Das Glück wartet in Venedig - 5 Gondelfahrten in den Hafen der Liebe

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IM BANN DES GRIECHISCHEN MILLIONÄRS von SHARON KENDRICK
Entsetzt erfährt Jessica, dass der Milliardär Loukas Sarantos sie zu einem Fotoshooting nach Venedig begleiten wird! Angeblich, um sich zu überzeugen, dass sie als Model für seine Firma perfekte Arbeit leistet. Aber Jessica ahnt, dass Loukas etwas ganz anderes mit ihr vorhat …

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IN EINER GONDEL DURCH VENEDIG von TRISH MOREY
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IN VENEDIG KEHRT DIE LIEBE ZURÜCK von CAITLIN CREWS
Fünf Jahre ist es her, seit Lily ihren Tod vortäuschte und so die verhängnisvolle Affäre mit Rafael Castelli beendete. Doch jetzt läuft sie ihm erneut über den Weg! Er ist fassungslos über Lilys Betrug – aber weigert sich trotzdem, die Liebe seines Lebens verloren zu geben …


  • Erscheinungstag 29.06.2023
  • ISBN / Artikelnummer 9783751522601
  • Seitenanzahl 554
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

IMPRESSUM

Im Bann des griechischen Millionärs erscheint in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, Hamburg

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Postfach 301161, 20304 Hamburg
Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0
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Geschäftsführung: Katja Berger, Jürgen Welte
Leitung: Miran Bilic (v. i. S. d. P.)
Produktion: Christina Seeger
Grafik: Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn,
Marina Grothues (Foto)

© 2015 by Sharon Kendrick
Originaltitel: „The Ruthless Greek’s Return“
erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe JULIA EXTRA , Band 409
Übersetzung: SAS

Umschlagsmotive: Ivanko_Brnjakovic, bluejayphoto / Getty Images

Veröffentlicht im ePub Format in 1/2022

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH , Pößneck

ISBN 9783751513500

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

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1. KAPITEL

Irgendetwas war anders. Jessica merkte es, als sie das Gebäude betrat. Erwartungsvolle Aufregung hing in der Luft, die Vorboten von Veränderung. Ein ungutes Gefühl machte sich in ihr breit. Die meisten Menschen mochten keine Veränderungen, und sie gehörte definitiv dazu.

Oberflächlich betrachtet war in der Zentrale der Ladenkette von exklusiven Juweliergeschäften alles wie immer. Dieselben tiefen Sofas, dieselben funkelnden Kristalllüster, dieselben Hochglanzfotos von erlesenen Schmuckstücken auf dunklem Samt. Poster von schönen Frauen, die verträumt auf Verlobungsringe schauten, ihre sündhaft attraktiven Bräutigame lächelnd hinter ihnen. Es gab sogar ein Poster mit ihr, auf dem sie eine elegante Platinuhr am Handgelenk trug. Jeder, der dieses Poster sah, würde sofort annehmen, dass die dort abgebildete Frau mit der sportlichen Bluse und dem Pferdeschwanz ihr Leben unter Kontrolle hatte.

Ironisch verzog sie die Lippen. Wer immer behauptete, die Kamera log nicht, irrte gewaltig.

Ein prüfender Blick auf ihre hellen Lederstiefel, die die Reise von Cornwall bis hierher tatsächlich unbeschadet ohne Schnee- oder Schmutzränder überstanden hatten, dann trat sie an den Empfang.

Jessica blinzelte verblüfft. Die Rezeptionistin trug eine Bluse, die großzügig Dekolleté zeigte. Auch meinte sie, Möbelpolitur zu riechen, und selbst das Rosenbouquet auf dem blitzblanken Glastisch kam ihr heute irgendwie besonders frisch vor.

„Hi, Suzy.“ Jessica schnupperte an einer der Blüten. So schön die Rosen waren, sie rochen nach nichts. „Ich habe um drei einen Termin.“

Suzy sah auf ihren Bildschirm. „Richtig. Schön, dich mal wieder hier zu sehen, Jessica.“

„Schön, wieder hier zu sein.“ Nun, so ganz stimmte das nicht. Das Landleben hatte sie völlig eingenommen, sie kam nur nach London, wenn es absolut nötig war. Und heute war das wohl der Fall. Man hatte sie herzitiert – per E-Mail, die rätselhaft und eher verwirrend denn klärend gewesen war. Daher hatte sie also Jeans und Wollpullover gegen elegante Garderobe ausgetauscht und stand nun hier an der Rezeption, das kühle Lächeln auf dem Gesicht, das allgemein von ihr erwartet wurde. Und wenn sie bedrückt war, weil Hannah abgereist war … nun, sie würde damit umgehen müssen. Sie war schon mit viel Schlimmerem fertiggeworden.

Sie schnippte einen Regentropfen von ihrem Mantel und senkte die Stimme. „Du weißt nicht zufälligerweise, was los ist? Wieso man mich hergeholt, obwohl ich erst im Frühsommer für das nächste Shooting gebucht bin?“

Suzy sah sich verschwörerisch um, ob auch niemand mithörte. „Um genau zu sein … zufälligerweise weiß ich es.“ Sie machte eine dramatische Pause. „Wir haben einen neuen Chef.“

Jessicas Lächeln saß fest an seinem Platz. „Wirklich? Davon weiß ich ja gar nichts.“

„Oh, es sollte auch niemand davon erfahren. Große Übernahme, aber alles ganz still und heimlich. Der neue Eigentümer ist Grieche. Sehr griechisch – ein Playboy, wie er im Buche steht.“ Suzys Augen verdunkelten sich ein wenig. „Sehr gefährlich.“

Jessica fröstelte. Albern. Nur weil die Worte „Grieche“ und „griechisch“ gefallen waren. Geradezu erbärmlich. „Du meinst, kühn und verwegen?“

Suzy schüttelte die kurzen roten Locken. „Nein, ich meine strotzend vor Sexappeal – und das weiß er auch.“ Ein Lämpchen an der Sprechanlage begann zu blinken, Suzy drückte mit einem perfekt manikürten Fingernagel auf einen Knopf. „Aber das kannst du jetzt selbst herausfinden.“

Im Lift auf der Fahrt nach oben zum Penthouse-Büro dachte Jessica, dass sie Suzy gern ihren Platz überlassen hätte. Denn bei ihr war der neue Chef völlig verschwendet. Ganz gleich, wie sexy er auch sein mochte. Sie hatte Männer getroffen, denen das Testosteron aus jeder Pore troff. Sie hatte sich auch bereits die Finger verbrannt …

Nachdenklich starrte sie auf ihr Konterfei in dem getönten Spiegel der Aufzugskabine. Eigentlich war es nur ein Mann gewesen, und verbrannt hatte sie sich überall, Herz und Seele mit eingeschlossen. Als Konsequenz hielt sie sich heute fern von gefährlichen Männern und allem, was dazugehörte.

Der Aufzug hielt, die Türen glitten auf. Sofort fiel Jessica auf, dass die Atmosphäre hier oben auch anders war. Mehr frische Blumen, dafür absolute Stille. Eigentlich hätte sie eine Art Begrüßungskomitee erwartet, zumindest den Vorzimmerdrachen, der das Allerheiligste bewachte, doch nichts dergleichen.

Sie sah sich um. Die Tür zum Chefzimmer stand offen. Ein Blick auf ihre Uhr sagte ihr, dass es Punkt drei war. Und jetzt? Ging sie einfach hinein und kündigte sich selbst an? Oder wartete sie hier, bis sie hereingebeten wurde? Unsicher blieb sie stehen … Und dann ertönte eine Stimme, die ihr rau und samten zugleich über die Haut strich.

„Steh da nicht so herum, Jess. Komm herein, ich habe bereits auf dich gewartet.“

Ihr Magen krampfte sich zusammen. Zuerst glaubte sie, ihre Fantasie würde ihr einen Streich spielen. Nein, unmöglich, er konnte es nicht sein. Sie sagte sich, dass alle mediterranen Stimmen ähnlich klangen, dass sie unmöglich eine Stimme erkennen konnte, die sie seit Jahren nicht gehört hatte. Doch sobald sie das geräumige Büro betrat, blieb sie wie vom Donner gerührt stehen, als sie den Mann hinter dem großen Schreibtisch erblickte.

Er war es. Loukas Sarantos. Die Londoner Skyline in seinem Rücken, die langen Beine unter dem Schreibtisch ausgestreckt, ein spöttisches Lächeln auf den Lippen, wirkte er wie der Herrscher der Welt. Verwundert bemerkte sie seinen teuren Maßanzug, und ihre Verwirrung wuchs. Loukas war Leibwächter. Einer der besten. Aber Leibwächter blieben im Hintergrund, durften nicht auffallen. Was hatte er hier zu suchen? Noch dazu in diesem Aufzug?

Der Mann konnte andere mit einem Blick aus seinen glühenden schwarzen Augen einschüchtern. Einen Mann wie ihn hatte sie nie zuvor getroffen, und wahrscheinlich würde sie so jemanden auch nie wieder treffen. Er hatte sie sich Dinge wünschen lassen, von denen sie nicht einmal gewusst hatte, dass sie sie wollte. Und dann hatte er ihr diese Wünsche erfüllt und sie dazu gebracht, sich nach mehr davon zu sehnen. Der Mann war der personifizierte Ärger, das wusste sie. Sie nahm sich vor, bei seinem Anblick völlig ungerührt zu bleiben …

Reines Wunschdenken.

Er lehnte sich in den schwarzen Ledersessel zurück. Sein dichtes Haar hatte genau dieselbe Farbe. In dem schmalen Lächeln, das um seine Lippen spielte, war keine Spur von Humor zu entdecken. Kühl musterte er sie von oben bis unten, und für einen Augenblick fürchtete Jessica tatsächlich, sie würde in Ohnmacht fallen. Vielleicht wäre das sogar der perfekte Ausweg, dann kämen andere Menschen in den Raum, Sanitäter, um ihr zu helfen, und damit wäre seine Präsenz zumindest ein wenig abgeschwächt.

Aber sie hatte lange Erfahrung damit, ihre Gefühle nicht zu zeigen, und von ein bisschen Schwindel würde sie sich diese Fähigkeit nicht rauben lassen. Scheinbar gleichgültig sah sie sich um. „Wo ist denn die Assistentin, die normalerweise im Vorzimmer sitzt?“

Ärger huschte flüchtig über seine Züge. „Acht Jahre“, er lehnte sich vor, „acht Jahren haben wir uns nicht gesehen, und alles, was dir einfällt, ist eine banale Frage nach dem Personal?“

Seine Selbstsicherheit regte sie ebenso auf wie seine unerwartete Anwesenheit hier. Die frühere Dreistigkeit schien er abgelegt zu haben, zusammen mit speckiger Lederjacke und Jeans. Trotzdem … auch der Maßanzug konnte die sinnliche Sexualität, die er ausstrahlte, nicht schmälern, und ihr Unterleib schien zu pulsieren. Sie erinnerte sich an seine heißen Lippen auf ihrem Mund, an seine Ungeduld, wenn er ihr den knappen Tennisrock noch höher geschoben hatte und …

„Was machst du hier?“ Sie klang lange nicht so gelassen, wie sie es sich wünschte, und fragte sich, ob es ihm aufgefallen war.

„Warum legst du nicht den Mantel ab und nimmst Platz? Du bist blass.“

Zu gern hätte sie dankend abgelehnt, aber der Schock des Wiedersehens hatte sie wirklich mitgenommen. Inzwischen glaubte sie auch nicht mehr, dass eine Ohnmacht eine so gute Idee wäre, läge sie dann doch in der Horizontalen, und Loukas würde sich über sie beugen.

So ließ sie sich auf dem Stuhl nieder, auf den er zeigte. „Es ist ja auch eine Überraschung“, sagte sie leichthin.

„Das kann ich nachvollziehen. Sag, Jess, was war das für ein Gefühl, in den Raum zu kommen und mich hier zu sehen?“

Elegant hob sie eine Schulter. „Nun, es wird wohl eine Erklärung geben.“

„Eine Erklärung für was?“

„Dass du da sitzt, als ob …“

Das schmale Lächeln erschien wieder auf seinem Gesicht. „Als ob mir hier alles gehört?“

Sie schluckte. Wie arrogant er klang. „Genau.“

„Dem ist so, weil mir hier alles gehört.“ Plötzlich flammte Ungeduld in ihm auf. „Ich habe die Firma gekauft, Jess. Ich habe gedacht, das wäre offensichtlich. Mir gehört jetzt jeder Lulu-Laden, in sämtlichen Städten, an jedem Flughafen und auf jedem Kreuzfahrtschiff auf der Welt.“

Sie versuchte, unbeteiligt zu klingen „Ich wusste nicht …“

„Dass ich reich genug dafür bin?“

„Nun, das auch.“ Sie lächelte, und es fühlte sich an, als würde ihr Gesicht zerreißen. „Oder dass du Interesse an Schmuck und Uhren hast.“

Die Fingerspitzen aneinandergelegt, sah er ihr in die aquamarinblauen Augen. Wie immer saß bei ihr jedes blonde Haar perfekt an seinem Platz. Er erinnerte sich, dass schon damals, selbst nach dem wildesten Sex, ihr Haar immer in einen schimmernden Vorhang zurückgefallen war. Etwas Dunkles, Mysteriöses rann ihm über die Haut. Jessica Cartwright. Die eine Frau, die er nie hatte vergessen können. Die Frau, die ihn halb in den Wahnsinn getrieben hatte.

Er musterte sie von oben bis unten, so wie er alles Schöne, das er erstand, genau studierte.

Klassisch-kühl, das war ihr Stil, und offensichtlich hatte sich daran nichts geändert. Ihre schlanke Figur verriet, dass sie viel Sport trieb. Sie hatte nie etwas für freizügige Kleidung oder viel Make-up übrig gehabt, hatte immer natürlich ausgesehen. Von Anfang an hatte er sich zu ihr hingezogen gefühlt. Bis heute verstand er nicht, wieso. Mit der weißen Bluse, dem strengen Pferdeschwanz und den Perlenohrringen wirkte sie distanziert. Unnahbar. Aber das war alles nur Fassade. Dahinter verbarg sich eine Frau wie jede andere. Eine Frau, die sich selbstsüchtig nahm, was sie wollte, und einen dann wie einen zappelnden Fisch auf dem Trockenen zurückließ.

„Es gibt vieles, was du nicht über mich weißt.“ Und vieles, was sie über ihn erfahren würde.

Sie zuckte mit den Schultern. „Als wir uns zuletzt trafen, hast du als Bodyguard für einen russischen Oligarchen gearbeitet. Wie hieß er noch? Dimitri Makarov, richtig?“

„Richtig, so hieß er.“ Loukas nickte. „Ich war der Mann mit der Waffe unter dem Jackett. Das Muskelpaket.“ Er erinnerte sich gut an die genüsslichen kleinen Laute, die sie von sich gegeben hatte, wenn sie mit den Fingern über seine Muskeln gestrichen hatte. „Allerdings beschloss ich eines Tages, dass ich lieber meinen Kopf benutzen wollte. Das Leben anderer zu beschützen ist meist Garant dafür, dass das eigene drastisch verkürzt wird, ich musste mich um meine Zukunft kümmern. Außerdem sind solche Männer für manche Frauen wenig mehr als Wilde, nicht wahr, Jess?“

Er konnte sehen, wie die Fingerknöchel ihrer Hände, die sie im Schoß hielt, weiß hervortraten. Eine Reaktion, die ihn zutiefst befriedigte. Er wollte, dass sie reagierte, wollte zusehen, wie ihre Distanziertheit schwand und sie sich wand und krümmte.

„Das habe ich nie gesagt.“

„Nein“, stimmte er grimmig zu. „Aber dein Vater hat es gesagt, und du hast einfach nur still und stumm dagestanden. Dein Schweigen war ein lautes Einverständnis. Die kleine Prinzessin, die Daddy immer zustimmt, nicht wahr? Soll ich dir noch ein paar von den anderen Dingen in Erinnerung rufen, die er gesagt hat?“

„Das ist nicht nötig.“ Unwillkürlich griff sie sich an den Hals, spürte ihren rasenden Puls.

„Er nannte mich einen Strolch und Gangster, meinte, ich würde dich mit in die Gosse ziehen, wo ich ja herkomme. Erinnerst du dich nicht, Jess?“

Sie schüttelte den Kopf. „Was nützt es, die Vergangenheit jetzt wieder ans Licht zu zerren? Als Teenager war ich mit dir zusammen, und ja, mein Vater war alles andere als begeistert, als er herausfand, dass wir …“

„Ein Liebespaar waren?“, ergänzte er.

„Ein Liebespaar“, wiederholte sie, als würde das Wort ihr körperliche Schmerzen bereiten. „Aber das ist lange her, es ist nicht mehr wichtig. Ich … nun, ich habe mein Leben weitergeführt, und ich nehme an, du auch.“

Loukas hätte gelacht, würde da nicht kalte Rage in ihm aufschießen. Sie hatte ihn erniedrigt, wie keine andere es je gewagt hatte. Sie hat seine Träume – wenn auch alberne – mit Füßen getreten. Und sie behauptete, es wäre nicht mehr wichtig? Er würde ihr das Gegenteil beweisen, würde ihr zeigen, dass es einen immer einholte, wenn man einen anderen Menschen betrog.

Er nahm den goldenen Füller auf, ließ ihn zwischen den Fingern wandern. „Du hast recht, statt über die Vergangenheit nachzudenken, sollten wir uns auf die Gegenwart konzentrieren … die Zukunft. Besser gesagt, auf deine Zukunft.“

So unmerklich es auch war, er konnte sehen, wie sie zusammenzuckte. Ahnte sie, was kam? Ihr musste klar sein, dass jeder in seiner Position ihr leicht kündigen konnte. „Wie lange arbeitest du jetzt schon für die Firma, Jess?“

„Ich bin sicher, das weißt du.“

„Natürlich, du hast recht. Du bist gleich nach Beendigung deiner Tenniskarriere zu Lulu gekommen, nicht wahr?“

Jessica antwortete nicht gleich, weil sie befürchtete, sie würde sich verraten. Sie durfte diesem einschüchternden Loukas keine Schwäche zeigen. Beendigung ihrer Tenniskarriere? Bei ihm hörte sich das an, als hätte sie beschlossen, auf Zucker im Kaffee zu verzichten! Tennis hatte ihr alles bedeutet, der Sport, dem sie sich, seit sie aus den Windeln heraus war, mit Haut und Haaren verschrieben hatte. Und das war ihr im wahrsten Sinne des Wortes entrissen worden. Das hatte ein riesiges Loch hinterlassen. Da es fast gleichzeitig mit dem Bruch mit ihm erfolgt war, hatte sie einen zweifachen Schlag zu verarbeiten gehabt. Es war schwierig gewesen, aus diesem Tal wieder herauszukommen. Aber sie hatte es geschafft. Hatte es schaffen müssen, denn da hatte es ja auch noch Hannah gegeben, um die sie sich hatte kümmern müssen. Aufgeben war also nie eine Option gewesen. „Richtig“, antwortete sie endlich.

„Kannst du mir erklären, wie du an den Job gekommen bist? Ich weiß, wie überrascht alle in der Branche waren, schließlich hattest du keinerlei Erfahrung als Model.“ Er zog eine Augenbraue in die Höhe. „Hast du mit dem Boss geschlafen?“

„Mach dich nicht lächerlich“, fauchte sie, bevor sie sich zurückhalten konnte. „Der Mann war weit über sechzig.“

„Aber sonst wärst du versucht gewesen?“ Lächelnd lehnte er sich zurück. Er hatte ihr also die nächste Reaktion entlockt. „Ich weiß aus Erfahrung, dass sportliche Frauen einen überdurchschnittlichen Appetit auf Sex haben. Gerade du warst absolut spektakulär im Bett, Jess. Und außerhalb. Du konntest nicht genug von mir bekommen.“

Sie würde den Teufel tun und sich von ihm provozieren lassen! Ihr blieb auch gar keine andere Wahl, wenn die Machtverhältnisse so ungleich verteilt waren. Hier ging es nicht nur ums berufliche Überleben, sondern auch um Stolz. Ja, der Job mochte ihr mehr oder weniger in den Schoß gefallen sein, aber sie war stolz auf das, was sie erreicht und aus sich gemacht hatte, und das würde sie sich nicht in der Hitze des Gefechts ruinieren, nur weil der Mann, der sie provozierte, zufällig auch der Mann war, den sie nie hatte vergessen können. „Möchtest du eine Antwort hören, oder willst du einfach nur dasitzen und mich weiter beleidigen?“

Kurz zuckte ein Lächeln in seinen Mundwinkeln, verschwand sofort wieder. „Natürlich, fahre fort.“

Sie holte tief Luft, so wie früher auf dem Platz vor dem Aufschlag. „Du weißt, dass ein Bänderriss meine Profikarriere beendet hat, oder?“ Mehr als ein knappes Nicken erhielt sie nicht von ihm. „Der damalige Presserummel war enorm. Ich …“

„Du standest vor dem internationalen Durchbruch, ich weiß“, warf er leise ein. „Du hättest den Grand Slam gewonnen, trotz deines jungen Alters.“

„Richtig.“ Dieses Mal gelang es ihr nicht, die Emotionen aus der Stimme zu halten. Auch wenn sie sich hundertmal vorgebetet hatte, dass es Schlimmeres gab als das Ende einer großartigen Karriere, die noch gar nicht richtig begonnen hatte. „Ein Foto von mir ging durch die Presse, nachdem ich aus dem Krankenhaus entlassen worden war und eine Pressekonferenz gegeben hatte.“ Es war in allen Zeitungen veröffentlicht worden – sie, blass und von Schmerzen gezeichnet, der blonde Zopf, ihr Markenzeichen, über den schmalen Schultern, auf denen die Hoffnungen der ganzen Nation gelegen hatten. „Lulu sah dieses Foto natürlich auch, auf dem ich eine Plastikarmbanduhr trug, und da sie gerade eine neue sportliche Linie für junge Leute auf den Markt bringen wollten, schien ich ihnen wohl das ideale Vorzeigegesicht zu sein.“

„Obwohl du nicht im konventionellen Sinne schön bist“, merkte er an.

Sie hielt seinem dunklen Blick stand, fest entschlossen, nicht zu zeigen, wie verletzt sie war. Man konnte schließlich nicht auf jemanden wütend sein, nur weil er die Wahrheit aussprach. „Das weiß ich selbst. Aber ich bin fotogen. Bisher hat mir jeder Fotograf gesagt, dass ich jene Kombination aus hohen Wangenknochen und weit auseinanderstehenden Augen habe, die eine Kamera scheinbar besonders liebt. Mir war immer klar, dass ich auf Fotos besser aussehe als in natura. Wie auch immer … Im Zuge des Medienrummels wurde ich bei Lulu unter Vertrag genommen, und erstaunlicherweise war das Echo extrem positiv. Als dann auch noch mein Vater und meine Stiefmutter von der Lawine verschüttet wurden, hat die Firma dies natürlich auch als Publicity ausgenutzt.“

„Mein Beileid wegen deiner Eltern“, sagte Loukas. „So etwas kommt leider vor.“

„Ich weiß.“ Es wurde schwierig, seinem kalten Blick standzuhalten. „Aber Lulu hätte meinen Vertrag nicht immer wieder verlängert, wenn sie ihr Produkt nicht gut verkaufen könnten.“

„Nun, die Verkaufszahlen gehen zurück, und du bist schließlich kein Teenager mehr, um die Zielgruppe anzusprechen“, meinte er nüchtern.

Sie bekam ein mulmiges Gefühl. Sie bemühte sich zu vergessen, dass sie früher einmal zusammengewesen waren und es hässlich zu Ende gegangen war. Sie musste mit ihm umgehen, wie sie mit jedem anderen in einer solchen Schlüsselposition umgehen würde, egal, ob männlich oder weiblich. Sei nett. Schmeichle ihm. Er sitzt am längeren Hebel. „Ich bin jetzt sechsundzwanzig. Selbst bei dem heutigen Jugendwahn lässt sich da wohl kaum schon sagen, meine besten Tage wären vorbei.“ Sie brachte sogar ein Lächeln zustande.

Doch sie sah das Zucken an seiner Schläfe, als hätte er ihre Charmeoffensive durchschaut. Als hielte er nicht viel davon. Aber sie kämpfte hier um den Erhalt ihrer Verdienstmöglichkeiten, um ihren Lebensunterhalt. Und Hannahs auch.

„Ich glaube, du verstehst nicht ganz, was ich sagen will, Jess.“

Ihr Magen zog sich zusammen. Jetzt war ihr klar, weshalb sie herbeordert worden war. Die Firma gehörte Loukas, er konnte ganz nach Belieben schalten und walten. Jetzt würde er ihr sagen, dass ihr Vertrag nicht erneuert werden würde. Und was sollte sie dann tun – eine ausgebrannte Tennisspielerin ohne Ausbildung? Sie dachte an Hannah und die College-Gebühren. An das kleine Haus, das sie gekauft hatte, nachdem sie die Schulden ihres Vaters getilgt hatte, das Haus, das ihre einzige Sicherheit war. An all die Schwierigkeiten und Probleme, die sie hatte überwinden müssen, um zu der herzlichen Beziehung zu gelangen, die sie und ihre Halbschwester heute hatten. „Wie sollte ich auch verstehen können, wenn du in Rätseln sprichst? Wenn du die ganze Zeit über mit dieser abfälligen Miene dort sitzt?“

„Vielleicht muss ich deutlicher werden.“ Mit den Fingerspitzen trommelte er auf ihren Vertrag, den er vor sich auf dem Schreibtisch liegen hatte. „Wenn du möchtest, dass das hier verlängert wird, solltest du dir überlegen, ob du nicht etwas netter zu deinem neuen Chef sein möchtest.“

„Nett zu dir, meinst du? Das ist wirklich gut. Seit ich den Fuß in dieses Büro gesetzt habe, bist du mir gegenüber total feindselig. Und gesagt hast du mir noch immer nichts.“

Mit seinem Stuhl drehte Loukas sich zum Fenster, betrachtete das London Eye am Ufer der Themse statt ihr Gesicht mit den feinen Zügen. Für dieses Panorama zahlte er einen horrenden Preis, aber es war der Beweis, wie weit er es gebracht hatte. Wer hätte gedacht, dass der Junge, der in den Hinterhöfen der Restaurants nach Essensresten gestöbert hatte, je ein solches Vermögen anhäufen würde?

Der Ehrgeiz, die Armut seiner Kindheit hinter sich zu lassen, hatte lichterloh in ihm gebrannt. Er wollte das Leben aus Betrug und Verbitterung vergessen. Und dennoch hatte er sein Bestes für seine Mutter getan. Als Bodyguard für Oligarchen und Milliardäre hatte er das Leben der Reichen beobachten können und sich gefragt, wie es sein musste, eine Million Dollar am Casinospieltisch zu verlieren, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Nun, er hatte die Erfahrung dann selbst gemacht, aber als Kind mit einem vollen Bauch hatte er mehr Zufriedenheit empfunden.

Und die Frauen … Mit Frauen hatte er nie Probleme gehabt, selbst als seine Taschen noch leer gewesen waren. Trotzdem hatte er sich gefragt, ob es anders laufen würde, wenn man reich war. Oh ja, und ob! Er hatte ienen bitteren Geschmack im Mund, wenn er daran dachte, was ihm alles angeboten worden war, seit er sich Milliardär nennen konnte. Und er hatte alles ausprobiert, nur um die Leere in sich zu füllen. Immer ohne Erfolg.

So war er zu dem Schluss gekommen, dass man nicht weiterkam, solange man sein Leben nicht in die Spur gebracht hatte. Seine Mutter lebte nicht mehr. Seinen Bruder hatte er gefunden. Blieb noch Jessica Cartwright. Auch hier gab es noch etwas zu richten.

Mit dem Stuhl drehte er sich wieder um. Noch immer bemühte sie sich, ihre Nervosität zu verbergen, und für einen Moment erlaubte er es sich, die Szene zu genießen. Wie anders es doch jetzt aussah. Die hochnäsige Tennisspielerin, die ihn versteckt gehalten hatte wie ein schmutziges kleines Geheimnis, während er ihre körperlichen Bedürfnisse erfüllte, wartete jetzt nervös auf seine Antwort, die über ihre Zukunft entschied.

Wie weit würde sie wohl gehen, um ihren Job zu behalten? Aber nein, er wollte nicht, dass sie sich prostituierte, sondern sie sollte freiwillig zu ihm kommen. Er wollte ihre Seufzer hören, wollte ihre Sehnsucht anheizen, bis sie keinen Atemzug mehr tun konnte, ohne nicht an ihn zu denken.

Und danach würde er gehen. Genau wie sie es damals getan hatte.

Dann wären sie quitt.

Er blickte ihr durchdringend in die aquamarinblauen Augen. „Du wirst dich verändern müssen.“

2. KAPITEL

Jessica klopfte das Herz bis zum Hals, als sie Loukas auf der anderen Seite des Schreibtisches ansah. In diesem Moment schien er die personifizierte Dunkelheit zu sein. Dunkelheit und Macht. Er hielt ihre Zukunft in Händen und überlegte, ob er sie zerdrücken sollte …

Jetzt stand er auf, zog sich das Jackett aus und hängte es über die Rücklehne seines Stuhls. Er sah so … so einschüchternd aus. Und doch, als er sich die Hemdsärmel aufrollte und muskulöse Unterarme freilegte, erinnerte er wieder an den Loukas von früher. Sexy, geschmeidig und verlockend. Ihre Gedanken wirbelten durcheinander, und plötzlich hatte sie Mühe, die Angst in Schach zu halten. „Was meinst du damit – ich muss mich verändern? Was genau?“

Sein Lächeln erreichte seine Augen nicht … falls man das Zucken seiner Mundwinkel überhaupt Lächeln nennen konnte. Er genoss das hier, wurde ihr jäh klar.

„Alles, aber vor allem dein Image.“ Er setzte sich wieder.

Verwirrt sah sie ihn an. „Mein Image?“

Wieder legte er die Fingerspitzen zusammen, eine Geste, die sie an einen Schuldirektor denken ließ, der eine ungehörige Schülerin zurechtweisen wollte.

„Ich fasse es nicht, dass niemand der Werbeagentur genauer auf die Finger gesehen hat. Sie sind viel zu selbstgefällig geworden. Variationen desselben alten Themas, ohne jede Kreativität. Deshalb habe ich sie nach der Übernahme auch als Erstes gefeuert.“

„Gefeuert?“, wiederholte Jessica. Sie bekam einen Schreck. Sie hatte gern mit dieser Agentur und deren Fotografen zusammengearbeitet. Zwar nur einmal im Jahr bei dem Shooting für den Lulu-Katalog, aber sie hatte sich bei den Leuten immer wohl gefühlt.

„In den letzten beiden Jahren ist der Gewinn konstant geschrumpft“, fuhr er erbarmungslos fort. „Für mich war das insofern gut, dass ich den Preis drücken konnte. Jetzt allerdings sieht das anders aus, von jetzt an werden die Dinge anders gehandhabt.“

Sie bemerkte das Drohende in seiner Stimme und ermahnte sich, ruhig zu bleiben und die Nerven zu behalten. Beim Tennis war es die gleiche Taktik – es half nicht, einem stärkeren Gegner das Feld zu überlassen und ihm zu erlauben, das Spiel zu kontrollieren. Man musste selbst zum Angriff übergehen.

Sie sah in seine schwarzen Augen. „Ist das deine Art, mir zu sagen, dass ich ebenfalls gefeuert bin?“

Er lachte leise. „Glaube mir, Jess, hätte ich vor, dich zu feuern, wüsstest du das längst. Dieses Gespräch würde dann gar nicht erst stattfinden. Ich vergeude meine Zeit nicht unnütz, dazu ist sie zu kostbar. Verstehen wir uns?“

Oh ja, sie verstand nur zu gut. So, wie er sich ihr gegenüber verhielt, wäre niemand auf die Idee gekommen, dass sie einmal ein Paar gewesen waren. Natürlich hatte sie früher auch schon einen Blick auf diese skrupellose Seite an ihm erhascht, als Leibwächter war das wohl überlebenswichtig. Aber mit ihr war er immer verspielt und großzügig gewesen – wie ein Löwe, der erlaubte, ihm näher zu kommen und ihn zu streicheln. Und nach dem Ende ihrer Beziehung hatte sie für ihn nicht mehr existiert.

War das der Grund? Weil er es ihr heimzahlen wollte, dass sie seinen Heiratsantrag abgelehnt hatte? Damals war es die einzige Möglichkeit gewesen, die sie gehabt hatte.

Sie durfte sich von ihm nicht einschüchtern lassen, durfte ihn auch nicht sehen lassen, wie sehr sie um die Einnahmequelle bangte, die ihr den Lebensunterhalt sicherte. Loukas war wie ein Raubtier. Sobald er eine Schwäche witterte, setzte er zum tödlichen Sprung an. Dafür war er ausgebildet worden. „Warum also findet dieses Gespräch statt?“

„Ich stehe in dem Ruf, Firmen, die im Niedergang begriffen sind, herumzureißen. Und auch dieses Unternehmen hier wird unter meiner Leitung wieder florieren.“ Er musterte sie abschätzend. „Du bist kein Teenager mehr, Jess. Und die Mädchen, die damals deine Uhren gekauft haben, ebenfalls nicht. Du bist auch kein Tennis-Star mehr, sondern das, was man im Business als Ehemalige bezeichnet. Du brauchst mich nicht so eingeschnappt anzufunkeln, ich zähle hier lediglich die Fakten auf. Du hast den Vertrag als die sportliche Blondine erhalten, die trotz Schicksalsschlag tapfer lächelt und nicht aufgibt. Die tragische Heldin. Junge Mädchen wollten so sein wie du.“

„Und jetzt nicht mehr?“

„Ich fürchte, nein. Die Welt hat sich weitergedreht, du aber bist noch immer dieselbe. Immer wieder die gleichen Fotos mit weißer Bluse, Pferdeschwanz und Perlenohrringen.“ Seine Augen funkelten. „Allein der Gedanke daran langweilt mich.“

Sie nickte langsam. Es tat weh, ihn so reden zu hören, ihr Leben von ihm auf eine kleine traurige Geschichte reduzieren zu lassen. Aber sie bemühte sich, sich nichts anmerken zu lassen. „Was schlägst du also vor?“

„Ich biete dir die Möglichkeit, deiner Karriere wieder Leben einzuhauchen – und damit auch Lulus Absatz anzukurbeln.“

Sie wünschte, sie hätte den Mantel ausgezogen, unter seinem intensiven Blick wurde ihr viel zu heiß. Sie musste vergessen, dass ihr hier Loukas gegenübersaß, stellte sich vor, der frühere CEOh säße dort, der Mann, der sie immer um Tennis-Tipps für seine Teenager-Tochter gebeten hatte. „Und wie?“

Mit seiner lässigen Haltung auf dem Chefsessel verspottete er ihre Nervosität. „Indem wir dir einen neuen Look verpassen. Einer, der die Frau herausarbeitet, die du bist, nicht das Mädchen, das du einmal warst. Neue Frisur, neue Garderobe, dann präsentieren wir dich der Öffentlichkeit. Das Sweetheart der Nation ist erwachsen geworden. Grandiose Publicity.“

Unruhig setzte sie sich um. „Bei dir hört sich das an, als gehörte ich zum Inventar.“

Er lachte. „Aber das tust du doch. Dein Image bewirbt ein Produkt, um größtmögliche Absatzzahlen zu erzielen. Allerdings ist dein Haltbarkeitsdatum abgelaufen – es sei denn, du bist bereit, dich neu zu erfinden.“

So etwas wie Bedauern stieg in ihr auf, als sie in sein hartes Gesicht sah. So unschön ihre Beziehung auch geendet war, da hatte es immer noch einen Teil in ihrem Herzen gegeben, in dem für Loukas …

Was? Zuneigung lebendig war?

Nein, Zuneigung war zu schwach, um das Gefühl zu beschreiben, das sie für Loukas Sarantos empfunden hatte. Sie hatte ihn geliebt, obwohl sie immer gewusst hatte, dass sie nicht zueinander passten. Es wäre gelogen zu behaupten, sie würde keinen Kummer verspüren, wenn sie manchmal an ihn dachte, Kummer in ihrem Herzen und einen ganz anders gearteten Schmerz in ihrem Körper. Manchmal lag sie nachts im Bett und malte sich aus, wie anders es hätte sein können, wenn …

Jetzt allerdings machte er sie nur wütend und frustrierte sie. Am liebsten hätte sie mit den Fäusten auf ihn eingetrommelt. Was aber viel schlimmer war … da flammte tatsächlich der Wunsch in ihr auf, ihn zu küssen. Sie sah die Bilder vor sich, wie sie früher zusammen im Bett gelegen hatten, meinte, die Gefühle zu verspüren, die er früher in ihr erweckt hatte … Großer Gott, wie peinlich war das denn!

Sie starrte in seine spöttisch blickenden Augen, sagte sich, dass diese plötzliche Sehnsucht völlig irrelevant sei. Nicht nur das, solche Gedanken waren auch gefährlich. Aus der Verbindung mit ihm konnte nichts Gutes herauskommen. Er wollte sie verändern, wollte sie zu jemandem machen, der sie nicht war. Hielt ihr unverblümt ihre Unzulänglichkeiten vor, während er sich als der große Sieger präsentierte. Wollte sie das wirklich mit sich machen lassen? „Warum tust du das, Loukas?“

„Weil ich es kann.“ Er lächelte. „Warum wohl sonst?“

Sie stand auf. „Es wird nicht funktionieren“, sagte sie. „Es tut mir leid, aber ich kann mir nicht vorstellen, mit dir zusammenzuarbeiten.“

„Es wird dir auch leidtun“, entgegnete er samten. „Meine Anwälte haben sich deinen Vertrag genau angesehen. Lehne diesen Job ab, und du hast keinerlei Anspruch auf eine Abfindung. Dann gehst du hier mit leeren Händen zur Tür hinaus.“

Das Bild von Hannah, die unbeschwert und glücklich mit dem Rucksack auf dem Rücken durch Thailand trampte, tauchte vor ihrem geistigen Auge auf. Hannah, die von der Cambridge University angenommen worden war. Ihre Teenager-Halbschwester, die am anderen Ende der Welt nichts davon ahnte, was zu Hause vor sich ging. Was würde sie dazu sagen, dass ihre Zukunft von einem Mann mit schwarzen Augen und einem Herzen aus Stein abhing?

Jessica nahm ihre Handtasche. Sie musste sich eben etwas einfallen lassen. Sie würde schon Arbeit finden, in Cornwall. Sie konnte kochen und putzen, oder in einem der Geschäfte als Verkäuferin arbeiten. Ihre Stickereien verkauften sich gut zu Hause, und Handarbeiten wurden immer populärer. Sie würde mehr davon herstellen. Es gab also viele Möglichkeiten, und jede davon war besser, als auch nur noch eine Minute länger mit diesem Mann in einem Raum zu bleiben. Mit dem Mann, den sie einst geliebt hatte und dem es ein grausames Vergnügen zu bereiten schien, sie sich winden zu sehen.

„Vielleicht solltest du mal darüber nachdenken, dein Image zu ändern statt meines“, schlug sie leise vor. „Dieses Macho-Gehabe ist passé.“

„Glaubst du?“ Mit zusammengekniffenen Augen musterte er sie, wie sie vor ihm stand. „Ich muss sagen, bisher bin ich immer gut damit gefahren. Vor allem Frauen scheinen auf das Höhlenmenschenimage zu fliegen. Du doch früher auch.“

Mit dem Mittelfinger beschrieb er kleine Kreise auf den vor ihm liegenden Unterlagen, und unwillkürlich musste Jessica daran denken, dass er das früher auf ihrer Haut getan hatte.

Er sah auf und lächelte … ein kaltes, grausames Lächeln, als wüsste er genau, was in ihrem Kopf vorging. „Richtig“, sagte er leise. „Ich will dich noch immer, Jessica. Mir war es nicht so ganz klar, bis ich dich heute wiedergesehen habe. Und du solltest wissen, dass ich heutzutage alles bekomme, was ich will. Ich lasse dir Zeit, um es dir noch zu überlegen, aber meine Geduld hält nicht ewig. Lange werde ich also nicht warten.“

„Bemühe dich nicht“, erwiderte sie nur und verließ sein Büro mit hämmerndem Herzen.

Er folgte ihr nicht. Hatte sie das etwa tatsächlich erwartet? Vielleicht schon. Vielleicht lebte da noch genug von der alten Jessica in ihr, die sich gewünscht hatte, er würde mit ausholenden Schritten zu ihr kommen und sie auf seine Art überzeugen. Welche Frau konnte schon behaupten, sie wäre komplett immun gegen die düstere Aura von Macht, dazu intensiviert durch das Vermögen im Hintergrund?

Sie schüttelte den Kopf, als sie zum Gebäude hinaustrat. Suzy hatte recht gehabt, der Mann war tatsächlich gefährlich. Gut, dass sie gegangen war, solange sie noch konnte, und ihn in der Vergangenheit zurückließ, wo er hingehörte.

Nach langen Stunden Fahrt mit Zug und Taxi war Jessica endlich wieder zu Hause. Doch der Anblick des kleinen Hauses direkt an der Atlantikküste vermochte es dieses Mal nicht, ihr das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln. Eisiger Regen schlug ihr entgegen, als sie aus dem Taxi stieg, das Donnern der Brandung war ohrenbetäubend, aber heute konnte sie dem nichts abgewinnen, im Gegenteil. Heute schien ihr das Rauschen eher ein Laut der Einsamkeit, angefüllt mit unguten Ahnungen.

Und natürlich war das Haus leer. Ohne ihre Halbschwester war es so still hier. Das Klicken des Schlosses, als sie die Tür hinter sich zudrückte, hallte durchs Haus. Sie vermisste Hannah. Sehr. Wer hätte das vermuten können, denn es war alles andere als eitel Sonnenschein gewesen, als Jessicas Vater die Mutter verlassen hatte, um seine langjährige Geliebte zu heiraten, die damals schon schwanger mit Hannah gewesen war.

Die hässliche Scheidung der Eltern hatte Jessica zutiefst verletzt, noch dazu die Neuigkeit, dass sie jetzt eine Stiefmutter und eine Halbschwester bekommen würde. Spannungen hatte es mehr als genug in dieser Patchwork-Familie gegeben, vor allem, nachdem Jessicas Mutter bald darauf gestorben war. Wollte man den im Städtchen kursierenden Gerüchten Glauben schenken, an einem gebrochenen Herzen. Jessica hatte sich Mühe gegeben, eine gute Beziehung zu ihrer Stiefmutter aufzubauen und die mit ihrem perfektionistischen Vater zu verbessern … bis zu dem schrecklichen Tag, an dem eine Lawine beide Mädchen zu Waisen machte.

Von da an hieß es „Schwimmen oder untergehen“. Jessica war achtzehn gewesen, Hannah zehn, als der ernste Polizist an die Tür geklopft hatte, um die Nachricht zu überbringen. Und dann musste Jessica auch noch herausfinden, dass ihr Vater Schulden gemacht und als Sicherheit ihre zukünftigen Einkünfte vom Tennis angegeben hatte – die sich aber nicht mehr realisierten. Der aufwändige Lebensstil war mit Geld finanziert worden, das die Familie gar nicht hatte.

Viel war vom Verkauf der großen Villa nicht übrig geblieben, Jessica hatte nicht gewusst, wie es mit ihr und Hannah weitergehen sollte. Die Offerte von Lulu war ein Geschenk des Himmels gewesen. Nicht nur konnte sie die laufenden Rechnungen zahlen, sondern die flexible Arbeitszeit des Jobs bot auch die Möglichkeit, ein herzliches und enges Verhältnis zu ihrer Halbschwester aufzubauen, das einen so holprigen Start gehabt hatte.

Und als Hannah kurz vor Weihnachten von Heathrow abgeflogen war, da hatte Jessica sogar geweint – aber natürlich erst, nachdem die Maschine schon abgehoben hatte. Nicht nur, weil sie einfach daran gewöhnt war, Gefühle zu verbergen, sondern auch, weil sie wusste, dass das der Lauf des Lebens war – man musste loslassen können.

Und heute war es eben so weit, dass sie ihre Teilzeit-Model-Karriere loslassen musste. Es war ja auch nie geplant gewesen, dass es ewig dauern würde. Es war eine gute Zeit gewesen, aber jetzt musste sie sich neu orientieren und sich etwas anderes suchen.

Jessica kaute an ihrer Lippe und sah auf den eisigen Januarregen, der an den Fensterscheiben herablief. Loukas’ spöttische Miene versuchte sie aus ihren Gedanken zu verbannen. Sie würde sich eben etwas überlegen müssen.

Ihr blieb gar nichts anderes übrig.

3. KAPITEL

Wenn es kam, dann kam immer alles auf einen Schlag und wenn man am wenigsten darauf vorbereitet war. In Jessicas Fall folgten drei Dinge direkt aufeinander, die sie ihre Entscheidung, Loukas Sarantos’ Büro und sein Jobangebot hinter sich zu lassen, bereuen ließen: Ihre Waschmaschine verabschiedete sich, an ihrem Auto wurde eine Reparatur nötig, und Hannah war in Thailand das Portemonnaie gestohlen worden.

Als Hannahs tränenreicher Anruf kam, hatte Jessica sich zuerst von der Panik des Teenagers anstecken lassen, bis sie dann überlegt hatte, dass es viel schlimmer hätte kommen können. Und nachdem die Angst auf ein zu kontrollierendes Level gesunken war, blieb nur der Frust. Die Ereignisse hatten sie wachgerüttelt, sie sah sich gezwungen, ihre finanzielle Lage realistisch zu betrachten. Bildete sie sich wirklich ein, sie könnte von ein paar gerahmten Stickereien leben? Das reichte vielleicht, um die Stromrechnung zu bezahlen, aber mehr auch nicht.

Sie starrte zum Fenster hinaus auf die gischtgekrönte Brandung, die an den felsigen Strand schlug. Natürlich gab es Alternativen. Sie konnte das Haus verkaufen und in eine Wohnung umziehen, ohne diesen grandiosen Blick, der den Wert der Immobilie ausmachte. Aber das Haus war ihre Sicherheit, ihr Fundament. Sie hatte schon ihr Elternhaus verkaufen müssen, und sie hatte nicht vor, hier so schnell wieder wegzuziehen. Und wie sollte sie Hannah das antun können? Ihre Halbschwester hatte in ihrem jungen Leben schon so vieles verloren.

Loukas’ Worte hallten in ihren Ohren nach. Ich habe nicht ewig Geduld. Lange werde ich nicht warten.

Sie griff zum Telefon und wählte die Nummer, bevor sie ihre Meinung änderte, rief in der Firma an und bat, zu ihm durchgestellt zu werden. Wahrscheinlich ist er gar nicht mehr interessiert, dachte sie, als sie mit klopfendem Herzen darauf wartete, verbunden zu werden. Ich habe sein Macho-Ego angekratzt.

„Jess.“ Seine tiefe Stimme drang in ihre Gedanken.

„Loukas?“ Was für eine dumme Frage! Wer sonst konnte erotische Erinnerungen vor ihr auferstehen lassen, einfach indem er ihren Namen aussprach?

„Warum bin ich nicht überrascht?“, drang es durch die Leitung. „Ich habe deinen Anruf erwartet, auch wenn er nicht so schnell gekommen ist, wie ich dachte.“ Stille. „Was willst du?“

Jessica schloss die Augen. Er wusste doch genau, was sie wollte. Würde er sie jetzt zu Kreuze kriechen lassen? Nun, vielleicht musste sie ihren Stolz schlucken, aber das hieß nicht, dass sie ihm die Stiefel lecken würde.

„Ich habe darüber nachgedacht, was du gesagt hast, und nach reiflicher Überlegung bin ich zu dem Schluss gekommen“, sie öffnete die Augen wieder und holte tief Luft, „dass das Angebot zu gut ist, um es auszuschlagen. Das heißt, wenn es noch steht.“

Am anderen Ende ballte Loukas die Faust und lockerte sie wieder. Ihre kühle gefasste Art frustrierte ihn mehr als ihr Widerspruch. Es gefiel ihm besser, wenn sie sich wütend wehrte und ihr Temperament überschäumte. Feuer ließ sich löschen, aber Eis zum Schmelzen zu bringen beanspruchte Zeit. Die hatte er genauso wenig wie den Wunsch, aus Jessica Cartwright ein Langzeitprojekt zu machen. Sie war einer von den Punkten auf seiner Liste, die es abzuhaken galt. Vor Verbitterung krampfte sich ihm das Herz zusammen, während sein Körper bei dem Gedanken an sie vor Lust glühte. Sie war etwas, das er zu Ende bringen musste. Er begehrte ihren Körper, und er würde sich an ihr gütlich halten, bis er genug von ihr hatte, und danach würde er gehen und sie endgültig vergessen.

„Loukas?“

Ihre Stimme ließ ihn an all die kleinen erotischen Nichtigkeiten denken, die sie ihm früher zugeflüstert hatte. Seine kleine unschuldige Jungfrau hatte schnell gelernt und war zur sinnlichen Gespielin geworden, eine sinnlichere hatte er nie in seinem Bett gehabt.

„Loukas, bist du noch dran?“

Es zog unangenehm in seinem Schritt. „Ja.“ Seine Stimme klang leicht rau. „Wir müssen reden.“

„Wir reden doch jetzt.“

„Persönlich.“

„Aber ich dachte …“

Ihre Unsicherheit verschaffte ihm enorme Befriedung. Heute hatte er das Sagen. „Was dachtest du, Jess? Dass du mich nicht mehr zu sehen brauchst?“

Sie räusperte sich. „Nun, ja. Normalerweise arbeite ich mit Stylisten und der Agentur zusammen, und natürlich mit den Fotografen.“

„Unter meiner Leitung läuft es anders. Du wirst nach London kommen und dich bei der neuen Agentur vorstellen müssen. Ich lasse ein Hotelzimmer für dich reservieren.“

„Natürlich. Wann?“

„So bald wie möglich. Ich schicke dir einen Wagen, der dich am Nachmittag abholt.“

„Du erwartest, dass ich innerhalb weniger Stunden fertig bin?“ Sie schnappte nach Luft.

„Hast du etwa andere Termine?“

„Möglich.“ Sie zögerte. „Vielleicht habe ich ja eine Verabredung.“ Sie wusste selbst nicht, warum sie das sagte.

Am anderen Ende blieb es einen Moment lang still. „Dann sage ab, Püppi.“

Püppi. Jessica biss sich auf die Zunge. Früher hatte er sie immer so genannt, aber nie mit solcher Verachtung. „Und wenn ich das nicht will?“

„Lass uns nicht so anfangen, Jess. Deine erste Absage hat mich bereits irritiert, inzwischen beginnen deine Spielchen mich zu ärgern. Überschätze deinen Wert nicht, treib’s nicht zu weit.“

„Soll mich das jetzt einschüchtern?“

„Es soll dir deutlich machen, wo wir beide stehen.“ Er schwieg einen Moment, und als er wieder sprach, schlug er einen anderen Ton an – schwül und samten. „Hast du wirklich eine Verabredung?“

Sie wollte schon Ja sagen, wollte einen sündhaft attraktiven Mann erfinden, der ihr Rosen schenkte und sie zum Dinner ausführte und sie nach Champagner und Austern leidenschaftlich liebte, aber das Bild zerplatzte, noch bevor es sich in ihrem Kopf voll entfalten konnte. Jeder Mann außer Loukas ließ sie kalt, so traurig es auch war. „Nein“, antwortete sie ehrlich.

„Gut. Dann sehen wir uns also später.“ Seine Genugtuung war nicht zu überhören. „Ach … und bring deinen Reisepass mit.“

„Wozu?“

„Wozu wohl? Das Shooting mit dem neuen Team wird an exotischen Schauplätzen stattfinden“, antwortete er ungeduldig. „Steck den Pass einfach ein, okay? Es ist sicher nicht so, als müsste ich jeden Schritt von dir absegnen lassen.“ Damit beendete er das Gespräch.

Frustriert starrte Jessica auf ihr Telefon. Ihr würde nichts anderes übrigbleiben, als ihr Image zu ändern. Sie würde es mit sich machen lassen und für die Kamera lächeln, und sie würde ihr Bestes geben, um den Job so lange wie möglich zu behalten. Aber das war auch alles. Sie wusste, was Loukas von ihr wollte, aber das gehörte nicht zu ihrer Arbeitsplatzbeschreibung.

Nein, sie war nicht verpflichtet, mit ihm zu schlafen.

Als dann später die schwarze Limousine über den Feldweg auf ihr Haus zukam, war Jessica fertig. Der uniformierte Chauffeur verstaute ihren Koffer im Wagen, während sie auf die Rückbank glitt.

Auf der Fahrt starrte sie aus dem Fenster auf die graue Winterlandschaft. Ihre Gedanken wanderten zurück in die Vergangenheit und zu Loukas …

Er hatte ihr immer beim Training zugesehen, lange bevor sie einander kennenlernten.

Die Straße führte genau am Tennisplatz vorbei, als sie noch in dem großen Haus gelebt hatte. Und jeden Tag würde sie die große dunkle Gestalt am Zaun stehen sehen. Ihr Vater würde jedes Mal einen Anfall bekommen, aber es war eben öffentliches und für jeden zugängliches Gebiet, und er konnte nichts unternehmen. Nicht, dass er es gegen den griechischen Leibwächter gewagt hätte. Sie selbst hatte ja auch ein wenig Angst vor ihm, er war wirklich einschüchternd, und wie er auf ihre Beine starrte … Es war schwierig, das Gefühl zu beschreiben, das er in ihr weckte. Und dann verschlug sie immer jeden Ball.

„Er ruiniert dir die Karriere!“, hatte ihr Vater gedonnert, und sie hatte versprochen, sich nie mit dem Mann zu treffen – obwohl er sie da noch gar nicht um eine Verabredung gebeten hatte.

Aber dann war sie ihm in der Stadt begegnet. Ihr Vater war mit seiner Frau und Hannah nach London gefahren, und Jessica hatte den ganzen Tag für sich allein gehabt. Einer der wenigen Tage, an denen sie keinen Tennisball angerührt hatte, und es fühlte sich wie die große Freiheit an. Sie war in den Süßwarenladen gegangen, um sich Schokolade zu kaufen, und wollte gerade nach einer Tafel greifen, als sie die tiefe Stimme hinter sich hörte.

„Meinst du, das ist gut für dich?“

Sie drehte sich um und schaute in die schwarzen Augen, und in diesem Moment passierte etwas … etwas Magisches. Als würde ihr Herz plötzlich in Flammen stehen. Sie konnte sich nicht mehr erinnern, was sie geantwortet hatte, aber das war auch nicht wichtig. Nur seine Nähe zählte noch.

Sie hatte angeboten, ihm das berühmte Bohrloch in den Klippen zu zeigen, das aussah wie der Einschlag einer gigantischen Bombe. Seine Schritte waren so viel länger als ihre, und der Wind wehte ihr den Pferdeschwanz ins Gesicht, als sie Seite an Seite in die Tiefe hinunterblickten. Er sagte, dass ihn das Loch an die Diamantmine seines russischen Bosses erinnere, aber sie hatte kein besonders großes Interesse an Diamanten. Sie wünschte sich nur, er würde sie endlich küssen, und er musste es gespürt haben, denn mitten im Satz brach er ab und sagte dann: „Oh, das also willst du, Miss Tennis“, und dann hatte er sie bei den Armen gefasst, sie an sich gezogen und langsam den Kopf gebeugt. Und sie war verloren gewesen.

Dieser Kuss besiegelte eine Vereinbarung, die sie nie explizit getroffen hatten. Jessica hatte sofort daran gedacht, mit ihm zu schlafen, das Verlangen war so groß, doch ihr Instinkt warnte sie auch, dass er an Frauen gewöhnt war, die ihm zu Füßen sanken, und dass sie sich vorerst besser zurückhalten sollte.

Zwei Wochen hatte sie es geschafft – eine Ewigkeit! –, bevor sie ihm erlaubte, ihr die Unschuld zu nehmen. Hatte ein Teil von ihr sich die ganze Zeit über gefragt, ob all die sinnlichen Versprechen überhaupt erfüllt werden konnten, so stellte sie bald fest, dass es tatsächlich möglich war. Und das zur vollsten Zufriedenheit! Und sie, die sich immer auf ihren Körper verlassen hatte, bei Wettkämpfen Höchstleistungen zu bringen und mit allen Schmerzen und Verletzungen fertig zu werden, hatte einen völlig neuen Verwendungszweck für ihn gefunden. Ihr Körper war in der Lage, ihr ein so intensives Vergnügen zu bereiten, dass der Rest der Welt ausgeblendet wurde. Loukas raubte ihr den Atem, entlockte ihr Seufzer und Schreie und ließ sie vor purer Freude explodieren. Sie war dem Sex verfallen … und ihm.

Sie hatten jeden Moment ausgenutzt, den sie sich stehlen konnten, und wahrscheinlich verstärkte die Heimlichtuerei noch alles. Loukas hatte ihr gesagt, dass sein Boss nichts von der Beziehung hielt, und Jessica wusste, dass ihr Vater durch die Decke gehen würde, sollte er es herausfinden. Was sie nicht davon abhalten konnte, sich in Loukas zu verlieben. Und dann sprudelte es auch eines Abends aus ihr heraus. Sein zufriedenes Lächeln würde sie nie vergessen …

Genauso wenig konnte sie den Tag vergessen, an dem ihr Vater ihre Pillenpackung gefunden hatte. Noch heute krümmte sie sich, wenn sie an die peinliche Szene dachte. Sie hätte ihrem Vater sagen sollen, dass es ihn nichts anginge, dass es allein ihre Sache sei. Doch mit gerade achtzehn und ein Leben lang daran gewöhnt, gesagt zu bekommen, was sie zu tun hatte, wagte sie es nicht. Ihr Vater hatte Loukas zur Rede gestellt, hatte ihm vorgeworfen, seine Tochter auszunutzen und ihm damit gedroht, seinen Chef zu informieren. Und was hatte Loukas getan? Er hatte die Schultern gereckt, als würde er in die Schlacht ziehen, und hatte um Jessicas Hand angehalten.

Sie hatte Nein gesagt. Was sonst hätte sie auch sagen können? Sie wusste doch, er wollte sie nur heiraten, weil er meinte, das Anständige tun zu müssen. Nein, sie würde diesen stolzen Mann nicht in einer Beziehung an sich fesseln, die er so nie vorgehabt hatte. Sie konnte sich sie beide in zehn Jahren nicht wirklich vorstellen. Außerdem war ihr ihre Karriere zu wichtig, um sie wegen einer so unsicheren Zukunft zu riskieren. Sie war nicht bereit, alles wegzuwerfen, nur wegen Loukas’ übertriebenem Pflichtgefühl.

Sie hatte die Beziehung beendet, und ihr Herz war gebrochen gewesen, auch wenn sie sicher war, das Richtige getan zu haben. Sie hatte mitverfolgen können, wie seine Miene sich veränderte und seine Augen noch dunkler wurden, und dann hatte er aufgelacht – ein bitteres, grimmiges Lachen, so als hätte sie nur bestätigt, was er schon lange wusste. Und gleißender Schmerz hatte sie durchzuckt, als er sich wortlos umgedreht hatte und davongegangen war.

Das war das letzte Mal, das sie ihn gesehen hatte, bis sie das Chefbüro bei Lulu betrat und dem Leibwächter gegenüberstand, der inzwischen zu einem internationalen Tycoon geworden war. Ungläubig schüttelte sie den Kopf. Wie hatte er das bewerkstelligt?

Die Limousine hielt jetzt vor dem Vinoly. Hier war sie noch nie abgestiegen. Bisher hatte man sie immer im Granchester untergebracht, wenn sie in London zu tun hatte.

Der Chauffeur hielt den Wagenschlag für sie. „Mr Sarantos lässt ausrichten, dass eine Suite auf Ihren Namen gebucht wurde und dass Sie sich alles bestellen sollen, was Sie wünschen.“

Jessica nickte dankend und betrat das Foyer. Als Erstes fiel ein großes rotes Plüschsofa auf, geformt wie ein Lippenpaar. Plexiglasstühle hingen an Ketten von der Decke. Junge Leute in Jeans und teuren Blazern tummelten sich hier, tranken Kaffee und arbeiteten konzentriert an ihren Laptops.

Die Rezeptionistin reichte Jessica lächelnd eine Schlüsselkarte, zusammen mit einem Umschlag. „Das wurde für Sie abgegeben. Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt, Miss Cartwright. Der Page wird Ihnen Ihre Suite zeigen.“

Ein Blick auf den Umschlag, und sofort erkannte Jessica Loukas’ schwungvolle, energische Handschrift. Sie wusste von ihm, dass seine Schulbildung dürftig gewesen war, er hatte sich Lesen und Schreiben selbst beigebracht. Mit siebzehn hatte er außer dem Führerschein keinerlei abgeschlossene Qualifikation gehabt. Das war allerdings auch schon alles, was sie über ihn wusste. Über seine Kindheit hatte er nie geredet, und wann immer sie es gewagt hatte, eine Frage zu stellen, war ein düsterer Schatten über sein Gesicht gezogen und seine Züge waren verschlossen und grimmig geworden.

Sie wartete, bis sie allein in der Suite war, bevor sie den Umschlag öffnete, so gespannt auf die Nachricht, dass sie die nüchterne Einrichtung der Suite überhaupt nicht bemerkte.

Loukas’ Nachricht war auch eher spärlich.

Ich hoffe, du hattest eine angenehme Fahrt. Wir treffen uns unten im Speisesaal um acht. Im Schrank hängt ein schwarzes Kleid. Trage es zum Dinner.

Jessicas Mund wurde trocken. Eine unmissverständliche Anweisung, die fast sinnlich klang. War das seine Absicht? Prickelnde Erwartung in ihr zu wecken und heiße Sehnsucht in ihr zu entfachen? Sie ging zum Schrank und fand das Kleid darin auf einem Bügel. Es wunderte sie nicht, das Namenslabel eines bekannten Designers eingenäht zu finden. Klassisch-elegant, figurbetont geschnitten, und sie stellte sich vor, wie hervorragend es sitzen würde. Wie sexy sie darin aussehen würde. Es war die Art Kleid, das eine Frau in dem Wissen trug, dass ein Mann es ihr später ausziehen würde. Und war da nicht auch ein kleiner Teil von ihr, der versucht war, es zu tragen?

Mit pochendem Herzen wandte sie sich von der Versuchung und allem, was dieses Kleid repräsentierte, ab und blickte zu ihrem Koffer. Loukas’ gebieterischer Ton stieß ihr auf. Er hatte nicht das Recht, ihr vorzuschreiben, was sie anzuziehen hatte. Das Shooting hatte noch nicht einmal angefangen, und schon tat er so, als wäre sie sein Eigentum. Dass er sie für die Arbeit herbeorderte, war eine Sache, aber er hatte nicht zu entscheiden, was sie in ihrer Freizeit anzog.

Pünktlich um acht erschien Jessica frisch geduscht und umgezogen im Restaurant und nannte dem Maître ihren Namen. Äußerlich wirkte sie völlig gefasst, aber ihre Finger zitterten leicht, als man sie zu dem Tisch führte, an dem Loukas bereits saß.

Dieses Mal war sie vorbereitet, dennoch nutzte es wenig hinsichtlich der Wirkung, die dieser Mann auf sie ausübte. Der flackernde Kerzenschein fiel auf sein Gesicht, er saß am besten Tisch des Hauses und sah aus, als würde er sich wie zu Hause fühlen, als würde ihm alles hier gehören. Sie beobachtete, wie seine Augen sich verdunkelten, als sie an den Tisch trat, doch das Zucken an seiner Schläfe verriet Ärger, nicht Lust.

Und plötzlich bereute sie ihren Trotz, der sie dazu getrieben hatte, ihr eigenes cremefarbenes Kleid zu diesem Dinner zu tragen. Sie kam sich blass und unscheinbar unter all diesen exquisit gekleideten Frauen im Raum vor. Aber … es war ihr eben wichtiger gewesen, ihre Unabhängigkeit zu bewahren und ihrem ehemaligen Lover die Botschaft zu übermitteln, dass sie selbst über sich bestimmte, ganz gleich, wie sehr sie den Job brauchte.

Er schwieg, bis sie sich gesetzt und man ihr die Karte gereicht hatte, und winkte den Kellner dann mit einer ungeduldigen Geste fort.

„Hatte ich dir nicht mitgeteilt, du sollst das schwarze Kleid anziehen?“ Seine dunkle Stimme strich ihr wie rauer Samt über den Rücken.

Sie hielt seinem Blick stand. „Keine Frau lässt sich von einem Mann vorschreiben, was sie anzuziehen hat.“

„Ich bin da anderer Meinung“, sagte er gefährlich leise. „Wieso solltest du dich weigern, ein teures Kleid zu tragen, in dem du umwerfend aussehen würdest?“

„Weil ich deine teuren Kleider weder will noch brauche.“

„Ich verstehe.“ Nachdenklich legte er einen Finger an die Lippen. „Und ich nehme an, du hast diesen nichtssagenden Aufzug gewählt, damit ich gar nicht erst auf die Idee komme, Interesse zu entwickeln?“

Sie spürte Hitze in ihren Wangen aufsteigen. Mit ihrer Garderobe hatte sie noch nie Eindruck schinden wollen, aber er brauchte es auch nicht so verächtlich auszudrücken. „Früher hast du dich nie über meine Garderobe beschwert.“

„Früher war ich auch noch jung und mehr daran interessiert gewesen, dich nackt zu sehen.“ Er warf ihr ein schmales Lächeln zu. „Und nach deinem anfänglichen Zögern war das ja auch nie ein Problem.“

„Nun, über diesen Aspekt brauchst du dir heute zumindest keine Gedanken mehr zu machen.“

„Diesen Aspekt?“, hakte er amüsiert nach. „Nicht so schamhaft, Jess. Wenn du damit Sex meinst, warum sagst du es dann nicht offen?“

„Na schön.“ Sie war froh, dass das Kerzenlicht die Röte ihrer Wangen kaschierte, und hob die Speisekarte vielsagend an. „Sex steht nicht auf dem Menü, fürchte ich.“

Lächelnd setzte er sich zurück. „Dein Auflehnen ist anregend, hauptsächlich, weil ich nicht damit gerechnet habe.“

„Nicht?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich hätte er...

Autor

Sharon Kendrick
Fast ihr ganzes Leben lang hat sich Sharon Kendrick Geschichten ausgedacht. Ihr erstes Buch, das von eineiigen Zwillingen handelte, die böse Mächte in ihrem Internat bekämpften, schrieb sie mit elf Jahren! Allerdings wurde der Roman nie veröffentlicht, und das Manuskript existiert leider nicht mehr.

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