Der Tycoon und die Herzensdiebin

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Diebin! Wütend verbannt der griechische Tycoon Xander Xenakis seine junge Geliebte Laurel von der Jacht. Sie hat das wertvolle Rubinarmband einer Familienfreundin entwendet, in ihrer Kajüte wurde das Schmuckstück gefunden! Sieben Jahre später findet Xander heraus, dass Laurel ihm noch mehr gestohlen hat: Zeit mit seinem Sohn, von dem er nichts wusste. Er besteht auf einem „Familienurlaub“ in einer Luxusvilla vor den Toren Londons. Und erkennt, wie räuberisch Laurel immer noch ist. Diesmal ist sein Herz ihre Beute …


  • Erscheinungstag 07.07.2026
  • Bandnummer 2760
  • ISBN / Artikelnummer 9783751541954
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Julia James

Der Tycoon und die Herzensdiebin

1. KAPITEL

„Hier entlang. Bleib dicht bei mir.“

Laurel hielt die Hand ihres Sohnes ganz fest. Er war erst sechs Jahre alt, und das Kaufhaus – eines der vornehmsten in London – war überfüllt. Die luxuriöse Spielzeugabteilung sollte der Höhepunkt nach dem Besuch im Naturkundemuseum sein, wo sie sich die Dinosaurier angesehen hatten. Der Tag war als kleine Belohnung für Dan während der Ferienwoche im Februar gedacht. Anschließend wollten sie mit der U-Bahn nach Hause fahren.

Laurels angespannte Finanzen reichten nur für ein kleines Spielzeug. Ihre Miene veränderte sich, als sie an den Vitrinen im Erdgeschoss vorbeigingen, in denen Handtaschen für sehr, sehr viel Geld und zarte Schals für noch mehr Geld auslagen. Gab es wirklich Menschen, die solche Dinge, ohne zu zögern, kauften?

Das war eine rhetorische Frage. Sie wusste, dass es solche Menschen gab. Einer von ihnen war der Vater ihres Sohnes.

Laurel wollte nicht an ihn denken. Das tat sie nie. Vor sieben Jahren hatte er sie brutal und rücksichtslos aus seinem Leben verbannt, sie von seiner Jacht geworfen und am Kai von Piräus, dem Hafen von Athen, zurückgelassen. Mit erhobenem Kopf war sie davongegangen, innerlich kochend vor Wut über die falschen Anschuldigungen. Sie hatte sich geweigert, ihre Sicht durch Tränen verschwimmen zu lassen ...

Sinnlose, nutzlose Tränen. Zornige Tränen. Schlimmer als zornig.

Doch in all dem Chaos hatte es einen Trost gegeben. Weder sie noch er wussten damals, dass sie schwanger gegangen war.

Ihr Blick wurde weicher, als sie auf dem Weg zu den Aufzügen auf ihren Sohn schaute. Obwohl Dan das dunkle Haar und die dunklen Augen seines Vaters besaß, hatte er auch etwas von ihrem eigenen Vater, einschließlich des Namens, geerbt, worüber sie sehr froh war.

Ihrem Vater war es gelungen, aus dem kleinen Reihenhaus im Norden Londons ein richtiges Zuhause zu machen. Nach dem Tod seiner Frau vor einigen Jahren hatte er Trost in seinem Enkel gefunden. Leider erwies sich seine Arbeit im Baugewerbe als überhaupt nicht gut für seine Gesundheit. Er starb, als Dan erst drei Jahre alt war. Laurel blieb zwar ein Dach über dem Kopf, aber trotz Sozialleistungen und ihres Jobs als Online-Nachhilfelehrerin reichte das Geld hinten und vorne nicht. Aber wenigstens konnte sie nun arbeiten, wenn Dan in der Schule war, und zusätzlich am Abend, wenn er im Bett lag. Das half.

Es brachte aber auch neue Sorgen mit sich. Die Klassen waren groß, die Lehrer wechselten oft und viele Kinder stammten aus problematischen Familien. Laurel tat ihr Bestes, um Dan nachmittags zu helfen, trotzdem fürchtete sie, dass er nicht richtig im Unterricht mitkam. Sie wusste genau, wie wertvoll Bildung war, weil sie es nur dank ihrer guten Noten an die Universität geschafft hatte.

Die Ironie, dass die Karriere, die sie sich erhofft hatte, mit Dan unmöglich geworden war, war ihr absolut bewusst.

Aber die Karriere kann warten! Im Moment ist nur Dan wichtig. Diese kostbaren Jahre mit ihm ...

Auch wenn es bedeutete, jeden Cent zweimal umzudrehen, und jede Rechnung eine zusätzliche Sorge war, würde sie es niemals bereuen, Dan bekommen zu haben. Er war das Licht ihres Lebens, ihre Freude, ihr ganzes Glück. Für ihn würde sie alles tun ...

Alles!

Als sie sich den Aufzügen näherten, drückte sie seine Hand fester. Andere Kunden warteten mit ihnen. Als der Lift hielt, zog Laurel Dan beiseite, um die Ankommenden erst aussteigen zu lassen. Sie hob den Kopf und spürte, wir ihr das Blut aus dem Gesicht wich.

Ungeduldigen Schrittes trat Xander aus dem Aufzug. Er kam von einem ausgedehnten Lunch mit Fabia in dem renommierten Dachrestaurant des Kaufhauses zurück und wollte wieder ins Hotel, um zu arbeiten. Später würde er noch ins Fitnessstudio gehen. Er kannte Fabia schon eine ganze Weile, und sie war mehr als bereit, ihm über das Scheitern seiner Ehe hinwegzuhelfen.

Rasch verdrängte er den Gedanken an seine Ehe. Es hatte keinen Sinn, über die Vergangenheit nachzudenken. Ob es daran lag, dass er seine Frau enttäuscht hatte, oder an den Kindern, die sie trotz vieler medizinischer Tests nie hatten bekommen können ...

Auch diesen Gedanken schob er beiseite. Es gab noch eine andere Vergangenheit, an die er sich aber nie erlaubte, zurückzudenken. Als er jedoch den Aufzug verließ, reckte ausgerechnet diese Vergangenheit sich wie eine Schlange empor und verschlang ihn mit Haut und Haaren ...

Der Vollmond tauchte das Meer in silbriges Licht. Die Jacht lag vor Anker, die Wellen waren in der geschützten Bucht kaum zu spüren. Sie standen an der Reling und blickten auf das Wasser hinaus.

„Wunderschön“, seufzte sie.

Er lachte leise. „Nicht so wunderschön wie du ...“

Mit einer Hand strich er über ihr goldenes Haar, das sich wie Seide anfühlte. Er spürte, wie sie unter der Berührung erschauerte.

„So, so schön ...“ Seine Stimme klang rau. Sanft drehte er sie zu sich um. Dichte Wimpern betonten ihre großen Augen, ihre zarten Lippen waren leicht geöffnet.

Den ganzen Abend hatte er auf diesen Moment gewartet, hatte sie unauffällig dorthin geführt ... verführt ... vom Champagner zu nippen, während sie auf dem Deck standen und sie sich staunend umschaute, weil sie sich zum ersten Mal auf einer privaten Luxusjacht befand. Dann das Sterne-Menu, das sein Koch zubereitet hatte, die edlen Weine, die ein Kellner servierte, dazu leise Musik aus versteckten Lautsprechern, gedämpftes Licht, um eine sinnliche Atmosphäre zu schaffen ... bis hin zu genau diesem Augenblick, in dem er endlich mit ihr ganz allein war, weil er die Crew in ihre Quartiere geschickt hatte. Endlich konnte er tun, wonach er sich die ganze Zeit gesehnt hatte ...

Verlangen stieg in ihm auf. Noch hielt er sich zurück, um den Moment auszukosten. Dann, als sie ihre Hände auf seine Oberarme legte und den Kopf leicht in den Nacken neigte, presste er seinen Mund auf ihren ... um die Weichheit zu erleben, zu erkunden ... und zu genießen. Voll und ganz genießen. Die ganze Nacht lang ... und die unbeschwerten Tage und die lustvollen Nächte, die auf die erste folgten, während sie sich mit der Jacht von Insel zu Insel treiben ließen, geborgen in einer zeitlosen Idylle.

Bis das Ende kam. Das hässliche, schmutzige Ende.

Er hatte sie weggestoßen, als sei sie ein giftiges Ding.

Und bis zu diesem Moment hatte er sie nicht wiedergesehen.

Instinktiv wich Laurel zurück, wobei sie Dan mit sich zog und ihn, so gut sie konnte, mit ihrem Körper abschirmte. Dann wurden sie von der Menschenmenge in den Aufzug gedrängt.

Vor Schock und Panik wurde ihr schwindelig.

Er hat nichts gesehen ... nichts gesehen ... nichts ... Sie betete mit aller Kraft, dass es so war. Dass Alexandros Xenakis, der ihr in jenem fantastischen Sommer vor langer Zeit das Paradies gezeigt und sie dann daraus verstoßen hatte, nicht seinen Sohn neben ihr erkannt hatte.

Xander eilte auf die Türen nach draußen zu, aber der Schock hallte in ihm nach. Laurel! Diese Frau war Laurel gewesen. Ende zwanzig nun, so wie er jetzt Anfang dreißig war. Der Gedanke versetzte ihm einen Stich, den er zu ignorieren versuchte. Schön, dann hatte er sie also gesehen. Na und? Vor sieben Jahren hatte er sie mit finsterer Miene am Kai in Piräus beobachtet und seither nicht wiedergesehen. Er hatte auch nicht das geringste Interesse an einem Wiedersehen.

Also stürmte er auf die Straße hinaus und hastete in ein wartendes Taxi. Als er sich auf dem Sitz zurücklehnte und die Augen schloss, flackerte sofort das Bild auf, wie sie neben dem Aufzug stand. Und er sah noch etwas anderes – etwas, das bislang nicht in sein Bewusstsein vorgedrungen war. Neben ihr stand ein kleiner Junge und hielt ihre Hand.

Ein seltsames Gefühl, das er nicht einordnen konnte, durchfuhr ihn.

Gut, dann hat sie eben ein Kind. Einen Sohn. Warum auch nicht? Unsere Affäre ist sieben Jahre her. Inzwischen ist sie natürlich mit jemand anderem zusammen. Sie könnte sogar verheiratet sein, verdammt! Oder auch geschieden – wie ich. Das alles geht mich nichts an. Gar nichts!

Wie schwarze Vögel über einem gepflügten Feld kreisten die Gedanken in seinem Kopf. Über einem kargen Feld. Denn hier gab es nichts, wovon Vögel sich ernähren konnten. Also konnten sie sich auch verziehen ... Nur weigerten sie sich wegzufliegen. Stattdessen stürzten sie sich immer wieder auf diesen unfruchtbaren Acker und bohrten mit ihren scharfen schwarzen Schnäbeln in der Erde herum, stocherten ohne Sinn und Verstand.

Vor sieben Jahren habe ich sie von Bord vertrieben. Ich musste es tun. Es gibt nichts mehr, wonach es sich zu stochern lohnt.

Nichts ...

Und trotzdem bohrten die Gedanken weiter.

Laurel versuchte, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren, aber es gelang ihr nicht. Die kleine Zusammenfassung über die Ursachen des Ersten Weltkriegs für ihre Schüler fesselte sie selbst überhaupt nicht. Ihre Gedanken wanderten ständig in alle andere Richtungen davon. Sie schaute durch das Fenster auf den kleinen Garten.

Die Frühlingssonne schien, aber längst nicht so hell und golden wie die Sonne jenes längst vergangenen Sommers in Griechenland ...

Es war so heiß, dass sie in den Schatten unter einem Sonnenschirm in einem Café geflüchtet war. Sie hatte einen Kaffee bestellt und in einem Buch über griechische Geschichte gelesen, von der sie trotz ihres gerade erworbenen Universitätsabschlusses nur sehr wenig wusste.

Eine Bewegung im Augenwinkel hatte ihre Aufmerksamkeit erregt. Sie schaute auf und hielt den Atem an ...

Groß, dunkel und atemberaubend attraktiv, sodass sie lautlos schlucken musste, als er an ihrem Tisch am Rand des steinigen Strandes oberhalb des Hafens vorbeiging. Er setzte sich an einen Tisch in der Nähe und bestellte ebenfalls einen Kaffee. Beim Klang seiner tiefen, samtigen Stimme beschleunigte sich ihr Herzschlag.

Heute war sie allein unterwegs. Ihre Freunde von der Uni waren mit der Fähre zu einer benachbarten Insel gefahren, um dort die Nacht in diversen Clubs zu verbringen. Da Laurel sich nicht fürs Feiern interessierte, war sie hiergeblieben, um einen ruhigen Tag am Strand zu verbringen.

„‚Eine kurze Geschichte Griechenlands‘ ... Verzeihen Sie, aber das ist ein Widerspruch in sich. Die griechische Geschichte erstreckt sich über mehr als viertausend Jahre.“

Überrascht schaute sie auf. Der unglaublich gut aussehende Mann hatte sie angesprochen. Er musterte sie mit einem amüsierten Blick, der eindeutig zeigte, dass ihm gefiel, was er sah.

„Es geht vor allem um das moderne Griechenland“, antwortete sie und deutete auf den Untertitel. ‚Vom Untergang Byzanz' bis zur Gegenwart‘.

„Das“, erwiderte er mit gespielter Ernsthaftigkeit, „ist schon eher nachvollziehbar.“

Sein Kaffee wurde serviert – das traditionelle dunkle und eigentlich untrinkbare Gebräu, von dem Laurel jetzt wusste, dass es ein Erbe der Jahrhunderte dauernden Besatzung durch die Türken war.

„Also, bis wohin sind Sie gekommen?“, fragte er, während er seinen Kaffee umrührte. Das Funkeln in seinen Augen verriet Laurel, dass er sich ganz und gar nicht für ihr Buch interessierte, sondern offensichtlich mit ihr flirtete.

Flirts waren ihr nicht unbekannt und normalerweise reagierte sie darauf, indem sie die Situation so höflich und rasch wie möglich beendete. Aber dieses Mal ...

„Bis zur Schlacht von Navarino im Jahr 1827“, sagte sie. „Darüber wusste ich bereits etwas, weil das Ereignis auch in der britischen Geschichte vorkommt. Gemeinsam mit Frankreich und Russland haben wir Schiffe geschickt, um den Griechen im Kampf um ihre Unabhängigkeit zu helfen. Insgesamt weiß ich nur sehr wenig über die griechische Geschichte. In der Schule wird über die Antike gesprochen, aber nicht über das moderne Griechenland. Daher das Buch.“

Sein Lächeln zauberte ein Kribbeln in ihren Bauch.

„Sehr fleißig“, lobte er. „Die meisten Touristen interessieren sich nicht dafür.“ Er sagte es nicht vorwurfsvoll, sondern ganz beiläufig.

„Nun, als Historikerin interessiere ich mich für alles, was mit Geschichte zu tun hat.“

Er zog die Augenbrauen hoch. Dunkel und perfekt gebogen, und ja, es war lächerlich, dass Augenbrauen einen Herzschlag beschleunigen konnten. Aber in diesem Fall ...

„Historikerin? Machen das nicht eher alte Männer mit langen Bärten?“, fragte er, und wieder breitete sich auf seinen hübschen Lippen dieses bezaubernde Lächeln aus.

„Einige Professoren an meiner Uni sahen tatsächlich so aus“, sagte sie grinsend. Allmählich gefiel ihr die Situation.

Sie unterhielten sich weiter ... und flirteten. Beide. Und das ganz offensichtlich. Laurel erzählte mit offensiver Lässigkeit, warum sie alleine im Café saß und was sie nach Griechenland geführt hatte. Irgendwann stellten sie sich einander vor. Sein Name sagte ihr nichts, aber sie mochte den Klang. Und dann, genau im richtigen Moment – weil ihr Gegenüber eindeutig ein Mann war, der genau wusste, wie und wann er den nächsten Schritt machen musste –, willigte sie ein, sich an diesem Abend mit ihm zum Essen zu treffen. Warum auch nicht? Es war nur ein Essen. Wenn sie wollte, konnte sie danach alleine in ihre Wohnung zurückkehren und darauf warten, dass ihre Freunde vom Feiern nach Hause kamen. Andererseits ...

Andererseits hatte sie ein enthaltsames drittes Jahr an der Uni hinter sich. Sie hatte sich von ihrem Freund aus dem zweiten Jahr getrennt. In der Zeit zwischen dem Ende des Studiums und dem Beginn eines Lebens als verantwortungsvolle Erwachsene konnte sie tun und lassen, was sie wollte. Und wenn es ihr gefiel, unter dem weiten blauen Himmel der Ägäis von einem attraktiven Mann umworben zu werden, warum nicht? Sie war jung, ungebunden und volljährig.

Eines Tages würde dies eine wunderbare Erinnerung sein, auf die sie gerne zurückblickte ...

Nur dass „wunderbar“ das letzte Wort war, das sie mit ihren Erinnerungen an Alexandros Xenakis verband. Das allerletzte ...

Xanders Vater gab eine Party, und sein Sohn wusste auch, warum. Sein alter Herr wollte, dass er mehr unter Leute kam und wieder anfing, sich zu verabreden. In London hatte er die arme Fabia abgewiesen – trotz ihrer offensichtlichen Enttäuschung.

War es einfach noch zu früh nach seiner Scheidung gewesen oder hatte dieser verdammte Blick auf Laurel Erinnerungen geweckt, auf die er gerne verzichtet hätte? Genauso, wie er darauf hätte verzichten können, dass sein Vater ihn drängte, eine neue Braut zu finden. Seinen Vater hatte die Scheidung schwer mitgenommen – schwerer vielleicht als Xander selbst, denn er hatte wenigstens gewusst, dass seine Ehe gescheitert war.

Eine Woge der Erschöpfung machte sich in ihm breit. Er war von seinem Apartment in Athen zum Haus seines Vaters am Stadtrand gefahren. Hier war er aufgewachsen, hier war alles voller glücklicher Erinnerungen an seine Kindheit – glücklich bis zum Tod seiner Mutter, als er gerade sein Studium beendet hatte. Damals musste sein Vater den Entschluss gefasst haben, von dem er geradezu besessen war, dass die nächste Generation eine Familie gründen musste.

Sein Sohn sollte heiraten und Kinder bekommen. Unerbittlich hatte Xander den Druck zu spüren bekommen, und schließlich hatte sein Vater entschieden, dass Olympia, die Tochter alter Freunde von ihm, die ideale Frau für ihn sein würde. Sie bewegten sich in denselben Kreisen, Olympia war intelligent und attraktiv, sie teilten die gleichen Interessen. Die Verbindung war passend – es gab keinen Grund, sie nicht einzugehen, nur sehr viele, die dafür sprachen.

Aber Xander wollte einen letzten Sommer als Junggeselle genießen. Also segelte er mit der Familienjacht los, um die Ägäis zu bereisen, Freunde zu besuchen, Partys zu feiern und sich zu entspannen. Er fühlte sich frei. So frei, dass er die Chance ergriff, um mit der fantastisch aussehenden Blondine zu flirten.

Sie hatten eine gute Zeit miteinander verbracht. Wirklich gut. Die Tage und Nächte waren wie im Flug vergangen. Und die Wochen auch ...

Bis alles zusammenbrach und in Flammen aufging.

Von innerer Unruhe getrieben, schlenderte er, ein Champagnerglas in der Hand, zwischen den Gästen seines Vaters umher. Unvermittelt und ungebeten tauchte vor seinem geistigen Auge wieder das Bild auf, wie er Laurel vor einem Monat in London gesehen hatte. Mit einer gewissen Verbitterung rief er sich ins Gedächtnis, dass der kleine Junge, der halb hinter ihr versteckt gestanden hatte, gleichzeitig der Beweis war, dass sie das furchtbare Ende jenes grandiosen Sommers überwunden und ihr Leben weitergelebt hatte. So wie er auch. Er hatte Olympia geheiratet.

Doch sosehr er die Fakten auch immer wieder durchging, irgendein Detail nagte an ihm. Das Gesicht des Jungen hatte er nicht sehen können, nur dass er dunkle Haare hatte. Wie alt mochte er gewesen sein? Offensichtlich jünger als sieben – aber wie viel jünger? Natürlich bestand keine Chance, nicht die geringste und entfernteste Chance, dass ...

Sie hätte es mir sofort erzählt!

Seine Miene verdüsterte sich. Ihre letzten Stunden an Bord hatten ihm vor Augen geführt, wie sehr sie sich nach dem Luxus sehnte, den sein Reichtum ihr bieten konnte. Wäre sie von ihm schwanger geworden, wäre er zu ihrer unendlichen Geldquelle mutiert. Sie hätte keine Sekunde gezögert, es ihm auf die Nase zu binden.

Die Tatsache, dass sie es nicht getan hatte, war also der Beweis.

Oder etwa nicht? Wenn der Gedanke ihn wirklich beunruhigte, konnte er ihn überprüfen lassen ... nur um den Verdacht aus der Welt zu schaffen. Er würde den konkreten Beweis dafür bekommen, dass dieser kleine Junge nichts, absolut nichts mit ihm zu tun hatte. Dann könnte er Laurel wieder aus seinem Leben verbannen. Die Episode wäre endgültig vorbei. Für immer.

Es war also nur konsequent, gleich am nächsten Morgen einen Anruf zu tätigen, bevor er seine Meinung ändern konnte. Er wollte einen Schlussstrich unter seine Vergangenheit ziehen. Aber als die Detektei sich in der folgenden Woche bei ihm meldete, war ein Schlussstrich das Letzte, was er ziehen konnte. Stattdessen kannte seine Wut keine Grenzen mehr.

Laurel wandte sich vom Schultor ab, nachdem sie Dan noch einmal zugewunken hatte. Es regnete leicht. Mit gesenktem Kopf ging sie die belebte Straße entlang. Plötzlich öffnete sich die Tür eines geparkten Wagens vor ihr und versperrte ihr den Weg. Als sie ausweichen wollte, legte ihr jemand eine Hand auf die Schulter. Eine Gestalt auf der Rückbank lehnte sich aus dem Auto zu ihr hinüber. Dann hörte sie die Stimme.

Tief. Mit Akzent.

Und vertraut.

„Steig ein ...“

Xander machte ihr auf dem breiten Rücksitz des Wagens Platz, während sein Fahrer sie hineindrängte. Entsetzt starrte sie ihn an.

Der Fahrer schloss die Tür hinter ihr.

„Wir“, sagte Xander, „werden uns jetzt unterhalten.“

Er war ruhig. Sehr ruhig. Das musste er auch sein. In den zwei Wochen, seit er den Bericht von der Detektei erhalten hatte – umfassend und mit vielen Fotos versehen –, war er beschäftigt gewesen. Extrem beschäftigt. Und nun entsprechend vorbereitet.

„Wir können das hier und jetzt tun“, fuhr er fort. „Oder in der Kanzlei meines Anwalts. Was ist dir lieber?“

Sie verzog das Gesicht. „Fahr zur Hölle!“ Verzweifelt rüttelte sie am Türgriff. Doch die Tür war verriegelt und gab nicht nach. Sie drehte sich wieder zu ihm um. „Das ist Körperverletzung und Entführung! Dafür bringe ich dich ins Gefängnis!“

„Und ich“, sagte Xander mit einer Stimme, die so kalt und hart war wie sein Blick, „werde dich vor Gericht zerren.“ Er machte eine Pause. „Wegen Diebstahls meines Sohnes.“

Laurel wurde schwindelig. Kraftlos glitt ihre Hand vom Türgriff.

„Mein Sohn ...“

Sie hörte, wie Xander die Worte wiederholte. Angst und Entsetzen stiegen in ihr auf. Sie versuchte zu sprechen, aber es kam kein Ton aus ihrem Mund. Xander sprach weiter, und jedes Wort glich einer Kugel, einem Messerstich, der sie durchbohrte.

„Seit sieben Jahren weiß ich, dass du eine Diebin bist, aber das ...“ Er brach ab.

Vertraute Wut kochte in ihr hoch. „Ich bin keine Diebin!“

Er machte eine schneidende Handbewegung. „Schluss! Wir sind nicht hier, um die Vergangenheit aufzuwärmen. Mich interessiert die Zukunft. Die Zukunft meines Sohnes.“

Laurel starrte ihn an. Emotionen brodelten in ihr, Panik gesellte sich dazu. Sie musste sich zusammenreißen. Er sprach wieder, doch sie verstand ihn kaum, weil sie nur das Rauschen ihres Blutes in ihren Ohren hörte.

„Versuch nicht zu leugnen, dass er mein Sohn ist. Ich habe es sorgfältig prüfen lassen. Sein Geburtsdatum passt, seine Ähnlichkeit mit mir ist unbestreitbar. Wenn nötig, werde ich auf einem DNA-Test bestehen, um meine Vaterschaft zu beweisen. Und ich werde“, seine Stimme wurde hart, „rechtliche Schritte einleiten, um meine väterlichen Rechte geltend zu machen.“

Sie konnte nicht antworten.

Er fuhr fort, ihr Befehle zu erteilen.

„Von nun an werde ich Teil seines Lebens sein. Ich werde ihm der Vater sein, den du ihm verweigert hast.“

„Nein! Ich will nicht, dass du in seine Nähe kommst!“, platzte es aus ihr heraus. „Bleib weg von ihm!“

Xander ignorierte sie. „Er wird meinen Namen tragen und ...“

„Er hat schon einen Namen!“

„Er ist mein Sohn, also heißt er wie ich. Und ich werde ihm das Leben bieten, das ihm zusteht.“

Einen Moment sah Laurel in seinen Augen so dunkle Wut aufblitzen, dass sie davor zurückgewichen wäre, wenn die Verzweiflung nicht so stark an ihr genagt hätte. Kurz darauf hatte er sich wieder unter Kontrolle. Auch seine Stimme veränderte sich. Sie klang noch immer kalt, jetzt aber sachlicher. Geschäftsmäßiger.

„Deshalb habe ich vorläufig ein Haus außerhalb von London für euch gemietet, das passender für ihn ist. Dort gibt es ausgezeichnete Schulen und eine gute Anbindung zum Flughafen Heathrow für mich. Du wirst dort einziehen und ...“

„Nein!“, wehrte Laurel sich. „Natürlich werde ich das nicht. Wie kommst du darauf?“

„Ich komme darauf, weil ich es mir wünsche. Er wird in weitaus größerem Wohlstand leben, als du ihm bieten kannst. Und warum“, sein Mund wurde zu einer schmalen Linie, seine Augen blickten auf einmal eisig, „solltest du etwas dagegen haben? Ist dein jetziges Leben so viel besser als das, was ich euch bieten kann?“

„Ich kann nicht ... ich“, stammelte Laurel. Seine Worte überwältigten sie. Die ganze Situation war zu viel. Alles passierte wie aus heiterem Himmel, ohne Vorwarnung, ohne dass sie sich hätte vorbereiten können! Sie ballte die Hände zu Fäusten.

„Ich kann ihn nicht aus seiner gewohnten Umgebung reißen. Und ich will nicht sein Leben auf den Kopf stellen, nur weil du plötzlich auftauchst. Ich brauche Zeit ...“ Sie hörte die Verzweiflung in ihrer Stimme. Völlig aufgewühlt starrte sie Xander an.

Das konnte doch unmöglich gerade passieren! Sie konnte nicht fassen, dass es wirklich geschah. Ihr Herz pochte wild, ihre Kehle fühlte sich wie zugeschnürt an. Schock und Entsetzen wirbelten in ihr herum.

Und dann waren da noch ganz andere Gefühle ... Gefühle, die sie gar nicht wahrhaben wollte.

Etwas veränderte sich in seinem Gesicht, dann nickte er knapp. „Na gut. Vorerst kannst du ihm sagen, dass dieser Umzug ein Urlaub ist. Und was mein Auftauchen in seinem Leben angeht ...“ Er stockte einen Moment. „Ich überlasse es dir, wie du ihm von mir erzählst. Danach möchte ich ein Treffen arrangieren. Wie es dann weitergeht, werden wir sehen.“

Er griff in seine Tasche, zog eine Karte heraus und reichte sie ihr. „Meine Kontaktdaten“, erklärte er. „Schreib mir eine SMS, wenn du ihm von mir erzählt hast. Dann kannst du einen geeigneten Ort für ein Treffen auswählen.“

Mit zittrigen Fingern nahm sie das Papier entgegen.

„Und noch eine letzte Sache. Versuch nicht, dich aus dem Staub zu machen.“ Sein Blick schien sie zu durchbohren. „Du hast mir schon einmal meinen Sohn gestohlen. Das gelingt dir kein zweites Mal.“ Wieder hörte sie die kaum unterdrückte Wut in seiner Stimme. „Auch wenn du durch und durch eine Diebin bist.“

Unvermittelt klopfte er an die Trennwand zu seinem Fahrer. Einen Moment später vernahm Laurel ein Klicken, als die Türen entriegelt wurden. Sie stolperte aus dem Wagen, der sich sofort in Bewegung setzte und im Verkehr verschwand. Eine endlose Sekunde konnte sie ihm nur hinterherstarren. Dann begann sie zu zittern. Seine Worte hallten in ihrem Kopf wider.

Auch wenn du durch und durch eine Diebin bist.

Erinnerungen, hässlich und schrecklich zugleich, durchfluteten sie.

„Es ist lästig, aber ich habe zugesagt, auf der nächsten Insel, an der wir anlegen, eine ... Freundin der Familie abzuholen und sie in Piräus abzusetzen“, hatte Xander verkündet.

Anfangs hatte Laurel das nichts ausgemacht, aber Olympia verhielt sich ihr gegenüber sehr kühl und herablassend. Xander hingegen wurde von ihr sehr vertraut behandelt, aber auch sehr besitzergreifend.

Er selbst war höflich zu ihr, mehr aber auch nicht. In welcher Beziehung er zu Laurel stand, ließ er sich nicht anmerken, obwohl das offensichtlich war. Trotzdem schien Olympia entschlossen, keinerlei Missverständnisse aufkommen zu lassen. Absolut keine. Denn während des Dinners lenkte sie die Aufmerksamkeit auf ihr mit Rubinen und Diamanten besetztes Armband.

„Ich trage dein Geschenk, Xander“, verkündete sie und hielt ihren Unterarm hoch. „Xander hat es mir zum Geburtstag geschenkt“, wandte sie sich dann an Laurel. „Ich liebe Rubine so sehr“, fuhr sie mit einem Lächeln, wieder in Xanders Richtung, fort. „Perfekt auch für einen Verlobungsring ...“

Die Absicht war klar: Xanders nächstes Geschenk sollte ein Antrag sein.

Würde er das tun? War Olympia seine zukünftige Braut? Laurel schaute zu Xander hinüber. Seine Miene wirkte wie erstarrt, sein Mund war zu einer schmalen Linie zusammengepresst. Er sagte nichts und ließ sich nicht anmerken, was er dachte. Unterdessen blickte Olympia erwartungsvoll zu ihr. Laurel überkam das Gefühl, irgendetwas sagen zu müssen, aber in ihrem Kopf herrschte nur Leere.

„Rubine passen wirklich gut zu Ihrem Teint“, brachte sie schließlich höflich hervor.

„Danke.“ Olympia lächelte. „Ich nehme an, Sie bevorzugen etwas Schlichteres. Diamanten passen ja ... immer. Passend als Abfindung für eine Frau wie Sie, wenn Ihre Zeit abgelaufen ist. So wie Ihre ...“

Autor

Julia James

Julia James lebt in England. Als Teenager las sie die Bücher von Mills & Boon und kam zum ersten Mal in Berührung mit Georgette Heyer und Daphne du Maurier. Seitdem ist sie ihnen verfallen. Sie liebt die englische Countryside mit ihren Cottages und altehrwürdigen Schlössern aus den unterschiedlichsten historischen Perioden...

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