Ein Schurke für Miss Honoria

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Die lebenslustige Honoria liebt es zu flirten, zu reisen und zu spielen. Warum sich dieses Spaßes durch eine Heirat berauben? Wie gut, dass sie sich darauf berufen kann, bereits seit Kindertagen verlobt zu sein – mit einem Viscount, den niemand je gesehen hat. Dann aber taucht ein Mann auf und behauptet, ebenjener Viscount zu sein. Honoria jedoch weiß, dass der Schurke lügt! Schließlich sind sie einander bereits begegnet – beim Kartenspiel. Der charmante Hochstapler Oscar hielt sich für unbesiegbar und sucht Vergeltung dafür, dass Honoria ihn übertrumpft hat. Zwischen ihnen entbrennt ein gefährliches Spiel, das beide ihr Herz zu kosten droht …


  • Erscheinungstag 27.12.2025
  • Bandnummer 181
  • ISBN / Artikelnummer 9783751532334
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Vivienne Lorret

Ein Schurke für Miss Honoria

Vivienne Lorret

Bestsellerautorin Vivienne Lorret liebt Liebesromane, ihren pinkfarbenen Laptop, ihren Ehemann und ihre beiden Teenagersöhne (nicht zwingend in genau dieser Reihenfolge …). Sie beherrscht die Kunst, unzählige Tassen Tee in Wörter zu verwandeln, und hat sich mittlerweile mit zahlreichen wunderbaren Regency-Romances in die Herzen ihrer Leserinnen und Leser geschrieben.

PROLOG

Paris

Oscar Flint fuhr mit dem Rasiermesser über seine Wangen, um den Bart abzustreifen, der die letzten sechs Städte Teil seiner Identität gewesen war.

Er würde sich einmal mehr neu erfinden. Er würde ein kultivierter und vermögender Herr werden, jemand, der aussah, als gehöre er an die Spieltische des Comte de Maurice.

Wie hätte er einer solchen Versuchung widerstehen sollen? Es hatte sich bis nach Prag herumgesprochen, dass das Geld des dort geladenen Adels locker saß. Und Oscar kannte kaum Schöneres, als den Reichen ihr Vermögen abzuknöpfen.

Oh, er würde sie so dermaßen ausnehmen!

Im Spiel kannte er keine Skrupel und sonst eigentlich auch nicht. Er tat, was getan werden musste, um am Ende als Gewinner dazustehen.

Zu wissen, wie es sich anfühlte, mit einer Ratte um einen halb verfaulten Apfel zu kämpfen, kam ihm dabei sicher zugute. Oder die Blicke zu ignorieren, die Gentlemen einem hübschen Jungen zuwarfen, wenn sie sich von ihm für einen Viertelpenny die feinen Schuhe polieren ließen. Oder alles, was er danach noch für einen Sixpence zu tun bereit war, damit seine kranke Mutter zu essen hatte.

Es half, nichts mehr zu verlieren zu haben. Und genau deshalb gewann Oscar. Jedes verdammte Mal.

Im fleckigen Spiegel, der an der Wand seines trostlosen Quartiers hing, sah er, wie sich die Tür öffnete.

Ignatius Cardew kam, ohne anzuklopfen, herein, zwischen den Zähnen einen Stumpen, von dem Tabakrauch sich an seinen grauen Augen und dem weißen Haarkranz empor zur stockfleckigen Decke kräuselte.

„Eine erstklassige Fälschung, wenn du mir das Eigenlob gestattest“, sagte Cardew und betrachtete das Pergament in seinen Händen mit einem zufriedenen Lächeln.

Oscar wischte die Klinge an einem Tuch ab und warf einen flüchtigen Blick auf das Dokument. „Ich habe nie an dir gezweifelt.“

Laut der von Cardew selbst gesponnenen Legende beherrschte er mehrere Sprachen und war ein Kenner der Künste, seit er alt genug war, selbst den Pinsel zu schwingen. Wenn das Geld nicht reichte für Leinwand und Farben – weil es für Wein, Weib und Gesang herhalten musste –, verwandte er sein Talent auf Kopien anderer Art.

Er konnte die Unterschrift eines Mannes ebenso gut fälschen, wie er dessen Stimme und sein Auftreten nachzuahmen verstand. Er war ein Meister seines Fachs. Tatsächlich verstand er sich so gut darauf, dass er sich einen gewissen Ruf erworben hatte. Was, wenn man ihn zum Reisegefährten hatte, durchaus auch Nachteile mit sich brachte, wollte man doch mal längere Zeit an einem Ort verweilen.

„Ich musste das Papier etwas präparieren, damit es so aussieht, als habe die Einladung schon einige Strapazen mit dir durchgemacht“, erklärte sein Mentor mit diesem leicht vorwurfsvollen Unterton in der Stimme.

Oscar strich die Klinge übers Leder und wartete. Darauf, dass er es an Einsatz hatte fehlen lassen und dass er, wenn er sich nur ein bisschen anstrengen würde, es ebenfalls zu einem Meister seines Fachs bringen könnte.

Doch der Tadel blieb aus. Angenehm überrascht hob Oscar das Kinn, um das frisch geschärfte Messer am Hals entlang aufwärts zu ziehen.

Im Spiegel sah er Cardews Stumpen rot aufglühen. „Wobei ich mir diese Mühe hätte sparen können, wenn deine Sprachkenntnisse nur etwas besser wären.“

Na bitte, was hatte er gesagt?

„Acht Wertzeichen. Acht! Und das nur, weil dein Französisch klingt, als entstamme es einer ausschweifenden Nacht in einem florentinischen Bordell mit einem Schotten und einer Spanierin.“

„Wenn, wie du sagst, die besten Lügen stets einen wahren Kern haben, warum sollte ich verhehlen, mein Lebtag schon in aller Herren Länder zu Hause gewesen zu sein?“

„Dein Lebtag! Du bist noch jung, gerade mal achtundzwanzig. Was soll ich denn sagen? Ich war schon deutlich älter, als ich deinem Vater begegnet bin.“

„Und wie alt genau?“

Cardew blies eine Wolke dichten Rauchs aus. „Älter als dein linker Stiefel.“

Solche Phrasen waren ein alter Witz zwischen ihnen, diesmal lässig über die Schulter geworfen, als Cardew zum Fenster ging, um den auf dem Sims stehenden Brandy zu holen. Während er sein wahres Alter aus purer Eitelkeit verbarg, hätte man ihn dank seiner zeitlos aristokratischen Züge für alles zwischen fünfzig und siebzig schätzen können.

Er hatte das Aussehen eines reifen, weltgewandten Gentlemans, an dem sich, seit Oscar ihn kannte, wenig verändert hatte. Oscar war sieben gewesen, hungrig und bereits auf der schiefen Bahn, zwei Jahre nachdem sein Vater ihn und die Mutter verlassen hatte, als Cardew das erste Mal vor ihrer Tür stand.

Mit großer Geste hatte er seinen Dreispitz vom Kopf genommen und ihnen verkündet, dass man ihn geschickt habe, sich bis zur Rückkehr seines Freundes um dessen Familie zu kümmern. Sich einen Freund seines Vaters zu nennen, war nicht unbedingt eine Empfehlung. John Flintridge – oder welchen Namen er gerade gebrauchte – hatte es nie lange an einem Ort gehalten. Eher früher als später standen immer die Schuldeneintreiber bei ihnen vor der Tür.

Dennoch schien Cardew wie ein Retter in der Not, der sie aus dem rattenverseuchten Loch herausholte, in dem sie hausten, und so etwas wie Stabilität in ihr Leben brachte.

Aber Oscar sollte bald merken, dass es auch bei Cardew keine Gewissheiten gab und nichts von Dauer war.

Seine Vermögensverhältnisse konnten sich im Laufe nur einer einzigen Nacht dramatisch ändern. Allerdings musste man es ihm zugutehalten, dass er immer dafür sorgte, dass sie ein Dach über dem Kopf, Essen auf dem Tisch und etwas zum Anziehen hatten. Besagtes Dach über dem Kopf konnte zwar auch von einem auf den anderen Tag ein anderes sein, aber Oscar hatte ihm das nie zum Vorwurf gemacht. Der Mann war ein Künstler, ein Spieler, und unterm Strich ging es ihnen immer noch besser als zuvor.

Trotz all seiner Fehler war Cardew die einzige Konstante in seinem Leben.

„Mein linker Stiefel war ein Rind, das zu Anbeginn unserer Zivilisation die Weiten dieser Erde durchstreifte“, sagte Oscar in makellosem Französisch und rieb sich das Gesicht mit dem Handtuch ab.

Sein Mentor musterte ihn aus schmalen Augen. „Hör sich das einer an. Der Jungspund kann eloquent sein, wenn er nur will.“

„Ich lasse lieber die Karten für mich sprechen.“

Mit den Karten – oder ganz allgemein mit Zahlen – hatte er sich schon immer leichter getan. Als er das erste Mal eine Partie beobachtet hatte, wurde ihm auf einmal alles klar. Mühelos erinnerte er sich an jedes abgelegte Blatt und konnte mit frappanter Genauigkeit vorhersagen, welche Karte als Nächstes folgen würde.

Damals wusste er nicht, dass man seine besonderen Fähigkeiten als Trickspiel bezeichnete. Später war es ihm egal. Tricksen, Lügen und Betrügen waren das Rüstzeug, mit dem er sich durchs Leben schlug. Er kannte nichts anderes.

Allerdings hatte Cardew ihm geholfen, seine Methoden zu verfeinern. Und so hatte Oscar es über die Jahre ebenfalls zur Meisterschaft gebracht, das Spiel zu einer Kunstform erhoben, bis er schließlich ganz allein für ihr Auskommen sorgen konnte.

Mittlerweile ging es ihm nicht mehr allein darum, ein Dach über dem Kopf und etwas im Bauch zu haben. Seit seine Mutter vor ein paar Jahren gestorben war, trieb ihn vor allem eines: Er wollte seinen Vater finden und den Bastard büßen lassen, was er ihnen angetan hatte.

„Ich weiß“, seufzte Cardew und ließ seinen Blick auf ihm ruhen. „Und du machst eine ziemlich gute Figur mit deinen glatten Wangen und dem hohen Kragen, der dein störrisches Kinn etwas einfängt. Man könnte fast meinen, du entstammtest den besten Kreisen.“

„Fast?“, fragte Oscar und knöpfte seinen steifen Kragen. „Ich kann glatt als blaublütig durchgehen.“

„Hmm … Mit etwas Fantasie. Eines fehlt allerdings noch.“

Cardew trank einen Schluck und kam zu ihm herüber. Er griff in den Kragen seines Hemdes, der unter der braunen Weste offen stand, und zog den Onyxring hervor, den er an einer Lederschnur um seinen Hals trug. Er nahm den schwarzen Stein von der Kette, von dem er sich in all den Jahren auch dann nicht getrennt hatte, wenn sie das Geld gut hätten gebrauchen können.

Als er den Stein in der flachen Hand hielt, spiegelte sich das Licht in den sternförmig geschliffenen Facetten.

Oscar runzelte die Stirn und ließ die Arme sinken. „Du erwartest nicht, dass ich den trage, oder? Ein Spieler sollte niemals die Aufmerksamkeit auf seine Hände lenken.“

„Du bist aber nicht irgendein Spieler, nicht wahr, mein Junge? Einen Ring zu tragen wird ihnen zeigen, dass du nichts zu verbergen hast. Es wird dir helfen, ihr Vertrauen zu gewinnen. Diese Männer spielen um hohe Einsätze.“ Cardew griff nach Oscars Hand und schob ihm den Ring auf den kleinen Finger. „Na bitte. Passt perfekt.“

Oscar riss seine Hand zurück und wollte den Ring wieder abnehmen. Aber das verdammte Ding ließ sich nicht abstreifen und schien ihm auf einmal ungleich schwerer als all die Male zuvor, da er den Ring bewundert hatte. Aber das konnte er sich auch bloß einbilden.

„Oh, und du solltest vielleicht wissen, dass sie Wachen am Eingang postiert haben“, sagte Cardew dann noch, wie einen Nachgedanken.

„Wachen?“

Schon war der Ring vergessen, und ein Schauer lief Oscars Rücken hinab, als ziehe ein Gespenst rasselnde Ketten vom Halswirbel bis zum Steiß. Obwohl acht Jahre seitdem vergangen waren, saß ihm die Erinnerung an die Zeit in einem italienischen Gefängnis noch in den Knochen.

Er war nicht darauf erpicht, nun auch die französischen Haftanstalten kennenzulernen. Wobei die Guillotine auf dem Place du Carrousel vermuten ließ, dass sein Aufenthalt dort vermutlich von sehr kurzer Dauer wäre.

„Das haben wir allein deinem Hochmut zu verdanken“, sagte Oscar und nahm sich eine der weißen Seidenkrawatten, die über der Lehne des zierlichen Stuhls hingen. „Hättest du nicht einem als blutrünstig bekannten Spanier namens El Coleccionista einen deiner verschollen geglaubten Tiziane anzudrehen versucht, säßen wir jetzt nicht in der Patsche.“

„Woher hätte ich denn wissen sollen, dass meine reizende, rothaarige Muse ausgerechnet Miguel Ladróns Geliebte war?“

„Keine Ahnung. Vielleicht hättest du überlegen sollen, ob es wirklich eine gute Idee war, sie mit den Rubinen und dem Hermelinpelz zu malen, die sie seiner Gattin gestohlen hatte.“

Völlig ungerührt fuhr Cardew mit seinem Stumpen durch die Luft wie mit einem Pinselstreich und ließ glutrote Funken sprühen. „Das Bild hieß Venus im Winter. Der Pelz war unerlässlich. Und was soll ich sagen? Frauen waren schon immer meine Achillesferse.“

„Dann solltest du künftig besser humpeln und mir den Ärger ersparen.“

„Du hast versprochen, das Vierfache dessen zu machen, was er mir für meine Venus gezahlt hat. Und es war ein wirklich außergewöhnliches Werk.“

„Ich versuche nur, uns den Kopf zu retten“, murmelte Oscar und konzentrierte sich darauf, die sorgfältig geplättete Seide beim Binden der Krawatte nicht zu zerknittern. „Es setzt mich ja bereits ein wenig unter Druck, dass Ladrón droht, uns enthaupten zu lassen, sollte ich heute Abend verlieren. Aber jetzt hat er auch noch Wachen postiert?“

„Die Wachen sind nicht unseretwegen da“, klärte Cardew ihn auf, als würde es einen Unterschied machen. „Sondern wegen irgendeiner englischen Rose, die der Comte auf dem Postschiff von Dover nach Calais kennengelernt haben soll. Er war gleich völlig hingerissen und bereit, ihr jeden Wunsch von den Lippen abzulesen, und sei es, ihr einen Platz in seiner Kartenrunde einzuräumen. Die Comtesse hingegen sieht ihren Gatten nur ungern abgelenkt und sein Vermögen riskieren, weshalb sie die Wachen dort postiert hat, um der Femme fatale keinen Zutritt zu gewähren.“

Oscar zog seinen Mantel über und fluchte, als der Ring sich im Ärmel an einem Faden verhedderte. „Und wegen deiner liebreizenden Muse, ihrem besitzergreifenden Gönner und dazu noch einer eifersüchtigen Comtesse darf ich den ganzen Ärger jetzt ausbaden?“

„L’amour, mon fils“, seufzte Cardew und kniff ihn in die Wange. „Eines Tages wirst auch du das verstehen.“

Nein, würde er nicht. Wenn Oscar eine Frau wollte, nahm er sie sich. Es interessierte ihn nicht, mit wem sie davor zusammen war oder mit wem danach. Das war eine ganz simple Gleichung aus Begehren, Verführen und dem Austausch von Gefälligkeiten, an die keinerlei Erwartungen gebunden waren.

„Bis dahin muss ich zweitausend Pfund gewinnen, sonst sind wir morgen tot.“

„Uns stand schon Schlimmeres bevor. Es sei denn …“, Cardew nahm einen tiefen Zug von der Zigarre. „Es sei denn, dein Instinkt hat dich verlassen.“

Oscar schnaubte verächtlich und stach eine Krawattennadel ins weiße Tuch. „Wer wüsste besser als du, dass es keinen Mann auf Erden gibt, der mich schlagen, täuschen oder besiegen könnte.“

Es gab keinen Mann auf Erden, den Honoria Hartley nicht spielen konnte wie eine Fiedel.

Sie hätte jubeln wollen, lachend den Kopf zurückwerfen, dass es hinaufklang bis zur schmalen Mondsichel, die hell am nächtlichen Himmel stand. Oh, wie sie Paris liebte! Sie wollte tanzen und Pirouetten drehen, Patisserien plündern und herrlich prickelnden Champagner trinken. Sich blenden lassen von den wunderlichen neuen Gaslaternen, die hinter diesen efeubewachsenen Mauern die Stadt erhellten. Und mit Dutzenden Männern flirten, die sie danach nie wiedersehen würde.

Wobei das Flirten würde warten müssen, bis sie wieder mehr sie selbst war. Sie sah am dunkelvioletten Samtwams und den wollenen Kosakenhosen hinab.

Die Comtesse de Maurice dachte, ein paar Wachen an der Tür könnten missliebige Frauenzimmer abhalten?

Ha! Honoria grinste und spürte den angeklebten Knebelbart an den Lippen zwicken. Mit einem verstohlenen Blick ins dunkle Glas des Wintergartens vergewisserte sich, dass alles an seinem Platz war und ihre Mimik so natürlich anmutete, als habe sie sich den lohfarbenen Bart selbst stehen lassen. Aus Erfahrung wusste sie, dass ihr noch eine Stunde Zeit blieb, bevor die Haarteile sich lösen würden.

Selbst ihr Vater, ein Veteran der Bühnenkunst, hatte ihr bescheinigt, dass es keine bessere Maskenbildnerin gäbe als sie. Natürlich konnte er nicht wissen, dass sie ihr Talent dazu nutzen würde, sich an ihrem ersten Abend in Paris von Anstandsdame und Cousine wegzustehlen und dem Glücksspiel zu frönen.

Und nicht einer der Männer hatte bemerkt, dass er gegen eine Frau spielte.

Sie konnte sich ein Kichern nicht verkneifen. Zum Glück war niemand im Garten des Châteaus, der es hätte hören können. Und doch …

Auf einmal hörte sie schwere Schritte hinter sich.

Verflixt noch mal!

Sie verharrte reglos und machte sich ein Bild der Lage. Links von ihr die efeubewachsene Mauer, rechts der Brunnen samt verwitterter Löwenbüste, hinter ihr der dunkle Innenhof und vor ihr, noch ungefähr zwanzig Schritte entfernt, das rettende Tor.

Ihr erster Impuls war die Flucht nach vorn. Doch während ihrer kurzen Londoner Saison hatte Honoria einiges über Männer gelernt – und das sowohl als Debütantin als auch bei vereinzelten Auftritten als Signor Cesario.

Der Mann an sich war ein recht schlichtes Geschöpf.

Wie Hunde bettelten sie ständig, sie liefen einem zur Unzeit vor die Füße und kratzten sich schamlos in aller Öffentlichkeit. Ihre größte Freude schien das Apportieren zu sein, man brauchte sie bloß loszuschicken, einem ein Glas Bowle zu holen, und dann hingen sie einem an den Lippen und warteten, dass man ausgetrunken hatte, damit sie es gleich noch mal machen konnten. Wenn man sich im Park erging, dasselbe Spiel: Immer fand sich ein Herr, der einem den Sonnenschirm entwenden und ihn für sie tragen wollte. Und wenn man ihnen eine Belohnung versprach, gehorchten sie einem aufs Wort, und man hatte eine Weile seine Ruhe …

Es sei denn, sie nahmen Witterung auf. Dann setzte ihr Jagdinstinkt ein, und man bekam sie kaum noch von den Fersen.

Statt also wie ein Reh Reißaus zu nehmen, lehnte sie ihren Spazierstock ans aufgerissene Maul des steinernen Löwen und begann ihr Monokel zu polieren. Seelenruhig hauchte sie das leicht konkave Glas an, rieb es blank und klemmte es sich wieder ans Auge.

Dann griff sie wieder zum Stock und schlenderte am Brunnen vorbei, doch ihre Sinne waren jetzt hellwach. Sich als Mann zu verkleiden, schützte einen auch nicht vor Taschendieben und Halsabschneidern, schon gar nicht, wenn man zweitausend Pfund bei sich trug, die man den Herrschaften soeben beim Glücksspiel abgeknöpft hatte.

Als auf ihre eigenen Schritte kein Echo mehr folgte, atmete sie vorsichtig auf.

Vermutlich war es bloß ein Diener. Oder ein Gast, der sich ein wenig die Beine vertreten wollte. Es sollte nicht ihr Problem sein. Nur wenige Schritte trennten sie noch vom Tor zur Straße und der Sicherheit ihrer Kutsche. Niemand würde je erfahren, wer sie wirklich war.

Eventuell ließ diese Gewissheit sie ein wenig leichtsinnig werden und, die Hand schon am eisernen Torgriff, noch einmal innehalten und sich umdrehen. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie einen letzten triumphierenden Blick über die Schulter tat.

Sie hätte es wissen müssen.

Etwas bewegte sich im Schatten der Mauer.

„Ich gratuliere zu diesem cleveren Trick“, kam die Stimme eines Mannes aus dem Dunkel.

Der Atem stockte ihr, als sie den Klang seiner Stimme erkannte. Was seltsam war, denn der Mann hatte kaum eine Handvoll Worte gesprochen.

Er hatte am anderen Ende des Tisches gesessen und auf die Anweisungen des Croupiers mit einem knappen Nicken reagiert oder kurz mit den Fingern auf den Tisch geklopft. Auch den die Getränke servierenden Dienern gegenüber geizte er mit Worten, als koste jedes einen Shilling extra. Doch etwas war in seinem Tonfall, das bis zu ihr herübertrug und sie erschauern ließ wie das Gefühl von Seide auf der Haut.

Eben diese Reaktion stellte sich auch jetzt bei Honoria ein. Die Haut kribbelte ihr, als sie angestrengt in die Dunkelheit starrte und seinen langsam näher kommenden Schritten lauschte.

Sie räusperte sich, bevor sie zu einer Antwort ansetzte. Schließlich war es wichtig, dass ihre Stimmbänder frei schwingen konnten, wenn sie das zu ihrer Verkleidung als reicher florentinischer Kaufmann passende, eine Oktave tiefere Register anschlug.

„Ich fürchte, ich weiß nicht, was Sie meinen, Sir.“ Sie sagte es auf Englisch, doch mit dem melodischen Akzent eines echten Italieners.

„So leicht lasse ich mich von Euch nicht hinters Licht führen.“

Sie runzelte die Stirn und spürte ihre sorgsam aufgeklebten buschigen Augenbrauen sich zusammenziehen, als sie in gespielter Verwunderung den Kopf schüttelte. Unmissverständlich bezichtigte er sie gerade des Betrugs. „Hinters Licht führen? Che cosa significa hinters Licht führen?“

Der Mann trat aus dem Schatten. Fahles Mondlicht schien auf leicht gewelltes braunes Haar, das er aus der Stirn gekämmt trug, seine Augen lagen unter dunklen Brauen verborgen.

Er hatte etwas Wildes, Ungezähmtes an sich. Etwas, das auch feines Tuch und edler Zwirn kaum bändigen konnte. Wie ein hungriger Wolf, der im Schutz des Waldes darauf lauert, dass der Hirte seine Herde aus den Augen lässt.

Seine Züge waren schärfer geschnitten als die der meisten Aristokraten ihrer Bekanntschaft – verweichlichte Sprösslinge des Landadels mit fliehendem Kinn und runden Wangen, die jetzt schon die Hängebacken der späteren Jahre erkennen ließen.

Das Gesicht dieses Mannes jedoch hatte Charakter. Es war schmal, die Wangen etwas ausgezehrt, das Kinn markant. Seine Nase, wenngleich nicht ganz gerade, ließ ein Leben jenseits von Eton, Oxford und Nachmittagstees vermuten. Ein Leben, das so gar nichts mit weißbehandschuhten Debütantinnenbällen und den ewig gleichen Anekdoten von der Grand Tour zu tun hatte.

Dieser Mann hatte Lebenserfahrung.

Das allein wäre schon reizvoll … Wenn sie so etwas denn reizvoll gefunden hätte.

Was sie nicht tat. Ganz und gar nicht. Dazu war sie sich viel zu sehr des in ihrem Wams versteckten Geldbündels bewusst sowie der Tatsache, dass sie im Grunde nichts über diesen Mann wusste, der ihr an diesem Abend als Mr. Flint vorgestellt worden war.

Andererseits trug sie den Spazierstock mit dem darin verborgenen Degen ja nicht zum Spaß bei sich.

Sie schloss die behandschuhte Hand fester darum. Bislang hatte sie die Klinge noch nie zu ihrer Verteidigung zücken müssen.

Sie konnte fechten und wusste, wie man ein Duell gewann, nicht aber, wie man um sein Leben kämpfte. Im Grunde rührte ihre Erfahrung von dem, was ihr exzentrischer Vater ihr auf der heimischen Theaterbühne beigebracht hatte. Weshalb sie auch am besten darin war, Angriffe lediglich vorzutäuschen, die Klinge nur scheinbar in ihrem Gegenüber zu versenken.

Doch die Technik beherrschte Honoria, sie war flink und wendig. Und wie ihr Vater sie während der Proben stets gelehrt hatte, war der Anschein schon die halbe Miete.

Lässig setzte sie einen Fuß hinter den anderen und verlagerte ihr Gewicht.

„Lassen wir die Spielchen doch einfach, oder?“, bot Flint ihr mit einem jovialen Achselzucken an. „Ich wollte nur gratulieren, so unter Gleichgesinnten.“

Keine Spur mehr von dem abgebrühten Spieler, den sie vorhin erlebt hatte. Er zog einen Mundwinkel hoch, etwas, das sie zuvor für spöttische Herablassung gehalten hatte, weshalb es ihr umso größere Genugtuung bereitete, seinen Gewinn einzustreichen, jetzt jedoch ließ es ihn charmant wirken, fast liebenswert.

Als er ihr dann die Hand hinhielt, schlug sie ganz selbstverständlich ein. Seine Finger schlossen sich um ihre und ließen die ihren sich ganz zart und zerbrechlich fühlen.

Honoria erkannte ihren Fehler sofort.

Sie versuchte, ihre Hand zurückzuziehen, doch er hielt sie fest. Und bevor sie auch nur mit den Wimpern zucken konnte, streifte er ihr einfach den dünnen, schwarzen Lederhandschuh ab!

„Sie sind clever, das sagte ich bereits. Aber nicht clever genug. Auch nicht für eine Frau.“

„Ich muss doch sehr bitten!“, gab Signor Cesario sich entrüstet und versuchte vergebens, sich zu befreien.

Doch Flint trat nur noch näher und hob ihre Hand. „Wären nicht diese zarten Hände, hätten Sie mich wohl täuschen können. Die abgekauten Nägel sind ein netter Versuch, können aber nicht von spezifisch weiblichen Gesten ablenken. Ich vermute, es kommt von der Handarbeit. Wie Sie die Finger so zusammendrücken, als wollten Sie einen Faden abreißen. Oh, und wenn Sie die Karten zur Hand nehmen, sollten Sie daran denken, dass es kein Stickrahmen ist, den Sie halten. Es sind Kleinigkeiten, aber es würde Sie glaubwürdiger machen. Wenn Sie denn vorhaben, diese Karriere weiter zu verfolgen.“

„Wie können Sie es wagen …“

Sie schnappte nach Luft, als er sich plötzlich vorbeugte und über die unteren Fingerglieder leckte, wo sie mit sehr viel Liebe zum Detail ein paar feine, doch sehr männlich anmutende Härchen aufgemalt hatte.

Ihre Entrüstung wurde indes von der Empfindung überschattet, die seine Zunge ihr bescherte. Die Berührung raubte ihr den Atem und in ihrem Bauch tat es einen wunderlichen kleinen Hüpfer.

Zerstreut sah sie die Tinte unter der kreisförmigen Bewegung seines Daumens verwischen und wusste nicht, ob sie Satisfaktion im Morgengrauen fordern sollte oder …

… ihn bitten sollte, das noch mal zu machen.

„Sie irren sich“, sagte sie mit ihre besten Signore-Stimme, die nun etwas heiser klang, da ihr der Mund ganz trocken geworden war.

Dann riss sie ihre Hand zurück und hielt sie schützend an sich.

Flint besaß die Unverschämtheit zu grinsen und mahnend den Finger zu heben. „Auch das verrät Sie. Sie scheuen zu schnell zurück. Ein Mann, selbst einer von so kleiner Statur wie Sie, hätte sich in die Brust geworfen, das Kinn vor, die Schultern zurück. Frauen ducken sich, sie rollen sich ein wie ein Igel, der seinen weichen Bauch schützen will. Doch während sie das tun, blitzen ihre Augen vor Zorn – genau wie Ihre es jetzt tun – und sie schmieden ein halbes Dutzend Pläne, um den elenden Schuft im Schlaf zu meucheln.“

„Bloß ein halbes?“, fragte sie zurück, worauf er lachte. „Ich lasse das jetzt mal so stehen“, fuhr sie dann fort. „Aber angenommen, Sie hätten recht mit Ihren Unterstellungen, was wollen Sie damit anfangen? Mich erpressen?“

„Ich mag ein Schuft sein, aber eine Frau zu erpressen, ist sogar unter meiner Würde. Wenngleich, wer sagt mir …“ Er musterte sie von oben bis unten und verzog abschätzig den Mund.

„Wer sagt Ihnen was?“, wollte sie wissen und vergaß völlig, ihre Stimme zu verstellen.

„Es wäre nicht sehr gentlemanlike, das zu sagen.“

„Ich dachte, Sie wären ein Schuft.“

„Selbst ein Schuft sollte sich nicht zu der Bemerkung versteigen, Sie könnten Ihrer Verkleidung ähnlich sehen.“ Als sie gereizt die Nasenflügel blähte, schien ihn das nur zu bestätigen. „Wer sagt denn, dass sich unter Ihrem ausladenden Schnurrbart keine Warze verbirgt? Ich kannte mal eine Frau, die ein Muttermal in der Form Australiens hatte. Und es wuchsen drei Haare darauf.“

Er hob eine dunkle Braue und betrachtete argwöhnend ihren Mund.

Für sie war es eine völlig neue Erfahrung. Ihr ganzes Leben war sie immer nur vergöttert worden. Die Komplimente waren so reich an der Zahl, dass sie sie als selbstverständlich hinnahm. Dass jemand sie für hässlich halten könnte, war schlicht undenkbar.

„Nur dass Sie es wissen, ich bin eigentlich sehr hübsch“, stellte sie klar.

Seine Unterstellungen regten sie derart auf, dass sie den Degen gezückt hatte, ohne es zu merken.

Alle Belustigung wich aus seiner Miene. „Ich mag es nicht, bedroht zu werden.“

„Und ich mag es nicht, beleidigt zu werden“, giftete sie ihn an. „Raten Sie mal, weswegen die Wachen an der Tür standen – die waren nur meinetwegen hier. So schön bin ich!“

„Oder so verblendet.“

Er machte einen Schritt auf sie zu. Sie hieb mit der Klinge warnend durch die Luft. Aber er war schnell. Zu schnell.

Schon hatte er ihr Handgelenk so fest gepackt, dass sie die Waffe fallen ließ. „Da die Nettigkeiten sich erschöpft zu haben scheinen, will ich ganz offen sprechen. Ich brauche das Geld.“

„Ist es so kostspielig, Ihre chères amies zu unterhalten?“

„Nein, das war noch nie ein Problem für mich. Wohingegen Sie keinen Mann abzukriegen scheinen, weil niemand Sie haben will.“

Er zog ihren Arm herunter und drehte ihn ihr auf den Rücken, wobei sie sich so nahe kamen, dass sie selbst durch all die Stofflagen, unter denen sie ihre Brüste, die schmale Taille und den Schwung ihrer Hüfte verbarg, seine harten Muskeln spüren konnte.

Sie nahm seinen Geruch wahr, eine Mischung aus Amber, Rauch und Sandelholz. Es war nicht gerecht! Er roch sogar, als habe er sämtliche Kontinente bereist und habe ihr die Erfahrung dreier Leben voraus. Ihr wurde ganz schwindelig davon.

Dann spürte sie, wie seine Hand sich in ihre Jacke stahl und …

„Aua!“, rief er und zog die Hand schnell zurück.

Wissend, dass er auf einige der Nadeln gestoßen sein musste, mit denen sie ihre Verkleidung an Ort und Stelle hielt, warf sie ihm ein triumphierendes Grinsen zu. „Handarbeit.“

Dann wand sie sich aus seinem Griff. Leider half ihr das nicht wirklich weiter. Er hatte sie in die Ecke gedrängt, der Schuft.

Also ging sie in Abwehrstellung und machte sich bereit, unter seinem Arm durchzuschlüpfen, sollte er ihr noch mal zu nahe kommen. „Und damit Sie es wissen: Ich bin bereits verlobt.“

„Vermutlich mit einem Kobold“, murmelte er und betrachtete grimmig die Blutstropfen, die aus dreien seiner Fingerkuppen perlten.

„Ich gehe davon aus, dass mein Verlobter sehr attraktiv ist.“

„Sie wissen es nicht? Halten Sie ihn auf Abstand, damit er beim Anblick Ihres Gesichts nicht schreiend die Flucht ergreift?“

„Wenn überhaupt, würde er sich in meine Arme flüchten.“

„Dann wirbt er aus der Ferne um Sie, damit Ihnen der Anblick seines kahlen Schädels erspart bleibt?“

Sie verzog keine Miene. „Wir wurden einander bei der Geburt versprochen.“

Da sah er auf. „Sie wollen mir ernsthaft weismachen, dass Sie den Mann, den Sie heiraten werden, noch nie gesehen haben?“

„Die Vereinbarung wurde zwischen unseren Großmüttern getroffen. Sein Vater ist mit einer Schauspielerin durchgebrannt und hatte danach keinen Kontakt mehr zu seiner Familie. Da er der jüngste von vier Brüdern war, stand nicht anzunehmen, dass sein Sohn eines Tages den Titel erben würde. Doch genauso ist es gekommen. Nur weiß mein Verlobter möglicherweise gar nicht, dass er ein Viscount ist.“

„Das haben Sie sich gerade ausgedacht.“

„Habe ich nicht“, sagte sie verschnupft. „Es ist der ehrenwerte Viscount Vandemere.“

„Und Sie warten jetzt einfach darauf, dass dieser angebliche Viscount eines Tages bei Ihnen vor der Tür steht?“

„Natürlich nicht. Würde ich sonst spielen, um meine Zukunft zu sichern? Und wenn Sie mich jetzt bitte durchlassen würden …“

Er schüttelte den Kopf und trat langsam auf sie zu. „Sosehr ich unser kleines Tête-à-Tête genossen habe, mache ich mir doch mehr Sorgen um meine eigene Zukunft als um die Ihre. Ich habe noch einiges vor und werde nicht mit leeren Händen gehen.“

Als sie mit den Schultern an die Wand stieß, stemmte sie die Hände an seine Brust, um ihn abzuwehren. „Aber verstehen Sie denn nicht? Genau darum geht es mir auch. Wir haben nur dieses eine Leben und sollten es bestmöglich nutzen. Ich habe noch so viel vor, und ich werde mich von niemandem darin aufhalten lassen.“

Sie spürte das Gewicht des Medaillons um ihren Hals, das sie stetig an ein vor langer Zeit gemachtes Versprechen erinnerte. Keine Macht auf Erden würde sie davon abhalten, es einzulösen.

Doch sie merkte, dass ihre Entschlossenheit ihn verstimmte. Und sie wusste, dass er sich diesmal nicht von ein paar Stecknadeln abhalten ließe.

Weshalb ihr eigentlich nur eines blieb, ihre letzte verbliebene Waffe.

Weibliche List und Tücke.

Im Nu hatte Honoria sein Gesicht mit den Händen umfangen und zog ihn für einen Kuss an sich. Und es war … die erstaunlichste Erfahrung ihres Lebens.

Sie war von einigen Gentlemen geküsst worden, nie aber hatte sie etwas Derartiges empfunden. Der angeklebte Bart mochte seinen Teil dazu beitragen, aber das allein konnte es nicht sein.

Es war etwas beinahe Vertrautes an ihm. Vielleicht sein Geruch, der sie an die müßigen Stunden erinnerte, die sie als junges Mädchen in dem Ledersessel vor dem Kaminfeuer der Bibliothek zugebracht und von fernen Ländern geträumt hatte. Oder sein Atem, in dem sich ein Hauch Portwein mit einer ganz eigenen Note mischte, die ihr ganz warm werden ließ im Bauch. Vielleicht aber war es auch der sanfte Druck seiner Lippen, als sie den Kopf leicht neigte, und der ihr ganz schwindelig werden ließ, so wie früher, wenn sie sich inmitten der funkelnden Leuchtkäfer im Garten drehte, bis sie den Boden nicht mehr spürte unter ihren Füßen.

Sie war sich nicht sicher. Aber was immer es sein mochte, ließ es sie doch schnurren wie eine Katze.

Und dazu im Bauch dieses wunderliche Gefühl, warm und luftig zugleich, wie Motten, die aufgeregt zum Licht flatterten … bevor sie zu Asche verbrannten.

Sie beendete den Kuss. Und nur um ganz sicherzugehen, trat sie ihm noch kräftig vors Schienbein.

Damit hatte er nicht gerechnet. „Was zum Henker …“, begann er und taumelte zurück.

Ob er seine Schimpftirade noch fortsetzte, würde sie nie erfahren, denn schon war sie wie der Blitz zum Tor hinaus.

Als sie sicher in ihrer Kutsche saß und das Gespann sich mit einem Ruck in Bewegung setzte, ließ sie den Kopf zurück ins Polster sinken und war nur froh, dass sie diesen Mr. Flint nie wiedersehen würde.

1. KAPITEL

Ein Jahr später

Honoria stand in der Eingangshalle ihres Elternhauses und sah grinsend zu, wie ihre ältere Schwester Verity hinaus zur Kutsche rannte, um mit dem Duke of Longhurst durchzubrennen. Dann wurde die Haustür wieder geschlossen, denn ihr durch nichts zu erschütternder Butler ließ sich auch von diesem romantischen Spektakel nicht aus der Fassung bringen.

Zugegeben, Mr. Mosely hatte schon einige Verrücktheiten mitangesehen, wie beispielsweise Vater, der an der efeubewachsenen Hauswand hinaufkletterte, um die Balkonszene aus Romeo und Julia nachzuspielen, oder Mutter, die die Bedienten zur Arbeit in Kostüme steckte, damit die Sachen mal wieder durchgelüftet wurden. Ein fluchtartiger Aufbruch nach Gretna Green musste ihm als vergleichsweise harmlos erscheinen, selbst für einen Mittwoch.

Tatsächlich gestaltete sich das Leben in Addlewick oft alles andere als gewöhnlich.

Natürlich konnte der kleine Weiler es längst nicht mit Paris aufnehmen, aber …

„Wünschen Sie, dass ich mich der Sache mit Miss Hunnicutt annehme?“, erkundigte Mosely sich mit einem diskreten Blick auf den Schlüssel, den Honoria noch immer in der Hand hielt.

Erst da fiel ihr wieder ein, dass ihre verhasste Nachbarin in der Kammer unter der Treppe eingesperrt war. Sie überlegte einen Moment. Vermutlich wäre es besser, sie jetzt wieder herauszulassen. Andererseits …

Nell Hunnicutt war schon immer eine neugierige, intrigante Schnepfe gewesen. Sie hatte Verity das Leben zur Hölle gemacht und um ein Haar auch ihre Flucht nach Gretna Green verhindert. Was für eine Schwester wäre Honoria denn, wenn sie das kleine Biest jetzt zu früh herausließe?

„Danke, Mosely, aber ich erledige das.“ Sie warf den Schlüssel in die Luft und fing ihn geschickt wieder auf.

Dann drehte sie sich um und rannte beinahe in ihre Mutter hinein.

Das Lächeln auf Roxana Hartleys Lippen war Welten entfernt von jenem beseelten Ausdruck, für den sie bekannt war. Sie grinste praktisch von einem Ohr zum anderen. Und ihre Augen strahlten nur so aus dem herzförmigen Gesicht, blitzten unter den rotbraunen, nur an den Schläfen schon leicht ergrauten Haaren mit einem solchen Glanz hervor, dass man fast fürchten musste, sie komme mit einem Fieber darnieder.

Da sie eben noch gesund und munter gewesen war, nahm Honoria an, dass ihr Zustand mit Veritys plötzlichem Aufbruch zu tun hatte, mithin ein klarer Fall von Hochzeitsfieber war.

Jetzt, da eine Tochter aus dem Haus war, würde sie keine Ruhe geben, bis nicht all ihre Mädchen unter der Haube wären. Und als die mittlere der drei Töchter, wäre Honoria als Nächste an der Reihe. Aber dem würde sie schon abhelfen.

Dass sich der romantische Ehrgeiz ihrer Mutter jetzt ganz auf sie konzentrierte, hatte ihr gerade noch gefehlt, weshalb sie deren Aufmerksamkeit auf ihre jüngere Schwester lenkte. „Wo ist denn Althea abgeblieben? Sie war doch gerade noch hier.“

„Oh, ihr kam eben eine Idee für ein weiteres Stück, und sie wollte schnell ein neues Notizbuch holen“, winkte ihre Mutter ab. „So ein ereignisreicher Morgen, hmm.“ Sie summte vor Vergnügen.

Für Honoria klang es wie ein Schwarm Bienen und sie die einzige Blume weit und breit.

Sie wich einen Schritt zurück. „Allerdings. Und Verity ist mit Magnus sicher gut bedient, wobei nach den Wochen, die sie Trübsal geblasen hat, jedwede Veränderung eine Verbesserung wäre.“

Zu spät wurde ihr bewusst, dass sie in den Lichtkegel getreten war, der durch das Fenster über der Tür hereinfiel, und sie wich erneut zur Seite, um ihrer Mutter zu entkommen …

Nur um dort auf die Countess Broadbent zu stoßen, die zufälligerweise Longhursts Großmutter und eine gute Freundin der Familie war. Eine ehrwürdige Erscheinung mit silbergrauem Haar, die ihr jetzt nur leider den Bogengang zum hinteren Teil des Hauses versperrte, ihren einzigen Fluchtweg.

„Wie recht Sie haben, Miss Hartley“, sagte die Countess mit wohlmodulierter Stimme und legte die Finger über der Brust zusammen. „Es spricht für Sie, dass Sie sich um Veritys Wohl sorgen. Die eigene Schwester so gut verheiratet zu wissen, ist doch sicher eine große Erleichterung, nicht wahr? Vielleicht gar ein Grund zur Freude, hmm?“

Schon wieder dieses Geraune, dachte Honoria missmutig. Sie fand sich eingekreist von schwärmenden Bienen!

Ein Seitenblick auf ihre Mutter zeigte ihr, dass deren Blick ganz verklärt geworden war, so als würde sie Vater Liebessonette rezitieren hören. Zum Kuckuck! Honoria ging auf, dass sie den Fokus auf den beiden nach Gretna Green Entfleuchten halten musste.

Die waren die gute Nachricht des Tages, nicht sie.

„Ich hoffe sehr, dass Verity ihr Glück finden wird. In der Regel lässt sie sich ja von ihrem Verstand leiten, und in dieser Hinsicht sind sie und Ihr Enkelsohn, Mylady, das perfekte Paar.“

Honoria deutete eine Finte nach links an, um sich rechts an der Countess vorbeizustehlen.

Aber Lady Broadbent war nicht auf den Kopf gefallen. Flugs hakte sie sich bei ihr unter, um sie den Gang hinab Richtung Morgenzimmer zu begleiten. „Ich muss gestehen, dass ich von Anfang an darauf gehofft hatte. Ich hätte es gar nicht besser planen können. Und wo wir gerade dabei sind, meine Liebe, sollten wir uns Gedanken über Ihre Saison machen. Ich komme natürlich für alles auf.“

„Das ist sehr freundlich von Ihnen. Aber ich hatte mein Debüt bereits.“

„Ach, das zählt doch nicht“, beschied die Countess. „Soweit ich weiß, hatte Ihr Onkel Sie und Ihre Cousine lediglich zu einigen eher unbedeutenden Gesellschaften mitgenommen. Und dann hat seine Tochter sich in einen Colonel verguckt und ihn kurz darauf geheiratet. Wenn Sie mich fragen, sind Sie nicht wirklich auf Ihre Kosten gekommen.“

„Nun ja, es gab damals den Skandal, der den Namen meiner Familie …“

„Diese Schuld ist doch längst getilgt. Und sowie die Heirat Ihrer Schwester mit meinem Enkel erst einmal offiziell ist, dürfte sich das erledigt haben“, wischte die Countess Ihre Einwände beiseite. „Ein Duke in der Familie öffnet einem viele Türen. Glauben Sie mir, wenn erst ein schmucker Gentleman Ihr Herz erobert, wird das alles Schnee von gestern sein.“

Sofort standen Honoria Bilder einer sternenklaren Nacht vor Augen, die schmale Mondsichel am Himmel über ihr und ein Paar dunkler Augen, das bis auf den Grund ihrer Seele zu blicken schien. Doch sie wusste, es hatte nichts zu bedeuten. Es war ihr nicht zum ersten Mal passiert. Und dieses Flattern im Bauch, pah, was hatte das schon zu heißen.

„Eigentlich will ich gar nicht erobert werden, erobern klingt so barbarisch“, fand Honoria. „Als kämen die Männer mit Knüppeln gerüstet aus ihren Höhlen geschwärmt, um sich das erstbeste Frauenzimmer zu schnappen und es in ihren Bau zu verschleppen.“

„So abwegig ist die Vorstellung nicht“, meinte Mutter, die sich ihnen angeschlossen hatte, mit einem Lachen. „Als ich euren Vater kennengelernt habe …“

Glücklicherweise wurde Mutters Anekdote, die sich gern in Details darüber verlor, was für eine stattliche Figur Vater in seinen Hirschlederhosen abgegeben hatte, von einer keifenden Stimme unterbrochen, die aus der Kammer unter der Treppe kam.

„Würde mich jetzt bitte jemand rauslassen?“

Mutter blieb stehen. „Das ist doch … Nell Hunnicutt?“

In dem Moment fiel Honoria ein, dass sie noch den Schlüssel hatte. Den ungläubigen Blicken ihrer Mutter und der Countess ausgesetzt, erwiderte sie mit einem Achselzucken: „Ihr braucht mich gar nicht so anzusehen. Longhurst hat sie eingeschlossen. Er wollte ihr wohl eine Lektion erteilen, ich habe nicht so genau nachgefragt. Und in unserer Familie sind wahrlich schon wunderlichere Dinge geschehen, weshalb ich eure Aufregung nicht verstehe.“

Lady Broadbent schürzte die Lippen und enthielt sich jeden Kommentars.

Mutter nickte und streckte die Hand aus. „Gut, aber überlass das jetzt besser mir. Ich werde das mit ihrer Mutter klären müssen. Lady Macbeth ist nichts gegen Elaine Hunnicutt.“

„Das habe ich gehört“, kam es fauchend aus der Kammer.

„Was Sie nicht sagen, Liebes. Wie schön für Sie.“ Mutter ließ sich Zeit, den Schlüssel im Schloss zu drehen.

Als Nell dann endlich frei war – sie sah etwas derangiert aus, als sie sich die strohblonden Haare aus dem Gesicht strich und ihren gefiederten Hut richtete –, zeigte sie anklagend der Reihe nach mit dem Finger auf sie. „Verrückt, allesamt!“

Damit stürmte sie zur Tür und verfehlte Althea nur knapp, die gerade von oben heruntereilte.

„Bitte sagt nicht, dass ich das Beste verpasst habe“, maulte Thea und stampfte mit dem bestrumpften Fuß auf.

Sie kam nach ihrer Mutter und versprach ebenfalls eine große Schönheit zu werden mit den langen, rotbraunen Locken und Wimpern, die so dunkel und dicht waren, dass sie mit zwei Lidschlägen einen Wirbelsturm auszulösen vermochten. Halb Addlewick lag Thea zu Füßen, aber die hatte nur Augen für ihre Stücke.

„Geschieht dir ganz recht, wenn du mich mit ihnen allein lässt“, murmelte Honoria. Als hinter ihr ein Räuspern erklang, drehte sie sich nach der Countess um, die eine recht einschüchternde silbergraue Braue hob. „Nicht, dass es mir etwas ausmacht“, fuhr sie unverdrossen fort, „doch in Anbetracht dessen, dass Thea immerhin auch schon neunzehn ist, sollten die Überlegungen zu Brautschau und Saison sich vielleicht eher an sie richten.“

„Ich würde gern nach London“, verkündete ihre Schwester und wippte auf den Zehenspitzen. „Allein die Schreibwarenläden, die ich dort abklappern könnte! Und der pikante Klatsch und Tratsch, der mir endlos Stoff für meine Stücke liefern würde. Wahrscheinlich würde jeden Tag irgendetwas furchtbar Aufregendes passieren. Wohingegen meine Muse in Addlewick einen langsamen, qualvollen Tod stirbt.“

„Was habe ich gesagt? Thea würde liebend gern nach London. Und Mutter könnte sie sicher gern entbehren, zumal nach dem Vorfall letzte Woche, als sie die Ferkel im Salon hat laufen lassen.“

„Ein ländliches Possenspiel braucht eben ein bisschen Stallgeruch! Seid doch froh, dass ich nicht wieder Hühner genommen habe.“

Mutter räusperte sich und warf ihrer Jüngsten einen tadelnden Blick zu. „Ich weiß nicht, ob London schon für Thea bereit ist. Bei Honoria hingegen …“

Honorias Schultern verspannten sich. Sich schon wieder eine Saison hofieren lassen? Überhäuft mit Versprechungen, auf die sie nichts gab? Mit Geschenken, die … na gut, die Geschenke ließ sie sich ganz gern gefallen.

Aber eine weitere Saison bedeutete auch mehr Erwartungen, die sie nicht zu erfüllen gedachte. Denn sie hatte nicht die Absicht zu heiraten. Niemals.

Dann wurde dreimal in rascher Folge an die Tür geklopft, ein Hämmern, das nicht nur im ganzen Haus, sondern auch in ihrem Schädel widerhallte, als schlage jemand den letzten Nagel in ihren Sarg. Wumm, wumm, wumm.

Derart in die Ecke gedrängt, wusste sie, dass es nur einen Weg aus ihrer Misere gab. Nur eine Möglichkeit, diese Auseinandersetzung zu gewinnen und ihre Ruhe zu haben. Sie würde einmal mehr Viscount Vandemere bemühen.

Natürlich konnte sie nicht einfach den Namen eines Mannes in den Raum werfen, den sie sich zeit ihres Lebens mehr oder minder zusammengedichtet hatte. Oh nein, eine solche Beschwörung musste Gewicht haben.

Wie die perfekt vorgetragenen Zeilen eines Theaterstücks, galt es, seinen Namen mit solcher Inbrunst auszusprechen, als halte man noch immer an dem Traum von ihm fest. Es galt ihr Publikum glauben zu machen, dass ihr Herz sich allen Hindernissen zum Trotz nach ihm verzehrte. Dass es nur ihn gab und nie einen anderen geben würde.

„Mutter, du hast natürlich recht. Und es wäre mir eine Ehre, mich von Lady Broadbent unter ihre Fittiche nehmen zu lassen.“ Sie schenkte den beiden ein Lächeln und gewährte ihnen diesen letzten Funken Hoffnung, bevor sie einen abgrundtiefen Seufzer ausstieß. „Aber ich fürchte, es würde zu nichts führen. Denn wie ihr wisst, bin ich bereits verlobt. Und Großmutter hat dafür Sorge getragen, dass die Übereinkunft bindend ist und nur durch den Tod gelöst werden kann. Rein rechtlich gesehen kann ich überhaupt keinen anderen heiraten als …“

„Verzeihen Sie die Störung, aber ein Besucher wünscht Miss Honoria zu sprechen“, meldete der Butler, und seine Augen waren groß wie Untertassen über der schnabelförmigen Nase. „Ein … Gentleman.“

„Ich weiß wirklich nicht, warum sie deshalb so schockiert sind, Mosely“, sagte Thea mit einem gelangweilten Seufzer und ließ die in gelben Musselin gehüllten Schultern sinken im Überdruss des ewigen Einerleis. „Honoria erhält ständig Herrenbesuch. Dass Verity mit Longhurst durchgebrannt ist, war eine nette Abwechslung, aber ansonsten könnte man meinen, wir lebten in einer ständigen Wiederholung des immergleichen Tages.“

Mutter ignorierte die kleine Diva. „Und hat dieser Gentleman auch einen Namen?“

„Allerdings, Ma’am. Wenngleich …“ Der Butler schluckte und blinzelte angestrengt, als sei ihm etwas ins Auge geraten.

Die dramatische Pause erhöhte die Spannung ungemein. Man konnte die Luft förmlich knistern hören.

Honoria spürte ein Kribbeln im Nacken. Er schrecklicher Verdacht zerrte an ihren Nerven. Ein Verdacht, der erklären würde, warum der arme Mosely aussah, als hätte er ein Gespenst gesehen.

Aber nein, das kann nicht sein, sagte sie sich. Das ist ja unmöglich.

Ein Schatten trat hinter ihren sonst so unerschütterlichen Butler. Er füllte den Türbogen aus und verdrängte das aus der Halle hereinfallende Licht, das scharf seine Silhouette umriss.

Eine unfassbar vertraute Silhouette.

Die dunkle Vorahnung sank in ihre Magengrube wie ein Stein in kaltes Wasser. Und als die schemenhafte Gestalt näher kam, wusste sie … Sie wusste es einfach.

„Viscount Vandemere, habe die Ehre, die Damen“, sagte der Besucher geschmeidig und neigte das dunkle Haupt in einer tiefen Verbeugung.

Mutter und die Countess schnappten nach Luft.

Thea zückte ihr Notizbuch. „Das ist aber mal interessant.“

Nur Honoria, die sonst eine Meisterin der Improvisation war, wusste nicht weiter.

Denn es war kein Viscount, ob nun erdichtet oder nicht. Es war Mr. Flint, seines Zeichens Trickspieler und Betrüger. Und als sein Blick mit räuberischem Glanz auf sie fiel, wusste Honoria, dass er hier war, um alte Schulden einzutreiben.

Ihr Herz stockte und schlug dann umso schneller. In ihren Ohren rauschte es.

Dieser Fremde wusste zu viel. Er wusste Dinge, die ihre Familie nicht einmal ahnte und von denen sie niemals erfahren durften. Wenn das herauskäme, war der Name Hartley von einem neuen Skandal befallen, kaum dass sie sich von dem vorherigen erholt hatten.

Sie musste einen Moment nachdenken.

Das Problem war, dass jetzt aller Augen auf ihr ruhten, als stünde sie im Rampenlicht.

Was sie vermutlich auch tat.

Rampenlicht, dachte sie. Natürlich!

Vor Jahren hatte Mutter ihr einen ganz simplen Trick beigebracht, um die Aufmerksamkeit des Publikums abzulenken, sollte eine Szene einmal nicht nach Plan laufen. „Im Zweifelsfall immer ohnmächtig werden, Liebes.“

Und genau das tat Honoria.

2. KAPITEL

Honoria hatte die Kunst der Ohnmacht unzählige Male geübt.

Um mit der richtigen Mischung aus Anmut und Drama dahinzusinken, brauchte es eine gewisse Körperbeherrschung und Routine, um der Gefahr von Verletzungen vorzubeugen. Blaue Flecken blieben nicht aus, aber für seine Kunst musste man eben leiden.

Und doch spürte sie, als sie sich schlaff zu Boden sinken ließ, nicht den leisesten Aufschlag.

Stattdessen fand sie sich in jemandes Armen wieder. Seinen Armen, um genau zu sein. Unverkennbar war dieser starke, sichere Griff. Ebenso unverkennbar jener Geruch, der ihr bereits an jenem Abend in Paris die Sinne benebelt hatte. Und unverkennbar auch das Flattern in ihrem Bauch.

Die blöden Motten waren zurück.

Sie hatte sie in ewiger Winterstarre halten wollen, verschlossen in einem Glas, und jetzt schwirrten sie einfach los!

Ein frustriertes Grummeln stieg in ihrer Kehle auf.

Sie hörte sein leises Lachen, bevor er dicht an ihrem Ohr flüsterte: „Haben Signore mich vermisst? Wollten Sie deshalb wieder in meinen Armen sein?“

Jäh flogen ihre Lider auf. Dann schloss sie sie schnell wieder, bevor auch ihr Täuschungsmanöver aufflog.

Doch der Augenblick genügte, um sein spöttisches Lächeln zu sehen und zu erkennen, dass sie sich in einem getäuscht hatte.

Flints Augen waren nicht dunkel. Ihre Farbe changierte zwischen Himmelblau und Schiefergrau. Als würde sich ein Unwetter über einem zusammenbrauen. Sie fragte sich, welches Donnerwetter gleich über sie herniedergehen würde.

Ein Frösteln kroch ihr über den Rücken.

Roxana machte ein großes Gewese und wies den Fremden an, ihr armes, überreiztes Kind ins Morgenzimmer zu tragen. Aber Honoria hätte schwören können, dass ihre Mutter etwas im Schilde führte. Nicht umsonst hatten ihre Töchter von ihr alle Tricks und Kniffe der Bühnenkunst gelernt.

„Legen Sie sie hier aufs Sofa, Mylord. Und Mosely, wären Sie so gut, aus der Küche einen Krug frischen Wassers bringen zu lassen? Ich fürchte, in diesem ist eine Fliege ertrunken. Thea, sei ein Schatz und hol das Lieblingskissen deiner Schwester. Wir möchten doch, dass sie es bequem hat. Und Olympia, wenn es Ihnen nicht zu viel Mühe macht, würden Sie mich wohl begleiten, während ich nach dem Riechsalz suche?“

„Ich glaube ich habe noch etwas in meiner …“ Lady Broadbent verstummte, als Mutter sich räusperte. Dann kramte sie übertrieben in ihrem Brokatbeutel und verkündete: „Oh, ich muss mich getäuscht haben, wie schade.“

Honoria verdrehte die geschlossenen Augen.

Mühelos ließ Flint sie auf dem goldenen Damast der Chaiselongue herab. Nicht dass sie darauf geachtet hätte, wie schwerelos sie sich in seinen starken Armen fühlte. Oder dass jeder Atemzug von einer Melange aus Amber, Sandelholz und ihm erfüllt war.

Ganz und gar nicht. Sie hatte im Augenblick weit Wichtigeres im Kopf, allem voran, wie sie ihn loswerden konnte.

„Mylord, wir sind gleich zurück. Am besten wir warten mit der Vorstellung, bis sie wieder bei sich ist“, sagte Mutter, bevor ihre leichten Schritte tänzelnd den Korridor hinab verhallten.

Und schon waren sie allein.

„Verdammt“, murmelte Flint und zog seine Arme unter ihr hervor. Nicht, dass sie seine Wärme vermisst hätte, aber … „Genau das hatte ich befürchtet.“

Honorias Augen flogen auf, und sie sah ihn, die dunklen Brauen finster zusammengezogen, auf sie hinabblicken. Das war nicht die Reaktion, die sie von Männern gewohnt war. „Was genau befürchtet?“

„Dass das“, er deutete mit einer irritierten Geste an ihr herab, „nicht gelogen war.“

Sie verstand sofort, was er meinte, und lächelte voller Genugtuung. „Hab ich ja gesagt, dass ich hübsch bin.“

Mit geschmeidiger Anmut erhob sie sich von der Chaiselongue und stand vor ihm. Ein Gefühl der Macht ließ ihre Haut prickeln, als sie den Anflug männlichen Begehrens in seinen Augen sah. Dann brachte sie ihr Kleid in Ordnung, strich über den ihre schmale Taille umspannenden apricotfarbenen Seidentaft und den weiblichen Schwung ihrer Hüfte. Da sehen Sie mal, Mr. Flint.

Ein Muskel zuckte an seiner Wange. Dann wandte er sich jäh ab und marschierte quer durch das sonnendurchflutete Zimmer, um im Wandschatten der Fenster Zuflucht zu suchen.

„Warum konnte dieser Schnurrbart nicht echt sein? Und warum verbirgt sich kein haariges Muttermal in der Form Australiens darunter? Das wäre nur gerecht gewesen“, grummelte er vor sich hin und sah in den Garten hinaus. Sein wie in Stein gemeißeltes Profil war ihr zugewandt.

Sie sah ihn aus schmalen Augen an. „Was wäre nur gerecht gewesen?“

„Ich werde mich nicht mehr von Ihnen ablenken lassen. Ihr kleiner Ausflug in die Welt des Glücksspiels hat mich mehr als zweitausend Pfund gekostet. Nur mit Müh und Not konnte ich meinen Kopf retten und es heil aus Paris herausschaffen.“

„Sie können nicht mir die Schuld geben, wenn man sich eines Mannes wie Ihnen entledigen will. Wahrscheinlich kommt so etwas tagtäglich vor.“

Er warf einen finsteren Blick über die Schulter. „Ich mag ein Spieler sein, aber bislang habe ich meine Schulden noch jedes Mal beglichen. Bis Sie kamen. Seit ich das Pech hatte, Ihnen zu begegnen, scheint das Glück mich verlassen zu haben. Also kam ich her, um mir meinen Anteil zu holen.“

Jetzt verstand Honoria, was ihn hergeführt hatte. Leider beruhigte sie das überhaupt nicht.

„Wie haben Sie mich gefunden?“

„Durch einen alten Freund. Übrigens derselbe, der mir auch den Hals gerettet hat.“ Er strich mit einer zerstreuten Geste über seine Krawatte und wandte sich vom Fenster ab. „Als ich beiläufig erwähnte, dass eine Frau mich um ein Vermögen betrogen hatte …“

„Betrogen“, spottete sie.

„… wollte er natürlich wissen, wie so etwas möglich war. Nach ein paar Bier habe ich es ihm dann erzählt.“

„Sie haben es ihm erzählt?“ Honoria erbleichte. Wer mochte alles von der Frau wissen, die sich als Signor Cesario ausgab? Es gab Bankkonten auf seinen Namen. Häuser. Grundbesitz. Ihre ganze Zukunft hing daran. Würde sie damit auffliegen, wäre alles dahin.

„Nicht alles“, beruhigte er sie. „Ich bin ein großer Freund von Geheimnissen und würde sie nur dann lüften, wenn es zu meinem Vorteil wäre.“

„Zu gütig...

Autor

Vivienne Lorret
<p>Bestsellerautorin Vivienne Lorret liebt Liebesromane, ihren pinkfarbenen Laptop, ihren Ehemann und ihre beiden Teenagersöhne (nicht zwingend in genau dieser Reihenfolge …). Sie beherrscht die Kunst, unzählige Tassen Tee in Wörter zu verwandeln, und hat sich mittlerweile mit zahlreichen wunderbaren Regency-Romances in die Herzen ihrer Leserinnen und Leser geschrieben.</p>
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