Baccara Exklusiv Band 271

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ZÄRTLICHE STUNDEN MIT DEM BOSS von JESSICA LEMMON

Brannon Knox ist ihr Boss! Trotzdem weckt er heißes Verlangen in Addison. Denn er ist charmant, gut aussehend und höllisch sexy. Gegen jede Vernunft lässt Addison sich auf eine prickelnde Affäre mit ihm ein. Aber bedeuten ihm die zärtlichen Stunden ebenso viel wie ihr?

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  • Erscheinungstag 02.05.2026
  • Bandnummer 271
  • ISBN / Artikelnummer 0858260271
  • Seitenanzahl 448

Leseprobe

Jessica Lemmon

1. KAPITEL

Ganz ruhig bleiben, ganz ruhig atmen. Er ist doch nur ein Mann.

Na gut, er war kein ganz gewöhnlicher Mann. Er war schon etwas Besonderes. Gut aussehend, breitschultrig, perfekt gekleidet im Maßanzug.

Und er hatte einen Stammplatz in ihrem Herzen, seit genau einem Jahr. Doch dummerweise war er gleichzeitig ihr Boss – und damit tabu für sie.

Er ist doch nur ein Mann!

Nur ein Mann, nur ein Mann – das sagte sich Addison Abrams jeden Tag wie ein Mantra, bevor sie das ThomKnox Building betrat, in den Fahrstuhl einstieg und ins Obergeschoss der Multimilliarden-Dollar-Tech-Firma fuhr, wo sich ihr Büro befand.

Als sie seinerzeit die Stelle als Assistentin bekam, hatte sie damit gerechnet, dass der Boss um einiges älter wäre. Falsch gedacht. Er war gerade mal ein halbes Jahr älter als sie und sah auch nicht unbedingt aus wie ein Wirtschaftsboss – eher wie ein Model auf dem Titelbild eines Lifestyle-Magazins. Okay, sie musste zugeben, sie hatte sich kaum darüber informiert, für wen sie überhaupt arbeiten würde. Sie hatte von der vakanten Stelle erfahren und dann blitzschnell ihre Bewerbung aufs Geratewohl losgeschickt.

„Irgendeine Kleinigkeit musste ich mir ja einfallen lassen“, sagte der Mann lächelnd und überreichte ihr einen Cupcake – Vanille mit Buttercreme, ihre Lieblingssorte –, auf dem eine einzelne kleine Kerze prangte. Überrascht lächelte sie ihn an, sog seine maskuline Schönheit förmlich in sich auf. Als die Attraktivitäts-Gene verteilt wurden, hatte er ganz offensichtlich mit beiden Händen zugegriffen. Und für den Rest der menschlichen Bevölkerung nicht besonders viel übrig gelassen.

„Ich weiß nur noch nicht, was ich jetzt singen soll“, sagte er und ließ seine perlweißen Zähne blitzen. „Happy Arbeitsjubiläum to you hört sich ein bisschen blöd an.“ Brannon Knox’ Lächeln war einfach überwältigend.

Sie hatte versucht, ihn aus ihrem Herzen zu verbannen, hatte sich bemüht, nicht noch nach Feierabend von ihm zu träumen. Aber vergeblich. Nur gut, dass sie einigermaßen schauspielern konnte, dass sie gut darin war, ein Pokerface aufzusetzen. Er sollte um Gottes willen nicht merken, was sie für ihn empfand.

„Oh, Sie brauchen nicht zu singen“, beruhigte sie ihn. Behutsam blies sie die Kerzenflamme aus. „Das wäre wirklich nicht nötig gewesen, aber ich freue mich sehr darüber. Vielen Dank.“

Brannon Knox war nicht nur der schönste Mann, den sie je gesehen hatte, er war obendrein wirklich nett und charmant und auch sehr intelligent. Humorvoll, hochgewachsen, überwältigend ... und verdammt sexy. Das alles vereint in einer Person – wirklich kaum zu glauben.

„Ich bin sehr froh, dass ich Sie habe.“ Er wandte sich kurz um, wie um sicherzugehen, dass sie allein waren. „Eigentlich hätte ich eine richtig große Party zu diesem Jubiläum schmeißen sollen, aber wie hätte ich die denn ohne Ihre Hilfe organisieren sollen? Sie sind für mich mittlerweile unverzichtbar.“ Er zwinkerte ihr zu.

Sie war für ihn unverzichtbar? Das hörte sie gerne. Ihr Herz schlug schneller. Wie wunderbar wäre es, wenn sie auch privat für ihn unverzichtbar wäre. Wenn man sich nicht nur im Büro gut verstehen würde, sondern auch im Bett ...

„Oh, Brannon, Sie schmeicheln mir. Ich nehme das Kompliment gerne an.“ Sie lächelte bescheiden und bemühte sich, ruhig zu bleiben, obwohl sie ihm am liebsten um den Hals gefallen wäre.

Natürlich kam das nicht infrage. Sie war zu der Erkenntnis gelangt, dass es besser war, sich von ihm fernzuhalten, erst gar keine Hoffnungen zu hegen. Jetzt musste sie das nur noch ihrem Körper begreiflich machen ...

„Ich würde Ihnen ja heute zur Feier des Tages freigeben, wenn wir nicht so viel zu tun hätten.“ Er runzelte die Stirn. „Was liegt überhaupt alles an?“

Sie hatte natürlich sämtliche Termine im Kopf und trug sie ihm vor. Eine Konferenzschaltung und zwei Meetings.

„Na ja, für ein Tässchen Kaffee sollte noch Zeit sein, bevor der Arbeitstag losgeht.“ Wieder schaute er sich um. „Keine Spur vom großen bösen Oberboss. Lassen Sie uns von hier verschwinden.“

Der große böse Oberboss – das war Brannons älterer Bruder Royce Knox. Vor ein paar Monaten waren Royce und Bran beide noch im Rennen um die Führungsposition im Unternehmen gewesen – als ihr Vater sich aus Altersgründen zurückzog. Bran beharrte darauf, dass Royce das Rennen gewonnen hatte, weil er älter war, und sie ging davon aus, dass das ausschlaggebend gewesen war. Denn Bran war ansonsten mindestens ebenso fähig wie sein älterer Bruder. Egal um welche Aufgaben es ging, in ihren Augen wäre er in jeder Hinsicht für alles die erste Wahl. Konnte natürlich sein, dass sie ein ganz klein wenig voreingenommen war ...

Kaum hatte Royce den Vorstandsvorsitz übernommen, hatte es noch weitere gute Nachrichten für ihn gegeben. Er würde Vater werden. Die Mutter seines Kindes, Taylor Thompson, war die COO, die Operativ-Managerin des Unternehmens ThomKnox. Außerdem war sie mit den Brüdern schon seit Kindertagen befreundet – und obendrein noch die Frau, mit der Bran eine Zeit lang ausgegangen war.

Eine kuriose Geschichte!

Addi hatte sich wie eine eifersüchtige Freundin aufgeführt, während Bran und Taylor ihre Dating-Phase hatten. Dabei war nach allem, was sie wusste, so gut wie nichts passiert. Die beiden hatten sich aufgeführt wie schüchterne Tanzstundenbekanntschaften. Sie war sich ziemlich sicher, dass ein züchtiges Küsschen das höchste der Gefühle gewesen war – wenn überhaupt. Jedenfalls hatte sie nie beobachten können, dass die beiden sich geküsst hätten.

Ja, ja, diese Eifersucht – dieses kindische Verhalten hoffte Addi inzwischen abgelegt zu haben. Sie wollte nach und nach ihre Zuneigung zu Bran ersticken. Sie war fest entschlossen, nicht mehr wie ein liebeskranker Teenager einem Mann hinterherzuhecheln, der sich, von beruflichen Belangen einmal abgesehen, nicht für sie interessierte.

„Kaffee, das hört sich verlockend an, aber leider habe ich noch jede Menge eilige E-Mails zu beantworten.“ Lieber im Büro bleiben, nicht gemeinsam im Café sitzen, das war sicherer. Denn wenn sie sich mit Bran außerhalb der Büroräume befand, bekam sie eher den Eindruck, er wäre vielleicht doch für sie greifbar. Doch das war er nicht, das musste sie endlich einsehen.

„Ach, jetzt kommen Sie schon, Addi. Ein kleines Käffchen. Mal raus aus dem Büro.“ Er lächelte sie aufmunternd an.

Und wer konnte so einem Lächeln schon widerstehen?

„Na schön“, sagte sie schließlich. „Wenn ich einen Schuss Vanillesirup in meinen Kaffee bekomme.“ Sie hängte sich ihre Tasche über die Schulter. „Und obendrauf einen ordentlichen Klacks Schlagsahne.“

Wieder lächelte er. „Heute ist Ihr Jubiläum, Addi. Da dürfen Sie sich alles wünschen.“

Auch dich, du Sahneschnittchen?

Oh je, es würde wirklich schwierig werden, sich von ihm zu entwöhnen!

Erst neulich hatte sie einen Beweis dafür präsentiert bekommen, wie sinnlos ihr Schmachten war. Und das ausgerechnet durch Taylor, die Ex-Freundin von Bran. Die hatte nämlich ganz unschuldig zu Addison gesagt, dass sie, also Addi, und Bran gut zusammenpassen würden. Auch Taylor war offensichtlich nicht entgangen, dass Addison sich in ihren Ex-Freund verguckt hatte. Das Schlimme war: Die beiden Frauen waren so ins Gespräch vertieft gewesen, dass sie gar nicht bemerkt hatten, dass Bran den Raum betreten und alles mit angehört hatte. Doch dann sah Addison ihn – und sein Blick hatte Bände gesprochen.

Ihm waren geradezu die Gesichtszüge entgleist. Ein Blick von Fassungslosigkeit, ja, geradezu von Entsetzen, so war es ihr vorgekommen.

Er hätte genauso gut ein großes Schild hochhalten können, auf dem in Riesen-Lettern geschrieben stand: Ich empfinde nichts für Sie, Addison. Peinlich. Überpeinlich.

Sie liebte ihren Job hier, wollte ihn unbedingt behalten. Aber sie musste sich auch wenigstens den letzten Rest von Stolz bewahren. Das würde nur funktionieren, wenn sie ihre Gefühle im Zaum hielt. Was ihr Leben anging, war sie ja schon seit Jahren völlig unabhängig. Und was ihr anderweitig problemlos gelang, das würde sie doch auch auf ihr Herz anwenden können, oder?

Ja, ja, es war schwierig, das war ihr schon klar.

Aber es war notwendig. Wenn sie etwas von ihren Eltern gelernt hatte – und es war wahrscheinlich wirklich nur diese einzige Sache –, dann das: Man konnte sich auf niemanden wirklich verlassen, in keinerlei Hinsicht. Nicht, was Geld betraf, nicht, was Freundschaft betraf – und schon gar nicht, was die Liebe anging. Dumm, dass sie diesen Lehrsatz vergessen hatte, als sie auf den jüngeren der beiden Knox-Brüder getroffen war. Aber sie würde sich diese Faustregel schon noch einhämmern.

Vielleicht war es doch ganz gut, einen Kaffee mit Bran trinken zu gehen. Unter Menschen, die zusammen arbeiteten, war das doch etwas ganz Alltägliches. Und schließlich wollte sie ja ein ganz normales, alltägliches Verhältnis zu ihm aufbauen. Ein Arbeitsverhältnis. Der Boss und seine Assistentin, fertig.

„Höchste Zeit, über ihn hinwegzukommen“, murmelte sie vor sich hin.

„Was haben Sie gerade gesagt?“, fragte Bran, als sie nach draußen traten.

„Ach, gar nichts. Nur laut gedacht.“ Sie lächelte ihn an, und das Herz tat ihr weh. Warum war ihr Herz nur so dumm? Warum konnte es nicht auf ihren Verstand hören wie jedes andere Körperteil auch?

Das Schweigen war peinlich, und wenn er etwas sagte, wäre es wahrscheinlich ebenso peinlich.

In letzter Zeit war Brans Leben wirklich ganz hübsch durcheinandergeraten. Erst war er Taylor nähergekommen, dann hatten sie sich wieder getrennt. Dann hatte er erfahren, dass Royce und nicht er Vorstandsvorsitzender werden würde. So merkwürdig es sich anhören mochte, irgendwie schien Addison Abrams die letzte verlässliche Konstante in seinem Leben zu sein – aber auch das schien jetzt ins Wanken zu geraten.

Ja, seine Assistentin war unverzichtbar für ihn geworden. Sie unterstützte ihn, wo sie nur konnte, und er vertraute ihr blind. Vom ersten Tag an hatten sie perfekt zusammengearbeitet. Wenn sie ihn verlassen würde ...

Er mochte gar nicht daran denken. Es wäre eine Katastrophe.

Wie hieß es doch so schön: Hinter jedem erfolgreichen Mann steckt eine starke Frau. Erst hatte er den Fehler gemacht zu glauben, für ihn wäre Taylor diese Frau. Doch inzwischen hatte er erkannt: Es war Addi.

Leider war in letzter Zeit seine Beziehung zu Addi etwas angespannt. Und daran war ausgerechnet seine Ex-Freundin Taylor Thompson schuld. Zufällig war er hereingeplatzt, als Taylor gerade zu Addi gesagt hatte, Addi und er würden doch gut zusammenpassen. Und gleich darauf hatten Addis und sein Blick sich getroffen. Seiner hatte wahrscheinlich Schock ausgedrückt – und ihrer, na ja, schwer zu sagen, so eine Mischung aus Angst und Entsetzen. Auf jeden Fall nicht die pure Freude, das war eindeutig gewesen.

Taylor in der Hoffnung zu daten, damit bessere Karten für den Posten des Vorstandsvorsitzenden zu haben, war ein schwerer Fehler gewesen. Und einen weiteren Fehler wollte Bran lieber nicht so schnell machen. Doch irgendwie hatte Taylors Aussage ihm die Augen geöffnet. Addison war schon etwas ganz Besonderes ...

Was Taylor anging, hatte er sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Er hatte gedacht, mit ihr an seiner Seite hätte er bessere Chancen auf den Posten des Vorstandsvorsitzenden. Was für eine dumme Idee! Die Treffen waren eine Katastrophe gewesen, voller Peinlichkeiten und verlegenem Schweigen. Und dann hatte er dennoch tatsächlich gedacht, er könnte seine Chancen verbessern, indem er ihr einen Heiratsantrag machte!

Damals schien ihm das eine gute Idee zu sein, heute, im Rückblick, natürlich nicht mehr. Er war froh, dass sie immerhin noch nicht miteinander geschlafen hatten. Man stelle sich nur vor, was das für zukünftige Familientreffen bedeutet hätte, jetzt, wo sie mit seinem Bruder liiert war!

So weit, so schlecht. Aber was hatte das jetzt mit Addi zu tun?

Als Royce den Kampf um den Vorstandsvorsitz gewonnen hatte und Taylor schwanger geworden war, hatte Bran immer mehr Zeit im Büro verbracht. Und Addi, die treue Seele, die perfekte Assistentin, war immer für ihn da gewesen.

Klaglos leistete sie Überstunden. Nie hatte er von ihr gehört, sie müsse jetzt aber los, weil sie noch eine Verabredung habe. Kurz gesagt: Ihm war klar geworden, dass sie Single sein musste.

Taylors Kommentar, dass sie beide so gut zusammenpassen würden, hatte ihn nie wieder losgelassen. Immer öfter musste er an Addi denken. Höchst verwirrend ...

Mit dem heutigen Tag arbeitete Addi seit genau einem Jahr in der Firma. Wenn er sie behalten wollte – und das wollte er –, musste er ihr Arbeitsverhältnis wieder auf gesunde Füße stellen. Die Einladung zum Kaffee sollte ein erster Schritt dazu sein.

Sie verließen das Gebäude und gingen hinüber zum Café, das sich auf dem ThomKnox-Gelände befand. Das Gnarly Bean servierte den besten Kaffee in ganz Kalifornien, davon war er überzeugt. Er war geradezu süchtig danach.

„Ich liebe dieses Café“, sagte Addison und warf Bran lächelnd einen Seitenblick zu.

Er öffnete die Tür und bedeutete ihr mit einer Geste hineinzugehen. „Suchen Sie sich was Leckeres aus“, sagte er grinsend, „die Firma zahlt.“

Er konnte immer noch nicht verstehen, warum er vor ein paar Monaten so falsch gehandelt hatte. Was war damals nur in ihn gefahren? Er hatte Taylor ja nicht um die Dates gebeten, weil er sich zu ihr hingezogen fühlte, sondern weil er hoffte, in einer Beziehung zu ihr bessere Chancen zu haben, Vorstandsvorsitzender zu werden. Es war, als ob eine außerirdische Macht von ihm Besitz ergriffen hätte. Denn Bran war doch der Leichtfuß der beiden Knox-Brüder, locker drauf, alles andere als erpicht auf zu viel Verantwortung. Und es war sein Bruder Royce, der zielgerichtet und manchmal geradezu verbissen war.

Der Barista des Gnarly Bean strahlte sofort Addison an, während er Bran kaum eines Blickes würdigte. „Hallo, guten Morgen, Addi.“

Bran musterte den Mann misstrauisch aus den Augenwinkeln. Er trug einen Vollbart, seine Oberarme waren tätowiert. Was für ein Loser!

„Hallo, Ken. Wie geht’s dir?“ Die Begrüßung klang verdächtig freundlich und vertraut. Vollbart und geschmacklose Tattoos? Stand Addi etwa auf solche Typen?

Vielleicht musste man heutzutage so sein, um bei den Frauen anzukommen. Vielleicht war Bran ein Langweiler im Maßanzug, der für Addi nur von Bedeutung war, weil sie durch ihn sein Geld verdiente. Wer wusste das schon?

Oje, warum musste alles so kompliziert sein? Er sehnte sich in die Zeiten zurück, in denen er der Boss gewesen war und Addi die Assistentin, nichts weiter. Klar abgegrenzte Rollen, keine Probleme.

Aber dann hatte Taylor ja herausposaunen müssen, dass die beiden gut zusammenpassen würden. Und sogar Royce hatte mal gesagt, dass Bran in Bezug auf Partnerwahl den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen würde. Und damit eindeutig ebenfalls Addi gemeint.

Der Barista machte irgendeine dumme Bemerkung, und Addi lachte. Vermutlich nur aus Höflichkeit. Bran entschloss sich, dazwischenzugehen.

„Addi möchte übrigens einen ordentlichen Klecks Schlagsahne obendrauf, und ich habe ihr versprochen, dass sie heute alles bekommt, was sie sich wünscht. Wir feiern heute nämlich unser Einjähriges. Stimmt’s, Addi?“

„Genauso ist es“, bestätigte sie und wandte ihren Blick endlich wieder Bran zu.

„Na dann, herzlichen Glückwunsch“, kommentierte Ken. Bran war sich ziemlich sicher, dass dieser Glückwunsch nicht von Herzen kam.

Dieser Typ sollte lieber vorsichtig sein! Er war hier, um den Leuten Kaffee zu servieren, nicht, um attraktiven weiblichen Gästen schöne Augen zu machen. So weit kam’s noch! Notfalls würde Bran ihm zeigen, wo er hingehörte. Addi hatte auf jeden Fall etwas Besseres verdient als so einen behaarten, tätowierten Angeber.

Sie war seine beste Mitarbeiterin, seine unverzichtbare Assistentin, und seine Aufgabe als Boss war es, sie vor Angriffen und Aufdringlichkeiten zu beschützen. Ob sie nun von Gorillas oder gorillaartigen Baristas kamen!

2. KAPITEL

Addison dachte gerade über Brans Verhalten im Gnarly Bean am Vortag nach, als Taylor Thompson an ihren Schreibtisch trat.

„Klopf, klopf. Eigentlich solltest du eine Tür beantragen. Jeder kann einfach so zu dir kommen ...“ Taylor meinte damit die Trennwand, die Addi vom Rest des Büros trennte. Zu ihrer Linken befand sich dann das Büro von Bran.

„Ach, inzwischen habe ich mich daran gewöhnt“, erwiderte Addi. „Außerdem habe ich so den Überblick. Ich kann jeden kommen sehen.“ Sie lächelte. „Wie geht es dir, meine Liebe? Ich hoffe, so gut wie du aussiehst.“

Versonnen strich sich Taylor über ihren Babybauch unter ihrem schwarzen Dolce-&-Gabbana-Kostüm. „Ach, ich habe momentan so viele Baustellen“, stöhnte sie. „Die Arbeit, meine Schwangerschaft, der Umzug zu Royce ...“

Das Verhältnis zwischen Addi und Taylor war nicht immer frei von Spannungen gewesen, aber inzwischen waren die beiden gute Freundinnen.

Taylor setzte sich auf den Besucherstuhl vor Addis Schreibtisch. „Ich habe wirklich unheimlich viel um die Ohren, viel zu viel, und fühle mich trotzdem pudelwohl dabei. Ich habe das Gefühl, ich bin endlich angekommen. Ich weiß nicht, ergibt das Sinn?“

„Oh ja, das ergibt durchaus Sinn.“ Addi lächelte. Eine Zeit lang hatte sie auch das Gefühl gehabt, sie wäre angekommen. Als im Job alles noch problemlos lief. Doch in letzter Zeit hatte Bran sich irgendwie komisch verhalten. Was war das zum Beispiel gestern gewesen, der Zwischenfall mit dem Barista? Ken und Bran hatten sich beide aufgeplustert, aufgespielt. Wie die Pfaue. Oder wie zwei Revolvermänner aus dem Wilden Westen vor dem Duell ...

Männer waren schon komische Geschöpfe. Vielleicht sollte man gar nicht erst versuchen, sie zu verstehen.

„Ich wundere mich, dass ich überhaupt was gebacken kriege, jetzt, wo ich vorsichtshalber auf Koffein verzichte.“ Taylor verzog den Mund.

„Ohne Kaffee wäre ich tot.“ Rücksichtsvoll schob Addi ihren Kaffeebecher außer Sichtweite.

„Na ja, ich ergreife eben jede Vorsichtsmaßnahme, damit mein Söhnchen oder Töchterchen gesund auf die Welt kommt.“

„Und du willst wirklich nicht wissen, was es wird, Junge oder Mädchen?“

„Einerseits ja, andererseits nein. Was Royce und mich angeht, ist so vieles so überraschend gekommen. Warum sollten wir uns dann nicht noch einmal mehr überraschen lassen?“ Versonnen rieb sie sich ihren Babybauch.

„Auf jeden Fall freue ich mich riesig für euch.“ Das meinte Addi aus vollstem Herzen. Taylor strahlte vor Glück, und nicht nur wegen der Schwangerschaft. In Royce schien sie den perfekten Partner gefunden zu haben.

„Habt ihr inzwischen einen Hochzeitstermin?“

Taylor blickte auf ihren Verlobungsring mit dem großen Diamanten. „Natürlich soll die Verlobung zu einer Hochzeit führen, das steht fest, aber wir wissen noch nicht wann. Wir lassen alles auf uns zukommen. Übrigens noch herzlichen Glückwunsch zu deinem Einjährigen bei uns in der Firma. Ich habe gestern gesehen, wie Bran Cupcakes mit ins Büro genommen hat.“

„Mehrere? Mir hat er nur einen gegeben. Wahrscheinlich sind die anderen in seinem Magen gelandet.“ Addi bemühte sich, ihre Gefühle für Bran nicht durchscheinen zu lassen. „Ich bin wirklich froh, für Menschen zu arbeiten, denen die Mitarbeiter etwas bedeuten. Das habe ich früher auch schon anders erlebt.“

Und das mehr als einmal. Vor fünf Jahren hatte sie sich auf eigene Beine gestellt, war von zu Hause fortgezogen, weil sie den überzogenen Erwartungen ihrer Eltern nicht mehr gerecht werden wollte. Seitdem hatte sie sich alleine durchgeboxt, hatte Notzeiten und miese Jobs überstanden. Dann war der Job bei ThomKnox gekommen, und hier fühlte sie sich wohl. Die Bezahlung stimmte, und die Vorgesetzten waren human. Jack Knox, Brans Vater, hatte sie vor seinem Rückzug aus der Firma als Boss stets mehr als gut behandelt.

All das wollte sie nicht aufs Spiel setzen, indem sie sich wie ein verliebtes Schulmädchen verhielt. Nein, nein, in diesem Fall waren ihre Gefühle zweitrangig. Von Ausbeuterfirmen hatte sie die Nase voll. Die Firma ThomKnox war ein Arbeitgeber, wie sie ihn sich immer gewünscht hatte, und das war das Wichtigste.

Taylor warf einen Blick auf Brans Büro, wo kein Licht brannte. „Eigentlich bin ich hier, um Brannon zu sprechen. Aber er scheint nicht da zu sein?“

„Der hatte heute schon vor Bürobeginn einen Termin. Aber ich schätze, er kommt in Kürze.“ Addi schaute auf die Uhr. „Du kannst gerne hier warten.“

„Ach nein, dann schaue ich später noch mal vorbei.“ Taylor erhob sich. Nach einigem Nachdenken fragte sie plötzlich: „Ist zwischen dir und Brannon alles in Ordnung?“

„Natürlich“, sagte sie eine Spur zu laut. „Warum sollte es nicht?“

„Ach komm, Addi. Jetzt mal ehrlich, unter uns Pastorentöchtern. Wärt ihr beiden nicht ein traumhaftes Paar? Ich sehe doch genau, wie du ihn heimlich anschaust ...“

War sie wirklich so durchschaubar? „Er ist wirklich, wie soll ich sagen, ein netter Kerl. Aber ich bin nicht so an ihm interessiert. Also – nicht in dieser Hinsicht.“

Auf jeden Fall sollte das für die Zukunft gelten!

„Schade“, kommentierte Taylor.

Ja. Jammerschade!

„Wir arbeiten ganz hervorragend zusammen.“ Was für eine wachsweiche Behauptung! Und irgendwie nur die halbe Wahrheit.

„Schön, schön.“ Taylor nickte, aber sie schien nicht überzeugt zu sein. „Sag ihm bitte, dass ich hier war. Und wenn du deinen Kaffee genießt, denk an deine arme schwangere Freundin, die wie ein Hund unter Koffeinentzug leidet.“

Als Taylor ging, schaute Addi ihr nach. Ihr Magen rumorte, wie immer, wenn sie nicht die Wahrheit sagte. Aber sie beruhigte sich damit, dass es ja bald stimmen würde – dass Bran dann wirklich nur ihr Boss wäre und nichts anderes für sie.

Irgendwann würde sie immun gegen Bran sein – genau wie er gegen sie immun war.

3. KAPITEL

Als Taylor den Flur entlangging, trat Bran aus dem Kopierraum und stellte sich vor sie hin. Er war gerade auf dem Weg in sein Büro gewesen, als er die Unterhaltung zwischen ihr und Addi gehört hatte. Daraufhin hatte er sich schnell in den Kopierraum verzogen, bevor sie ihn bemerkt hatten. Er wollte die Beziehung zu seiner Assistentin nicht noch mehr verkomplizieren. Falls das überhaupt noch möglich war.

„Oh, hallo, Bran. Ich wollte dich gerade in deinem Büro aufsuchen ...“

„Ich weiß.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich habe da so einiges mitgehört. Unabsichtlich, versteht sich.“

Taylor blickte zu Boden. „Mitgehört, soso. Aber jetzt red mir keine Schuldgefühle ein. Ich meine es doch nur gut.“

Er ergriff ihren Arm und zog sie mit sich in den Fotokopierraum. Dann schloss er die Tür. „Taylor, du musst damit aufhören.“

„Womit aufhören?“

„Du kannst doch nicht zwei Menschen verkuppeln, nur weil sie deiner Meinung nach gut zusammenpassen.“

„Na ja“, erwiderte sie gedehnt. „Das ist ja nicht der einzige Grund.“

„Ach nein? Was für einen Grund könnte es denn sonst noch geben?“

„Ich ... ich möchte, dass es dir gut geht. Ich mache mir ein bisschen Sorgen um dich.“

„Sorgen um mich?“, fragte er verständnislos.

„Ja. Ich fühle mich, wie soll ich sagen, ein bisschen verantwortlich für dich. Schließlich hattest du mir einen Heiratsantrag gemacht und ...“

„Das war ein Fehler. Ich dachte, das hätten wir beide eingesehen.“

„Ja, sicher. Aber ich würde mich freuen, wenn du eine nette Frau für dich finden würdest. Und Addi mag dich wirklich sehr. Auch wenn sie es leugnet.“

„Eine nette Frau für mich?“, fragte er. „Taylor, wer bist du? Meine Mutter? Du bist wirklich nicht für mich verantwortlich, kein Stück. Du brauchst keine Frau für mich zu suchen. Und davon abgesehen – wenn Addi sagt, sie hat kein Interesse, dann solltest du es dabei belassen. Du bringst sie ganz durcheinander, und wenn sie in Panik die Firma verlässt, sehe ich alt aus. Ohne ihre Hilfe könnte ich den Job gar nicht bewältigen. Man würde mich möglicherweise degradieren, und wer weiß, wenn ich Pech habe, lande ich dann noch in der Tech-Abteilung – bei Cooper.“

Jayson Cooper war Brans Ex-Schwager. Taylor musste lachen; ihr war bewusst, dass Bran nur einen Scherz machte. Cooper und Brans Schwester Gia arbeiteten zusammen in der Tech-Abteilung.

„Du hast es verdient, glücklich zu sein. Mehr will ich gar nicht sagen.“

Bran fand das wirklich rührend. Taylor war ein feiner Mensch.

Sanft berührte er sie an der Schulter. Er war froh, eine so wohlmeinende platonische Freundin zu haben. Auch wenn sie es mit ihrer Fürsorge gerade ein wenig übertrieb. „Ich versuche gerade wieder, Tritt zu fassen. Und ich bin kein bisschen neidisch auf Royce, weil er der Vorstandsvorsitzende geworden ist.“ Er sah ihr tief in die Augen. „Wenn ich jetzt anfange, mit Addi auszugehen, bringt das mein Leben nur wieder in Turbulenzen. Wahrscheinlich würde die Sache schlecht ausgehen, und anschließend wäre ich dann einsamer als vorher. Außerdem wäre ich sie als Assistentin los. Und du willst doch nicht etwa, dass ich mir eine Assistentin wie die von Royce einfange, oder?“

Melinda war eine Top-Kraft, kein Zweifel, aber sie war in ihrer Strenge und Effektivität auch ein bisschen furchteinflößend. Taylor schüttelte sich. „Nein, auf keinen Fall. Da behalten wir lieber Addi.“

„Der Meinung bin ich auch. So, und was wolltest du jetzt mit mir besprechen? Wollen wir in einen der Konferenzräume gehen?“

„Ich habe Hunger.“ Sie strich sich über den Bauch. „Wollen wir nicht einen Happen essen gehen und dabei reden?“

„Soll mir recht sein.“ Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zum Fahrstuhl. „Wir sind uns also einig, was Addi angeht, ja?“, fragte er sicherheitshalber nach. „Ich möchte wieder ein normales, rein berufsmäßiges Verhältnis zu ihr entwickeln, nachdem du Amor gespielt und uns beide damit total durcheinandergebracht hast. Du stellst deine Verkupplungsversuche also sofort ein, okay?“

Sie ließ die Schultern hängen. „Okay, abgemacht. Aber glücklich bin ich nicht darüber.“

Er drückte auf den Fahrstuhlknopf und lächelte. „Davon bin ich überzeugt.“

Nach dem Essen und der Besprechung mit Taylor machte Bran sich wieder auf den Weg in sein Büro. Als er an Addis Schreibtisch vorbeikam, sah er, wie sie sich verstohlen ein paar Tränen abwischte. Sie versuchte zwar, ihn anzulächeln, aber es misslang ihr kläglich.

„Hallo“, sagte er unsicher. Er wusste nicht, wie er reagieren sollte.

Er kannte das von seiner Mutter und seiner Schwester. Wenn er eine von den beiden weinen sah, fühlte er sich immer unendlich hilflos. Und jetzt ging es ihm bei Addi genauso.

„Hallo, guten Morgen“, sagte sie. „Wie war das Meeting mit Frank?“

Natürlich konnte er so tun, als hätte er ihre Tränen nicht bemerkt. So würde er der Situation ihre Peinlichkeit nehmen. Aber andererseits wäre das menschlich nicht unbedingt in Ordnung. Vielleicht hing ihr Kummer ja auch mit der Arbeit zusammen, und dann wäre es seine Pflicht und Schuldigkeit, ihr zu helfen.

„Das Meeting okay. Auf dem Weg ins Büro bin ich dann Taylor über den Weg gelaufen.“

„Gut. Sie war nämlich hier und hat Sie gesucht.“

Es brach ihm das Herz, sie so traurig zu sehen. Hatte sie vielleicht Liebeskummer? Vielleicht hatte sie ja insgeheim doch einen Freund, den sie nur nie erwähnt hatte ...

Er setzte sich auf die Kante ihres Schreibtischs. Da erblickte er einen geöffneten Umschlag und eine gedruckte Karte, vermutlich eine Einladungskarte.

„Eine Hochzeit?“, fragte er.

„Wie bitte?“

„Ich meine die Einladungskarte da“, erklärte er. „Sieht aus, als wären Sie zu einer Hochzeit eingeladen.“ Vielleicht heiratete ja ihr Ex-Freund, und deshalb hatte sie weinen müssen ...

„Ach so, das. Nein, das ist keine Hochzeitseinladung. Das ist die Einladung zu einer ... zu einem Familientreffen.“

Für ein Familientreffen sah die Einladung eigentlich zu formell aus, aber okay.

„Alles in Ordnung mit Ihnen?“, fragte er freundlich.

„Ja, in bester Ordnung.“ Ihr Lächeln wirkte nicht sehr überzeugend. „Mit der Familie ist es manchmal schwierig.“

„Wem sagen Sie das? Ich arbeite tagtäglich mit Familienmitgliedern zusammen.“

„Ach ja, sicher, na klar. Hätte ich fast vergessen.“ Wieder lächelte sie, und diesmal war das Lächeln echt – und versüßte ihm den Moment.

„Ich wollte nicht übergehen, dass es Ihnen nicht gut geht“, sagte er. „So gefühllos sind wir hier bei ThomKnox nicht.“

„Danke, das ist wirklich sehr nett. Aber machen Sie sich keine Gedanken. Mir geht’s gut, wirklich.“

Er wusste, es war unvorsichtig, aber er ergriff tröstend ihre Hand. „Wir sind alle nur Menschen. Wenn einem mal die Tränen kommen, ist das völlig in Ordnung.“

Was als Trost, als Aufmunterung gemeint war, löste in ihm ganz andere Gefühle aus – sexuelle. Noch einmal drückte er ihre Hand kurz, dann ließ er sie lieber los. Er erhob sich von der Schreibtischkante. „Wenn Sie sich vielleicht für den Rest des Tages freinehmen möchten ...“

„Nein, nein, vielen Dank. Es ist wirklich alles in Ordnung.“

„Wie Sie meinen, aber das Angebot steht.“ Mit einem Kopfnicken wies er zu seiner Bürotür. „Ansonsten wissen Sie ja, wo Sie mich finden. Sie können sich jederzeit an mich wenden. Mit allem.“

Auf seinem Computermonitor fand er einen gelben Post-it-Zettel vor. In Addis Handschrift stand dort: Taylor war hier und wollte Sie sprechen. Ist aber nichts Eiliges. Oh, Addi. Was auch immer für Kummer sie mit ihrer Familie hatte – es gefiel ihm nicht, dass die Angelegenheit sie so aus der Bahn warf.

Sein Handy machte pling. Aha, das war die Antwort von Tammie, der er vorhin geschrieben hatte. Er hatte gar nicht recht gewusst, ob er ihr schreiben sollte, und jetzt wusste er nicht recht, ob er ihre Antwort lesen sollte. Aber natürlich siegte die Neugier und er tat es doch.

Ist eine ganze Zeit her.

Oh ja, das konnte man wohl sagen!

Er hatte sich ja vorgenommen, sein Leben wieder in normale Bahnen zu lenken. Und dazu gehörte auch etwas, was er nun schon seit einiger Zeit vermisste.

Sex!

Schon lange hatte er sein Bett nicht mehr mit einer Frau geteilt. Seit einiger Zeit nun hatte Addison Abrams eine – wie sollte man sagen – durchaus anregende Wirkung auf ihn. Und das war schlecht, weil doch im Büro endlich wieder Ruhe einkehren sollte ...

Heute Morgen hatte seine Krise einen Höhepunkt erreicht. Er war mit einer mächtigen Erektion erwacht und hatte an nichts anderes als Sex denken können. Sex mit Addison.

Es war klar, er musste mal wieder Sex haben. Aber eben nicht mit Addison. Berufsleben und Privatleben sollten streng getrennt sein. Also musste er sich eine Frau außerhalb seines Arbeitsumfeldes suchen.

Deshalb war ihm Tammie wieder in den Sinn gekommen. Eine gut aussehende junge Frau, die unverbindlichem Matratzensport nicht abgeneigt war.

Ist viel zu lange her!, schrieb er zurück.

Die Antwort ließ nur wenige Sekunden auf sich warten. Donnerstag um sieben? Im Vive?

Das Vive war eine hochklassige Bar, in der es viele dunkle Ecken gab, in denen man ungestört war.

Abgemacht. Bis dann.

Er legte das Handy auf den Schreibtisch. Eine Nacht mit Tammie würde nicht nur seinen sexuellen Notstand beseitigen, sie wäre auch eine Reise zurück in einfachere Zeiten. Zeiten vor dem Kampf um den Vorstandsvorsitzenden-Posten. Damals hatte er das Leben leichter genommen. Natürlich, auch damals hatte er hart gearbeitet, aber ebenso intensiv hatte er Party gemacht und es sich gut gehen lassen. Und in diesem Jahr? Da hatte er hart gearbeitet, und wenn er damit durch war, hatte er gleich im Anschluss noch härter gearbeitet. Nichts mit Vergnügungen. Und Addi, die treue Seele, war während aller Überstunden bei ihm geblieben und hatte sich rührend um ihn gekümmert.

Durchs Fenster in seinem Büro konnte er sie im Vorraum sitzen sehen. Sie hatte den Blick auf den Computerbildschirm gerichtet und tippte eifrig. Er fühlte sich mächtig zu ihr hingezogen – jetzt sogar umso mehr, da es ihr nicht besonders gut zu gehen schien –, aber er wusste, es musste platonisch bleiben. Freundschaft und ein gutes Arbeitsverhältnis hatten Vorrang vor allem anderen.

Sie sollte sich an ihrem Arbeitsplatz wohl und unbehelligt fühlen. Und was sein kleines Problem anging – das würde sich am Donnerstagabend auf angenehme Weise lösen. Mit einer Frau, die einfach nur ein bisschen Spaß haben wollte, ohne Stress, ohne weitergehende Verpflichtungen.

Wieder machte sein Handy pling. Noch eine Nachricht von Tammie. Nur ein Emoji, das aber alles sagte: ein roter Kussmund.

Am Freitagmorgen würde er garantiert ausgeglichen und entspannt zur Arbeit erscheinen, und die Situation mit Addi würde kein Problem mehr darstellen.

Es hatte Addison wirklich gerührt, wie besorgt Bran um sie gewesen war, als er ihre Tränen gesehen hatte. Und das gerade jetzt, wo sie doch versuchte, über ihn hinwegzukommen! Immerhin hatte er ihr die Notlüge mit dem Familientreffen abgekauft.

Sie griff nach ihrem Handy, um ihrer Freundin eine Nachricht zu schicken. Carey befand sich zurzeit zwar gerade im Ausland, aber Addi hatte das Gefühl, sie müsste sich unbedingt einer vertrauten Person mitteilen.

Ich habe gerade vor meinem Boss geheult. Kannst du dir das vorstellen? Reife Leistung, was?

Nachdenklich lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück. Sie dachte wieder an die Einladungskarte, die ihre Gefühlskrise ausgelöst hatte.

Der arme Joe. Er war doch noch so jung gewesen! Auf jeden Fall viel zu jung zum Sterben ...

Der Brief musste schon gestern in ihrem Briefkasten gelandet sein, aber sie hatte erst heute früh hineingeschaut, als sie sich auf den Weg zur Arbeit machte. Erst als sie dann an ihrem Schreibtisch saß, hatte sie ihn geöffnet. Genaugenommen war es die Einladung zu einer Trauerfeier, doch auf Joes Wunsch war sie anders genannt worden – eine „Lebensfeier“.

Er war schon vor über einem Monat gestorben und dann eingeäschert worden, wie er es sich gewünscht hatte. Und er hatte im Voraus genau verfügt, wie seine Trauerfeier/Lebensfeier ablaufen sollte. Seine engsten Verwandten und seine besten Freunde waren zu einer Party in einem Resort am Lake Tahoe eingeladen. Er hatte schon im Voraus alle Kosten beglichen, nicht nur fürs Catering, sondern auch für die Übernachtungen. Das war irgendwie typisch Joe!

Es war kurz nach Weihnachten gewesen, als sie ihn zum letzten Mal gesehen hatte. Es hatte ihr das Herz gebrochen, ihn so schwach und hinfällig zu sehen, und ihm hatte es das Herz gebrochen, dass sie ihn so sehen musste. „Komm ja nicht auf die Idee, mich noch mal zu besuchen, Addi“, hatte er mit leiser Stimme zu ihr gesagt. „Ich will nicht, dass du mich so in Erinnerung behältst ...“

Sie hatte sich damals sehr zusammenreißen müssen, um nicht zu weinen. Aber Tränen hatte er sich verbeten. Joe bedeutete ihr sehr viel, obwohl sie sich in den letzten Jahren nur noch selten gesehen hatten. Die innere Verbindung war trotzdem eng geblieben.

Vielleicht war es sogar dieser Besuch beim kranken Joe gewesen, der ihre Verliebtheit in Bran noch verstärkt hatte. Sie hatte Joe damals von ihrem Boss erzählt, eigentlich nur, um von seinem schlechten Gesundheitszustand abzulenken, und Joe hatte ihr geraten: „Nutz deine Chance! Schnapp ihn dir! Das Risiko ist es wert!“

Sie lächelte wehmütig. Als Joe noch gesund gewesen war, hatte er tatsächlich riskant gelebt, kein Risiko gescheut, so wie er es ihr empfahl. Aber es war natürlich leichter, alles auf eine Karte zu setzen, wenn man im Hintergrund eine schwerreiche Familie hatte. Die Leute besaßen buchstäblich Milliarden und waren ihm gegenüber immer großzügig gewesen.

Bei der Feier am Lake Tahoe würde sie garantiert auch Joes Eltern wiedersehen. Mit denen hatte sie keinen Kontakt mehr gehabt, seit sie damals ihren Job bei Hart Media gekündigt hatte. Addisons Eltern waren darüber damals sehr erbost gewesen. Mit ihren eigenen Eltern würde sie sich so schnell sicher nicht wieder versöhnen können, aber vielleicht mit den Harts.

Sie war schon sehr gespannt auf die Feier. Der Lake Tahoe war nur ungefähr vier Autostunden entfernt, das würde ihr altersschwaches Auto bestimmt noch durchhalten.

Der Aufenthalt in dem Resort war auf mehrere Tage angelegt, sie trug die Daten in ihren Kalender ein. Jetzt musste sie sich für diese Zeit noch freinehmen und eventuell eine Vertretung für sich organisieren.

Ein verlängertes Wochenende am Lake Tahoe – ein würdiger Abschied von Joe und obendrein eine perfekte Gelegenheit, um ihre Schwärmerei für Brannon Knox endgültig zu begraben.

Denn wie hieß es doch schließlich so schön: aus den Augen, aus dem Sinn!

4. KAPITEL

Natürlich musste heute jede Menge Verkehr auf dem Freeway sein! Ausgerechnet, wenn Addison auf dem Weg zum Lake Tahoe war! Und das war ja noch nicht alles. Rauch stieg von der Motorhaube auf, nicht besonders viel, aber doch genug, um nervös zu werden. Sie hatte zwar keine Ahnung von Autos, aber ein gutes Zeichen war das ganz bestimmt nicht ...

Dabei war sie erst zwanzig Minuten unterwegs, über dreieinhalb Stunden standen ihr noch bevor. Ob ihr rostiges Gefährt das noch durchhalten würde? Sie schaltete die Klimaanlage aus in der Hoffnung, diese Drosselung des Energieverbrauchs würde den Wagen dazu bewegen, noch länger durchzuhalten. Doch das Glück war nicht mit ihr.

Der Motor gab ein erschreckendes Geräusch von sich, begann zu ruckeln, und sie schaffte es beim Versuch, rechts heranzufahren, nur ganz knapp auf den Standstreifen, bis der Wagen endgültig stehen blieb. Ein wenig ragte er noch auf die Fahrbahn hinaus.

Die Fahrer hinter ihr hupten erbost. Diese Blödmänner! Als ob sie etwas dafür könnte!

Es führte kein Weg daran vorbei, sie würde sich Hilfe herbeitelefonieren müssen.

Ihre Eltern kamen nicht infrage, dieses Tischtuch war auf absehbare Zeit zerschnitten. Wenn sie hören würden, dass Addisons altersschwaches Auto den Geist aufgegeben hatte, hätten sie wieder mit ihren Vorwürfen losgelegt. Sie hätte ja schließlich in der Firma von Joes Familie bleiben können, blabla, dann würde es ihr finanziell richtig gut gehen und so weiter. Immer die gleiche Leier, die konnte sie auswendig singen. Ihre Eltern hielten sie auch immer noch dafür verantwortlich, dass es zum Bruch mit den Harts gekommen war, aber den Schuh wollte Addi sich nicht anziehen. Sie lebte jetzt ihr eigenes Leben, und das, was sie erreicht hatte – so wenig es nach außen hin auch erscheinen mochte –, hatte sie immerhin aus eigener Kraft erreicht. Sie nahm kein Geld von ihren Eltern oder sonst irgendwem, und darauf war sie stolz.

Wenn ihr sonst schon keiner half, sollte ihr wenigstens Google helfen. Sie tippte Silicon Valley und Abschleppdienst in ihr Handy – und bekam so ungefähr sechs Millionen Ergebnisse. Na toll. Woher sollte sie denn wissen, wen sie nehmen sollte? Wer zuverlässig war, wer ihr nicht zu viel Geld abgaunerte, wer auch möglichst schnell kam?

Nein, auf gut Glück irgendeinen Anbieter zu nehmen, das schien ihr zu riskant. Sie würde sich fachmännischen Rat einholen, das war sicherer. Sie wählte eine Nummer, die ganz vorne in der Liste Ihrer bevorzugten Kontakte eingespeichert war.

„Büro von Brannon Knox, kann ich Ihnen helfen?“, ertönte die Stimme ihrer Vertretung.

„Hallo, hier ist Addison Abrams, Brannons Assistentin. Könnte ich ihn mal sprechen?“

„Einen kleinen Moment bitte.“

Kurz darauf ertönte Brans samtige Stimme, und ihr Herz schlug augenblicklich höher. „Na, Addi? Haben Sie schon Sehnsucht nach uns?“

„Ist noch auszuhalten“, gab sie trocken zurück. „Aber ich bräuchte einen Rat von Ihnen, Bran. Ich bin mit dem Auto liegen geblieben und wollte Sie fragen, ob Sie mir einen guten Abschleppdienst empfehlen können.“ Sie nannte ihm die nächste Ausfahrt und musste sich dann noch einmal wiederholen, als ein Wagen wild hupend um ihr Auto herumfuhr.

„Was um Himmels willen war das denn für ein Gehupe?“, fragte Brannon besorgt. „Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“

„Ach, es gibt nur ein paar Leute, die es nicht so toll finden, wenn man auf dem Freeway liegen bleibt und es nicht komplett auf den Standstreifen geschafft hat.“

„Das gefällt mir gar nicht. Passen Sie nur gut auf sich auf. Und das mit dem Abschleppdienst, das können Sie vergessen. Auf den müssen Sie ein oder zwei Stunden warten, mindestens.“

„Heute ist wirklich mein Glückstag.“

„Und deswegen komme ich selbst, um Sie abzuholen. Ich schwinge mich sofort hinters Steuer.“

Moment, wie war das?

„Um Himmels willen, nein, Bran, ich will Ihnen keine Umstände machen. So war mein Anruf nicht gemeint.“

„Das weiß ich doch, Addison. Aber ich komme trotzdem. Bleiben Sie, wo Sie sind.“

Was für ein hilfsbereiter Mensch! Und so tatkräftig!

Eigentlich hatte Addi ihren Gefühlen für Bran ja abgeschworen, aber wie er sich über den Motor beugte, hier klopfte und dort schraubte – das forderte ihr doch Respekt ab, und mehr als das.

Er war in Windeseile gekommen und hatte dann den Abschleppdienst seines Vertrauens angerufen, und anschließend hatte er es sich nicht nehmen lassen, selbst den Motor zu inspizieren. „Vielleicht ist es ja nur eine Kleinigkeit, ein loses Kabel oder so“, hatte er gesagt.

Sie hatte überhaupt nicht damit gerechnet, dass er Ahnung von Autos haben könnte. Schließlich war er Milliardär, er konnte problemlos andere Leute alles für sich machen lassen.

Sein Haar war zerzaust, sein Gesicht ölverschmiert, als er sich wieder hochbeugte. „Also, die Standheizung ist hinüber, so viel konnte ich feststellen“, sagte er. „Und da ist noch mehr im Argen, aber dafür brauchen wir doch einen Fachmann. Eine Kleinigkeit hätte ich vielleicht selbst reparieren können, aber so ...“

Nicht nur sein Gesicht war ölverschmiert, auch sein Hemd war dreckig. Das Jackett hatte er vorher ausgezogen. Er wischte sich mit einem blütenweißen Taschentuch übers Gesicht. Vermutlich bestand es aus reiner Seide. Das alles war ihm völlig egal gewesen in seinem Bestreben, ihr helfen zu wollen. Ihr Held!

„Die Reinigung Ihrer Sachen bezahle ich natürlich“, versprach sie. „Sie können mir die Kosten von meinem nächsten Gehalt abziehen.“

Er lachte auf. „So weit kommt’s noch! Addison, Sie sind für mich da, ich bin für Sie da. So, und jetzt kommen Sie, ich nehme Sie mit zurück ins Büro. Der Mann vom Abschleppdienst wird sich dann mit mir in Verbindung setzen.“

Sie stiegen in seinen Sportwagen. „Oh, ist der neu? Das Leder riecht noch so gut ...“

„Gerade gestern geliefert worden.“ Er ließ den Motor an und fädelte sich in den Verkehr ein. „Ich hoffe, ich kann das Baby demnächst mal so richtig ausfahren. Wenn nur die viele Arbeit nicht wäre ...“

„Wäre schade drum, den Wagen nur für die Fahrt zur Arbeit zu benutzen.“

„Sie wollten heute zum Lake Tahoe, stimmt’s?“, fragte er.

„Ja, genau.“

„Ich erinnere mich. Sie haben da ein Familientreffen.“

„So etwas Ähnliches wie ein Familientreffen, ja. Was meinen Sie, wie lange wird es dauern, bis mein Wagen repariert ist?“

„Schwer zu sagen. Hängt auch davon ab, ob in der Reparaturwerkstatt alle Ersatzteile vorrätig sind und wie viele Autos noch vor Ihrem dran sind.“

Sie ließ die Schultern hängen. Sie hatte ja nur diesen Schrottwagen. Und wenn die Reparatur mehr kostete als das Auto überhaupt noch wert war – und das hielt sie durchaus für möglich –, würde sie sich auch noch einen neuen kaufen müssen.

„Ich hoffe, die Frage ist nicht zu indiskret“, sagte Bran, „aber warum fahren Sie überhaupt ein derart klappriges Gefährt? Es ist doch hoffentlich nicht etwa, weil ich Ihnen nicht genug bezahle ...“

„Um Himmels willen, absolut nicht, nein. Das Gehalt, das Sie mir zahlen, ist mehr als anständig. Aber – ich hänge an dem Wagen. Aus Sentimentalität, wenn man so will.“

„Ach ja?“

„Der Wagen war das Erste, was ich mir mit meinem eigenen Geld gekauft habe.“ Und sie hatte es sich damals nicht leicht gemacht. Hatte im Internet gesucht, hatte Gebrauchtwagenhändler aufgesucht. Nach langen Mühen hatte sie dann einen erschwinglichen fahrbaren Untersatz gefunden, der ihr gefiel. Der Kauf hatte ihr bewiesen, dass sie auch ohne die Hilfe ihrer Eltern zurechtkam.

„Ich kann mich auch noch an mein erstes Auto erinnern“, sagte Bran wehmütig.

„War es ein Maserati?“

„Ein Maserati? Vielleicht.“ Er lächelte unergründlich. „Wann müssen Sie am Lake Tahoe sein?“

„Mein Zimmer ist für heute Abend reserviert.“

„Sie sollten sich ein Flugzeug nehmen. Dann sind Sie ruck, zuck da.“

Na klar. Sie würde sich schnell mal eben einen Jet mieten.

„Ich fliege nicht. Aber danke für den Vorschlag.“

„Sie fliegen nicht?“

„Nein. Ich fühle mich zu ebener Erde sicherer. Sagen Sie, können Sie mich vielleicht bei einer Autovermietung absetzen? Es muss doch irgendwo hier eine geben.“

Sie würde später ankommen als geplant, aber immerhin wäre sie dann am Ziel.

„Ich könnte Sie doch hinfahren.“

„Was?“ Sie sah ihn erstaunt an. „Nein, nein, vielen Dank. Das ist wirklich nett von Ihnen, aber das kann ich Ihnen nicht zumuten.“

„Ich hatte doch erwähnt, dass ich mein neues Baby sowieso mal ausfahren will.“ Fast zärtlich fuhr er mit der Hand übers Armaturenbrett. „Das wäre eine super Gelegenheit.“

„Aber ... aber Sie müssten dann ja anschließend noch zurückfahren. Wird Ihnen das nicht zu viel?“

„Ach, ich könnte mir am Lake Tahoe ein Zimmer nehmen. Ist ja nicht verkehrt, mal auswärts zu übernachten. Vielleicht können Sie sich ja auch für zwei Stündchen von der Familie loseisen und mit mir einen trinken oder etwas essen gehen. Könnte doch lustig werden.“

Lustig? Das war noch die Frage. Vier Stunden allein mit Bran in einem Auto – für sie konnte das durchaus gefährlich werden!

„Ich würde noch kurz bei mir zu Hause vorbeifahren, mich umziehen und packen, und schon wären wir unterwegs. Also, wie sieht’s aus?“

„Aber die Arbeit, das Büro ...“

„Ich bin schon ein großer Junge – und obendrein Ihr Boss. Ich kann selbst entscheiden, ob ich die Arbeit ein bisschen liegen lasse und stattdessen meine hochgeschätzte Assistentin zum Lake Tahoe fahre. Oder wollen Sie nicht? Bin ich Ihnen so zuwider?“

„Natürlich nicht. Bitte machen Sie sich nicht über mich lustig.“

„Sie sind ein echter Problemfall, Addi“, sagte er seufzend. „Zur Einladung zum Kaffee neulich musste ich Sie förmlich nötigen. Und jetzt muss ich Sie mühsam dazu überreden, Sie zum Lake Tahoe fahren zu dürfen, obwohl Sie nichts mehr wollen, als genau dorthin zu kommen ...“

Oh, da gibt es schon etwas, was ich noch mehr wollte ...

„Wenn Sie das wirklich machen würden, das wäre natürlich toll“, sagte sie leise. Sie konnte diesem sexy Mann einfach nicht widerstehen. „Und das mit dem Essen gehen ginge natürlich auch in Ordnung. Aber wirklich nur, wenn Sie nichts anderes vorhaben.“

„Nein, habe ich nicht“, erwiderte er lächelnd. „Ich habe absolut nichts vor.“

5. KAPITEL

Eigentlich hatte Bran heute Abend doch schon etwas vor. Das Date mit Tammie. Aber das konnte er absagen. Sie würde ihm schon verzeihen. Wahrscheinlich.

Er konnte nicht anders, er musste einen Seitenblick auf Addis Beine werfen. Atemberaubend. Lange hatte er darüber nachgegrübelt, ob sie einen Freund hatte, aber jetzt war die Antwort klar: Sie hatte keinen. Denn sonst hätte sie in ihrer Notlage sicherlich den angerufen und nicht Bran. Und ein verantwortungsvoller Freund hätte auch nicht zugelassen, dass sie die Reise zum Lake Tahoe in so einem schrottreifen Auto antrat.

Bran hatte sie auf keinen Fall einfach so auf dem Freeway zurücklassen können. Nicht auszudenken, wenn ein Auto sie anfuhr – oder wenn vielleicht der Fahrer des Abschleppwagens ihr Avancen machte! Nein, vor so etwas musste er sie beschützen.

Sie hatte sich erst gesträubt, weil sie Wert auf ihre Unabhängigkeit legte, und das respektierte er. Mit starken Frauen hatte er kein Problem. Aber man musste es auch einsehen, wenn man wirklich mal auf die Hilfe anderer angewiesen war.

Und er war eben ein hilfsbereiter Mensch. Was er für sie tat, hätte er doch für jeden getan.

Oder? Die Pannenhilfe vielleicht – aber sie vier Stunden zum Lake Tahoe zu fahren?

Ja gut, vielleicht interessierte er sich ein ganz klein wenig für sie. Vielleicht war ihm daran gelegen, das Verhältnis zwischen ihnen beiden zu verbessern. Das war doch kein Verbrechen, oder?

Rund zwanzig Minuten später hielten sie vor seinem Haus. Er stieg aus und öffnete ihr dann die Beifahrertür.

„Ich, äh, warte hier im Wagen“, murmelte sie.

„Wollen Sie nicht doch einen Augenblick mit reinkommen?“

„Nein, nein. Wirklich nicht.“

„Gut. Ich beeile mich.“

„Alles klar.“ Sie zückte ihr Handy und begann herumzuscrollen, um sich zu beschäftigen. Er ging ins Haus.

Vielleicht war es doch unangemessen gewesen, sie hineinzubitten, überlegte er. Sie war ja schließlich noch nie hier gewesen.

Damals beim Einstellungsgespräch hatte Addison Abrams ihn gleich beeindruckt. Sie hatte hervorragende Arbeitszeugnisse, strahlte Kompetenz und Zuverlässigkeit aus. Obendrein sah sie fantastisch aus, obwohl das bei so einem Einstellungsgespräch keine Rolle spielen sollte.

Er war ohnehin nicht auf einen besonderen Frauentyp festgelegt, aber so California-Girl-Typen, die gefielen ihm schon, und so sah auch die blonde Addi aus.

„Du musst stark bleiben“, murmelte er vor sich hin, während er seinen Koffer füllte. Zur Sicherheit packte er auch einen Anzug mit ein, obwohl er die Fahrt in Jeans und T-Shirt antreten wollte. Ein kleiner kurzfristiger Urlaub – der Gedanke gefiel ihm. Vielleicht würde er sogar übers gesamte Wochenende bleiben, wenn es heute gut lief. Irgendwie freute er sich auf diesen Kurztrip viel mehr, als er sich auf das Date mit Tammie gefreut hatte. Ach, apropos Tammie ...

Schnell schrieb er ihr eine Textnachricht.

Muss für heute Abend leider absagen. Es ist etwas dazwischengekommen.

Sie wollten gerade losfahren, als sein Handy, das er auf die Ablage neben der Gangschaltung gelegt hatte, plötzlich summte. Ein Foto ploppte auf. Ein Foto, das Tammie mit einem mehr als gewagten Ausschnitt zeigte. Es war so gerade eben noch jugendfrei.

„So ein Mist.“ Er nahm das Handy an sich. „Tut mir leid.“

Addi hielt abwehrend eine Hand hoch. „Ich werde mich hüten, mir eine Meinung darüber anzumaßen, Boss.“

Der Begleittext zum Foto lautete:

Kann ich irgendwas tun, um dich umzustimmen?

Blitzschnell tippte Bran seine Antwort ein:

Leider nein, ich muss wegfahren. Aber wir holen das nach.

Das wird sich noch zeigen.

„So, das wäre erledigt“, sagte er etwas verlegen und legte das Handy wieder beiseite. „Ich hoffe, es ist Ihnen recht, wenn ich das Fenster ein wenig öffne?“ Er drückte auf einen Knopf, und die Fenster fuhren herunter. „Es gibt Frauen, die haben es nicht so gerne, wenn ihr Haar vom Wind zerzaust wird.“

„Wie die Frau aus Ihrem Handy zum Beispiel?“

„Oh, klingt das ein wenig bissig?“ Er lachte verlegen. „Eigentlich war ich mit Tammie für heute Abend verabredet. Aber ich hatte ihr abgesagt, und mit dem Foto wollte sie mich wohl umstimmen.“

„Dann hatten Sie heute Abend ja doch etwas vor.“

„Ja, aber es war nicht so wichtig. Man muss Prioritäten setzen. Und da ich nun mal die Hilfsbereitschaft in Person bin ...“

Addison lachte höflich. „Ich bin Ihnen auch sehr dankbar.“ Es konnte ihr ja egal sein, mit wem Bran sich in seiner Freizeit herumtrieb. Sie wollte schließlich nichts von ihm, sie wollte frei und unabhängig bleiben.

Ja, es konnte ihr egal sein. Aber natürlich war es ihr nicht egal.

Sie hatte das Foto von der jungen Frau nur kurz gesehen, und der Fokus der Aufnahme hatte auf ihrem Dekolleté gelegen, dennoch war es Addi nicht entgangen, dass sie auch ein wirklich schönes Gesicht hatte. Sie konnte immer noch nicht glauben, dass Bran das Date mit dieser Frau abgesagt hatte, um Addi zum Lake Tahoe zu fahren.

„Ich bin schon fünf Jahre nicht mehr in der Gegend um Lake Tahoe gewesen“, sagte Bran plötzlich. „Damals war ich dort zum Skifahren. Und obwohl es der Idiotenhügel war, habe ich mich mächtig auf den Hintern gesetzt.“

„Es gibt also auch Dinge, die Sie nicht perfekt beherrschen?“

„Oh ja, da gibt es so einiges. Skifahren, Heiratsanträge machen, den Posten des Vorstandsvorsitzenden ergattern.“ Er lächelte selbstkritisch und voller Humor. Diese Bescheidenheit machte ihn noch sympathischer.

„Ich bin auch erst einmal in der Gegend gewesen“, erzählte sie. „Joes Familie hat uns dorthin mitgenommen. Ich selber fahre nicht gerne Ski und kann es auch wirklich nicht gut. Er dagegen war ein Naturtalent.“ Dieser Ausflug mit den Harts lag schon sehr lange zurück, und wenn sie daran dachte, vermisste sie Joe umso mehr. Das kommende Wochenende würde sicher viele Erinnerungen schmerzlich wieder wachrufen.

„Wer ist Joe?“ Bran warf ihr einen schnellen Blick zu. „Ihr Verflossener?“

„Wir waren gute Freunde.“

„Ach so, verstehe: Er war in Sie verliebt, und Sie haben ihn abblitzen lassen.“

„Nein, nein, so war das nicht. Unsere Familien waren befreundet.“ Die Betonung lag auf „waren“. Ihre Eltern gaben ihr die Schuld dafür, dass die Freundschaft zerbrochen war. Weil sie nämlich ihre Position bei Hart Media gekündigt und – nach Ansicht ihre Eltern – damit einen Keil zwischen sie und ihre äußerst wohlhabenden Freunde getrieben hatte. Die Harts waren Milliardäre, und Addis Eltern trauerten wohl eher dem Geldkontakt nach als den Menschen selber.

„Ich weiß nicht recht, Addi, das kaufe ich Ihnen nicht so ganz ab. Ein romantischer Ski-Trip ...“

„Wir waren erst siebzehn“, warf sie ein.

„Das ist ja noch schlimmer. In dem Alter nimmt einen die Liebe, wenn sie einen erwischt, zu hundert Prozent ein. Und Sie haben ihn wahrscheinlich nicht einmal richtig beachtet ...“

Bran wusste nicht, dass ihr Freund gestorben war. Und je länger sie an Joe dachte, desto trauriger wurde sie. Dieser Skiausflug war eines ihrer schönsten Erlebnisse gewesen. Nachdem sie nicht mehr für Joes Eltern arbeitete, waren sie auseinandergedriftet. Jahre später hatten sie sich wiedergetroffen, aber es war nicht mehr dasselbe gewesen.

Eine Träne kullerte ihre Wange hinunter, und Bran bemerkte es.

„Was ist denn los, Addi? Alles in Ordnung mit Ihnen?“

„Ja, ja, alles gut.“ Sie versuchte ein Lächeln, aber es gelang ihr nicht. „Irgendwann sind Joe und ich auseinandergedriftet. Das war ganz schön schwer für mich.“

„Ach so, dann war es wahrscheinlich andersherum“, mutmaßte Bran. „Sie mochten ihn, und er mochte Sie nicht – jedenfalls nicht auf diese Weise. Stimmt’s? Das tut mir leid, Addi. Das ist ganz schön blöd.“

Beinahe musste sie lachen. Das war doch in der Gegenwart genau ihre Situation: Sie mochte Bran, und er mochte sie nicht – jedenfalls nicht auf diese Weise. Und er kapierte es einfach nicht! „Wir waren Freunde – und jetzt ist er ...“

Sie räusperte sich, schüttelte den Kopf und blickte zu Boden. Es fiel ihr schwer, es Bran zu sagen. „An diesem Wochenende findet Joes Trauerfeier statt – nur dass er es Lebensfeier genannt haben wollte. Er hat vor seinem Tod noch alles vorausgeplant – drei Übernachtungen am Lake Tahoe für Familienangehörige und enge Freunde.“

Eine peinliche Stille entstand.

„Oh, das tut mir leid, Addison“, sagte Bran betroffen. „Das wusste ich nicht.“

„Nein, das konnten Sie ja auch nicht wissen.“

„Woran ist er gestorben?“

„Knochenkrebs. Zwischen der Diagnose und seinem Tod lagen nur neun Monate. Genauso viel wie er brauchte, um auf die Welt zu kommen.“

Bran ergriff ihre Hand und drückte sie. „Deshalb haben Sie also neulich im Büro geweint.“

Seine Stimme klang so mitfühlend, so freundlich. Als ob sie ihm jederzeit ihr Herz ausschütten konnte. Aber genau das wollte sie lieber nicht. Sie zog ihre Hand zurück, um in ihrer Handtasche nach einem Taschentuch zu suchen.

„Nachdem ich aufs College gegangen bin, waren wir uns nicht mehr ganz so nah“, erzählte sie, während sie sich die Augen abtupfte. „Die Trennung war gar nicht so schlimm wie befürchtet. Vielleicht waren wir einander, wie soll man sagen, entwachsen.“

„Ja, ich verstehe, was Sie meinen“, erwiderte er nachdenklich. Sie fragte sich, ob er dabei an Taylor dachte, die auch seit Urzeiten eine Freundin der Familie gewesen war, bevor Bran und sie angefangen hatten, miteinander auszugehen.

Joe hatte keine Freundin gehabt, als er starb. Er war auch nie verheiratet gewesen. Als Addi gehört hatte, wie krank er war, war ihr bewusst geworden, wie kurz das Leben sein konnte ...

Ein Grund mehr, die Sache mit Bran endlich abzuhaken. Sie sollte lieber jemanden kennenlernen, der sie wirklich liebte, statt vergeblich zu hoffen, dass ihr Boss sie irgendwann bemerkte.

Sie drehte das Autoradio lauter, um die trüben Gedanken zu verscheuchen.

„Ich liebe diesen Song“, rief sie.

„Ich auch“, rief er zurück und drehte das Radio sogar noch lauter.

Sie war sich nicht so sicher, ob er den Song wirklich gut fand. Vielleicht wollte er sie nur auf andere Gedanken bringen.

Ja, er war wirklich nett zu ihr. Allein, dass er für sie diese weite Fahrt auf sich nahm! Aber sie durfte das nicht falsch verstehen. Es war eine Nettigkeit, die nichts mit Zuneigung geschweige denn Liebe zu tun hatte. Sie musste sich endlich von dem Gedanken verabschieden, irgendwann mit diesem Mann vor den Altar zu treten.

Nein, sie musste es endlich einsehen: Sie war auf sich gestellt, konnte nur auf sich vertrauen – und sie würde das Leben meistern. Ganz allein!

6. KAPITEL

Die Zeit verging schnell. Ab und zu unterhielten sie sich, manchmal lauschten sie auch nur der Musik.

Bran war allerdings immer noch irritiert, weil es sich bei dem angeblichen Familientreffen in Wirklichkeit um eine Trauerfeier handelte.

Addi war wirklich sehr verschlossen, was ihr Privatleben anging, noch verschlossener, als er gedacht hatte. Warum hatte sie ihm denn nicht gesagt, dass ein enger Freund von ihr gestorben war?

Ihm wurde klar, dass er so gut wie nichts über Addi wusste. Für ein Arbeitsverhältnis, für ein Boss-Angestellten-Verhältnis, war das ja auch okay. Und jetzt, wo sie gewissermaßen privat unterwegs waren, hatte er immerhin schon ein bisschen mehr über sie erfahren. Zum Beispiel, dass sie nicht viel vom Skifahren hielt. Und dass ihr verstorbener Freund Joe zur Familie Hart von Hart Media gehört hatte. Hart Media war ein Riesen-Unternehmen. Dagegen war ThomKnox gewissermaßen ein Startup aus der Garage.

Er bekam das Gefühl, dass Addi jetzt wieder verschlossener war. Sie war ein bisschen wie Ebbe und Flut. Und noch immer hatte er das Gefühl, dass sie etwas vor ihm verbarg.

Aber was?

Und dann war ja noch diese Anziehung, die er für sie empfand. Und das Gefühl, dass sie sich um ihn sorgte in einer Art und Weise, wie auch Taylor sich um ihn sorgte. Vielleicht war jetzt der Zeitpunkt gekommen, das einmal anzusprechen.

Kurz entschlossen stellte er das Radio aus.

„Mögen Sie diesen Song nicht?“, fragte Addi.

Bran holte tief Luft. „Addi, wir wissen beide, dass Taylor uns verkuppeln wollte. Wir beide sind dem Thema aus dem Weg gegangen, aber ich finde, wir müssen darüber reden.“

Addi erstarrte.

„Wir sind jetzt privat unterwegs, in dieser Situation bin ...

Autor

Jessica Lemmon
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