Ransom Canyon: Mistletoe Miracles

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Ransom Canyon 7: Mistletoe Miracles

Weihnachten in Crossroads, Texas, wo einsame Herzen sich finden, die Liebe neu erwacht und die eigene Familie den richtigen Weg weist – nach Hause.

Zwei Monate noch: So lange kann Griffin Holloway die Ranch, die seit Generationen seiner Familie gehört, noch halten. Dann ist er bankrott. Alle Lösungen hat er ausgeschöpft – bis auf eine: Eine reiche Ehefrau könnte ihn retten. Aber die zu finden und innerhalb von acht Wochen zu erobern, käme einem Weihnachtswunder gleich …

Jaxon O’Gradys Seele hat Narben, die ihn Menschen meiden lassen. Doch dann beobachtet er einen Autounfall, das Opfer, eine Frau, wird im Rettungswagen abtransportiert. Zurück bleibt ihr verletzter Hund, um den sich Jax kümmert – und sein unerklärlicher Wunsch, die Frau zu finden und mehr über sie zu erfahren …

Jamie Johnson, die neue Lehrerin im Ort, fühlt sich in Crossroads zu Hause: Hier fragt sie niemand, warum sie noch Single ist. Aber dann bekommt sie einen äußerst merkwürdigen Weihnachtbesuch. Ein attraktiver Fremder tritt aus ihrer Dusche! Wer ist er? Und warum glaubt das ganze Dorf, er sei ihr Ehemann?


  • Erscheinungstag 19.10.2026
  • Bandnummer 7
  • ISBN / Artikelnummer 9783751538862
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Jodi Thomas

Ransom Canyon: Mistletoe Miracles

1. KAPITEL

Maverick Ranch, Texas

Griffins Problem

Wenn er seine beiden Brüder ansah, kam es ihm vor, als würde er auf eines dieser Bilder starren, die nur aus einem Gewirr von Punkten zu bestehen schienen und in denen man versteckte Figuren erkennen sollte. Es musste doch etwas Tieferes in ihnen verborgen sein, etwas, das einen Sinn ergab, aber er konnte es verdammt noch mal nicht finden.

Griffin Holloway dachte über seine eigenen Fehler nach. Na ja, eigentlich über seinen einzigen Fehler. Mehr hatte er sich in diesem Leben nicht erlaubt. Manche Leute mochten einen Makel darin sehen, als Texaner geboren worden zu sein, aber er liebte seinen Staat und dieses Stück Land, auf dem Generationen von Holloways geboren worden waren.

Allerdings fluchte er. Mehr, als es sich gehörte. Seine Mutter hatte ihm als Kind so oft den Mund mit Seife ausgewaschen, dass er den Geschmack von Ivory-Seife geradezu lieb gewonnen hatte.

Doch seine beiden jüngeren Brüder waren bei Weitem nicht so diszipliniert wie er. Wenn sie all ihre Unzulänglichkeiten in einem Sack mit sich herumtragen müssten, hätten sie beide längst einen krummen Rücken.

Die Holloway-Männer waren zwar alle über einen Meter achtzig groß und sahen einigermaßen gut aus, aber Griffin war sich nicht sicher, ob auch nur einer von ihnen, er selbst eingeschlossen, behaupten konnte, besonders schlau zu sein.

Cooper, mit seinen dreiundzwanzig Jahren der Jüngste von ihnen, war schlaksig und dabei so geschmeidig wie ein Bungeeseil. Er hielt die Ranch für seinen privaten Spielplatz. Verdammt, er hätte besser in Freiheit geboren werden sollen, wie ein Kojote oder ein Falke. Als Kind hatte er sich gar nicht erst die Mühe gemacht, Klamotten anzuziehen, außer wenn ihre Mutter Besuch erwartete und ihn dazu gezwungen hatte.

Cooper war so ein wildes Kind gewesen, dass ihm nur noch ein Fell fehlte, um ihn an den Zirkus verkaufen zu können. Jedenfalls hatte ihre Mutter das immer behauptet. Griffin war sich bis heute nicht sicher, ob sein kleiner Bruder nicht vielleicht eher ein Tier als ein Mensch war.

Das Erwachsenwerden hatte ihn nicht sonderlich verändert.

Jetzt gerade stand Cooper, von oben bis unten mit Schlamm bedeckt, im großen Zimmer des Haupthauses, und es war noch nicht einmal acht Uhr in der Früh. Er schien der wöchentlichen Familienbesprechung keinerlei Aufmerksamkeit zu schenken, aber das war nichts Neues. Es war ihm anzusehen, dass er es kaum erwarten konnte, das lästige Gerede hinter sich zu bringen und draußen herumzustreifen und zu angeln, zu jagen oder Aztekengold zu suchen, was auch immer, solange es nur keine Arbeit war.

Elliot, der mittlere Bruder, versuchte immerhin, den Anschein zu erwecken, als würde er Griffins wöchentlichem Vortrag darüber, wie pleite die Ranch bis Weihnachten sein würde, aufmerksam folgen. Wenigstens erledigte Elliot seinen Teil der Arbeit, und das seit dem Tag, an dem er vom College zurückgekehrt war, um bei der Führung des Familienbetriebs zu helfen. Aber Elliot war nicht mit dem Herzen bei der Sache. Die Viehzucht war noch nie seine Leidenschaft gewesen. Für jede Stunde, die er im Sattel verbrachte, saß er zehn Stunden vor seinem Computer. Er erinnerte Griffin an einen Nebendarsteller, der versehentlich am falschen Filmset gelandet war.

Griffin, der seinen beiden Brüdern gegenüberstand, räusperte sich und kam direkt zur Sache. „Wir haben ein Problem, für das es aber eine einfache Lösung gibt. Ich glaube, wir haben schon alles andere versucht, und jetzt gibt es nur noch einen Ausweg.“

Die beiden sahen ratlos aus. Elliot begann, eine Textnachricht zu tippen, und Cooper fuhr sich durch sein braunes Haar, das so trocken und schmutzig war wie ein Steppenläufer.

Ich muss adoptiert worden sein, dachte Griffin. Das ist die einzig mögliche Erklärung. Oder sie sind adoptiert worden.

Er war beide Male dabei gewesen, als seine Mutter ins Krankenhaus gefahren war, um seine Brüder zur Welt zu bringen, aber die Geburten selbst hatte er nicht gesehen. Als Elliot geboren wurde, war er selbst acht Jahre alt gewesen, und elf bei Cooper. Er hätte es verkraftet, dabei zuzuschauen. Er hatte seinen Vater Dutzende von Kälbern herausziehen sehen. Bei einigen hatte er sogar mitgeholfen. Wie anders konnte das schon sein?

Cooper runzelte die Stirn. „Was ist denn so wichtig, Griff? Ich habe dreißig Tiere im Mistletoe Canyon verloren. Wir müssen sie finden und auf die Nordweide treiben, bevor es zu spät wird und ich nicht mehr angeln gehen kann.“

Elliot nickte. „Ich muss ein paar Anrufe machen. Der Markt ist im Keller, und die wenigen Bargeldreserven, die wir noch haben, scheinen sich in Luft aufzulösen.“

„Also gut.“ Griffin richtete sich auf und stellte sich seinem Problem. „Es ist ganz einfach: Die Ranch ist pleite. Wir haben noch zwei Monate Zeit, um den Kredit abzuzahlen, und ich sehe nur, wie uns das Geld buchstäblich durch die Finger rinnt.“

„Wir sind doch immer pleite.“ Elliot zuckte mit den Schultern. „Im Januar werden wir schon einen Weg finden, den Kredit zu bezahlen. Wir finden immer einen Weg. Wir können Vieh oder Kies verkaufen oder ein paar Parzellen für den Anbau von Winterweizen verpachten.“

Griffin schloss die Augen und ging im Geiste die lange Liste der Dinge durch, die sie schon versucht hatten. Einige, wie das Verpachten von Land als Weide- oder Ackerfläche, hatten ihnen geholfen, den letzten Winter zu überstehen. Aber andere, wie der teure Stall, den sein Vater seinerzeit gebaut hatte, um dort Rennpferde einzustellen, die nie angekommen waren, oder Coopers Plan, Miniaturpferde zu züchten, um sie an Stadtbewohner zu verkaufen, hatten sich nicht im Geringsten ausgezahlt.

Griffins Gesicht verfinsterte sich. Er wusste, dass ihm die Ideen ausgegangen waren. „Diesmal gibt es keine einfache Lösung. Kies zu verkaufen oder Land zu verpachten, wird nicht ausreichen. Unsere besten Zuchttiere zu verkaufen, wird uns im nächsten Frühjahr nur schaden. Ich sehe nur einen einzigen Weg aus diesem Schlamassel: Einer von uns muss heiraten.“

Mit finsterem Blick auf Cooper stellte Griffin klar: „Und ich rede nicht von jemandem wie der neuen Kellnerin in Dorothy’s Café. Einer von uns muss eine Frau mit Geld oder Land finden, das wir als Sicherheit nehmen können. Was von beidem, ist mir egal. Wir brauchen frisches Blut für die Maverick Ranch.“

Cooper grinste. „Verdammt, Griff, das hört sich ja so an, als wären wir Vampire. Ich will doch keine Frau nur wegen ihres Geldes heiraten.“

Griffin wurde bewusst, wie gefühllos er klang. „Natürlich würden wir sie lieben, sie gut behandeln und all das. Es ist halt einfach an der Zeit, dass einer von uns heiratet, und eine reiche Braut würde nicht schaden.“

Elliot blickte von seinem Handy auf. „Ich war in meinem ersten College-Jahr mit Bella Brantley verlobt, erinnerst du dich? Ihrer Familie gehörten ein paar Häuserblöcke in der Innenstadt von Dallas. Aber dann ist Dad gestorben, und ich musste innerhalb von sechs Monaten das Studium abbrechen und nach Hause kommen.“ Er funkelte Cooper an. „Sie hat die Verlobung schon nach einem einzigen Wochenendbesuch hier aufgelöst. Und dafür gebe ich ihm die Schuld. Ein einziger Blick auf meinen kleinen Bruder, und sie wollte mit unserem Genpool nichts mehr zu tun haben.“

„Ich war nicht der Grund dafür. Ich war doch bloß ein Kind. Diese Frau war eine wandelnde Katastrophe.“ Cooper plusterte sich auf wie ein Gockel. „Ich habe sie nur zu einem Ausritt über das Gelände mitgenommen. Es war nicht meine Schuld, dass sie ständig vom Pferd gefallen ist. Dann ist sie total ausgeflippt, als ich angeboten habe, ihren Hintern mit Salbe einzureiben. Als wäre ich nicht zuvorkommend oder so. Und der Zusammenstoß im Flur war ihre Schuld, nicht meine.“

Alter Zorn loderte in Elliots Augen auf.

Griffin trat zwischen die beiden, bevor wieder ein Streit ausbrechen konnte. „Ich meine das ernst, und ich habe einen Plan. Koste es, was es wolle – einer von uns wird noch vor Weihnachten ein wohlhabendes Mädchen zum Altar führen. Wir sind reich an Land, aber arm, was Geld angeht, und ich sehe nur einen Weg, das zu ändern. Zwei Monate sollten ausreichen, um eine Frau zu finden, sie zu daten, ihr einen Antrag zu machen und schließlich zu heiraten. So wie ich das sehe, werden wir ihr Land und ihr Geld gar nicht anrühren. Das wäre nicht richtig. Wir werden ihr Land mit einem Kredit belasten, um unsere Raten zu zahlen. Und im nächsten Frühjahr werden wir es wieder reinholen und ihr alles zurückzahlen.“

„Das sagst du doch immer.“ Cooper stöhnte. „Wir leben ständig vom Geld des nächsten Jahres.“

„Wir könnten doch ein paar Parzellen verkaufen“, schlug Elliot vor.

Beide Brüder starrten Griffin so eindringlich an, dass er unwillkürlich einen Schritt zurückwich. Niemals Land zu verkaufen, egal wie viel oder wenig, war ihnen ihr Leben lang eingebläut worden, als wäre es das elfte Gebot, das Moses vergessen hatte aufzuschreiben.

„Bevor ich auch nur einen Quadratmeter Land verkaufe, liege ich längst unter der Holloway-Erde. Es ist ein Teil von mir. Ich könnte mir genauso gut ein Bein oder einen Arm abschneiden und verkaufen.“ Griffin ballte die Hände zu Fäusten.

„Schon klar, Griff. Uns geht es doch genauso. Es war ja nur eine Option.“

Griffin nickte einmal.

Elliot versuchte es erneut. „Du bist der Älteste, Griff. Du musst den Anfang machen. Mit vierunddreißig Jahren bist du sowieso kurz davor, vom reifen zum faulen Obst zu werden.“

„Aber du siehst von uns allen am besten aus, Elliot. Erinnerst du dich an die Touristen, die uns in der Stadt angehalten haben und ein Foto von dir machen wollten? Das perfekte Cowboyprofil, haben sie behauptet. Wenn bekannt wird, dass du noch zu haben bist, werden die Frauen aus ganz Texas herkommen. Es würde mich nicht überraschen, wenn sogar Bella Brantley zurückkäme. Soweit ich gehört habe, ist sie immer noch Single. Vielleicht hat sie ja nur eine lange Verlobungszeit eingeplant?“

Elliot schüttelte den Kopf. „Wir haben uns vor sieben Jahren getrennt, und sie ist nicht wirklich Single. Vielmehr befindet sie sich wohl gerade zwischen Ehemann Nummer drei und vier.“

„Was ist mit mir?“ Cooper mischte sich ein. „Ich bin der Jüngste. Frauen mögen doch Männer, die noch jung und wild sind.“

Beide schauten in seine Richtung, aber Elliot ergriff zuerst das Wort. „Gute Idee. Es gibt auch Frauen, die sich zu streunenden Hunden hingezogen fühlen. Bei denen könnte Cooper eine Chance haben. Wir könnten ihn als Renovierungsprojekt anpreisen. Häuser aufzuhübschen und dann zu verkaufen, ist doch gerade ein beliebter Trend. Vielleicht könnte ja jemand Cooper aufhübschen.“

„Wir reden beim Abendessen noch mal darüber. Im Moment verschwenden wir bloß Tageslicht.“ Griffin beendete die Versammlung. „Denkt einfach mal darüber nach und überlegt euch bis heute Abend ein paar Ideen.“

Keiner seiner Brüder sah aus, als würde er sich Gedanken machen. Griffin hatte das Gefühl, dass das ganze Denken und die ganze Arbeit an ihm hängen blieben und er sich am Ende auch noch opfern müsste.

Cooper setzte seinen zerbeulten Hut auf und ging nach draußen.

Elliot wandte sich dem riesigen Arbeitszimmer zu, in dem jeder Bruder einen eigenen Schreibtisch hatte. Elliot war allerdings der Einzige, der seinen jemals benutzte.

Griffin ging lächelnd durch die Küche. Er hatte ihnen seinen Plan dargelegt. Das war wenigstens ein Anfang. Schritt eins.

Nächster Schritt: eine Liste von Möglichkeiten erstellen. Und er wusste genau, wen er um Hilfe bitten konnte: die Franklin-Schwestern. Die beiden alten Ladys hatten zwar selbst nie geheiratet, aber sie kannten jede heiratsfähige Frau im County. Alles, was er tun musste, war, die Damen in einer Reihe aufzustellen und sie an sich vorbeiziehen zu lassen. Die Holloway-Männer hatten vielleicht den Ruf, ungehobelte Raufbolde zu sein, aber ihre Ranch war eine der ältesten im Westen von Texas.

„Das wird nie funktionieren“, flüsterte eine vom Alter raue Stimme von der anderen Seite der Bar, die mit aus Sätteln gefertigten Barhockern gesäumt war. „Ihr wärt schon alle drei nötig, um selbst die Ansprüche eines einzigen bescheidenen Mädchens zu erfüllen.“

Böse funkelte Griffin Mamie an, die seit dreißig Jahren als Köchin auf der Maverick Ranch arbeitete. „Warum sollte es nicht funktionieren? Bist du jetzt auf deine alten Tage zur Wahrsagerin geworden?“ Er ertrug die rundliche kleine Frau so gut er konnte und achtete stets darauf, bloß keinen Rat von ihr anzunehmen. „Und außerdem, Mamie, wir sind keine Jungs. Ich habe die Ranch mit vierundzwanzig übernommen, erinnerst du dich? Dad ist krank geworden, und Mom war tot.“

„Ich weiß. Ich war hier. Wer, glaubst du, hat für euch Jungs drei Mahlzeiten am Tag gekocht? Ich muss keine Wahrsagerin sein. Keiner von euch wird jemals eine Frau finden, die dumm genug ist, sich auf einen von euch einzulassen.“ Sie kicherte, und alle ihre Speckrollen vom Hals bis hinunter zu ihren von Stretchhosen bedeckten Knien wackelten wie Pudding. „Ihr drei könnt euch einfach nicht vertragen. Wie kommst du auf die Idee, dass es irgendein Problem lösen würde, eine Frau in dieses Haus zu holen? Sie müsste nicht nur reich sein, sondern auch verrückt und blind, um auch nur daran zu denken, sich einen von euch Holloways zu nehmen.“

Griffin runzelte die Stirn. „Meinetwegen. Ich werde das zur Liste der Anforderungen hinzufügen.“

Er setzte sich den Hut auf. Mit Mamie ein Gespräch zu führen, hatte in etwa dieselbe Wirkung wie eine tägliche Depressionspille.

Als er in die kühle Novemberluft hinaustrat, lächelte Griffin. Für einen Moment schloss er einfach die Augen und atmete tief durch. Das war sein Zuhause, der Ort, den er nie verlassen würde, und wenn er eine reiche, verrückte, blinde Frau heiraten musste, um es zu behalten, dann würde er das tun.

Wenn die Stadt ihre acht Rentiere an den Laternenpfählen aufstellte, würde er verlobt und bis Weihnachten verheiratet sein.

2. KAPITEL

Midnight Crossing

Am Ufer des Shallow River, versteckt im Hügelland, das zu unwegsam war für eine Straße, stand eine einsame Hütte. Die örtliche Geschichtsschreibung besagte, dass man vor hundertfünfzig Jahren Viehtriebe im Schutz dieser Hügel und nach Mitternacht durchgeführt hatte, um keinen Gesetzlosen in die Hände zu fallen.

Der Legende nach saßen eines Abends in den Zwanzigerjahren mehrere Rancher beim Pokerspiel zusammen. Es war schon spät, und die meisten hatten leere Taschen, also spielten sie noch eine letzte Runde. Der Verlierer musste Midnight Crossing übernehmen. Da drei der acht Männer aus dem O’Grady-Clan stammten, standen die Chancen schlecht, dass die Familie um den Besitz des wertlosen Landes herumkommen würde.

Fast ein Jahrhundert später scherte sich Jaxson O’Grady weder um irgendeine Legende noch um Poker. Er war der fünfte O’Grady, der auf das wertlose, fünf Quadratmeilen große Stück Land namens Midnight Crossing zog. Das felsige Grundstück grenzte auf der einen Seite an Double K, das Land der Kirklands, und auf der anderen an die Maverick Ranch, die den drei Holloway-Brüdern gehörte. Keiner der Nachbarn hatte jemals angeboten, O’Gradys Land zu kaufen.

Hin und wieder wurde in einer so großen Familie wie den O’Gradys ein Einzelgänger geboren, der nicht mit dem Rudel mitlaufen wollte. Dieser Mann erhob dann Anspruch auf die Hütte am Shallow River und lebte dort, bis er entweder starb oder irgendwann entschied, dass es vielleicht doch besser wäre, sich der Gesellschaft anzuschließen, als sich vom Wind, der durch die zerklüfteten Felsformationen peitschte, in den Wahnsinn treiben zu lassen.

Die alte Hütte hatte mehr als zwanzig Jahre leer gestanden, als Jax sie für sich beanspruchte, und mit ihr auch sein Recht auf Einsamkeit. Er war ein gebrochener Mann, und die Familie hatte sich von ihm zurückgezogen, um ihm Zeit zum Heilen zu geben.

Er liebte den Frühling und den Sommer, aber als in seinem zweiten einsamen Jahr der Herbst in den Winter überging, begann Jaxson, seine Entscheidungen zu überdenken. Der Wind heulte von den Black Hills herab und hielt ihn die meisten Nächte wach. Der Fluss fror tagelang zu, was jegliche Hoffnung auf einen Fischfang zunichtemachte.

In kalten Nächten wurde Jax unruhig, aber er konnte nicht unter die Leute gehen, noch nicht. Er sehnte sich nie nach Gesellschaft. Nur nach Frieden. Den fand er hier in den ruhigen, kühlen Nächten des Sommers. Also beschloss er, einen weiteren Winter durchzuhalten und auf den Frühling zu warten. Vielleicht konnte er den Leuten bis dahin wieder in die Augen sehen. Vielleicht würde er vergessen, was er getan hatte, wenn auch nur für eine Weile.

In den Monaten, die er am Shallow River verbracht hatte, war zwar sein Körper geheilt, aber er war abgemagert, da Angst und Reue ihn zerfraßen. Es gab Zeiten, in denen ein Mann nicht für Gesellschaft geeignet war, und Jax hatte beschlossen, dass er gerade eine solche Zeit durchmachte.

In den dunklen Hügeln hinter seiner Hütte spukten heutzutage keine Gesetzlosen mehr herum. Niemand betrat jemals sein Stück Land, abgesehen von einem Cousin, der hin und wieder nach ihm sah. Alle seine Dämonen trieben sich lediglich in den dunklen Ecken seines Verstandes herum. Sie flüsterten ihm zu, was er in dem einen Moment hätte tun sollen, in dem er nicht reagiert hatte.

Heute Abend trotzte er dem Novemberwind und ging am Flussufer entlang. Das Rauschen des Wassers übertönte seine Gedanken. Später würde er durch die Hügel rennen, bis seine Muskeln brannten, damit er in einen traumlosen Schlaf sinken konnte. Wenn es zu kalt zum Laufen wurde, arbeitete er mit dem Kiefern- und Mahagoniholz, das in seiner Werkstatt gestapelt war, und tat so, als wäre alles normal in seinem Leben … und in seinem Kopf. Er verbrachte die späten Abendstunden damit, für Online-Kurse zu lernen, die er belegte, ohne je die Absicht zu haben, einen Abschluss zu machen.

Mit sechsunddreißig fühlte sich Jax innerlich wie ein alter Mann. Er konnte sich nicht daran erinnern, jemals jung gewesen zu sein. Er war zwar groß und hielt sich aufrecht, aber er fürchtete, wenn er sich zu schnell umdrehte, würde er seinen völlig verdrehten und verzerrten eigenen Schatten erblicken.

Er hatte nichts, wofür es sich zu leben lohnte, und, was noch schlimmer war, nichts, wofür es sich zu sterben lohnte.

In regnerischen Nächten wie dieser zog er einen schwarzen Regenmantel an und streifte durch die Dunkelheit. Er bewegte sich am Rande des Wahnsinns, kokettierte mit ihm, stürzte aber nicht von der Klippe.

Wie an fast jedem Abend in letzter Zeit stieg er die zwei Meilen zu seiner nördlichen Grundstücksgrenze hinauf und setzte sich auf eine Anhöhe, die hoch genug war, um das Band einer zweispurigen Schnellstraße in etwa einer Meile Entfernung zu sehen. Ein Teil von Jax fragte sich, wohin all diese Leute wohl fahren mochten, die wie Glühwürmchen dicht über dem Boden dahinjagten. Einem anderen Teil von ihm war es egal. Er mochte es einfach, den Lichtern auf einer vom Regen glänzenden Straße zu folgen.

Den einsamen Strom von Autos und Lastwagen zu beobachten entspannte ihn, und nach einer Weile stand er wieder auf. Der Regen fiel so sachte, dass er beinahe das Gefühl hatte, direkt in einen Tropfen hineinlaufen zu müssen, um die Nässe zu spüren. Die Luft war schwer in seinen Lungen und drückte auf seine Brust.

Gerade als er sich umdrehte, um zu seiner Hütte zurückzukehren, vernahm Jax das Quietschen von Autoreifen. Er sah, wie ein einzelner Wagen in der einzigen Kurve der Landstraße im Umkreis von zehn Meilen ins Schleudern geriet und von der Fahrbahn abkam.

Die Fahrertür flog auf, eine Person wurde aus dem Auto katapultiert und rollte wie ein kaputtes Spielzeug über den unebenen Erdboden.

Sein Herz pochte schnell, als Jax von der Anhöhe hinunterkletterte. Er bemerkte dabei kaum die scharfen Felskanten, die in seine Handflächen schnitten. Er hatte kein Telefon bei sich. Keine Möglichkeit, Hilfe herbeizurufen. Und die Person aus dem Auto befand sich definitiv in einer Notlage.

Als Jax am Fuß der Anhöhe ankam, hatten bereits zwei andere Autos angehalten, um zu helfen, während er selbst immer noch fast eine Meile vom Unfallort entfernt war.

Jaxson begann zu rennen, doch das unwegsame Gelände zu durchqueren, war nicht einfach. Er rutschte mehrmals aus und musste zweimal umkehren, um eine seichte Stelle im Fluss zu finden.

Als er noch etwa hundert Meter entfernt war, fuhr bereits ein Krankenwagen vor. Sanitäter eilten zu dem Körper, der zusammengekauert auf dem schlammigen Feld lag. Sie schleppten etwa dreißig Kilo Ausrüstung mit sich und schrien durcheinander.

„Sie ist schwer verletzt“, rief ein Mann, der bei der bewusstlosen Fahrerin Wache gehalten hatte.

„Wir sind hier, um zu helfen“, antwortete der erste Sanitäter. „Treten Sie bitte zurück.“

Die Fahrerin war nicht bewegt worden, aber einer der Männer, die angehalten hatten, kniete dicht neben ihr, was Jax als gutes Zeichen deutete, dass sie vielleicht noch atmete.

Jax stand zögernd in der Dunkelheit und wusste, dass er nichts tun konnte, um zu helfen. Obwohl er dafür ausgebildet war, hatte er keinerlei Ausrüstung dabei, keine Lampen, keine Möglichkeit, einen verletzten Passagier zu transportieren. Die Einsatzkräfte waren bereits vor Ort. Sie brauchten seine Hilfe nicht.

Alles, was er tun konnte, war zuzusehen. Innerhalb weniger Minuten wurde die Frau in den Krankenwagen gehoben, und die stumm blinkenden Lichter entfernten sich vom Unfallort.

Die beiden Autos, die angehalten hatten, fuhren weiter, und der einzige Beweis dafür, dass sich hier soeben ein Drama abgespielt hatte, war der dunkle Umriss eines roten Sportwagens, der sich zehn Meter neben der Straße überschlagen hatte. Im blassen Mondlicht wirkte das Fahrzeug verdreht und im Stacheldraht verheddert, als wäre es nicht schwerer als eine Plastiktüte.

Jaxson stand wie erstarrt da. Genau wie sein eigenes Leben hatte sich gerade das eines anderen Menschen im Bruchteil einer Sekunde verändert. Er wusste nicht, ob die Fahrerin im Sterben lag oder nur durch den Aufprall bewusstlos war. Aber wenn sie überlebte, würde dieser Moment sie verändern, und ihre Welt würde nie wieder dieselbe sein.

Etwas bewegte sich im hohen Gras neben ihm. Ein Wimmern wurde vom Wind zu ihm herübergetragen.

Jax blieb regungslos. Das Wimmern war erneut zu hören. Mehr Bewegung im Gras.

Er schaute zurück zur Straße. Kein Auto in Sicht. Die Neugier siegte. Schlangen waren bei diesem kalten Wetter nicht unterwegs, und ein Kaninchen oder ein Präriehund würde ihn wahrscheinlich nicht angreifen.

Jax bewegte sich langsam und lautlos durchs Gras. Ein Umriss, fast so groß wie der eines Kojoten, hob sich dunkel vom sandfarbenen Gras ab.

In einiger Entfernung knatterte ein Pick-up die Straße entlang. Für einen Augenblick fiel das Licht seiner Scheinwerfer auf das Tier, das ganz still dalag.

Es war ein Hund.

Jax trat näher und kniete sich hin, als erneut ein leises Jaulen ertönte.

„Wo kommst du denn her, Kleiner?“, flüsterte Jax, während er seine Hand langsam auf das Tier zubewegte.

Der Hund zeigte keinerlei Aggression.

Jax strich dem Tier vorsichtig über die Seite und spürte die warme, klebrige Nässe von Blut.

Der Hund hob den Kopf ein paar Zentimeter an, knurrte aber nicht. Er fühlte sich offenbar in der Nähe von Menschen wohl, schien sogar Vertrauen zu haben.

„Ich weiß nicht, wie ich dir helfen kann.“ Jax vermutete, dass das Tier verbluten oder, schlimmer noch, von einem Raubtier gefressen werden würde, wenn er es bis zum Morgengrauen hier zurückließe. Er zog seine Regenjacke aus und wickelte sie um den Hund, wobei er die Ärmel der Jacke verknotete, um ihn in dem Bündel festhalten zu können.

Mühelos hob er den scheinbar halbwüchsigen Collie hoch und machte sich auf den Weg zu seiner Hütte. Innerhalb weniger Minuten befand er sich auf vertrautem Boden und bewegte sich langsam auf sein Zuhause zu.

Der Hund gab keinen Laut von sich. Entweder war er schon zu schwach, um sich zu wehren, oder er spürte irgendwie, dass ihm geholfen wurde.

Als Jax sich dem Licht näherte, das von der Veranda seiner Hütte schien, schossen ihm ein Dutzend Möglichkeiten durch den Kopf. Es gab keine Nachbarn, die nahe genug wohnten, als dass sich ein Tier auf sein Grundstück hätte verirren können, aber die Leute aus der Stadt setzten von Zeit zu Zeit Hunde und Katzen an den Landstraßen aus. Vielleicht dachten sie, sie würden ihnen eine Chance auf ein neues Leben geben. In Wahrheit bedeutete das für das Tier nur den Hungertod.

Vielleicht war dieser Collie hier ausgesetzt worden. Vielleicht war er auf der Straße gewesen, als der rote Sportwagen vorbeifuhr. Vielleicht hatte er den Unfall sogar verursacht.

Oder er war genau wie die Fahrerin herausgeschleudert worden, als sich der Sportwagen überschlagen hatte. Wenn die Frau sich nicht einmal die Mühe gemacht hatte, sich selbst anzuschnallen, hatte sie ihren Hund wahrscheinlich auch nicht gesichert.

Vielleicht hatte sie sogar zu ihm hinübergeschaut und dabei die Kurve übersehen. Wie auch immer Jax es drehte und wendete, die Wahrscheinlichkeit, dass das Tier den Unfall verursacht hatte, stand fünfzig zu fünfzig.

Ein Kopf lugte unter dem Regenmantel hervor. Große schwarze Augen, goldenes Fell, Blut, das auf der langen Schnauze glänzte. Der junge Collie schaute zu Jax auf und legte fragend den Kopf schief.

„Hallo, Kumpel.“ Jax stieg die drei Stufen zu seiner Veranda hinauf. „Wie wäre es, wenn du mich mal einen Blick auf dich werfen lässt?“ Er legte den Hund auf eine Werkbank und begann, ihn aus seinem Mantel zu wickeln.

Der Hund drückte seine Nase gegen Jax’ Handfläche und stieß einen leisen Klagelaut aus.

„Ich weiß, Kumpel, es tut weh. Das kenne ich.“

Langsam fuhr Jaxson mit der Hand an den Flanken des Tieres entlang. Blut. Jede Menge Blut.

Jax holte seine Angelausrüstung und einen Stapel Lappen und stellte seine Notfallausrüstung zusammen. Heißes Wasser. Klebeband. Ein paar Bretter, die als Schienen dienen sollten. Nicht gerade die medizinische Ausrüstung, die er benötigte, aber er musste mit dem arbeiten, was er hatte.

Nicht ein einziges Mal knurrte oder schnappte das Tier, aber seine leisen Klagelaute verrieten Jax, dass es Schmerzen hatte.

Jax versuchte zu verstehen, was passiert war. Der Hund musste vom Unfallort weggekrochen sein. Wenn die Fahrerin bewusstlos gewesen war, konnte sie niemanden informiert haben. Die Männer vor Ort waren zu sehr damit beschäftigt gewesen, sie zu retten. Den Hund hatten sie wahrscheinlich gar nicht bemerkt.

Langsam, um keine weiteren Schmerzen oder Schäden zu verursachen, begann Jax, die Wunden zu säubern und offene Stellen mit Angelschnur zu vernähen. Das Licht war ausreichend, aber die Nacht war kalt, die Temperatur fast unter null.

Die notfallmedizinische Ausbildung, die er während seiner Zeit als Feuerwehrmann absolviert hatte, war bei einem Tier wenig hilfreich. Ein gebrochenes Bein. Ein tiefer Riss direkt hinter dem Ohr des Hundes. Als er mit der Hand über den Körper des Hundes fuhr, zuckte dieser leicht zusammen. Sein glänzendes Fell verbarg also noch weitere Wunden.

Zum ersten Mal seit zwei Jahren vergaß Jax seine eigenen Narben, seinen Schmerz, seine Probleme und machte sich an die Arbeit an einem Hund, der übersehen worden war.

„Ich glaube, wenn du überlebst, werde ich dich Buddy nennen.“ Er sprach mit leiser Stimme auf seinen Patienten ein. „Wenn du reden könntest, könntest du mich Jax nennen. Ich werde dich so gut wieder zusammenflicken, wie ich kann, aber ich bin kein Arzt. Du wirst ein paar Narben zurückbehalten.“

Buddy hob den Kopf und leckte Jaxsons rechte Hand als stilles Dankeschön.

Zum ersten Mal seit Monaten lächelte Jax. Der Hund hatte die knotige, verwachsene Haut auf seiner Hand gar nicht beachtet. „Ja, Junge, sieht so aus, als hätten wir alle unsere Narben. Wenn du dich an meinen nicht störst, werde ich mich auch nicht an deinen stören.“

3. KAPITEL

30. Oktober

Griffins Suche

Am Vormittag, nachdem er seine Post eingesammelt und eine Ladung Lebensmittel für Mamie abgeholt hatte, hielt Griffin Holloway vor der Pension der Franklin-Schwestern unweit der Hauptstraße von Crossroads, Texas. Er konnte nicht länger aufschieben, was getan werden musste. Er war sowieso in der Stadt. Da konnte er auch gleich bei den geschwätzigen Schwestern vorbeischauen und mit ihnen reden.

Ihr großes altes Haus sah frisch gestrichen aus, und das dreistöckige viktorianische Gebäude schien den winzigen Bungalow nebenan einfach verschluckt zu haben, denn jetzt waren beide Häuser durch einen Rosengartenpfad miteinander verbunden, der von verblassten Gartenzwergen gesäumt war. Vielleicht dachten die Schwestern, dass ihr Anwesen ebenso schnell wachsen sollte wie Crossroads selbst. Gerüchten zufolge würde die Stadt bald groß genug sein, um ihren eigenen Walmart zu bekommen.

Er stellte den Motor seines Trucks ab und runzelte die Stirn, während er sich auf das konzentrierte, was er hier zu tun hatte. Manchmal musste man einfach handeln, egal wie dumm der Plan sich anhörte, und aus Geldnot zu heiraten, war im Augenblick die einzige Idee, die er hatte.

Die Schwestern hatten unlängst außerhalb der Stadt Plakatwände aufgestellt und ihre Pension in „Franklin Event- und Hochzeitszentrum“ umbenannt. Sie hatten sich sogar einen märchenhaften Slogan einfallen lassen: „Wo Herzenswünsche und mitternächtliche Träume wahr werden.“

Niemand wagte es, ihnen gegenüber zu erwähnen, dass die halbe Stadt bei Herzenswünschen eher an einen Stripklub dachte als an eine Pension. Und über die Definition von mitternächtlichen Träumen wollte Griffin gar nicht erst nachdenken. Eines Abends hatten sich ein Dutzend Betrunkene in der Two-Step-Bar zusammengetan, um darüber zu diskutieren, was mit Herzenswünschen gemeint sein könnte, und das Wörtchen Hochzeit war in diesen Gesprächen nicht vorgekommen.

„Verdammt“, murmelte Griffin, als er auf die frisch gestrichene lila Tür zutrat. Er würde lieber den Tag in der stinkenden, lauten, verqualmten Two-Step-Bar verbringen, als jetzt mit den Schwestern reden zu müssen. Aber er hatte ein echtes Problem, und wahrscheinlich waren sie die Einzigen, die ihm dabei helfen konnten.

Rose Franklin öffnete die Tür und sah ihn an, als wollte er ihr längst abgelaufenes Pfadfinder-Popcorn verkaufen. „Wie kann ich dir helfen, Griffin Holloway? Erzähl mir nicht, dass dein baufälliges altes Ranchhaus abgebrannt ist und du einen Schlafplatz brauchst.“

„Nein, das Holloway-Hauptquartier steht noch. Sogar der Strom funktioniert hin und wieder.“ Er grinste. „Ich bin hier, um Sie um einen Rat zu bitten, Miss Franklin. Wenn Sie ein paar Minuten für mich erübrigen könnten?“

Dieser eine Satz schien das magische „Sesam, öffne dich“ zu sein. Sie trat zurück und bat ihn hinein in einen vollgestopften Eingangsbereich, dann führte sie ihn zu einem sonnigen Frühstücksraum, der mit Peanuts-Halloween-Figuren dekoriert war.

„Etwas spät für Halloween“, murmelte er.

„Wir arbeiten uns langsam voran“, antwortete sie. „Dekorieren ist eine Kunst, die sich nicht durch einen Kalender beschleunigen lässt. Es spart Zeit, die eine Feiertagsdekoration erst dann abzunehmen, wenn wir die nächste aufbauen.“

Mehrere der etwa sechzig Zentimeter großen, flauschigen und nicht besonders gruseligen Figuren fingen an zu reden, als Griffin an ihnen vorbeiging, und er kämpfte gegen den Drang an, nach ihnen zu schlagen. Er hasste jegliche Art von Deko, und dieses alte Haus war für ihn der reinste Albtraum.

Als er eine Augenbraue hochzog, schnaubte Rose Franklin. „Wir holen morgen alles für Thanksgiving raus. Du bist herzlich eingeladen, uns dabei zu helfen.“ Sie drehte sich zur Küche um.

Wenn Griffin Snoopy genau im richtigen Winkel träfe, würden vermutlich alle Figuren auf einmal vom Tisch fallen. Das könnte man doch als Hilfe beim Umdekorieren werten, oder? Nur hatte Griffin leider keinerlei Hoffnung, dass die Deko für Thanksgiving wesentlich besser aussehen würde als diese.

Er hasste niedliche Deko. Verdammt, er hasste jede Art von Deko. Er hasste Feiertage, Punkt. Die Wochen zwischen Halloween und Weihnachten waren für ihn keine glückliche Zeit. Aber wenn er die Hilfe von Miss Franklin wollte, sollte er ihre gruselige Menagerie besser in Ruhe lassen.

Sie bot ihm den Platz am Kopfende des Tisches an.

„Daisy!“, rief sie, ohne zu bemerken, dass ihre Schwester nur einen Meter entfernt an der Tür stand, von der Griffin annahm, dass sie in einen Flur führte. „Der älteste Holloway-Junge ist hergekommen, um uns um Rat zu fragen.“

Daisy machte ein quietschendes Geräusch und antwortete dann: „Ich hole die Muffins und den Kaffee. Fangt ja nicht an zu reden, bevor ich wieder zurück bin. Wenn ein Holloway zugibt, ein Problem zu haben, muss es ein gewaltiges sein. Schließlich hat ihre Mutter ihnen eingeredet, sie wären perfekt und wüssten alles.“

„Das habe ich gehört.“ Griffin knallte seinen Stetson auf den Tisch, nur um die Damen zu ärgern. „Mom liegt seit über zwölf Jahren unter der Erde. Die Perfektion scheint bei ihrem Nachwuchs ein wenig abgenommen zu haben.“

Rose nahm seinen Hut und legte ihn mit der Krempe nach oben auf die Fensterbank. „Abgesehen von ihrer Kurzsichtigkeit in Bezug auf ihre Söhne war deine Mama eine gute Frau.“

Griffin nickte und nahm den angebotenen Platz ein. Er hatte keine Ahnung, ob er an das Kopf- oder das Fußende des Tisches beordert wurde. „Das war sie, und ich hoffe, die nächste Mrs. Holloway wird genauso sein.“

Roses buschige Augenbrauen hoben sich leicht. Er hatte ihr Interesse geweckt.

Ein paar Minuten später, als Daisy mit Apfelmuffins, Honigbutter und einer Kanne Kaffee ins Zimmer eilte, wurde ihm klar, wie dumm er eigentlich war. Wer bittet schon zwei Frauen, die nie verheiratet waren, um Rat in Sachen Ehe? Die Jungs in der Bar hätten ihm wahrscheinlich bessere Ideen liefern können. Er zuckte mit den Schultern. Andererseits würden die Jungs in der Bar ihm weder Apfelmuffins noch Kaffee zu ihren Ratschlägen anbieten.

Außerdem war es jetzt zu spät, um einen Rückzieher zu machen. Er hatte seinen Kurs festgelegt. Während die Damen ihren Kaffee tranken und je zwei Muffins verdrückten, legte er sein Problem so schnell wie möglich dar.

Einer der Holloway-Männer brauchte eine Frau, und zwar eine mit Geld oder Land. Eine, die bereit war, noch bis Weihnachten zu heiraten. Er beugte sich vor, senkte die Stimme und fügte hinzu: „Ich möchte nicht, dass das bekannt wird, aber wenn wir bis Januar kein Geld auftreiben, könnten wir das Anwesen verlieren.“ Er zwinkerte ihnen zu. „Das behalten Sie aber für sich, meine Damen?“

Sie nickten beide und schworen feierlich, ein Geheimnis zu bewahren, das bereits jeder im County kannte. Wenn die Holloways nicht knapp bei Kasse wären, wäre das vielleicht mal was Neues. Es hieß, mehrere Rancher planten bereits, der Bank ein Angebot zu machen, sobald das Land zwangsversteigert würde. Natürlich würde niemand die ganze Ranch kaufen wollen, aber die Bank könnte sie in ein Dutzend kleinere Parzellen aufteilen.

Griffin würde sich lieber das Herz herausreißen lassen, als die Ranch stückweise zu verkaufen. Fünf Generationen seiner Familie lagen dort begraben. Die Bäume seines Vaters befanden sich dort. Das Geißblatt seiner Mutter. Über hundert Jahre lang hatten Holloways das Land bewirtschaftet, und Griffin wollte, dass es auch noch für die nächsten hundert Jahre so weiterging.

Zu seiner Überraschung stellten die Schwestern keine einzige Frage nach dem Warum seines Plans. Sie waren viel mehr am Wer interessiert.

Als er zugab, dass er keine bestimmte Braut im Auge hatte, starrten ihn die Franklin-Schwestern nur an, als hätten sie versehentlich einen Serienmörder in ihr Haus gelassen.

Griffin aß schweigend seinen Muffin und wartete. In seinem Kopf hatte sich der Plan deutlich besser angehört. Vielleicht hätte er sich mehr auf die Details konzentrieren sollen, aber die ganze Sache erschien ihm eigentlich recht einfach. Eine reiche Frau finden, sie heiraten und dann entweder ihr Geld oder ihre Kreditwürdigkeit für die Ranch nutzen. Er hatte im letzten Jahr ein Dutzend Frauen sagen hören, dass sie liebend gern in seine Familie einheiraten würden. Nur schienen sie jetzt nicht mehr da zu sein.

Die einzige Alternative bestand darin, einen Teil der Ranch zu verkaufen, und wenn er das täte, würde jeder Holloway, der auf diesem Land begraben lag, aus dem Jenseits zurückkehren, um ihn bis in alle Ewigkeit heimzusuchen. Er hatte also keine Wahl.

„Was ist mit Liebe?“, flüsterte Rose. Sie sprach die Worte langsam aus, als fürchte sie, er könnte um eine Erklärung bitten.

„Natürlich würden wir sie lieben.“ Griffin wollte herausschreien, dass Liebe damit nichts zu tun hatte. Die Franklin-Schwestern schienen nicht zu begreifen, welches Opfer er oder einer seiner Brüder zu bringen bereit waren. Schnell fügte er hinzu: „Holloway-Männer neigen dazu, sich schnell zu verlieben. Wir sind sozusagen der Typ Mann, der sich auf den ersten Blick verknallt. Das mit der Liebe wird schnell gehen, aber es ist schwer, heiratsfähige Frauen kennenzulernen, wenn man von früh bis spät mit der Arbeit auf der Ranch beschäftigt ist.“

Rose beugte sich so nah zu ihm hinüber, dass er anfing, die Haare auf ihrer Oberlippe zu zählen. „Will nur einer von euch Jungs heiraten oder alle drei?“

„Das ist egal. Wir sind alle ungebunden. Wir sind willig, bereit und reif für die Ernte.“ Als er in seinen Zwanzigern gewesen war, schien es überall von ledigen Frauen nur so zu wimmeln, aber inzwischen waren dieselben Frauen alle in ihren Dreißigern und wollten ihm Bilder von ihren Kindern zeigen.

Beide Franklin-Frauen runzelten die Stirn und verschränkten die Arme vor der üppigen Brust, als wären sie Torwächterinnen. Griffin fürchtete, dass er etwas Falsches gesagt hatte. Er besaß keine romantische Ader und hatte auch nicht vor, sich jetzt zu verstellen.

„Meine Damen. Meine Brüder und ich haben darüber gesprochen, und wir drei sind der Meinung, dass es Zeit für uns ist, sesshaft zu werden, aber die Chance, dass wir alle drei noch vor Weihnachten die große Liebe finden, ist relativ gering. Obwohl das natürlich der Herzenswunsch von jedem Einzelnen von uns wäre.“ Es konnte nicht schaden, den Slogan, mit dem die Schwestern warben, zu nutzen. Jetzt musste er den Deal nur noch mit seinem Angebot besiegeln. „Wenn Sie, meine Damen, nur einem von uns helfen, noch vor Ende des Jahres seine Partnerin fürs Leben zu finden, möchten wir, dass Sie auch die größte Hochzeit ausrichten, die diese Stadt je gesehen hat, direkt hier in Ihrem wunderschönen Haus.“

Griffin wusste, dass er etwas dick auftrug, aber die Aussicht auf Geld könnte sie sicherlich zum Helfen animieren. Letzten Endes würde ihn das Angebot nichts kosten; traditionell bezahlte schließlich die Familie der Braut die Hochzeit.

Rose stand auf und griff nach der Kaffeekanne. Einen Moment lang dachte er, sie würde sie ihm über den Kopf schlagen. Wahrscheinlich hatte sie ihn durchschaut. Verdammt, er konnte sich in diesem Moment selbst nicht besonders gut leiden. Vielleicht wäre es doch klüger gewesen, es noch mal mit der Miniaturpferdezucht zu versuchen.

Er konnte die Ranch nicht verlieren. Das hier war sein letzter verzweifelter Versuch. Es gab keinen Plan B.

Daisy langte in die Schublade eines Sideboards, das bestimmt hundert Jahre alt war, und zog Stift und Papier heraus. „Schreib genau auf, was du dir von einer Ehefrau erwartest. Wir werden tun, was wir können.“

Griffin überdachte seine Idee. Je länger sie ihn anstarrten, desto dümmer kam sie ihm vor. Er hatte sich nie viele Gedanken darüber gemacht, was für eine Frau er eigentlich wollte, aber er hatte genug Verstand, um zu wissen, dass „langbeinig und vollbusig“ wahrscheinlich nicht ganz oben auf der Liste stehen sollte.

Hübsch. Das war ein Anfang. Klug bedeutete ihm nicht sonderlich viel, aber für Elliot könnte es wichtig sein, also schrieb er das auch auf. Aus guter Familie, aber sie sollte finanziell unabhängig sein. Er nahm an, sie würden schon verstehen, dass damit einfach nur reich gemeint war.

Er hatte noch nie zuvor über die Ehe nachgedacht. Es war einfach etwas gewesen, das in ferner Zukunft lag. Normalerweise hatte er spätestens beim vierten Date bereits eine ganze Liste von Gründen im Kopf, warum er niemals den Rest seines Lebens mit einer Frau verbringen wollte. Er hatte von Zeit zu Zeit eine feste Freundin gehabt. Die Sorte, bei der er an Geburtstage denken und Weihnachtsgeschenke besorgen musste, aber alle diese Frauen gingen letztendlich immer wieder auf Abstand.

Vielleicht wäre es einfacher, sich zu überlegen, was er nicht wollte. Es dauerte normalerweise etwa drei Monate, bis er seiner „So-eine-Frau-heirate-ich-nie“-Liste einen weiteren Eintrag hinzufügte.

Griff schrieb kinderlieb. Den Franklin-Schwestern würde das vielleicht gefallen. Und groß. Kleine Frauen machten ihn nervös.

Er blickte auf, sah, dass beide Schwestern ihn erwartungsvoll anstarrten, und reichte ihnen seine Liste. Er hatte alles Wesentliche aufgeschrieben. Das sollte für den Anfang reichen.

Rose stand schließlich auf und sah auf ihn hinunter. „Wir werden darüber nachdenken, aber mach dir keine allzu großen Hoffnungen. Frauen verfolgen heutzutage ihre eigene Karriere. Nicht alle wollen auf einer Ranch leben, die eine halbe Stunde von der Stadt entfernt ist. Ihr drei Männer seht nicht übel aus, aber ich schätze, keiner von euch hat auch nur die leiseste Ahnung, wie man eine Frau behandelt.“

Griffin stand auf und griff nach seinem Hut. Verdammt, sie hatte recht. Selbst wenn sie eine Braut an Land ziehen konnten, würde sie wahrscheinlich nicht bleiben. Die einzige Frau auf der Ranch war Mamie, und sie blieb auch nur bei ihnen, weil sie sie dafür bezahlten.

Aber wenn sie eine Braut wenigstens bis zum Frühling bei sich behalten könnten, hätte die Ranch einen weiteren Winter überlebt. Damit würde er sich zufriedengeben. Er würde ihr sogar beim Packen helfen, falls es mit ihr nicht funktionieren sollte. Schließlich war eine Ehe im Grunde doch nichts anderes als ein Glücksspiel. Die Chancen, die Richtige zu finden, waren gering, aber er war bereit, das Risiko einzugehen.

Er hob den Kopf und sah die beiden Frauen an, die doppelt so alt waren wie er. „Sie haben recht. Ich weiß nicht viel über Frauen. Aber ich bin bereit, zu lernen.“

Rose starrte ihn eine ganze Minute lang an und nickte dann einmal. „Na gut, wir werden unser Bestes geben. Zuerst erstellt ihr alle drei eine Liste der letzten fünf Frauen, mit denen ihr ausgegangen seid, und schickt sie uns per SMS. Wir werden die Whiteboards rausholen und mit unserer eigenen Liste beginnen. Um acht Uhr erwarten wir euch drei wieder hier.“

Daisy nickte zustimmend. „Es wird nicht einfach sein, aber wir geben euch einen Crashkurs.“ Sie kicherte. „Und sag Cooper, er soll sich auf jeden Fall etwas anziehen. Der Anblick, wie er eines Nachmittags am Damenklub vorbeigeflitzt ist, verfolgt mich immer noch.“

„Da war er fünf“, kommentierte Griffin.

Keine der beiden Schwestern schien ihn gehört zu haben, also nickte er und stand auf, um zu gehen, noch verwirrter als bei seiner Ankunft. Die Schwestern schienen ihn gänzlich vergessen zu haben. Sie waren damit beschäftigt, ein fast zwei Meter breites Whiteboard aus dem Schrank zu ziehen.

Als er hinausging, quietschte Charlie Brown: „Süßes oder Saures!“

Griffin boxte das Plüschding, aber Charlie fiel nicht um. Er schaukelte nur und richtete sich wieder auf. Fluchend unterdrückte Griffin den Drang, noch einmal auszuholen. Wenn er es nicht einmal mit einem Plüsch-Charlie-Brown aushalten konnte, wie standen dann seine Chancen, eine echte Ehefrau zu ertragen?

Als er in den Vorraum trat, hörte er, wie Rose ihm den Befehl nachrief: „Pünktlich um acht Uhr. Und sag deinen Brüdern, sie sollen eine detaillierte Liste mitbringen, wonach genau sie suchen.“

Daisy kicherte und fügte hinzu: „Nach unserer ersten Sitzung wird es Hausaufgaben geben.“

Er trat hinaus in die Herbstluft und atmete tief durch. Wie war es möglich, in die Hölle zu kommen, ohne zu sterben? Hausaufgaben bedeuteten, dass es mit großer Wahrscheinlichkeit nicht bei einer Sitzung bleiben würde. Na großartig.

Es musste doch einen leichteren Weg geben, an Geld zu kommen. Vielleicht sollte er einfach nach Lubbock fahren und seine ganzen viereinhalb Liter Blut verkaufen. Wenn er noch beide Nieren dazugab, könnte es vielleicht reichen.

Nein, das würde nicht funktionieren. Die Franklins würden ihn umbringen und bis ins Jenseits verfolgen, weil er sie versetzt hatte. Man munkelte, dass die beiden Schwestern Männer im Allgemeinen bestenfalls tolerierten. Wenn er es sich obendrein auch noch mit ihnen verscherzte, war gar nicht abzusehen, was für Ärger die beiden verursachen könnten.

Alle Holloway-Männer würden heute Abend dort auftauchen, selbst wenn er Elliot und Cooper an den Haaren herbeischleifen müsste. Griffin grinste. Die Schwestern wären wahrscheinlich überrascht, wenn sie herausfänden, dass er noch der Umgänglichste von ihnen war.

4. KAPITEL

Midnight Crossing

Jaxson O’Grady hatte sich vornübergebeugt und den Kopf auf seinem Arm auf der Werkbank abgelegt. Doch er schlief nicht. Er konnte nicht schlafen, bis er sicher war, dass der Hund es schaffen würde.

Er streichelte sanft Buddys Hals. Der Collie hatte sich seit Stunden nicht bewegt, aber sie waren beide mit einer Wolldecke zugedeckt. Buddy atmete schnell und flach. Jaxson schätzte, dass der Hund erst einige Monate alt war. Seine Pfoten waren im Moment noch zu groß für seine Beine. Aber wenn er überlebte, würde Buddy trotz seiner Narben eines Tages ein wunderschöner Hund sein.

Komisch, er konnte sich an keine einzige Person erinnern, um die er sich jemals so viele Sorgen gemacht hätte wie um diesen ausgesetzten Hund. Er hatte daran gedacht, den Jeep zu starten und ihn in die Stadt zum Tierarzt zu bringen, aber er hatte schließlich keinen Anspruch auf den Hund. Was, wenn derjenige, der ihn ausgesetzt hatte, versuchte, ihn zurückzuholen, um die Sache zu Ende zu bringen?

Jax setzte sich wohl zum zehnten Mal auf und schaute nach Buddys Wunden. Die Blutung hatte aufgehört. Er hatte eine Schiene für das Bein gebastelt, und sie schien den Hund nicht zu stören. Wenn er überlebte, würde es eine Weile dauern, bis alles verheilte, und es bestand keine Garantie, dass er nicht hinken würde.

Als die Sonne aufging, stand Jax auf und dachte darüber nach, Speck zum Frühstück zu braten. Wenn der Hund ein wenig fressen würde, wäre das ein gutes Zeichen.

Als er sich zum Gehen umdrehte, wimmerte Buddy und öffnete seine traurigen Augen.

„Na gut, mein Junge, du kommst mit mir.“

Jax wickelte Buddy in die Decke ein, mit der er ihn zugedeckt hatte, und trug den Hund vorsichtig in die aus zwei Zimmern bestehende Hütte. „Du bist mein erster Gast, der nicht mit mir verwandt ist. Manchmal glaube ich, der O’Grady-Clan zieht jeden Monat Lose, wer herkommen muss, um nach mir zu sehen. Sie bringen mir die Post mit, als ob mich das interessieren würde, und mehr Essen, als ich je verdrücken könnte, obwohl ich ihnen jeden Monat sage, dass ich sehr gut alleine in die Stadt fahren kann, um mir Lebensmittel zu kaufen.“

Er setzte den Hund auf dem Boden ab, direkt neben einem Kamin, der noch die Wärme der erlöschenden Glut ausstrahlte. „Wenn ich sie kommen sehe, werde ich so tun, als wäre ich nicht zu Hause. Ich wäre dir dankbar, wenn du dasselbe tun würdest.“

Während Jax Frühstück für zwei zubereitete, erzählte er Buddy von jedem einzelnen seiner Verwandten. Der Hund verfolgte jede seiner Bewegungen mit den Augen und zeigte dabei weit größeres Interesse an dem Speck als an den Cousins.

Als Jax sich mit zwei Tellern zum Ofen setzte, schaffte Buddy es, den Kopf zu heben.

„Frühstücke mit mir, Junge. Ich habe mal wieder viel mehr gekocht, als ich essen kann.“

Buddy neigte den Kopf ein wenig nach rechts.

„Du hast mich durchschaut, was?“ Jax lächelte. „Ich schätze, es ist an der Zeit, dass ich ein wenig Gesellschaft bekomme. Solange du nicht schnarchst, kannst du gerne bleiben.“ Er sah sich in dem offenen Raum um und fügte hinzu: „Irgendwie kann ich verstehen, warum nie jemand zu Besuch kommt. Ich habe die alten Möbel rausgeworfen. Alles, was ich brauchte, war ein Schreibtisch für meinen Computer und ein Bett zum Schlafen im anderen Zimmer.“

Ein Schreibtisch. Ein Stuhl. Keinerlei Sitzplatz für Besuch. Ein einfaches Leben für eine einzige Person. Ihm gefiel seine schlichte Einrichtung. Er hatte an jeder freien Wand Regale angeschraubt. Taschenbücher, Zeitschriften und dicke Handbücher standen neben den Büchern, die er für seine vielen Online-Kurse durchgearbeitet hatte.

Eine Stunde nach dem Frühstück hatte Jax dem Hund die gesamte Crossroads-Zeitung der letzten Woche vorgelesen. Das meiste davon verschlief das Tier, nur am Wetterbericht schien es etwas Interesse zu zeigen.

Jax tätschelte Buddy und stellte im Stillen fest, dass er nach zwei Jahren des Alleinseins nun endgültig durchdrehte. Ohne lange nachzudenken, streckte er sich neben dem Hund auf dem Boden aus und war in wenigen Minuten tief und fest eingeschlafen.

Der Hund legte seine Schnauze auf Jaxsons Hand und tat es ihm gleich.

5. KAPITEL

Die Johnsons

Auf der Sheppard Air Force Base in der Nähe von Wichita Falls, Texas, entfernte sich Captain James Wyatt Johnson von dem Frachtflugzeug. Ausnahmsweise schaute er nicht nach oben, um den Himmel zu studieren. Dafür war er viel zu müde. Er wusste, dass es bald dunkel werden würde, und er musste ein Hotel finden, bevor der Sturm losbrach, der über ihm grollte.

Er fragte sich, warum das Einzige, das an seinem Körper noch zu funktionieren schien, seine Beine waren. Sein Kopf war völlig leer. Er war drei Tage lang auf Patrouille gewesen, ohne dabei mehr als ein paar fünfzehnminütige Nickerchen zu halten, wobei diese Zeiten eigentlich dazu gedacht waren, etwas zu essen. Dann hatte er ein Flugzeug bestiegen, in der Erwartung, etwa zwanzig Stunden zu schlafen und ein paar der Blessuren, die er sich zugezogen hatte, auf dem Rückweg in die Staaten verheilen zu lassen.

Keine Chance. Schlechtes Wetter, furchtbares Essen und die Angst vor Albträumen hatten ihn wachgehalten. Jetzt befand er sich mitten im Herzen der USA. Er war in Sicherheit. Niemand war hinter ihm her. Er hatte seine Arbeit getan. Jetzt musste er nur noch ein Bett finden und die nächsten zwei Wochen abwechselnd mit Schlafen und Essen verbringen.

Er holte seinen Mietwagen ab und hörte den Angestellten sagen, er solle auf den Landstraßen bleiben. Es hatte einen schlimmen Unfall auf der Interstate in Richtung Wichita Falls gegeben.

Es wäre vielleicht klug gewesen, nach dem Weg zum nächsten Hotel zu fragen. Aber in ein paar Meilen mussten die Landstraßen die Interstate 287 kreuzen, und an einer so großen Autobahn gab es wahrscheinlich alle paar Meter ein Hotel.

Wyatt machte sich nicht die Mühe, seine Uniform gegen Zivilkleidung zu tauschen. Er würde sich ausziehen, sobald er im Hotel ankam, das „Bitte nicht stören“-Schild raushängen und rund um die Uhr schlafen. Zehn Minuten – so lange konnte er ungefähr noch wach bleiben. Bis dahin hätte er bestimmt ein Hotel gefunden.

Als er von der Verleihstation wegfuhr, trübte der starke Regen seine Sicht. Die wenigen Straßenlaternen verschmolzen zu riesigen Kugeln und verblassten dann. Er sah eine Tankstelle, erkannte aber die winzigen Hotels erst, als er schon an ihnen vorbeigefahren war.

Kein Problem. In den Dörfern und Städten in der Nähe der Stützpunkte war es sowieso nie besonders ruhig. In ein paar Minuten würde er in Wichita Falls sein. Dort gab es Dutzende Hotels. 

Wyatt nahm eine Landstraße, wie es der Angestellte vorgeschlagen hatte. Fahren. Einfach nur fahren. Es spielte keine Rolle, ob er rechts oder links abbog. Er würde bald anhalten. Wie weit konnten Städte schon auseinanderliegen? Er war schließlich in Texas, nicht mitten im Nirgendwo.

„Texas“, sagte er laut vor sich hin. „Warum zum Teufel bin ich in Texas?“

Mit sich selbst zu reden, schien eine ebenso gute Idee wie jede andere. Niemand war da, und singen konnte er nicht.

Er lachte über seinen schwachen Anflug von Humor und beantwortete seine eigene Frage. „Du bist in Texas, weil man dich an keiner der beiden Küsten haben will.“

Diese Worte schmerzten ihn ein wenig, aber er versteckte sich grundsätzlich nie vor der Wahrheit. Seine Eltern in Kalifornien hatten nicht mehr mit ihm gesprochen, seit er vor zehn Jahren das College abgebrochen hatte, um zum Militär zu gehen. Sie hatten sich gerade scheiden lassen; beide hatten jeweils einen zweiten, jüngeren Seelenverwandten gefunden. Keiner von beiden wollte ihn in der Nähe haben, um sie daran zu erinnern, dass sie älter wurden und schon einmal verheiratet gewesen waren.

Als er vor zwölf Stunden aus London angerufen hatte, hatte ihm seine letzte Freundin erzählt, sie wäre jetzt mit einem Kerl verlobt, der sich öfter als einmal alle sechs Monate bei ihr blicken ließ. Sie hatte außerdem hinzugefügt, dass ihr Verlobter vorhätte, ihn zu verprügeln, falls er jemals nach Maryland käme, weil er sie zum Weinen gebracht hatte.

Komisch, als er im Ausland gewesen war, hatte er immer nur daran gedacht, nach Hause zu kommen. Jetzt kam es ihm fast schon sicherer vor, wieder zurückzugehen. Ihm fiel kein einziger alter Freund ein, der ihn für zwei Wochen bei sich aufnehmen würde, und der Gedanke, die ganze Zeit in einem Hotel zu bleiben, erschien ihm wie die Definition des Fegefeuers, aber allmählich sah es so aus, als wäre das seine einzige Option.

Als er das letzte Mal vorgeschlagen hatte, bei seinem Highschool-Freund Ryan in Tennessee zu übernachten, hatte Ryan gesagt, seine Frau sei nicht gut auf Wyatt zu sprechen, weil er ihrer Schwester das Herz gebrochen hatte.

Verdammt, Wyatt konnte sich nicht einmal an den Namen der Schwester erinnern. Sie war eine der Brautjungfern auf Ryans Hochzeit gewesen, da war sich Wyatt ziemlich sicher, und sie hatte sich zwischen dem Hochzeitsessen und dem Anstoßen für ihn ausgezogen. Dann war sie mit einem der Trauzeugen gegangen, bevor Wyatt auch nur Zeit gehabt hatte, sich ihr vorzustellen.

Wyatt rieb sich die Augen und versuchte, im Regen noch irgendetwas anderes zu erkennen als das schwarze Band der Autobahn. Wenn er nicht bald ein Hotel fände, würden s...

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