Bianca Extra Band 113

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LIEBE, LÜGEN – HEISSE KÜSSE von SHIRLEY JUMP
Melanies Leben ist eine einzige Lüge: Dass sie arbeitslos und geschieden ist, verbirgt sie erfolgreich – bis sie zufällig ihren Ex wiedertrifft. Harris‘ zärtliches Lächeln gibt ihr den Mut, endlich zur Wahrheit zu stehen. Und vielleicht sogar an einen Neuanfang mit ihm zu glauben?

DAS SCHICKSAL MACHT ES WIEDER GUT von MELISSA SENATE
Tränenblind erkennt Sara, was ihr verstorbener Mann getan hat: Sie hat einem Zwillingspärchen das Leben geschenkt – und er hat das Mädchen weggegeben! Ausgerechnet dem überzeugten Einzelgänger Noah Dawson hat er es vor die Tür gelegt, in den sie früher verzweifelt verliebt war …

HOCHZEITSGLOCKEN IN WICKHAM FALLS? von ROCHELLE ALERS
Um das Lokalblatt zu retten, kommt der renommierte Journalist Langston Cooper nach Wickham Falls. All seine Auszeichnungen würde er darauf verwetten, dass er hier nie seine Seelenverwandte findet. Bis er Georgina begegnet! Schön, smart – aber leider nicht an ihm interessiert?

WIE KÖNNTE ICH DICH JE VERGESSEN? von CHRISTINE RIMMER
„Wo ist Connor?“ Als Aly nach einem Unfall im Krankenhaus erwacht, versteht sie nicht, dass ihr Ehemann nicht bei ihr ist. Sie braucht ihn jetzt, seine Stärke, seinen Trost! Sie ahnt nicht: Sie hat ihr Gedächtnis verloren. Sie und Connor sind seit sieben Jahren geschieden …


  • Erscheinungstag 23.08.2022
  • Bandnummer 113
  • ISBN / Artikelnummer 0802220113
  • Seitenanzahl 448

Leseprobe

Shirley Jump, Melissa Senate, Rochelle Alers, Christine Rimmer

BIANCA EXTRA BAND 113

SHIRLEY JUMP

Liebe, Lügen – heiße Küsse

Bauunternehmer Harris ist der Held von Stone Gap, seit er eine Familie aus einem brennenden Haus gerettet hat. Doch ausgerechnet Melanie, die er immer noch insgeheim liebt, könnte seinen Ruf zerstören …

MELISSA SENATE

Das Schicksal macht es wieder gut

„Sie ist dein Kind.“ Bestürzt liest Noah den Brief neben dem ausgesetzten Baby. Noch fassungsloser ist er, als die schöne Mutter des Neugeborenen in sein Leben stürmt: seine lang verlorene Liebe Sara …

ROCHELLE ALERS

Hochzeitglocken in Wickham Falls?

Georgina ist bereit für ein neues Leben! Sie zieht bei ihren Eltern aus und eröffnet einen eigenen Laden. Aber ist sie auch bereit für eine neue Liebe – mit dem berühmten Journalisten Langston Cooper?

CHRISTINE RIMMER

Wie könnte ich dich je vergessen?

Damals hat Aly ihn verlassen, weil sie in New York Karriere machen wollte. Aber als Connor sie jetzt wiedertrifft, herrscht nicht nur prickelnde Spannung – Aly hat auch ihre Scheidung vergessen!

1. KAPITEL

Ihre erste Lüge erzählte Melanie Cooper im Alter von fünf Jahren. Zumindest war es die erste, an die sie sich erinnern konnte. Sie hatte ein paar Hundert Meter von zu Hause entfernt an einem Fluss gespielt – das war verboten, darum war die Versuchung besonders groß gewesen. Es war ihr absoluter Lieblingsplatz, voller Flusskrebse und Fischchen, die im Licht wie Silbermünzen glänzten.

Als ihre Mutter sie rief, kletterte sie durch das Loch im Zaun und wollte so tun, als wäre sie nie weg gewesen. Doch sie blieb mit dem Knie hängen, und als sie schließlich zurück im Garten war, blutete die Wunde stark. Ihre Mutter fragte sie, warum sie so lange gebraucht hatte, und blitzschnell dachte sich Melanie eine aufwendige Geschichte aus, wie sie einen Welpen gefunden hatte und gestolpert war, als sie diesen zurück zu ihrem Besitzer bringen wollte. Daraufhin hatte ihre Mutter darüber hinweggesehen, dass sie den Garten verlassen hatte, und Melanie für ihr großes Herz gelobt, was sehr selten vorgekommen war. In diesem Augenblick hatte das Mädchen gelernt, dass man sich mit Lügen am besten aus brenzligen Situationen befreien und so noch dazu das Lob ihrer überkritischen Mutter gewinnen konnte.

Darum war es nur logisch, dass Melanie später beim City Girl Magazin arbeitete, wo Lügen zum Alltagsgeschäft gehörten. Sie schrieb Artikel darüber, wie man zehn Kilo in zehn Tagen abnahm, und spickte sie mit Tipps wie grünen Tee trinken, ein zusätzliches Training einbauen oder bei der Arbeit Treppen steigen. Schließlich fügte der Redakteur noch einen vielversprechenden Titel für das Cover hinzu.

Als sie über die Main Street von Stone Gap in North Carolina zu ihrer älteren Schwester fuhr, wusste Melanie, dass sie Abby heute besonders überzeugend anlügen musste, denn diese war keine Leserin, die im Supermarkt nach dem Geheimtipp suchte, um ihre Cellulite loszuwerden. Sie war intelligent und kannte Melanie sehr gut. Zu gut. Wenn ihre Geschichte auch nur im Geringsten unstimmig war, würde Abby die Wahrheit sofort erkennen.

Doch sie durfte auf keinen Fall erfahren, dass Melanies hart erkämpftes Leben aus den Fugen geraten war.

Sie bekam kaum noch Luft und atmete daher mehrmals tief durch. Es würde schon alles gut gehen. Irgendwie würde sie alles wieder hinbekommen. Immerhin hatte sie ein Jobangebot von einem angesehenen Online-Magazin, wenn sie diesem bewies, dass sie nicht nur über Diäten und Mascara schreiben konnte. Deshalb musste sie Abby gar nichts sagen – bald wäre alles wieder in Ordnung. Außerdem heiratete ihre Schwester am übernächsten Wochenende, und Ma übernachtete gerade bei ihr. Da fehlte es noch, dass Abby sich um ihre jüngste Krise sorgen musste. Eigentlich eher Krisen, denn sie hatte innerhalb kurzer Zeit ihre Ehe, ihr Zuhause und ihre Arbeit verloren.

Melanie bog rechts in eine baumgesäumte Sackgasse ab und dann in die Auffahrt von Abbys Bungalow. Das wunderschöne Häuschen war mit roten Geranien dekoriert, und auf der Veranda wiegte sich eine Hollywoodschaukel sanft im Wind. Im Schatten einer Eiche lehnte ein Fahrrad, und in der Sonne lag ein Fußball und wartete auf das nächste Spiel. Der Herbstwind trug ein Gefühl von Heimat mit sich, das Melanie vollkommen fremd war.

Sie klappte den Spiegel im Wagen herunter, korrigierte ihr Make-up, zog ihr T-Shirt gerade und wischte sich über die Jeans, dann stieg sie aus dem Auto und ging die Stufen hinauf.

Als Erster kam Jacob aus dem Haus gerannt. „Tante Melanie!“, rief er und rammte ihre Beine.

Melanie beugte sich zu ihm hinunter und hob ihren fünfjährigen Neffen hoch. „Wie geht es denn dem weltbesten Jacob?“

„Ich spiele Fußball! Mommy sagt, ich bin richtig gut, und Dylan ist mein Trainer, und wir haben voll viel Spaß, und wir haben unser erstes Spiel gewonnen!“

Sie lachte. „Das ist wunderbar, mein Kleiner. Meine Güte, bist du groß geworden.“ Als Melanie ihn wieder auf dem Boden abstellte, zog Jacob sie die Stufen hinauf ins Haus. Dabei plapperte er unentwegt über die Schule und sein Fußballteam.

In der Küche holte Abby gerade etwas aus dem Ofen. Sie stellte die Auflaufform auf den Herd und drehte sich lächelnd um. „Melanie! Da bist du ja. Wie war die Fahrt? Ich kann nicht glauben, dass du von New York hierhergefahren bist!“

Melanie legte ihre Handtasche auf einen Stuhl und ihr Telefon auf den Tisch. Keine Anrufe, keine Nachrichten, keine unerwartete Benachrichtigung. Aber das war in Ordnung. Allein schon durch die Ankunft bei ihrer Schwester entspannte sie sich ein wenig.

Abby hatte nämlich immer über eine gewisse Leichtigkeit verfügt. Sie lächelte, ehrlich und voller Wiedersehensfreude, doch Melanie sah ihr an, dass ihr die letzten Tage seit der Ankunft ihrer Mutter zugesetzt hatten. „Wie ich sehe, bist du mit allen Ehren begrüßt worden.“

„Und ich habe schon alles über das Fußballteam erfahren.“ Melanie wuschelte Jacob durch die Haare. „Anscheinend hat er viel zu tun.“

„Das kannst du laut sagen.“ Abby breitete die Arme aus und umarmte sie fest. „Du hast mir gefehlt.“

„Du mir auch.“ Melanie hielt Abby einen Augenblick länger fest. Ein Teil von ihr wollte sich ihr öffnen, den Tränen freien Lauf lassen und ihr die Wahrheit sagen. Vielleicht sollte sie das wirklich tun. Vielleicht wüsste sie ja genau den richtigen Rat. „Ach, und nochmals herzlichen Glückwunsch. Ich freue mich so für euch!“

„Vielen Dank. Dylan ist ein wirklich toller Mann. Ich bin wahnsinnig glücklich, dass wir heiraten.“

Als Melanie die Umarmung löste, sah sie die Freude in Abbys Blick. Sie strahlte förmlich mit ihrem Verlobungsring um die Wette. Melanie konnte es einfach nicht. Wie hätte sie das Leuchten in Abbys Augen auslöschen können? Ihr sagen, dass ihre kleine Schwester, die sich endlich zusammengerissen und gefestigt hatte, alles auf den Kopf gestellt hatte?

Wieder einmal.

Den enttäuschten Blick, der folgen würde, konnte Melanie momentan nicht ertragen. Sie hatte gedacht, dass sie diese Zeiten endgültig hinter sich hätten, als Melanie von der Polizei nach Hause gebracht worden war, weil sie noch nicht volljährig gewesen war und getrunken, die Schule geschwänzt oder sich um drei Uhr nachts ins Haus geschlichen hatte.

Damals hatte Abby sich für ihre Schwester eingesetzt und immer wieder mit Melanie gesprochen und betont, wie wichtig es war, die Highschool mit einem Abschluss zu beenden, ein College zu besuchen, Arbeit zu finden und Verantwortung zu übernehmen. Es hatte einige Jahre gedauert, bis die Botschaft angekommen war, und selbst dann war Melanie manchmal immer noch vom Weg abgekommen, fast im Gefängnis gelandet und hätte beinahe eine Entscheidung getroffen, die ihr Leben komplett ruiniert hätte. Ewiger Teenager hatte Ma sie genannt, und vielleicht hatte sie damit recht. Aber Melanie hatte wirklich geglaubt, dass sie es nun geschafft hatte. Alles war perfekt – und dann war es das plötzlich nicht mehr gewesen. Denn mit neunundzwanzig Jahren war sie plötzlich allein, arbeitslos und vollkommen verloren.

„Erzähl, wie geht es Ma?“, fragte sie und fuhr gedämpft fort: „Treibt sie dich in den Wahnsinn?“

Abby seufzte. „Sie ist jetzt in Rente und langweilt sich. Sie erzählt allen, wie furchtbar ihr Leben ist. Ich liebe sie wirklich, Mel, aber …“

„… sie schafft es, jedem die gute Laune zu verderben?“

„Ganz genau.“ Abby lachte. „Na ja, jedenfalls macht sie gerade ein Nickerchen. Bis zum Essen sollte sie aber wieder herunterkommen.“

Das war Melanie nur recht. So hatte sie wenigstens noch etwas länger Zeit, bis Mutter und Schwester sie gemeinsam löchern würden. „Wie laufen denn die Hochzeitsvorbereitungen? Sag bitte nicht, dass du eine von den Bräuten bist, die selbst gemachte Marmelade in Gläschen abfüllt und die Ringe von einem geschmückten Zicklein zum Altar tragen lässt. Darüber habe ich mal eine Story geschrieben, und eines ist klar, ich markiere als Brautjungfer nicht die Ziegenhüterin.“

Lachend schob Abby ein Blech mit Keksen in den Ofen und rührte dann das Gemüse im Topf um, während Jake sich ins Wohnzimmer davonmachte. „Nicht ganz. Aber ich hoffe sehr, dass du mir etwas zur Hand gehst, denn der Caterer hat sich die Grippe eingefangen. Darum musste ich mir jetzt jemand anderes suchen, und die Band ist wie vom Erdboden verschwunden. Gott sei Dank unterstützt Meri Barlow mich. Sie ist unsere Hochzeitsfotografin und hat uns dabei geholfen, einen Ersatz zu finden. Ehrlich, eine Hochzeit zu planen ist anstrengender, als Kinder großzuziehen.“

„Na ja, zumindest musst du dir um mich keine Sorgen machen. Mir geht es gut. So gut wie noch nie.“ Von Angesicht zu Angesicht fiel ihr das Lügen fast genauso leicht wie auf Papier. Vielleicht sollte sie darüber mal einen Artikel schreiben. Allerdings arbeitete sie für kein Magazin mehr, bei dem sie eine Story wie Zehn Tipps, wie du deiner Familie dein Versagen verheimlichst veröffentlichen konnte.

„Wie geht es Adam?“

„Dem … dem geht es gut. Hat bei der Arbeit viel um die Ohren. Er will nächstes Mal wieder mitkommen.“ Ihren Ex-Mann hatte Melanie schon seit über einem Jahr nicht mehr gesehen, seit sie ihm im Richterzimmer gegenübergesessen und die Scheidungspapiere unterschrieben hatte. Er war mit seinem Blendax-Lächeln und dem Werbegesicht davongegangen und hatte sich nicht einmal umgedreht. Zuletzt hatte sie gehört, dass er mit Cheri, der 21-jährigen Empfangsdame seiner Agentur, in eine Eigentumswohnung gezogen war. Sie war eines dieser Mädchen, die i-Punkte als Herzchen malten und andauernd kicherten.

Melanie hatte ihrer Schwester und Mutter von der Scheidung erzählen wollen, doch sie hatte einfach nicht die richtigen Worte gefunden, vor allem, weil ihre Ma immer wieder davon geschwärmt hatte, wie stolz sie auf ihre verheiratete Tochter und Journalistin war. Da war es einfacher gewesen, so zu tun, als wäre alles in Ordnung, als zuzugeben, dass es bei ihr schon lange bergab ging und dass sie wieder die Versagerin der Familie war.

„Du musst nicht im Inn bleiben“, meinte Abby. „Jake kann in Codys Zimmer schlafen und Cody auf der Couch. Wird zwar etwas eng für die beiden, aber das sind Jungen, die kommen damit klar. Außerdem ist Cody wegen der Schule und seinem Job sowieso kaum hier.“

Wenn sie blieb, müsste sie ständig ihre Mutter sehen und täglich mit ihrer Schwester reden. Ihren Schwindel konnte sie jedoch nur für begrenzte Zeit aufrechterhalten. 24 Stunden am Tag schaffte sie das auf keinen Fall. Obwohl sie sich das Geld für das Inn kaum leisten konnte, war ihr klar, dass sie die Wahrheit nur so verstecken konnte. „Danke, Schwesterherz, aber ich muss sowieso arbeiten, also wäre ich die meiste Zeit auf meinem Zimmer, selbst wenn ich hierbleiben würde, und du hast doch bestimmt noch zig Sachen für die Hochzeit vorzubereiten.“

Abby musterte sie prüfend, doch Melanie hielt ihrem Blick stand und lächelte.

„Na gut, wenn du meinst. Aber falls du es dir doch anders überlegst, ist hier immer Platz für dich.“

„Vielen Dank. Du bist die Beste.“

Während die beiden den Tisch deckten, schlenderte Cody mit Dylan ins Zimmer. Als Melanie den Jungen zum letzten Mal gesehen hatte, war er ein mürrischer Teenager gewesen, der sich voller Wut aufs Leben komplett zurückgezogen hatte. Heute kam er lächelnd auf sie zu und umarmte seine Mutter und Tante freiwillig. „Hey, Tante Melanie, wie war die Reise?“

Sie schluckte die Überraschung hinunter. Cody unterhielt sich mit Erwachsenen? Von den Teenager-typischen Ängsten, die er beim letzten Besuch in New York gezeigt hatte, war nichts mehr zu erkennen. Stone Gap und Dylan hatten eindeutig einen guten Einfluss auf ihn. „Gut, danke. Ich habe gehört, dass du jetzt im Kinder- und Jugendtreff arbeitest.“

„Ja, Dylan lässt mich bei der Instandhaltung und dem Basketballprogramm helfen“, erklärte Cody voller Stolz und Aufregung. „Nächsten Monat wollen wir sogar eine Art Jobmesse veranstalten.“

„Er leitet den Treff schon fast allein“, erklärte Dylan grinsend und klopfte Cody auf die Schulter. Er war groß und schlank, hatte braune Haare und lächelte herzlich. Seine Liebe für Abby und die Jungs war offensichtlich, und auch Abby liebte ihn, das erkannte Melanie an ihrem Strahlen, sobald er ins Zimmer kam. Jeder Mann, der ihre Schwester so glücklich machte, wurde von Melanie sofort abgesegnet.

Cody errötete und schaute zu Boden. „Ich helfe doch nur aus.“

„Das machst du jedenfalls sehr gut.“

Während Melanie sich mit ihren Neffen und Dylan unterhielt, entschuldigte Abby sich kurz, ging in die obere Etage und kam kurz darauf wieder zurück. „Mel, Ma fühlt sich nicht besonders. Sie hat mich gebeten, dass du ihr gleich einen Teller hochbringst, damit ihr euch ein bisschen unterhalten könnt. Ich glaube, als wir heute in der Stadt spazieren waren, hat sie zu viel Sonne abbekommen. Wir haben Mittag gegessen und wollten noch bummeln, aber dann …“ Sie zuckte mit den Schultern.

„… hat Ma sich über die Sonne und den Lärm beschwert und aufgegeben?“, fragte Melanie. „Ich verstehe schon, Schwesterherz. Ich bring ihr was zu essen hoch.“

„Danke. Die letzten Tage waren wirklich stressig und jetzt … Wir warten aber mit dem Essen auf dich.“ Abby gab Melanie einen Teller mit Hühnchen, Gemüse und Kartoffeln, Besteck und eine Serviette. „Das erste Zimmer auf der rechten Seite.“

„Okay.“ Melanie schluckte kurz, dann ging sie die Treppe hinauf und wappnete sich innerlich gegen ihre schärfste Kritikerin.

Cynthia Cooper war eine starke Frau, das sagten alle, die ihr begegneten. Sie hatte zwei Mädchen allein großgezogen, nachdem deren Vater bei einem Autounfall ums Leben gekommen war, als Melanie noch ein Baby gewesen war, und jahrelang zwei Jobs gleichzeitig gehabt, um ihre Familie durchbringen zu können. Für Außenstehende war sie die Stärke in Person, für Melanie bedeutete es lediglich hohe Erwartungen ohne Herzenswärme.

Sie klopfte an und betrat das Zimmer. „Hi, Ma. Ich habe Abendessen für dich.“

„Wurde ja auch Zeit, dass du hochkommst und mich begrüßt.“ Ihre Mutter saß aufrecht im Bett. Obwohl sie schon Ende fünfzig war, sah sie dank regelmäßiger Yoga-Kurse, intensiver Hautpflege und stets akkuraten Stylings jünger aus. Die Haare hatte sie blond gefärbt, sie trug nur minimales Make-up und selbst im Bett Lockenwickler. Sogar ihr Pyjama war frisch gebügelt.

Melanie packte den Teller auf ein Betttablett, das auf dem Ottoman stand, und stellte ihrer Mutter dieses auf den Schoß. „Abby hat Hühnchen mit Kartoffeln und Gemüse gemacht. Riecht richtig gut.“

„Hoffentlich hat deine Schwester das Abendessen dieses Mal nicht anbrennen lassen. Gestern Abend war es kaum genießbar.“ Cynthia schüttelte den Kopf. „Manchmal habe ich das Gefühl, ihr beiden habt nichts von dem behalten, was ich euch beigebracht habe.“

Melanie verbiss sich ihre spontane Reaktion. „Nicht alle sind geborene Köche, Ma.“

„Ganz sicher nicht. Wahrscheinlich würdest du sagen, dass du eine geborene Lieferdienst-Kundin bist. Was für eine Verschwendung, vor allem, wenn man problemlos zu Hause essen kann.“

Da sie bei dieser Diskussion immer den Kürzeren zog, zwang Melanie sich zu einem Lächeln. „Wie geht es dir?“

„Furchtbar. Diese Hitze bringt mich noch um. Ich kann es kaum erwarten, wieder in Connecticut zu sein, da ist das Wetter wenigstens auszuhalten. Die Luft hier ist so drückend, dass ich kaum atmen kann.“

In North Carolina wurde es zwar manchmal heiß, doch heute waren es knapp 25 Grad bei leichter Bewölkung und geringer Luftfeuchtigkeit. In Mas Zimmer drehte außerdem ein Deckenventilator langsam seine Runden, und die leichte Brise ließ die offenen Vorhänge wehen. „Na gut, dann lasse ich dich jetzt mal in Ruhe essen“, sagte Melanie.

„Bleib doch noch.“ Ma klopfte neben sich aufs Bett. „Unterhalte dich ein wenig mit deiner Mutter. Du lebst zwar in einem Nachbarstaat, aber ich muss extra nach North Carolina reisen, damit ich dich endlich mal wiedersehe.“

Melanie setzte sich auf die Bettkante. Während ihre Mutter ein Stück Hähnchen aufspießte und aß, überlegte sie sich, was sie sagen konnte, ohne sofort Kritik zu ernten. „Abby freut sich schon richtig auf die Hochzeit, und Dylan scheint ein toller Mann zu sein.“ Wenn sie Mas Aufmerksamkeit auf ihre Schwester lenkte, dachte sie vielleicht nicht zu intensiv über Melanie nach.

„Ja, viel besser als der Loser, den sie beim ersten Mal geheiratet hat.“ Ma verzog das Gesicht. „Aber genug von Abby. Was hast du Neues zu erzählen? Bist du schon befördert worden? Das wäre wirklich an der Zeit. Du bist schließlich schon lange genug bei diesem Magazin.“

„Nein, noch keine Beförderung, aber mir geht es gut.“

„Und Adam? Was ist mit ihm? Wann schenkt ihr beiden mir endlich ein Enkelkind? Deine Schwester hat sogar schon zwei Kinder.“

„Ich weiß, wie viele Kinder Abby hat, Ma. Ich bin noch nicht so weit.“

„Ihr müsst euch aber langsam Gedanken darüber machen. Du wirst schließlich nicht jünger.“

Melanie stand auf und zwang sich erneut zu einem Lächeln. „Wenn wir uns weiter unterhalten, wird dein Essen kalt. Wir sehen uns später.“

Am besten in zehn Jahren … Sie verließ hastig das Zimmer und ging wieder hinunter.

Seit ihrer Geburt hatte sie immer Abby nachgeeifert, doch wenn ihre Mutter die Wahrheit kennen würde, würde sie niemals an ihre Schwester heranreichen, da diese einfach immer alles schaffte.

Zurück im Esszimmer empfing sie das fröhliche Geplapper von Jake. Der Raum war erfüllt von Familienglück.

Obwohl Melanie sich wirklich für ihre Schwester freute, die nach der Scheidung von ihrem Höllen-Ex einen tollen Mann verdient hatte, war sie auch ein wenig neidisch. Vielleicht hätte es mit ihr und Adam ja funktioniert, wenn sie Kinder bekommen hätten …

Doch das waren nur Hirngespinste. Unproduktive und dumme noch dazu. Adam hatte sich als selbstverliebtes, verlogenes Arschloch herausgestellt. Sie hätte schon aus seinem Beruf als Model schließen können, dass er eher narzisstisch als mitfühlend veranlagt war, und wenn sie Kinder bekommen hätten, wäre sie ihr Leben lang an ihn gebunden gewesen.

So oder so, Adam gehörte nicht mehr zu ihrem Leben, und wenn er mit Cheri oder Shari, oder wie auch immer sie hieß, zusammenblieb, würden sie ihren Babys wahrscheinlich Namen geben, deren i-Punkte aus Herzchen bestanden.

Doch damals, mit achtzehn, hatte sie sich eine Zukunft mit Babys und Ehemann vorgestellt. Mit einem völlig anderen Mann als dem den sie geheiratet hatte, einem, der ihr das Gefühl gegeben hätte, die einzigartigste Frau der Welt zu sein.

„Melanie, was meinst du dazu?“

Sie konzentrierte sich wieder auf Abbys Frage. „Entschuldigung, ich war in Gedanken.“

Ihre Schwester lachte. „Wahrscheinlich wieder ganz bei der Arbeit. Wie läuft es denn so? Auf dem Markt habe ich die letzte Ausgabe von City Girl gesehen und nach einem Artikel von dir gesucht, aber da war keiner drin.“ Sie wandte sich an Dylan. „Melanie schreibt für ein Frauenmagazin. Ich bin so stolz auf sie, denn sie macht genau das, was sie schon immer tun wollte.“

„Ja, ganz genau.“ Arbeitslos und eine Karriere voller hirnloser Artikel – davon träumte doch jedes Mädchen, oder? Seit sie einen Stift hatte halten können, hatte Melanie geschrieben. Einst hatte sie davon geträumt, wichtige Artikel zu verfassen, die man lesen und beachten würde. Aber 750 Wörter über den besten Concealer würde sie nicht gerade als wichtig betiteln. Nach dem College hatte sie die erste Stelle angenommen, die ein sicheres Einkommen garantiert hatte, und sich eingeredet, dass sie das glücklich machte. Zumindest bis zum Vorjahr war es auch so gewesen.

„Für die letzte Ausgabe habe ich nichts geschrieben, weil ich, äh, gerade für eine größere Sache recherchiere.“ Sie recherchierte eine Stelle, die einer arbeitslosen Journalistin genug einbrachte, um die Miete in New York zahlen zu können. Melanie hatte nämlich beinahe ihre gesamten Ersparnisse aufgebraucht. Sie musste sich die Stelle bei dem seriösen Online-Magazin bis zum Monatsende sichern, sonst würde es in naher Zukunft nur noch Ramen-Nudeln geben. Der Redakteur hatte ihr die Stelle zugesichert, wenn sie etwas vorlegte, das eine Veröffentlichung wert war, doch bisher hatte Melanie noch nichts gefunden, das seinen Vorstellungen entsprach.

„Schade, dass du nicht hier lebst.“ Dylan nahm sich noch einmal vom Hühnchen. „Saul Richardson, der Herausgeber der Stone Gap Gazette, hat nämlich gerade seinen einzigen Journalisten verloren. Er ist nicht mehr der Jüngste und vollkommen damit überfordert, dass er alle Artikel selbst schreiben und sich um Layout, Druck und Vertrieb kümmern muss. Ersatz sucht er schon länger, aber bisher hat er niemand Passenden gefunden.“

Melanie horchte auf. Wenn man die Größe der Stadt bedachte, hatte die Stone Gap Gazette wahrscheinlich ein deutlich geringeres Budget als den Millionen-Dollar-Etat von City Girl. Andererseits waren die Lebenshaltungskosten in dieser Kleinstadt in North Carolina garantiert deutlich niedriger. Sie interessierte sich zwar für keine langfristige Anstellung, aber vielleicht konnte sie in den nächsten beiden Wochen so ja etwas verdienen, zumindest bis nach der Hochzeit, wenn Abby auf Hochzeitsreise ging. So könnte Melanie sich etwas Zeit verschaffen, um die besondere Story zu finden, die der andere Redakteur erwartete. „Vielleicht lässt er mich ja den einen oder anderen Artikel schreiben. Wäre doch nett, in der Zeit hier auch etwas zu verfassen.“

Abby schnitt Jacob ein großes Stück Hähnchen in mundgerechte Stücke. „Es wäre ziemlich cool, wenn hier in der Tageszeitung ein Artikel von meiner Schwester erscheinen würde. Dann würde ich hundert Zeitungen kaufen und überall mit dir angeben!“

Melanie errötete. Sie hatte gewusst, dass ihre Schwester das Magazin manchmal kaufte, denn sie schrieb ihr dann eine Textnachricht oder E-Mail zu den neuesten Artikeln. Doch ihr war im Traum nicht eingefallen, dass Abby, die Erfolgreiche und Vernünftige, so stolz auf sie war. „Danke, Abs.“

„Ich freue mich einfach riesig, dass du da bist. Dass du so lange freibekommst, hätte ich nie gedacht. Adam vermisst dich bestimmt wahnsinnig. Adam ist Mels Mann“, erklärte sie Dylan.

„Ich würde es keine acht Stunden ohne Abby aushalten, von acht Tagen ganz zu schweigen.“ Zärtlich schaute er seiner Verlobten in die Augen. „Aber ich bin auch noch immer total verknallt in sie.“

„Ey, Leute, hier am Tisch sitzen Kinder“, motzte Cody grinsend.

„Eines Tages wirst du genauso für ein Mädchen schwärmen, Cody.“

Der Junge betrachtete seine Mutter und seinen zukünftigen Stiefvater. „Ja, vielleicht.“

Bei so viel Familienglück fühlte es sich schrecklich an, alle anzulügen, doch Melanie konnte nicht anders, sie wusste nicht, wie sie das Netz aus Lügen, das sie in den letzten beiden Jahren gesponnen hatte, entwirren konnte. Immer wieder hatte sie verlogene Geschichten darüber erzählt, wie glücklich sie mit ihrem Mann war, und über ihre Erfolge im Job. All das war ihr irgendwann über den Kopf gewachsen, und sie hoffte, dass sie die Stadt bereits verlassen hatte, wenn es herauskam.

„Ich sollte langsam zum Inn fahren und einchecken“, verkündete Melanie, stand auf und nahm ihren halb leeren Teller mit. „Tut mir leid, dass ich so schnell wieder wegmuss, Abs, aber ich muss heute Abend noch an einem Artikel arbeiten.“

„Ach, wie schade, dass du schon gehst.“ Abby nahm ihr den Teller ab und umarmte sie. „Aber wir haben ja noch die ganze Woche Zeit zum Reden, und das wird mir guttun, bei dem ganzen Stress mit Ma und den Hochzeitsvorbereitungen. Ich will ganz viel Zeit mit dir verbringen, Schwesterchen, und du musst mir von all deinen Abenteuern in New York erzählen, von den verrückten Leuten, die du interviewt hast, und wie dich dein Ehemann auf Händen trägt.“

Melanie verging beinahe das Lächeln. „Das klingt toll!“ Zumindest würde es interessant werden. So als würde sie einen Roman lesen, ohne vorher den Klappentext zu kennen – sie hatte keine Ahnung, wie sich die Geschichte entwickeln würde.

2. KAPITEL

Die Comeback Bar lag in einer kleinen Seitenstraße im Zentrum von Stone Gap. Aus der offenen Tür dröhnte Country-Musik. Das klang einladend, obwohl das Lokal von außen aussah, als bräuchte es selbst ein Comeback. Die graue Verkleidung war verblasst und aufgesprungen, und am Schild über der Tür fehlten einige Buchstaben.

Vielleicht war diese Idee also doch nicht so gut, wie Melanie gedacht hatte. Doch da Stone Gap nicht besonders groß war, hatte sie keine andere Wahl. Am Strand lag das Sea Shanty, ein Restaurant, das nur freitagabends länger geöffnet hatte, und dann gab es die Comeback Bar. Auf jeden Fall war es besser, sich hier einen Drink zu genehmigen, als allein und voller Selbstmitleid in ihrem Zimmer zu sitzen. Das hatte sie nach ihrer Ankunft schon getan und vielleicht eine Stunde lang ausgehalten.

Melanie schlüpfte in die Bar. Noch immer waren es über zwanzig Grad, ein warmer Abend für Ende September, aber sie hatte trotzdem eine leichte Jacke dabei, da sie eher an die kühlen New Yorker Temperaturen gewöhnt war. Den Cardigan legte sie neben sich auf den Hocker, dann setzte sie sich an den Tresen aus lackiertem Eichenholz.

„Hi, ich bin Al, was darf ich Ihnen bringen?“, fragte ein korpulenter Typ und schob ihr einen Papieruntersetzer hin. Hinter ihm stand auf einer Schiefertafel eine schöne Auswahl an Craftbier. Melanie entschied sich für ein Orangen-Weizen.

„Kommen Sie von außerhalb?“

„Ich bin bei meiner Schwester zu Besuch. Woher wissen Sie das?“

„Diese Stadt ist ein Nest. Wenn Leute in meine Bar kommen, die ich nicht kenne, sind sie in neunundneunzig Prozent der Fälle von außerhalb. Übernachten Sie im Inn?“

„Ja, ich habe vorhin eingecheckt.“ Da das Stone Gap Inn wortwörtlich die einzige Möglichkeit im Umkreis von dreißig Kilometern war, hatte Melanie keine Wahl gehabt. Außerdem gefiel ihr das Inn mit seinem Südstaaten-Charme und der Aussicht auf saftig grüne Hügel. Besonders mochte sie Della Barlow und Mavis Beacham, die Inhaberinnen, die genau so herzlich und freundlich wie das Inn selbst waren. Die beiden hatten das Gebäude vor etwas über einem Jahr gekauft und es von Grund auf renoviert. Trotz der modernen Einrichtung war der Charakter der Vorbürgerkriegsvilla mit ihren historischen Elementen beibehalten worden. Alles wirkte wie im Film.

„Im Inn wird es Ihnen gefallen. Della und Mavis machen das großartig. Sie holen ganz unterschiedliche Menschen in unsere Stadt. Gut für sie, gut für Stone Gap und gut für mich.“ Al grinste. „Schau einer an, da kommt gerade unser neuester Einwohner auf Zeit. Ist erst seit ein paar Tagen hier und schon ein echter Held!“

Melanie drehte sich auf dem Barhocker um … und erstarrte.

Etwa anderthalb Meter von ihr entfernt stand Harris McCarthy, erwachsen und wahnsinnig gut aussehend. Sie hatte ihn mindestens elf Jahre lang nicht gesehen, seit er ihr das Herz zerfetzt hatte. Die beiden waren gemeinsam in Connecticut aufgewachsen und zur Highschool gegangen, zwei Jahre lang ein Paar gewesen und hatten kurz vor ihrem Abschluss von einer gemeinsamen Zukunft geträumt. Doch dann hatte er ohne Vorwarnung mit ihr Schluss gemacht … genau an dem Tag, an dem sie ihn am meisten gebraucht hätte. Er hatte nicht auf sie hören oder die Wahrheit glauben wollen, sondern einfach Schluss gemacht und war gegangen. Damals hatte sie sich geschworen, dass sie ihm niemals vergeben und dass sie ihr Herz vor seinem Lächeln verschließen würde – allerdings hatte sie auch nicht erwartet, dass er sie jemals wieder anlächeln würde. Was zum Teufel machte er ausgerechnet hier?

Doch dann erinnerte sie sich daran, was Abby ihr vor einigen Monaten am Telefon erzählt hatte. Harris war nun ein Bauunternehmer für Massiv-Holzhäuser, und man hatte ihn damit beauftragt, einem Baseballspieler in North Carolina ein Haus zu bauen. Aber das war doch schon im letzten Jahr gewesen, oder?

„Ich glaube, ich sehe nicht recht, Melanie Cooper?“ Harris grinste sie an. „Du meine Güte, wie lange ist das jetzt her?“

„Eine ganze Weile.“ Elf Jahre, drei Monate und zwei Tage. Nicht, dass sie zählte, auch wenn sie an jenem Tag geglaubt hatte, dass sie sich nie davon erholen und nie darüber hinwegkommen würde. „Meine Schwester hat erzählt, dass du hier in der Stadt ein Haus baust.“

„Ja, das war im letzten Jahr. Das Projekt ist so gut gelaufen, dass ich … na ja, dass mir noch einige andere Leute Angebote gemacht haben. Also bin ich wieder im Lande und wollte mir gerade ein Bier genehmigen.“ Wieder grinste er, und der Teil von Melanie, der die Vergangenheit ignorieren wollte, schmolz dahin.

Harris hatte ein hübsches Lächeln – das hatte er immer gehabt, und er lächelte gern und oft. Er war ein Charmeur gewesen, Klassensprecher und Captain des Football-Teams, aber tief in seinem Innern war der Harris, den sie gekannt hatte, eher schüchtern und introvertiert gewesen. Mit Stift und Skizzenblock hatte er sich viel wohler gefühlt als mit einem Football.

„Ich bin überrascht, dass du unter die Bauunternehmer gegangen bist. Ich dachte, du würdest Steuerberater werden.“

„Das war der Traum meines Vaters, nicht meiner. Ich bin glücklicher, seit ich selbstständig arbeite.“

Warum sprach sie überhaupt mit ihm? Was interessierte sie seine Berufswahl? Aber Melanie musste zugeben, dass Harris sich als Bauunternehmer viel besser eignete, denn er sah überhaupt nicht wie ein typischer Steuerberater aus. Harris war knapp einen Meter neunzig groß, die glatten, dunkelbraunen Haare fielen ihm manchmal ins Gesicht und noch immer hatte er den Körperbau eines Quarterbacks, schlank und muskulös.

„Bist du wegen Abbys Hochzeit hier?“, fragte er.

Melanie schaute ihm nachdenklich ins Gesicht und versuchte, zu ignorieren, wie sich sein Pullover an der Brust spannte oder die Jeans sich an seine Beine schmiegte. „Woher weißt du, dass meine Schwester heiratet?“

„Harris kennt alle in Stone Gap.“ Al legte auch ihm einen Papieruntersetzer hin. „Nach Dienstagabend kennen nun auch fast alle seinen Namen.“

Harris’ Gesichtsausdruck war jetzt nicht mehr freundlich und offen, sondern distanziert und verschlossen. „Al, machst du mir ein kühles Helles?“

„Klar.“ Al zapfte das Bier und gab es ihm. „Bitte schön. Geht aufs Haus. Du solltest ihr die Geschichte erzählen, Harris. Was du getan hast …“

„… ist getan und muss nicht weiter besprochen werden.“ Er prostete Al zu. „Danke für das Bier, aber natürlich bezahle ich es.“

Egal, was Harris Heldenhaftes getan hatte, offensichtlich wollte er nicht darüber sprechen. Das machte die Journalistin in Melanie unwillkürlich neugierig. Sie spürte, dass dahinter eine Story steckte, um die sich Redakteure reißen würden.

Vielleicht eine, mit der eine arbeitslose Journalistin für Frauenmagazine einen Neuanfang schaffen könnte.

„Ich würde die Geschichte sehr gern hören“, sagte Melanie darum und zeigte auf den Hocker neben sich. „Falls du darüber reden willst.“

„Nein, das will ich ganz und gar nicht. Aber wir können gern über irgendetwas anderes reden.“ Er deutete auf ihren Cardigan. „Erwartest du noch jemanden?“

Irgendwo tief im Innern hatte sie gehofft, einen Funken Eifersucht in Harris’ Gesicht zu entdecken, doch da war nichts. Warum interessierte es sie überhaupt, was er davon hielt, ob sie allein hier war oder auf ihren jetzt nur noch imaginären Ehemann wartete? Sie hatte ihn überwunden. Voll und ganz.

„Im Augenblick sitzt dort niemand“, antwortete Melanie möglichst vage. Sollte er doch denken, was er wollte. Sie nahm ihren Cardigan und legte ihn sich auf den Schoß.

Harris setzte sich und drehte sich zu ihr. „Wirklich schön, dich hier zu sehen. Erzähl mal, wo du die letzten Jahre gewesen bist, Mellie.“

Niemand außer ihm hatte sie jemals Mellie nennen dürfen. Diesen Spitznamen hatte er ihr kurz nach dem ersten Date gegeben, und dabei war es geblieben. Als sie sich zum ersten Mal geliebt hatten, hatte er ihn ihr ins Ohr geflüstert, und zum letzten Mal hatte sie ihn gehört, als er ihr mit brüchiger Stimme gesagt hatte, dass es vorbei war. Mellie ging ihr daher durch Mark und Bein … erinnerte sie an heimliche Küsse auf dem Flur vor dem Chemiesaal … wie sie einmal gemeinsam die Schule geschwänzt und einen wunderbaren Frühlingsnachmittag verbracht hatten … und an lange Nächte unterm Sternenhimmel.

Melanie trank einen Schluck Bier und zögerte mit ihrer Antwort, bis sie die Erinnerungen vertrieben hatte und wieder in der Gegenwart angekommen war. Bei einer Band, die über eine verlorene Liebe sang, und einem Mann, der nicht mehr in ihre Welt gehörte. „Ich arbeite bei einem Magazin in New York.“

„Du schreibst? Das ist toll!“ Zufrieden nickte er. „Das ist der perfekte Beruf für dich. Deine Englisch-Aufsätze waren einfach klasse. Erinnerst du dich noch an die Arbeit über den Bürgerkrieg, die du geschrieben hast? Die war großartig.“

„Daran erinnerst du dich?“

„Ich erinnere mich an vieles aus dieser Zeit, Mellie.“

Sie konzentrierte sich wieder auf ihr Bier, doch ihr Herz klopfte laut, und sie fragte sich, ob Harris’ Küsse über die Jahre noch heißer, intensiver oder vielleicht eher sanfter geworden waren. Was war bloß los mit ihr? Dieser Mann hatte ihr in jenem Sommer das Herz gebrochen. Hör auf, mit ihm zu reden. „Und du? Was hast du so getrieben?“

„Ich bin aufs College gegangen, habe den Abschluss als Buchhalter gemacht, den mein Vater von mir erwartet hat, und danach zwei Jahre in der Zentrale von PMA in Greenwich gearbeitet.“

Melanie nickte verständnisvoll. Genau dieses Leben hatte sie sich für ihn vorgestellt – dass er in der wahnsinnig erfolgreichen Firma schuften würde, die sein Vater aus einem Ein-Mann-Buchhaltungsbüro in ein landesweit tätiges Unternehmen verwandelt hatte. „Die machen Steuern oder so was, richtig?“

„Ich habe bei der Unternehmensberatung gearbeitet“, erklärte Harris. „Das ist aber eigentlich nur ein anderer Name dafür, dass man großen Unternehmen dabei hilft, kleine Firmen zu übernehmen, Wettbewerber zu eliminieren und den Profit zu steigern. Ich habe jede Sekunde, die ich dort gearbeitet habe, gehasst.“ Er lachte bitter. „Irgendwann habe ich angefangen, nach Feierabend auf Baustellen zu arbeiten, und ich hatte Spaß daran, etwas mit den Händen zu machen. Der Typ, für den ich gearbeitet habe, hat mich schließlich ermutigt, eine Gewerbelizenz zu beantragen, und an dem Tag, an dem ich das getan habe, bin ich zu meinem Vater ins Büro gegangen, habe gekündigt und den Sprung ins kalte Wasser gewagt.“

„Wow, das war ganz schön mutig.“ Aber es überraschte sie nicht, denn beim Football hatte er das Team zwei Jahre in Folge zum Sieg geführt.

„Mir ist klar geworden, dass ich in meinem Leben nichts bereuen will“, sagte Harris. „Nachdem ich bei meinem Vater angefangen hatte, bin ich mir noch sicherer geworden, dass ich nicht so wie er werden will … so bitter und voller Zorn auf die Welt.“ Er klang traurig. „Na ja, jetzt weißt du eigentlich alles über mich. Heute habe ich das große Glück, dass ich mit einer Arbeit, die ich liebe, gutes Geld verdienen kann.“

„Das ist toll. Das freut mich sehr für dich.“ Hau endlich ab. Stell keine weiteren Fragen, und schau ihm bloß nicht auf die linke Hand.

„Danke. Hast du geheiratet? Kinder bekommen?“

„Keine Kinder, und ja, ich habe geheiratet.“

Kurz wanderte sein Blick auf ihren nackten Ringfinger. „Und hast die Ehe wieder beendet, wie ich sehe.“

Melanie könnte ihn anlügen und sich irgendeine Geschichte ausdenken, dass Adam ihr einen neuen Ring besorgen wollte, doch sie war die Lügen leid. Schon bei ihrer Schwester waren sie ihr schwergefallen, und nun, bei Harris, den sie wahrscheinlich sowieso nie wiedersehen und der garantiert nicht mit ihrer Schwester reden würde, schienen sie unnötig. „Ja, vor einem Jahr, aber ich habe es meiner Familie noch nicht gesagt. Ich wollte nicht von Abbys Glück ablenken.“ Japp, deswegen log sie ihrer Schwester lieber mitten ins Gesicht. „Und du?“

Auch er trug keinen Ring. Also gab es keine Frau, mit der Harris ein prächtiges Anwesen teilte?

„Ich war einmal kurz davor, aber ich habe keine Frau und auch keine Kinder.“

War einmal kurz davor. Welche Frau hatte beinahe für immer sein Herz erobert? „Wie lange bleibst du in Stone Gap?“

„Bis mein aktuelles Projekt abgeschlossen ist, also vielleicht noch … ein paar Wochen oder so. Das ist das Tolle an meiner Arbeit. Flexible Arbeitszeiten und Arbeitsorte.“ Er trank einen Schluck Bier und überlegte. „Ich könnte dir die Stadt zeigen. Ist echt nett hier. Hat mir schon beim ersten Mal gefallen.“

„Nein, danke.“ Sie wandte sich wieder ihrem Bier zu und trank einen großen Schluck. Je schneller sie es austrank, desto früher konnte sie gehen. „Ich habe in den nächsten Tagen viel zu tun. Ich helfe Abby bei den Hochzeitsvorbereitungen und muss nebenher noch arbeiten. Du weißt ja, wie das mit Abgabefristen ist. Immer unter Strom.“

Anscheinend hatte sie mit den Lügen doch noch nicht abgeschlossen.

Harris schob ihr über den Tresen eine Karte zu. „Hier ist meine Handynummer. Ruf mich an oder schreib mir, wenn du zwischen der Kuchenauswahl und dem Dekobasteln mal Zeit hast, oder was ihr Brautjungfern noch so tut. Ich würde dich wirklich gern wiedersehen, Mellie.“

Melanie steckte die Karte ein und stand hastig auf. Wenn sie noch länger blieb, würde sie der Alkohol, der ihr schon zu Kopf stieg, vielleicht noch zu Dummheiten verleiten. Die hatte sie mit Harris nämlich zuhauf begangen. „Lass dir dein Bier schmecken. Vielleicht sehen wir uns ja mal in der Stadt.“

Er grinste. „Ganz bestimmt sehen wir uns, und wahrscheinlich sogar schon bald.“

Melanie schüttelte den Kopf. „Ich habe echt viel um die Ohren, Harris, das glaube ich daher kaum.“

„In Stone Gap gibt es nur eine Unterkunft.“ Er hielt inne, bis die Bedeutung seiner Worte bei ihr angekommen war. „Das heißt, du und ich wohnen beide im Inn.“

Diese dumme Kleinstadt. Warum gab es hier kein heruntergekommenes Motel oder eine zweite Pension? Sie würden sich also zweifellos auf dem Flur oder beim Frühstück begegnen. Aber damit könnte sie umgehen. Sie würde seinem Mellie-Zauber nicht verfallen, nicht noch einmal! „Gute Nacht, Harris.“

Gerade als sie gehen wollte, streckte er den Arm nach ihr aus. Sofort waren die soeben gefassten Vorsätze vergessen.

„Geh noch nicht, Mellie. Trink noch ein Bier. Wir können uns unterhalten, so wie früher.“

Sie zögerte, doch dann riss sie sich zusammen. „Ich bin nicht hier, um in Erinnerungen zu schwelgen, Harris. Außerdem waren die alten Zeiten nicht immer so gut, wie man vielleicht denkt.“

Melanie schlüpfte in ihre Jacke, sodass er sie loslassen musste, dann drehte sie sich auf dem Absatz um und ging hinaus in die warme Nacht, die ihr plötzlich deutlich kälter und dunkler vorkam.

Die Uhr auf Harris’ Nachttisch zeigte schon nach Mitternacht. Er massierte sich die Schläfen. Er hatte zu lange über seinem Laptop gebrütet, doch in Gedanken war er überhaupt nicht bei der Arbeit gewesen. Immer wieder hatte er an Mellie gedacht, und daran, wie wunderbar sie war und wie gern er sie geküsst hätte … und wie wenig Interesse sie daran gezeigt hatte, mit ihm zu reden und in seiner Nähe zu sein. Natürlich hatten sie sich schon vor langer Zeit getrennt und waren schrecklich auseinandergegangen, doch kurz hatte er geglaubt, in ihrem Blick etwas aufflackern zu sehen. Genau das, was er gefühlt hatte, als er sie erkannt hatte.

Es war zwar über zehn Jahre her, dass sie zusammen gewesen waren, doch als er Mellie gesehen hatte, war es ihm so vorgekommen, als wäre es gestern gewesen.

Nun schlief sie ein paar Türen weiter, und er konnte sich nicht konzentrieren. Er hatte gehofft, sie zu sehen, als er aus der Comeback Bar zurückkehrte, doch sie war schon zu Bett gegangen, denn kein Lichtschein war unter ihrer Zimmertür zu sehen gewesen. Mavis, die gesellige Afroamerikanerin, die im Inn die Nachtschicht übernahm, hatte Harris gesagt, dass Melanies Zimmer zwei Türen von seinem entfernt lag. So nah und doch so fern, wenn man bedachte, dass sie sich beim Abschied vor wenigen Stunden nicht einmal umgedreht hatte.

Harris stand auf, streckte sich, schaute ein letztes Mal auf seinen Computer und klappte ihn dann zu. Mit dem Versuch zu arbeiten, verschwendete er nur seine Zeit, und das Wiedersehen mit Mellie war nur ein Grund dafür. Ihm gingen noch andere Dinge durch den Kopf.

Harris machte sich auf den Weg nach unten, um sich mit einem Snack die Zeit zu vertreiben, bis er müde wurde und all das verdrängen konnte, was er bereute.

Über dem Waschbecken in der Küche brannte noch Licht und hüllte den Raum in einen warmen Goldton. Der Rest der Welt erschien Harris still und dunkel, ruhig und verzaubert. Diese Nachtstunden liebte er, denn sie versprachen, dass in Kürze etwas Neues beginnen würde. Neuanfänge und die Stunde null. An solche Dinge glaubte Harris, denn irgendjemand in seiner Familie musste es ja tun.

Er nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank und ging dann nach hinten auf die Terrasse. Dort standen zwei Adirondack-Sessel mit Blick auf den wunderschönen Garten, die grünen Hügel dahinter und einen Teil des Stone-Gap-Sees in der Ferne. In der Dunkelheit schien alles undeutlich und verschwommen, nur das Mondlicht über dem See war klar zu erkennen.

Noch immer hing der Geruch von Rauch, verbranntem Holz und einem zerstörten Lebenswerk in der Luft, und das schon seit einigen Tagen – seit seiner sogenannten Heldentat. Wenn er die Augen schloss, war er wieder dort … in diesem zweistöckigen Haus, in dem alles verraucht war, die Flammen rauschten und über seinem Kopf die Holzbalken zersplitterten. Immer wieder hörte er die Schreie, die langsam immer leiser wurden, von Husten unterbrochen und doch voller Verzweiflung, als das Haus nach und nach einstürzte. Wäre er nur zwei Minuten später gekommen …

Doch das war er nicht, und dafür war er Gott sehr dankbar. Genau wie die Familie Kingston. Die gesamte Familie hatte wahnsinniges Glück gehabt, dass er so schnell da gewesen war. Den gelallten Anruf von John, der ihn besorgt und dazu veranlasst hatte, mitten in der Nacht quer durch die Stadt zu rasen, hatte Harris nie jemandem gegenüber erwähnt.

Weder die Kingstons noch er wollten, dass die Geschichte in den Medien breitgetreten wurde. Er hatte John Kingston versprochen, dass er alles dafür tun würde, die privaten Probleme der Familie aus der Öffentlichkeit rauszuhalten. Wenn die Nachrichtensender von der Geschichte erfuhren, würden sie mit Sicherheit die Hintergründe erforschen, und das konnte Harris sich nicht leisten, denn das würde alles zerstören, was er bisher erreicht hatte, und alles, was er noch tun wollte.

John und seine Familie waren inzwischen bei Verwandten in Sicherheit. Seine Frau Catherine und die drei Kinder hatten bereits genug durchgemacht, darum hatte Harris die Medien abgewimmelt und alles so weit wie möglich heruntergespielt. Er hatte John kennengelernt, als er im letzten Jahr für einen anderen Bauauftrag in der Gegend gewesen war und für einen Haarschnitt in dessen Salon vorbeigeschaut hatte. Sie hatten sich unterhalten und waren schließlich Freunde geworden. John war für ihn da gewesen, als er vom Tod seiner Mutter erfahren hatte, und hatte ihn aus seinem Zimmer im Inn gezerrt, als er seinen Kummer am liebsten einfach im Alkohol ertränkt hätte.

Doch Harris hatte auch andere Geheimnisse, die er ihm nicht erzählt hatte, denn es sollten nicht noch mehr Menschen in das Drama der Familie McCarthy hineingezogen werden. Je weniger man ihn mit seinem Vater in Verbindung brachte, desto besser. Viel zu lange hatte Harris’ Vater versucht, jede Entscheidung in seinem Leben zu kontrollieren, deshalb wollte er möglichst viel Distanz aufbauen.

Doch nun war eine Erinnerung an die Vergangenheit erneut in sein Leben getreten.

Wie aufs Stichwort öffnete sich hinter ihm die Tür, und Melanie trat auf die Veranda. Sie trug eine Pyjamahose aus Flanell und dazu ein T-Shirt, das nur bis zur Kordel des Hosenbunds reichte und ihren Bauch hervorblitzen ließ. Hübsch. Sehr hübsch.

„Kannst du auch nicht schlafen?“

Melanie zuckte zusammen. „Harris, ich habe dich gar nicht gesehen.“

Er wollte mehr über ihr Leben erfahren, darum zeigte er auf den zweiten Sessel. „Setz dich doch zu mir. Es ist eine wundervolle Nacht.“

„Ich glaube nicht …“

„Hey, du kannst nicht schlafen, und ich kann nicht schlafen. Lass uns über total langweilige Sachen reden und Kamillentee trinken.“

Melanie lachte. „Du trinkst Kamillentee?“

„Natürlich nicht. So was würde meine Oma tun. Ich wähle Männermedizin gegen Schlaflosigkeit.“ Er hob die Bierflasche hoch.

„Ah, eine sehr gute Idee.“ Kurz überlegte sie, dann ließ sie sich neben ihn in den Sessel fallen. „In Ordnung, ich bleibe, aber nur, weil die Aussicht so schön ist.“

„Da muss ich dir zustimmen.“

Mit großen Augen schaute Melanie ihn an. „Du tust die ganze Zeit so, als wären wir Freunde, aber soweit ich mich erinnere, waren wir das ganz und gar nicht.“

„Stimmt schon.“ Ihre Beziehung hatte mit einem Knall geendet. Sein Vater hatte ihm gesagt, dass er Melanie mit einem anderen Mann beobachtet hatte. Harris hatte ihm nicht glauben wollen, doch dann hatte er gesehen, dass sie schluchzend in den Armen eines anderen gelegen hatte. Als Harris sie darauf angesprochen hatte, hatte sie es nicht abgestritten. Sie hatte nur geweint und immer wieder gesagt, dass es nicht so war, wie er dachte, doch die Umarmung, die er gesehen hatte, hatte etwas anderes erzählt. Mit einem Ring in der Tasche hatte er dagestanden und zugesehen, wie sein ganzes Leben aus den Fugen geraten war.

Die Trennung hatte Harris beinahe um den Verstand gebracht. Er war jung und verliebt gewesen, und als sie ihm nun so nah war, kamen all die Gefühle, die er vor Jahren verdrängt hatte, wieder hoch.

„Es tut mir leid, wie alles zu Ende gegangen ist“, entschuldigte er sich. Er war ein jähzorniger Teenager gewesen und hatte ihr nicht zuhören wollen. Im Grunde hatte er sie nur angeschrien und war dann abgezogen. „Ich hätte besser damit umgehen können.“

Melanie winkte ab. „Das ist egal. Vergeben und vergessen.“

„Ist es das?“

Sie wandte den Blick ab. „Wir sind seit über zehn Jahren getrennt. In der Zwischenzeit hatten wir beide andere Beziehungen, und ich habe geheiratet …“

„… und dich scheiden lassen.“ Harris frage sich, welcher Mann Mellie gehen lassen würde, doch dann erinnerte er sich daran, dass er ja genau dasselbe getan hatte.

Melanie stand auf, schaute über den See und wandte ihm den Rücken zu. „Seitdem haben wir uns verändert, andere Wege, andere Interessen verfolgt und andere Menschen kennengelernt. Was auch immer in der Highschool zwischen uns war, liegt schon lange hinter uns.“

Harris stand auf und stellte sich neben sie. Sie drehte sich etwas, wich aber nicht zurück. Erneut sah er die Haut unter ihrem T-Shirt aufblitzen, dann schaute er ihr ins Gesicht. Sie sah noch immer wunderschön aus, sogar mit dem einfachen Pferdeschwanz und ungeschminkt. Er hatte sie vermisst, mehr als ihm bewusst gewesen war, bis er sie auf diesem Barhocker gesehen hatte. Hatte sie ihn aus jugendlicher Unreife betrogen, genau wie er damals überreagiert hatte? Oder hatte mehr dahintergesteckt? Hatte ihr ihre Beziehung jemals so viel bedeutet wie ihm? „Tut es das?“

Wieder wandte sie den Blick ab. „Harris, das hat keinen Zweck.“

Mit einer Hand drehte er ihr Gesicht in seine Richtung. Dann ließ er sie genauso schnell wieder los. Was tat er da? „Entschuldige. Ich … ich möchte einfach nicht, dass das zwischen uns steht.“

„Wir haben uns versöhnt. Jetzt können wir mit gutem Gewissen schlafen gehen.“

Wenn es doch wahr wäre. Noch immer quälte ihn sein Gewissen wegen der Handlungen seines Vaters, des Leids seiner Mutter und der zahlreichen Konsequenzen. Harris trank einen Schluck Bier und lehnte sich an das Geländer der Veranda.

„Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich bin noch nicht müde. Ich liebe diese Stunden.“

„Daran erinnere ich mich noch.“

Dachte sie auch an diese Zeit zurück, und erinnerte sie sich an die langen Waldspaziergänge und die Nachmittage am Fluss? Wie sie mit wenigen Worten seinen Tag zum Guten hatte wenden können? Er hatte sie wirklich geliebt. Warum hatte sie sich einen anderen gesucht und trotzdem noch behauptet, dass sie ihn liebte? Hatte sie gelogen, oder war er zu verliebt gewesen, um die Wahrheit zu erkennen?

„Wenn ich mit der Arbeit nicht weiterkomme, gehe ich gern nachts spazieren. Da bekomme ich den Kopf frei.“

„Das mache ich auch manchmal.“ Melanie lehnte sich gegen einen Pfosten. „Warum baust du jetzt Häuser?“

Harris zuckte mit den Schultern. „So konnte ich meine Liebe fürs Zeichnen, für Zahlen und das praktische Arbeiten miteinander verbinden. Bei diesem Job ist einfach alles dabei. Warum schreibst du für ein Magazin? Ich dachte, du wolltest Journalistin werden?“

„Na ja, mein Job ist nicht das, was ich mir immer vorgestellt habe.“ Seufzend schaute sie wieder über den See. „Ich wollte immer über Dinge schreiben, die einen Wert haben. Geschichten, die den Menschen etwas bedeuten.“

Sie sah traurig aus und beinahe verloren. Der Teil von ihm, der nie aufgehört hatte, sie zu lieben, wollte sie am liebsten in die Arme nehmen und alles zum Guten wenden. „Warum kündigst du dann nicht bei dem Magazin und schreibst, was du wirklich schreiben willst? Ich weiß, es ist ein Sprung ins kalte Wasser, den musste ich auch wagen. Das macht einem echt Angst, aber letzten Endes ist es das wert.“

„Das ist leichter gesagt als getan, Harris. Ich kann es mir nicht leisten, einfach alles hinzuschmeißen und etwas anderes zu machen. Mit Artikeln über den neuesten Sandalentrend für diesen Sommer konnte ich wenigstens meine Rechnungen bezahlen.“

Konnte. Vergangenheit. Vielleicht nur ein Versprecher?

Er legte seine Hand auf ihre. Zum zweiten Mal an diesem Abend berührte er sie, und wieder spürte er dieses Kribbeln. „Dann schreib über etwas, für das du morgens gern aufstehst. Ich erinnere mich daran, dass du früher immer einen Notizblock dabeihattest. Du hast so gern geschrieben und so gern Geschichten erzählt. Diese Begeisterung sehe ich in deinem Gesicht nicht mehr.“

„Ich bin eben kein naives Kind mehr. Du kennst mich nicht, Harris. Nicht mehr.“ Sie wandte sich ab und entzog sich ihm. „Ich … ich sollte jetzt wirklich ins Bett gehen.“

Gerade, als sie die Tür öffnen wollte, sagte Harris: „Erinnerst du dich noch daran, wie wir einmal nackt im Schwimmbad der Highschool gebadet haben?“

Scheiße, woher kommt das denn plötzlich?

„Wie kommst du denn jetzt darauf?“

Er nickte in Richtung des dunklen Wassers unten am Hügel. In der fernen Erinnerung hörte er noch Mellies Lachen und sah ihre helle Haut, bevor sie ins Wasser gesprungen war und ihn gelockt und herausgefordert hatte, die Ketten in seinem Leben zu sprengen. „Der See dort unten ist zu dieser Jahreszeit bestimmt noch warm.“

Was wollte er da heraufbeschwören?

„Ich gehe mit dir bestimmt nicht nackt baden, Harris McCarthy. Egal, wie warm das Wasser ist.“

Als er die gekünstelte Empörung in ihrer Stimme hörte, musste Harris lachen. Die Mellie aus seiner Erinnerung wäre fast jedes Risiko eingegangen und von jeder Klippe gesprungen.

„Wir hatten in der Nacht eine wirklich gute Zeit.“

„Bis uns der Hausmeister erwischt hat. Wir sind fast von der Schule geflogen.“ Mellie schüttelte den Kopf und wurde wieder ernst. „Warum kommst du andauernd mit den alten Geschichten?“

„Weil ich mit niemandem so viel Spaß gehabt habe wie mit dir, Mellie. Das fehlt mir.“

„Ich … ich weiß nicht, ich glaube trotzdem nicht, dass wir …“

„Freunde sein sollten? Mehr verlange ich nämlich gar nicht.“ Harris wollte Mellie erzählen, dass er eine schreckliche Woche hinter sich hatte und wirklich Gesellschaft brauchte. Vor allem die der einzigen Frau, die ihn immer zum Lachen gebracht hatte.

„Ich bin nur rausgekommen, um etwas frische Luft zu schnappen. Vielleicht ein anderes Mal, Harris.“ Dann wandte sie sich ab und ging wieder hinein.

3. KAPITEL

Am nächsten Morgen betrat Melanie um kurz nach neun die Stone Gap Gazette. Das kleine Gebäude lag versteckt am Ende einer Seitenstraße. Als sie die Tür öffnete, ertönte eine kleine Glocke, und das Parkett unter ihren Füßen knarrte leise.

Ein älterer Mann stand auf und kam ihr entgegen. Die Baseballkappe verdunkelte sein zerfurchtes Gesicht. „Kann ich Ihnen helfen?“

Melanie setzte ein fröhliches Lächeln auf und versuchte, ihre Nervosität zu verdrängen. „Guten Morgen.“ Sie lächelte noch breiter, doch dann entschied sie sich gegen Small Talk. Wenn er sie ablehnen wollte, dann lieber kurz und schmerzlos. „Ich habe gehört, dass Sie in den nächsten Wochen Hilfe bei den Artikeln benötigen.“

„Eigentlich brauche ich deutlich länger Hilfe, aber ja, es würde mich freuen, wenn jemand mit Erfahrung für mich schreiben könnte. Ich bin Saul Richardson, Redakteur und leitender Tellerwäscher, und wer sind Sie?“

„Melanie Cooper.“ Arbeitslose Journalistin mit der Hoffnung, nicht schon wieder abgelehnt zu werden.

Sie schüttelten sich die Hände, dann schaute er sie über seine Brille hinweg an. Er war nur wenige Zentimeter größer als sie, und durch die jahrelange Schreibtischarbeit hielt er sich gebückt, doch sein Blick war wach und messerscharf. „Haben Sie Erfahrung?“

„Ich habe fünf Jahre beim Magazin City Girl in New York gearbeitet. Sie können sich gern meine Arbeiten ansehen, die sind alle auf der Website archiviert.“

Ein letztes Mal schaute Mr. Richardson sie prüfend an, dann nickte er. „Das mache ich. Gehen Sie doch solange drüben im Café einen Happen essen. Wenn Sie zurückkommen, weiß ich, ob Sie das richtige Material für die Stone Gap Gazette haben. Natürlich sehen die meisten sie nur als Kleinstadtzeitung, aber sie ist mein Baby, deshalb darf da nicht jeder mitarbeiten.“

Melanie gefiel, dass Richardson seine Zeitung schützte und die Mitarbeiter so sorgfältig aussuchte. Ihr war sofort klar, dass man für ihn als Chefredakteur gern arbeitete. Er war voller Leidenschaft, aber auch intelligent und gerecht. „Das verstehe ich voll und ganz. In der Highschool war ich die Redakteurin der Schülerzeitung, da habe ich es genauso gesehen. Ich bin bald wieder da.“ Sie gab ihm die URL für das Archiv des Magazins, dann machte sie sich auf den Weg zu Mabels Schnellrestaurant auf der anderen Straßenseite.

Genau wie überall in Stone Gap war es dort richtig gemütlich. An diesem sonnigen Mittwochmorgen waren viele Einheimische zu Gast, und eine eifrige Kellnerin eilte mit Omelett und Kaffee durch den Raum. Melanie setzte sich an den Tresen und bestellte einen Kaffee und eine Portion Rührei. Nur Augenblicke später setzte sich ein gut aussehender Mann mit dunklen Haaren neben ihr auf den letzten freien Hocker.

„Guten Morgen“, begrüßte er sie freundlich. „Sie sind neu in der Stadt.“

Melanie lachte. „Steht mir das auf die Stirn geschrieben? Das sagen alle, und die nächste Frage lautet …“

„Übernachten Sie im Stone Gap Inn? Das hoffe ich sehr, denn ich bin Jack Barlow, der Sohn von Della, der Miteigentümerin.“

„Ich bin Melanie. Freut mich, Sie kennenzulernen. Mavis hat Sie und Ihre Brüder erwähnt, als sie von der Renovierung erzählt hat, und in der Stadt habe ich den Namen Barlow auch schon gehört.“

„Das liegt daran, dass meine Brüder und ich für einige Dummheiten bekannt sind.“ Er grinste. „Ich hoffe, Sie genießen Ihren Aufenthalt hier.“

„Das tue ich. Das Inn ist wunderbar. Ihre Mutter habe ich noch nicht getroffen, aber Mavis ist wirklich lieb und freundlich.“ Die Kellnerin schob ihr einen Kaffee hin, und Melanie bedankte sich bei ihr. „Ich bin nur ein oder zwei Wochen in der Stadt, weil meine Schwester Abby heiratet.“

„Abby und Dylan? Ein tolles Paar!“ Jack winkte einigen Leuten zu, die gerade hereinkamen, dann konzentrierte er sich wieder auf Melanie. „Meine Frau Meri ist die Fotografin.“

„Ach, wirklich? Meine Schwester hat sie in den höchsten Tönen gelobt, weil sie ihr mit ein paar Sachen die Hochzeit gerettet hat, nachdem einiges schiefgegangen war. Die Stadt ist wirklich klein.“

Jack lachte. „Mehr muss man zu Stone Gap eigentlich nicht sagen. Jeder kennt hier jeden, und wir helfen uns alle gegenseitig. Genau wie Dylan, als sein Onkel ihn im Kinder- und Jugendtreff gebraucht hat, da war er sofort da.“

„Das ist toll.“ Sie trank einen Schluck Kaffee und dachte dabei wieder an den Redakteur auf der anderen Straßenseite. „Meinen Sie, darüber könnte man einen guten Artikel für die Lokalzeitung schreiben? Ich habe dort nach dem Frühstück ein Vorstellungsgespräch und würde dem Redakteur gern ein paar Ideen vorschlagen.“

Jack schüttelte den Kopf. „Darüber hat Saul erst vor etwa einem Monat einen Artikel gemacht, und auch über das Inn.“

„Ach so, okay.“ Das war einer der Nachteile, wenn man neu in der Stadt war. Sie wusste einfach nicht, worüber schon geschrieben worden war. Vielleicht hatte Mr. Richardson ja Interesse daran, die Geschäftsleute des Ortes vorzustellen, oder vielleicht daran, wie das Inn sich auf die Stadt auswirkte. Nein, das waren alles langweilige Ideen. Die Geschichte über einen echten Helden hingegen würde sie sofort auf die Titelseite bringen. Doch es hatte keinen Sinn, so etwas für die Stone Gap Gazette zu verschwenden.

Nach kurzem Überlegen meinte Jack Barlow: „Eine Geschichte, über die Saul noch nicht berichtet hat, obwohl er versucht hat, mehr darüber zu erfahren, ist das Feuer drüben bei den Kingstons. Dieser Typ von außerhalb, Harris, ein Bauunternehmer, glaube ich, ist da rein und hat die ganze Familie gerettet.“

Das klang wirklich nach einer Heldengeschichte. Aber würde Harris in ein brennendes Haus laufen?

War das denn so unwahrscheinlich? Nur weil er ihr das Herz gebrochen und sie enttäuscht hatte, konnte er doch trotzdem ein Held sein. Vor vielen Jahren hatte Harris einmal einen verletzten Hund fast fünf Kilometer weit durch unwirtliches Terrain getragen, um ihn zu einem Tierarzt zu bringen. Das war schon heldenhaft gewesen. Solche Eigenschaften verlor ein Mann nicht, nur weil er erwachsen wurde und dabei das eine oder andere Frauenherz brach.

Melanie versuchte, nicht zu neugierig zu erscheinen. „Davon habe ich gestern Abend in der Comeback Bar gehört.“

„Das war ein einschneidendes Ereignis hier. Besonders, weil die Stadt so klein ist, dass eigentlich alles zur wichtigen Neuigkeit wird. Na ja, jedenfalls reden jetzt alle darüber. Wenn so etwas passiert, wird die Familie normalerweise von der Zeitung befragt und die Leute kommen, um Kleidung und Lebensmittel zu spenden, aber dieses Mal halten die Kingstons sich bedeckt. Ist schon eigenartig.“

Nach Melanies Erfahrungen hielten Menschen sich nur dann bedeckt, wenn sie etwas zu verbergen hatten. Das klang ganz nach einem Artikel, der ihre Karriere befeuern könnte. Wenn sie diese Story schrieb, konnte sie vielleicht endlich das Leben führen, das sie sich immer gewünscht und bisher nie erreicht hatte.

Melanie legte ein paar Geldscheine auf den Tresen und trank noch einen Schluck Kaffee. Plötzlich verspürte sie wieder die Begeisterung, die sie vor Jahren verloren hatte. „Vielen Dank für den Hinweis, Jack.“

„Gern geschehen, und herzlich willkommen in Stone Gap.“

Melanie lächelte. „Vielen Dank. Es ist eine tolle Stadt. Ich weiß selbst nicht, was ich erwartet habe, aber … alles ist so gemütlich.“

„Vorsicht, Stone Gap ist eine Stadt, die einem ans Herz wächst. Bevor Sie sich versehen, kaufen Sie ein Sofa und pflanzen Hortensien.“

Sie lachte. „Ich pflanze grundsätzlich keine Hortensien, und Stone Gap ist nur ein Zwischenstopp.“ Ich bleibe nur so lange, bis mein Leben wieder in die richtige Richtung läuft.

Mit der Chance auf eine Exklusiv-Story schien das in greifbare Nähe gerückt zu sein.

4. KAPITEL

Eine Stunde später hatte Melanie eine Stelle bei der Stone Gap Gazette, den Auftrag für ein Interview mit der ältesten Mitbürgerin der Stadt und einen Plan. Langsam fühlte sie sich nicht mehr wie eine Versagerin.

Die Stelle war zwar nicht das, was sie eigentlich brauchte, und gab ihrem Leben keine neue Wendung, aber sie war zumindest ein Schritt in die richtige Richtung. Ein paar ernsthaftere Artikel in ihrem Portfolio könnten ihr außerdem dabei helfen, Artikel über wasserfesten Mascara hinter sich zu lassen und sich einer gehaltvolleren Karriere zu widmen.

Doch einen Preis musste sie für diese Stelle zahlen, und obwohl sie sich vorhin so sicher gewesen war, wusste sie nicht, ob sie es wirklich konnte.

Zuerst war das Gespräch sehr gut verlaufen, Saul Richardson hatte ihr Komplimente für ihre Arbeit bei City Girl gemacht. „Natürlich haben wir solche Themen nicht in unserer Zeitung. Hier interessiert man sich nicht besonders für den neuesten Plateauschuh-Trend. Aber Sie haben einen charmanten Schreibstil, und die Artikel über die College-Absolventen, die nach New York gezogen sind, haben mir sehr gut gefallen. Wirklich gut ausgearbeitet.“

Melanie war errötet. Diese Reihe war ein Grund dafür gewesen, dass sie bei City Girl geblieben war und auf einen so großen Erfolg gehofft hatte, dass das Magazin sie mit ähnlichen Geschichten beauftragen würde. Doch stattdessen war eine neue Redakteurin gekommen, und das Magazin war noch oberflächlicher geworden. Als Melanie sich darüber beschwert hatte, hatte die neue Chefredakteurin nur erwidert: „Vielleicht ist es das Beste, wenn sich unsere Wege trennen.“

Von jetzt auf gleich war Melanie arbeitslos geworden. An jenem Abend hatte sie gehofft, dass Adam endlich weniger um sich selbst kreisen und sie trösten würde. Doch Adam war nicht da gewesen. Eigentlich war das die meiste Zeit ihrer Ehe über so gewesen. Adam hatte sich als selbstverliebter Mann herausgestellt, der tat, was er wollte.

An dem Tag, als Melanie ihren Job verlor, war Adam erst spät am nächsten Morgen nach Hause gekommen und hatte ihr gesagt, dass er sich in Cheri mit den Herzchen verliebt hatte.

Durch die Scheidung im Eilverfahren und das folgende Jahr hatte Melanie sich mit einigen freien Aufträgen, ihren Ersparnissen und der kleinen Abfindung von Adam gehangelt, doch inzwischen war beinahe alles verbraucht. Als sie Saul Richardson in diesem Zimmer gegenübergesessen hatte, in dem es noch nach Tinte und Papier roch, obwohl die Stone Gap Gazette bereits seit Langem mit Digitaldruck arbeitete, hatte sie zum ersten Mal ein Licht am Ende des Tunnels gesehen.

„Ich habe gehört, dass es gebrannt hat und eine Familie gerettet worden ist. Vielleicht könnte ich ja …“

„Ich habe schon alles Mögliche versucht, aber kein Interview mit ihnen führen können. Fangen Sie doch erst einmal klein an, und zeigen Sie mir, was Sie können. Ich gebe Ihnen für den Anfang einen Artikel über Evelyn Ross, unsere älteste Mitbürgerin, sie feiert am Dienstag ihren 102. Geburtstag. Wenn Sie mir das bis Freitagvormittag fertig machen, kommt es direkt in die nächste Ausgabe. Achthundert Wörter, einschließlich ihrer Tipps für ein langes Leben. Ich zahle pro Artikel, jeweils hundert Dollar. Das ist nicht viel, aber zumindest etwas.“

„Kein Problem. Vielen Dank, Mr. Richardson.“

„Nennen Sie mich Saul. Niemand nennt mich Mister, außer man will mir etwas verkaufen.“

Melanie war aufgestanden. So viele Bewerbungsgespräche, verschickte Lebensläufe, und endlich – endlich – hatte sie Arbeit gefunden. Na ja, zumindest ein paar Artikel. Wenn sie mit diesen ernsthafteren Texten erst einmal ihr Selbstbewusstsein aufpoliert und die Karriere in New York wieder ins Rollen gebracht hatte, konnte sie Abby auch erzählen, was im letzten Jahr wirklich passiert war. Gemeinsam würden sie darüber lachen, und Abby wäre klar, dass sie sich nicht so viele Sorgen um ihre kleine Schwester machen musste. „Nochmals vielen Dank, Saul. Diesen Auftrag übernehme ich gern.“ Sie wandte sich zum Gehen.

„Wissen Sie, ich habe nachgedacht …“

Melanie drehte sich zu ihm um. „Ja?“

„Vielleicht könnten Sie wirklich diese Geschichte über das Feuer schreiben. Sie sind neu in der Stadt, heiß auf die Story … vielleicht können Sie ja herausfinden, was in jener Nacht im Haus der Kingstons passiert ist. Wenn die Leute mich kommen sehen, verbarrikadieren sie sich sofort. Die gesamte Stadt redet darüber, verdammt noch mal, nur nicht die Familie selbst und der Typ, der sie gerettet hat. Harry? Harvey?“

„Harris.“

Saul zog die Augenbrauen hoch. „Kennen Sie ihn etwa? Diesen Bauunternehmer?“

„Ein … ein wenig.“ Ich war in ihn verliebt, und wenn er mich anlächelt, kann ich mich nicht mehr konzentrieren.

„Wenn Sie diese Story bekommen, beneiden Sie alle Zeitungen im weiteren Umkreis. Mich werden sie auf jeden Fall beneiden, und ich gewinne wieder mehr Abonnenten, wenn die Leute sehen, dass unsere kleine Zeitung so große Geschichten bringt. Die Redakteure lieben positive Artikel mit einem Happy End. Eine solche Exklusivstory könnte Ihnen eine Stelle beim Charlotte Observer einbringen.“ Eindringlich betrachtete Saul sie. „Denn ich habe das Gefühl, dass Ihnen das Kleinstadtleben nicht besonders gefällt.“

„Na ja, ich …“ Melanie wusste nicht, was sie dazu sagen sollte.

„Schon in Ordnung. Früher habe ich auch große Träume gehabt. Bis ich mich verliebt und in dieser verschlafenen Kleinstadt niedergelassen habe. Stone Gap hat mir viel Gutes geschenkt, darum bereue ich nichts.“

Schweigend hatte Melanie gelächelt.

„Sei’s drum, ich bin jedenfalls froh über die Hilfe, selbst wenn sie nur kurzfristig ist. Gott besorgt alles Weitere, wenn es so weit ist.“

Da war Melanie sich nicht so sicher gewesen, aber das hatte sie für sich behalten. „Vielen Dank für die Stelle. Sie können sich auf mich verlassen, Saul.“

Doch als sie nun die Main Street entlangging, war sie sich unsicher, ob Saul auf das richtige Pferd gesetzt hatte. Das Porträt der ältesten Mitbürgerin war ein Kinderspiel, doch Harris wieder nahezukommen, damit er ihr von diesem Brand erzählte, war ganz und gar nicht einfach. Vor allem, weil es noch zahlreiche andere Probleme mit sich brachte, wenn sie Harris näherkommen würde. Bereits jetzt schlich er sich immer wieder in ihre Gedanken.

Melanie betrat Bettys Bäckerei, ein extravagantes kleines Geschäft neben einem Grundstück, auf dem zu Ehren eines gefallenen Soldaten der Stadt ein Spielplatz errichtet worden war.

In der Bäckerei saß Abby, und vor ihr standen einige Teller und Besteck. „Da bist du ja! Ich habe mir schon Sorgen gemacht.“

„Tut mir leid. Ich hatte eine Besprechung mit dem Redakteur der Zeitung. Solange ich hier bin, habe ich einige Aufträge angenommen.“

„Hast du das? Das ist toll. Aber hast du mit dem Magazin nicht schon so viel zu tun? Bist du sicher, dass du noch zusätzliche Arbeit annehmen kannst? Du arbeitest so hart, ich mache mir langsam Sorgen um dich.“

Wenn Abby wüsste, wie wenig sie im letzten Jahr tatsächlich gearbeitet hatte. „Du musst dich in den nächsten Wochen schon um genug kümmern. Die Hochzeit, Ma, deine Kinder, deine Arbeit. Ich passe schon auf mich auf, in Ordnung?“

„Wo wir gerade von ihr sprechen, wo ist Ma? Ich dachte, sie wollte auch kommen?“

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür des Geschäfts, und ihre Mutter kam herein. „Mein Gott, ist es hier ständig so heiß?“

Melanie entschied sich dazu, die Diskussion abzuwürgen, und stellte ihr einen Stuhl hin. „Mit Kuchen lässt sich alles besser ertragen.“

„Nur, wenn es guter Kuchen ist“, widersprach ihr Cynthia halblaut. „Ich habe schon Bäckereien gesehen, da haben sie garantiert im Schnellrestaurant backen gelernt. Einfach schrecklich.“

Die beiden Schwestern sahen sich stumm an. Auf Abbys Gesicht spiegelten sich Hoffnung und Frust. Melanie drückte heimlich die Daumen. Vielleicht würde Ma der Kuchen ja so gut schmecken, dass sie die ganze Zeit essen und sich nicht mehr beschweren würde. Vielleicht würde sich der Mond ja auch plötzlich in Gold verwandeln.

Eine dralle Frau mit strengem Dutt eilte aus der Küche, auf ihrem Tablett balancierte sie Kuchen und einige Servietten. „Hallo, Abby und Familie. Ich bin Betty, die Inhaberin dieser Bäckerei. Ich wünsche einen guten Appetit bei der Auswahl!“

Der Tisch war nun voller Probierstücke. White Cake, Schokoladenkuchen, saftiger Rührkuchen. „Mein Gott, die sehen ja alle super aus.“

„Ich glaube, das ist der beste Teil der Hochzeitsvorbereitungen.“ Abby machte sich ans erste Stück, und auch Melanie probierte eifrig, ihre Mutter nahm nur kleine Bissen und schwieg sich aus.

Schließlich grenzte Abby ihre Auswahl auf zwei Kuchen ein. „Ich kann mich nicht entscheiden, die sind beide köstlich.“

„Dann mach doch jede Etage in einer anderen Sorte“, schlug Melanie vor. „So kannst du beide haben. Es ist deine Hochzeit, also lass es krachen – zumindest bei der Torte.“

„Das ist eine tolle Idee. Ich kann problemlos zwei verschiedene Etagen machen.“ Betty schrieb sich die Bestellung auf, und Melanie stapelte die leeren Teller aufeinander. Sie hatten die Kuchen komplett aufgegessen.

„Das ist doch völlig übertrieben, zwei unterschiedliche Sorten zu nehmen. Wie das Monster auf deiner Hochzeit. Die Hälfte davon ist damals übrig geblieben, was für eine Verschwendung“, kommentierte Ma. „Sag es ihr, Melanie.“

Vielleicht war die Torte bei ihrer Hochzeit mit Adam übertrieben gewesen, eine der vielen extravaganten Ausgaben an diesem Tag, die Ma kritisiert hatte. Doch Dylan liebte Abby wirklich, er liebte die Jungs und er war einfach ein echt toller Kerl. Wenn Abby eine zehnstöckige Torte mit tanzenden Marionetten wollte, wäre Melanie also damit einverstanden.

„Es ist Abbys Hochzeit. Ich finde, sie soll machen, was sie will.“ Als Melanie der Besitzerin die leeren Teller überreichte, griff Abby nach ihrer Hand.

„Mel, wo ist denn dein Ehering?“

Sie erstarrte. An ihren Ring hatte sie gar nicht mehr gedacht. Als Adam sie verlassen hatte, hatte sie diesen in ihre Schmuckschatulle gelegt und erst wieder im letzten Monat herausgeholt, als sie ihn verkauft hatte, um die Rechnungen zahlen zu können. Nun hatte sie keine Arbeit mehr, keinen Ring und keine Ersparnisse. „Ach, den habe ich zu Hause vergessen.“

Abby zog die Augenbrauen hoch. „Ist zwischen dir und Adam alles in Ordnung?“

Hier bot sich Melanie die perfekte Gelegenheit, reinen Tisch zu machen und ihr zu sagen: Eigentlich ist im Moment gar nichts in Ordnung. Doch gerade als sie den Mund aufmachen wollte, kam ihre Mutter ihr zuvor.

„Selbstverständlich ist es das. Melanie hat sich endlich mit einem hübschen, arbeitenden jungen Mann niedergelassen. Hat ja lange genug gedauert. Ich bin wirklich froh, dass euer Leben endlich in geordneten Bahnen verläuft.“

Dann lächelte sie Melanie an. Das erste ehrliche Lächeln seit ihrer Ankunft. Das kleine Mädchen in ihrem Innern, das seit dem Tag ihrer Geburt nach Anerkennung suchte, nickte einfach und stimmte ihr zu.

Harris steckte die Pläne für den Wiederaufbau in die Jackentasche und dankte dem Baukontrolleur, dann ging er die Main Street entlang. Er hatte einen Laster und einige starke Männer organisiert und den Vormittag am Haus der Kingstons verbracht, um die Schäden zu begutachten und einen Plan für Abriss und Neubau zu erstellen. Fast alles war den Flammen zum Opfer gefallen, doch das Materielle ließ sich ersetzen. Harris hatte bereits einen Treuhandfonds für die Familie eingerichtet, denn die Menschen hier wollten helfen. Außerdem suchte er für die Familie gerade nach einem Mietshaus in der Nähe der Schule, damit sie bei ihren Verwandten ausziehen konnten. Inzwischen waren die Pläne für den Neubau schon fast genehmigt. In wenigen Tagen würde die Planungskommission zusammentreten, und dann würde hoffentlich alles problemlos weitergehen.

Harris machte sich eher Sorgen um John und um dessen Gemütszustand. Er hatte mehrmals versucht, ihn telefonisch zu erreichen, doch meistens wurden die Anrufe direkt auf die Mailbox umgeleitet. Am Vortag hatte John sich still und deprimiert zurückgezogen. Harris wusste, dass dieser sich die Schuld für das Feuer gab, doch er wusste auch, dass er den Falschen beschuldigte.

Ein Blick aufs Handy zeigte ihm, dass John sich noch nicht gemeldet hatte. Seufzend steckte er das Telefon wieder ein. Vielleicht brauchte er einfach etwas Zeit, oder vielleicht sollte Harris sich besser fernhalten, bevor sein Vater von seinen Plänen Wind bekam.

Seit Jahren versuchte er, die Fehler der Vergangenheit wiedergutzumachen und wenigstens etwas von dem Schaden zu reparieren, den sein Vater mit seinen skrupellosen Geschäften angerichtet hatte … für die Sünden der Vergangenheit Reue zu zeigen. Doch die Liste war lang, und irgendwann würde jemand das Muster erkennen, und dann würden Harris’ Versuche, die Wunden der Vergangenheit zu heilen, entdeckt werden.

Tief in seinem Inneren wusste er, dass er diese Entscheidungen nicht getroffen hatte, aber er hatte sie ausgeführt, und deshalb lastete ein großer Teil der Verantwortung auf seinen Schultern. Sein Vater würde niemals etwas in Ordnung bringen, doch Harris würde es tun, so gut er konnte.

Trotzdem war es nicht genug. Es war nie genug, um die schwere Last der Schuld abzutragen.

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür von Bettys Bäckerei, und Mellie kam heraus. Die dunklen Haare fielen ihr heute offen und lockig über die Schultern. Sie trug schwarze Absatzstiefel, die sie größer erscheinen ließen, und sie sah sexy und gefährlich aus.

Harris’ Gedanken wanderten zurück zu der Nacht auf der hinteren Veranda des Inns. Beinahe hätte er sie dort geküsst. Noch immer wollte er es so sehr. Ein Teil von ihm schien ständig zu vergessen, dass sie ihn betrogen hatte und wie sehr dieser Betrug ihn geschmerzt hatte und wie sehr er in den Wochen nach der Trennung gelitten hatte.

Was würde geschehen, wenn sie es nun als Erwachsene noch einmal versuchen würden? Sie waren nicht mehr so unreif wie damals. Wäre ihre Beziehung nun facettenreicher? Stärker? Oder ließ er sich nur in Gefühle einer vergangenen Zeit zurückfallen? Wollte er wirklich wissen, ob ihre Berührung ihn tief in der Seele beruhigen konnte, so wie vor vielen Jahren?

Mellie drehte sich nicht zu ihm um, sondern wandte sich nach links und betrat den Park. Dort saßen einige Mütter mit ihren Kleinkindern auf der Bank. Die großen hellblauen Spielgeräte für die älteren Kinder waren leer. Mellie ließ sich auf ein großes Rad aus rotem und grauem Metall fallen und lehnte sich an das gestreifte Geländer, an dem sich die Kinder festhielten, wenn man das Rad drehte. Als sie die Hände vor das Gesicht schlug, traf ihn das wie ein Stich ins Herz.

„Hey, ist alles in Ordnung?“

Mellie zuckte erschrocken zusammen, als sie seine Stimme hörte. „Schleichst du dich immer so an? Das ist schon das dritte Mal, dass du mich so erschreckst.“

„Tut mir leid.“ Er setzte sich neben sie, und nur der gebogene Haltegriff trennte sie noch voneinander. Das Rad drehte sich unter seinem zusätzlichen Gewicht ein wenig. „Du sahst traurig aus. Ist alles in Ordnung?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Es geht nur wieder um meine Mutter, oder genauer gesagt darum, dass ich Abby dabei zusehen muss, wie sie mit der ständigen Kritik unserer Mutter umgeht. Nie ist irgendwas gut genug für sie, und wenn doch …“

Mellie verstummte. Ihre Mutter hatte immer hart über sie geurteilt, das kannte Harris sehr gut von seinem eigenen Vater. „Möchtest du darüber reden?“

Was tat er hier? Das war die Frau, die ihm das Herz gebrochen hatte. Sie hatten sich gestern zwar über ihr Leben unterhalten, aber er hatte sich geschworen, es dabei zu belassen … und doch war er jetzt hier, direkt neben ihr, und hätte sie am liebsten umarmt. Masochist.

„Darüber zu reden, hat noch nie etwas geändert.“ Sie stand auf, wischte sich über die Jeans, ging zur Rutsche und lehnte sich gegen die Leiter.

Harris folgte ihr und stellte sich auf die andere Seite der Leiter, mit dem Rücken lehnten sie sich an das kühle Metall. Sie schwiegen, und ab und zu war Vogelgezwitscher oder das Rauschen eines vorbeifahrenden Autos zu hören. Wenn Mellie nicht darüber reden wollte, würde Harris sie auf keinen Fall dazu drängen. In seinem Leben gab es schließlich genug Dinge, die er lieber unter den Teppich kehrte. Vor allem eine Geschichte mit seinem Vater, von der niemand wissen sollte.

Plötzlich stieß sie sich vom Gerüst ab und stellte sich direkt vor ihn. „Du hast mich letztes Mal gefragt, ob wir ausgehen wollen. Steht das Angebot noch?“

Harris starrte sie verblüfft an. Er sollte ablehnen und sich von ihr fernhalten, doch das tat er nicht. „Äh, ja klar. Warum hast du deine Meinung plötzlich geändert?“

„Ich bin eine Frau, ich darf das.“ Mellie grinste ihn an, doch es wirkte unsicher, und er fragte sich, ob hinter ihren Worten vielleicht mehr steckte. „Es wäre schön, mal wieder mit jemandem zu reden.“

Seiner Ansicht nach hatten sie das bereits in der Bar und auf der Veranda getan, aber er hinterfragte das Ganze nicht. Mellie lächelte ihn an, und das schien seinen Verstand sofort zu verwirren.

Vielleicht hatte sie in der Nacht ja genauso oft an ihn denken müssen wie er an sie. Oder sie hatte auf der Veranda dieselbe Anziehungskraft gespürt. Harris ging einen Schritt auf sie zu, sodass sie sich ganz nah waren. Zwischen ihnen hing jetzt nur noch der wunderbare Duft ihres Parfüms. „Mal wieder reden?“

„Ja“, flüsterte sie. Mellie schaute ihm in die Augen. „Ich möchte alles darüber hören, was du erlebt hast, seit …“

„… seit wir uns getrennt haben“, beendete er den Satz, als könnte er die Vergangenheit so auslöschen. „Das ist aber schon sehr lange her. Das ist alles vergeben und vergessen.“

Stimmte das? Wenn er den Aufruhr in seinem Innern betrachtete, konnte er das nicht bestätigen.

„Sehr gut.“ Wieder lächelte sie. „Das heißt, dass wir Freunde sein können?“

Dieses Wort traf ihn wie ein Faustschlag in den Bauch. „Freunde? Sicher, dass wir das sind?“

Warum bedeutete ihm das etwas? Er wollte sie doch gar nicht wieder in sein Leben lassen, ihre Beziehung wiederbeleben oder ihnen eine zweite Chance wie in einem Kitschfilm geben. Zurzeit gab es deutlich wichtigere Dinge, auf die er sich konzentrieren musste.

„Was sollten wir sonst sein?“

Mellie hatte recht. Sie waren einfach nur Freunde. Alles andere wäre … kompliziert. Vielleicht würden sie nach den kommenden Wochen ja per Mail oder anders in Kontakt bleiben.

„Du hast recht“, bestätigte Harris. Ihm fiel es schwer, passende Worte zu finden. Vielleicht lag es an ihrem Parfüm oder an ihren Kurven, die ihm noch verlockender als je zuvor erschienen. Vielleicht auch daran, dass sie ihn so ansah, als wäre damals nichts zwischen ihnen passiert.

Sein Vater hatte Mellie nie gemocht und Harris häufig gesagt, dass dieser jemand Besseres verdient hatte. Phillip hatte sich eine Karrierefrau vorgestellt, vielleicht eine Rechtsanwältin oder Ärztin oder etwas Ähnliches, was in sein Bild der Traumfamilie gepasst hätte. Doch Harris hatte sich in die lockere, abenteuerlustige, freche Melanie Cooper verliebt.

All das war allerdings schon Jahre her. Was Harris nun in seinem Leben oder Liebesleben tat, ging seinen Vater nichts mehr an.

„Einfach nur Freunde klingt doch gut, oder?“, meinte Mellie, aber er hörte den leichten Zweifel in ihrer Stimme. „Denn …“

„… alles andere ist Vergangenheit.“ Harris trat noch näher, fuhr ihr über das Kinn und mit dem Daumen über die Lippen. Sie öffnete den Mund und schnappte mit großen Augen nach Luft. Wie in Trance kam er noch näher. „Nicht wahr?“

„Genau …“ Doch sie schmiegte die Wange in seine Hand und schloss die Augen.

Harris beugte sich zu ihr hinab und küsste sie. Allmählich presste sich Mellie an ihn, und sie kamen sich immer näher, bis er nicht mehr sagen konnte, wo er aufhörte und sie anfing. Er legte ihr die Arme um den Körper, und sie öffnete sich ihm. Sie fuhr ihm mit den Fingern durch die Haare und erwiderte seinen Kuss voller Leidenschaft.

Zwischen ihnen war auf einmal alles wie früher. Ganz genau wie früher.

5. KAPITEL

Eine gefühlte Ewigkeit lang war Melanie wieder siebzehn und ließ sich hinter den Büschen an der Highschool dabei erwischen, wie Harris sie küsste und ihre Welt auf den Kopf stellte. Seine Berührungen waren schon immer besonders … fast magisch gewesen, sodass ihr Verstand sofort das Weite suchte.

Selbst jetzt, über zehn Jahre später hatte er noch immer dieselbe Wirkung auf sie. Sie hatte ihn nicht küssen oder sich in ihn verlieben wollen. Sie wollte eine Story finden, die ihre Karriere wieder in Schwung bringen würde. Ein Mittel zum Zweck, der nichts mit Stone Gap oder Harris McCarthy zu tun hatte.

Also rief sich Melanie in Erinnerung, dass Harris sie vor vielen Jahren verraten hatte, genau dann, als sie ihn am meisten gebraucht hatte. Er hatte voreilige Schlüsse gezogen und mit ihr Schluss gemacht. Er war nicht bereit gewesen, ihre Version anzuhören oder auch nur kurz zu überlegen.

Sie wollte nur mit ihm ausgehen, weil sie eine Insider-Story über das Feuer brauchte. Wenn Harris sich ihr öffnete, hatte Melanie ihren Artikel und konnte ihre Karriere aus dem Dornröschenschlaf erwecken, und zwar ganz ohne sich in ihn zu verlieben. Das war er ihr schuldig. Doch irgendetwas war passiert, denn plötzlich küsste sie ihn. Was war nur los?

Auf dem Weg zu einer neuen Stelle: 0. Mitten im Chaos gelandet: 1.

Melanie legte ihm die Hände auf die Brust – verdammt, wann war er so muskulös und durchtrainiert geworden – und drückte ihn weg. Dann trat sie einen Schritt zurück und stieß dabei gegen die Leiter. Der Schmerz war eine Erleichterung, denn dadurch wurde ihr Kopf wieder klar. „Was war das denn gerade?“

Harris grinste. „Ein Kuss. Ist es etwa so lange her, seit wir uns geküsst haben, dass du das vergessen hast?“

Das hatte Melanie definitiv nicht, denn genau daran hatte sie viel zu oft denken müssen, seit sie Harris in der Bar getroffen hatte. „Das gehört aber nicht zum Reden.“

„Tut mir leid. Da habe ich dich wohl missverstanden.“

Er hatte sie nicht missverstanden, ganz und gar nicht. Jede Faser ihres Körpers hatte sich von Harris angezogen gefühlt und sich nach diesem Kuss gesehnt. Doch ihre logische Seite widersprach vehement und erinnerte sie daran, dass sie einen Auftrag wollte und keinen One-Night-Stand mit einem Mann, den sie nie hatte vergessen können. Ein weiterer Grund, warum sie das Ganze locker und oberflächlich halten und sich nur auf die Story konzentrieren sollte. „Jedenfalls glaube ich, dass es besser ist, wenn wir die Dinge nicht verkomplizieren.“

„Wie du meinst.“

Warum hatte Harris ihr überhaupt das Herz brechen müssen? Sie war damals so in ihn verliebt gewesen … so sicher, dass sie für immer zusammenbleiben würden, doch dann hatte er einfach Schluss gemacht, sie beschuldigt, ohne sie anzuhören, und sie weinend stehen gelassen.

Es hatte Jahre gedauert, diese Trennung zu verarbeiten. Schließlich war er nicht irgendein Blind Date gewesen, das sie versetzt hatte. Es war Harris gewesen, und er hatte ihr die Welt bedeutet. Als Melanie an jenem Tag die Konsequenzen von erwachsenen Entscheidungen erkannt hatte, hatte sie nicht mehr einfach ins Blaue hineingelebt, sondern sich für den sicheren Weg entschieden, mit einer Arbeit und einer Ehe, die sie nicht erfüllte.

„Wie wäre es, wenn ich dir Stone Gap zeige?“ Seine Frage riss Melanie aus ihren Erinnerungen. „Deine Schwester hat bestimmt wahnsinnig viel mit den Hochzeitsvorbereitungen zu tun, und es wäre doch echt schade, wenn du diesen malerischen Ort nicht kennenlernst. Also biete ich dir als Freund an, dass ich dein Reiseführer werde. Also rein platonisch.“

„Natürlich.“ War es falsch, dass sie sich mit Harris traf, nur, damit er mit ihr redete und sie es später in die Zeitung bringen konnte?

Melanie schob die Zweifel beiseite. Sie hatte schließlich nichts Schlimmes vor. Sie wollte nur eine Geschichte schreiben, die Harris als Helden darstellen würde – dagegen konnte er doch nichts haben. Sobald sie die Geschichte abgegeben hatte, konnten sie ja zusammen einen trinken gehen und darüber lachen … als Freunde.

Allerdings blieb das kleine Problem, dass sie ihn noch immer attraktiv fand … den Kuss genossen hatte … sich fragte, ob er sie noch einmal küssen würde … und sich daran erinnerte, warum sie all das verdrängen wollte.

„Ich muss noch ein paar Dinge erledigen“, meinte Harris. „Sollen wir uns um fünf am Inn treffen und dann eine Stadttour machen?“

„Klingt toll.“

„Muss ich davon ausgehen, dass du kein Interesse an weiteren Küssen hast? Für einen Augenblick hast du nämlich ziemlich begeistert gewirkt.“

„Du hast mich überrascht, das ist alles. Ich muss … mich dagegen wappnen.“ Lügnerin.

Harris lachte. „Wieso das denn? Bin ich ein Erdkundetest?“

„Du, Harris McCarthy, bist kompliziert.“ Melanie sah, wie ihre Mutter und Abby sich auf dem Gehweg unterhielten. Genauer gesagt stand Abby steif und entschlossen da, während ihre Ma wild gestikulierte. Anscheinend war der Zuckerrausch verflogen, und ihre Mutter nutzte die Gelegenheit für einen weiteren Vortrag. „Ich muss jetzt los.“

Melanie wandte sich ab und eilte aus dem Park. Ihre Gefühle waren ein einziges Durcheinander.

Als sie bei Abby ankam, verabschiedete diese sich gerade von ihrer Ma, die in eine Modeboutique ging. „Was ist passiert?“, fragte Melanie.

Ihre Schwester seufzte. „Das Übliche. Ich frage mich, warum Ma überhaupt zur Hochzeit hierhergekommen ist. Sie hat mir gesagt, dass sie zu viel zu tun hat und bei der Planung deshalb nicht mithelfen kann.“

„Zu viel zu tun? Was denn? Sie ist Rentnerin!“

„Anscheinend ist sie einem Buchclub beigetreten und hinkt mit dem Lesepensum hinterher.“ Abby warf die Arme in die Höhe. „Ich kann offenbar nichts richtig machen.“

„Du? Du machst doch immer alles richtig, Abs.“

„Nein, ich nicht, du. Ich weiß, dass ich das nicht persönlich nehmen sollte, aber wenn Ma wieder davon anfängt, wie perfekt dein Leben ist … Es tut mir leid. Das sollte mich nicht stören.“

Melanie schluckte die Schuldgefühle herunter. Vielleicht war nun der richtige Zeitpunkt gekommen, um Abby die Wahrheit zu sagen. Mein Leben ist scheiße. Ein einziges großes Chaos.

Abby schloss Melanie in die Arme, und diese atmete tief ein, öffnete den Mund … und konnte es einfach nicht sagen.

„Ich bin so froh, dass du hier bist, Mel. Ma treibt mich in den Wahnsinn, und dann noch die Kinder und die Hochzeit … Ich bin froh, dass ich mich wenigstens auf dich verlassen kann.“ Abby löste sich aus der Umarmung und lächelte. „Eigentlich komisch, oder? Dass du mich unterstützt, oder?“

„Na ja, ich bin ja schon groß, da ist das in Ordnung.“

Harris zog sich mehrmals um, bevor er das passende Outfit gefunden hatte, dann ging er hinunter. Die Pension war zweifellos ein ungewöhnlicher Ort für ein Date. Andererseits war Mellie keine gewöhnliche Frau und dies hier auch kein gewöhnliches Date.

Oder besser gesagt, gar kein Date. Nur zwei Freunde, die Zeit miteinander verbrachten. Nicht mehr, auch wenn sich das eigenartig anfühlte.

Vielleicht lag es daran, dass er Mellie nie so gesehen hatte. Jung und unvernünftig hatte er geglaubt, dass ihre Beziehung für immer halten würde, doch dann hatte sie ihm das Herz gebrochen, und er hatte übereilt und wütend Schluss gemacht, wie Kinder das eben taten.

Autor

Melissa Senate
Melissa Senate schreibt auch unter dem Pseudonym Meg Maxwell, und ihre Romane wurden bereits in mehr als 25 Ländern veröffentlicht. Melissa lebt mit ihrem Teenager-Sohn, ihrem süßen Schäfermischling Flash und der spitzbübischen Schmusekatze Cleo an der Küste von Maine im Norden der USA. Besuchen Sie ihre Webseite MelissaSenate.com.
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