Annies Entscheidung

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Lange hat Annie gebraucht, um damit fertig zu werden, dass sie ihr Baby weggeben musste. Viele Jahre sind seitdem vergangen - niemand hat ihr Geheimnis preisgegeben. Doch als ihre Tochter Riley eines Tages unerwartet vor ihr steht, weiß Annie, das die Schatten der Vergangenheit sie eingeholt haben...
  • Erscheinungstag 21.06.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733776695
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Das Geräusch war unverkennbar. Splitterndes Glas.

Annie schloss die Augen und befahl sich, tief durchzuatmen.

Sie hätte den Weg nach hinten auch mit geschlossenen Augen gefunden, aber sie öffnete sie trotzdem wieder. Zwar kannte sie jeden Winkel des Ladens, aber seit zwei Tagen war sie so nervös, dass es sie nicht wundern würde, wenn sie selbst gegen eins der Regale aus Chrom und Glas stieß.

Sie betrat den hinteren Raum von Island Botanica und sah mit einem Blick, was geschehen war.

An dem an der Decke befestigten Holzgitter hingen Büschel von Lavendel, Rosmarin und Goldmohn zum Trocknen. Unter der duftenden Farbenpracht stand ein junges Mädchen inmitten dunkelgrüner Scherben. „Hast du dir wehgetan?“, fragte Annie.

Verlegen starrte ihre Nichte zu Boden. „Das ist jetzt schon die dritte Flasche, die ich zerbrochen habe.“ Rileys Stimme klang belegt. Sie schien den Tränen nah zu sein.

Nirgendwo war Blut zu sehen, und Annies Herzklopfen legte sich ein wenig. Achselzuckend nahm sie den Handbesen vom Wandhaken und begann die Scherben zusammenzufegen. „So etwas passiert“, sagte sie so gelassen wie möglich. Sie merkte, dass ihre Hände zitterten, und packte den Besen noch fester.

Das Dutzend Armbänder an Rileys schmalem Handgelenk klirrte, als sie sich das wellige blonde Haar hinter die Ohren schob. Hastig ging sie zur Seite. „Dad wird alles bezahlen.“

Annies Herz schlug wieder schneller. Seit Riley vor zwei Tagen unangemeldet vor ihrer Tür gestanden hatte, hatte das Mädchen seine Eltern mit keinem Wort erwähnt. Es war Annie gewesen, die darauf bestanden hatte, Will und Noelle anzurufen und ihnen zu sagen, dass ihrer Tochter nichts zugestoßen war.

Sie hörte auf zu fegen und streckte den Arm nach Riley aus, ließ ihn jedoch wieder sinken. Anstatt ihre Nichte zu berühren, fegte sie die Scherben auf das Kehrblech.

„Sei nicht albern. Niemand muss etwas bezahlen.“

„Außer dir und Sara, denn jetzt könnt ihr das nicht mehr verkaufen.“ Das Mädchen zeigte mit dem Kinn auf die grünen Glassplitter, die glitzerten, als Annie sie in den Abfalleimer kippte. „Dad hat erzählt, dass euch das Wasser bis zum Hals steht.“

„Nun ja, eine zerbrochene Flasche mehr oder weniger wird uns schon nicht ruinieren“, erwiderte Annie trocken. „Es ist schon gut, Riley. Wirklich. Ich schlage vor, du packst die restlichen Flaschen aus, dann machen wir Mittagspause.“

Rileys Blick zuckte zur Wanduhr. „So früh?“

Annie hängte Handbesen und Kehrblech wieder an ihren Platz. „Mir gehört der Laden. Ich kann Mittag machen, wann ich will. Wir gehen zu Maisy’s. Dort schmeckt es immer großartig, und wenn es nicht regnet, können wir uns nach draußen setzen.“ Sie rang sich ein Lächeln ab. Riley den ganzen Vormittag hindurch zu beschäftigen war schwieriger gewesen, als sie erwartet hatte. Aber selbst an einem stürmischen Tag wie diesem musste sie sich um den Laden kümmern, und sie hatte ihre Nichte nicht allein lassen wollen. „Sag mir Bescheid, wenn du mit der Kiste fertig bist.“

Riley nickte und schob die Hände wieder in die Schaumstoffflocken, zwischen denen die Flaschen in der Kiste lagen. Nach einem Moment zwang Annie sich, wieder nach vorn zu gehen. Dass man ihr über die Schulter schaute, war das Letzte, was ihre Nichte jetzt brauchte.

Es war ein ruhiger Tag, wie meistens in der Wochenmitte. Die Touristen kamen erst am Wochenende auf die Insel und in den kleinen Kräuterladen, den Annie zusammen mit ihrer Freundin Sara Drake betrieb.

Zum Glück haben wir auch noch den Versandhandel, dachte sie. Der florierte, und ohne ihn hätten sie den Laden längst schließen müssen. Das war für sie eine unerträgliche Vorstellung.

Sie nahm das Staubtuch und ging zu den Vitrinen, die am Schaufenster standen. Der Laden war klein, aber in ihm herrschte eine luftige und natürliche Atmosphäre, die Annie noch immer so sehr liebte wie vor fünf Jahren, als Sara und sie ihn eröffnet hatten.

In den Glasregalen standen die Flaschen, Gläser und Röhrchen aus dem grünen Glas, das Island Botanicas Markenzeichen war. Im Laden bekam man fast alles, von Kräftigungsmitteln bis zu Parfüms, die sämtlich hier auf Turnabout Island hergestellt wurden. Annie drehte eine Flasche so, dass die silberne Schrift auf dem elfenbeinfarbenen Etikett von draußen zu erkennen war, und wischte mit dem Tuch über einen Fingerabdruck, den jemand auf der Vitrine hinterlassen hatte.

Vor dem Schaufenster war der Bürgersteig noch trocken, aber am Horizont hingen dunkle Wolken und schreckten mögliche Kunden vom Festland ab. Keine Frage, bald würde das Gewitter die Insel erreicht haben.

Auf Turnabout Island nieselte es oft, das ideale Klima für die Felder, auf denen das wuchs, was Island Botanica verarbeitete. Aber so finster wie seit einigen Tagen war der Himmel schon lange nicht mehr gewesen.

Die ersten schwarzen Wolken waren zusammen mit Riley aufgetaucht. Seitdem wurde Annie von einer Mischung aus Angst, Nervosität und Erleichterung beherrscht. Ihre Nichte war von zu Hause weggelaufen, aber anstatt zu verschwinden, war sie zu ihrer Tante gekommen.

Und Annie wusste noch immer nicht, warum das Mädchen hier war.

Sie drehte das Staubtuch, als würde sie es auswringen wollen, und wandte sich zur Tür, als die leise, helle Glocke einen Kunden ankündigte. Kaum hatte ihr Blick die hohe Gestalt mit dem schimmernden braunen Haar erfasst, da kam Riley nach vorn.

„Tante Annie, ich habe die Kiste …“ Das Mädchen verstummte abrupt.

Annie sah über die Schulter. „Toll, Riley. Danke. Warte einen Augenblick, bis ich mich um …“ Auch sie unterbrach sich, als sie sah, um wen es sich handelte. Instinktiv wich sie einen Schritt zurück und stieß gegen eine Vitrine. Flaschen klirrten, aber Annie stand wie gelähmt da. „Logan?“

„Ich habe sie gewarnt“, sagte ihre Nichte. „Ich habe sie davor gewarnt, mir nachzukommen. Also hat er Sie geschickt. Ich bin nicht dumm. Ich kenne Sie. Von den Hochzeitsfotos von Mom und Dad.“

Der Mann zog die Brauen zusammen. „Wie bitte?“

Rileys Miene blieb rebellisch.

Mit offenem Mund starrte Annie den Besucher an. „Logan?“, wiederholte sie. „Logan Drake?“ Es war Jahre her, dass sie ihn zuletzt leibhaftig gesehen hatte. Sie hatte angenommen, dass er den Kontakt mit Will abgebrochen hatte, nachdem Will Noelle geheiratet hatte. Und obwohl Sara ihn von Zeit zu Zeit erwähnte, war sein Anblick wie eine Blitzreise in die Vergangenheit. In ein anderes Leben.

In das einer anderen Annie.

Endlich schaute der Mann von Riley zu ihr. „Hallo, Annie.“ Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln, und links und rechts der unglaublich blauen Augen mit den dichten Wimpern bildeten sich unzählige Fältchen.

Ein mulmiges Gefühl stieg in Annie auf. Sie war nicht sicher, wer sie nervöser machte. Riley oder Logan, der offensichtlich nicht überrascht war, sie hier zu treffen. „Es ist lange her“, erwiderte sie leise.

„Sie sind ein Freund meines Dads“, meinte Riley in vorwurfsvollem Ton.

„Wer ist dein Dad?“

Das Mädchen verschränkte die Arme und schob das Kinn vor.

Annie wollte sich das Haar aus dem Gesicht streichen, doch dann wurde ihr bewusst, dass sie das Staubtuch noch in den Händen hielt. Sie legte es neben die Kasse. „Logan …“ Allein schon seinen Namen auszusprechen fühlte sich eigenartig an. „Dies ist meine Nichte Riley.“

„Wills Tochter?“ Logan musterte den Teenager. „Im Ernst? Ist er auch auf der Insel?“

Riley verdrehte die Augen.

„Nein.“ Rasch machte Annie einen Schritt auf ihre Nichte zu, denn Riley war ein Fluchtversuch durchaus zuzutrauen. Natürlich gab es hier keinen Überlandbus, mit dem sie einfach verschwinden konnte. Um aufs Festland zu gelangen, würde sie auf die Fähre warten müssen. Trotzdem wollte Annie kein Risiko eingehen. Sie wollte, dass Riley nach Hause zurückkehrte. „Er und Noelle leben noch in Washington State.“

Dann sah sie Riley an. „Das ist Logan Drake. Er mag ein alter Freund deines Dads sein, aber er ist auch Saras Bruder. Ich … bin sicher, er ist hier, um sie und Dr. Hugo zu besuchen. Er stammt von Turnabout. Das ist doch richtig, Logan?“

Sein Lächeln verblasste kein bisschen. „Ich bin hier aufgewachsen“, bestätigte er.

„Wette, Sie konnten es kaum abwarten, von hier wegzukommen. Hier ist absolut nichts los. Man glaubt kaum, dass die Insel zu Kalifornien gehört. Ich meine, es gibt nur fünf Autos. Man stirbt vor Langeweile.“

„Riley!“ Entschuldigend lächelte Annie Logan zu. Es stimmte, Turnabout war keine große Insel. Weit vor der kalifornischen Küste gelegen, war sie kaum elf Meilen lang und weniger als eine halbe breit, mit einer einzigen Straße, die sie der Länge nach in zwei fast gleich große Hälften teilte. Annie besaß keinen Wagen. Die meisten Bewohner gingen entweder zu Fuß, fuhren Rad oder sausten in Elektromobilen umher.

„Sara verbringt diese Woche in San Diego, fürchte ich“, fuhr Annie fort. „Sie … hat mir nicht erzählt, dass du nach Hause kommst.“ Die Wahrheit war, dass Sara so gut wie nie von Logan sprach. Und wenn sie es tat, fragte sie sich, woher das Geld stammte, von dem er offenbar eine Menge hatte. Jedenfalls ließen die großzügigen Schecks, die er ihr hin und wieder schickte, vermuten, dass er kein armer Mann war.

Er lächelte auch jetzt noch. „Sie wusste nicht, dass ich zu Besuch komme.“

Annie verstand. Er kam nicht nach Hause, sondern zu Besuch. Er hatte nicht vor, hier zu bleiben. Aber warum erzählte er ihr das? Schließlich war er nicht auf der Insel, um sie zu sehen. Sie wusste nur zu gut, was er früher von ihr gehalten hatte.

Bevor sie sich daran hindern konnte, strich sie nervös über ihr Haar. „Nun ja, wie gesagt, Sara ist nicht hier. Riley und ich wollten gerade im Maisy’s etwas essen. Du kannst dich gern anschließen.“

Er betrachtete sie nachdenklich, und sie schluckte. Was fiel ihr ein? Sie lud keine Männer zum Mittagessen ein. Und auch zu sonst nichts. Nicht mehr. Nicht einmal den, in den sie einst hoffnungslos verliebt gewesen war. Nicht einmal den, der der beste Freund ihres Bruders war.

„Oh.“ Mit einiger Verzögerung lieferte ihr Verstand ihr eine Erklärung dafür, warum er sie so ansah. „Natürlich. Du willst sicher deinen Dad besuchen. Ich bin Dr. Hugo heute Morgen begegnet, als ich ins Geschäft kam. Seine Praxis … Na ja, du weißt natürlich, wo seine Praxis ist.“ Sie kam sich plötzlich albern vor.

„Mittagessen klingt gut.“

Einen Augenblick lang schien ihr Herz still zu stehen. So war es in Logans Nähe immer gewesen. Selbst damals, als sie erst siebzehn und er dreiundzwanzig gewesen war. „Okay“, erwiderte sie matt.

Riley gab einen Laut von sich, der irgendwo zwischen einem Schnauben und einem Aufstöhnen lag. Annie ignorierte es. Sie war nur Rileys Tante, und sich das Recht herauszunehmen, ihr unmögliches Benehmen zu kritisieren, wäre …

Sie brach den Gedanken ab, als sie daran dachte, was Lucia ihr so oft vorgeworfen hatte.

Riley ist ein gutes Mädchen, sagte Annie sich streng. Ein Teenager, verstört genug, um zu einer Tante zu flüchten, die sie kaum kannte. Alles, was sie für Riley tun konnte, war, sie davon zu überzeugen, dass sie zu ihren Eltern zurückkehren musste. Freiwillig. So schnell wie möglich. Riley hatte selbst gesagt, dass es auf der Insel langweilig war, also …

Erst jetzt bemerkte Annie, dass Riley und Logan sie anstarrten. Sie lächelte matt. „Richtig. Mittagessen.“ Sie eilte nach hinten, schnappte sich ihre Handtasche und nahm auf dem Rückweg die Schlüssel mit.

Logan und Riley wechselten misstrauische Blicke. Und weil Annie den Mund nicht hatte halten können, würden die beiden auch noch an einem Tisch sitzen müssen. Großartig. Sie tastete nach dem Türgriff und stellte fest, dass Logan ihr zuvorgekommen war. Sie zuckte zusammen und fühlte, wie sie errötete.

Riley funkelte sie an.

Logan wirkte belustigt.

Rasch schloss sie die Ladentür ab und überquerte die holprige Straße. Sie wünschte, sie wäre wieder das freche, respektlose Mädchen, das sie einst gewesen war. Dann wäre sie mit Riley mühelos fertig geworden und hätte Logan in seine sündhaft blauen Augen schauen können, ohne weiche Knie zu bekommen.

Verstohlen musterte sie ihn.

Er sah ihr direkt ins Gesicht. Ihr Herz zog sich zusammen, und sie eilte weiter. Wem wollte sie etwas vormachen? Schon mit siebzehn war sie dahingeschmolzen, wenn er in ihrer Nähe war.

Riley war schon fast so groß wie Annie und holte sie mit wenigen Schritten ein. „Mir ist egal, wessen Bruder er ist“, flüsterte sie. „Ich wette eine Million Dollar, dass mein Dad ihn geschickt hat, um mich nach Hause zu schleifen.“ Ein Donnergrollen unterstrich ihre Worte.

Annie schaute zum Himmel und rechnete halb damit, dass ein Blitz aus den dunklen Wolken schoss und vor ihr in den Boden einschlug. Die Wahrscheinlichkeit, dass das geschah, war in etwa so groß wie die, dass erst Riley und dann auch noch Logan auf Turnabout erschienen. Sie hörte ihn näher kommen und fröstelte.

„Du hast keine Million.“

Wieder gab Riley einen verärgerten Laut von sich.

„Na ja, vielleicht ist er wirklich hier, weil dein Dad ihn darum gebeten hat“, gab Annie nach. Solche Zufälle gab es im Leben. Aber dass er ausgerechnet jetzt wieder auftauchte, konnte keiner sein.

„Ich werde nicht mitgehen“, verkündete Riley trotzig.

Doch, das wirst du, antwortete Annie stumm. Erneut krachte der Donner. Danach herrschte absolute Stille, und die Luft war wie aufgeladen.

„Das Gewitter kommt“, sagte Logan hinter ihnen.

Annie ging schneller und steuerte Maisy Fieldings Gasthof an. In ihrem Inneren war das Unwetter längst da.

2. KAPITEL

„So wahr ich lebe und atme, wenn das nicht mein Neffe Logan Drake ist!“, rief Maisy Fielding. Ein Meter fünfundfünfzig groß, stand sie vor ihnen, die Hände in die Seiten gestemmt, mitten im Eingang ihres Lokals.

Gegen seinen Willen musste Logan lächeln. Maisy Fieldings verstorbener Mann war der Cousin seiner Mom gewesen. Und sie sah genau so aus, wie er sie in Erinnerung hatte – rote Korkenzieherlocken, so bunt gekleidet, dass man davon Kopfschmerzen bekam, und von ansteckender Lebenslust.

„Das steht jedenfalls in meinem Führerschein“, erwiderte er.

Sie lachte herzhaft und zog an seinen Schultern, bis er sich hinabbeugte. Dann schlang sie die dünnen Arme um ihn und drückte ihn überraschend kräftig an sich. „Noch immer so frech, was?“, sagte sie und klopfte ihm auf den Rücken. „Daran hat sich nichts geändert, seit du aus Turnabout weggelaufen bist.“ Sie ließ ihn los und schaute ihm neugierig ins Gesicht.

Er fragte sich, was sie darin sah. Was immer es war, sie zeigte mit ausgestrecktem Arm auf das satte Grün, das das Hauptgebäude des Gasthofs umgab. „Wundert mich, dass du den Führerschein noch hast. Die Bäume dort drüben haben zehn Jahre gebraucht, um sich zu erholen, nachdem du sie mit deinem dämlichen Wagen fast umgepflügt hattest.“

Logan hörte, wie Riley hinter ihm ein verächtliches Schnauben unterdrückte. „Ich konnte nichts dafür, dass die Bremse versagte, Maisy“, antwortete er. „Wenigstens habe ich es gerade noch geschafft, nicht ins Haus zu rasen.“

Maisy lachte, ein sicheres Zeichen dafür, dass die Zeit manche Wunden heilte. Damals vor dreiundzwanzig Jahren, als er mit sechzehn seine trotz des väterlichen Verbots gekaufte Klapperkiste in ihren geliebten Garten gesteuert hatte, war sie fuchsteufelswild gewesen. Sie hatte es ihm heimgezahlt. Den ganzen Sommer hindurch hatte er für sie schuften müssen, um den Schaden wieder gutzumachen. Er hatte die Farbe von den alten Küchenschränken gekratzt und auf ihre Tochter aufgepasst. Schon nach einer Stunde mit der frühreifen Tessa hatte er sich nach dem Spachtel zurückgesehnt.

Und trotzdem bereitete es ihm noch jetzt ein schlechtes Gewissen, dass er Jahre später nicht da gewesen war, als sie starb. Von ihrem Tod hatte er erst durch einen der seltenen Briefe von Sara erfahren.

„Nun ja, wenn ihr zum Essen hier seid, kommt herein“, sagte Maisy. Falls sie es ungewöhnlich fand, dass er Annie und Riley begleitete, so ließ sie es sich nicht anmerken. Logan war ihr dankbar dafür. Maisy war dafür bekannt, dass sie sich gern in Dinge einmischte, die sie überhaupt nichts angingen. „Unsere Gerüchteküche scheint nicht mehr das zu sein, was sie mal war. Sonst hätte ich längst gehört, dass du hier bist.“ Sie drehte sich um. „Hugo hat nicht erwähnt, dass du kommst.“

Logan ignorierte Maisys Anspielung auf seinen Vater und hielt Annie und ihrer Nichte die Tür auf. „Das Geschäft scheint gut zu laufen. Früher hast du nur Frühstück serviert.“

„Turnabout zieht immer mehr Touristen an, und irgendwo müssen die ja essen.“ Sie steuerte ein Restaurant unter freiem Himmel an, in dem mindestens zwei Dutzend Gäste schon an den runden Tischen saßen. „Setzt euch, wohin ihr wollt. Wenn es zu regnen beginnt, besorge ich euch einen Platz im Haus.“ Sie tätschelte Logans Arm und eilte wieder hinein.

„Habt ihr einen Lieblingstisch?“ Er sah erst Riley an, die ihn ignorierte, dann Annie, die nur den Kopf schüttelte. Daraufhin ging er zu dem Tisch, der am weitesten von denen der anderen Gäste entfernt stand. Maisy zu begegnen war eine Sache, aber er hatte keine Lust, noch jemandem, den er kannte, über den Weg zu laufen. Er war hier, um sein Gewissen zu beruhigen, nicht um alte Bekanntschaften aufzufrischen.

Logan zog Annies Stuhl hervor, bevor er sich aus Gewohnheit mit dem Rücken zur Wand hinsetzte – obwohl die Wand nur ein mit Bougainvilleen bewachsenes Spalier war. Ein junges Mädchen brachte ihnen Mineralwasser mit Zitronenscheiben und erzählte ihnen, was es heute gab.

Nachdem sie bestellt hatten und der als Kellnerin jobbende Teenager wieder verschwunden war, herrschte am Tisch angespanntes Schweigen. Logan sah sich um. Ein Paar mittleren Alters mit Sonnenbrand im Gesicht und nagelneuer Freizeitkleidung stritt sich leise. Rechts von ihnen saß eine junge Frau. Sie las ein Taschenbuch und hob hin und wieder den Kopf, um die anderen Gäste zu betrachten, während sie in ihrer Suppe rührte. Logan sah ihr an, dass sie sich mehr für die Menschen um sie herum als für das Essen interessierte. Hinter ihr konnte ein Pärchen kaum lange genug die Hände voneinander lassen, um in seine Sandwichs zu beißen. Die sind auf Hochzeitsreise, dachte Logan und beobachtete, wie die Frau einen Schuh abstreifte und mit den Zehen über die Wade des Mannes strich.

Logan unterdrückte ein Lächeln, bevor er zurück zu Annie schaute. Ihre Miene war verschlossen. Riley studierte ihre Fingernägel – sie waren pechschwarz lackiert und sahen aus, als hätte sie mit bloßen Händen Kohlen geschaufelt.

Will hatte ihm ein Schulfoto gezeigt und angedeutet, wie ähnlich sie ihm sah. Aber jetzt, da er sie vor sich sah, erschien ihm das übertrieben. Ihre Miene verhärtete sich, als sie seinen forschenden Blick bemerkte. Sie rutschte auf dem Stuhl herum und verschränkte wieder die Arme.

Klassische Abwehrhaltung.

„Ich schätze, ich brauche dich gar nicht erst zu fragen, ob du und Sara nach eurem Abschluss in Bendlemaier in Verbindung geblieben seid“, wandte er sich an Annie. Ihm entging nicht, dass Rileys Gesicht sich noch mehr verfinsterte, als sie den Namen hörte. Auch darauf hatte sein Freund ihn vorbereitet.

Will und Noelle wollten ihre Tochter auf das exklusive Internat schicken. Aber offenbar war Riley davon ebenso wenig begeistert wie Annie damals.

Annies Lächeln wirkte gezwungen. „Ich … habe keinen Abschluss in Bendlemaier gemacht. Aber wir sind in Kontakt geblieben, als sie aufs College ging. Wir hatten schon lange davon gesprochen, unser eigenes Geschäft aufzumachen, und als sich die Gelegenheit ergab, haben wir zugegriffen.“

Aus irgendeinem Grund hatte Logan angenommen, dass Annie mit Sara auf dem College gewesen war. Das bewies, wie wenig er über seine Schwester wusste. Er fragte sich, ob Sara sich auch so sehr verändert hatte wie Annie. Obwohl er geplant hatte, nur zu tun, was getan werden musste, und sofort wieder zu verschwinden, stieg ihm plötzlich der Wunsch auf, seine kleine Schwester wiederzusehen.

In den letzten zehn Jahren hatte er ein paar Mal telefoniert, mehr nicht. Er erinnerte sich noch daran, wie sie ihn bei ihrer letzten Begegnung angesehen hatte. Verwirrt. Verletzt. Er hatte sich schrecklich gefühlt, denn er hatte gewusst, dass er niemals nach Turnabout zurückkehren würde, um ihr ein richtiger Bruder zu sein. Stattdessen hatte er sie angerufen und ihr Geld geschickt, um sein Gewissen zu beruhigen. Nach einigen Jahren hatte er es geschafft, sich einzureden, dass es gut so war.

Aber er war nicht hier, um seine eigenen familiären Probleme zu lösen. Also betrachtete er Annie einen Moment lang. Will hatte ihm erzählt, dass seine Tochter bei ihr wohnte, also hatte er damit gerechnet, sie zu sehen. Aber nicht mit den Gefühlen, die es in ihm auslöste. „Dein Haar war mal länger, nicht wahr?“ Er wusste genau, wie lang es gewesen war. Schimmernde, wilde hellblonde Locken, die bis zur Taille reichten. Und vor all den Jahren hatte sie diese Mähne wie einen Schild gegen jeden Mann eingesetzt, der in ihre Nähe kam.

„Ja.“ Sie steckte die Gabel in ihr Wasserglas, spießte die Zitronenscheibe auf und drückte sie aus. Ihre Wangen waren leicht gerötet. „Du hast dich kaum verändert.“ Sie warf Riley einen Blick zu. „Du bist älter geworden, aber sind wir das nicht alle?“

„Ich finde diese Nostalgie zum Kotzen“, sagte das Mädchen.

„Dann dreh dich weg, sonst verdirbst du uns noch den Appetit“, erwiderte Logan sanft.

Sie funkelte ihn an, und fast hätte er gelächelt. So war ihre Tante auch gewesen. Trotzig. Widerspenstig. Vor fünfzehn Jahren war die Mode anders gewesen, aber Riley trug ihre Sachen genauso eng und provozierend wie Annie damals.

Er starrte auf Annies gesenkten Kopf. Jetzt war an ihrer Erscheinung nichts Aufreizendes mehr. Das Kleid unter dem langen khakifarbenen Pullover war weit, der Kragen so hochgeschlossen, dass er selbst den Ansatz ihres schlanken Halses verdeckte.

Am linken Handgelenk trug sie eine schlichte Uhr mit einem schmalen schwarzen Armband. Sonst war kein Schmuck zu sehen. Verschwunden waren die klirrenden Halsketten und baumelnden Ohrringe. Die langen braunen Wimpern wirkten sanft, und wenn sie Make-up aufgelegt hatte, dann so dezent, dass er es nicht erkennen konnte. Mit siebzehn hatte sie ausgesehen, als hätte sie das Zeug mit einer Kelle aufgetragen.

„Mach ein Foto von ihr, okay?“ Riley verdrehte die Augen und schüttelte angewidert den Kopf. „Das ist ja nicht mehr auszuhalten.“

Annie hob den Kopf. Ihr Blick zuckte von ihrer Nichte zu Logan, und sie errötete noch stärker. Sie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und schien etwas sagen zu wollen, doch dann kam die Kellnerin mit dem Essen. Logan fragte sich, warum sie errötete und ob es mit der Vergangenheit zu tun hatte.

Sie war nie der Typ gewesen, der zum Erröten neigte.

Das letzte Mal hatte er sie auf dem stattlichen Anwesen ihrer Eltern in Seattle gesehen, wo sie – zusammen mit den anderen Hochzeitsgästen – den Abend nach Wills Trauung verbracht hatte. Er war verdammt wütend auf sie gewesen.

Aber noch wütender auf sich selbst. Sie war noch so jung gewesen. Er hatte keine solche Entschuldigung gehabt.

„Kann ich den Ketchup haben, bitte?“

Er gab Riley die Flasche. Ihre plötzliche Höflichkeit überraschte ihn. Aber trotzig oder nicht, sie war eben Wills und Noelles Tochter. Er beobachtete, wie sie ihn über die Pommes frites kippte. „Isst du gern Pommes frites zu deinem Ketchup?“

Sie verzog das Gesicht, dann nickte sie. Er griff nach der Flasche und goss eine kräftige Ladung auf seinen Teller. „Ich auch.“

Mehr als einen betont gelangweilten Blick brachte es ihm nicht ein.

Annie hatte einen Salat bestellt. Sie schob das Gemüse hin und her, aß jedoch kaum davon.

„Warum hast du in Bendlemaier keinen Abschluss gemacht?“, fragte er sie.

Sie sah nicht auf. „Ich war nicht lange genug da.“

„Wieso lebst du nicht mehr auf Turnabout, wenn du doch von hier stammst?“ Riley tauchte ein Kartoffelstäbchen in ihren Ketchupsee.

„Ich musste aus beruflichen Gründen fort“, erwiderte Logan. Das stimmte, war aber nicht die ganze Wahrheit. Er ahnte, dass Riley ihn nur gefragt hatte, um von ihrer Tante abzulenken. Ihre Fürsorglichkeit verblüffte ihn.

„Was war das für ein Beruf?“

„Riley, das geht dich nichts an“, mischte Annie sich ein.

Er schüttelte den Kopf. „Ich bin Spion geworden.“

„Ja, sicher.“ Das Mädchen schob sich das triefende Kartoffelstückchen in den Mund und leckte sich die Finger ab.

„Okay, ich bin Berater“, sagte er trocken. Für die meisten Leute war diese Lüge immer verdaulicher gewesen als die nackte Wahrheit. Selbst für seine Kollegen. Für Coleman Black, den Chef von Hollins-Winword, arbeiteten viele Agenten. Auf vielen Gebieten. Aber man brauchte nur einen, der … aufräumte.

„Berater für was? Für wen?“

„Hast du die Verhörtechnik bei deinem Dad aufgeschnappt? Ich fand schon immer, wenn er nicht Anwalt geworden wäre, hätte er einen guten Polizisten abgegeben.“

Der Teenager ließ sich nicht beirren. „Das ist keine Antwort.“

„Was ist aus deinem eigenen Abschluss in Jura geworden?“, wollte Annie wissen.

„Ich habe die Urkunde in einen Schrank gelegt, wo sie Staub sammelt.“ Er lächelte grimmig. Er war kein Anwalt, aber auch er sorgte dafür, dass das Recht sich durchsetzte. Nur auf eine Art, von der die meisten Leute nichts wissen wollten. Bis vor kurzem hatte er es immer geschafft, das zu verdrängen und einfach nur seinen Job zu erledigen.

Eine junge Frau mit langer weißer Schürze trat an den Tisch. „Kann ich euch noch etwas bringen?“

Logan schüttelte den Kopf. Riley lehnte sich mit gekreuzten Armen zurück. Sie hatte ihre in Ketchup getränkten Pommes frites und den halben Hamburger gegessen. Annie, auf deren Teller noch der Großteil ihres Salats lag, lächelte der Kellnerin zu. „Nein danke, Janie.“

Die junge Frau ging davon.

„Wer ist sie?“, fragte Logan. „Sie kommt mir bekannt vor.“

Annie folgte seinem Blick. „Janie Vega. Sie hilft manchmal bei Maisy aus. Eigentlich ist sie Glaskünstlerin und hat ein eigenes Studio auf der Insel.“

„Vega?“

Annie nickte. „Ich nehme an, du kanntest Sam Vega. Sie ist seine jüngere Schwester.“

„Ich bin mit Sam zur Schule gegangen.“ Damals war Janie noch ein Baby gewesen.

„Er ist jetzt unser Sheriff.“

Überrascht schüttelte Logan den Kopf. „Als wir jung waren, wollte er unbedingt von hier weg, genau wie ich.“

Annie drehte ihr Glas zwischen den Händen. „Wenn du dich öfter bei Sara gemeldet hättest, hätte sie es dir bestimmt erzählt.“

Riley schnaubte. „Das ist ja nicht auszuhalten. Ich verschwinde.“

„Wohin willst du?“

„Zurück ins Haus oder so.“

Logan beobachtete Annies Mienenspiel. Auf Angst folgte erst Zögern, dann Resignation. Sie gab ihrer Nichte die Schlüssel. „Du kannst auf den Laden aufpassen, bis ich komme.“

„Du vertraust mir?“, fragte ihre Nichte.

„Du willst doch nicht anderswohin?“

Weg von der Insel, übersetzte Logan.

„Nein.“ Das Mädchen stand auf, drehte sich auf dem Absatz um und eilte davon. Logan sah ihr nach. Er hatte bereits mit Diego Montoya gesprochen, der die einzige Fähre zum Festland betrieb, und erfahren, dass der alte Mann bereits die Augen nach Riley Hess offen hielt. Falls sie die Insel verlassen wollte, würde sie es nicht mit Diegos Hilfe tun können. Die anderen Bewohner besaßen höchstens ein kleines Segelboot. Nur ein Idiot würde versuchen, damit das Festland zu erreichen.

Annie schob ihren Salat von sich. „Riley hat Recht. Will hat dich hergeschickt. Ich wusste gar nicht, dass ihr zwei überhaupt noch Kontakt habt.“

Autor

Allison Leigh

Allison Leigh war schon immer eine begeisterte Leserin und wollte bereits als kleines Mädchen Autorin werden. Sie verfasste ein Halloween-Stück, das ihre Abschlussklasse aufführte. Seitdem hat sich zwar ihr Geschmack etwas verändert, aber die Leidenschaft zum Schreiben verlor sie nie. Als ihr erster Roman von Silhouette Books veröffentlicht wurde, wurde...

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