Dynasties: DNA-Dilemma – 4-teilige Miniserie

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WILDE NÄCHTE MIT DEM ROCKSTAR von JOSS STONE

Der Auftritt beim Wohltätigkeitsball der berühmten Familie Ryder-White ist für Musiker Griff O’Hare die Gelegenheit, ins Rampenlicht zurückzukehren. Doch sein schlechter Ruf verfolgt ihn. Er soll mit Kinga Ryder-White zusammenarbeiten, und sie ist alles andere als begeistert von ihm. Griff hingegen findet die selbstbewusste Karrierefrau höllisch attraktiv – und nach ein paar wilden Nächten weiß er: Er muss sie von sich überzeugen!

VERFÜHRT IN DER SILVESTERNACHT von JOSS STONE

Aus einem Kuss an Silvester wird eine heiße Nacht: Die schöne PR-Spezialistin Tinsley Ryder-White landet mit dem smarten Unternehmer Cody Gallant im Bett. Er ist nicht nur ein fantastischer Lover, sondern auch noch aufmerksam, zugewandt und unendlich zärtlich. Für ein wichtiges Event muss Tinsley kurz darauf mit ihm zusammenarbeiten. Dabei darf sie sich auf keinen Fall in ihn verlieben, denn Cody ist der Bruder ihres Ex-Mannes …

VERSUCHUNG IM SCHNEESTURM von JOSS STONE

Wilde dunkle Locken, golden gesprenkelte Augen, feuriger Blick … Risikokapitalanleger Garrett Kaye ist sofort verzaubert von Jules, als er auf einer Wohltätigkeitsgala mit ihr tanzt. Und dann bittet sie ausgerechnet ihn, die Ranch ihrer guten Freundin vor der Insolvenz zu retten! Obwohl er Geschäftliches und Privates aus Prinzip niemals vermischt, lässt sich Garrett zu einem Besuch der Ranch in Colorado überreden …

MEHR ALS EINE WILDE AFFÄRE? von JOSS STONE

Zwei Monate soll Sutton Marchant in einem Hotel in Maine wohnen, um das Erbe seines Vaters anzutreten. Nichts leichter als das! Schließlich kann der gefeierte Bestsellerautor überall arbeiten. Womit er allerdings nicht gerechnet hat, ist die verführerische Ablenkung, die die hübsche Hotelmanagerin Lowrie für ihn darstellt. Doch lange kann er ihren sinnlichen Küssen nicht widerstehen …


  • Erscheinungstag 16.07.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751542005
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Joss Wood

Wilde Nächte mit dem Rockstar

PROLOG

James

Weihnachten

James Ryder-White faltete das goldene Papier sorgfältig zusammen und legte es beiseite. Im Geiste rollte er die Augen über die kleine rote Samtschachtel, die zum Vorschein gekommen war. Wie jedes Jahr zu Weihnachten: ein Paar Designer-Manschettenknöpfe von Penelope …

Seine Frau war nicht sehr originell, wenn es ums Schenken ging. Allerdings hatte sie von ihm einen schwarzen Kaschmirpullover bekommen und einen weiteren goldenen Anhänger für ihr bereits jetzt schon schweres Armband. Ihre Begeisterung über sein Geschenk war mit Sicherheit nicht größer als seine.

Sie waren schon zu lange verheiratet und kannten einander zu gut. Sie gaben sich beide keine große Mühe mehr – wenn sie es denn je getan hatten.

James sah aus dem Fenster des Hauses, in dem er aufgewachsen war. Er und Pen bewohnten den rechten Flügel der großen Villa seines Vaters. Schneeregen klatschte gegen die deckenhohen Scheiben. Er liebte Portland, Maine, mit seinem künstlerischen Flair und den ausgezeichneten Restaurants, den alten Leuchttürmen, historischen Häusern und ungewöhnlichen kleinen Läden und Boutiquen, aber dieser besondere Teil der zerklüfteten Küste war sein Zuhause.

Niedrig hängende Wolken verbargen den sonst atemberaubenden Ausblick auf Dead Man’s Cove. Ryder’s Rest, das Anwesen seines Vaters, lag vierzehn Meilen nördlich von Portland auf Cousin’s Island. Es war eine Villa mit sieben Schlafzimmern. Jeder Raum im Haus hatte einen Blick auf die Bucht. Dazu kamen beheizte Pools, diverse Terrassen und eine Garage, in der zehn Autos Platz hatten. Beeindruckend waren auch der lange Bootsanleger und das Dock, dazu drei Tiefsee-Liegeplätze und gut zwei Kilometer Strand.

James liebte dieses Haus und das Grundstück, den Besitzer allerdings weniger.

Er lehnte sich in seinem Sessel zurück und schloss kurz die Augen. Wie wäre sein Leben verlaufen, hätte er nicht vor gut dreißig Jahren Pen geheiratet? Was, wenn er den Mut gehabt hätte, sich gegen seinen Vater zu stellen und seinen eigenen Weg zu gehen? Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und verdrängte die unseligen Was-wäre-wenn-Gedanken. Er hatte erlebt, wie brutal sein Vater mit Konkurrenten und auch mit Mitgliedern der eigenen Familie umging – sich gegen ihn zu stellen war nie infrage gekommen.

Davon abgesehen liebte James das Geld und das Ansehen, das damit verbunden war, ein Ryder-White zu sein. Also hielt er sich an die Regeln und schwamm dafür im Geld. Er konnte es sich leisten, Häuser und teure Autos zu kaufen und Trustfonds für seine Kinder einzurichten.

Inzwischen waren seine Töchter alt genug, um das Geld, das er für sie angelegt hatte, selbst zu verwalten. Soweit er wusste, war das Vermögen von Kinga und Tinsley noch vorhanden.

In diesem Moment unterbrach Kinga seine Gedankengänge, indem sie sich zu ihm auf die Sessellehne setzte. James legte eine Hand auf ihren Rücken. Er mochte die Ehe mit Pen noch so sehr bedauern, aber er rief sich immer wieder in Erinnerung, dass er ohne sie nicht diese beiden intelligenten, hübschen Töchter hätte. Seine Ehe gründete eindeutig nicht auf Liebe, aber seine beiden Töchter waren jedes Opfer wert.

„Daddy, es ist ein so schöner Weihnachtsmorgen, aber du siehst etwas melancholisch aus.“

„Alles ist in Ordnung, Mäuschen.“

Und das war es wohl auch. Seine Ehe funktionierte, seine Kinder waren gesund und erfolgreich. Er wünschte, er hätte auch sagen können, sie wären glücklich, aber Kinga litt immer noch unter einem Trauma infolge eines Ereignisses vor zehn Jahren, und Tinsley hatte Mühe, über ihre Scheidung hinwegzukommen.

Glücklich sein – eine so vage Idee und so schwer zu fassen wie der Morgennebel.

James spürte, wie Kinga sich aufrichtete. Er hob den Kopf und seufzte, als er seinen Vater mit den scharfen blauen Augen und dem kantigen Gesicht am Kamin stehen sah. Ungeduldig wartete er darauf, dass die Familie ihm ihre Aufmerksamkeit schenkte. Callum war fast achtzig, aber er war immer noch fit und gesund, physisch wie psychisch.

Callum suchte Blickkontakt zu seinem Sohn und machte eine leichte Kopfbewegung. James räusperte sich, und Tinsley und Penelope unterbrachen sofort ihr Gespräch. Ihre Mienen waren wie versteinert. James wusste, wieso. Callum hatte die Angewohnheit, die Familie bei jedem Treffen mit neuen Ideen – oder Anweisungen – zu beglücken.

Es spielte keine Rolle für Callum, dass Weihnachten war. Der Ruf der Ryder-Whites und das Geschäft hatten für ihn stets Top-Priorität. Es überraschte James, wie lange Callum diesmal gewartet hatte, um das Gespräch auf Ryder International zu lenken.

„Es wird euch aufgefallen sein, dass ich euch in diesem Jahr nichts zu Weihnachten geschenkt habe.“ Callum legte seine Hände in den Rücken und hob den Blick. Oh Gott, jetzt kam sie wieder: die alte Leier. Wie oft hatte er sie schon gehört? Hundertmal? Zweihundert? Noch öfter?

Wahrscheinlich.

„Wie ihr alle wisst, war der erste Ryder William Ryder, der mit der dritten Siedlungswelle hier in Maine angekommen ist. Er war einer der ersten Landbesitzer und heiratete die vermögende Lottie White. Wir stammen direkt von ihnen ab. Ich habe mich mit der Genealogie befasst und möchte, dass wir die Wurzeln unserer Familie besser verstehen.“

Nicht schon wieder! Der Stammbaum der Familie reichte dreihundert Jahre zurück, und Callum wies mit Stolz auf die ungebrochene Linie hin. Was gab es da noch viel Neues zu entdecken?

„Offenbar ist es jetzt möglich, zu bestimmen, wo unsere Vorfahren geographisch angesiedelt waren, und das möchte ich gern wissen“, fuhr der Patriarch fort. „Keiner von euch hat sich bisher sonderlich für unsere Abstammung interessiert, was mich sehr enttäuscht. Um dieses Interesse vielleicht doch noch anzuregen, habe ich mir als Geschenk etwas Besonderes ausgedacht: Jeder bekommt einen DNA-Test, damit er sich mehr mit seiner Herkunft beschäftigt.“

James sah zu, wie sein Vater Teströhrchen aus einem braunen Umschlag zog und sie verteilte.

„Einfach den Stab durch den Mund führen und ihn dann zurück in das Röhrchen legen. Schreibt euren Namen auf das Etikett.“ Wenn es ums Befehlen ging, war Callum in seinem Element.

„Ich habe uns bei WhoAreYou.com registriert“, fuhr er fort. „In der nächsten Woche schicke ich unsere Tests ein, und dann haben wir bald ein vollständiges Bild unserer Herkunft. WhoAreYou ist das größte und bekannteste Unternehmen, das einen solchen Service anbietet. Ich habe entfernte Cousins, die dort bereits registriert sind. Sie sollten also in unserer Trefferliste auftauchen. Ich habe darum gebeten, benachrichtigt zu werden, falls es genetische Übereinstimmungen mit mir oder jemandem von euch gibt. Eine sehr gute Methode, um ein paar Leerstellen in unserem Stammbaum zu füllen.“

James’ Unbehagen wuchs. Seine Gedanken rasten, während er das Teströhrchen betrachtete. Wie kam er nur aus dieser Sache heraus?

„Das ist doch nun wirklich nicht schwer.“ Callum sah empört von James zu Penelope, die das Röhrchen ebenfalls noch zögernd in der Hand hielt. „Wo ist das Problem?“

James bemerkte den Verdruss in der Miene seiner Frau. Sie war eindeutig nicht begeistert von der Idee.

Minuten später steckte Callum die Röhrchen wieder in den Umschlag. „Jetzt wollen wir über das Geschäft reden.“

Blut und Business, das war alles, was Callum interessierte. „Bist du weitergekommen mit der Recherche zu den Besitzern des Aktienpakets, James?“

James presste die Lippen zusammen. Während der vergangenen dreißig Jahre war Callum zunehmend von dem Wunsch besessen, die fünfundzwanzig Prozent Aktienanteile an Ryder International zurückzukaufen, die ihm nicht gehörten. Dazu musste er allerdings zuerst einmal herausfinden, wem sie gehörten.

„Ich arbeite daran.“

„Dann sieh zu, dass es endlich Ergebnisse gibt!“, fuhr sein Vater ihn an. „Nun zur Hundertjahrfeier von Ryder International. Die Wohltätigkeitsgala ist der Startschuss für die Feiern, die das ganze Jahr über andauern werden.“ Als ob das nicht schon alle x-mal gehört hätten. Die Gala war ein exklusives Ereignis für maximal zweitausend Gäste, von denen jeder hunderttausend Dollar pro Karte auf den Tisch legen mussten. Die Liste schloss neben dem Geldadel auch echte Royals und Politiker mit ein. „Ich dachte, ihr Mädchen hättet inzwischen einen Künstler engagiert.“

Kinga und Tinsley leiteten zusammen die PR-Abteilung des Unternehmens und machten ihren Job wirklich gut, auch wenn Callum ihre Arbeit selten anerkannte.

„Die Künstlerin, die ich unter Vertrag genommen hatte, hat aus gesundheitlichen Gründen alle Termine für die kommenden sechs Monate abgesagt“, erklärte Kinga. „Ich bin noch auf der Suche nach einem Ersatz.“

„Ich will jemanden, der aus dem Rahmen fällt. Jemanden, der Aufmerksamkeit auf sich zieht. Eine echte Sensation.“

James spürte, wie Kinga sich versteifte. „Und? Hast du irgendwelche Vorstellungen, wer deinen Ansprüchen genügen könnte?“, fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen.

„Griff O’Hare.“

Kinga und Tinsley tauschten entsetzte Blicke, und James konnte es ihnen nicht verdenken. Sogar er hatte von diesem skandalumwitterten Sänger und Schauspieler gehört, der die Stimme eines Engels hatte und die Impulskontrolle eines Kleinkindes.

Kinga schloss die Augen. „Na, dann fröhliche Weihnachten!“

1. KAPITEL

Kinga Ryder-White warf einen ungeduldigen Blick auf ihre elegante Piaget-Uhr. Sie saß in der Flagship-Bar von Ryder International im legendären Forrester-Grantham Hotel in Manhattan.

Griff O’Hare kam zu spät. Nicht dass es sie überrascht hätte.

Sie verstand wirklich nicht, wie ihr Großvater darauf kam, jemanden mit einem derart schlechten Ruf engagieren zu wollen. Immerhin sollte die Gala das größte gesellschaftliche Ereignis des Jahrzehnts werden. Es kam nie etwas Gutes dabei heraus, wenn Callum sich in die PR-Belange des Unternehmens einmischte.

Am Vortag hatte er sie in sein Büro zitiert und ihr mit einer Geste gedeutet, einen Blick auf den riesigen Flachbildschirm zu werfen. Er sah sich gerade ein YouTube-Video an, das Griff O’Hare mit zerrissenen Jeans und einem roten T-Shirt an einem Flügel in einem Studio zeigte.

Sie konnte nicht leugnen, dass er Talent hatte. Sehr viel Talent sogar.

„Ich will ihn nicht, Callum.“

Ihr Großvater ignorierte sie und klickte den Play-Button. O’Hares volle Stimme erklang, dunkel und von magischem Zauber. Sie erkannte das Lied und war beeindruckt, dass der Bad Boy des Rock ’n’ Roll sich lange genug unter Kontrolle halten konnte, um eine passable Version von Nessun Dorma abzuliefern.

Als das Video zu Ende war, zuckte Kinga mit den Schultern. „Ich habe nie behauptet, er könnte nicht singen. Ich habe nur etwas dagegen, ihn für unsere Gala zu buchen.“

„Das mache ich schon selbst.“ Callum warf die Fernbedienung auf den Tisch.

Natürlich! In Callums Welt konnte eine Frau keine Entscheidung treffen, ohne dass ein Mann sie absegnete. Kinga musste einen Schreikrampf unterdrücken. Sie und Callum hatten eine Beziehung, die auf beiderseitigem Hass beruhte: Er hasste ihre schlagfertige, selbstbewusste Art, und sie hasste es, wie er ihren Vater behandelte und wie er ihre und Tinsleys Meinungen beiseitewischte.

Sie liebte ihren Job, und sie liebte die Menschen, mit denen sie zusammen arbeitete – aber ihren Boss konnte sie nicht ausstehen.

Callum nickte Richtung Bildschirm. „Das Video ist in einem Monat fünfundsechzig Millionen mal angeklickt worden. Die Musikwelt spekuliert darüber, wann er wieder auftritt.“

Sie überflog die Kommentare. Jetzt begann das Ganze für sie Sinn zu ergeben. Griff O’Hare war unberechenbar, aber er war ein ausgesprochen talentierter Rockstar, der seit einiger Zeit abgetaucht war. Die Welt forderte seine Rückkehr.

Callum Ryder-White wollte derjenige sein, der O’Hare zurück ins Rampenlicht holte. Bei seiner Jahrhundert-Gala. Callum wollte immer alles, was neu, glänzend, exklusiv und teuer war.

Schließlich war er der Patriarch der Ryder-White-Familie, und er betrachtete sich als Ostküsten-Adel. Als König stand ihm nun einmal zu, dass seine Wünsche erfüllt wurden!

Wi-der-lich!

Nein, den unberechenbaren O’Hare zu engagieren war viel zu riskant. Kinga schüttelte den Kopf. „Ich habe keine Lust, ihm auf meiner Gala ein Forum für sein Comeback zu geben.“

„Auf meiner Gala“, verbesserte Callum sie. „ Mein Unternehmen, meine Gala, meine Entscheidung. Triff dich mit ihm und sieh zu, dass er unterschreibt, sonst kannst du dir einen neuen Job suchen. Und nun geh.“

Kinga wusste, dass es nichts brachte, mit ihrem Großvater zu diskutieren. Dabei fragte sie sich jedoch, ob es ihm ernst war oder ob er sie nur scheitern sehen wollte. Callum war bekannt dafür, dass er gern manipulierte. Was auch immer er vorhatte – Kinga hatte nicht die Absicht, sich ihre Gala von einem Künstler ruinieren zu lassen, der schon beim ersten Termin durch Abwesenheit glänzte.

Seit dem Treffen mit Callum hatte sie ihre Hausaufgaben gemacht. Sie hatte sich alle verfügbaren Informationen über Griff O’Hare besorgt. Sie ließen nur einen Schluss zu: Der Mann war eine Zumutung, auch wenn er einmal zum Sexiest Man Alive gekürt worden war.

Er war ein Bad Boy, wie er im Buche stand.

Kinga hatte weder Zeit noch Lust, sich damit abzugeben. Sie beschloss, noch eine halbe Stunde zu warten und dann zu gehen.

Sie mochte New York City, aber sie liebte die Stadt nicht. Portland war wesentlich sauberer und schöner. Das war ihr Zuhause. Sie wollte zurück.

Kinga wollte gerade aufbrechen, als sie spürte, dass sich die Atmosphäre in der Bar änderte. Unterdrücktes Stimmengewirr kam auf. Offenbar inszenierte der große Künstler seinen Auftritt. Sie beobachtete, wie Griff O’Hare die aufgeregte Bedienung mit seinem berühmten Grinsen beglückte. Die meisten Männer in der Bar trugen Designeranzüge und Tausend-Dollar-Schuhe, hatten Haar und Bart sorgfältig getrimmt und exakt gebundene Krawatten. O’Hare interessierte sich nicht für den Dresscode und erschien in zerrissenen Jeans, Biker-Boots und einer Bomberjacke. Unter dem Arm trug er einen mattschwarzen Helm. Das braune Haar war lang und zerzaust und das markante Kinn mit dunklen Stoppeln bedeckt.

Sein ganzer Aufzug signalisierte: Ich pfeife auf eure Meinung!

Wenn Kinga ehrlich war, musste sie zugeben, dass er bei ihr ein erstaunliches Prickeln auslöste. Aber das war reine Biologie.

Kinga war freiwillig Single. Ein attraktives Gesicht und ein durchtrainierter Körper waren ihr nicht genug. Sie erwartete von einem Partner Treue, eine solide Arbeitsmoral und Intelligenz.

Aber das alles spielte letztlich keine Rolle, da sie nicht mehr an die Liebe glaubte. Hatte sie es je getan? Sogar wenn – sie würde es niemals riskieren, noch einmal einen Menschen zu verlieren, den sie liebte.

Sie wusste, wie sich das anfühlte, und es war keine Erfahrung, die sie unbedingt wiederholen wollte.

O’Hare reichte der ihn anhimmelnden Bedienung Helm und Jacke. Kinga bemerkte, wie sich das blaue T-Shirt über seiner breiten Brust und seinem Bizeps spannte.

Ihre Gala war edel und elegant. Sie brauchte einen Künstler, der genau das ausstrahlte. O’Hare passte nicht. Sie musste dieses Gespräch irgendwie hinter sich bringen und Callum dann von ihrer Einschätzung überzeugen. Sie würde jemand anderen finden.

O’Hare sah sich um und bemerkte sie in ihrer Nische. Ihre Blicke trafen sich. Kinga wurde heiß. Sie unterdrückte ein Stöhnen.

Verdammt, sie fühlte sich zu ihm hingezogen.

Natürlich nur rein körperlich.

Kinga beobachtete, wie er sich in der Bar umsah, offenbar in der Erwartung, dass sich jemand erhob und zu ihm kam. Es konnte nicht schaden, ihn ein wenig zappeln zu lassen. Sie lehnte sich zurück, um zu sehen, was er jetzt machte. Noch einmal ließ er den Blick durch die Bar gleiten. Kinga spürte, dass er gereizt reagierte, weil jemand seine Zeit vergeudete.

Dann wusste er ja, wie es in ihr aussah!

Als ihre Blicke sich erneut trafen, hatte sie dieselbe Reaktion wie zuvor. Verdammt, das ist weder hilfreich noch passend!

O’Hare zuckte die Schultern und kam zu ihr herüber, ohne den Blick von ihr abzuwenden. An ihrem Tisch blieb er stehen, die Hände tief in den Taschen seiner Jeans. Kinga roch seinen frischen, männlichen Duft und musste einmal tief durchatmen.

Reiß dich zusammen, Ryder-White! Er ist einfach nur ein Mann, und dies ist ein ganz normales Meeting.

Das war so, als wolle sie behaupten, Hurrikan Sandy sei ein lauer Frühlingswind gewesen.

„Ähm …“

Kinga zog eine Braue in die Höhe. „Wie bitte?“

„Ihre Augen haben die Farbe von gutem, altem Whiskey.“

„Schon von Geburt an“, bemerkte sie trocken.

Er bedachte sie mit einem sexy Lächeln, das ihren Magen prompt zu einer Rolle vorwärts animierte. „Ich suche einen Geschäftspartner. Darf ich Sie auf einen Drink einladen, falls ich ihn nicht finde?“

Sie lehnte sich zurück und musterte ihn einen Moment schweigend. Dann deutete sie auf den Platz ihr gegenüber und kniff die Augen zusammen. „Nein, O’Hare, Sie können mich nicht auf einen Drink einladen. Aber setzen Sie sich doch. Ich bin Kinga Ryder-White, und Sie kommen zu spät zu unserem Termin.“

Mist! Kinga Ryder-White sah aus, als hätte sie in eine besonders saure Zitrone gebissen. Nicht die Reaktion, die er normalerweise auslöste. Griff musste ein Grinsen unterdrücken. Da ihm die Frauen sonst immer nachliefen, fand er ihre kühle Haltung sehr erfrischend.

Griff nahm Platz und ließ den Blick dabei über ihr Gesicht und den eleganten Hals gleiten. Wenn er sich etwas seitwärts beugte, konnte er auch den Rest ihrer schlanken Gestalt sehen. Sie war groß für eine Frau, aber er schätzte, dass er immer noch vier oder fünf Zentimeter größer war als sie.

Sie trug das, was er als langweiligen Bürodress bezeichnete. Ein Button-Down-Hemd, eine schwarze Hose und Stiefel mit Absätzen. Ihr Make-up, falls sie überhaupt eines trug, war minimal und ließ ihre Haut makellos erscheinen. Griff hatte genügend Erfahrung mit Frauen, um zu wissen, dass es Stunden dauerte, diesen natürlichen Look zu erzielen.

Dann sah er in diese ungewöhnlichen Augen und begriff, dass er es hier nicht mit einer naiven jungen Frau zu tun hatte oder mit einem intellektuellen Leichtgewicht. Sie war nicht nur sexy, sondern auch smart, selbstbewusst und sehr, sehr wachsam.

„Ich dachte, ich treffe mich hier mit Callum Ryder-White.“

„Mein Großvater hat mich gebeten, den Termin zu übernehmen. Ich kümmere mich um die PR, und ich treffe die Entscheidungen, was die Gala betrifft.“

Gott, sogar ihre Stimme war sexy. Leicht angeraut.

„Freut mich, Sie kennenzulernen, Darling.“

Das Darling ärgerte sie. Er sah zu, wie sie sich mit den Fingern durch das kurze blonde Haar strich. Es zeugte von Selbstbewusstsein, das Haar so kurz zu tragen, aber es passte zu ihren hohen Wangenknochen, ihrer geraden Nase und ihren Katzenaugen.

„Sie können mich Kinga nennen oder Ms. Ryder-White, aber bitte verzichten Sie auf das Darling, Darling .“

Griff grinste. Er hatte Spaß daran, sie zu ärgern.

„Ich habe nichts dagegen, wenn Sie mich Darling nennen, aber falls wir förmlich sein wollen, können Sie Griff zu mir sagen.“

Was war los? Wieso reagierte er so?

Er hatte Prinzessinnen kennengelernt und Supermodels, A- und B-Promis – und mit vielen war er im Bett gewesen –, aber keine von ihnen hatte ihn je so um den Verstand gebracht wie diese Frau. Wieso?

„Kaffee? Oder einen Softdrink?“ Kinga klang kühl und geschäftsmäßig.

Griff warf einen Blick auf die Uhr. Es war fast fünf. Er brauchte unbedingt einen Drink. Sein Blick fiel auf die Whiskey-Sorten hinter der Bar. „Ich nehme einen Whiskey Single Malt. Vorzugsweise etwas Altes.“

„Dies ist ein geschäftlicher Termin. Kaffee, Wasser oder einen Softdrink?“ Kinga hatte erkennbar Mühe, höflich zu bleiben. Er liebte es, wie sie auf ihn herabsah und wie ihre Augen blitzten. Zum ersten Mal verstand Griff den Reiz der Jagd.

Ohne sie aus den Augen zu lassen, hob er eine Hand. Wie erwartet, trat sofort ein Ober an ihren Tisch. Griff bestellte einen Macallan Royal Marriage, pur, und fragte Kinga, ob sie sich ihm anschließen wollte.

Zu seiner Überraschung nickte sie. Zwischen ihnen lief ein stummer Machtkampf, und er war fest entschlossen, ihn zu gewinnen.

So wie sie.

Trotz ihres Blickkontakts blieb Kingas Ausdruck neutral. Es faszinierte Griff, wie es ihr gelang, die Anziehung, die sie beide spürten, zu ignorieren. Er hatte ihre erste Reaktion auf ihn sehr wohl registriert, aber sie tat jetzt so, als sei nichts gewesen.

Interessant.

Gott, wie lange war es her, seit er sich Mühe geben musste, um eine Frau zu beeindrucken? Fünfzehn Jahre? Zwanzig?

Kinga Ryder-White war die faszinierendste Frau, die ihm je begegnet war, auch wenn sie sich so spröde gab. Vielleicht gerade deshalb.

Sie schwiegen sich an, bis der Ober ihre Drinks brachte. Kinga hob das Glas, nippte daran und stellte es wieder auf den Tisch.

„Können wir jetzt über das Geschäftliche sprechen?“ Sie tippte mit dem Finger leicht auf ihr Tablet. „Haben Sie Ihren Manager mitgebracht? Ihren Agenten?“

„Nein.“ Griff hatte Probleme damit, jemandem zu vertrauen. Nachdem Finn ihn so hintergangen hatte, ließ er sich Zeit damit, einen neuen Agenten zu suchen. Den Gig bei Ryder-White konnte er selbst aushandeln, zumal er noch nicht entschieden hatte, ob es ein Comeback von Dauer sein sollte oder nicht.

„Wieso haben Sie nach dem Tod von Finn Barclay noch keinen neuen Manager genommen?“ Kinga nippte an ihrem Whiskey. Sie schien das teure Getränk zu genießen.

Griff sah ihr die Neugier an und seufzte frustriert. Er hasste das Thema. Bis heute wusste niemand, dass Finn bei einem Autounfall umgekommen war, zu dem es nur gekommen war, weil er zur Ranch gerast war, um Griff zur Rede zu stellen – weil der entschieden hatte, die langjährige Zusammenarbeit zu beenden. Finns Verrat hatte ihn gelehrt, dass es nur einen Menschen gab, dem er wirklich vertrauen konnte: sich selbst.

Das Ende dieser Zusammenarbeit ging ihm noch heute so nah, dass er bezweifelte, je wieder jemandem vertrauen zu können.

„Und?“ Sein Schweigen schien Kinga ungeduldig gemacht zu haben.

Irgendwie verspürte er plötzlich den Wunsch, ihr von Finn und Sian zu erzählen und davon, was ihn an diesen Punkt gebracht hatte. Der Impuls ärgerte ihn. Er vertraute sich nie jemandem an, und der Himmel mochte wissen, wieso er sein Innerstes plötzlich offenlegen wollte – vor dieser arroganten, direkten und zugegeben sehr attraktiven Frau.

„Das geht Sie nichts an.“ Griff hörte selbst den Frust in seinem Ton. Aber sie würde damit klarkommen, da war er sich sicher.

„Agenten sind so eine Art Wall zwischen dem Künstler und dem Auftraggeber.“ Kingas Lächeln war freundlich und doch hinterhältig. „Es ist wesentlich einfacher, mit dem Agenten offen zu sprechen als mit dem Künstler.“

„Ich bin ein großer Junge, ich kann damit umgehen.“ Er grinste. Ihre Art der Offenheit gefiel ihm.

Kinga nickte, bevor sie ihm offen in die Augen sah. „Mein Großvater scheint zu glauben, dass Sie perfekt wären für unsere Gala. Ihm gefällt die Vorstellung, eine Rolle bei Ihrem Comeback zu spielen.“

Er wollte ihr sagen, dass das Ryder-Event nur eine Möglichkeit von vielen für ihn war. Es war ja nun nicht so, dass er irgendwie verzweifelt wäre. Er brauchte dieses Konzert nicht. Musste nicht auf die Bühne zurückkehren.

Eine Möglichkeit wäre einfach, seine Songs an andere Künstler zu verkaufen, aber er war sein ganzes Leben Sänger, Schauspieler und Entertainer gewesen, angefangen von seiner ersten Rolle zusammen mit seiner Zwillingsschwester Sian in einer extrem populären Sitcom. Sie waren damals sieben gewesen. Mit achtzehn landeten sie eine Rolle in dem legendären Musical Peter and Me . Damit wurden sie zu internationalen Stars. Der Soundtrack stand zwei Jahre lang ganz oben in den Charts und gewann viermal Platin.

Während der folgenden zehn Jahre hatte er ein Projekt nach dem anderen verfolgt und den Erfolg genossen. Dann war seine Welt zusammengebrochen, und Was-ist-mit-Griff-passiert? wurde zu einer der meistgestellten Fragen der Presse. Genauer: Wieso verwandelte sich ein hart arbeitender, umgänglicher Künstler plötzlich in ein Publicity suchendes Monster?

Er schlug die Beine übereinander. Die Antwort auf seine Frage glaubte er bereits zu kennen, aber er stellte sie dennoch. „Sie scheinen mich nicht für geeignet zu halten. Wieso nicht?“

„Sie passen nicht zum Image der Gala. Ich sehe Sie nicht vor unseren Freunden, der Familie, den Gästen, Kunden und Kollegen, sowohl national als auch international. Sie haben einen schockierenden Ruf und sind ziemlich lange nicht aufgetreten.“

Er hatte um eine Erklärung gebeten, und er hatte sie bekommen. Kinga wich seinem Blick nicht aus, als sie hinzufügte: „Ich will ehrlich mit Ihnen sein, Mr. O’Hare. Ich glaube, es wäre ein Fehler, Sie zu engagieren, und ich habe die Absicht, meinen Großvater umzustimmen.“

Callum schien sehr viel an ihm zu liegen, daher zuckte Griff nur mit den Schultern. Er wusste, dass die lässige Geste sie ärgern würde. Natürlich konnte er ihr keinen Vorwurf dafür machen, dass sie kein Risiko mit ihm eingehen wollte. An ihrer Stelle hätte er auch Bedenken, einen Musiker zu engagieren, von dem berichtet wurde, dass er die Einrichtung von Hotelzimmern zu Kleinholz verarbeitete. Dass er jeden Abend mit einer anderen Frau nach Hause ging. Dass er mit seinem Ducati andauernd Strafen für zu schnelles Fahren kassierte. Dass er Drogen nahm und drei Kinder von drei verschiedenen Frauen hatte. So wurde es zumindest berichtet. Es stimmte nicht, aber die Menschen glaubten es.

Die meisten seiner skandalträchtigen Nummern waren speziell für die Presse inszeniert. Wenn er sich als Bad Boy inszenierte, zog er damit alle Aufmerksamkeit auf sich, und seine Schwester Sian hatte ihre Ruhe.

Er konnte niemandem für die schlechte Presse einen Vorwurf. Schließlich hatte er die Skandale bewusst provoziert. Da er in allem, was er machte, perfekt war, übertraf er auch hier seine eigenen Erwartungen.

Erstaunlicherweise kostete dieser Lebensstil sehr viel Zeit und Kraft. Inzwischen war er es leid, als Lüstling hingestellt zu werden. Das war er nicht, und er war jetzt bereit für einen Neuanfang. Vielleicht wäre ein Auftritt bei dieser Nobelgala genau das Richtige, um die öffentliche Meinung zu seinen Gunsten zu beeinflussen.

„Wollen Sie mir nicht widersprechen?“ Kinga hatte offenbar Probleme damit, dass er nicht gleich antwortete.

Griff hätte ihr gern gesagt, dass das Ganze nur eine Show gewesen war, aber das war ein Geheimnis, das er mit ins Grab nehmen wollte. Nur die Familie und seine besten Freunde, Stan und Ava Maxwell, wussten, dass alle seine Aktionen nur dazu gedient hatten, die Presse von seiner Zwillingsschwester fernzuhalten. Falls das Ganze aufflog, würden Paparazzi sofort versuchen, herauszufinden, was sie zu verbergen hatte. Es wäre eine Katastrophe, wenn Sian und ihre Probleme in die Öffentlichkeit gezerrt würden.

Die Presse hatte Sian fast vergessen – Gott sei Dank! –, und nun war vielleicht der richtige Zeitpunkt, sein Comeback zu starten.

„Nein.“

„Sie sind ein talentierter Künstler, Mr. O’Hare, und Sie haben die Stimme eines Engels.“

„Danke.“

„Das waren nicht meine Worte. Ich habe es irgendwo gelesen.“ Kinga zuckte mit den Schultern. „Musik ist nicht mein Ding. Ich kann keine Melodie halten und habe nicht das geringste Taktgefühl.“

„Das gibt es nicht! Jeder Mensch hat Taktgefühl und kann ein wenig singen!“, protestierte er.

„Ich bin ein musikalischer Totalausfall“, versicherte Kinga ihm mit einer wegwischenden Handbewegung. „Aber darum geht es im Moment ja auch nicht. Mit der PR kenne ich mich aus, und Sie zu engagieren wäre nicht klug für Ryder International. Zu meinem Leidwesen stimmt mein Großvater mir nicht zu und hält Sie für die richtige Wahl.“

Ihre Ablehnung hätte nicht schmerzen sollen – er hatte im Laufe der Jahre Schlimmeres zu hören bekommen –, aber sie versetzte ihm doch einen kleinen Stich. Zum Teufel mit ihr! Um zu verbergen, dass sie ihn getroffen hatte, tat er, was er in solchen Fällen immer tat: Er antwortete desinteressiert. „Man muss die Komplimente nehmen, wie sie kommen.“

Kinga schüttelte den Kopf. „Sind Sie fertig?“

„Noch nicht.“

Sie rollte ihre herrlichen Augen. „Wie schon gesagt, mein Großvater findet, nur eines ist schlimmer als schlechte Presse, und das ist gar keine Presse.“ Sie zog die Nase kraus. „Ich sehe das anders. Eine Verbindung zwischen Ihnen und Ryder wäre nicht in unserem Interesse.“

Ein weiterer verbaler Tiefschlag. Sie konnte wirklich austeilen!

„Wie ist Ihr Großvater auf mich aufmerksam geworden?“ Die Frage war ihm gleich gekommen, als er Callums erste Mail erhalten hatte und er von der Möglichkeit eines Auftritts auf der Gala sprach.

Griff hatte keine Idee, wie Ryder-White an seine private E-Mail-Adresse gekommen war und woher er von seinem geplanten Comeback wusste. Darüber hatte er nur mit ganz wenigen Leuten aus dem Musikbusiness gesprochen. Callum Ryder-White musste hervorragende Beziehungen haben, um an solche Informationen zu kommen. Griff wusste nicht, ob er sich darüber freuen oder sauer sein sollte.

Der Auftritt vor einem kleinen Publikum – ein Ball für zweitausend Leute zählte für ihn noch zu den kleinen Gigs – wäre eine gute Möglichkeit, wieder Bühnenluft zu schnuppern. Außerdem hatte er diverse neue Songs geschrieben und hätte die Möglichkeit, sie vor Publikum zu testen. In Kürze sollte ein neues Album erscheinen. Aber alle diese Entscheidungen hatten Konsequenzen – und dazu gehörte auch die verstärkte Aufmerksamkeit der Medien.

Wenn er wieder auf Tournee ging, hieß das, dass er Sian und ihren Sohn über Monate allein lassen musste. Er wusste nicht, ob das möglich war.

„Mein Großvater liebt Vinnie D’Angelo. Sie kennen den berühmten Opernsänger?“

Natürlich kannte er Vinnie. Er hatte ihn schon öfter getroffen und mochte den alten Sänger sehr. Ihm zu Ehren hatte er zu seinem achtzigsten Geburtstag seine Lieblingsarie Nessun Dorma aus der Oper Turandot aufgenommen. Außerdem war das Stück in jeder Hinsicht eine Herausforderung.

„Er hat das Video gesehen, das Sie unlängst herausgebracht haben, und war nicht enttäuscht“, erklärte Kinga kühl.

Wenn das kein Kompliment war! „Die meisten fanden, ich hätte es ganz gut hinbekommen.“

„Die Erwartungen meines Großvaters sind vielleicht etwas höher als die anderer Menschen.“ Kinga wusste, dass sie arrogant war, aber es machte ihr Spaß, ihn zu reizen. „Wie auch immer – dabei muss er wohl gehört haben, dass die Fans auf Ihre Rückkehr warten …“ Ihr Ton verriet, dass sie das Ganze nicht wirklich nachvollziehen konnte. Ihr offensichtlicher Versuch, ihn zu provozieren, amüsierte ihn. „Deswegen ist er wohl auf die Idee gekommen, dass es ein Coup wäre, Sie auf unserer Gala singen zu lassen.“

„Aber Sie sehen das anders.“

Sie riss die Augen auf und heuchelte Unschuld. „Wie kommen Sie denn auf die Idee?“

Er hatte Mühe, ein Lachen zu unterdrücken. „Dann haben Sie jetzt ein Problem, Darling , denn Ihr Großvater hat mir bereits ein Angebot gemacht. Aber ich unterschreibe nie einen Vertrag, bevor ich nicht die Leute kennengelernt habe, mit denen ich zusammenarbeiten soll.“

Sie hatte Mühe, ihren Schock herunterzuspielen, fing sich aber schnell wieder. „Ich würde jemanden bevorzugen, der etwas weniger Charisma hat, dafür aber zuverlässiger ist“, erklärte sie.

Er hörte die unausgesprochenen Worte: egoistisch, kindisch, unkontrolliert . Damit war er in den Medien immer wieder beschrieben worden. Er hatte Mühe zu lächeln. Er war kein Typ für Herzensergüsse, aber erneut verspürte er den Drang, sich zu erklären. Zu erklären, dass er nicht der Mann war, für den sie ihn hielt. Er wollte ihr sagen, dass die Bad-Boy-Nummer nur Show gewesen war und dass er es inzwischen leid war, als Problemfall betrachtet zu werden. Er wollte nur noch eines: Musik schreiben, auftreten und wieder er selbst sein.

Wieso bei ihr und wieso jetzt? Sie war kühl, verschlossen, arrogant und direkt, aber Griff hatte das ungute Gefühl, dass sie der einzige Mensch war, der ihn dazu bringen konnte, seine Geheimnisse zu offenbaren.

Obwohl er sich zu ihr hingezogen fühlte, wusste er: Am klügsten wäre es, jetzt aufzustehen und zu gehen – oder besser: die Flucht zu ergreifen. Er wusste instinktiv, dass diese Frau ihm gefährlich werden konnte, seinem Herzen und seinem Verstand.

Aber er brauchte diesen Gig. Nicht wegen des Geldes – das, was er hatte, hätte für zehn Leben gereicht. Nein, er war Musiker, und er liebte es, auf der Bühne zu stehen. So lange hatte er die Rolle eines anderen gespielt – jetzt wollte er endlich wieder er selbst sein.

Er hatte seinen Ruf für seine Schwester geopfert. Jetzt war sie wieder stärker, und er war bereit für ein Comeback. Ein Auftritt auf der Gala von Ryder International wäre ein guter Start.

Plötzlich war er sich nicht mehr sicher, hier die Oberhand zu haben. Nicht, weil die Frau nicht begeistert war von der Aussicht, ihn zu buchen, sondern weil … weil sie etwas in ihm berührte. Sie erschien ihm wie eine Melodie, zu der noch der Text fehlte.

Sie war wie ein neues Instrument, das er noch lernen musste.

Wie ein Song, der noch nicht gesungen war.

Verdammt. Er hatte ein ernsthaftes Problem.

2. KAPITEL

Kinga war wie gelähmt vor Schock und Bestürzung. Es konnte nicht sein, dass sie Griff richtig verstanden hatte. Unmöglich, dass ihr Großvater ihm schon einen Vertrag geschickt hatte, nachdem sie ihm doch mehr als deutlich erklärt hatte, wieso es keine gute Idee war, diesen Mann zu engagieren. Callum mochte ein Dickschädel sein, aber er war nicht dumm …

Konnte er das getan haben? Hatte er sie auflaufen lassen? Würde er sie wirklich in eine derart inakzeptable Situation bringen? Natürlich würde er das, dazu kannte sie ihn gut genug.

Was zum Teufel sollte sie machen?

Eine andere Frage interessierte sie mindestens ebenso sehr: Wieso ging ihr Puls immer schneller, wenn sich ihre Blicke trafen? Wieso überlief es sie heiß bei seinem Anblick?

Er war ein attraktiver Mann, keine Frage. Sie mochte sein zerzaustes Haar und den Dreitagebart an seinem markanten Kinn, seine gerade Nase und die kleine Narbe auf seinem rechten Wangenknochen. Sie wusste von Fotos, dass er zwei kleine Grübchen hatte, aber bisher hatte sie sie noch nicht zu sehen bekommen.

Er hatte einen fantastischen Körper: breite Schultern und eine breite Brust, schmale Hüften und einen kräftigen Bizeps, der sich unter seinem teuren T-Shirt deutlich abzeichnete. Aber eigentlich waren es seine Augen, die sie am meisten faszinierten. Kinga konnte sich in dem dunklen Grün verlieren. Die Farbe erinnerte sie an Fichten an einem kalten Wintertag.

Dunkle Brauen und dichte Wimpern verliehen ihnen den Eindruck, als verbärgen sie tausende Geheimnisse. Ungute Geheimnisse. Ihr kam der Gedanke, dass er die Menschen mit seiner entspannten, lässigen Art in dem Glauben wiegte, er stünde souverän über den Dingen. Ganz der Bad Boy. Seine Augen verrieten jedoch eine unerwartete Intelligenz. Sie verrieten, dass weit mehr an dem Mann war als sein ungezügeltes Verhalten.

Kinga versetzte sich im Geiste einen Stoß, um sich zur Ordnung zu rufen. Es konnte ihr egal sein, was oder wie O’Hare war. Es zählte nur eines: Er war nicht der Richtige für ihre Gala.

Würde O’Hare dort auftreten, zog er unwillkürlich die Aufmerksamkeit der Presse auf sich – und damit auf die Gala –, und dann würde Callum sich damit brüsten, O’Hare die Tür zum Comeback geöffnet zu haben – falls Griff sich zusammenriss und eine anständige Performance ablieferte.

Falls er einen Skandal verursachte, würde Callum ihr die Schuld geben, weil sie Griff engagiert hatte. Wie man es drehte und wendete: Sie stand in der Schusslinie. Callum war immer fein heraus.

Kinga bemerkte, dass sie ihre Hand zur Faust geballt hatte, und zwang sich zu entspannen. Nein, Griff zu engagieren war ein zu großes Risiko. Jedes Mal, wenn sie etwas riskierte, musste sie dafür büßen, das hatte sie schon zu oft erfahren.

„Haben Sie den Vertrag schon unterschrieben?“, erkundigte sie sich und hasste sich dafür, dass ihre Stimme merklich zitterte.

„Nein, aber wahrscheinlich tue ich es. Es ist ein renommiertes Event, hat eine akzeptable Anzahl von Gästen und dient wohltätigen Zwecken – das lässt mich gut aussehen.“

„Heißt das, Sie stiften Ihre Gage?“ Kinga sah ihn lauernd an. Wenn sie ihm das Ganze so richtig vermieste …

Er grinste breit. „Nein, Ryder International wird mir die Gage auszahlen.“

„Super.“ Kinga verschränkte die Arme vor der Brust. Sie hatte Mühe, die höfliche Fassade zu wahren. „Ich werde versuchen, meinen Großvater dazu zu bringen, seine Meinung zu ändern.“

„Sie wissen selbst, dass Ihnen das nicht gelingen wird.“ Griff klang amüsiert. „Aber versuchen Sie es ruhig. Dann können Sie sich auch gleich überlegen, wie Sie der Presse erklären, dass Sie das Vertragsangebot zurückgezogen haben.“

Kinga fuhr auf. „Was wollen Sie damit sagen?“

„Falls Sie Schwierigkeiten machen, gebe ich eine Erklärung für die Presse heraus, dass ich mich auf mein Comeback freue und mit einem Auftritt auf Ihrer Gala beginne.“

Kinga presste ihre Hände zusammen. „Das können Sie nicht tun – ohne meine Erlaubnis.“

Er beugte sich vor und wich ihrem Blick nicht aus. „Verstehen Sie mich richtig, Ms. Ryder-White: Ich brauche keine verdammte Erlaubnis von Ihnen, um etwas zu tun oder zu sagen. Der Boss Ihres Unternehmens hat mir einen Vertrag für den Auftritt angeboten. Ich werde dieses Angebot annehmen. Hier geht es um meine Karriere, nicht um Ihre.“

„Aber es ist meine Gala!“ Kinga redete sich in Rage. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie nicht mit mir zusammenarbeiten wollen.“

„Falls es zu schwierig wird, kann ich mich immer noch an Callum wenden und ihn bitten, jemand anderes für mich abzustellen. Callum hat Ihr Temperament erwähnt. Er meinte, vielleicht käme ich mit Ihrer Schwester besser zurecht.“

Tinsley war nett und ruhig. Kinga ärgerte sich darüber, durch Griff von Callums Vorschlag zu erfahren. Sie wusste selbst, dass es albern war, sich verletzt zu fühlen. Blieb nur zu hoffen, dass Griff es ihr nicht anmerkte.

„Sehen Sie mich an, Kinga.“

Widerstrebend hob sie den Blick und hoffte dabei inständig, dass er in ihren Augen Feuer sah und nicht den Schmerz, den sie empfand. Griff musterte sie kühl. „Ich bin Ihre Hauptnummer – es ist wohl am besten, Sie finden sich damit ab. Callum will mich, und nach allem, was ich gelesen habe, setzt er seinen Willen immer durch.“

Bedauerlicherweise hatte er recht. Wenn Callum sich erst einmal für etwas entschieden hatte, bestand wenig Aussicht, ihn umzustimmen. Er sammelte Trophäen – private Briefe von König Eduard VIII., einen Ring, der einmal Marie Antoinette gehört hatte, und einen seltenen Jaguar von 1953. Griff war eine weitere Trophäe, die er einsammeln und dann abhaken konnte. Er würde das Lob der Öffentlichkeit dafür einheimsen, ihn zurück ins Rampenlicht geholt zu haben, und er würde den Kick des Augenblicks genießen. Es spielte keine Rolle, dass es vielleicht nicht im Interesse von Ryder International war, Griff zu engagieren. Wenn etwas schiefging, war es an ihr, dafür geradezustehen.

Falls Griff wirklich ein Vertragsangebot von Callum vorliegen hatte, musste sie sich damit abfinden, dass er der Star des Abends war. Statt mit ihm zu streiten, sollte sie anfangen, darüber nachzudenken, wie sie das Ganze der Presse verkaufen wollte, um aus seinem Comeback eine positive Publicity für Ryder International zu machen. Sie musste das Unternehmen schützen, ihren Job und sich selbst.

Der erste Schritt dazu war, dafür zu sorgen, dass der Star bis zum Valentinstag nichts Dummes anstellte.

Kinga stützte die Arme auf den Tisch und sah ihrem Künstler widerwillig tief in die Augen. „Ich mache Ihnen einen Vorschlag.“

„Jetzt wird es interessant.“ Er grinste amüsiert.

Ganz eindeutig gelang es ihr nicht, ihn einzuschüchtern. Super!

„Ich werde mich nicht gegen Callum stellen, auch wenn das möglich wäre. Es könnte einige Zeit dauern, aber irgendwann würde er auf mich hören.“ Das würde er nicht, aber das musste O’Hare ja nicht wissen. „Wir könnten es uns problemlos leisten, den Vertrag mit Ihnen aufzulösen und Ihnen eine Abfindung zu zahlen. Natürlich wäre es schlechte Publicity, aber ich bin sicher, viele Leute hätten Verständnis dafür, dass wir mit Ihnen kein Risiko eingehen wollen.“

Kinga meinte, für einen Moment so etwas wie Schmerz in seinen Augen aufflackern zu sehen, aber der Eindruck war so kurz, dass sie sich nicht sicher sein konnte. Auf jeden Fall hatte sie seine ungeteilte Aufmerksamkeit, und das war alles, was zählte. Sie wollte es ausnutzen, dass sie für einen Moment die Oberhand hatte – der Zustand würde mit Sicherheit nicht lange anhalten.

„Die Pressearbeit liegt in meiner Hand, ohne Wenn und Aber. Das schließt auch die Frage mit ein, wie wir Ihr Comeback verkaufen.“ Griff wollte etwas sagen, aber Kinga kam ihm zuvor. „Sie haben keinen Manager mehr, und soweit ich weiß, kümmert sich auch niemand um Ihre Pressearbeit. Sie können meine Dienste also als einen Teil Ihrer Gage betrachten.“

„Ich bin sehr wohl in der Lage, mich selbst um alles zu kümmern.“ Griffs Ton war gefährlich leise.

Kinga schnaubte verächtlich. „Nein, das sind Sie nicht. Und da Ihr Comeback mit meiner Gala zusammenfällt, werde ich diejenige sein, die die Fäden in der Hand hält. Sie müssen nur eines tun: sich zivilisiert benehmen. Da ich nicht darauf vertraue, dass Sie das tun, werden Sie für die Zeit nach Portland kommen, damit ich ein Auge auf Sie haben kann.“

Griff schüttelte den Kopf. „Wenn ich nach Portland komme, dann, weil ich es will – nicht, weil Sie einen königlichen Erlass erteilen.“

Kinga runzelte die Stirn. Wusste er, dass die Presse Tinsley und sie als ‚die Prinzessinnen‘ bezeichnete, oder war seine Bemerkung nur ein Zufall?

Der Mann war wirklich eine Fleisch gewordene Versuchung. Was würde er wohl tun, wenn sie ihn jetzt küsste? Würde sich das Knistern zwischen ihnen zu einem großen Feuer ausweiten?

Wahrscheinlich. Wäre er jemand anderes, wäre sie vielleicht versucht, die Chemie zwischen ihnen zu testen. Bis hin zu dem Vorschlag, sich ein Zimmer zu nehmen …

Der Gedanke schockierte sie.

Sie war an sich kein impulsiver Mensch. Ihr impulsives Verhalten auf der Silvesterparty vor zehn Jahren hatte zu einer Tragödie geführt. Seither bedachte sie grundsätzlich alle Aspekte und Konsequenzen, bevor sie eine Entscheidung traf.

„Ich möchte, dass Sie bis zur Gala nach Portland kommen“, wiederholte sie.

„Ausgeschlossen.“ Griffs herausforderndes Lächeln holte sie unvermittelt zurück in die Wirklichkeit. „Kopf hoch, Darling. Sie sind es gewohnt, dass alle nach Ihrer Pfeife tanzen, aber es gibt Ausnahmen. Vielleicht hat das Schicksal mich dazu bestimmt, Ihnen das zu beweisen.“

Niemals hätte sie zugegeben, dass er recht haben könnte. Je heftiger sie sich gegen Griffs Engagement aussprach, desto entschlossener war Callum, seinen Willen durchzusetzen. Er liebte es, sie zu provozieren. Natürlich wollte er, dass seine Enkeltöchter sich im Unternehmen einbrachten, aber es wäre ihm lieber gewesen, Tinsley und sie wären Männer.

Callum mochte keine starken, erfolgreichen Frauen.

Psychospielchen – darin war er ein Meister. Aber sie würde sich weder von ihm noch von einem anderen Mann auf der Nase herumtanzen lassen. Kinga zwang sich, die angespannten Schultern herabsinken zu lassen, und bedachte Griff mit einem kühlen Lächeln. „Ich glaube, die ganze Angelegenheit würde stressfreier verlaufen, wenn wir zusammen statt gegeneinander arbeiteten. Daher wäre ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie nach Portland kommen könnten, Mr. O’Hare.“

Es ärgerte sie, dass sie diese erste Runde verloren hatte. Sie zweifelte nicht daran, dass es weitere geben würde. Aber jetzt musste sie erst einmal den geordneten Rückzug antreten. Sie nahm Tablet und Tasche und erhob sich. Es überraschte sie, dass Griff sich ebenfalls erhob. Entgegen allen Erwartungen hatte der Mann so etwas wie Manieren!

„Ich muss los, damit ich meinen Flug noch bekomme.“ Sie zog eine Visitenkarte aus der Tasche und reichte sie ihm. „Ich kümmere mich um die Rechnung, und Sie können wieder tun, worin Sie am besten sind.“

„Und das wäre?“ Griffs Augen funkelten.

„Sich eine Frau an der Bar angeln.“

Griff senkte den Kopf, und Kinga hatte für einen Moment das verrückte Gefühl, dass er sie küssen wollte. Sie sollte einen Schritt zurückweichen, aber ihre Füße wollten ihr einfach nicht gehorchen. Im Gegenteil. Sie begriff, dass sie es gern hätte … Sie wollte wissen, wie er sich anfühlte und ob sein Körper so muskulös war, wie sie vermutete.

Großer Gott, hatte sie den Verstand verloren?

Statt sie zu küssen, streifte Griff mit seinem whiskeygeschwängerten Atem ihre Wange, bevor er dicht vor ihrem Ohr in der Bewegung innehielt.

„Vorsichtshalber: Ich hatte nicht vor, mir eine beliebige Frau anzulachen. Ich hatte es nur auf Sie abgesehen. Bis bald, Darling.“ Damit ging er.

Kinga sah ihm verdrossen nach. Am liebsten hätte sie ihm ihr Glas an den Kopf geworfen.

Vielleicht sollte sie sich noch einen Drink bestellen. Sie konnte ihn brauchen.

Griff stand leicht neben sich, als er durch die Lobby ging, den Helm unter den Arm geklemmt. Als er sich umsah, bemerkte er, dass er statt zum Ausgang noch weiter in das Gebäude hineingegangen war. Er befand sich in einer Lobby mit bequemen Sofas und …

Himmel, konnte das sein? Ein Fazioli-Flügel!

Spontan ging er zu dem Instrument hinüber und beobachtete fasziniert, wie die schlanken Finger der Pianistin über die Tasten glitten. Sie war jung und hübsch, aber seine Aufmerksamkeit galt einzig und allein einem der teuersten Flügel der Welt. Sein Instrument war die Gitarre, aber wie die meisten Musiker beherrschte er auch das Klavier.

Die Rothaarige sah ihn kommen. Ihre Pupillen weiteten sich, als sie ihn erkannte. Sie war geistesgegenwärtig genug, weiterzuspielen, hob aber eine Braue und begrüßte ihn mit einem Lächeln. „Griff O’Hare! Hallo! Spielen Sie?“

Griff nickte. „In erster Linie Gitarre, aber ich habe auch schon Stunden mit Bach oder Mozart am Klavier verbracht.“

Sie wechselte zu Moon River von Henry Mancini. „Kommen Sie dazu …“ Sie schenkte ihm ein einladendes Lächeln.

Griff sah sich um und schnitt eine Grimasse. Jetzt hier zu spielen würde mehr Aufmerksamkeit erregen, als ihm lieb war. „Nein, danke. Es ist ein wunderbares Instrument.“

„Es gibt noch eines im großen Saal.“

„Zwei Faziolis?“ Er konnte es kaum glauben.

„Die Besitzer des Hotels scheinen keine Kosten zu scheuen. Ich bin übrigens Alice. Wollen Sie einchecken?“

„Ich komme gerade von einem Meeting.“ Er seufzte, als er ihren flirtenden Blick sah. Es war klar, was jetzt kommen musste.

Und richtig …

„Wir könnten auch ein Meeting haben. In zehn Minuten bin ich hier fertig.“

Er hatte es doch wirklich provoziert! „Danke, aber geht nicht.“ Griff ließ die Hand über das edle Instrument gleiten. „Hat mich gefreut, Sie kennenzulernen, Alice.“

Er spürte, wie ihm die Blicke folgten, als er durch die Lobby ging. Am liebsten wäre er in die Bar neben der Lobby zurückgekehrt und hätte Kinga Ryder-White in ein Gespräch verwickelt, das nichts mit dem Geschäftlichen zu tun hatte.

Ein reines Kennenlerngespräch, das dann zu mehr führte. Aber ihrem frostigen Blick nach zu urteilen konnte er eher erwarten, schwanger zu werden, als sie in seinen Armen und in seinem Bett vorzufinden.

Vielleicht wollte das Leben ihm damit sagen, dass er sich um die Vorbereitungen für sein Comeback kümmern sollte. Völlig in Gedanken versunken, wäre er fast über eine zierliche grauhaarige Dame gestolpert. Er murmelte eine Entschuldigung und verließ die Lobby, um zu seiner Ducati zu laufen, die er ein paar Blocks entfernt geparkt hatte. Er ging gern zu Fuß, und mit der lauten Maschine hier direkt vorzufahren, hätte für seinen Geschmack viel zu viel Aufmerksamkeit erregt.

Er setzte sich Sonnenbrille und die Baseballkappe auf, die er immer in der Innentasche seiner Jacke hatte, und bemühte sich, allen Passanten auszuweichen, während er schnell an ihnen vorbeiging.

Seine Gedanken kreisten wie so oft um seine Zwillingsschwester. Es war fast zehn Jahre her, seit die Ärzte bei ihr Schizophrenie diagnostiziert hatten. Danach hatte sie sich auf seine Ranch nach Kentucky zurückgezogen und führte ein sehr abgeschiedenes Leben, das natürlich viele Gerüchte provozierte.

Als diese Gerüchte immer abstrusere Formen annahmen, kamen Griff und sein Manager Finn überein, dass sie etwas tun mussten, um die Aufmerksamkeit der Presse von Sian abzulenken. Finn stimmte zu, dass Griffs Verwandlung in einen skandalträchtigen Bad Boy ein gangbarer Weg sein konnte. Er bestand darauf, dass Griff auf Tournee ging, um ‚das Projekt‘ zu starten. Griff hatte Sian nicht allein lassen wollen, aber Finn versprach, sich während seiner Abwesenheit um sie zu kümmern. Griff betrachtete das Verhältnis der beiden wie das zwischen Vater und Tochter, aber es hatte sich anders entwickelt: Sian wurde schwanger.

Griff konnte immer noch nicht glauben, dass der Mann, den er als Vaterersatz betrachtet hatte – seine Eltern waren gestorben, als Sian und er Anfang zwanzig waren –, die Situation derart ausgenutzt haben sollte, zumal er doch wusste, wie verletzlich Sian war.

Was für ein Arschloch!

Sian teilte seine Ansicht nicht. Sie erklärte ihm wiederholt, dass ihre Beziehung einvernehmlich war und dass sie sich sehr bewusst darauf eingelassen habe. Griff blieb bei seiner Meinung, dass der Manager ihr Bedürfnis nach Trost und Beistand ausgenutzt hatte. Ihr Bedürfnis danach, normal und attraktiv zu sein, wie die sexy junge Frau, die sie vor der Diagnose gewesen war.

Auf jeden Fall war es Griff gelungen, die Presse von seiner Schwester abzulenken. Niemand wusste, dass Sian psychische Probleme hatte oder dass sie Mutter war – und Finn der Vater ihres Sohnes. Es war ihm gelungen, allen Sand in die Augen zu streuen, und das war letztlich sein Ziel gewesen. Unter denselben Umständen hätte er sich immer wieder für diesen Weg entschieden.

Sian war seine Zwillingsschwester. Mit ihr hatte er sein Leben geteilt, noch bevor sie geboren waren. Für sie würde er wenn nötig den Mond vom Himmel holen.

Griff hatte sein Motorrad erreicht. Er tauschte Baseballkappe gegen Helm. Da er wusste, dass ihn so niemand erkannte, setzte er sich auf die Maschine und beobachtete die vorüberhastenden Passanten und den Verkehr auf der Straße.

In Gedanken war er immer noch bei Sian. Er würde alles tun, um sie und Sam zu beschützen, aber sein Image als Bad Boy war er inzwischen wirklich leid.

Früher hatte er als ernst zu nehmender Profi gegolten, und ihm lag daran, dahin zurückzukehren. Jetzt war der richtige Zeitpunkt gekommen. Sian war stabil, und die Öffentlichkeit hatte sie weitgehend vergessen. Dem kleinen Sam ging es gut. Griff war jetzt fünfunddreißig, und er hatte sich in der letzten Zeit sehr im Hintergrund gehalten. Diese exklusive Wohltätigkeitsgala sollte den Tenor für sein Comeback setzen. Für das Comeback und was auch immer danach kommen mochte.

Er konnte das Konzert machen, konnte sehen, wie die Reaktionen waren, und sich dann entscheiden, wie es weitergehen sollte.

Pluspunkt bei dem Ganzen war, dass er mit der sexy Kinga Ryder-White zusammen arbeiten würde. Eine Frau mit einem schlanken Körper und kurzem blondem Haar. Mit unergründlichen braunen Augen.

Ja, es sah doch ganz so aus, als wäre die Ryder International Gala ein verdammt guter Deal.

Penelope

Penelope sah, wie James den Weg vom Strand herauf zur Villa kam. Sein Haar war vom Wind zerzaust und das Gesicht von der Kälte gerötet. Ganz gleich, wie auch immer das Wetter sein mochte – wenn sie hier waren, nahm er seinen Becher Kaffee mit zum Strand und setzte sich eine Weile auf einen Felsen, um das Meer zu genießen.

Ihr Mann war wirklich ein Gewohnheitsmensch. Das mochte sie an ihm. Im Gegensatz zu ihr war James wie ein offenes Buch.

Penelope schenkte sich noch einen Kaffee ein und öffnete ihren Kalender, um sich die Termine des Tages anzusehen. Um elf hatte sie Pilates, ein Essen mit Freunden um eins und um vier ein Meeting mit dem CEO der Ryder Foundation, um die vielen Anfragen nach Unterstützung zu besprechen, die die Stiftung ständig erhielt. Es war immer schwer, die Bedürfnisse gegeneinander abzuwägen. So viele brauchten ihre Hilfe.

Pen hoffte, dass sie sich auf das Meeting konzentrieren und einen sinnvollen Beitrag zur Diskussion leisten konnte. Seit diesem albernen DNA-Test war sie vollkommen durcheinander, und ihre Aufmerksamkeitsspanne war sehr kurz. Mit dem Kaffeebecher in der Hand trat sie erneut ans Fenster und sah auf Dead Man’s Cove hinab. Dabei dachte sie an ihr Leben und die wichtigsten Entscheidungen, die sie getroffen hatte.

U...

Autor

Joss Wood

Joss liebt Bücher, Kaffee und das Reisen – vor allem in die wilden Gegenden des südlichen Afrikas und, nun ja, eigentlich überallhin. Sie ist Ehefrau und Mutter von zwei jungen Erwachsenen. Außerdem kümmert sie sich um zwei Katzen und einen Hund, der so groß ist wie eine kleine Kuh. Nach...

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