Deine Küsse süß wie Wein

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Nach einem schmerzlichen Verlust meidet Winzer und Immobilienmogul Nico Rossi jede ernste Bindung. Doch um eine aufdringliche Verehrerin abzuwehren, braucht er dringend eine Freundin – natürlich nur zum Schein. Seine unkonventionelle Mieterin Laila, Inhaberin einer erotischen Buchhandlung, ist die perfekte Kandidatin: diskret und uninteressiert an Romantik. Als er sie bittet, ihn auf einer Reise ins Napa Valley zu begleiten, willigt sie ein. Doch Nico hat unterschätzt, wie sehr sich sein Herz nach einem unüberlegten Kuss plötzlich nach mehr sehnt …


  • Erscheinungstag 31.03.2026
  • Bandnummer 2747
  • ISBN / Artikelnummer 0800262747
  • Seitenanzahl 144

Leseprobe

Ally Blake

Deine Küsse süß wie Wein

1. KAPITEL

Niccolo Rossi schlenderte Vermillions Hauptstraße entlang und genoss den herbstlichen Sonnenschein. Vom Barrels & Blooms Gartencenter stieg ihm der würzige Geruch von Eukalyptus und wildem Rosmarin in die Nase und vermischte sich mit den verlockenden Düften aus der Bäckerei Yeast of Eden.

„Nico! Oh, Gott sei Dank! Alle aus dem Weg! Nico ist hier!“

Er hatte gerade die Straße überquert und den Streifen goldener Ulmen erreicht, der die Fahrstreifen voneinander trennte, als Mrs. Constantine – die drahtige siebzigjährige Inhaberin der Savvy Sausage Butchery – ihn zu sich winkte.

Rasch schob sie die Menschen zur Seite, die sich um sie versammelt hatten.

„Was ist das Problem?“, fragte Nico, als er vor ihr stand.

„Basil!“ Mrs. Constantine deutete hoch in die Ulme, vor der sie stand. Eine schwarz-weiße Katze hockte entspannt auf einem Ast unterhalb der Baumkrone und leckte sich die Pfoten.

„Meint sie das ernst?“, murmelte Nicos jüngere Schwester Aurora, die während ihres gemeinsamen Spaziergangs etwas getrödelt hatte und erst jetzt dazukam.

Nico musste sie nicht ansehen, um zu wissen, dass sie mit den Augen rollte. Aurora hatte ihre Abenteuerreise durch Europa nur für einen kurzen Besuch hier in Australien unterbrochen. Er dagegen lebte hier. Vermillion war seine Stadt, wörtlich und im übertragenen Sinne. Seiner Familie gehörten die Weinberge ringsum, und er war der Erbe des Familienvermögens, zu dem gut die Hälfte der Geschäftsgebäude des idyllischen Städtchens gehörte.

„Mrs. Constantine“, sagte Nico, während er durch die Zweige zu der Katze hinaufspähte, „Sie wissen doch, dass Basil viel Zeit auf diesem Baum verbringt.“

„Ich mache mir aber Sorgen!“, sagte sie. „Er ist alles, was ich habe.“

Nico schaute über die Straße zur Schlachterei, wo Mr. Constantine gerade vor dem Schaufenster stand und sich die Hände an einem Handtuch abwischte. Er machte eine Geste, die eindrücklich vermittelte, dass er nichts mit der Sache zu tun haben wollte, und sie verschwand auffallend schnell wieder in ihrem Laden.

Einen kurzen Moment lang gestattete sich Nico, darüber nachzudenken, wie er sich immer wieder in solche Situationen brachte. Dann schwang er sich auf den ersten Ast.

„Fast wären sie alle ohnmächtig dahingesunken vor Bewunderung“, bemerkte Aurora, als Basil wohlbehalten zurück in Mrs. Constantines Armen saß und Nico und sie ihren Spaziergang fortsetzten.

„Blödsinn.“ Nico strich Blätter und Zweige von seiner Kleidung und besann sich auf seine eigentliche Mission. Er hatte noch eine weitere Mieterin zu besuchen: Laila Vale, die Inhaberin des einzigen Buchladens der Stadt.

Hatte er diesen Besuch bewusst nach hinten geschoben? Definitiv. Tat er das jedes Mal, wenn er seine Runde drehte? Absolut. Freute er sich darauf, Laila seiner Schwester vorzustellen? Absolut nicht.

„Eine Frau hat sogar leicht geschwankt“, sagte Aurora. „Eine andere hat laut aufgekeucht und die Hand auf ihr Herz gepresst. Und noch eine hat mich gefragt, ob ich dich mit ihrer Tochter verkuppeln könnte.“

Er ignorierte die Frage, die in den Worten seiner Schwester verborgen war, und überquerte wieder die Straße.

„Komm schon!“, rief sie ihm hinterher. „Das muss dir doch aufgefallen sein!“

Es war ihm sehr wohl aufgefallen. Es war nur nichts Besonderes. Als Oberhaupt der Familie, der die halbe Stadt gehörte – und der Weinbaubetrieb, Vermillions wirtschaftlicher Motor –, war Nico es gewohnt, dass die Leute ihm Beachtung schenkten. Sich auf ihn verließen. Ihn um Hilfe baten. Zu ihm aufschauten.

Aber das war nicht der Grund, weshalb er tat, was er tat. Er fühlte sich schlicht verantwortlich. So wie sein Vater vor ihm.

Aurora stieß ihn mit der Schulter an. „Wenn sie wüssten, dass du als Kind ein Superman-Cape getragen hast, würden sie darüber lachen? Oder würden sie anfangen, Actionfiguren von dir an Touristen zu verkaufen?“

Nico verlängerte seine Schritte. „Wie lange wolltest du noch mal bleiben?“

Aurora verfiel in den Laufschritt, um mit ihm mitzuhalten. „Jemand hier in der Stadt muss dein Ego ein bisschen zurückstutzen. Öffentliche Grünpflege!“

Wie es der Zufall wollte, hatten sie gerade den einen Ort in der Stadt erreicht, an dem sein Ego keinen fruchtbaren Boden fand.

Der weiße Gartenzaun vor dem Buchladen neigte sich unter der Last der wilden, tief purpurnen Bougainvilleen. Der Vorgarten des kleinen Cottage war ein üppiger grüner Dschungel. Gleichzeitig war es der einzige in der ganzen Innenstadt, in dem nicht eine einzige wilde Weinrebe rankte.

Auf den ersten Blick mochte der Buchladen zu dem malerischen, touristenfreundlichen Bild Vermillions passen. Beim ersten Schritt hinein wurde allerdings jedem klar, dass die Inhaberin nicht auf der gleichen Welle surfte wie der Rest der Stadt.

Aurora gähnte laut neben ihm.

„Wenn es dir zu viel wird, können wir auch nach Hause gehen“, sagte Nico schnell.

Sie hakte sich bei ihm ein und warf ihm einen Seitenblick zu. „O nein! Ich möchte unbedingt die wunderbare Atmosphäre der Stadt genießen!“ Sie warf ihrem Bruder einen vielsagenden Blick zu. „So lange das noch geht …“

Nico zog ihren Arm einen kleinen Moment lang ganz eng an sich: eine tröstende Geste.

Am Abend zuvor, kurz nach Auroras Ankunft, hatte ihre Mamma nämlich eine Bombe platzen lassen. Sie hatten sich alle gerade mit einem Glas Wein vor dem Essen ins Wohnzimmer gesetzt, als sie verkündet hatte, es wäre an der Zeit für sie, nach Hause zurückzukehren. Nach zwanzig Jahren in Südaustralien wollte Celia Rossi wieder nach Siena ziehen, wo sie ihre Wurzeln hatte und wo ihr Mann begraben lag. Damit überließ sie die Verantwortung für den australischen Zweig des Unternehmens – und für die Stadt, deren Wohlstand davon abhing – komplett ihrem Sohn Nico.

Sie blieben vor dem Buchladen stehen.

„Wow!“ Aurora sah sich neugierig um. „Ich begreife, warum du dir diesen Laden bis zum Schluss aufgehoben hast!“

Winzige pinke Lichter blinkten ihnen aus den Schaufenstern entgegen. Eine Bewegung hinter der Glasscheibe schickte einen elektrischen Schauer durch Nicos Körper. Adrenalin erfüllte ihn wie einen Soldaten vor der Schlacht.

„Erstaunlich, was aus dem Vine & Dime geworden ist“, sagte Aurora und öffnete die alte Gartentür, von der Laila nicht wollte, dass Nico sie reparierte. „Ich hatte gedacht, das Haus müsste ganz abgerissen werden.“

Nico betrachtete das Gebäude mit zusammengekniffenen Augen. Er musste zugeben, es sah jetzt viel ordentlicher aus.

Das Pärchen, das dieses Geschäft vor vielen Jahren von seinem Vater gemietet hatte, hatte einen vollgestopften Kramladen betrieben. Den liebenswerten alten Leuten zuliebe hatte Aldo Rossi die Miete nicht erhöht, Reparaturen selbst ausgeführt und ihnen gelegentlich eine Auflaufform mit Lasagne vorbeigebracht, nur um sicherzugehen, dass sie ordentlich aßen. Für ihn war der Dienst an der Gemeinschaft mehr als eine Pflicht gewesen. Das hatte er an Nico weitergegeben.

Nur ein paar Tage nachdem die alten Leute in den Ruhestand gegangen waren, war eine Fremde in einem knallroten Mini Cooper in die Stadt gerollt. Eine wahre Sexbombe mit blonden Locken, großen blauen Augen, in denen ein Mann versinken konnte, und umwerfenden Kurven.

Seitdem war Nicos bequemes, vertrautes Leben nicht mehr dasselbe.

„Forbidden Fruits“, las Aurora den Namen des Geschäfts, der auf dem Schild neben der blass rosafarbenen Eingangstür stand. „Verbotene Früchte.“

„Findest du?“ Nico zwang sich dazu, die Stufen hinaufzusteigen, als wäre alles in Ordnung.

Was ihn an seiner neuen Mieterin besonders frustrierte, war ihre Weigerung, dem Laden einen Namen zu geben, der zu den übrigen in Vermillion passte. Es war Tradition, dass die Läden hier kitschige, ein bisschen alberne Namen hatten, die die Touristen anzogen. Wenn sich darin eine Anspielung auf Wein oder die Winzerei versteckte, umso besser. Aber von dem Moment an, als Laila den Mietvertrag unterzeichnet hatte, hatten sie Tauziehen um den Namen ihrer Buchhandlung gespielt, die Liebesromane aller Art verkaufte.

Nico hatte mit zahlreichen Ideen aufgewartet, aber Laila hatte sich energisch gewehrt. „Forbidden Fruits“ war ein Kompromiss gewesen. Das geringste Übel.

Das war vor achtzehn Monaten gewesen. Aber Nico hatte nicht aufgegeben. Immerhin ging es um das Wohl der Stadt.

Auch wenn das hieß, dass er ein- oder zweimal die Woche in ihrem Laden vorbeischneite, um neue Optionen vorzuschlagen.

„Komm schon.“ Aurora grinste ihn an und öffnete die Tür.

Eine helle Glocke meldete ihre Ankunft. Der Klang weckte in Nico regelmäßig das Bedürfnis zu niesen, als ob Feenstaub davon herabrieselte. Während Aurora herumwirbelte und sich begeistert umsah, hoben sich Nicos Schultern vor Unbehagen von allein fast bis zu den Ohren.

Die Wände waren jetzt rosafarben gestrichen. Kombiniert mit den schwarz-weißen Bodenfliesen erinnerte es ihn an Alice im Wunderland. An der Decke hingen bunte LED-Lichternetze. Direkt vor dem Schaufenster standen ein jadegrünes Sofa mit Samtbezug, Kissen und Decken und ein Beistelltisch mit Magazinen – voll mit Bildern alter Filmstars und muskulöser Kerle auf Motorrädern.

Und dann waren da die Bücher. Vom Boden bis zur Decke. Die Regale waren eine kunterbunte Mischung aus Trödel und Sperrmüll. Dazwischen fanden sich Dinge, die seine Mutter als „Sammlerstücke“ bezeichnen würde – Bilder in vergoldeten Rahmen, Ansichtskarten, Buchstützen, alles ein klein wenig anrüchig.

Forbidden Fruits verkaufte nicht nur Liebesromane, es verkaufte Liebesromane mit einem deutlichen Unterton.

Solche mit gemalten Titelbildern, auf denen sich Pärchen gegenseitig die Kleider vom Leib rissen. Solche mit Männern auf dem Cover, die Hufe, Hörner oder Tentakel hatten. Oft spärlich bekleidet, und das nicht nur von der Taille aufwärts.

Als Aurora die Hand nach einem Buch mit einem finster brütenden Muskelprotz ausstreckte, murmelte Nico verzweifelt: „Fass bloß nichts an.“

Aurora schaute amüsiert zu ihm hoch. „Kriege ich davon Ausschlag? Oder glaubst du, ich komme auf Gedanken?“

Nico schaute sie böse an. Sie hob seufzend die Arme und verschwand tiefer zwischen den Regalen.

Es waren nicht die Bücher, mit denen er ein Problem hatte, oder die „Gedanken“, auf die sie die Leser bringen konnten. Immerhin war er Italiener, das süße Leben lag ihm im Blut. Im Moment war er zwar Single – seine Gelegenheitsbeziehung mit einer Handelsvertreterin hatte geendet, als sie nach Adelaide Hill gezogen war. Doch es bestanden gute Chancen, dass er von den Dingen, die zwischen den Buchdeckeln verborgen waren, im Laufe seines einunddreißigjährigen Lebens schon einige ausprobiert hatte.

Vielmehr war es die Tatsache, dass die Inhaberin des Ladens sich vehement weigerte, sich der familienfreundlichen Ästhetik von Vermillion anzupassen. Und dass sie partout nicht auf seine Vorschläge hörte. Ihm zu widersprechen, schien für sie das Highlight der Woche zu sein. Und Nico konnte inzwischen nicht mehr die Hauptstraße entlanggehen, ohne dass er sich fühlte wie ein Streichholz, das gleich entflammen würde.

Wo steckte Laila eigentlich? Normalerweise konnte er keinen Schritt in den Laden tun, ohne dass sie aus dem Nichts erschien wie ein Flaschengeist, der nach frisch gebackenem Apfelkuchen roch.

Als hätte er sie mit diesem Gedanken heraufbeschworen, erklang in diesem Moment ihre Stimme. „Wenn das nicht der Musterbürger ist!“

Nico holte tief Luft. Als er sich umdrehte, stand Laila, die Arme abwehrend vor sich verschränkt, vor der Tür zum Lagerraum im hinteren Bereich des Ladens. „Sind Sie hier, um ein Buch zu kaufen?“ Eine Augenbraue hob sich. Sie nahm ein Buch aus dem Regal und drehte es um. „Sie taugen als exzellentes Lehrmaterial für menschliche Interaktion.“

Es war verblüffend, wie schnell sie ihn auf hundertachtzig brachte. Auch weil sie so winzig war – etwas über eins sechzig, während er die eins neunzig schaffte. Sie hatte genügend Persönlichkeit, dass es den Eindruck machte, als nähme sie doppelt so viel Raum ein. Dennoch fühlte er sich in ihrer Gegenwart immer wie ein unbeholfener Riese.

Als Laila auf ihn zukam, tanzten die bunten Lichter der Deckenbeleuchtung über sie. Ihr Top war herzförmig ausgeschnitten, weich, rosafarben und so dünn, sodass man einen Hauch von Spitzenunterwäsche erahnte. Helle Jeans schmiegten sich an sanft gerundete Hüften und brachten ihre erstaunlich langen Beine zur Geltung. Auf ihren Absätzen reichte sie ihm knapp bis unters Kinn.

Zu den zarten Farbtönen ihrer Kleidung trug sie knallroten Lippenstift. Wie jeden Tag. Er wusste, dass der Farbton „Kiss Me“ hieß, weil sie mehrere davon besaß, die sie überall im Laden liegen ließ.

Sie verzog ein wenig den Mund. „Nein? Das heißt, Sie sind wie jede Woche nur hier, um mich zu belästigen? Was für eine Überraschung.“ Sie blieb an der gegenüberliegenden Ecke des Tresens stehen. „Und heute gar nicht in voller Feuerwehrmontur?“ Sie musterte ihn demonstrativ von Kopf bis Fuß.

Eine Sekunde lang erwog er, ihr von Basil zu erzählen, den er mutig vom Baum gerettet hatte. Aber dann nahm sie einen Bleistift aus einem Stiftständer auf dem Schreibtisch, einen mit einem großen weißen Puschel am Ende, und begann, ihn in ihren zierlichen Fingern herumzuwirbeln.

Nico vergaß, was er eigentlich sagen wollte, und klammerte sich an einen Strohhalm. „Die Uniform spare ich mir für echte Notfälle auf. Heute gab es keinen.“

„Wie enttäuschend“, gab sie zurück. Als sie begriff, was sie gesagt hatte, riss sie die blauen Augen auf. „Nicht, dass ich mir einen Notfall wünsche. Aber … Sie wissen, was ich meine.“

Er wusste nur, dass sie gerade unerwartet in der Defensive war. Ein Punkt für ihn.

Er wollte schon den Mund öffnen, als Laila über seine Schulter schaute und sich ihr Gesichtsausdruck jäh wandelte – von finsterer Resignation hin zu aufrichtiger Freude. „Oh, hallo!“

Nico schloss gequält die Augen, als er begriff, wer hinter ihm stand.

Langsam drehte er sich um. Aurora war zwischen den Regalen hervorgekommen, ein Buch in der Hand. Ihr Blick wanderte von Nico zu Laila. „Ist das Ihr Geschäft?“

„Aber ja!“, trällerte Laila.

„Es ist fantastisch! Ich habe das Gefühl, mein gesamtes Leben hätte einen anderen Verlauf nehmen können, wenn dieser Laden schon früher hier gewesen wäre.“

„Es ist nie zu spät, das Ruder herumzureißen“, sagte Laila.

„Siehst du?“ Aurora trat neben Nico und stieß ihn mit der Schulter an. „Es ist noch ausreichend Zeit, dein Ego ein bisschen einzukürzen.“

Aufmerksam wanderte Lailas Blick von ihm zu Aurora und zurück.

Bevor er erklären konnte, dass Laila seine Schwester war, bemerkte Nico das Buch, das Aurora in der Hand hielt. Oder vielmehr den Mann auf dem Cover. Ohne Kopf, aber mit halb offenem Hosenstall.

Er fuhr sich mit der Hand durch das Haar. „Laila, das hier ist meine Schwester, Aurora Rossi. Aurora, das ist Laila Vale. Aurora ist für einen kurzen Besuch daheim. Laila ist …“

Einen Moment versuchte er, eine Beschreibung zu finden, die nicht noch mehr Fragen aufwerfen würde. „Laila hat aus diesem Laden beeindruckend schnell etwas gemacht. Er ist jetzt eins der beliebtesten Geschäfte der Stadt.“

Laila blinzelte. Dann schaute sie wieder zu Aurora. „Sie sind also seine Schwester? Oh.“

Nico fragte sich, was das bedeutete. Und rief sich selbst zur Ordnung. Er sollte keine Zeit darin investieren zu versuchen, Laila Vales Gedankengänge zu verstehen. Sie war ein Stachel in seinem Fleisch. Ein Kieselstein in seinem Schuh. Ein Jucken, das kein Kratzen beseitigte.

Und das war alles, was sie war.

Laila nickte zu dem Buch, das Aurora in der Hand hielt. „Soll es das sein?“

„Ähm …“

„Oder darf ich eine Alternative vorschlagen?“ Zielsicher griff Laila nach einem anderen Buch. Statt eines halbnackten Manns war auf dem Cover ein großer Apfel abgebildet. Nico atmete erleichtert auf. Bis Laila sagte: „Nach der Szene am Pier werden Sie nie mehr dieselbe sein.“

Aurora lachte. „Okay!“

Laila packte ihr das Buch in eine leuchtend pinke Papiertüte. Mit einem Blick zu Nico griff sie nach der Glitterdose und ließ eine ordentliche Prise in die Tüte rieseln.

Das hieß, er würde auf ewig überall im Haus winzige Glitzerspuren finden.

Und dabei jedes Mal an Laila denken müssen.

Als Aurora bezahlen wollte, winkte Laila ab. „Auf Kosten des Hauses. Wie jeder guter Dealer weiß ich, Sie werden zurückkommen, weil Sie mehr wollen. Sie sind nur zu Besuch hier?“

„Es scheint so.“ Aurora warf Nico einen raschen Blick zu. Garantiert dachte auch sie gerade an die Worte ihrer Mutter. Nico blinzelte ihr zu, und Aurora nickte und lächelte Laila an. „Um ein bisschen Zeit mit Mamma und diesem Typen hier zu verbringen.“

„Sie darf aushelfen“, sagte Nico. „Wenn Sie irgendetwas brauchen, wenden Sie sich die nächsten Wochen auch gern an Aurora.“

Lailas Schnauben war leise, aber vielsagend.

Im Gegensatz zu so gut wie allen anderen in der Stadt hatte sie ihn noch nie um Unterstützung gebeten. Und er würde darauf wetten, dass es ihr lieber wäre, wenn er nie wieder in ihrem Laden auftauchte.

„Kommen Sie gern wieder vorbei, während Sie hier sind.“ Laila hielt Aurora die pinke Tüte hin. „Auch allein.“

„Das mache ich“, sagte Aurora. Aus ihrem Lachen wurde ein Gähnen, das sie mit der Hand verbarg.

Das war Nicos Chance. „Wir gehen besser heim.“ Er dirigierte seine Schwester in Richtung Tür.

Im letzten Moment erinnerte er sich an den eigentlichen Grund, weshalb er hergekommen war. „Gibt es irgendwelche Reparaturen? Etwas, um das ich mich kümmern soll? Soll ich irgendwas für Sie aus den hohen Regalreihen herunterholen?“ Er drehte sich um und schaute direkt in Lailas große blaue Augen.

Vielleicht war es, weil er heute über ihre erste Begegnung nachgedacht hatte – an den Moment, als er diese Augen das erste Mal gesehen hatte. Ihre Blicke trafen sich und ließen sich einen Moment lang nicht los.

Er spürte ein Ziehen. Das war nicht gut. Laila rührte an einem Teil von ihm, den er sonst sorgfältig verschloss.

Aus reinem Selbstschutz setzte er ein Lächeln auf. Nicht nur irgendein Lächeln, das Lächeln. Die Waffe in seinem Arsenal. Das Lächeln, das die Schwestern von Muster und Maische, dem Handarbeitsladen, pünktlich ihre Miete zahlen ließ. Das Großmütter dazu brachte, ihre ledigen Enkeltöchter ins Spiel zu bringen.

Ein Lächeln, das gleichzeitig Angriff war und Verteidigung.

Laila blinzelte. Dann ergriff sie betont geschäftsmäßig ein paar Papiere von ihrem Tresen und durchblätterte sie. „Ich brauche nichts von Ihnen, Nico. Ich komme gut allein zurecht, das wissen Sie.“

Er bewegte sich nicht. „Und haben Sie noch Ideen für einen neuen Namen?“

Das Blättern stoppte. „Ich versichere Ihnen aufrichtig, ich denke nie darüber nach!“

„Enttäuschend, denn ich habe eine zündende Idee.“

Er konnte ihren Groll spüren, aber sie sagte nichts, um ihn zu entmutigen.

Nico vollführte eine weit ausholende Geste. „Once Upon A Wine.“

Sie deutete auf die Tür. „Verschwinden Sie.“

„Warten Sie. Wie wäre es mit … Read Between the Wines?“

„Gehen Sie. Jetzt! Bevor ich jemanden in einer echten Uniform herzitiere, um Sie verhaften zu lassen.“

„Weswegen?“

„Wegen unerträglicher Wortspiele!“

Dieses Mal war sein Grinsen echt.

Und diesmal sah er, wie es einschlug.

Wie ein Blitzschlag, den ihre Augen reflektierten. Ihre Wangen wurden ganz rosig, und …

„Bist du mit dem Flirten fertig?“, rief Aurora aus der Tür. „Ich brauche einen Mittagsschlaf gegen den Jetlag.“

Hastig wandte Laila ihm den Rücken zu und begann, in ihrem Regal umzuräumen.

Er warf Aurora einen finsteren Blick zu.

Sie zuckte gespielt unschuldig mit den Schultern.

„Übrigens, Aurora“, sagte Laila auf einmal. „Wenn Ihnen nach ein bisschen weiblicher Gesellschaft ist – als Gegengewicht zu diesem Oberpfadfinder hier –, ich veranstalte regelmäßig Leseabende für meine Kundinnen. Es gibt einen für die Liebhaberinnen von historischen Liebesromanen. Der größte ist ‚Drinks and Drama‘ mit einer Vorliebe für die heißen, dunklen Sachen. Der sollte auch Ihnen gefallen, Nico.“

Nicos Mund öffnete sich, aber es kam kein Laut heraus.

„Immerhin erinnert der Name an Alkohol.“ Sie lächelte unschuldig. „Und nicht zu verwechseln mit den ‚Blushing Boomers‘, den Seniorinnen, die es verwegen lieben haben …“

„Okay.“ Nico hielt abwehrend die Hand hoch und wich zurück. „Wir gehen.“

Laila lächelte und machte eine scheuchende Geste.

Als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, atmete Nico tief durch, dankbar für die kühle Luft.

Zum Glück hing ihm der verführerische Duft nach Apfelkuchen nicht weiter in der Nase!

„Gehen wir heim?“, fragte Aurora, ihre pinke Tüte selig an die Brust gepresst.

„Ja.“

Sie hatten es noch nicht einmal zum Bürgersteig geschafft, bevor es aus ihm herausbrach: „Und nur, dass du es weißt, das war kein Flirten! Sie ist meine Mieterin, das ist alles.“

„Bestimmt.“ Aurora gähnte. „Aber ich mag sie. Sie ist wie eine post-feministische Filmfantasie.“

Nico hatte keine Ahnung, was das heißen sollte, aber er legte seiner müden Schwester fürsorglich einen Arm um die Schultern, um sie zu stützen.

Später Nachmittagssonnenschein verlieh der Stadt einen besonderen Charme. Bald würden überall die kleinen Solarlichter angehen. Sobald die Sonne untergegangen war, würde es kalt werden.

Diese Tageszeit mochte er am liebsten. Die täglichen Aufgaben waren erledigt. Er hatte Pause, bis er sich abends um die Buchhaltung kümmern musste. Es war ein erfülltes Leben – anstrengend, herausfordernd und vielfältig.

Dass es nicht das Leben war, das er sich ausgesucht hatte, stand auf einem anderen Blatt.

Die Verantwortung war ihm nach dem Tod seines Vaters einfach zugefallen.

Es hatte ihm nie etwas ausgemacht. Bis seine Mutter ihm in die Augen gesehen und gesagt hatte: „Ich werde mein Leben umgestalten. Das kannst du auch.“

Nico führte Aurora zur Beifahrertür des Land Rovers. Er wartete, bis sie sich angeschnallt hatte, bevor er auf die Straße ausscherte und zurück nach Vermillion Hill fuhr.

Unterwegs dachte er an das letzte Mal, als seine Familie so ungewisse Zeiten erlebt hatte – an den Unfall, durch den seine Mutter über Nacht von einer Ehefrau zur Pflegekraft geworden war, während Nico mit fünfzehn schon Pflichten hatte übernehmen müssen, für die er gar nicht bereit gewesen war.

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