Ein Schotte fürs Herz

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Schottland, 1787. Aufreizend küsst die junge Witwe Ilsa nach einem ausgelassenen Tanz den schneidigen Captain Andrew St. James. Sie ahnt nicht, was ihre übermütige Leidenschaft mit seinem stolzen schottischen Herzen anstellt: Fortan will Andrew, der zukünftige Duke of Carlyle, die freigeistige Schönheit heiraten! Was für Ilsa nicht in Frage kommt, auch wenn Andrew mit verführerischen Zärtlichkeiten ihr Verlangen weckt. Erst als die Wogen eines schrecklichen Skandals sie zu verschlingen drohen, erkennt Ilsa, wie sehr sie ihn braucht! Nicht als Ehemann – sondern als mutigen Helden, der sein Leben für sie aufs Spiel setzen würde …


  • Erscheinungstag 13.09.2022
  • Bandnummer 383
  • ISBN / Artikelnummer 0871220383
  • Seitenanzahl 400

Leseprobe

1. KAPITEL

1787

Fort George

Ardersier, Schottland

Das gebrochene Wagenrad gab ihnen den Rest.

Die Truppe war vierzehn Tage lang zu einem ganz fürchterlichen Einsatz unterwegs gewesen; sie hatte bei Dauerregen Straßen ausbessern müssen. Sie war nur noch zwei Meilen von den warmen, trockenen Betten und dem frisch zubereiteten Essen in Fort George entfernt, als ein Rad des Gerätewagens auf ein übersehenes Schlagloch traf, woraufhin sich der Wagen ächzend und mit dem abscheulichen Geräusch brechender Speichen zur Seite neigte.

Alle Bemühungen, das Gefährt wieder aufzurichten, waren erfolglos. Resigniert luden die Männer und Offiziere die Schaufeln, Spitzhacken und andere Geräte auf ihre Pferde und machten sich erschöpft auf den mühsamen Weg nach Ardersier.

Als sie eine halbe Ewigkeit später die lange, schmale Brücke erreichten, die ins Fort führte, brachen alle in Geschrei aus – vor Erleichterung, vor Schmerzen, die Armee verfluchend wegen der schlechten Straßen und Gott wegen des verdammten Regens. Ihr Captain, der völlig durchnässt sein schwer beladenes Pferd durch den knöcheltiefen Matsch führte, stimmte ihnen insgeheim zu und nahm sich fest vor, vom Colonel drei freie Tage für seine Männer zu fordern. An solchen Tagen hasste er die Armee ebenfalls.

Nachdem er die Geräte abgeladen, seine Männer entlassen und sein Pferd in die Stallungen gebracht hatte, konnte er endlich sein eigenes Quartier aufsuchen. Als Captain stand ihm eine beengte Unterkunft in einem der lang gestreckten Gebäude zu, die Ausblick auf den Firth of Moray hatten – nicht, dass der Meeresarm an diesem Tag überhaupt zu sehen gewesen wäre.

„Willkommen zurück, Sir“, begrüßte MacKinnon ihn, als er die beiden kleinen Zimmer betrat, die sein Zuhause waren. „Der Colonel will Sie sprechen.“

Vollkommen durchnässt, von oben bis unten voller Schlamm, halb verhungert und todmüde, blieb Andrew St. James in der offenen Tür stehen. „Was – jetzt?“, fragte er entgeistert.

Sein Bursche nickte. „Ja, Captain. Auf der Stelle, sagte er.“

Verdammt, ich hasse das Militär, dachte Andrew. Mit klammen Fingern löste er seinen Schwertgürtel. MacKinnon reichte ihm ein Handtuch, damit Andrew sich das Gesicht abtrocknen konnte, bevor er sich seine nasse Kleidung auszog.

Er sehnte sich nach einem heißen Bad und einer Rasur, ganz zu schweigen davon, die Uniform gegen einen bequemen Hausmantel zu tauschen, doch er hatte bereits ungute Erfahrung mit der Ungeduld des Colonels gemacht, also legte er eine frische Uniform an. MacKinnon bürstete rasch seine Jacke ab und reichte ihm seine Mütze. „Ich hoffe, es sind gute Neuigkeiten, Captain.“

Andrew nickte grimmig. Das wäre zu schön gewesen nach seinem Pech in letzter Zeit. „Ja, hoffentlich.“ Aber er rechnete nicht damit. Solche Vorladungen verhießen nur selten etwas Gutes.

Er wickelte sich fest in seinen Umhang und ging über den unbedachten Innenhof. Aus einem der Quartiere ertönten die Musik eines Dudelsackspielers und das entspannte Lachen von Männern. Der Duft von Pfeifenrauch und gebratenem Hammel verfolgte ihn über den ganzen Hof, wodurch seine Laune noch schlechter wurde. Er hätte jetzt selbst beim Abendessen sitzen sollen, anstatt nach der Pfeife eines streitsüchtigen Colonels tanzen zu müssen. Kraftvoller als nötig klopfte er an die Haustür des Colonels.

Colonel Fitzwilliam befand sich im Genuss einer nobleren Unterkunft und Verpflegung. Der Duft nach Roastbeef und frisch gebackenem Brot traf Andrew wie ein Keulenschlag, als der Bedienstete ihn einließ, und in ihm begann es zu brodeln. Warum der Colonel mich auch immer sprechen will, er sollte lieber einen verdammt guten Grund dafür haben, dachte Andrew.

Der Colonel erschien ein paar Minuten später mit einem grimmigen Ausdruck auf seinem roten Gesicht; eine Serviette hing immer noch über seinem stattlichen Bauch. „St. James“, sagte er gereizt. „Warum hat das so lange gedauert?“

Andrew richtete den Blick auf die Schwerter, die über dem Kamin hingen. Klirren von Porzellan und das helle Lachen von Mrs. Fitzwilliams waren zu hören. Eine Dinnergesellschaft. Sein Magen knurrte erbost. „Wir sind gerade erst von unserem Auftrag zurückgekehrt, Sir. Am Gerätewagen war ein Rad gebrochen.“

Fitzwilliams schnaubte, als glaubte er ihm nicht. „Sie hätten sich mehr beeilen müssen. Hier ist ein Brief für Sie, und man sagte mir, ich solle ihn Ihnen persönlich übergeben.“

Andrew sah ihn erstaunt an. „Vom wem?“ Sein Magen verkrampfte sich. Es mussten schlechte Neuigkeiten von zu Hause sein, wer sonst hätte ihm so dringend schreiben sollen?

„Aus London.“ Fitzwilliams zog die oberste Schublade seines Schreibtischs auf. „Vom Anwalt des Duke of Carlyle.“

Seine Besorgnis wich verblüfftem Erstaunen, und er runzelte die Stirn. „Carlyle?“

„Sie kennen ihn?“

„Nein, Sir“, erwiderte er langsam, „er ist ein entfernter Cousin von mir – sehr weit entfernt. Ich bin dem Duke noch nie begegnet.“

Der Colonel schnaubte erneut und hielt ihm den Brief hin. „Der Anwalt meinte, ich solle ihn Ihnen umgehend aushändigen, und nur Ihnen.“

Andrew nahm den Brief mit einer knappen Verbeugung entgegen und steckte ihn in seine Jackentasche. Er hatte auf keinen Fall vor, ihn vor dem alten Griesgram Fitzwilliams zu lesen. „Ich danke Ihnen, Sir. Wäre das dann alles?“

Der Colonel schürzte sichtlich verstimmt die Lippen. „Was steht denn darin?“

Andrew brachte ein steifes Lächeln zustande. „Ich lese ihn später, nachdem ich gegessen habe. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es etwas Wichtiges ist. Seit den Zeiten meines Großvaters hat meine Familie keinen Kontakt mehr zu Carlyle.“

„Sie werden mir sagen müssen, was darin steht.“ Fitzwilliams Gesicht rötete sich noch stärker. „Ich habe einen Brief von Sir George Yonge persönlich erhalten mit der Aufforderung, Sie von Ihren Pflichten freizustellen, so wie es in diesem Schreiben verlangt wird.“ Er nickte zu der Jackentasche, in der Andrew den Brief verstaut hatte.

„Ach“, sagte Andrew erstaunt nach einer Weile. „Das werde ich selbstverständlich befolgen, Sir.“

Fitzwilliams sah ihn aufgebracht an. „Ich bitte darum, Captain.“

Andrew verneigte sich und ging. In seiner Eile vergaß er fast, sich die Kapuze seines Umhangs überzuziehen, damit er nicht ein zweites Mal völlig durchnässt wurde. Während er im Laufschritt den Hof überquerte, eilten seine Gedanken ihm Hunderte Meilen voraus nach Carlyle Castle. Er war nie dort gewesen und hatte auch noch nie eine Nachricht vom Duke erhalten. Was mochte dessen Anwalt von ihm wollen?

Er fing an sich zu fragen – vielleicht sogar zu hoffen –, ob es vielleicht um irgendeine Erbschaft ging von einem kürzlich verstorbenen mysteriösen Verwandten oder um eine, die der Anwalt zufällig in Erfahrung gebracht hatte. Die St. James’ von Carlyle Castle hatten seit dem Tod seines Vaters und Großvaters mehr als zwölf Jahre nichts mehr von sich hören lassen. Seine Mutter sagte immer, das überrasche sie nicht, da sie auch kein Interesse gezeigt hätten, als die beiden noch am Leben gewesen waren.

Nicht, dass Andrew nichts von ihnen annehmen würde, ganz im Gegenteil, selbst ein kleines Erbe hätte er dankbar und bereitwillig akzeptiert.

Es war das Schreiben des Kriegsministers, das ihm Kopfzerbrechen bereitete. Warum sollte Sir George Yonge dafür sorgen, dass er vom Dienst freigestellt wurde, um ein Erbe entgegenzunehmen? Und warum wendete sich der Anwalt der Carlyles überhaupt an den obersten Befehlshaber der Truppen?

Sobald er wieder in seiner Unterkunft war, riss Andrew den Brief auf. MacKinnon hatte inzwischen für ein üppiges Abendessen gesorgt, das normalerweise jeden anderen Gedanken aus seinem Kopf verbannt hätte, vor allem an einem Abend wie diesem. Jetzt aber blieb er einfach in der Tür stehen, ohne auf das von ihm abperlende Regenwasser zu achten, und las den Brief vom Anwalt seines entfernten Cousins.

„Schlechte Nachrichten, Sir?“, fragte MacKinnon nach einer Weile vorsichtig.

Andrew hob fassungslos den Blick. „Grundgütiger!“, flüsterte er.

Und so kam es, dass Andrew vierzehn Tage später und fünfhundert Meilen weiter entfernt die lange, kurvenreiche Straße zum Schloss entlanggaloppierte. Es war ein imposantes Gebäude aus verwittertem, grauem Stein, mit Zinnen, Türmen und einer Zugbrücke unter einem Torbogen aus Stein, an dem sich sicher einmal ein Fallgatter befunden hatte – wenn es das nicht immer noch gab. Es ähnelte durchaus manchen Festungen, in denen er in seinen Jahren beim Militär stationiert gewesen war, und es hätte ihn nicht überrascht, wenn gleich ein ganzes Regiment im Stechschritt auf ihn zugekommen wäre. Nie im Leben wäre er darauf gekommen, dass das tatsächlich ein Zuhause war.

Im Innenhof schwang er sich vom Pferd, er war schon spät dran. Man hatte ihn gebeten, an diesem Tag zu erscheinen, aber er war von vielem aufgehalten worden, vom schlechten Wetter bis zu einem gerissenen Sattelgurt.

Der Butler erwartete ihn bereits und zeigte ihm sofort sein Zimmer. Ein Diener brachte ihm ein Tablett mit Frühstück, und Andrew versuchte, so viel wie möglich davon zu essen, während er gleichzeitig seine Kleidung richtete und den Diener seinen Umhang abbürsten ließ.

„Ihre Gnaden will Sie jetzt empfangen“, verkündete der Butler viel zu bald.

Andrew nahm einen letzten Bissen von seinem Brot, spülte ihn mit Kaffee herunter und folgte dem Mann.

Aus unerfindlichen Gründen zitterten seine Hände, als er prüfend nach den Knöpfen seiner Jacke tastete. Mr. Edwards, der Anwalt, hatte ihn angewiesen pünktlich zu sein, und nun war er hier, im letzten Moment erschienen, staubbedeckt und müde nach dem langen Ritt von Inverness.

Der Raum, in den er geführt wurde, war prunkvoller als alles, was Andrew bisher gesehen hatte. Nicht einmal das Haus des Duke of Hamilton, den er einmal mit seiner Familie besucht hatte, konnte diesem hier das Wasser reichen. Die Wände waren mit burgunderrotem Damast ausgekleidet, an ihnen hing eine wunderbare Auswahl von Gemälden. Der Teppich unter seinen Stiefeln war dick und kunstvoll, aus den hohen, zweiflügeligen Fenstern blickte man hinaus auf eine sattgrüne, beinahe endlos erscheinende Rasenfläche. Das alles wäre eines Königs würdig gewesen.

Die Frau in dem reich verzierten Sessel war jedoch keine Königin, sondern eine Duchess, so viel hatte er inzwischen in Erfahrung gebracht – Sophia Marie St. James, Duchess of Carlyle. Sie war klein und rundlich und trug ein schwarzes Seidenkleid, das sicherlich mehr gekostet hatte, als ein Captain im Jahr verdiente. An ihrer Hand glitzerte ein Rubin von der Größe einer Eichel.

Vorsichtig nahm Andrew Platz. Ein anderer, bereits sitzender Mann betrachtete ihn abschätzend. Er war gut aussehend, schlank und elegant, aber sein Gehrock aus Samt war an den Ellenbogen und den Manschetten abgenutzt, und sein Blick hatte etwas Berechnendes. Andrew nickte ihm zur Begrüßung kurz zu, und er erwiderte diesen Gruß mit einem leichten Lächeln.

„Guten Morgen“, sagte die Duchess munter. „Ich hoffe, Ihre Anreise verlief ohne Zwischenfälle.“

„Ja, Euer Gnaden“, murmelte Andrew.

„Sie war ausgesprochen angenehm“, vermittelte der andere das genaue Gegenteil. Andrew fragte sich, wer er wohl sein mochte.

„Ausgezeichnet“, erwiderte die Duchess und betrachtete ihn kühl, ehe sie sich wieder Andrew zuwandte. „Sie fragen sich sicher, warum ich Sie hierhergebeten habe.“ Sie drehte sich um. „Mr. Edwards wird es Ihnen erklären.“

Ihm war der schwarz gekleidete Mann, der hinter Ihrer Gnaden saß, noch gar nicht richtig aufgefallen. Edwards war der Anwalt, der ihm geschrieben und seinen Sonderurlaub von der Armee bewirkt hatte.

„Am vergangenen vierzehnten April“, begann der Anwalt, „erkrankte Lord Stephen St. James, der jüngste Bruder Seiner Ganden des Duke of Carlyle, und verstarb wenig später.“

„Mein aufrichtiges Beileid, Madam“, murmelte Andrew und besann sich seiner Manieren.

„Vielen Dank, Captain“, sagte die Duchess. „Das ist sehr freundlich von Ihnen.“

„Bedauerlicherweise war Lord Stephen der einzige lebende Erbe Seiner Gnaden“, fuhr Mr. Edwards fort. „Carlyle selbst ist nicht verheiratet und hat keine Kinder.“

Andrew hatte lange über eine Erbschaft nachgedacht und sich gefragt, wer ihm etwas hinterlassen haben mochte. Eine Erbschaft war der einzige Grund, der ihm einfiel, warum er so eilig von Inverness hierherbestellt worden war, und das auch noch mit der ausdrücklichen Zustimmung des Kriegsministers.

Sein Urgroßvater war der dritte Duke of Carlyle gewesen. Sein Großvater, ein Zweitgeborener, hatte sich mit seinem Bruder, dem vierten Duke, überworfen und war vom Familienbesitz verbannt worden. Andrews Vater hatte immer gesagt, das sei eher ein Segen als ein Fluch gewesen, und es hatte nie jemand versucht, dieses Zerwürfnis zu beenden. Es war, als hätte ihre Familiengeschichte erst mit seinem Großvater Lord Adam angefangen und es frühere Generationen nie gegeben.

Aber dem war nicht so, und Adam war wie sein Vater vor ihm ein Einzelkind. Mit einem Schlag begriff er, warum er hier war.

Er warf dem verwegen aussehenden Burschen neben sich einen schnellen Blick zu und fragte sich, wie eng sie miteinander verwandt waren. Er musste ein weiterer Cousin sein, aber Andrew wusste so gut wie nichts über die Familie vor seinen Großeltern.

„Lord Stephen hat ebenfalls weder Frau noch Kinder hinterlassen“, verkündete die Duchess, und ihr Rubinring glitzerte im Sonnenlicht. „Aufgrund dessen sieht es so aus, dass Titel und Besitz nach dem Tod meines Sohnes an einen seiner Cousins übergehen werden.“ Sie bedachte beide Männer mit einem scharfen Blick. „Kurz gesagt, an einen von Ihnen.“

Großer Gott, das war ein Vermächtnis, das seine kühnsten Vorstellungen übertraf. „Das sind höchst unerwartete Neuigkeiten, Euer Gnaden“, sagte Andrew und versuchte, ganz ruhig zu bleiben. „Darf ich fragen, wie …?“

„Selbstverständlich. Mr. St. James …“, sie warf dem anderen einen flüchtigen Blick zu, „ist der Ururenkel des zweiten Dukes. Und Sie, Captain, sind der Urenkel des dritten Dukes.“

Andrew musste an sich halten, keinen Freudenschrei auszustoßen. „Das alles ist ziemlich überwältigend, Madam. Gibt es denn keinen anderen …?“

Der Anwalt holte schon Luft, aber die Duchess kam ihm mit der Antwort zuvor. „Nein“, entgegnete sie knapp und sah den Anwalt aufgebracht an. „Es gibt keinen näheren Verwandten.“

Kein näherer Verwandter. Und der andere Mann neben ihm hatte weniger Anspruch auf das Erbe als er selbst, wenn er auf die Schnelle richtig mitgerechnet hatte.

Mr. Edwards meldete sich wieder zu Wort. „Wie Sie vielleicht nicht wissen, ist Seine Gnaden, der Duke, vor vielen Jahren auf tragische Weise schwer verletzt worden.“ Das hatte Andrew nicht gewusst, aber wenn der Duke kerngesund gewesen wäre, hätte er sicher geheiratet und längst einen Erben in die Welt gesetzt, anstatt entfernte und bisher unerwünschte Cousins aus dem letzten Winkel von Schottland herbeizuzitieren. „Dadurch ist es ihm nicht möglich, zu heiraten und einen direkten Erben zu bekommen. Das bedeutet, dass keiner von Ihnen in der Erbfolge jemals durch einen anderen Erben ersetzt werden kann.“ Mr. Edwards breitete einen großen Bogen Papier aus. „Ich habe mir die Freiheit genommen, einen Familienstammbaum anzulegen, wie Sie hier sehen.“

Andrew und der Mann neben ihm beugten sich gleichzeitig nach vorn, um ihn sich anzusehen.

„Dieses Dokument wird von unschätzbarem Wert sein, wenn der Zeitpunkt gekommen ist, einen Anspruch zu erheben“, sagte der Anwalt und fügte mit einem leicht warnenden Unterton hinzu: „Vor allem, weil keiner von Ihnen beiden ein direkter Nachfahre des jetzigen Dukes oder eines seiner Vorgänger ist.“

Andrew überflog hastig den Stammbaum. Da stand sein Name, der seines Vaters und seines Großvaters … zurück bis zum dritten Duke. Dazwischen waren erstaunlich wenig andere Namen zu sehen.

Großer Gott, er war der voraussichtliche Erbe des Duke of Carlyle.

„Wie ich sehe, kommt das für Sie beide ziemlich überraschend“, stellte die Duchess fest, als beide Männer wie vom Donner gerührt dasaßen. „Für mich war es eher erschreckend.“

Der andere Cousin, der bislang sehr still gewesen war, bewegte sich jetzt. „Ich würde es nicht gerade erschreckend nennen“, meinte er gedehnt mit einem Schmunzeln. „Überraschend … das gebe ich zu.“

Andrew runzelte die Stirn. Warum reagierte der Mann so anmaßend auf diese unbestritten erfreuliche Nachricht? Nun, umso besser für mich, dachte er, aber da er selbst keinen Sohn und auch keinen Bruder hatte, würde dieser Mann der nächste sein. Sein eigener Erbe.

Die Duchess bedachte den unverfrorenen Burschen mit einem angewiderten Blick. „Die Bedingungen für das Erbe sind streng. Der Titel und der unveräußerliche Besitz müssen in der männlichen Linie der St. James’ weitergegeben werden. Einer von Ihnen wird der nächste Duke sein – Captain St. James höchstwahrscheinlich“, sie sah Andrew kurz an, „oder Mr. St. James, im Fall, dass dem Captain etwas zustößt.“

Ich gebe mein Offizierspatent zurück, dachte Andrew. Gleich morgen. Nur ein Narr wäre in der Armee geblieben und hätte riskiert, ausgerechnet jetzt an der Ruhr zu sterben.

„Natürlich ist mit dem Besitz ein beträchtliches Vermögen verbunden“, fuhr die Duchess fort. „Das bringt eine enorme Verantwortung mit sich, und keiner von Ihnen ist auch nur im Geringsten darauf vorbereitet. Ich habe Erkundigungen über Sie beide einziehen lassen.“ Sie bedachte die Männer mit einem wenig beeindruckten Blick. „Die Ergebnisse waren nicht sehr beruhigend, aber wir müssen uns damit zufriedengeben. Keiner von Ihnen hat eine Ehefrau.“

Andrew horchte auf. „Nein, Euer Gnaden.“

„Jedenfalls keine eigene“, murmelte der andere mit dem Anflug eines durchtriebenen Lächelns.

Du liebe Güte. Andrew sah den Mann aufgebracht an. Was stimmte denn nicht mit ihm? Die Miene der Duchess war eisig geworden, obwohl der Anwalt ein Schmunzeln zu unterdrücken schien, während er seine Papiere ordnete.

„Darüber hinaus haben Sie noch keinerlei Versuche unternommen, ehrbar zu werden, Sir!“, herrschte die Duchess ihn an. „Das besorgt mich, und deswegen habe ich Sie herkommen lassen. Der Duke of Carlyle verfügt über große Macht und muss diese mit Würde und Anstand ausüben.“

„Es ist eine gewaltige Verantwortung“, sagte Andrew schnell, bevor sein Cousin noch ausfallender werden konnte. „Ich hoffe, ich erweise mich ihrer würdig.“

Die Duchess nickte ihm zu. „Das erwarte ich von Ihnen, Captain.“ Nach einer kurzen Pause fügte sie säuerlich hinzu: „Und auch von Ihnen, Mr. St. James.“

Andrew hätte schwören können, dass der Mann grinste.

„Ich verstehe, dass die Anforderungen möglicherweise schwierig zu bewältigen sind“, räumte die Duchess ein. „Ich bin jedoch bereit, Ihnen zu helfen. Mr. Edwards wird jedem von Ihnen sofort fünfhundert Pfund auszahlen. Ich verlasse mich darauf, dass Sie klug damit umgehen und in einem halben Jahr als ernsthaftere, echte Gentlemen zurückkehren. Wenn ich mit Ihren Fortschritten zufrieden bin, gewähre ich Ihnen weitere eintausendfünfhundert Pfund pro Jahr, solange Sie ehrbar und anständig bleiben.“

Andrew schlug das Herz hart gegen die Rippen. Fünfhundert Pfund! Und danach weitere eintausendfünfhundert jährlich! Das war ein verdammtes Vermögen!

Mr. St. James stellte noch eine Frage, die Andrew aber kaum mitbekam. Er konnte nur noch an das Geld denken und an das, was es für seine Familie bedeuten würde. Sie kamen einigermaßen zurecht in Edinburgh, doch nun konnte er dafür sorgen, dass sie ein angenehmes Auskommen hatten. Er konnte seinen Schwestern eine Mitgift ermöglichen – zweihundert Pfund für jede, vielleicht sogar noch mehr. Agnes mit ihrer Intelligenz und Warmherzigkeit, Winnie mit ihrem Humor und ihrer Schönheit und Bella mit ihrem Charme und ihrer Fröhlichkeit – alle drei würden somit sicher eine gute Partie machen können. Und seine Mutter verdiente es, endlich wieder Bedienstete zu haben und nicht mehr in dem Laden am Parliament Square arbeiten zu müssen …

Er stutzte. Edinburgh? Er konnte mit seinen Schwestern nach London übersiedeln, zumindest zeitweise für eine richtige Saison. Mit Kleidern aus Paris, einer eigenen Kutsche und Zutritt zu den besten Kreisen der Gesellschaft. Sie würden die Familie eines zukünftigen Dukes sein. Wurden seine Mutter und seine Schwestern dadurch zu adeligen Damen? Winnie würde begeistert sein. Er musste unbedingt danach fragen.

Die Duchess und Mr. St. James hatten weiter diskutiert, während er in seine Grübeleien versunken gewesen war. Ihrem Tonfall nach hatte Mr. St. James Ihre Gnaden wohl wieder brüskiert. Andrew sah seinen Cousin mitleidig an. Keinerlei Disziplin. Der Mann war eindeutig nie in der Armee gewesen, wenn er glaubte, sich auf die Art bei denen einschmeicheln zu können, die ihm standesgemäß überlegen waren.

„Dieses Angebot soll Ihnen helfen“, sagte Ihre Gnaden mit schneidender Stimme. „Geben Sie sich nicht der Illusion hin, dass Carlyle sich von allein verwaltet oder dass man einfach einen Verwalter einstellen kann, der das übernimmt. Sie sind beide noch jung und nie auf diese Aufgabe vorbereitet worden. Es wird schwierig für Sie werden, aber Sie müssen sich der Situation gewachsen zeigen. Ich bitte Sie inständig, dieses Angebot zu akzeptieren und es ernst zu nehmen.“

Andrew räusperte sich. „Ja, natürlich, Euer Gnaden. Das ist überaus großzügig von Ihnen.“

„Ich bin nicht großzügig!“, erwiderte sie scharf. „Ich will nur nicht mit ansehen, wie Carlyle in den Ruin getrieben wird. Ich möchte, dass es an jemanden übergeht, der die Einzigartigkeit des Anwesens zu schätzen weiß, der sich um diejenigen kümmert, die davon abhängig sind, und der es erhält für die zukünftigen Generationen. Aus diesem Grund haben Sie beide jetzt sechs Monate Zeit zu beweisen, dass aus Ihnen ein solcher Mensch werden kann. Sie brauchen nicht zu befürchten, dass die Zahlungen eingestellt werden, wenn ich sterbe.“ Sie warf Mr. St. James wieder einen finsteren Blick zu, als ahnte sie, dass er danach hatte fragen wollen. „Ich werde in meinem Testament verfügen, dass die jährlichen Zahlungen fortgesetzt werden, solange Sie sich an meine Bedingungen halten.“

Andrew hatte nie die Freiheit gehabt, sich unehrenhaft oder verantwortungslos zu verhalten, vermutete jedoch, dass das bei seinem Cousin anders war.

„Und wie lauten diese Bedingungen, Euer Gnaden?“

„Ehrbarkeit.“ Sie sah Mr. St. James von oben herab an. „Kein ungebührliches Benehmen. Ernsthaftigkeit. Die Dukes of Carlyle haben seit Langem machtvolle Posten in Westminster innegehabt, und Sie wären gut beraten, sich für Politik zu interessieren, damit Sie sich behaupten können, wenn Sie im Oberhaus sitzen. Gelingt Ihnen das nicht, werden Sie früher oder später mit Freuden von einem anderen ausgenutzt werden.“ Sie schwieg einen Moment lang. „Auch hatte ich immer das Gefühl, dass eine Ehefrau einen Mann erdet. Ich verlange nicht von Ihnen zu heiraten, aber der nächste Duke wird einen Erben brauchen. Eine geeignete Braut ist von unschätzbarem Wert.“

„Wir müssen heiraten?“ Andrews rosige Pläne, die Armee zu verlassen und seine Familie bestmöglich zu versorgen, zerstoben schlagartig.

„Der Duke of Carlyle wird einen Erben brauchen“, wiederholte sie. „Wenn Sie keinen aufweisen können, Captain, wird Mr. St. James der mutmaßliche Erbe.“

Verdammt unwahrscheinlich, dachte Andrew, während er und sein Cousin abschätzende Blicke tauschten.

„Mr. Edwards wird Ihnen alle weiteren Fragen beantworten.“ Die Duchess erhob sich und scheuchte dabei eine große rote Katze auf, die unter ihrem Sessel gelegen hatte.

Andrew sprang auf und eilte der Duchess nach. „Euer Gnaden, wenn ich bitten darf …“

Sie sah ihn an. „Ja?“

Er lächelte und senkte den Kopf. Sie war eine winzige Frau, und er hatte die Erfahrung gemacht, dass seine Größe kleine Frauen einschüchterte. „Sie sprachen ganz bewusst von der Wichtigkeit einer Heirat.“

„Ja, Captain“, erwiderte sie mit einer gewissen Ungeduld. „Eine gute Ehefrau macht einen Mann nicht nur verlässlicher und ausgeglichener, sie ist auch unerlässlich für einen rechtmäßigen Erben.“

„Natürlich“, pflichtete er ihr hastig bei. „Ich wollte Sie nur fragen, wie ich Ihrer Meinung nach am besten vorgehen sollte. Als Mann der Armee hatte ich nur sehr selten die Gelegenheit, Damen kennenzulernen, die geeignet gewesen wären, einmal eine Duchess zu werden.“

Sie wirkte etwas milder gestimmt. „Ja. Ich verstehe. Haben Sie vor, bei der Armee zu bleiben?“

Gerade so lange wie ich brauche, um meine Unterkunft zu räumen. „Ich glaube nicht, dass ich dieser neuen Verantwortung gerecht werden und gleichzeitig meine Pflichten dort erfüllen könnte. Genauer gesagt weiß ich nicht, wie ich von Fort George aus mehr über Carlyle erfahren könnte, ganz zu schweigen davon, irgendwann den Besitz zu übernehmen. Ich frage mich, ob ich mir vielleicht eine Unterkunft hier in der Nähe suchen sollte?“

Als Mr. Edwards den Familienstammbaum ausgebreitet hatte, war ihm nicht entgangen, dass der jetzige Duke auf die sechzig zuging. Ein Mann dieses Alters, der eine so schwere Verletzung davongetragen hatte, dass er nicht in der Lage war, zu heiraten und einen Sohn zu zeugen; ein Mann, dessen Mutter sich die Mühe gemacht hatte, neue Erben ausfindig zu machen … Das war nicht irgendeine vage Zukunftsvision. Carlyle Castle und der damit verbundene Titel konnten sehr wohl in wenigen Jahren, vielleicht auch nur Monaten ihm gehören. Da war keine Zeit mehr zu verlieren – und das wollte er auch gar nicht.

Die Miene der Duchess wurde noch sanfter. „Ja, Captain, ich denke, das wäre eine sehr gute Idee. Mr. Edwards könnte Ihnen vieles erklären, und natürlich wäre ich auch noch da.“ Sie betrachtete ihn eingehend. „Mit einem fähigen Kammerdiener würden Sie durchaus ein gut aussehender Bursche werden. Ich könnte Ihnen eine ganze Reihe von Damen vorstellen, die Ihr Interesse verdienen würden.“

Andrew lächelte. Solange er noch seine Mutter und drei Schwestern mit dem Gehalt eines Captains unterstützte, waren eine Ehefrau und Kinder ein Luxus für ihn, den er sich nicht leisten konnte. Als Erbe des Duke of Carlyle hingegen, mit einem jährlichen Einkommen von fünfzehnhundert Pfund …

„Das wäre mir sehr recht, Euer Gnaden“, sagte er.

Fortes fortuna adiuvat. Den Mutigen hilft das Glück.

2. KAPITEL

Zwei Monate später

Edinburgh war noch genau so, wie Andrew es in Erinnerung hatte. Es schien sich wie ein Königreich auf einem Hügel aus dem Boden zu erheben; die Steinhäuser schmiegten sich wie Gefolgsleute an den Fuß der Burg, die gebieterisch von hoch oben über die grüne Ebene blickte.

Wegen seiner Stationierung in Fort George war Andrew schon seit über einem Jahr nicht mehr hier gewesen. Auf seinem Weg nach Süden, nach Carlyle, hatte er keine Zeit gehabt, hier Halt zu machen und seiner Familie von den Neuigkeiten zu erzählen, aber jetzt …

Jetzt hatte er reichlich Zeit und noch mehr Neuigkeiten zu erzählen.

Seine Familie wohnte in einem kleinen Haus in der High Street. Es war bereits Abend, und seine Mutter und seine Schwestern hatten den Laden bestimmt schon geschlossen. Doch die Einzige, die im Haus war, als er ankam, war Annag, die früher seine Kinderfrau gewesen war und sich geweigert hatte, die Familie im Stich zu lassen, als die finanziellen Mittel knapp geworden waren. Inzwischen half sie seiner Mutter und seinen Schwestern bei allem Möglichen.

„Master Andrew!“, rief sie aus. „Da sind Sie ja endlich! Das wurde auch Zeit, Ihre Mutter hat sich schon schreckliche Sorgen gemacht!“

Er lachte und umarmte die kleine grauhaarige Frau, die ihm fast so lieb war wie seine eigene Mutter. „Ich habe ihr geschrieben, wann ich komme.“ Ihre Sorge überraschte ihn allerdings nicht, denn bestimmt hatte sie gehofft, dass er schon drei Tage früher eintreffen würde.

Annag kräuselte die Lippen. „Und Sie hören sich so englisch an wie dieser Schlachter Cumberland.“

Andrew verzog das Gesicht. „Ja, ich bin die letzten sechs Wochen in England gewesen“, erklärte er und verfiel dabei wieder ins Schottische, das sie sprach.

„Hoffentlich gibt sich das bald“, entgegnete sie spitz. „Davon wollen wir hier nichts hören, Junge!“

„Nein, versprochen. Wo sind denn die anderen?“

„Bei den Monroes zum Abendessen. Ich schicke schnell eine Nachricht …“

„Nein, nein, sag ihnen nachher nur, dass ich angekommen bin. Zum Reden ist auch morgen noch Zeit.“ Er zwinkerte ihr zu und ging zur Tür.

„Aber sie werden die Neuigkeiten erfahren wollen!“, protestierte sie und eilte ihm nach.

„Und die gibt es morgen auch, zusammen mit den Geschenken, die ich mitgebracht habe.“ Er schmunzelte, als sie große Augen machte. „Bis morgen, Annag.“

Seine Pflicht erfüllt habend, trat er wieder auf die Straße hinaus und atmete tief durch. Es kam ihm sogar ganz gelegen, dass niemand zu Hause gewesen war. Nach der einwöchigen anstrengenden Reise, ganz zu schweigen von den langen Wochen des Lernens und Studierens in Carlyle, war die Aussicht auf einen freien Abend geradezu berauschend.

Sosehr er sich auch freute, seine Familie wiederzusehen, so hatte er doch einem alten Freund geschrieben und ihn um ein Nachtquartier gebeten. Wie erwartet hatte Felix Duncan ihm zurückgeschrieben, er sei jederzeit willkommen. Andrew schwang sich wieder in den Sattel und brachte sein Pferd in einen Mietstall, ehe er sich die Satteltaschen über die Schulter hängte und zu Fuß zu Duncans Wohnung ging.

„Herein!“, ertönte es dumpf auf Andrews Klopfen hin.

Andrew trat ein und sah seinen Freund vor einem Standspiegel Finten üben, wobei er nach jedem Hieb seine ursprüngliche Haltung wieder einnahm.

„Übst du für einen Kampf gegen dich selbst?“, fragte Andrew belustigt.

„Wenn ich mich einem ebenbürtigen Gegner stellen will, muss ich das tun.“ Duncan betrachtete sich kritisch im Spiegel und winkelte korrigierend etwas den Ellenbogen an.

„Sehr gut. Und wenn du dich jemals einem überlegenen Gegner stellen willst, stehe ich gern zur Verfügung.“

Duncan gab seine Fechthaltung auf. „Überlegen? Nein, nur größer und mit längeren Armen. Liebe Güte, Mann, du bist ein Koloss!“

Andrew spannte demonstrativ seine Armmuskeln an. „Das Ergebnis harter Arbeit. Du solltest das auch einmal versuchen.“

Duncan, der einzige Sohn eines bekannten Richters, hatte noch keinen Tag in seinem Leben hart gearbeitet. Er ließ den Degen sinken und sah Andrew aufgebracht an. „Werde ich dadurch etwa größer? Bekomme längere Arme? Ich glaube nicht!“

Andrew lachte. „Nein. Du bist ein hoffnungsloser Fall und wirst auf ewig ein kleiner, spindeldürrer Mann bleiben …“

Duncan hob grollend seinen Degen, und Duncan tat prompt, als müsste er gähnen. Sein Freund fing an zu grinsen. „Auch wenn du völlig unverschämt bist – es ist schön, dich wiederzusehen, St. James. Herzlich willkommen.“

Andrew schüttelte die ausgestreckte Hand seines Freundes. „Vielen Dank, dass ich dein Gästezimmer benutzen darf.“

Duncan ging vor dem Spiegel wieder in Fechtstellung. „Jederzeit. Obwohl du schlimmer bist als ein altes Weib – deutest immer wunderbare Neuigkeiten an, ohne mir zu verraten, warum du zurück in Edinburgh bist, anstatt im Regen um Fort George herumzumarschieren.“ Er machte einen Satz nach vorn und warf sich dabei seinen roten Zopf über die Schulter.

Andrew grinste. Es stimmte schon, als sie noch richtige Lausbuben gewesen waren und sich vor ihren Lehrern in dem Labyrinth enger Gassen rechts und links der Cowgate versteckt hatten, hatte er Duncan immer die abenteuerlichsten Geschichten aufgetischt. „Dieses Mal, Duncan, habe ich so fantastische Neuigkeiten, dass nicht einmal du sie glauben wirst.“

Andrew ging in das Gästezimmer, in das man bereits seine Reisetruhen gebracht hatte. Eine von ihnen war alt; während er in seinen Satteltaschen nur das Nötigste verstaut hatte, enthielt sie seine restlichen Habseligkeiten. Die andere, größere Truhe war neu; in ihr befanden sich lauter Geschenke für seine Familie, hübsche, verspielte Dinge, die der Mutter und den Schwestern eines Dukes würdig waren.

Der Anblick ernüchterte ihn. Diese Truhe war ein Trojanisches Pferd; eine pompöse Gabe, mit der die elegante, exklusive Welt von Carlyle Castle Einzug in seine Familie halten würde. So wie der frühere Duke seinen Großvater behandelt hatte, hatte seine Familie nichts mehr mit dem Schloss zu tun haben wollen. Jetzt allerdings blieb ihr keine andere Wahl mehr, und diese Truhe sollte ihre Meinung ändern.

Er hatte seiner Mutter nur geschrieben, dass es gewisse Aussichten in Bezug auf diesen Zweig der Familie gab. Es hatte sich seltsam angefühlt, diese Nachricht niederzuschreiben und in die Welt hinauszuschicken, frei und ungehindert. Mr. Edwards, der Anwalt, hatte striktes Stillschweigen über diese Angelegenheit verlangt. Niemand außerhalb von Carlyle Castle wusste etwas von dem Plan der Duchess.

Manchmal hatte Andrew sich spöttisch gefragt, ob das so war, weil die Duchess ihn und seinen Cousin dadurch besser unter Kontrolle hatte, aber der Anwalt hatte ihm versichert, dass das nur zu seinem Besten geschah, um ihm die intensiven, prüfenden Blicke zu ersparen, denen er als Erbe des Dukes unweigerlich begegnen würde.

Das bedeutete, dass nur sehr wenigen Leuten in England und niemandem in Schottland bewusst war, dass an diesem Abend der zukünftige Duke of Carlyle die Bühne in Edinburgh betrat.

In Wahrheit konnte er es selbst noch kaum glauben; das Carlyle-Erbe kam ihm wie ein Traum vor. Selbst während Mr. Edwards’ Erklärungen zu dem Besitz hatte ein Teil von ihm gedacht, dass das alles in Wirklichkeit gar nicht ihm gehören und im letzten Moment auf wundersame Weise ein anderer Erbe auftauchen würde, sodass Andrew und sein Cousin leer ausgingen. Erst jetzt, da er hier war und im Begriff stand, seine Familie einzuweihen und die Bürde von Carlyle zu übernehmen, dämmerte ihm, dass das seine Zukunft war. Der kommende Monat würde der letzte in seinem Leben als Captain St. James, normaler Schotte und Soldat, sein.

Wie erwartet folgte Duncan ihm nach wenigen Minuten mit einem Handtuch um den Nacken und zwei Whiskygläsern in der Hand, von denen er eins Andrew hinhielt. „Also gut, was sind das für unglaubliche Neuigkeiten?“

Statt ihm zu antworten, reichte Andrew ihm einen versiegelten Umschlag. Duncan leerte sein Glas und stellte es ab, um das Siegel zu brechen. Trotz seiner lebemännischen Art war Duncan Sohn eines Richters, selbst Anwalt und weitaus intelligenter, als er tat.

„Jesus, Maria und Josef!“, rief er wenige Augenblicke später aus. „Ist das … ist das wahr?“

Andrew nickte, zog seine Jacke aus und warf sie über den Sessel am Fenster. Er sehnte sich nach einem Bad und fragte sich, ob Duncan wie früher einem Sprung in den Firth zustimmen würde.

„Carlyle?“, sagte er ungläubig. „Carlyle? Du?“

Andrew verneigte sich spöttisch. „Zu deinen Diensten.“

Nachdem er sich von dem ersten Schock erholt hatte, legte Duncan den Kopf in den Nacken und lachte schallend auf. „Du – ein Duke! Du – der durchtriebenste Lausbub, ein Mitglied des Hochadels! Du – der wilde Schotte, ein vornehmer Engländer!“

Bei dem Letzten runzelte Andrew die Stirn. „Ich war nie wild und werde nie ein Engländer sein!“

„Aber nein, niemals.“ Duncan grinste, faltete die Papiere wieder zusammen und drückte sie Andrew in die Hand. „Es dauert vielleicht eine Weile, aber dann wirst du einer werden. Kein Schottisch mehr für dich, sondern nur noch das feine Englisch des Königs. Du wirst eine blasse Engländerin heiraten, und deine Enkel werden nie nördlicher reisen als bis zum River Tweed.“

Schmallippig verstaute Andrew die Dokumente wieder in seiner Truhe. „So ein Unsinn.“

„Wirklich?“, murmelte Duncan mit funkelnden Augen. „Nun, wir werden sehen.“ Damit verließ er das Zimmer, und Andrew fuhr fort, seine Sachen auszupacken – wütend, weil sein Freund die nackte Wahrheit gesagt hatte.

Wenig später war Duncan zurück und brachte ein dünnes Buch mit. „Wenn du Schotte bleiben willst, wirst du Hilfe brauchen.“

The Widower and Bachelor’s Directory, lautete der Titel des Buchs. Stirnrunzelnd schlug Andrew es auf und lachte ungläubig, als er begriff, worum es sich handelte. „Vermögende Damen für Witwer und Junggesellen, und wo man sie finden kann? Was ist denn das für ein Unfug?“

„Kein Unfug“, konterte Duncan immer noch grinsend. „Ein unschätzbar wertvoller Ratgeber für jeden Mann, der eine Ehefrau sucht!“

„Wer sagt, dass ich eine Ehefrau suche?“

Duncan ließ die Augenbrauen in die Höhe schnellen. „Ein alleinstehender Mann mit der Aussicht auf einen wertvollen Besitz und den Titel eines Dukes will eine Ehefrau haben. Und selbst, wenn er keine haben will, wird man ihm eine aufzwingen, ob ihm das passt oder nicht. Jede unverheiratete Frau zwischen siebzehn und siebzig wird sich ihm vor die Füße werfen – oder geworfen werden –, bis eine ihn sich schnappt und vor den Altar schleppt.“

„Du bist der Einzige in Edinburgh, der darüber Bescheid weiß“, sagte Andrew verärgert. „Und so soll es auch bitte bleiben. Wenn Frauen anfangen, sich mir vor die Füße zu werfen, weiß ich, wer daran schuld ist.“

Duncan schnaubte. „Als würde ich allen Mädchen erzählen, dass du bald reicher bist, als sie sich je erträumen könnten! Obwohl das natürlich der einzige Grund ist, warum eine vernünftige Frau sich jemanden wie dich aussuchen würde …“

„Du solltest allmählich anfangen, ernsthaft an deinen Fechtkünsten zu arbeiten!“

Sein Freund winkte ab und hielt ihm das alberne Buch hin. „Behalte es! Ich kenne bereits alle infrage kommenden Damen in der Stadt. Und sobald sich herumspricht, dass hier der Erbe eines Dukes frei herumläuft, musst du schließlich wissen, welche du abwimmeln kannst.“ Andrew stieß einen Fluch aus, bei dem jeder Soldat rot geworden wäre, aber Duncan grinste nur und war sichtlich mit sich zufrieden. „Wenn du nun schon bald nicht mehr unter den Normalsterblichen weilen wirst, wollen wir deine letzten Tage als ganz gewöhnlicher Mann zu einer unvergesslichen Erinnerung machen. Ich ziehe mich nur rasch um.“

Das war schon eher nach Andrews Geschmack. Er war fast zwei Monate im Schloss gewesen, ständig auf der Hut und auf seine Worte bedacht. Ein ausgelassener, sorgloser Abend war jetzt genau das, was er brauchte.

Zu Andrews Erleichterung war Duncans Vorstellung von einem unvergesslichen Abend immer noch die gleiche wie vor Jahren. In einem Austernkeller unter einem Gasthaus trafen sie sich mit zwei anderen alten Freunden, Adam Monteith und William Ross. Zu viert machten sie sich genüsslich über die Austern her und spülten sie mit reichlich schottischem Porter herunter. Es gab einfach nichts Besseres als frische Austern aus dem Firth of Forth.

In diesem Keller war Andrew noch nie gewesen. Es gab mehrere dieser Art in Edinburgh, und es schienen immer mehr hinzuzukommen. Es ging lebhafter zu, als er in Erinnerung hatte; das Lokal war völlig überfüllt, Stimmengewirr und Gelächter hingen in der Luft.

An einem anderen Tisch saß eine große Gruppe, einschließlich mehrerer Damen. Sie lachten und schwatzten mit einer Fröhlichkeit, die Andrew auffiel und ihn an seine eigenen Schwestern erinnerte.

Nun – vielleicht nicht auf dieselbe Art und Weise.

Ross ertappte ihn beim Hinsehen und stieß ihn mit dem Ellenbogen an. „Gefällt sie dir?“

Es bestand kein Zweifel, wen Ross meinte. Die Frau am Kopf des Tisches war faszinierend. Sie war nicht nur einer der fröhlichsten Menschen im Raum und brachte die anderen immer wieder zum Lachen, sie schien förmlich von innen heraus zu leuchten. Ihr dunkles Haar war lose hochgesteckt, und sie trug ein leuchtend blaues Kleid. Es waren jedoch ihre Augen, die ihn am meisten fesselten. Diese dunklen Augen funkelten vor Vergnügen und diebischer Freude, und Andrew hätte gern gewusst, was der Grund dafür war.

Als hätte sie Ross gehört, sah sie nun in Andrews Richtung. Ertappt hielt er kühn ihrem Blick stand. Ein leicht spöttisches und gleichzeitig geheimnisvolles Lächeln umspielte ihre Mundwinkel, ehe sie sich wieder ihren Freunden zuwandte.

Andrew konzentrierte sich wieder auf sein Porter und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie heiß ihm plötzlich geworden war und wie schnell sein Herz klopfte.

Ross stieß ihn erneut an und zog wissend die Augenbrauen hoch. Andrew zuckte nur mit den Schultern und warf einen neuerlichen verstohlenen Blick über die Schulter.

Irgendwann erschien ein Dudelsackspieler und stimmte eine Melodie an. Sofort wurden alle Tische beiseitegerückt, und die ersten Gruppen bildeten sich zum Tanz. Duncan sprang über einen Tisch, um mitzutanzen, Monteith und Ross folgten ihm. Auch Andrew legte seine Jacke ab und nahm seine Position ein.

Der Tanz war ausgelassen und wild. Schon nach wenigen Minuten war Andrew außer Atem, lachend schwenkte er eine Dame nach der anderen im Kreis. Bei dem lauten Spiel des Dudelsacks, dem Stampfen so vieler Füße auf den Holzboden, dem Lachen der Tänzer und den anfeuernden Rufen der Zuschauer war es nicht möglich, sich zu unterhalten. Es ging hoch her, der Tanz wurde immer übermütiger, und Andrew war glücklich. Etwas Derartiges hatte es weder in Carlyle Castle noch in Fort George gegeben; Colonel Fitzwilliam, der alte Griesgram, wünschte nicht, dass seine Offiziere an gesellschaftlichen Ereignissen teilnahmen.

Andrew war so ins Tanzen vertieft, dass er zusammenzuckte, als die nächste Dame, die nach seiner Hand griff, die bezaubernde Schönheit vom Nebentisch war, die, die ihm zugelächelt hatte …

Hand in Hand drehten sie sich einmal im Kreis, dann trennten sie sich wieder. Jedes Mal, wenn der Tanz sie wieder zusammenführte, konnte Andrew sie einfach nur anstarren. Von Nahem sah sie sogar noch faszinierender aus. Ihre Frisur hatte sich aufgelöst, und das dunkle Haar fiel ihr offen über die Schultern. Wie die anderen Damen raffte sie ihre Röcke und stampfte mit den Füßen den Rhythmus mit. Ihre Wangen waren gerötet, und ihr Gesicht leuchtete vor Freude. Und als sie ihn dabei ertappte, wie er sie angaffte, schenkte sie ihm wieder dieses ansteckende Lächeln.

Der Tanz nahm ein abruptes Ende, als jemand stolperte und stürzte. Der Dudelsackspieler hörte genau in dem Moment auf zu spielen, als der gestürzte Mann sich erbrach. Mit erschrockenen Aufschreien wichen die Tänzer vor ihm zurück. Durch reinen Zufall wurden Andrew und die Frau von den zur Treppe eilenden Menschen zurück in eine Ecke gedrängt. Irgendjemand rempelte ihn an, und die Frau stolperte gegen ihn. Unwillkürlich packte er sie, um sie zu stützen, und sie warf ihm einen dankbaren Blick zu.

Er musste sie einfach fragen. Er beugte sich zu ihr. „Wer sind Sie?“ Sie duftete nach Meer und Orangen.

Sie sah ihn strahlend an und sagte etwas, das er aber bei dem Lärm nicht verstehen konnte.

Er beugte sich noch weiter zu ihr. „Wie bitte? Wie heißen Sie?“

Sie hob die Hände und umrahmte damit sein Gesicht. Einen atemberaubenden Herzschlag lang presste sie stürmisch ihre Lippen auf seine. Er spürte den Kuss bis in die Zehenspitzen, ihm war, als hätte ihn der Blitz getroffen. Spontan legte er ihr eine Hand in den Nacken und erwiderte den Kuss.

Ehe er jedoch die Arme um sie schlingen konnte, ließ sie ihn los, duckte sich unter seinem Ellenbogen weg und verschwand in der Menge, die die Treppe emporeilte. Trotz seiner Größe hatte er sie in kürzester Zeit aus den Augen verloren.

Mit immer noch brennenden Lippen wartete er den schlimmsten Ansturm auf die Treppe ab, dann ging er durch den Raum, um seine Jacke zu holen. Duncan lag auf einem Tisch und lachte über Ross, der, wie sich herausstellte, derjenige gewesen war, der sein Abendessen auf dem Fußboden losgeworden war. Er lehnte matt an einem Tischbein, das er fest umklammert hielt, und war kreidebleich im Gesicht. Monteith stritt gerade mit dem Wirt, der sich seinen Weg auf der Treppe nach unten gebahnt hatte und nun finster auf die Bescherung auf dem Boden blickte.

Duncan schwang sich vom Tisch. „Lass uns gehen“, sagte er zu Andrew. „Monteith, bring mit, was von Ross noch übrig ist!“ Er warf dem Wirt ein paar Münzen zu, die dieser aus der Luft auffing, aber seine finstere Miene beibehielt.

Draußen auf der Straße nahmen sie Ross zwischen sich. Männer in der schottischen Tracht der Highlander trugen Sänften an ihnen vorbei, irgendwo in der Nähe bellte ein Hund. Krumm und schief und mehr als nur ein wenig betrunken torkelten die vier durch die Straßen. Duncan sang laut ein etwas obszönes Lied auf Schottisch, während Ross stöhnte, er solle gefälligst leise sein.

„Monteith“, sagte Andrew über Ross’ Kopf hinweg, der auf seiner Schulter lag, „wer war die Frau in dem blauen Kleid?“

„Was?“ Monteith blinzelte. „Welche? Die Hälfte aller Frauen da hatte etwas Blaues an, St. James.“ Die letzten Worte waren eher ein Lallen.

Andrew gab es auf. Monteith war sogar noch betrunkener als Duncan, der gerade mit den Füßen nach den streunenden Katzen trat. Irgendjemand riss ein Fenster auf und brüllte, er solle still sein, woraufhin er noch lauter die nächste Strophe seines Lieds anstimmte.

Morgen. Sobald Duncan wieder nüchtern war, würde Andrew schon herausfinden, wer sie war. Er konnte immer noch ihre Lippen auf seinen spüren, und er sehnte sich nach einem nächsten Mal.

3. KAPITEL

Es dauerte ewig, bis sie die Staffelei an die richtige Stelle gerückt hatte. Das Morgenlicht war ausgezeichnet, aber die Fenster waren schmal und ließen nur wenig davon ins Zimmer. Die Fensterläden noch weiter aufzuklappen, half ein wenig, aber immer noch störten die Vorhänge, bis sie sie schließlich abnahm.

Nach all diesen Strapazen stellte Ilsa Ramsay verdrossen fest, dass sie keine grüne Farbe mehr hatte.

Nun ja. Vielleicht sollten die Hügel ja eher violett werden als grün, wenn sie jetzt so darüber nachdachte.

Tante Jean kam ins Zimmer und blieb wie angewurzelt stehen. Ilsa wollte sich einbilden, dass sie ihre Malkünste bewunderte, die sich in den letzten paar Monaten enorm verbessert hatten. Sie tupfte noch etwas mehr Heideviolett auf ihr Gemälde vom fernen Caltoun Hill, so wie man ihn vom Fenster des Zimmers sehen konnte.

„Müssen die Vorhänge gereinigt werden?“, fragte ihre Tante nach einer Weile.

„Nein“, erwiderte Ilsa. „Sie haben mir die Sicht genommen.“

Jean hob eine Ecke des auf dem Sofa liegenden Vorhangs an und schnalzte missbilligend mit der Zunge, weil ein Gardinenring abgerissen war. „Haben die dich auch gestört?“

„Ich habe die Vorhänge nicht heruntergerissen, dieser Ring war schon lose.“ Vorsichtig fügte Ilsa der Heide winzige hellblaue Tupfer hinzu. Ja, durch die Heide sah der Berg gleich viel schöner aus. Zu schade, dass man ihn in Wirklichkeit nicht auch so verschönern konnte.

Jean ließ den Vorhang wieder los. „Dann werde ich ihn wohl wieder annähen müssen.“

„Das brauchst du nicht, ich wollte dir keine Arbeit machen.“ Sie neigte den Kopf zur Seite und betrachtete kritisch ihr Werk. „Ich mag es, wenn es heller im Zimmer ist. Vielleicht hänge ich die Vorhänge gar nicht mehr auf.“

„Wie bitte? Dann kann ja jeder hier hereinsehen!“ Jean war entsetzt.

„Nur, wenn man eine lange Leiter an die Hausfassade stellt, und das würde sogar in Edinburgh auffallen.“ Ilsa hätte am liebsten die Augen verdreht. Das Gebäude gegenüber war eine kleine Konzerthalle mit im Erdgeschoss zugemauerten Fenstern.

Jean hob empört die Hände. „Ach, was fällt dir bloß ein, Kind? Natürlich brauchen wir Vorhänge!“

„Eigentlich nicht. Sie sind jetzt schon seit einer Stunde nicht mehr da, und das Haus steht immer noch.“

Ihre Tante sah sie gereizt an. „Das habe ich damit nicht gemeint!“

„Aber ist das nicht die entscheidende Frage? Wir brauchen keine Vorhänge, sie gefallen uns. Sie zeigen dem Betrachter von außen, wie elegant und vermögend wir sind. Aber die Fenster sind gut eingepasst, sie sind dicht, und im Moment verhindern die Vorhänge nur, dass Licht ins Zimmer fällt.“ Behutsam setzte sie einen weiteren hellblauen Punkt auf ihr Bild. „Ich glaube, es wäre unserer Gesundheit weitaus zuträglicher, gar keine Vorhänge zu haben.“

„Mit dir kann man einfach nicht streiten“, murmelte ihre Tante.

Ilsa lächelte erleichtert. „Danke, Tante, ich freue mich, dass wir einer Meinung sind.“

Jean verschränkte die Arme vor der Brust. „Das habe ich nie gesagt!“

„Solange wir nicht streiten, darfst du gern anders denken als ich.“ Ilsa glitt mit dem Pinsel über den Boden des Farbtopfs und spähte dann hinein, als könnte wie durch ein Wunder doch noch etwas grüne Farbe auftauchen.

„Du weißt, Ilsa, nicht jeder würde deine Marotten so tolerant hinnehmen“, sagte ihre Tante warnend und kam wieder auf das Thema zu sprechen, über das sie beide schon so oft diskutiert hatten. „Kein Gentleman würde so etwas …“

„Genau!“ Ilsa stand auf und knöpfte ihren Kittel auf. „Kein Gentleman! Und das ist auch gut so.“

Jean sah sie empört an. „Was für ein schreckliches Pauschalurteil! Das ist nicht fair.“

Ilsa lachte. „Ich habe doch nichts gegen Männer, nur gegen Gentlemen. Ich liebe Papa und Robert.“

Jean legte sich matt eine Hand an die Stirn. „Robert ist kein Mann.“

„Aber auch kein Gentleman, und deshalb ist er perfekt.“ Ilsa hängte ihren Kittel über die Wandleuchte neben dem Kamin.

Die Tür zum Salon ging auf. „Ach, ihr habt ja die Vorhänge abgenommen!“, rief Agnes St. James aus.

„Nein!“, widersprach Jean energisch und nahm den Kittel vom Wandleuchter.

„Ja! Wie findest du es?“, fragte Ilsa.

Ihre Freundin betrachtete die kahlen Fenster, die ohne die schweren Damastvorhänge viel größer wirkten. Die Aussicht zur Linken auf den Berg in der Ferne war sehr schön. „Es ist viel heller im Zimmer ohne sie.“

„Ja. Mir gefällt das.“ Agnes’ Zustimmung tröstete sie über ihre leichten Gewissensbisse hinweg. Agnes entstammte einer guten Familie. Sie hätte es sicher gesagt, wenn es absolut unschicklich gewesen wäre, keine Vorhänge vor den Fenstern zu haben. Ilsa verstand auch nicht, warum es das sein sollte; sie misstraute Jeans Meinung über alles, was mit Anstand zu tun hatte.

„Robert belästigt den Butler“, teilte Agnes ihr mit. „Er meinte, ich solle dir das ausrichten.“

Ilsa grinste. „Du meinst, du sollst mit mir schimpfen, weil ich Robert vernachlässige. Bestimmt wartet er schon ungeduldig auf seinen Spaziergang im Park, der arme Schatz.“

Arm“, murmelte Jean missbilligend vor sich hin.

„Ich wäre selbst mit ihm gegangen, wenn Mr. MacLeod mir nicht gesagt hätte, dass du schon auf bist“, fuhr Agnes fort. „Ich habe nicht damit gerechnet, dass du so früh aufstehen würdest. Du bist ziemlich spät nach Hause gekommen.“

Bei der Erinnerung an den Spaß am vergangenen Abend musste Ilsa lächeln. „Ich wünschte, du hättest mitkommen können.“

Agnes lachte. „Meine Mutter würde mir nie erlauben, zu Mr. Hunter zu gehen! Sie hätte mich auf der Stelle dort wegholen lassen und mir eine ordentliche Strafpredigt gehalten.“

„Das wollen wir natürlich nicht“, meinte Ilsa mitfühlend. „Ich habe dich gar nicht gern allein gelassen, aber ich hatte Miss White schon versprochen, sie zu begleiten.“

„Es schickt sich nicht, so lange nachts unterwegs zu sein“, tadelte Jean. „Miss St. James hat völlig recht. Bleib zu Hause und halte dich fern von Schwierigkeiten.“

Ilsa tauschte einen Blick mit Agnes. Agnes wäre liebend gern mit ihr in diesen Austernkeller gegangen, um zu tanzen, Punsch zu trinken und sich zu amüsieren. Agnes’ Mutter jedoch fand, dass Austernkeller und Punsch nichts für unverheiratete Mädchen waren – auch wenn viele ledige Damen heutzutage dorthin gingen. Es war ihre Bedingung gewesen, dass Agnes bei Ilsa wohnen durfte – sie musste sich an alle Benimmregeln halten, die sie auch von zu Hause her gewohnt war. Agnes hatte so gern bei Ilsa wohnen wollen, Ilsa hatte sie unbedingt bei sich haben wollen, also hatten sie beide dieser Bedingung zugestimmt.

„Es ist völlig richtig, sich von Schwierigkeiten fernzuhalten“, sagte Agnes brav. „Deswegen muss ich jetzt auch gehen, wenn du dich selbst um Robert kümmern kannst. Meine Mutter erwartet mich sicher schon im Laden.“

„Ich werde mich auch den ganzen Tag anständig betragen; ich suche meinen Anwalt auf und trinke Tee mit Papa“, teilte Ilsa ihr mit.

„Ausgezeichnet!“, lobte Jean. „Ich wusste ja, dass Sie einen guten Einfluss auf sie haben würden, Miss St. James!“

„Vielen Dank, Miss Fletcher“, erwiderte Agnes und zog es vor, dieser provokanten Aussage nicht zu widersprechen, schließlich war Jean ja nicht ihre Tante. Ilsa schwieg.

Jean betrachtete die zusammengeknüllten Vorhänge. „Jetzt, da sie einmal abgenommen sind, könnten sie auch gleich gereinigt werden. Ich schicke das Dienstmädchen, um sie zu holen.“

„Natürlich.“ Ilsa hatte gelernt zu verstehen, wann man ihr ein Friedensangebot machte.

Als ihre Tante fort war, zog sie sich den kleinen Hut vom Kopf. Sie trug ihn nur, damit ihr Haar keine Farbe abbekam, auch wenn Jean sie immer wieder schalt, eine Witwe solle ständig eine Kopfbedeckung tragen. „Wollen wir heute Abend Lammkeule essen? Ich habe letzte Nacht so viele Austern gegessen, dass ich mindestens eine Woche lang nichts mehr sehen kann, das aus dem Meer kommt.“

Agnes verzog leicht das Gesicht. „Leider muss ich heute Abend zu Hause essen. Mutter hat mich benachrichtigt, dass mein Bruder zurückgekehrt ist und sie uns alle zusammen nach über einem Jahr wieder bei Tisch sehen möchte.“

„Natürlich“, meinte Ilsa zögernd. „Heißt den Captain herzlich willkommen zu Hause, und richte ihm meine Grüße aus.“

„Danke.“ Agnes verdrehte die Augen. „Er hat angedeutet, er habe Neuigkeiten von unseren Cousins in England. Mutter hofft, dass es sich um irgendein Erbe handelt, und ist sich sicher, dass wir bald in ein großes, neues Haus umziehen.“

„Du scheinst dir nicht so sicher zu sein“, stellte Ilsa fest.

„Überhaupt nicht!“ Agnes schürzte die Lippen. „Diese Familie hat sich nie um uns gekümmert. Ich kann nicht glauben, dass sie jetzt damit anfangen, schon gar nicht in größerem Umfang. Aber selbst wenn – Mutter würde darauf bestehen, dass Andrew das ganze Erbe allein bekommt, von ihrem neuen Haus natürlich abgesehen.“

„Warum?“, fragte Ilsa überrascht.

Agnes schüttelte den Kopf. „Das wäre nur gerecht. Er ist mit achtzehn zur Armee gegangen und hat Mutter seinen Sold geschickt, damit wir etwas zu essen und zum Anziehen hatten.“

„So etwas machen Brüder?“, meinte Ilsa mit gespieltem Erstaunen. „Bemerkenswert!“

Agnes lachte. „Er ist ein guter Mensch. Falls es eine Erbschaft geben sollte – was ich zutiefst bezweifle! –, kann er sie haben, und meinen Segen dazu. Nach zwölf Jahren in der Armee hat er sich das wirklich verdient.“

Ilsa lächelte. „Das ist sehr großzügig von dir. Er muss wirklich ein guter Mensch sein.“ Was ihr am besten an der Familie St. James gefiel, waren ihr enger Zusammenhalt und die aufrichtige Zuneigung füreinander.

„Das ist er auch! Du wirst ihn mögen.“

Ilsa erinnerte sich vage an einen ruhigen, zugeknöpften Burschen mit roter Uniformjacke, einsilbig und jedem Spaß abgeneigt. In Armut geraten war er schließlich zur Armee gegangen, anstatt den sonst üblichen Weg zu wählen – die Heirat mit einem reichen Mädchen, Glücksspiel oder Freibeuterei. Und schlimmer noch, er war zur englischen Armee gegangen. Nicht gerade schneidig, sich den Engländern anzuschließen.

Ungewollt musste sie wieder an den großen, dunkelhaarigen Schotten aus dem Austernkeller denken. Dieser Mann hatte eindeutig etwas Verwegenes an sich gehabt. Zu schade, dass sie ihn nie wiedersehen würde.

„Ein pflichtbewusster Offizier, der gern Briefe schreibt, in denen er eine mögliche Erbschaft andeutet.“ Ilsa tippte sich ans Kinn und tat, als würde sie nachdenken. „Klingt nicht sehr wahrscheinlich, aber man weiß ja nie.“

Agnes lachte nur. Zusammen gingen die Freundinnen die Treppe hinunter. „Ich hoffe wirklich, du siehst ihn noch.“ Agnes setzte ihren Hut auf. „Ich glaube nicht, dass er lange in der Stadt bleiben wird.“

„Vielleicht“, erwiderte Ilsa vage. Schon sein Name klang brav und spießig. Der heilige, sich aufopfernde Andrew. Entsetzlich langweilig. Sie würde sich zwar nicht weigern, ihn zu sehen, aber sehr erpicht darauf war sie auch nicht.

Agnes machte sich auf den Weg zum Laden ihrer Mutter am Parliament Square, und Ilsa ging in das Zimmer des Butlers, wo Robert Mr. MacLeod beim Silberputzen zusah. Er seufzte erleichtert auf, als sie eintrat. „Mrs. Ramsay! Ich wollte Sie nicht stören, aber …“

„Ich weiß.“ Sie lächelte, als Robert auf sie zukam und sie aus seinen großen braunen Augen hoffnungsvoll ansah. Sie bückte sich und küsste ihn auf die Stirn. „Ja, mein Liebling, gleich.“ Sie wandte sich wieder Mr. MacLeod zu. „Wir sind beim Abendessen heute nur zu zweit, Miss St. James isst mit ihrer Familie. Keinen Fisch und keine Muscheln. Wenn Sie vielleicht eine schöne Lammkeule auftreiben könnten?“

„Sehr wohl, Madam.“ Er lächelte und verneigte sich.

Ilsa verließ das Zimmer, dicht gefolgt von Robert. Jean war verschwunden. Ilsa hätte ein kleines Vermögen darauf verwetten mögen, dass bis zum Abendessen der lose Gardinenring wieder angenäht, die Vorhänge gereinigt und gemangelt und wieder aufgehängt sein würden. Jean vermied jedes Anzeichen, dass sie nicht das absolut anständigste Haus in der ganzen Straße waren.

Ilsa hatte es ernst gemeint, dass sie darüber nicht streiten wollte, trotzdem schien es sich nicht vermeiden zu lassen. Jean achtete schon beinahe militant auf ihren Status und ihre Ehrenhaftigkeit. Manchmal kam es Ilsa so vor, als wäre das das Einzige, was Jean machte – viel Aufhebens um das Porzellan, die Vorhänge, die exakte Länge eines Kleides oder die korrekte Art, einen Fächer zu halten. Ein winziger Ausrutscher bei der Begrüßung einer neuen Bekanntschaft hatte eine lange Strafpredigt zur Folge. Ein etwas zu tief ausgeschnittenes Kleid, und sie sprach unter Umständen tagelang kein Wort mit ihr.

Ilsa sehnte sich nicht nur danach, diesem ganzen Genörgel zu entfliehen, sondern hielt auch das meiste davon für völlig unwichtig. Sie war es so leid, sich Leuten fügen zu müssen, die ihr weismachen wollten, dass alle ihre Wünsche und Interessen falsch oder unschicklich wären.

Sie zog ihre Jacke an, setzte den Hut auf und öffnete die Haustür. Sie wartete geduldig, bis Robert die Stufen bewältigt hatte. „Gut gemacht“, sagte sie, und er stupste sie dankbar an. Sie lächelte. Robert war wirklich der perfekte Gefährte. Er konnte zwar nicht in einem Austernkeller tanzen, aber er schalt sie auch nie, sie sei zu wagemutig. Sie tätschelte ihm den Rücken, und dann machten sie sich gemeinsam auf den Weg zu den offenen Feldern am Fuß des Caltoun Hill.

Diesen Teil von Edinburgh liebte sie am meisten. Weg von den zunehmend schmutziger und überfüllter werdenden engen Straßen der Altstadt, weg vom Baustaub und dem Lärm der Neustadt – einfach nur ein freundlicher, windiger Tag auf dem Hügel, ganz allein mit Robert. Hier fand sie Frieden und fühlte sich befreit von der Gesellschaft und ihren Anstandsregeln.

„Sollten wir vielleicht einfach weglaufen?“, fragte sie sich laut. „In die Highlands? Ich habe gehört, die Landschaft dort ist rau und schön und nicht voll von missbilligenden Matronen.“

Robert trottete neben ihr her und schüttelte den Kopf.

„Zu kalt? Zu weit weg?“ Sie seufzte und streichelte ihn. „Wahrscheinlich hast du recht. Glasgow? Nein, das ist zu nah und im Grunde genauso wie Edinburgh.“ Sie klopfte ihm auf den Rücken. „Ich hab’s! Wir könnten uns auf einem Schiff nach Amerika verstecken und uns in große Abenteuer stürzen!“

Er schnaubte nur, schlug eine andere Richtung ein und zeigte ihr so, was er von ihrer Idee hielt.

Ilsa beobachtete ihn mit liebevollem Blick, wie er im Gras herumtollte. „Du findest die Idee nur deshalb schlecht, weil du dich heute nicht mit Mr. MacGill treffen musst!“, rief sie ihm nach.

Sie ging nicht gern zu ihrem Anwalt. Er war angeblich der beste Anwalt in Edinburgh, wenigstens sagte ihr Vater das. Ihr verstorbener Ehemann Malcolm hatte ebenfalls MacGill zu Rate gezogen, damals, als Themen wie Geld und Investitionen noch vollständig von Ilsa ferngehalten worden waren.

Doch dann war Malcolm gestorben, und all das Geld gehörte plötzlich ihr. Papa hatte es für sie verwalten wollen, aber von so etwas hatte Ilsa genug, selbst wenn das bedeutete, dass sie sich persönlich mit Mr. MacGill auseinandersetzen musste, mit seinem wichtigtuerischen Gehabe und seinem etwas herablassenden Lächeln. Als ob sie überaus froh sein sollte, überhaupt nur einen Moment seiner Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen zu dürfen.

Eines Tages werde ich mein ganzes Geld abheben und ein Schiff kaufen, dachte sie. Ich würde gern einmal nach Indien oder Spanien, vielleicht auch in die Südsee reisen. Für Mr. MacGill würde das sicher der Schock seines Lebens sein.

Autor

Caroline Linden
Caroline Linden studierte Mathematik in Harvard und arbeitete als Programmiererin, bevor sie sich dem Schreiben zuwandte. Ihre Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt und gewannen zahlreiche Preise, unter anderem den Daphne-du-Maurier- und den renommierten RITA-Award. Die Autorin lebt in Neuengland.
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