimal verheiratet war, überlegte er. Von seiner ersten Frau war Luca geschieden, aber mit der zweiten, Valentinos Mutter, wäre er sicher immer noch zusammen, wenn sie nicht so früh gestorben wäre. Zwar scheute Valentino keine Gefahr und ließ sich auf jedes Abenteuer ein, was eine feste Beziehung anging, war er jedoch vorsichtig.

Obwohl er nichts über seinen leiblichen Vater wusste, vermutete er, dass er nie geheiratet hatte. Sonst hätte er sicher ihm gegenüber Vatergefühle entwickelt und ihn kennenlernen wollen.

Er ging in die Küche und holte sich ein Bier aus dem Kühlschrank. Dann rief er seinen Freund Roger an und unterhielt sich eine halbe Stunde mit ihm, ehe er mit Claude, dem Manager seiner Motorradfabrik, telefonierte. Anschließend duschte er und beschloss, ins Bett zu gehen.

Schlafen konnte er jedoch nicht, denn seine Gedanken kreisten unaufhörlich um Clara. Während all der Jahre, die er in Monta Correnti gelebt hatte, war sie seine einzige Freundin gewesen. Würde sie jetzt einen anderen Mann heiraten? Morgen werde ich es herausfinden, nahm er sich vor.

2. KAPITEL

Als Clara am nächsten Morgen Jeans und ein pinkfarbenes Top anzog, kam Bianca, die schon wieder schwanger war, mit ihrem sechs Monate alten Sohn auf dem Arm herein.

Mamma möchte wissen, wie dein Zustand heute ist“, erklärte sie.

„Gut“, antwortete Clara, während sie in ihre Sandaletten schlüpfte. „Und wie geht es Paolito?“ Der Kleine lachte, als sie ihn liebevoll auf die Stirn küsste.

Sie gingen durch die Eingangshalle des Gutshauses in die Küche, wo sich die Familie regelmäßig zu den Mahlzeiten versammelte. Es war genauso Claras Heim wie das ihrer Eltern und Großmutter mütterlicherseits, die wie sie im Erdgeschoss wohnten. Nach einem Schlaganfall saß die einundneunzigjährige Frau im Rollstuhl. Bianca, Silvio und die anderen Geschwister lebten mit ihren Ehepartnern und Kindern in den Obergeschossen. Alle anderen Verwandten waren rund um Monta Correnti herum verstreut.

Ihr Vater blickte sie besorgt an. „Fein, dass du aufgestanden bist. Ist alles in Ordndung?“

Sie küsste ihn auf den beinah kahlen Kopf. „Ja. Ich bin sehr hungrig.“ Dann wandte sie sich an ihre Mutter, die die ganze Familie bediente. „Setz dich, mamma, du arbeitest viel zu viel. Ich hole mir das Frühstück selbst.“

„Nein, das kommt nicht infrage. Du musst dich schonen.“

„Heute Morgen geht es mir wirklich außergewöhnlich gut.“

„Das freut mich. Nimm trotzdem Platz, und fang an zu essen.“

„Ja, mamma.“ Sie setzte sich Silvio gegenüber hin und blickte seine drei Kinder, die sieben, fünf und drei Jahre alt waren, lächelnd an.

„Du siehst heute Morgen viel besser aus sonst“, stellte Silvios schwangere Frau Maria freundlich fest.

„Ich fühle mich fit genug, um heute den Marktstand zu übernehmen“, erwiderte Clara und trank den Orangensaft, den ihre Mutter für sie frisch gepresst hatte.

„Nein, das erlaube ich nicht“, protestierte Silvio, dessen Beschützerinstinkt für ihren Geschmack viel zu weit ging.

„Mutest du dir auch nicht zu viel zu?“, fragte ihre Mutter und stellte ein heißes Omelett vor sie auf den Tisch.

„Natürlich nicht. Und danke, mamma.“ Clara war ganz gerührt, wie liebevoll ihre Mutter dafür sorgte, dass sie nur das Beste zu essen bekam.

„Sagst du uns auch die Wahrheit?“

„Ganz bestimmt. Ich wäre im Bett geblieben, wenn ich mich nicht wohlfühlte“, antwortete Clara. Es brachte sie fast zur Verzweiflung, dass alle so besorgt um sie waren und alles für sie tun wollten. In den letzten drei Monaten war sie für ihre hart arbeitende Familie sicher eine Belastung gewesen, und das empfand sie als sehr bedrückend.

„Du traust es dir also wirklich zu?“ Ihr Vater sah sie aufmerksam an.

„Ja, papà“, erwiderte sie ruhig. „An manchen Tagen geht es mir schon beim Aufwachen ziemlich schlecht, doch heute ist alles in Ordnung, und deshalb will ich mich nützlich machen.“

In seinen Augen schimmerte es feucht. „Gut, dann bin ich einverstanden.“

Insgeheim bedankte sie sich bei ihm. Silvio stellte jedoch die Tasse viel zu hart auf den Tisch, sodass kein Zweifel darüber bestand, was er von der Sache hielt. Da er Clara mit seiner Fürsorge fast erdrückte, fand sie den Umgang mit ihm schwieriger als mit dem Rest der Familie.

In dem Moment kam Biancas Mann Tomaso herein. Er hatte den Marktstand aufgebaut.

„Du hast Besuch, Clara“, verkündete er sichtlich beeindruckt.

„Wer ist es?“ Sie hatte Mühe, ruhig und gelassen zu wirken, denn sie kannte die Antwort.

„Valentino Casali. Er fährt den neuesten Ferrari.“

Plötzlich sprang Silvio auf und fluchte dabei so kräftig wie noch nie zuvor.

„Es reicht! Nimm dich zusammen“, forderte sein Vater ihn auf.

„Clara hat seit Jahren nichts von ihm gehört, papà. Er ist kein guter Umgang für sie und hier nicht willkommen. Ich will ihn bei uns nicht sehen“, erklärte Silvio ärgerlich.

Die Gehässigkeit ihres Bruders bestürzte Clara. In all den Jahren ihrer Freundschaft mit Valentino hatte er sie kein einziges Mal zu Hause besucht. Wenn er sie auf dem Motorscooter mitgenommen hatte, hatte er sie immer an der Abzweigung zu dem Gutshof abgesetzt.

„Ich gehe nach draußen und frage ihn, was er will.“ Sie bereute, dass sie ihn bei ihrer Begegnung so kurz abgefertigt und nicht mehr Zeit mit ihm verbracht hatte. Er war einfach unvergleichlich. Vielleicht wollte er seinen Aufenthalt in Monta Correnti schon wieder beenden und sich nur verabschieden, nachdem sie ihm am Tag zuvor scherzhaft vorgehalten hatte, sie in den vergangenen neun Jahren nie besucht zu haben.

Sie stand auf und verließ das Haus durch die Hintertür. Als sie um die Ecke bog, erblickte sie den schwarzen Sportwagen weiter unten auf der Einfahrt.

Valentino stieg aus und kam ihr entgegen. In dem schwarzen Hemd mit dem offenen Kragen und der hellen Hose sah er so gut aus, dass es ihr fast den Atem raubte.

„Hallo, Clarissima! Kannst du mir verzeihen, dass ich dich so früh störe?“, begrüßte er sie charmant lächelnd.

Ja, ich hatte recht, er reist schon wieder ab, dachte sie betrübt.

Er ließ den Blick über ihre verführerischen Rundungen gleiten und musterte sie von Kopf bis Fuß. Irgendwie überraschte sie das nicht. Vor drei Jahren hatten sie und Bianca endlich dank einer speziellen Diät das überflüssige Gewicht verloren, mit dem sie sich so lange herumgequält hatten.

„Da gibt es nichts zu verzeihen. Du weißt doch, wir stehen immer sehr früh auf.“

Seine Miene wurde ernst. „Ich hätte dich natürlich anrufen können, war aber der Meinung, ich hätte mehr Glück, mit dir reden zu können, wenn ich persönlich hier aufkreuze.“

Sie war froh, dass er gekommen war. Zweifellos hatte er nicht vergessen, wie sehr Silvio damals versucht hatte, sich in ihre Freundschaft einzumischen, und deshalb nicht riskieren wollen, dass ihr Bruder ihn am Telefon abwimmelte.

„Tomaso ist von deinem Auto total begeistert.“

„Aber du nicht, oder?“

„Doch, natürlich“, versicherte sie.

„Komm mit, lass uns irgendwohin fahren. Ich muss mit dir reden.“

Valentinos so sanft klingende Stimme ging ihr unter die Haut. Doch er durfte die Wahrheit nicht ahnen. Wenn sie jetzt mit ihm ging, bedeutete das am Ende nur noch mehr Kummer und Schmerz.

Deshalb schüttelte sie den Kopf. „Ich habe leider keine Zeit, ich bin den ganzen Tag an unserem Stand beschäftigt.“

Seine Miene verfinsterte sich. „Wovor hast du Angst?“

Clara wich einige Schritte zurück. „Vor nichts. Worüber willst du denn mit mir reden? Es ist doch alles schon viele Jahre her.“

„Neun, um genau zu sein. Das ist für alte Freunde viel zu lange. Ich bin hier, um alles wiedergutzumachen.“ Er lächelte leicht gequält. „Du willst mich hoffentlich nicht schon wieder zurückweisen so wie gestern, als ich dich nach Hause fahren wollte.“

„Weshalb hätte ich dein Angebot annehmen sollen? Der Bus kam doch schon. Natürlich wollte ich dich nicht beleidigen“, fügte sie hinzu, um ihn zu besänftigen.

„Ich bin auch nicht beleidigt. Okay, ich komme später wieder, sobald der Markt vorüber ist“, erklärte er.

„Nein, mach das bitte nicht.“ Panik erfüllte sie. Wenn sie den ganzen Tag gearbeitet hatte, musste sie sich unbedingt ausruhen, und dann würde er merken, dass etwas nicht stimmte.

Er zog die Augenbrauen hoch. „Hast du schon etwas anderes vor heute Abend? Bis du vielleicht mit deinem Freund verabredet?“

„Ja“, behauptete sie, froh über die Ausrede, die er ihr in den Mund gelegt hatte.

Es fehlte ihr nicht an Verehrern, und sie war mit einigen jungen Männern aus der Umgebung ausgegangen, auch mit Leandro, der ganz besonders hartnäckig gewesen war. Doch ihr war schon bald klar geworden, dass sie sich weder für ihn noch für irgendeinen anderen wirklich interessierte. Das brauchte Valentino jedoch nicht zu wissen.

„Wann wirst du abgeholt?“

„Sobald er mit der Arbeit fertig ist“, improvisierte sie.

„Und wann bist du mit der Arbeit fertig?“

„Das kann ich so genau nicht sagen“, erwiderte sie ausweichend.

„Wieso nicht? Du weißt doch sicher, ob der Stand um vier oder um fünf abgebaut wird, oder?“ Seine Stimme klang sanft.

„Warum stellst du mir eigentlich alle diese Fragen?“, platzte sie aufgebracht heraus.

Er blickte sie fassungslos an, so kannte er sie gar nicht. „Ich hatte gehofft, du hättest trotz deiner vielen Arbeit einige Minuten Zeit für mich.“

Sie wandte den Blick ab. „Nein, heute leider nicht“, antwortete sie schon wieder etwas ruhiger.

„Du hörst dich an wie Silvio“, stellte er kurz angebunden fest. „Entschuldige, dass ich dich gestört habe. Das war nicht meine Absicht.“ Er drehte sich um und ging zu seinem Wagen.

Dass er sie mit ihrem Bruder verglich, gefiel ihr gar nicht. „Wie lange bleibst du in Monta Correnti?“, rief sie hinter ihm her.

Er öffnete die Fahrertür. „Bis sich die Situation entspannt hat.“

„Was heißt das?“

„Meinem Vater geht es nicht gut.“

Sie schluckte. „Das tut mir leid. Ist es etwas Ernstes?“

„Hoffentlich nicht.“ Er stieg ein.

„Warte!“ Warum musste sie so ängstlich klingen? Sie ärgerte sich über sich selbst.

„Was ist?“ Er sah sie an.

„Ich muss morgen Vormittag in Monta Correnti etwas erledigen. Wenn du möchtest, können wir uns im Café Bonelli an der Piazza Gaspare in der Nähe der Bushaltestelle treffen und einen Kaffee trinken.“

„Um wie viel Uhr?“

„Ist es dir um zehn recht?“

„Okay, ich bin da. Danke, piccola.“

Um acht am nächsten Morgen machte sich Valentino in Jeans und Poloshirt auf den Weg zum Restaurant. Mit dem Schlüssel, den Isabella ihm gegeben hatte, öffnete er die Hintertür und betrat die Küche, um mit seinem Vater zu frühstücken und mit ihm über das Geschäftliche zu reden.

Allerdings hatte er nicht viel Hoffnung, etwas zu bewirken. Sein Vater kannte sich bestens aus mit der Führung des Betriebs, sodass er sich von niemandem Ratschläge erteilen ließ.

In der Küche war niemand, doch dann entdeckte er seinen Vater auf einer Stufenleiter in der Vorratskammer mit einem Klemmbrett in der Hand.

Um ihn nicht zu erschrecken, kam Valentino vorsichtig näher. Sein Vater war noch dünner als auf seiner Geburtstagsfeier, aber sein braunes Haar, das mit grauen Strähnen durchzogen war, schien noch genauso voll wie früher zu sein.

„Weshalb schleichst du hier herum?“, fuhr er seinen Sohn an, als er ihn bemerkte.

Was für eine Begrüßung! Valentino hatte Mühe, sich zu beherrschen. „Ich wollte dich nicht erschrecken, das ist alles. Ich sehe, du bist mit der Inventur beschäftigt. Meinst du nicht …?“

„Jetzt fang du nicht auch noch so an“, unterbrach ihn sein Vater ärgerlich. „Meine Schwester Lisa hat mir bereits schon vorgehalten, ich sei zu alt und zu behindert, um mein eigenes Restaurant zu führen. Isabella hat dich wahrscheinlich gebeten, ein ernstes Wort mit mir zu reden. Gib es zu.“

Eigentlich war es nichts Neues, dass sein Vater keinen Wert auf seine Anwesenheit legte, dennoch zuckte Valentino insgeheim zusammen. „Ich habe Isabella heute Morgen noch gar nicht gesehen. Ist sie auf dem Markt?“

„Keine Ahnung.“

Das war eine glatte Lüge, denn sein Vater wusste immer alles. „Ich bin hier, um euch zu helfen. Wenn du also Hilfe bei der Inventur brauchst, sag mir Bescheid. Mach doch eine Pause, und lass uns zusammen frühstücken.“

„Nein, das geht jetzt nicht.“

„Kann ich irgendetwas für dich tun?“, versuchte Valentino es noch einmal.

„Nein, nein. Geh wieder, und amüsier dich.“

Dieser Ausspruch erinnerte ihn an seine Kindheit. Es fehlte nur noch, dass sein Vater ihm mit der Hand über den Kopf fuhr. „Okay, dann bis später.“

Als er zur Tür hinausgehen wollte, fragte sein Vater: „Wie lange bleibst du dieses Mal hier?“

Am liebsten hätte Valentino erklärt, er fahre auf der Stelle zurück. „Lange genug, um dir zu helfen“, antwortete er jedoch nur. „Ciao, papà.“ Frustriert verließ er das Restaurant und machte sich zu dem Treffpunkt mit Clara auf. Er wollte früh genug und vor ihr dort sein.

Er setzte sich an einen Tisch draußen vor dem Café, bestellte sich einen Kaffee und wartete. Um zwanzig vor zehn stieg Clara aus dem Bus.

Sekundenlang betrachtete er ihre schlanke Gestalt. Sie trug eine perfekt sitzende Caprihose und eine orangefarbene Bluse, die sie in der Taille geknotet hatte. Dass sich die Männer nach ihr umdrehten, wunderte ihn nicht, denn sie sah hinreißend schön aus, schien allerdings die Aufmerksamkeit, die sie erregte, gar nicht zu bemerken.

Valentino stand auf und ging auf sie zu. „Suchen Sie jemanden, Signorina?“, fragte er ruhig.

Überrascht hob sie den Kopf. „Tino! Du bist schon da.“

„Ja, meine Schöne.“ Das Kompliment ließ sie erröten. „Komm, wir setzen uns hinein. Ich habe eine torta setteveli entdeckt, eine Geburtstagstorte mit unseren Namen darauf. Davon lassen wir uns ein Stück schmecken.“ Ein paar Kilo mehr konnten ihr nicht schaden.

„O nein, ich nicht“, protestierte sie. Ihr Lachen erinnerte ihn an damals. „Die Zeiten sind endgültig vorbei“, fügte sie hinzu.

Hoffentlich nicht, dachte er und beschloss, während er mit ihr das Café betrat, dazu lieber nichts zu sagen.

„Was kann ich für Sie tun?“, fragte die Frau hinter der Theke freundlich.

„Wir hätten gern ein großes Stück davon mit zwei Gabeln.“ Er wies auf die Torte. „Dazu für jeden einen Cappuccino“, fügte er hinzu, ohne Clara zu fragen. Da sie früher immer Cappuccino zusammen getrunken hatten und sie keine Einwände erhob, nahm er an, dass sie einverstanden war.

„Gern, Signore.“

Er legte Clara die Hand unter den Ellbogen und führte sie an einen Zweiertisch in der Ecke gegenüber vom Fenster.

„Hier sieht uns niemand.“

„Du versteckst dich vor den Paparazzi, oder?“

„Nein, vor Leandro Romaggio. Ist er eifersüchtig?“

Sie sah ihn verblüfft an. „Wer hat dir denn von ihm erzählt?“

„Ach, so etwas spricht sich herum.“

Nachdem sie sich hingesetzt hatten, erklärte sie: „Wenn er gewusst hätte, dass ich dich treffe, hätte er mich gebeten, ihm ein Autogramm von dir mitzubringen. So eine Berühmtheit wie dich kennt hier jeder.“

Aus irgendeinem Grund ärgerte er sich über die Bemerkung. „Beeindruckt dich meine angebliche Berühmtheit etwa?“

„Natürlich. Sie macht mich aber auch etwas traurig.“

Er zog die Augenbrauen zusammen. „Wieso?“

„Dir war deine Privatsphäre immer so wichtig. Es ist schon eine Ironie des Schicksals, was mit dir geschehen ist. Ich weiß, wie sehr du es hasst, überall erkannt zu werden. Mir ist rätselhaft, wie du damit zurechtkommst.“

Seltsamerweise machte ihm ihr Einfühlungsvermögen Hoffnung. „Vielleicht verstehst du jetzt, warum ich dich unbedingt wiedersehen wollte. Du bist der einzige Mensch, der wirklich weiß, wie ich bin.“

Sie schenkte ihm ein wehmütiges und zugleich verführerisches Lächeln. „Du hast dich immer darüber beschwert, dass sich andere in deine Angelegenheiten einmischten, statt sich um ihre eigenen zu kümmern.“

Er musste lachen. „Das klingt gar nicht gut. Offenbar war ich ziemlich unausstehlich.“

„Nein, du warst nur immer du selbst und hast die Wahrheit gesagt. Das hat mir genauso gut gefallen wie deine Genialität.“

„Ah ja, meine Genialität“, wiederholte er spöttisch, während die Bedienung ihnen die Torte und den Cappuccino brachte.

„Sei nicht so bescheiden, Tino“, forderte Clara ihn scherzhaft auf, als sie wieder allein waren. „Ich weiß noch, wie du an deinem Motorscooter herumgebastelt hast. Du hattest davon geträumt, ein Motorrad zu entwickeln, das alle anderen Modelle in den Schatten stellen würde. Und diesen Traum hast du dir erfüllt. Viele deiner früheren Mitschüler und auch Silvio beneiden dich um deinen Erfolg.“ Sie zögerte sekundenlang, ehe sie fragte: „Seinetwegen bist du nie zu uns gekommen, stimmt’s? Meine Mutter fand es immer seltsam, dass du mich nie besucht hast.“

„Ich wollte vermeiden, dass du meinetwegen Ärger mit ihm bekamst.“

„Mein Vater hatte ihn gebeten, auf mich und Bianca aufzupassen. Leider hat er diese Aufgabe etwas zu ernst genommen.“

„Okay, das ist Vergangenheit“, meinte er. „Was macht Silvio eigentlich jetzt?“

„Er wird eines Tages den Gutshof übernehmen. Im Gegensatz zu meinen anderen beiden Brüdern ist er meinem Vater eine große Hilfe.“

„Das kann ich leider von mir nicht behaupten“, gab Valentino zu. „Als ich meinem heute Morgen anbot, ihm bei der Inventur zu helfen, hat er mir geantwortet, ich solle gehen und mich amüsieren. Er ist davon überzeugt, ich sei zu nichts nütze.“

„Du warst nur zu lange weg, das ist alles. Wahrscheinlich ist er glücklich, dass du endlich da bist, und will nichts Falsches sagen oder tun, damit du nicht sogleich wieder verschwindest.“

„Glaubst du das wirklich?“, vergewisserte er sich überrascht.

„Ja. Ich bin davon überzeugt“, erklärte sie nachdrücklich.

„Er hält mich aber für ziemlich unzuverlässig“, wandte er ein.

„Du hast doch bewiesen, dass du alles erreichen kannst, was du dir vornimmst.“ Clara blickte ihn nachdenklich an. „Wenn du deinem Vater helfen willst, gib ihm etwas Zeit, sich an den Gedanken zu gewöhnen.“

Vielleicht hat sie ja recht, überlegte er, wollte jedoch mit ihr jetzt nicht über seinen Vater oder ihren Bruder reden. Er schob ihr den Teller mit der Torte hin. „Du fängst an dem einen Ende an und ich an dem anderen, und wir treffen uns irgendwo in der Mitte.“ Er reichte ihr eine Kuchengabel.

Mit einem rätselhaften Lächeln nahm Clara sie entgegen. „Okay, aber nur ein winziges Stück.“

Während sie langsam das erste kleine Stück in den Mund schob, zögerte er nicht, ein größeres zu nehmen. „Also das steckt hinter deinem Gewichtsverlust.“

„Alle Rossettis neigen zu Übergewicht. Vor drei Jahren entdeckte ich in einem Magazin eine Diät, die mir vernünftig erschien, und beschloss, sie auszuprobieren. Bianca hatte gerade geheiratet und machte spontan mit.“

„Hat sie jetzt auch so eine perfekte Figur wie du?“

Sie errötete. „Sie sieht gut aus, ist allerdings wieder schwanger.“

„Das heißt, sie hat schon ein Kind?“

„Ja. Paolito ist ein bezaubernder Junge. Ich wünschte, ich hätte auch so einen Sohn.“

Ihm entging der seltsame Unterton in ihrer Stimme nicht. „Wie alt ist er?“

„Sechs Monate.“

Während meiner Abwesenheit ist hier viel geschehen, dachte er. „Erzähl mir, was du so gemacht hast, nachdem ich Monta Correnti verlassen habe.“

„Was genau willst du denn wissen?“

„Alles.“

„Gut. Du erinnerst dich sicher noch an meine Lieblingscousine Lia, oder?“

„Natürlich.“

„Sie hat vor fünf Jahren einen Bauunternehmer aus Neapel geheiratet, und sie haben inzwischen zwei Kinder. Voriges Jahr hat sich mich eingeladen, zu ihnen zu kommen, und mir angeboten, bei ihnen zu wohnen. Ich bin hingefahren und hatte vor, zwei Wochen zu bleiben. Stattdessen bin ich mir untreu geworden und habe eine Stelle in einem Büro angenommen und mich für ein Business-Studium am College eingeschrieben.“

Überrascht zog er die Augenbrauen hoch. „Hattest du nicht immer erklärt, du würdest dein Zuhause nie verlassen?“

„Ja. Aber die Idee kam mir erst, nachdem du nach Monaco gegangen warst.“

„Was wohl bedeutet, ich habe dir im Weg gestanden und dich daran gehindert, deine Träume zu verwirklichen.“

„Das ist doch dummes Zeug.“ Sie lachte leise. Dennoch wurde ihm klar, dass er längst nicht alles über sie wusste, was ihm gar nicht gefiel.

„Du verblüffst mich.“

„Du weißt doch, dass ich viel Zeit in unseren Zitrushainen verbracht habe. Eines Tages beschloss ich, einen eigenen limoncello zu kreieren.“

„Wie bitte?“ Sie verblüffte ihn schon wieder. Doch da ihre Mutter die beste Köchin weit und breit war, brauchte es ihn eigentlich nicht zu überraschen. Jedenfalls war er damals so sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen, dass er sich nie die Zeit genommen hatte, Clara nach ihren Interessen und Plänen zu fragen. „Und wie ist der Likör?“

„Mein Dozent am College hat behauptet, es sei der beste, den er jemals getrunken habe. Er hat mich aufgefordert, ein Konzept für die Herstellung und den Vertrieb zu erstellen.“

„Fast könnte ich eifersüchtig werden, dass er ihn vor mir testen durfte. Wann kann ich ihn probieren?“

„Ich rufe Lia an. Sie kommt morgen zu unserer Familienfeier und kann den Rest mitbringen, den ich bei ihr habe stehen lassen.“

„Okay, ich werde dich daran erinnern. Was ist aus dem Projekt geworden?“

Statt zu antworten, blickte sie auf die Uhr. „Es tut mir leid, ich muss jetzt weg. Ich habe mich schon verspätet.“

Er ließ sich seine Enttäuschung nicht anmerken. „Was hast du vor?“

„Ich habe noch etwas einzukaufen.“ Sie aß noch ein bisschen Torte und trank den Cappuccino aus.

„Gut, dann begleite ich dich. Ich muss auch noch einiges besorgen.“

Lächelnd schüttelte sie den Kopf. „Nein, ich gehe lieber allein.“ Sie stand auf. „Es war schön, mit dir zu reden und Erinnerungen aufzufrischen. Danke, Tino.“

„Wir können uns doch später noch einmal treffen. Ich fahre dich dann danach nach Hause“, schlug er vor und stand auch auf.

„Das ist nett von dir, aber ich habe schon etwas anderes vor. Ich muss mich beeilen.“

Valentino ging mit ihr zum Ausgang. Wahrscheinlich war sie mit Leandro verabredet. „Danke, dass du gekommen bist, Clara. Es hat mir viel bedeutet. Ich lasse wieder von mir hören.“

„Ja, das wäre herrlich“, erwiderte sie lächelnd.

Herrlich?, überlegte er. Was war los mit ihr? „Ciao, piccola.“

„Ciao.“

Frustriert blickte er hinter ihr her, wie sie mit ihrem beschwingten, verführerischen Gang um die Ecke verschwand. Schließlich ging er in die entgegengesetzte Richtung zur Villa zurück.

Erst hatte sein Vater ihn weggeschickt, und jetzt brachte ihn das viel zu kurze Treffen mit Clara vollends aus dem seelischen Gleichgewicht. Er brauchte unbedingt Abstand und beschloss, nach Neapel zu fahren. Dort würde er frühere Freunde besuchen und mit den Geschäftsführern einiger Reiseveranstalter wegen des Restaurants seines Vaters reden. Wenn er ihm konkrete Zusagen vorlegen könnte, würde ihm sein Vater sicher eher zuhören.

Dass Clara sich so sehr verändert hatte, irritierte ihn viel zu sehr.

3. KAPITEL

Während des Frühstücks hatte Bianca angeboten, am Stand zu helfen, doch Clara hatte abgelehnt. Ihre Schwester litt morgens unter Schwangerschaftsübelkeit, außerdem half sie ihrer Großmutter und kümmerte sich um Paolito. Ihre Mutter war unterdessen in der Küche mit Kochen und Abwaschen beschäftigt, und ihre Schwägerin Maria übernahm das Putzen. So hatte jeder seine Aufgaben, und Clara machte es Spaß, auf dem Markt die Erzeugnisse des landwirtschaftlichen Betriebs ihrer Eltern zu verkaufen, die sogar bis nach Neapel und Rom geliefert wurden und der Familie ein sicheres Einkommen garantierten.

Nachdem sie ihre Jeans und die orangefarbene Bluse angezogen hatte, ging Clara in die Küche, um sich das Lunchpaket zu holen, das ihre Mutter für sie vorbereitet hatte, und nahm auch noch eine Flasche Mineralwasser mit. Dann verließ sie das Haus. Der Himmel war fast wolkenlos, und es wehte eine leichte Brise, sodass ihr nicht zu heiß wurde.

Sie fühlte sich so wohl wie schon lange nicht mehr, was sicher auch etwas mit Valentino zu tun hatte. Am Morgen zuvor hatte er sie geradezu verzaubert. Es war ungeheuer befreiend, wie ein völlig gesunder Mensch behandelt zu werden.

Ihre gute Stimmung wurde allerdings getrübt, als sie beim Verkaufsstand ankam und feststellen musste, dass nicht Tomaso, sondern Silvio ihn dieses Mal aufgebaut hatte und auf sie wartete. Bei seinem Anblick wappnete sie sich gegen das, was unweigerlich kommen würde.

Aus zusammengekniffenen Augen sah er sie an. „Ich habe gehört, dass du gestern Morgen mit Valentino im Café warst. Signora Bonellis Sohn arbeitet dort und hat euch gesehen.“

„Na und?“

„Mit diesem Kerl sollst du dich nicht einlassen.“

Sie atmete tief durch. „Rede bitte nicht so verächtlich über Valentino. Du weißt nichts über ihn und hast kein Recht, dich einzumischen oder mir Vorschriften zu machen.“

Seine Miene wurde immer finsterer. „Dein ganzes Leben lang warst du sein Schatten. Nachdem er Monta Correnti verlassen hatte, warst du ihm völlig egal. Doch seit er wieder hier ist und gesehen hat, wie schön du bist, hat er es sich offenbar in den Kopf gesetzt, dich zu seiner neuesten Eroberung zu machen, ehe er wieder verschwindet.“

Clara rieb sich die Schläfen mit den Fingern, weil sie plötzlich Kopfschmerzen verspürte. „Wir sind nur Freunde, Silvio. Mehr ist da nicht“, entgegnete sie.

„Ein Mann wie er benutzt die Frauen doch nur, egal, ob er etwas für sie empfindet oder nicht“, behauptete Silvio empört. „Es macht mich wütend, dass er plötzlich hier auftaucht und genau wie damals wieder alles an sich reißt.“

„Wieder alles an sich reißt? Was meinst du damit? Viele Jahre waren wir die allerbesten Freunde, deshalb ist es doch ganz normal, dass wir uns viel zu erzählen haben“, wandte sie ein.

„Und was ist mit Leandro?“

„Was soll mit ihm sein? Er interessiert mich nicht, wie mir schon bei unserem ersten Treffen klar war.“

Seine Miene wurde hart. „Niemand wünscht sich mehr als ich, dass du jemanden findest, der dich liebt und den du liebst. Valentino Casali ist für dich nicht der richtige Mann, er ist überhaupt nicht fähig, jemanden zu lieben. Es ging doch durch alle Medien, dass er momentan mit dieser französischen Schauspielerin zusammenlebt.“

„Ich weiß. Er ist wegen seines Vaters hier. Weshalb sollte er bei der Gelegenheit nicht alte Freundschaften auffrischen? Wir sind uns an der Piazza Gaspare zufällig über den Weg gelaufen. Es ist eine harmlose Sache und keineswegs so schlimm und bedrohlich, wie du tust.“

Er hörte ihr jedoch nicht zu. „Du musst den Verstand verloren haben, dich wieder mit diesem Mann einzulassen.“

„Wenn ich das wirklich tun würde, wäre es immer noch meine eigene Angelegenheit.“

„Clara!“, rief er aus und legte ihr zerknirscht die Hände auf die Schultern. „Ich meine es doch nur gut.“

„Das bezweifle ich auch nicht.“ Ihr Bruder hatte das Herz auf dem rechten Fleck, trotzdem vergaß er, dass sie kein Kind mehr war und er ihr keine Vorschriften machen konnte.

„Weißt du nicht, dass ich alles für dich tun würde? Nur weil ich dich so gernhabe, möchte ich verhindern, dass Valentino seinen Spaß mit dir hat und dich dann sitzen lässt wie all die anderen Frauen vor dir.“

Clara löste sich aus seinem Griff. Valentino hatte ihr gegenüber immer nur freundschaftliche Gefühle gezeigt. Dass ihr Bruder offenbar der Meinung war, Männer wollten nur ihren Spaß mit ihr haben, machte sie sehr betroffen.

Als in dem Moment ein guter Kunde am Stand erschien und sie in ein lebhaftes Gespräch verwickelte, atmete sie erleichtert auf, zumal Silvio sich daraufhin in den Lieferwagen setzte und davonfuhr. Er hatte noch genug zu tun.

In einer Pause ließ sich Clara auf dem kleinen Holztisch nieder und holte ihr Lunchpaket und ein Buch hervor. Doch nach dem Gespräch mit Silvio war sie zu aufgewühlt, um sich aufs Lesen zu konzentrieren. Außerdem kreisten ihre Gedanken immer wieder um Valentino.

Um halb drei hielt ein alter blauer Pick-up in der Nähe ihres Standes an, und sie erhob sich.

„Buon giorno!“, rief sie dem Mann mit dem Strohhut und der Sonnenbrille zu, der am Steuer saß. Erst als er ausstieg und auf sie zukam, war ihr klar, wen sie vor sich hatte.

„Wenn ich dich sehe, ist der Tag gerettet“, antwortete er.

Seine samtweiche Stimme ließ sie insgeheim erbeben. „Hallo, Tino. Ich hätte dich fast nicht erkannt.“

„Das beweist, wie gut ich mich verkleidet habe.“

Sie musste so herzlich lachen, dass er den Kopf zurückwarf und in ihr Lachen einfiel. Nur Valentino kam auf so verrückte Ideen. Er war einmalig und so charismatisch, dass ihm ihr Herz zuflog. Es klopfte zum Zerspringen, und ihr wurde ganz schwindlig vor Glück. „Ehe du ausgestiegen bist, habe ich dich mit dem Großvaterhut für einen Fremden gehalten.“

„Gut. Dann ist es mir wohl gelungen, auch die Paparazzi zu täuschen.“ Ehe sie begriff, was er vorhatte, hatte er schon ungefähr zwanzig neue Körbe abgeladen und neben dem Marktstand aufgestapelt.

„Ist das alles, was heute noch übrig ist?“, fragte er und wies auf das Obst und die Oliven.

„Ja.“

Ohne ein weiteres Wort füllte er alles in die Körbe und lud sie auf die Ladefläche des Pick-ups. Dann zog er sein Portemonnaie aus der Tasche seiner perfekt sitzenden Jeans und reichte ihr einige Geldscheine, deren Wert den der Ware weit überstieg.

„Keine Sorge“, sagte er, als er ihrem beunruhigten Blick begegnete. „Nichts davon wird weggeworfen.“

Sie schüttelte belustigt den Kopf. „Was soll das Ganze?“

„Kannst du es dir nicht denken? Ich will den Rest des Tages mit dir verbringen. Da du jetzt alles verkauft hast, kannst du für heute Schluss machen. Ich fahre dich nach Hause, damit du die Geldkassette abliefern kannst, und dann kommst du mit mir.“ Er hielt ihr die Beifahrertür auf.

Er hatte sie so geschickt überrumpelt, dass sie sich nicht weigern konnte, was sie trotz Silvios Warnungen auch gar nicht wollte. „Schafft es der Wagen denn noch bis zum Gutshof?“, fragte sie scherzhaft.

Er zog die dunklen Augenbrauen hoch. „Lass es uns einfach versuchen.“ Er half ihr beim Einsteigen, dann setzte er sich ans Steuer und ließ den Motor an.

„Woher hast du den Pick-up?“

„Von Giorgio, er ist Koch in unserem Restaurant. Er hat ihn mir geliehen. Dafür darf er meinen Ferrari benutzen.“

„Na, das ist für ihn ein guter Tausch. Aber vielleicht hat er Angst, deinen Wagen zu fahren.“

„Da kennst du Giorgio nicht. Wahrscheinlich braust er den ganzen Nachmittag durch die Gegend und kassiert einen Strafzettel nach dem anderen wegen Geschwindigkeitsüberschreitung.“

Clara musste lachen. „Und die Reporter versuchen wahrscheinlich, ihm genauso schnell zu folgen.“

„Davon gehe ich aus.“ Er bog von der Hauptstraße ab und hielt schließlich vor dem Haus ihrer Eltern an.

„Ich bin gleich wieder da.“

„Nimm dir ruhig Zeit. Nachher bekommst du das beste Essen deines Lebens.“

„Das hört sich gut an. Allzu viel Zeit habe ich allerdings nicht, denn ich habe heute Abend etwas vor.“ In gewisser Weise stimmte das sogar. Sie war nach einem relativ langen Arbeitstag so erschöpft, dass sie früh ins Bett gehen wollte. „Spätestens um halb sechs muss ich zu Hause sein.“

„Okay, ich werde mich danach richten“, antwortete er leise.

Clara sprang aus dem Auto und eilte mit der Kassette in der Hand ins Haus, um sich rasch frisch zu machen. Glücklicherweise war ihre Mutter gerade nicht in der Küche. Nach der Auseinandersetzung mit Silvio wollte sie sich nicht noch einmal verteidigen müssen, schon gar nicht ihren Eltern gegenüber, die sich jede erdenkliche Mühe gaben, ihr das Leben zu erleichtern.

Während Valentino auf Clara wartete, gestand er sich frustriert ein, dass sie ihn immer noch auf Distanz hielt. Doch in dem Augenblick, als sie zurückkam und ihn mit einem Leuchten in ihren grünen Augen anlächelte, war seine Enttäuschung vergessen.

„Bist du mit Leandro verabredet?“, fragte er, nachdem sie eingestiegen war.

„Nein“, improvisierte sie, „ich passe auf die Kinder auf, während die restliche Familie an der Geburtstagsfeier meines Großonkels Carlos teilnimmt. Auch Lia kommt dahin. Meine Leute wollen früh hinfahren, damit es nachher nicht so spät wird.“ Sie warf ihm einen kurzen Blick zu. „Bianca und Maria leiden sogar abends unter Schwangerschaftsübelkeit.“

Es lag ihm auf der Zunge, vorzuschlagen, ihr beim Kinderhüten zu helfen. Ihm fiel jedoch noch rechtzeitig ein, dass drei dieser Kinder Silvios Sprösslinge waren. Claras Bruder würde wahrscheinlich vor Zorn in die Luft gehen, wenn er Valentino im Haus begegnete, und sie würde es ausbaden müssen.

„Dann lade ich dich lieber in die Trattoria ‚Alberto‘ ein, obwohl ich eigentlich mit dir woanders hinfahren wollte“, erklärte er.

„Dort machen viele Touristenbusse halt. Ich war schon lange nicht mehr dort.“ Es klang so erleichtert, dass er sich fragte, was mit ihr los war.

Er startete den Motor und fuhr zurück auf die Hauptstraße. „Hast du Lust, ein bisschen zu spionieren?“

Ihr fröhliches Lachen erinnerte ihn an das lebenslustige Mädchen von damals. „In dem Restaurant?“

„Ja. Einer der Gründe, warum ich den Sommer über in Monta Correnti verbringen will, ist, herauszufinden, wie ich meinem Vater helfen kann, die Umsätze zu steigern.“

„Du bleibst so lange hier?“

„Ja. Dazu habe ich mich gestern nach deiner Bemerkung entschlossen.“

„Nach welcher Bemerkung?“

„Du hast mir geraten, ich solle meinem Vater etwas Zeit geben, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass ich ihm helfen will.“ Ihm war klar, dass er auch viel Zeit brauchte, um Claras Zuneigung wiederzugewinnen. Dadurch, dass er sich in den neun Jahren kein einziges Mal bei ihr gemeldet hatte, hatte er viel Porzellan zerschlagen.

„Musst du dich nicht um deine Firma kümmern und Rennen fahren?“

Er zuckte die Schultern. „Mit meinem Geschäftsführer stehe ich ständig in E-Mail-Kontakt, außerdem kann er mich jederzeit anrufen. Dass ich einige Rennen auslasse, ist völlig unwichtig. Mein Vater ist hoch verschuldet, und es muss etwas geschehen, damit er nicht noch tiefer in die roten Zahlen gerät. Isabella hilft ihm schon lange, und ich muss auch endlich etwas für ihn tun.“

„Das habe ich nicht geahnt, es tut mir leid.“

„Gestern habe ich mit zwei Busreiseveranstaltern gesprochen und vereinbart, ihnen ein Angebot zu unterbreiten. Momentan machen sie auf den Rundfahrten bei der Trattoria ‚Alberto‘ halt. Deshalb möchte ich herausfinden, ob das Lokal wirklich mehr zu bieten hat als unseres. Während des Essens schreiben wir uns alles auf, was uns auffällt, auch die Preise und die Auswahl an Menüs. Wir spielen einfach ein bisschen Restauranttester.“

„O ja, das macht sicher Spaß“, stimmte sie begeistert zu.

Valentino freute sich über ihr strahlendes Lächeln. „Ich habe mir gedacht, dass es dir gefallen würde.“

Wenig später stellte er den Pick-up auf dem Parkplatz vor der Trattoria ab, die außerhalb des Ortes lag. Dann gingen sie hinein, und er führte Clara an einen Tisch, von dem aus sie den ganzen Raum überblicken konnten. Ohne die Busreisenden war es ziemlich leer, aber es war ja auch noch etwas früh für das Abendessen.

Clara wählte ein Gericht mit Huhn, und Valentino entschied sich für ein Kalbfleischgericht. Dazu bestellten sie zwei verschiedene Weine und zum Nachtisch ein Dessert, das die Bedienung ihnen empfahl, weil es angeblich bei den Gästen sehr beliebt war.

„Dein Vater wird sicher beeindruckt sein, wenn er erfährt, wie sehr du dich für ihn einsetzt.“

Er lachte verbittert auf, ehe er sich den letzten Löffel Eiscreme auf der Zunge zergehen ließ. „Ehrlich gesagt, er hat eine sehr schlechte Meinung von mir, und ich bezweifle, dass er mir überhaupt zuhört. Ich werde es trotzdem versuchen, immerhin hat er mich großgezogen.“

Sie sah ihn bestürzt an. „Warum sagst du so etwas? Jeder Vater wäre doch stolz auf einen Sohn, der so viel erreicht hat wie du.“

„Du wärst überrascht, wenn du meinen reden hörtest.“ Er betrachtete sie nachdenklich. „Du bist ganz bezaubernd, Clara.“

Beinah hätte er ihr ein Familiengeheimnis anvertraut, doch sie schien erschöpft zu sein. Und als sie einen Blick auf die Uhr warf, wusste er, was los war. Für heute gab er sich geschlagen, bezahlte die Rechnung und verließ mit ihr das Restaurant.

Auf der Rückfahrt bemühte sie sich, unbekümmert zu plaudern, doch irgendwie wirkte es aufgesetzt.

„Treffen wir uns morgen früh im Café ‚Bonelli‘?“, schlug er schließlich vor, als er vor dem Haus anhielt. „Dann können wir noch einmal kurz durchgehen, was uns in der Trattoria ‚Alberto‘ aufgefallen ist, ehe ich mit meinem Vater rede. Ich hole dich ab.“

„Das brauchst du nicht“, erwiderte sie und öffnete die Beifahrertür. „Ich komme mit dem Bus um neun, weil ich um zehn einen Termin beim Zahnarzt habe.“

Dass es nicht stimmte, war ihm völlig klar. Er konnte es jedoch nicht beweisen. „Okay. Danke, dass du mir hilfst, deine Meinung ist mir wichtig.“

„Das tue ich doch gern. Bis morgen, Tino.“

Er hatte das Gefühl, dass sie gar nicht schnell genug aussteigen konnte. Als er weiterfuhr, war er überzeugt, dass Clara ihm von Anfang an etwas vorgemacht hatte, und das fand er schrecklich frustrierend. Sie kam ihm vor wie ein Vögelchen, das in sein Leben hinein- und sogleich wieder hinausflatterte. Es war zum Verrücktwerden.

Offenbar waren sie und Leandro kein Paar. Hatte sie immer noch Angst vor Silvio und seiner Meinung? Nur weshalb trifft sie sich dann überhaupt mit mir und riskiert noch mehr Ärger?, überlegte er. Ihr Verhalten war ihm rätselhaft. Jedenfalls schien sie genauso gern mit ihm zusammen zu sein wie er mit ihr. Sie musste aufhören, Ausreden zu benutzen und zu behaupten, sie habe keine Zeit.

Wenn er mit Clara zusammen war, verlor der Gedanke, nach Monaco zurückzukehren, immer mehr an Reiz. Und das war ihm noch nie zuvor passiert.

Schließlich stellte er den Pick-up hinter seinem Ferrari auf dem Parkplatz des Restaurants ab, und Giorgio half ihm beim Abladen und Hereintragen der Körbe.

„Der Ferrari ist große Klasse“, sagte er und küsste seine Finger. „Die Paparazzi hatten Mühe, mir zu folgen.“

„Ich bin froh, dass sie dieses Mal dich und nicht mich gejagt haben. Danke, dass ich mir deinen Wagen ausleihen durfte, Giorgio.“

„Gern geschehen.“

„Ich bin nicht ein einziges Mal belästigt worden und würde dein Auto gern öfter benutzen.“

„Kein Problem. Wenn du willst, kannst du ihn behalten, und ich nehme dafür deinen Ferrari“, scherzte Giorgio. „Hast du jemals solche Zitronen gesehen?“ Er nahm eine aus dem Korb und hielt sie hoch. „Die Oliven sind auch schön groß. Woher hast du diese wunderbaren Früchte?“

„Von den Rossettis.“

„Ah ja. Hoffentlich hast du sogleich einen Liefervertrag mit ihnen abgeschlossen.“

Valentino hatte den Verdacht, dass so etwas nur über Silvios Leiche möglich wäre. „Das muss mein Vater entscheiden. Ist er irgendwo?“

„Ich habe ihn heute noch gar nicht gesehen.“

„Und Isabella?“

„Sie ist vorne im Restaurant und deckt mit Susa die Tische für das Abendessen.“ Susa war eine ältere Frau und die langjährige Küchenchefin. Sie half überall mit.

„Dann will ich nicht stören und fahre zurück zur Villa. Sag ihr bitte, ich würde morgen wieder vorbeischauen.“

„Mache ich, Valentino.“

Nachdem sie die Autoschlüssel getauscht hatten, setzte er sich in seinen Wagen und fuhr los, den Kopf voller Pläne für den nächsten Tag.

Als Clara am nächsten Morgen in die Küche kam, machte ihre Mutter gerade das Frühstück. „Du bist ja heute früh aufgestanden. Geht es dir nicht gut?“

„Doch.“ Sie fühlte sich nur etwas schwach.

„Gut. Dein Vater wird sich darüber freuen. Er ist so besorgt um dich.“

„Ich weiß.“

„Setz dich, ich bringe dir das Frühstück.“

„Nein, mamma. Danke.“

„Aber du musst etwas essen.“

„Ich frühstücke im Café ‚Bonelli‘.“

„Bist du mit Gina verabredet?“

„Nein.“ Ihre Freundin hatte Clara schon wochenlang nicht gesehen. „Valentino hat mich gebeten, ihn dort zu treffen. Er versucht, seinem Vater auf geschäftlicher Basis zu helfen.“

„Wieso? Das Restaurant läuft doch gut, oder?“

„Sein Vater ist hoch verschuldet, aber behalte das bitte für dich“, bat sie ihre Mutter. „Wir haben gestern zusammen bei der Konkurrenz gegessen und wollen noch einmal alles durchgehen, was uns aufgefallen ist. Er möchte mit einigen Busreiseveranstaltern ins Geschäft kommen und sie überzeugen, die Touristen ins ‚Rosa‘ statt woanders hinzubringen.“

„Hältst du es für gut, dich mit Valentino zu treffen?“, fragte ihre Mutter besorgt.

„Wir sind alte Freunde, mamma.“

„Du bist die beste Freundin, die jemand haben kann, was er genau weiß. Problematisch ist nur, du hast ihn damals geliebt.“

„Ja, das stimmt, und ich liebe ihn immer noch. Das heißt aber nicht, dass ich mir Illusionen mache und irgendwelchen romantischen Träumen nachhänge.“

„Gut. Mit deinen beinah achtundzwanzig Jahren bist du auch zu alt, um zu glauben, solche Wünsche würden jemals in Erfüllung gehen.“

Clara senkte schweigend den Kopf.

„Verzeih mir, wenn ich dich verletzt habe. Aber du hast doch selbst vor Kurzem im Fernsehen gesehen, dass Valentino momentan mit dieser französischen Schauspielerin zusammen ist“, fuhr ihre Mutter fort. „Wie lange will er hier sein?“

„Vielleicht den ganzen Sommer. Seinem Vater geht es nicht gut.“

Schockiert blickte ihre Mutter sie an. „Selbst wenn er so lange hierbleibt, was ich bezweifle, spielt sich sein Leben im Wesentlichen in Monaco ab. Früher oder später wird er dorthin zurückkehren, bis dahin wird er nicht allein sein, seine Freundin wird ihm folgen. Vergiss nicht, er kann sich alles erlauben und zusammen sein, mit wem er will.“

„Das ist mir klar.“

Ihre Mutter stieß einen verächtlichen Laut aus. „Er würde sich nichts dabei denken, sich zur Abwechslung mit dir zu amüsieren. Du bist jedoch eine Rossetti, und wir Rossettis geben uns mit so wenig nicht zufrieden.“

„Da hast du völlig recht.“

„Ich möchte nicht, dass du verletzt wirst.“

„Silvio hat mir auch schon einen Vortrag gehalten.“

„Er fühlt sich für dich verantwortlich, was ganz normal ist bei Zwillingen.“

Clara atmete tief durch. „Meinst du denn, es wäre besser, ich würde die Freundschaft mit Valentino beenden?“

„Es kommt nicht darauf an, was ich meine, sondern nur darauf an, was du willst.“ Ihre Mutter hob die Hände. „Ich befürchte nur, du bist momentan zu verletzlich. Er ist nicht umsonst zum begehrtesten Playboy des Jahres gewählt worden.“

„Woher weißt du das?“, fragte Clara überrascht.

„Ich habe es zufällig in einem Magazin gelesen, das Bianca gekauft hat. Ich glaube, sie hat jahrelang für ihn geschwärmt. Verstehst du denn, worum es mir geht? Vielleicht klang es nicht nett, was ich gesagt habe, dann tut es mir leid. Du weißt aber doch, ich liebe dich.“

„Ja. Ich liebe dich auch, mamma“, flüsterte sie aufgewühlt.

„Natürlich würde ich mit dir niemals in Gegenwart deines Vaters und deiner Brüder so reden, denn es geht nur uns beide etwas an. Es liegt jetzt an dir, wie du dich entscheidest.“

„Okay, mamma, bis später“, verabschiedete Clara sich mit Tränen in den Augen.

Sie beschloss, das Zusammensein mit Valentino zu genießen. Vielleicht wäre sie am Ende klüger und wüsste, wie sie ihm beibringen sollte, dass sie sich nicht mehr treffen konnten.

Während Valentino an der Haltestelle auf Clara wartete, beobachtete er das lebhafte Treiben auf der Piazza. Das gestreifte T-Shirt mit dem dazu passenden Piratenkopftuch war die perfekte Verkleidung, denn weit und breit waren keine Paparazzi zu sehen. Sogar Clara bemerkte ihn nicht und ging an ihm vorbei, als sie um neun aus dem Bus stieg. Unbehelligt folgte er ihr zum Café.

An den kleinen Tischen saßen ein halbes Dutzend Gäste und lasen die Zeitung. Ein Tisch in der Ecke war frei, und Valentino steuerte darauf zu. „Ich bin hier, Clarissima!“

Überrascht drehte sie sich zu ihm um, und sogleich erhellte ein Lächeln ihr schönes Gesicht. „In dem Outfit bist du gar nicht zu erkennen.“

„Das hoffe ich doch sehr.“ Er zog ihr einen Stuhl hervor, und nachdem sie sich hingesetzt hatte, nahm er ihr gegenüber Platz. Dann bestellte er zwei Cappuccino und Schinkencroissants.

Nachdem man sie ihnen gebracht hatte, nahm sich Clara ein Croissant und biss hinein. „Dass ich nach dem guten Essen gestern Abend schon wieder hungrig bin, ist kaum zu glauben.“

Er lächelte und trank einen Schluck Cappuccino. „Wie war das Babysitten?“

„Die Kinder wollten einfach nicht ins Bett gehen, sodass wir unsere eigene Party veranstaltet haben“, erklärte sie, und ihm fiel auf, dass ihre Stimme leicht verunsichert klang.

„Siehst du deshalb heute Morgen etwas müde aus?“

Autor

Rebecca Winters

Rebecca Winters und ihre Familie leben in Salt Lake City, Utah. Mit 17 kam Rebecca auf ein Schweizer Internat, wo sie französisch lernte und viele nette Mädchen traf. Ihre Liebe zu Sprachen behielt sie bei und studierte an der Universität in Utah Französisch, Spanisch und Geschichte und später sogar Arabisch.

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