Ein wahrlich heldenhafter Lord

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London, 1892: Vom ersten Augenblick an empfindet Lilah Holcutt eine tiefe Abneigung gegen Constantine Moreland, den sie für einen unverbesserlichen Wüstling hält. Doch als Cons Schwestern entführt werden, erlebt Lilah eine ganz andere, faszinierend heldenhafte Seite an ihm. Entschlossen setzt er alles daran, seine Verwandten zu befreien! Gemeinsam folgen sie der Spur der Entführer ins entlegene Moor zu Lilahs Elternhaus. Barrow House scheint ein düsteres Geheimnis zu bergen, das auch Lilah in höchste Gefahr bringt. Nun ist Con der Einzige, der sie vor ihren unheimlichen Häschern bewahren kann …


  • Erscheinungstag 18.04.2023
  • Bandnummer 149
  • ISBN / Artikelnummer 0840230149
  • Seitenanzahl 400

Leseprobe

PROLOG

1892

Die Tür ging auf. Der Raum dahinter lag im Dunkeln, durchbrochen nur von einem dünnen Mondstrahl. Es gab keinen Grund, sich zu fürchten, und doch ließ Con eine namenlose, gesichtslose Angst das Blut in den Adern gefrieren. Trotzdem trat er ein. Es nicht zu tun war schlimmer.

Der Raum war rund, verwirrend, und wohin er auch blickte, sah er Uhren – an den Wänden, auf dem Boden, in Vitrinen und auf Tischen. Zeiger aus Messing blinkten im schwachen Licht. Mit hämmerndem Herzen ging Con weiter hinein und blieb an einem schmalen Vitrinentisch stehen. In der mit dunklem Samt bezogenen Auslage lagen keine Uhren, sondern Kompasse, deren Nadeln im Gleichklang Richtung Fenster wiesen. Nun sah er auch, dass sich zwischen den Uhren an den Wänden und in den Vitrinen jede Menge Kompasse befanden.

Er kam zu spät. Die Gewissheit schnürte ihm die Kehle zu: Er würde scheitern. Con lief zum Fenster, aber er bewegte sich nicht. Die Kompassnadeln begannen herumzuwirbeln. Er rannte, keuchte, streckte die Hand aus und wusste, dass er doch nie rechtzeitig ankäme. Irgendwer schrie.

Con riss die Augen auf und schoss im Bett hoch. Das Herz donnerte ihm in der Brust, und er ballte die Fäuste so fest, dass ihm die Fingernägel in die Handflächen schnitten. Auf der Haut stand ihm kalter Schweiß.

Es war ein Traum.

Er sah sich um. Er befand sich in seinem Bett, in seinem Zimmer. Es war nur ein Traum gewesen.

Durch die offene Tür sah er im Wohnzimmer Wellie in seinem Käfig sitzen, der ihn seinerseits aus lebhaften schwarzen Knopfaugen betrachtete. Das heisere Kreischen musste vom Papagei gekommen sein.

Der Vogel trippelte von einem Fuß auf den anderen und schnarrte: „Wellie. Braver Vogel.“

„Ja, ja, braver Vogel.“ Cons Stimme war beinahe genauso heiser wie Wellingtons. Er sank in die Kissen zurück und schloss die Augen. Es war nichts als ein böser Traum gewesen und leicht zu erklären – Alex heiratete an diesem Tag. Er hatte sich Sorgen gemacht, dass er verschlafen und seine Pflichten versäumen könnte. Das Problem dabei war nur, dass er genau diesen Albtraum nun schon seit Wochen träumte.

1. KAPITEL

Als Con wieder erwachte, schien ihm die Sonne durch einen Spalt im Vorhang direkt ins Gesicht. Zum zweiten Mal schoss er hoch. Der Himmel möge ihm beistehen. Nach allem hatte er nun doch verschlafen. Er sprang aus dem Bett und begann sich zu rasieren.

Wellington kam ins Zimmer geflogen und ließ sich auf seinem Lieblingsplatz oben auf einem Bettpfosten nieder. „Du elender Vogel – mitten in der Nacht kreischen wie nicht gescheit, aber wenn es Zeit wird zum Aufstehen keinen Ton von sich geben!“

Wellie stieß ein Geräusch aus, das menschlichem Gelächter bestürzend nahe kam. Con grinste und klopfte sich einladend auf die Schulter. Als Wellie dort Platz genommen hatte, streichelte er ihm über den Rücken.

„Jetzt sind wir nur noch zu zweit, mein Freund“, sagte er leise. „Alex ist unterwegs zu besseren Dingen.“

Wie schon öfter in letzter Zeit verspürte Con einen seltsamen Stich im Herzen. Er freute sich wirklich für seinen Zwillingsbruder – Sabrina war genau die Richtige für ihn und liebte ihn über alles. Alex schwebte wegen der Heirat im siebten Himmel, und Con gönnte seinem Bruder alles Glück der Welt. Und doch … konnte er sich des Gefühls nicht erwehren, dass er damit einen Teil von sich verlor.

Seine Selbstsucht entlockte ihm einen Seufzer. Er setzte Wellie ab und ging nach unten. Im Esszimmer traf er auf Alex, der dort am Fenster stand – rasiert, angezogen und acht Stunden vor der Zeit bereit für die Zeremonie. Con warf seinem Zwilling einen Blick zu und fragte: „Freust du dich, oder hast du Angst?“

„Sowohl als auch.“ Alex stieß den Atem aus. „Gott sei Dank bist du jetzt endlich wach.“

„Warum hast du mich nicht geweckt?“, fragte Con und ging zur Anrichte, um sich etwas zu essen aufzuladen.

„Weil es vier Uhr morgens war. Wellie hat mich mit seinem Gekreische geweckt, und dann konnte ich nicht mehr einschlafen. Du wärst wohl nicht sehr erfreut gewesen, wenn ich dich geweckt hätte.“

„Wo sind eigentlich die anderen alle?“

„Die Frauen sind zu Kyria gegangen, um bei den letzten Vorbereitungen zu helfen. Wobei ich mir nicht vorstellen kann, dass auch nur eine von ihnen irgendeine Ahnung davon hat, wie man eine Hochzeit ausrichtet.“

„Hmm. Vielleicht hat Thisbe eine chemische Formel dafür.“

Alex grinste. „Oder Megan und Olivia haben das Thema recherchiert.“

„Mutter hätte bestimmt Freude daran, die Dienerschaft zu einem Streik zu überreden.“ Con kehrte an den Tisch zurück.

Alex nahm ihm gegenüber Platz. „Es sieht Wellie gar nicht ähnlich, mitten in der Nacht Krach zu schlagen. Da fragt man sich doch, was ihn dazu veranlasst haben könnte.“

„Ach ja?“

„Con … hattest du wieder diesen Traum?“

„Ja. Aber das spielt keine Rolle.“

Alex knurrte leise. „Deinem Appetit hat das Ganze anscheinend nicht geschadet.“

„Dem kann so gut wie gar nichts etwas anhaben.“ Con deutete auf den unberührten Tisch vor Alex. „Was ist mit dir? Hast du etwas gegessen?“

„Ich habe eine Tasse Kaffee getrunken.“

„Na, das wird dich zweifellos beruhigt haben.“

Alex verdrehte die Augen und nahm sich ein Stück Toast. „Du wirst mich nicht von deinem Traum ablenken.“

„Ich weiß. Aber ich habe dir nichts Neues zu erzählen. Es ist derselbe Traum, den ich jetzt schon fünfmal geträumt habe. Ich bin in einem bizarren runden Zimmer. Überall sind Uhren und Kompasse, und ich empfinde dieses überwältigende Grauen.“ Er hielt kurz inne. „Vielleicht eher Panik als Grauen. Ich habe das Gefühl, dass ich zu spät komme. Bestimmt kommt das nur von der Hochzeit. Ich mache mir Sorgen, dass ich nicht rechtzeitig zum Juwelier komme, um den Ring abzuholen. Dass ich zu spät zur Trauung komme. Das alles.“

„Ich habe noch nie erlebt, dass du dir wegen einer möglichen Verspätung solche Sorgen machst“, erklärte Alex ausdruckslos.

„Du hast auch noch nie geheiratet“, versetzte Con achselzuckend. „Apropos Verspätung, warum zum Teufel trägst du jetzt schon deinen Hochzeitsfrack? Bis es so weit ist, wird er zerdrückt und fleckig sein.“

„Ich weiß. Ich ziehe mich wieder um. Es war nur … mir ist nichts eingefallen, was ich sonst hätte tun können.“ Alex seufzte. „Das wird der längste Tag meines Lebens.“

„Warum bist du so nervös? Du kannst es seit Wochen kaum erwarten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dir jetzt auf einmal Zweifel gekommen sein sollten.“

„Himmel, nein, überhaupt nicht. Aber ich werde einfach die Angst nicht los, dass irgendetwas die Sache noch verhindern wird. Dass Sabrina die Hochzeit im letzten Moment abbläst.“

„Die Frau ist verrückt nach dir. Das ist offensichtlich.“

„Mir kam der Gedanke, dass die Dearborns sie vielleicht wieder schnappen könnten.“

„Dummkopf. Sie ist bei Kyria, und die gesamte Familie ist dort, um sie zu beschützen.“

„Ich weiß. Von ihrer Freundin Miss Holcutt ganz zu schweigen.“

„In der Tat. Ich möchte wetten, dass Miss Holcutt jeden abschrecken könnte, der Böses im Schilde führt.“

Alex lächelte. „Du gehst mit Lilah aber recht hart ins Gericht.“

„Sie lädt ja förmlich dazu ein“, erwiderte Con.

„Ich glaube, es liegt eher daran, dass du ziemlich vernarrt in Lilah bist.“ Alex quittierte Cons verächtliches Schnauben mit einem Grinsen. „Ganz zu schweigen davon, dass sie die einzige Frau ist, die deine Avancen je zurückgewiesen hat.“

„Das ist nicht wahr.“

„Ach nein? Welches Mädchen hätte dich denn sonst abgewiesen, als du sie auf einen Spaziergang im Garten eingeladen hast? Welche Frau hätte dir überhaupt je etwas abgeschlagen, von unseren Schwestern einmal abgesehen?“

„Bestimmt Dutzende.“ Con hielt inne. „Nun, ein paar. Ich bin nicht überall gelitten, weißt du. Der Traumehemann bist doch eher du.“

„Ich bin aber nicht der charmante Spitzbube.“

„Also bitte, charmant bin ich natürlich, aber wohl kaum ein Spitzbube.“

Alex lachte und stahl sich ein Würstchen von Cons Teller. „Wenn ich ehrlich bin, überrascht es mich, dass du Lilah nicht den Hof machst. Ich hätte gedacht, dass sie für dich eine Herausforderung darstellen würde.“

„Vielleicht würde ich es tun“, entgegnete Con mit leisem Lächeln, „wenn sie nicht die Busenfreundin deiner Braut wäre. Das erschwert die Sache.“

„Nicht unbedingt. Nicht wenn ihr beide zusammenpassen würdet.“

Con schnaubte. „Wie kommt es nur, dass bekehrte Junggesellen alle mit sich reißen wollen?“

Alex ignorierte die klagende Frage. „Miss Holcutt ist ziemlich attraktiv.“

Con dachte an das leuchtend rotgoldene Haar, den frischen Teint, die lange, schlanke Gestalt unter den gesetzten Kleidern. „Ziemlich attraktiv“ beschrieb Lilah nicht einmal annähernd.

„Das ist das Problem. Lilah Holcutt gehört zu den Frauen, die einen dazu bringen, dass man ihnen nachläuft, und wenn man sie dann erwischt, hat man keine Vorstellung, was man mit einer wie ihr eigentlich wollte. Sie ist tugendsam, selbstgerecht, humorlos und kritisch. Sie würde jedem Mann das Leben zur Hölle machen. Außerdem hat sie mir deutlich zu verstehen gegeben, dass sie mich verabscheut.“

Alex verschränkte die Arme und betrachtete Con nachdenklich. Con war froh, als die Herzogin ins Zimmer gestürmt kam, bevor Alex noch etwas sagen konnte. „Alex. Mein Lieber.“

Die Männer erhoben sich beide. „Mutter. Ich dachte, du wärst auch mit zu Kyria gegangen.“

„Nein, mein Lieber. Dort wäre ich keine Hilfe. Die anderen sind es natürlich auch nicht. Kyria und Miss Holcutt bekommen das alles allein hin, aber es ist schön, wenn die Schwestern ein wenig Zeit miteinander verbringen können. Aber ich werde dir an deinem Hochzeitstag nicht von der Seite weichen.“ Sie umfasste Alex’ Gesicht. In ihren Augen glitzerten Tränen. „Ich kann kaum fassen, dass du heiratest. Mir kommt es so vor, als wärst du eben erst dem Laufgeschirr entwachsen.“

„Ich bin nicht das erste deiner Kinder, das heiratet“, wandte Alex ein.

„Ich weiß. Aber bei den anderen wusste ich, dass ich ja immer noch meine Kleinen habe. Und jetzt heiratet auch mein Kleiner.“

„Du hast ja noch Con.“

Die Duchess lächelte ihren anderen Sohn an. „Ja, aber es wird nicht lang dauern, und dann heiratest auch du, Con.“

„Unsinn. Ich werde dir noch jahrelang zur Last fallen“, sagte Con leichthin. „Die Ehe liegt mir wohl nicht besonders.“

Emmeline Moreland lachte. „Also, wo habe ich das schon mal gehört?“ Sie tätschelte Con die Wange. „Und du bist mir noch nie zur Last gefallen. Keiner von euch.“

„Mutter, wie könnte ich heiraten?“ Con lachte. „Ich werde nie eine Frau finden, die dir ebenbürtig ist.“

Stunden später stand Con neben seinem Bruder, während Alex’ Braut an Onkel Bellards Arm den Mittelgang hinunterschritt. Con konnte nicht recht ausmachen, ob Bellard sie stützte oder ob Sabrina den kleinen, schüchternen Großonkel aufrecht hielt. Bellard war begeistert gewesen, als Sabrina ihn gefragt hatte, ob er sie zum Altar führen wolle, nachdem sie selbst keine männlichen Verwandten mehr hatte, doch an diesem Nachmittag hatte der alte Mann, der noch bleicher war als der Bräutigam, plötzlich gezaudert.

Alex hingegen hatte bei Sabrinas Erscheinen alle Nervosität abgelegt. Mit ihrem schwarzen Haar, den blauen Augen, dem rosigen Teint und dem bezaubernden Lächeln war sie wunderschön anzusehen, und Alex konnte den Blick nicht von ihr wenden.

Con sah zu Sabrinas Brautjungfer hinüber. Lilah Holcutt war groß und gertenschlank, und sie hatte ein schiefes Lächeln an sich, das Con unweigerlich elektrisierte. Vermutlich konnte er von Glück reden, dass Lilah nicht oft lächelte … zumindest nicht in seiner Nähe. Sie war eher geneigt, ihm strenge Blicke zuzuwerfen. Blicke, die besagten, dass sie ihn für unverbesserlich dumm hielt. Seltsamerweise überlief ihn auch bei diesen Blicken ein leichtes Prickeln.

An diesem Tag sah sie besonders attraktiv aus. Mit ihrem wohlgeformten Gesicht, der verführerischen Gestalt und der faszinierenden Haarfarbe war sie immer reizvoll, doch an diesem Tag hatte sie noch etwas anderes an sich. Vermutlich hatte seine Schwester Kyria damit zu tun. Lilahs rotgoldenes Haar war nicht wie sonst ziemlich streng zurückgesteckt, und sie trug auch nicht dieses fade pastellblaue Kleid, das sie normalerweise anhatte.

Ihr Kleid heute war von einem satten, leuchtenden Blau, das die Farbe ihrer Augen betonte, hatte einen ovalen Ausschnitt und an den Ärmeln schäumten weiche Spitzen, die einen Großteil ihrer Arme frei ließen. Sie hatte wunderschöne Arme. Und ihr Haar, diese leuchtende Mischung aus Rot und Gold, die Con noch bei keinem anderen gesehen hatte, war zu einer sanften Rolle aufgedreht, aus der sich links und rechts ein paar weiche Locken gelöst hatten, die er liebend gern berührt hätte.

Lilahs Blick war auf das Brautpaar gerichtet, aber jetzt schaute sie zu Con hinüber. Er zwinkerte ihr freundlich zu, woraufhin sie die Stirn runzelte. Offensichtlich hatte er sich erneut ihre Missbilligung zugezogen. Bei Lilah konnte das schnell vorkommen. Das war einer der vielen Gründe, warum es klug war, ihr aus dem Weg zu gehen.

Doch Con hatte sich noch nie von Klugheit leiten lassen.

2. KAPITEL

Der Hochzeitsempfang wurde bei Kyria abgehalten, wie man unschwer an der Dekoration erkennen konnte. Der Ballsaal war kunstvoll mit weißem Satin und Silbernetz drapiert, die im warmen Licht der Wandlampen schimmerten, die Luft war geschwängert vom Duft Hunderter weißer Rosen. Im Garten hingen in den Ästen und Zweigen und entlang der Pfade winzige Lampions.

An einem Ende des Saals spielte ein kleines Orchester auf. Alex führte Sabrina zu ihrem ersten Tanz als Ehepaar auf die noch leere Tanzfläche. Lilah stand bei den anderen Gästen und sah zu.

Sabrina sah mit solcher Liebe zu ihrem Mann auf, dass es Lilah das Herz zuschnürte. Sie versuchte sich auszumalen, wie es wohl war, so für einen anderen Menschen zu empfinden. Lilah hatte Schwierigkeiten mit der Vorstellung. Ihr fehlte es nicht an Verehrern, viele davon waren durchaus passende Herren, aber sie hatte nie auch nur den Anflug derartiger Gefühle verspürt.

Alex war ganz offensichtlich ebenso verliebt wie Sabrina. Lilah hatte sie beobachtet, als Sabrina den Mittelgang herunterkam mit einer Miene, die strahlte vor Liebe. Sie hatte zu Con hinübergeblickt und sich gefragt, wie es ihm in diesem Augenblick ging. Es musste merkwürdig sein, seinen Zwillingsbruder an eine Ehefrau zu verlieren.

Doch dann hatte Con ihr dieses freche Grinsen zugeworfen und ihr zugezwinkert. Bei einer Hochzeit! Das war so typisch für den Mann. Sie wusste nicht, warum sie überhaupt Mitgefühl für ihn aufbrachte. Constantine Moreland nahm überhaupt nie etwas ernst. Nun, fast nie – Lilah hatte seine furchterregende Miene gesehen, als Alex vor zwei Monaten entführt worden war.

Als der erste würdevolle Walzer verklungen war, gesellten sich zu den Frischvermählten auf der Tanzfläche weitere Paare. Lilah sah sich um, sicher, dass sie Con unter den Tanzenden entdecken würde, und fragte sich, wen er wohl als Partnerin gewählt hatte. Er schien keinen besonderen Frauentyp zu favorisieren. Sogar mit ihr hatte er schon einmal getanzt.

Das allerdings würde er wohl nie wieder tun. Lilah errötete, als sie daran dachte. Er hatte es prüde von ihr gefunden, als sie seinen Vorschlag abgelehnt hatte, sich nach dem Tanz mit ihm im Garten zu ergehen. Inzwischen wusste Lilah, dass sie albern und unbedacht gewesen war; sie bewegte sich noch nicht lang in der Gesellschaft und hatte sich anmerken lassen, wie unerfahren sie war. Nicht dass sie falschgelegen hatte – ein Mann lud ein junges Mädchen auf einer Gesellschaft nur dann zu einem Spaziergang im Garten ein, wenn seine Absichten alles andere als tugendhaft waren. Aber sie hatte seither gelernt, wie man einen solchen Mann abwies, ohne etwas so Überspanntes zu tun, wie ihn zu ohrfeigen.

Finster blickte Lilah auf ihren Handschuh und nestelte am Knopf herum. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass einer von Alex’ Cousins in ihre Richtung unterwegs war. Albert hatte offenbar Gefallen an ihr gefunden, er lief ihr schon den ganzen Tag hinterher. Bisher war es ihr gelungen, ihm immer wieder zu entschlüpfen, doch nun hegte sie den dunklen Verdacht, dass sie ihm diesmal nicht entkommen würde. Schließlich konnte sie zu einem Moreland nicht unhöflich sein, aber nachdem sie mit Cousin Albert schon auf der Verlobungsfeier das Tanzbein geschwungen hatte, wusste sie, dass eine weitere Runde auf dem Parkett nicht nur schrecklich langweilig sein würde, sondern auch eine sehr reale Gefahr für ihre Zehen.

In der Hoffnung, dass er noch nicht bemerkt hatte, dass sie ihn gesehen hatte, wandte sie sich ab. Gerade in diesem Moment sagte ein Mann hinter ihr: „Miss Holcutt, erweisen Sie mir die Ehre?“

„Con!“ Sie wirbelte herum. „Ach, Gott sei Dank.“

Seine grünen Augen blitzten amüsiert. „Was für eine unerwartet enthusiastische Reaktion. Vermutlich haben Sie gesehen, dass Cousin Albert Kurs auf Sie genommen hat.“

„Ja.“ Bei Con brauchte sie keine Höflichkeit vorschützen.

Sie ergriff seinen Arm, und Con führte sie auf die Tanzfläche zu den anderen Paaren. Lilah hatte vergessen, wie es war, mit Con zu tanzen – so leichtfüßig und sicher, seine Hand an ihrer Taille, etwas enger, als schicklich war. Es war leicht, sich seinen Schritten anzupassen, seiner Führung zu folgen. Er war ein hervorragender Tänzer, man brauchte nur loszulassen und sich ihm anzuvertrauen.

Unwillkürlich lächelte sie ihn an. Es war besser, Con nicht zu ermutigen – er bildete sich schon viel zu viel ein –, und normalerweise achtete sie darauf, nichts zu tun, was Aufmerksamkeit erregte, aber im Moment amüsierte sie sich viel zu sehr, um sich darum zu kümmern.

Als die Musik verklang, war Lilah erhitzt und außer Atem und voller Energie. Am liebsten hätte sie noch einmal getanzt, aber das ging natürlich nicht, selbst Con würde sich hüten, so etwas zu tun. Sie schlug ihren zarten Fächer aus Elfenbein und Spitze auf, um sich etwas Kühlung zu verschaffen. Con führte sie zu den offenen Fenstern, nahm auf dem Weg dorthin noch zwei Gläser Champagner vom Tablett eines Lakaien und reichte ihr eines davon.

Lilah trank selten Wein, aber sie war so durstig, dass sie einen großen Schluck davon nahm. Kühl und prickelnd lief er ihr die Kehle hinunter, mit einem ganz eigenen köstlichen Brennen, und sie trank auch den Rest. Con hob die Augenbrauen.

„Immer langsam. Es geht doch nicht, dass Sie sich in meinem Beisein einen Rausch antrinken.“

„Tue ich auch nicht. Es ist hier drinnen nur so heiß.“

Con blickte zur offenen Fenstertür, die auf die Terrasse hinausführte, und dann zu ihr. „Dürfte ich den Vorschlag wagen, dass wir kurz rausgehen? Ich versichere Ihnen, dass ich diesmal nicht versuchen werde, Sie in den Garten zu locken.“

Lilah warf ihm einen vielsagenden Blick zu, hängte sich bei ihm ein und wandte sich Richtung Terrasse. „Stellt sich die Frage, warum Sie es beim ersten Mal überhaupt versucht haben, wo Sie mich doch für so prüde halten.“

Er lachte und nahm einen Schluck Champagner. „Ich bin, wie Sie ja schon gesagt haben, einfach zu impulsiv.“

„Das ist keine Antwort.“ Doch Lilah war im Moment zu versöhnlich gestimmt, um das Thema weiterzuverfolgen. Durch den Walzer hatte sich ihr Ärger auf Con in Luft aufgelöst.

Sie schlenderten über die Terrasse, kamen hin und wieder an anderen Paaren vorbei, die dasselbe taten. Lilah hob das Gesicht in die kühle Nachtluft. Leise begann sie, den Walzer zu summen, und wünschte sich, sie könnte über die Terrasse tanzen. Bei der Vorstellung, sie könnte so einen Wirbel veranstalten, lächelte sie in sich hinein. Con würde der Mund offen stehen bleiben. Sie musste die Lippen fest zusammenpressen, damit ihr kein Kichern entschlüpfte.

Vielleicht hätte sie den Champagner nicht so hinunterstürzen sollen. Das sah ihr gar nicht ähnlich. Vielleicht lag es auch daran, dass sie in Con Morelands Armen durch den Ballsaal gewirbelt war. Auch das sah ihr nicht ähnlich. Höchstwahrscheinlich lag es an Cons Nähe: Er hatte etwas an sich, was einen geradezu herausforderte, sich danebenzubenehmen.

Er machte unpassende Bemerkungen, die sie zum Lachen brachten. Sein Lächeln, sein Zwinkern, das Glitzern in seinen Augen, kurz bevor er etwas Empörendes sagte oder tat, verlockten einen dazu, es ihm gleichzutun. Wenn er eine Frau gewesen wäre, hätte man ihn als Verführerin bezeichnet. Wie man einen derartigen Mann nannte, wusste sie nicht genau. Gefährlich kam ihr in den Sinn.

Sie sah zu Con auf, der so dicht neben ihr stand, dass sie seine Körperwärme spürte. Er wandte den Kopf. Sehr hell war es nicht auf der Terrasse, Cons Gesicht lag halb im Schatten, seine Augen waren dunkel, doch auch im schummrigen Licht war deutlich zu sehen, wie attraktiv er war – das feste, eckige Kinn, die gekräuselten Mundwinkel, als könnte er jeden Moment anfangen zu grinsen.

Es war merkwürdig, wie ähnlich er seinem Zwillingsbruder sah, und doch hatte sie sich zu Alex nie auch nur im Geringsten hingezogen gefühlt. Bei ihrer ersten Begegnung hatte sie fast sofort erkannt, dass sie Alex vor sich hatte und nicht Con. Es war kein Funken übergesprungen, in ihrem Magen hatte es nicht gekribbelt. Mit Alex zu plaudern fiel ihr leicht; bei Con hatte Lilah immer das Gefühl, auf der Hut sein zu müssen.

Wenn sie nicht aufpasste, könnte sie straucheln. Und Lilah war ein Mensch, der gern mit beiden Beinen auf dem Boden stand. Diese Unsicherheit verwirrte sie. Noch beunruhigender war jedoch, dass es sie auch erregte. Das war ganz gewiss nicht richtig.

Sie hatten das Ende der Terrasse erreicht und blickten hinaus auf den Garten, der sich unter ihnen erstreckte. Winzige Papierlampions beleuchteten die Wege, aber hier oben auf der Terrasse war alles dunkel. Con stellte sein Glas auf der breiten Balustrade ab und lehnte sich lässig an eine Säule. Statt die Aussicht zu betrachten, beobachtete er Lilah.

Lilahs Herz schlug schneller. Hier oben war es dunkel und verschwiegen, nur hin und wieder waren im Hintergrund leise Stimmen zu hören. Sie dachte an das andere Mal, als sie mit Con auf einer Terrasse gestanden hatte, fast atemlos vor Aufregung, Angst und der schuldbewussten Gewissheit, dass ihre Tante das Ganze missbilligen würde.

„Sagen Sie mir ehrlich“, begann Lilah spontan, „warum haben Sie mich damals zum Tanzen aufgefordert und dann auch noch zu einem Spaziergang im Garten? Dass Sie es heute Abend tun, leuchtet mir ein – schließlich bin ich die Freundin Ihrer neuen Schwägerin, da müssen Sie höflich sein. Aber warum haben Sie mich damals zum Tanzen aufgefordert?“

„Haben Sie schon mal in den Spiegel gesehen?“, versetzte Con.

„Sie waren von meiner Schönheit hingerissen?“ Skeptisch hob Lilah eine Augenbraue. „Es waren Dutzende von hübschen jungen Mädchen anwesend, und ich möchte wetten, dass ich nicht zu der Sorte Frau gehöre, mit der Sie normalerweise tanzen. Geschweige denn mit irgendwelchen Hintergedanken auf die Terrasse locken.“

„Hintergedanken kann man das wohl kaum nennen. Ich hätte gedacht, meine Absichten wären offensichtlich.“

Lilah fiel wieder ein, warum sie ihn so irritierend fand. Sie wandte sich ab und richtete den Blick auf die Blumen und Sträucher unter ihr. „War es – lag es daran, dass ich gerade erst in die Gesellschaft eingeführt worden war? Weil Sie dachten, ich wäre so naiv, nicht zu merken, dass ich meinen Ruf aufs Spiel setze?“

„Nein!“ In Cons Stimme lagen Entrüstung und Erstaunen. „So war das nicht. Ich habe Sie nicht zum Tanzen aufgefordert, weil ich dachte, ich könnte Sie irgendwie austricksen. Denken Sie wirklich so schlecht von mir?“

Lilah entspannte sich, überrascht, wie sehr sie seine empörte Antwort erleichterte. „Nein. Also, ich habe mir schon meine Gedanken gemacht. Danach.“ Als er sich ihr nie wieder genähert hatte.

„Ich habe Sie aufgefordert, weil ich mit Ihnen Walzer tanzen wollte. Ich habe Sie auf die Terrasse gebeten, weil ich etwas Zeit mit Ihnen verbringen wollte, ohne den ganzen Lärm. Und zu dem Spaziergang habe ich Sie eingeladen, weil … also gut, ich hatte gehofft, Sie bei dieser Gelegenheit küssen zu können. Aber nicht deswegen, weil ich dachte, Sie wären leicht zu haben.“

„Oder weil Sie Ihrer Sammlung ein weiteres junges Mädchen hinzufügen wollten?“

„Meiner Sammlung?“ Con starrte sie verblüfft an. „Wofür zum Teufel halten Sie mich? Ich habe keine Sammlung. Ich bin doch kein Schuft, der es darauf anlegt, junge Damen zu verführen. Meine Güte, Lilah, sind Sie misstrauisch!“

„Ganz abwegig ist dieser Verdacht aber nicht“, versetzte sie. „Sie halten mich für steif, prüde und korrekt.“

„Sie haben voreingenommen vergessen.“

„Oh, ja, tut mir leid – und voreingenommen.“ Sie verschränkte die Arme und funkelte ihn wütend an. „Warum also sollten Sie mit einer solchen Frau tanzen wollen?“

„Wenn Sie es unbedingt wissen müssen – wegen Ihrer blasslila Strümpfe.“

„Was?“ Lilah starrte ihn an.

Er zuckte mit den Achseln und wandte sich ab. Nun sah er angelegentlich in den Garten hinunter. „Sie wollten es wissen.“

„Aber warum … Wie …“

„Schön zu wissen, dass ich Sie auch einmal sprachlos machen kann.“

„Das ist doch absurd. Wie können Sie noch wissen, was für eine Farbe meine Strümpfe hatten? Ich erinnere mich ja nicht mal selbst daran!“

„Dann hat mich der Anblick Ihrer Strümpfe nachhaltiger beeindruckt als Sie.“ Con wandte sich zu ihr um. „Ich habe unten an der Treppe gestanden, als Sie heimkamen. Sie haben so furchtbar prüde und korrekt gewirkt in Ihren jungfräulich weißen Sachen, hochgeschlossen bis zum Hals, Ihr Haar geflochten und zu einem Gouvernantenknoten aufgesteckt, und Ihre Anstandsdame ist Ihnen nicht von der Seite gewichen. Ich dachte mir damals, was für eine schöne Frau, aber sie wirkt sterbenslangweilig.“

„Wie reizend von Ihnen“, meinte Lilah trocken.

„Und dann sind Sie die Treppe hochgegangen, haben dafür die Röcke angehoben, damit Sie nicht auf den Saum treten, und da habe ich Ihre Knöchel gesehen. Sie trugen leuchtend lila Strümpfe. Und ich dachte mir, dass mehr in Ihnen steckt, als man auf den ersten Blick wahrnimmt.“ Nachdenklich hielt er inne. „Und Sie haben sehr hübsche Knöchel.“

Lilah starrte ihn an und fing dann an zu lachen. Sein Gedankengang war so seltsam, so typisch Con – schmeichelhaft, unverschämt und absurd zugleich –, dass sie weder beleidigt noch wütend sein konnte, sondern nur verblüffte Belustigung empfand.

„Sie sollten das öfters tun“, sagte Con zu ihr.

„Was denn?“

„Lachen. Sie sehen wunderschön dabei aus.“

„Oh.“ Sie hoffte, dass die Dunkelheit ihr Erröten verbarg. Andernfalls würde Con sie zweifellos bei jeder Begegnung damit aufziehen.

Nur dass sie sich jetzt, da die Hochzeit vorbei war, natürlich nicht mehr sehen würden. Constantine Moreland ging nicht auf dieselben Gesellschaften, die Lilah mit ihrer Tante besuchte. Er zog aufregendere Unterhaltung vor. Selbst wenn sie zufällig auf derselben Veranstaltung waren, ging er ihr aus dem Weg. Ihr Leben würde seinen alten Gang wiederaufnehmen. Lilah seufzte, als sie an die Wochen dachte, die vor ihr lagen, in denen sie Besuche machen und im Salon ihrer Tante empfangen würde.

„Was ist denn?“, fragte Con. Als sie ihn fragend ansah, erklärte er: „Sie haben eben geseufzt. Bedrückt Sie etwas?“

„Was? Oh, das habe ich gar nicht gemerkt.“ Ihre Wangen wurden womöglich noch röter. „Ich habe nur gerade gedacht, dass die Dinge jetzt, wo die Hochzeit vorüber ist, wieder ihren normalen Gang gehen würden.“

„Ja, es wird wohl langweiliger werden.“

„Das habe ich nicht gemeint“, protestierte sie. „Ich meinte, dass es stiller wird, ruhiger. Aber das ist doch gut. Dann kann man sich ausruhen und entspannen und, ähm …“

„Taschentücher besticken?“, schlug Con vor und hob eine Augenbraue.

Sie funkelte ihn an. „Mit etwas so Banalem werden Sie sich sicher nicht abgeben. Sie werden auf Geisterjagd gehen oder die Bedeutung von Stonehenge ergründen.“

„Hoffentlich finde ich das eine oder andere Abenteuer, mit dem ich mir die Zeit vertreiben kann.“ Er grinste sie an. „Ach, nun schauen Sie doch nicht so grimmig.“ Er strich ihr über die gerunzelte Stirn, über die Wange und über eine Locke, die sich aus ihrer Frisur gelöst hatte.

Verlegen hob Lilah die Hand, um die Locke wieder festzustecken, doch Con hielt sie auf. „Nein, nicht. Es sieht hübsch aus so.“

„Wie denn … wie gerupft?“ Sie versuchte, eine gewisse Schroffheit an den Tag zu legen, um die Hitze zurückzudrängen, die bei seiner Berührung in ihr aufgewallt war.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendetwas an Ihnen je wie gerupft aussehen könnte.“ Träge strich er ihr mit dem Daumen über den Wangenknochen. Sein Lächeln hatte sich verändert, es war nicht länger amüsiert, sondern warm und einladend. In seinem Blick lag ein Ausdruck, der sie daran erinnerte, wie Alex Sabrina ansah. Dunkel und ein wenig verschleiert.

Lilah stockte der Atem, und ihre Gedanken überschlugen sich förmlich. Sie hätte dieses Glas Champagner ganz entschieden nicht trinken dürfen. Con beugte sich vor. Lilah hob das Gesicht.

In diesem Augenblick drang dröhnendes Gelächter aus dem Ballsaal, und dann traten drei Männer plaudernd auf die Terrasse. Lilah erstarrte. Was tat sie da? Con hätte sie beinahe geküsst. Und sie hätte es beinahe zugelassen. Schlimmer noch, sie hätte den Kuss erwidert. „Ich … tut mir leid … ich sollte nicht … auf Wiedersehen.“

Hastig lief Lilah an ihm vorbei und zurück in den Ballsaal.

3. KAPITEL

Lilah langweilte sich. Sie hatte den Vormittag mit ihrer Tante im Salon verbracht und ihre Korrespondenz erledigt. Viele Briefe hatte sie nicht zu verfassen, da ihr Vater, dem sie immer treu geschrieben hatte, vor zwei Jahren verstorben war, und zu seiner Schwester Vesta hatte sie schon seit Jahren keinen Kontakt mehr. Sabrina, mit der sie den ausführlichsten Briefwechsel pflegte, war derzeit auf Hochzeitsreise.

Sie vermisste Sabrina. Ihre Freundin lebte erst seit ein paar Monaten in London, aber in der Zeit war es wieder so wie damals in Miss Angermanns Pensionat. Sabrina war nicht die Einzige, die sie vermisste. Im Laufe der Hochzeitsvorbereitungen hatte sie sich mit den Morelands angefreundet. Zur Hochzeit waren sie alle angereist, samt Ehemännern, Kind und Kegel. Das Umfeld war dadurch teilweise etwas chaotisch gewesen, aber immer unterhaltsam und sympathisch.

Mit der Duchess hatte sie jede Menge lebhafte Gespräche geführt, und auch wenn die überaus fortschrittliche Duchess of Broughton und Lilah hin und wieder geteilter Meinung waren, waren ihre Diskussionen doch erfrischend und sogar erhellend gewesen. Megan erzählte interessante Geschichten über ihre Jahre als Reporterin und die Reisen, die sie mit ihrem Ehemann Theo Moreland unternommen hatte. Die lebhafte, warmherzige Kyria musste man einfach mögen – genau wie den Duke und seinen winzigen Onkel Bellard, eine wahre Fundgrube an Informationen, wenn er erst einmal loslegte.

Theos Zwillingsschwester Thisbe war Wissenschaftlerin, die viel Zeit in ihrem Labor verbrachte und dort an Dingen arbeitete, für die Lilah sowohl das Verständnis als auch das Interesse fehlte, wenn sie ehrlich war. Darüber hinaus besaß Thisbe aber auch trockenen Humor und ein entspanntes, aufgeschlossenes Wesen. Anna, Reed Morelands Frau, war in der lärmenden Betriebsamkeit von Broughton House ein heiterer, ruhender Pol.

Vor allem aber fühlte Lilah sich zu Olivia hingezogen, der jüngsten der Moreland-Töchter. Olivia teilte zwar Cons merkwürdiges Interesse an okkulten Dingen, las aber ebenso leidenschaftlich gern wie Lilah, und sobald sie ihr gemeinsames Interesse an Kriminalromanen entdeckt hatten, hatten sie so manch netten Nachmittag im Gespräch verbracht.

Dagegen waren die Tage nach der Hochzeit schal und leer gewesen. Lilah hatte keinen Grund, Broughton House einen Besuch abzustatten. Nachdem ihre Freundin Sabrina nicht mehr dort weilte, wäre es ein wenig vermessen von ihr gewesen, im Haus eines Dukes aufzutauchen. Sie wollte wirklich nicht für einen Emporkömmling gehalten werden.

Schlimmer noch … was, wenn Con zu Hause war? Was, wenn er dachte, sie sei gekommen, um ihn zu sehen? So wie sie sich neulich Abend benommen hatte – sie errötete, wenn sie nur daran dachte –, hätte er Grund zu der Annahme, sie sei hinter ihm her. Was natürlich nicht stimmte. Niemals würde sie einem Mann nachstellen, schon gar nicht jemandem wie Con. Er wäre der Letzte, den sie heiraten wollte – nicht, dass er jemandem wie ihr je einen Antrag machen würde.

Con fand es wahrscheinlich komisch, dass eine so prüde und korrekte Frau wie Lilah sich so untypisch verhalten hatte. Er wusste, dass sie im Begriff gewesen war, ihn zu küssen. Zweifellos würde er sie damit aufziehen. Er würde lachen, dieses volle, warmherzige Lachen, bei dem man am liebsten mit einstimmte, und seine Augen würden schelmisch blitzen. Es war höchst unfair, dass seine Neckereien ihn noch attraktiver machten.

Das lag dem ganzen Problem mit Constantine Moreland zugrunde – er war einfach so unglaublich anziehend. Lilah gefielen die geraden schwarzen Augenbrauen, die Art, wie er sie hob, wenn er sich über etwas amüsierte, oder finster zusammenzog, wenn er die Stirn runzelte. Mehr als einmal hatte sie das merkwürdige Bedürfnis verspürt, mit dem Finger darüberzustreichen. Seine Augen waren von einem so strahlenden Grün, umrahmt von einem Kranz dichter schwarzer Wimpern. Und dann die Wangenknochen, das Kinn. Und diese Lippen! Bisher hatte sie sich glücklicherweise immer gut im Griff gehabt und sich derartige Gedanken nicht anmerken lassen.

Aber dann hatte sie all ihre Anstrengungen zunichtegemacht, indem sie mit ihm hinaus auf die Terrasse gegangen war. Und mit ihm in jener dunklen, schattigen Ecke gestanden hatte, in einer Situation, die sich für eine Verführung förmlich anbot. Und dann hatte sie das Gesicht nach oben gewandt, um seinen Kuss zu empfangen. Hätte sie doch bloß nicht den Champagner getrunken! Hätte er sie doch bloß nicht zum Tanzen aufgefordert!

Nein. Sie durfte Broughton House keinen Besuch abstatten, selbst wenn ihr ein guter Grund dafür einfallen würde. Sie sollte sich wieder in ihrem alten Leben einrichten. Möglich, dass es eine Weile dauerte, aber sie würde sich wieder daran gewöhnen. Mit den Morelands zu verkehren war aufregend gewesen. Unterhaltsam. Aber es entsprach nicht Lilahs Art zu leben. Sie war nicht extravagant, sehnte sich nicht nach Abenteuern und Aufregung, ihr Antrieb entsprang nicht wilden, unkontrollierbaren Leidenschaften. Alles, was sie sich wünschte, war ein ruhiges, angenehmes, vernunftgesteuertes Leben. Ein Leben, wie sie es bisher geführt hatte.

Lilah nickte leicht und fühlte sich dabei, als wäre sie siegreich aus einer Diskussion hervorgegangen. Sie blickte zu Tante Helena hinüber, die über ihre Stickerei gebeugt dasaß. Das erinnerte Lilah lebhaft an Cons Bemerkung, sie würde ihre Tage mit Stickarbeiten verbringen.

„Kann ich irgendetwas für dich tun?“, fragte Lilah. „Vielleicht irgendeine Besorgung machen?“

Tante Helena blickte auf und lächelte. Sie war eine kleine, adrette Frau mit blondem Haar, das an den Schläfen grau wurde. In Lilah wallte Zuneigung auf. Tante Helena hatte sie aufgenommen und großgezogen, das konnte Lilah ihr niemals vergelten. Es war keine leichte Aufgabe, ein zwölfjähriges Mädchen auf ihre Rolle als Frau vorzubereiten, ihr das richtige Benehmen beizubringen und sie mit den Gepflogenheiten der Gesellschaft vertraut zu machen. Con mochte über so banale Dinge wie Handarbeiten spotten – und wenn sie ehrlich war, konnte sie Stickarbeiten auch nicht viel abgewinnen –, aber es war nichts dagegen einzuwenden, seine Zeit auf diese Weise zu verbringen. Und die Arbeiten ihrer Tante waren hervorragend.

„Nein, nein, mein Liebes, nicht nötig. Cuddington ist in die Apotheke gegangen, um mein Stärkungsmittel zu holen, und Mrs. Humphrey hält das Haus ja wie immer tadellos in Ordnung. Besprechen wir doch unsere Besuche heute Nachmittag.“

Besuche waren nicht das, was Lilah ins Auge gefasst hatte, um die Langeweile zu lindern. Im Gegenteil, oft waren die Besuche selbst sterbenslangweilig. Lilah unterdrückte ein Seufzen. Besuche gehörten zu ihrem Leben schlicht dazu.

„Ich dachte, wir könnten am frühen Nachmittag aufbrechen“, meinte Tante Helena. „Auf die Art wären wir rechtzeitig zurück, bis Sir Jasper kommt.“

„Sir Jasper will heute Nachmittag vorbeischauen?“, fragte Lilah reichlich bestürzt. „Er war doch erst vor zwei Tagen hier.“

„Nun, ich weiß natürlich nicht, ob er dich besuchen wird.“ Ihre Tante lächelte verschwörerisch. „Aber so, wie er sich in letzter Zeit benimmt …“

Ihre Tante hoffte darauf, dass Sir Jasper Heiratsabsichten hegte. Lilah befürchtete, dass sie damit wohl leider recht haben könnte. Sie wünschte, Tante Helena würde den Mann nicht ermutigen. Aber da sie keine Lust hatte, sich auf eine Diskussion darüber einzulassen, sagte sie nur: „Wen wolltest du denn besuchen?“

„Mrs. Blythe natürlich, um mich bei ihr für ihre reizende Dinnergesellschaft gestern Abend zu bedanken. Und dann Mrs. Pierce, ihr haben wir schon länger keinen Besuch mehr abgestattet.“ Lilah stöhnte leise, als sie diesen Namen hörte, und ihre Tante lächelte. „Ja, ich weiß, Liebes. Elspeth Pierce ist eine schreckliche Klatschtante. Genau deswegen müssen wir sie uns ja gewogen halten.“

„Vermutlich.“ Dass die Frau klatschte, störte sie weniger als der Umstand, dass das, was sie sagte, so langweilig war. Aber ihre Tante hatte recht: Wenn Mrs. Pierce eine Abneigung gegen einen fasste, war sie tödlich.

„Und dann müsste ich eigentlich auch noch der Frau des Pfarrers einen Besuch abstatten“, fuhr Helena fort. „Aber ihre Tochter ist krank, daher sind wir in diesem Fall entschuldigt.“

„Eigentlich sollte ein Besuch keine so … mühsame Pflicht sein.“

Tante Helena lächelte. „Das wäre nett. Aber wir dürfen uns nicht vor unseren gesellschaftlichen Verpflichtungen drücken, nicht wahr?“

Lilah dachte etwas gereizt, dass die Morelands dies anscheinend mühelos fertigbrachten. Aber natürlich wollte Lilah nicht im selben Licht erscheinen wie die Morelands. Sie suchte nach etwas, womit sie sich bis zu ihren nachmittäglichen Besuchen die Zeit vertreiben könnte.

„Vielleicht gehe ich vorher noch in die Buchhandlung.“ Lilah kam ein Gedanke, und sie sprang vom Sofa auf. „Auf dem Weg kann ich Lady St. Leger ein Buch vorbeibringen. Ich habe einen Wilkie Collins, den sie noch nicht gelesen hat, und ich habe versprochen, ihn ihr zu leihen.“ Olivia wollte das Buch haben, es wäre nicht unverschämt oder unangebracht, die Morelands zu besuchen, solange sie einen Grund hatte. Tatsächlich geziemte es sich sogar, Olivia das Buch vorbeizubringen, schließlich hatte sie es ihr versprochen. Und es gab keinerlei Grund, sich Sorgen zu machen, sie könnte Con begegnen – sicher war er längst unterwegs zu einem seiner Abenteuer.

„Lady St. Leger?“ Ihre Tante runzelte die Stirn. „Kenne ich sie?“

„Sie ist eine von Sabrinas Schwägerinnen. Sie und ihre Familie haben während der Hochzeit in Broughton House gewohnt.“

Das Stirnrunzeln ihrer Tante vertiefte sich. „Eine Moreland? Liebes, hältst du das für klug?“

„Ich habe es versprochen, Tante Helena. Ein Versprechen kann ich nicht gut übergehen.“ Lilahs Laune wurde von Minute zu Minute besser. Es wäre schön, Olivia wiederzusehen und über Bücher zu plaudern. So sehr sie ihre Tante auch liebte und respektierte, sie war keine Leserin. Vielleicht wäre Kyria auch dort. Oder die Duchess.

„Natürlich nicht“, stimmte ihre Tante widerstrebend zu. „Ich dachte nur, dass du diese Leute nach der Hochzeit nicht mehr so oft sehen würdest.“

„Seit der Hochzeit habe ich sie noch kein einziges Mal gesehen, und die war schon vor vier Tagen“, erinnerte Lilah sie. „Ich sollte jetzt gehen, damit ich rechtzeitig wieder da bin für die Besuche.“ Sie wandte sich zur Tür.

„Für einen Besuch ist es jetzt aber noch recht früh, findest du nicht? Es ist ja noch nicht einmal Mittag.“

„Die Morelands achten nicht auf derartige Dinge.“

„Ich weiß“, meinte Tante Helena düster. „Nun, dann nimm wenigstens deine Zofe mit.“

„Tante Helena, wenn ich am helllichten Tag zum Broughton House gehe, brauche ich doch keine Begleitung.“

„Natürlich nicht, Liebes. Es geht doch nur darum, wie es aussehen würde.“

„Die gesellschaftlichen Regeln sind nicht mehr so streng wie früher“, wandte Lilah ein.

„Vielleicht. Aber das ist kein Grund für uns, unseren Standard zu senken.“

„Poppy hat jede Menge zu tun … sie muss meine Kleider flicken, und, ähm …“

„Jetzt wünschte ich, ich hätte Cuddington nicht in die Apotheke geschickt. Sie könnte dich begleiten.“

„Nein, nein, ich nehme Poppy mit.“ Die sauertöpfische Zofe ihrer Tante wollte sie nun wirklich nicht mitnehmen.

Lilah lief nach oben, rief ihre Zofe und öffnete ihren Kleiderschrank. Für einen Besuch war ihr legeres Morgenkleid nicht geeignet, sie brauchte etwas Eleganteres – zum Beispiel das honigfarbene Promenadenkleid mit den rostroten Paspeln. Es passte gut zu ihrem rotgoldenen Haar, und der enge Schnitt verlieh ihrer gertenschlanken Figur die modische Wespentaille.

Sie könnte ihre neuen Halbstiefel tragen. Mit ihrem Paisleymuster waren sie vielleicht etwas ungewöhnlich, aber sie passten farblich so gut zu dem Kleid, und unter dem Rock würden sie ohnehin niemandem auffallen. Außer jemandem wie Con natürlich, der anscheinend Ausschau hielt nach weiblichen Knöcheln. Aber ein solcher Mann war dafür weder an Mode noch an Schicklichkeit interessiert.

Mit dem Buch in der Hand machte sie sich auf zum Haus der Morelands, Poppy ein paar Schritte hinter ihr. Es war ärgerlich, sie mitnehmen zu müssen. Vielleicht sollte sie ihrem Haus in Somerset einen Besuch abstatten, wo sie spazieren gehen konnte, wann und wo sie wollte, ohne sich Gedanken darüber machen zu müssen, was die Leute von ihr dachten. Damit würde sie auch dem endlosen Besucherreigen entkommen – ganz zu schweigen von Sir Jaspers Aufmerksamkeiten. Sie könnte ihrer Langeweile ein Ende setzen.

Das Problem war natürlich, dass Tante Vesta sich dort aufhielt. Seit die Schwester ihres Vaters zurückgekehrt war, war Lilah nicht mehr in Barrow House gewesen. Als Kind hatte sie sie gemocht, aber Kinder waren so unkritisch, so leicht zufriedenzustellen. Außerdem hatte Tante Vesta die Familie damals noch in keinen Skandal verwickelt.

Smeggars, der Butler der Morelands, begrüßte Lilah mit einem Lächeln und sagte: „Die Duchess ist leider ausgegangen.“

„Eigentlich möchte ich zu Lady St. Leger.“

„Lady St. Leger begleitet die Duchess.“

„Wie schade. Ich hätte mich vorher erkundigen sollen“, sagte Lilah enttäuscht.

„Vielleicht möchten Sie stattdessen den Herzog sprechen oder …“

„Nein, ich lasse einfach das hier da“, begann Lilah und wollte dem Butler das Buch reichen.

In dem Augenblick kam Con leichtfüßig die Treppe herunter. „Miss Holcutt.“ Er grinste. „Die Damen sind alle ausgegangen. Sie werden wohl leider mit mir vorliebnehmen müssen.“ Er wandte sich an den Butler. „Jetzt wäre etwas Tee angebracht.“

„Natürlich, Sir.“

„Nein!“, protestierte Lilah, als der Butler gegangen war. „Ich darf nicht bleiben. Ich wollte in die Buchhandlung, und dann ist mir eingefallen, dass Olivia – ich meine, Lady St. Leger – Interesse an einem meiner Bücher bekundet hat.“ Lilah merkte, dass sie zu plappern begonnen hatte, und presste die Lippen aufeinander. Es ärgerte sie, dass sie so nervös und verlegen war, während ihn die Begegnung völlig kaltzulassen schien.

„Das klingt nach Livvy.“ Con nahm das Buch entgegen. „Ah, Wilkie Collins. Ja, das wird sie gern lesen.“

„Sie hat gesagt, dass sie seine Romane besonders gern lese, diesen hier aber noch nicht kenne.“

„Bitte, setzen Sie sich doch.“ Ohne zu fragen, nahm er sie beim Arm und führte sie in den Salon. „Außer Anna haben alle Frauen das Haus verlassen. Anna hatte eine ihrer schrecklichen Migräneattacken und musste zu Hause bleiben.“

„Tut mir leid.“ Lilah widerstand dem Drang, sich auf seine Einladung hin zu setzen. Es gab keinen Grund zu bleiben. Sie hatte erledigt, wozu sie gekommen war. Sie sollte sich nicht zu einem Tête-à-Tête mit einem Mann niederlassen. Und doch blieb sie. „Sind sie einkaufen gegangen?“

Con lachte laut auf. „Nein, Mutter hat sie auf eine ihrer Veranstaltungen zum Frauenwahlrecht mitgenommen. Sie halten einen Protest vor Edmond Edmingtons Haus ab.“

„Edmond Edmington?“ Lilah konnte das Lächeln nicht unterdrücken.

„Ja, seine Eltern mochten poetische Anwandlungen gehabt haben, aber nicht viel Fantasie. Setzen Sie sich doch, Miss Holcutt. Smeggars wird am Boden zerstört sein, wenn Sie nicht zu Tee und Petit Fours bleiben. Er versucht immer, Mutters Treffen zu kleinen Gesellschaften umzufunktionieren, hat aber wenig Erfolg damit.“

„Nein, ich sollte gehen. Ich war nur …“ Sie deutete auf die Tür, tat einen Schritt rückwärts.

„Auf dem Weg zur Buchhandlung. Ja, ich weiß.“ Seine Augen funkelten. „Kommen Sie schon, Lilah, ich werde keine unerwünschten Annäherungsversuche unternehmen … nicht wenn Smeggars hier herumschleicht.“

Und wenn sie nicht unerwünscht sind, dachte sie und errötete dann. „Natürlich machen Sie wieder Witze darüber.“

„Worüber?“, fragte er unschuldig und rückte näher.

„Das wissen Sie ganz genau“, erwiderte sie mit finsterer Miene. „Was wir … neulich auf der Terrasse.“

„Ah.“ Er beugte sich vor und kam ihr sehr viel näher, als es sich ziemte. „Sie meinen, als wir uns unterhalten haben?“ Er riss in gespieltem Entsetzen die Augen auf. „Ohne Anstandsdame.“

„Ja.“ Das Wort kam als Flüstern heraus, und sie räusperte sich irritiert. Mit fester Stimme fuhr sie fort: „Nein, ich meine, es war mehr als das. Wir haben uns beinahe … beinahe …“

„Ja?“ Der Schalk blitzte ihm aus den Augen. „Wir haben uns beinahe …“

Sie hatte gewusst, dass er sie aufziehen würde. Sie hätte nicht herkommen sollen. „Ach, hören Sie auf. Lassen Sie mich einfach in Ruhe.“

„Natürlich.“ Er seufzte und trat zurück. Genau das hatte sie gewollt, doch nun fühlte sie sich durch sein leichtes Nachgeben absurderweise von ihm im Stich gelassen. Lilah schöpfte Atem, um sich zu verabschieden, wurde aber unterbrochen von einem Schrei, der von oben kam. „Reed! Hilfe!“

„Anna!“ Con rannte aus dem Zimmer.

Lilah folgte ihm. Als sie die Treppe erreichte, war Con schon halb hinaufgerannt zu seiner Schwägerin, die totenbleich oben stand.

„Sie wurden entführt!“, rief Anna. „Du musst sie retten.“

Nach dieser Botschaft brach sie zusammen. Con bekam sie zu fassen und setzte sie vorsichtig auf der Treppe ab. „Hier, nimm den Kopf zwischen die Knie. Atme. Ganz langsam.“

Vom Korridor dröhnten Schritte, und dann kam Reed angestürmt, fast genauso bleich wie seine Frau. „Anna! Was ist passiert? Was ist los?“

Er sprang die Treppe hinauf und zog seine Frau in die Arme. Con trat einen Schritt zurück. „Reed, sie hat gesagt … ich glaube, sie hat wieder eine ihrer Visionen.“

Eine ihrer Visionen?

Reed schien Cons Bemerkung nicht zu schockieren. Er fluchte nur und strich Anna weiter über den Rücken. „Schon gut, mein Schatz. Alles ist gut.“

„Nein!“ Anna rückte von ihm ab. Sie hatte wieder etwas Farbe angenommen, und ihr Blick war nicht länger wild, doch sie war offensichtlich verzweifelt. „Du musst sie finden. Du musst …“

„Wen?“, fragte Con. Seine Stimme war scharf. Lilah sah, dass sich sein Körper angespannt hatte, bereit zum Sprung. „Wer ist in Schwierigkeiten, Anna?“

„Alle!“ Ihr Blick wanderte von ihrem Ehemann zu Con und wieder zurück. „Die Duchess. Kyria. Olivia. Sie alle. Sie sind entführt worden!“

4. KAPITEL

Con wirbelte herum und rannte aus dem Haus. Lilah folgte ihm auf dem Fuß. Er hielt eine Droschke an und sprang hinein, noch bevor sie richtig zum Stehen gekommen war. Lilah kletterte nach ihm hinein. Con warf ihr einen Blick zu, und einen Moment befürchtete Lilah schon, er würde gegen ihre Anwesenheit Einwände erheben, doch dann drehte er sich nur um und rief dem Kutscher eine Adresse zu.

Er sah vollkommen anders aus als sonst, sein Blick war so wild, wie er sonst fröhlich war, seine Miene grimmig und entschlossen, sein Körper angespannt. Vor zwei Monaten hatte er dieselbe Verwandlung durchgemacht, als er losgestürmt war, um seinen Zwilling zu befreien.

Lilah hätte ihn gern auf Annas bizarre Äußerung angesprochen. Anna schien von allen Morelands die ruhigste zu sein, doch etwas Verrückteres als ihren starren Blick und ihre erschreckenden Worte konnte es wohl kaum geben. Und trotzdem wirkten Con und sein Bruder Reed zwar beunruhigt, aber nicht überrascht. Außerdem war offensichtlich, dass Con ihr glaubte und sofort zu seiner Mutter und seinen Schwestern eilte.

Aber das war doch absurd. Oder etwa nicht? Anna konnte doch nicht wirklich etwas gesehen haben, was an einem anderen Ort passiert war. Zweifellos würden sie an ihrem Ziel ankommen und die Frauen unversehrt vorfinden und genau dort, wo sie sein sollten. Sie alle würden darüber lachen. „Anna muss einen Albtraum gehabt haben. Das war die Migräne. Wenn man krank ist, hat man oft seltsame Träume.“

Con schüttelte den Kopf. „Sie hat es gesehen.“

Das war natürlich Unsinn, aber sie wollte nicht widersprechen, nachdem er sich offenbar große Sorgen machte. „Warum sollte irgendwer einer Duchess etwas zuleide tun wollen?“

Er warf ihr einen vielsagenden Blick zu.

„Nun ja, schon möglich, dass die Duchess im Lauf der Jahre eine ganze Menge Leute gegen sich aufgebracht hat, aber doch sicher nicht so sehr, dass sie ihr etwas antun wollten.“ Lilah runzelte die Stirn. „Glauben Sie, dass die Polizei die Frauenrechtlerinnen verhaftet hat? Nur weil sie vor irgendjemandes Haus standen?“ Sie merkte, dass sie nun schon ebenfalls so redete, als wäre es tatsächlich passiert.

„Weiß der Himmel, was sie getan haben. Aber nein, ich glaube nicht, dass es die Polizei war“, erwiderte er grimmig.

Die Droschke hatte erst ein ziemliches Tempo vorgelegt, kam aber abrupt zum Stehen, nachdem sie um eine Ecke gebogen waren. Durchs Fenster sah Lilah eine Gruppe Frauen, die vor einem eleganten Stadthaus umherliefen. Hier und da lagen Schilder auf der Erde, und alle redeten aufgeregt durcheinander. Ein Polizist debattierte mit einer Frau, ein paar andere Frauen standen um etwas herum, das auf dem Gehsteig lag. War das eine Leiche?

Con stieß einen Fluch aus, riss den Schlag auf und lief zum Konstabler. Lilah schaute noch einmal schnell in die Runde, ehe sie aus der Kutsche stieg. Die Moreland-Frauen waren nirgends zu sehen.

„Heda, Sie!“, rief der Kutscher, als Con abrupt verschwand, ohne ihn zu bezahlen.

„Warten Sie hier“, befahl Lilah energisch. Sobald Con seine Familie gefunden hätte, würden sie ein Transportmittel für den Rückweg brauchen.

Beim Konstabler holte sie Con ein, der den Mann mit Fragen bestürmte. „Was zum Teufel ist hier passiert? Wo ist die Duchess?“

„W…wer? Ich weiß nicht, Sir! Ich bin eben erst gekommen.“

Die Frau, die mit dem Konstabler geredet hatte, eine kräftig gebaute Dame in Reformkleidung, stieß ein Schnauben aus. „Sie kämen besser zurecht, wenn Sie versuchen würden zuzuhören, junger Mann.“

„Mrs. Ellerby.“ Con stellte sich neben die Frau.

„Lord Moreland! Dem Himmel sei Dank, dass Sie hier sind. Sie haben uns angegriffen!“

„Wer?“

„Die Polizei wahrscheinlich.“ Sie durchbohrte den bedauernswerten Polizisten mit einem Blick, worauf dieser zu einer stotternden Verteidigungsrede ansetzte.

„Nein, es waren keine Uniformierten zu sehen“, warf eine andere Frau ein.

„Es war ein Schlägertrupp, ich hab es genau gesehen. Ganz in Schwarz und alle maskiert.“

„Oh, Ernestine, das ist doch Unsinn“, erklärte Mrs. Ellerby. „Keiner trug Masken, sie hatten nur die Mützen tief in die Stirn gezogen, sodass man die Gesichter kaum sehen konnte.“

„Genauso gut hätten es auch Masken sein können.“

„Mrs. Ellerby“, stieß Con zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, „wo ist meine Mutter?“

„Weg! Die sind einfach hergefahren, aus der Kutsche gesprungen und haben sie sich geschnappt. Die Duchess und die Mädchen, alle – mit Ausnahme von Lady Raine.“ Sie wies auf die Frauen, die sich über etwas auf dem Bürgersteig beugten.

„Megan!“ Con wurde bleich und fuhr herum.

Es war tatsächlich eine Frauengestalt auf dem Boden. Lilah stockte der Atem, und sie eilte Con hinterher. Die Frauen traten beiseite und gaben den Blick frei auf die Frau auf dem Boden. Es war Megan, aber sie setzte sich gerade auf.

„Gott sei Dank, Megan.“ Con hob Megan auf und setzte sie auf dem Mäuerchen ab, das das Stadthaus umgab. Er hockte sich vor sie hin und sah sie an. „Geht es dir gut?“

„Natürlich geht es ihr nicht gut.“ Lilah setzte sich neben Megan. „Warum sagen die Leute das immer?“

Megans Kleid war voll Staub und Schmutz. Auf ihrer Wange war ein großer roter Fleck zu sehen, das Fleisch darum war geschwollen. Die andere Gesichtshälfte war zerkratzt und schmutzig. Ihr Hut war davongerutscht, wurde kaum noch von der langen Hutnadel gehalten, und das rotbraune Haar hing ihr in Strähnen herab. Ihr Blick war so glasig, dass es Lilah beunruhigte. Sie zog ihr Taschentuch heraus und begann sanft, Megan das Gesicht zu säubern.

„Megan.“ Con ergriff ihre Hand. „Sag etwas. Irgendetwas. Von mir aus auch, dass ich still sein soll.“

Das entlockte Megan ein schwaches Lächeln. „Es geht mir gut.“

Sie räusperte sich und richtete sich auf. „Wirklich. Ich … ich bin nur ein wenig benommen. Ich glaube, ich habe mir den Kopf angeschlagen.“ Sie deutete auf ihren Hinterkopf.

Lilah reckte sich, um ihn sich anzusehen, und stieß ein Keuchen aus. „Con! Ihr Haar ist ganz blutig.“

Sofort war Con auf den Beinen und beugte sich über Megan. Er zog ein blütenweißes Taschentuch aus der Tasche und drückte es sanft auf Megans Wunde. Ebenso sanft fragte er: „Was ist passiert, Megan?“

„Ich habe jemanden schreien hören und mich umgedreht. Und dann habe ich die Männer gesehen – sie hatten Kyria gepackt, und die anderen wollten sie alle aufhalten. Ich bin auch hingelaufen, um zu helfen, war aber noch zu weit weg, und so habe ich Steine genommen und damit nach dem Mann geworfen, gegen den Thisbe gerade ankämpfte. Olivia hat versucht, Kyria zu befreien. Und dann hat er sich auf mich gestürzt und hat mich geschlagen.“

Lilah sah den Zorn in Cons Blick, doch seine Stimme war ganz ruhig. „Er hat dich niedergeschlagen?“

Megan nickte und zuckte dann zusammen. „Ja. Ich bin hingefallen. Danach kann ich mich an nichts mehr erinnern. Ich muss mir wohl den Kopf angeschlagen haben. Als ich aufgewacht bin, lag ich auf dem Boden, und Miss Withers hier hat sich über mich gebeugt.“

Con sah die anderen Frauen an. „Was ist danach passiert?“

„Diese Männer haben sie in die Kutsche geworfen und sind davongefahren. Sie waren weg, ehe auch nur eine von uns einen Muskel rühren konnte. Es tut mir so leid.“ Miss Withers stiegen die Tränen in die Augen. „Ich war zu gar nichts nutze.“

„In welche Richtung sind sie gefahren?“

„Da entlang.“ Sie deutete in eine Seitenstraße.

„An der ersten Kreuzung sind sie links abgebogen“, meinte eine andere Frau. „Dann waren sie nicht mehr zu sehen.“

Con schob Lilah das Taschentuch in die Hand und rannte los.

„Er wird sie nicht mehr sehen. Bestimmt sind sie längst über alle Berge.“ Lilah sah Con nach, während sie das Taschentuch an Megans Hinterkopf drückte.

„Das wird ihn nicht davon abhalten, es zu versuchen“, erwiderte Megan mit einer Spur Belustigung in der Stimme. Lilah sah ihr in die Augen und stellte fest, dass ihr Blick nun klarer war.

Con blieb am Ende des Straßenblocks stehen und stand lange da und starrte nach links, bevor er zu ihnen zurückkehrte. Mit Lilahs Hilfe erhob Megan sich.

Con trat ihnen mit gerecktem Kinn und blitzenden Augen entgegen. „Lilah, bringen Sie Megan nach Hause. Ich fahre ihnen nach.“

„Wie wollen Sie das denn tun?“, fragte Lilah. „Sie wissen doch nicht, wohin sie sich gewandt haben.“

„Ich finde es schon raus.“

„Das klingt hervorragend“, versetzte Lilah forsch, nahm Megan beim Ellbogen und wandte sich zur Kutsche. „Suchen Sie sich einen Wagen und fahren ungefähr in die Richtung, die diese Leute vor einer Weile eingeschlagen haben. Ohne weiter zu planen, ohne Informationen einzuholen, ohne zu wissen, was der Duke oder die anderen Ehemänner davon halten oder warum Ihre Mutter und Schwestern entführt wurden. Sie werden sicher großen Erfolg haben.“

Megan neben ihr kicherte. Con machte ein frustriertes Gesicht, aber er hob Megan hoch, ging mit ihr zu der wartenden Droschke und sagte verärgert: „Ja, ich weiß. Ich bin unbesonnen und hitzig, während Sie natürlich logisch und vernünftig sind und immer recht haben.“

Die Kutsche fuhr los, sobald sie alle saßen. Con lehnte sich mit verschränkten Armen in die Polster zurück und war bald in Gedanken versunken. Der Fahrer legte ein so hohes Tempo vor, dass Megan zusammenzuckte, als sie über das Kopfsteinpflaster ratterten, aber sie protestierte nicht. Als sie am Haus ankamen, gab Megan Con das blutige Taschentuch zurück und bestand darauf, ohne Hilfe ins Haus zu gehen.

„Du wirst mich nicht wie eine Invalidin hineintragen. Theo wird mich behandeln, als hätte mein letztes Stündlein geschlagen.“

In der Eingangshalle trafen sie auf einen völlig verstörten Smeggars. Er begrüßte sie freudig und dirigierte sie zum Sultanzimmer. Schon bevor sie den Raum erreicht hatten, hörte Lilah die aufgeregten männlichen Stimmen. Das Zimmer selbst schien voller großer Männer – sie standen, liefen auf und ab, debattierten, schauten grimmig.

Der Butler, der sich in jahrelangem Dienst darin geübt hatte, sich bei den Morelands Gehör zu verschaffen, trat ein und verkündete großartig: „Meine Herren! Die Marchioness of Raine.“

Sofort trat Schweigen ein, und alle fuhren herum, um Megan anzustarren, die flankiert wurde von Lilah und Con.

„Gott sei Dank!“ Theo durchquerte den Raum mit zwei Schritten und zog seine Frau in die Arme, drückte sie dabei so fest, dass sie einen Protestschrei ausstieß.

„Was ist passiert, Con? Was ist los?“ Reed trat vor. Erst jetzt sah Lilah, dass seine Frau Anna ebenfalls im Raum war. Sie saß an der Wand, immer noch bleich und mit besorgter Miene.

Während Theo sich mit den Verletzungen befasste, die seine Frau davongetragen hatte, bombardierten die anderen Männer Con mit ihren Fragen. Lilah überließ ihn ihren Fragen und ging zu Anna. „Wie geht es Ihnen?“

Die andere Frau rang sich ein Lächeln ab. „Besser. Die Kopfschmerzen sind verschwunden. Aber nach einem Migräneanfall bin ich immer sehr erschöpft.“

„Vielleicht sollten Sie sich hinlegen.“

„Danke, aber es geht schon. Ich könnte kein Auge zutun, solange ich weiß, dass sie noch irgendwo da draußen sind. Ich fühle mich so schrecklich, weil ich sie nicht begleitet habe. Wenn ich nur früher erkannt hätte …“

„Sie dürfen sich keine Vorwürfe machen. Wenn Sie dabei gewesen wären, wie hätten Sie es dann verhindern sollen? Es ist viel besser, dass Sie und Megan nicht auch noch verschwunden sind.“

„Sie haben zweifellos recht. Erzählen Sie doch, was passiert ist. Sie haben nur Megan gefunden?“

Lilah berichtete, was sie entdeckt und unternommen hatten, und das weitaus schneller und geordneter, als es Con im Kreis der zornigen, verzweifelten Männer gelang. Glücklicherweise rollte Smeggars in diesem Moment den Teewagen herein, inklusive Jodtinktur und Verbandszeug für Megans Verletzungen.

„Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, Tee zu trinken“, protestierte Kyrias Ehemann Rafe McIntyre.

„O nein, Sir, ich glaube, Sie werden feststellen, dass jetzt genau der richtige Zeitpunkt ist.“ Smeggars lächelte wohlwollend.

„Ja, ja, Sie haben recht, Smeggars, wie üblich“, stimmte der Duke zu. „Auf diese Weise erreichen wir gar nichts. Setzen wir uns in Ruhe zusammen und überlegen wir. Es muss doch einen Ausweg geben. Sie werden meinen Mädchen nichts tun.“

Rafe begann Einwände zu erheben, doch Stephen St. Leger legte ihm eine Hand auf die Schulter und schickte einen bedeutsamen Blick auf den Herzog. Rafe nickte und gab nach.

„Du hast recht“, sagte Stephen. „Wir sollten jetzt nicht in Panik geraten. Genau das wollen sie doch – uns so aus der Fassung bringen, dass wir nicht mehr wissen, wo oben und unten ist.“

Während Smeggars den Tee servierte, rutschte Onkel Bellard auf seinem Stuhl nach vorn und blickte Megan auf seine mild...

Autor

Candace Camp
Bereits seit über 20 Jahren schreibt die US-amerikanische Autorin Candace Camp Romane. Zudem veröffentlichte sie zahlreiche Romances unter Pseudonymen. Insgesamt sind bisher 43 Liebesromane unter vier Namen von Candace Camp erschienen. Ihren ersten Roman schrieb sie unter dem Pseudonym Lisa Gregory, er wurde im Jahr 1978 veröffentlicht. Weitere Pseudonyme sind...
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