Entführung nach Gretna Green

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Bei allen Höllenhunden der Highlands! Als schottischer Ehrenmann wird Gregor MacLean nicht zulassen, dass der Ruf seiner Jugendfreundin Venetia geschädigt wird! Zum Glück erwischt er sie und den Mann, der sie entführt hat, in einem Gasthaus. Aber keineswegs dankbar oder gar demütig empfängt sie ihn, sondern herausfordernd und voller Widerspruchsgeist. Verwundert fragt Gregor sich: Warum ist ihm ihre Schönheit noch nie zuvor aufgefallen? Ihr üppiger Mund, zum Küssen wie geschaffen Er will Venetia für sich! Doch nicht einmal seine sinnlichen Küsse können sie überzeugen, mit ihm die Flucht ins Glück nach Greta Green anzutreten ...
  • Erscheinungstag 01.03.2019
  • ISBN / Artikelnummer 9783733739690
  • Seitenanzahl 256
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Ja, ich glaube an den MacLean-Fluch. Hättet ihr, so wie ich, an einem klaren Sommermorgen den blendend hellen Blitz gesehen und das Donnergrollen über MacLean Castle gehört, würdet ihr auch an den Fluch glauben …

… so sprach die alte Heilerin Nora von Loch Lomond in einer kalten Nacht zu ihren drei jungen Enkelinnen.

Verdammt! Bentley! Wo sind Sie?“

Der laute Ruf gellte durch die Morgenluft. Mühelos übertönte er das Hufgetrappel der Pferde und die knirschenden Räder der Kutschen, die sich um diese Zeit in Mayfair, Londons elegantestem Stadtteil, in Bewegung setzten.

Erschrocken trat Gregor MacLean von der mit kunstvollen Ornamenten verzierten Tür von Oglivie House zurück und schaute hinauf zu dem offenen Fenster im dritten Stock.

Es war viel zu früh am Tag für ein Drama größeren Ausmaßes. Jedenfalls wäre es in den meisten Häusern zu früh gewesen. In Oglivie House jedoch wurde keine Tageszeit als unpassend für dramatische Auftritte angesehen.

Gregor unterdrückte einen ungeduldigen Seufzer, trat wieder vor die Tür und betätigte entschlossen den Klopfer. Die Oglivies waren ziemlich töricht, äußerst gefühlsbetont und extrem reizbar. Nichts und niemand außer Venetia, ihrer einzigen Tochter, hätte ihn dazu bringen können, ihre Schwelle zu überschreiten. Ruhig, gelassen, von unbezwingbarer Logik, ließ sich Venetia nur höchst selten zu unziemlichen Temperamentsausbrüchen hinreißen und bildete daher einen rühmlichen Kontrast zu ihren Eltern, die für ihre traurige Veranlagung bekannt waren. Tatsächlich hatte Gregor in all den Jahren seiner Freundschaft mit Venetia nur einen einzigen Schwachpunkt an ihr entdecken können: den Hang, sich allzu sehr in das Leben anderer Menschen einzumischen.

„Bentley!“ Mr Oglivies Stimme hallte noch lauter als zuvor durchs Haus, und am Ende seines Ausrufs war nun zusätzlich noch ein unterdrücktes Schluchzen zu vernehmen.

Gregor klopfte erneut an die Tür. Je rascher es ihm gelang, Venetia wie verabredet zu ihrem gemeinsamen morgendlichen Ausritt abzuholen, umso schneller konnte er das Irrenhaus, in dem sie leider lebte, wieder verlassen.

Die Haustür wurde aufgerissen, und der normalerweise äußerst gelassene Butler stieß einen erleichterten Seufzer aus. „Mylord, ich bin so froh … Sie können sich gar nicht vorstellen … Es war ein entsetzlicher Morgen und …“

Ohne sich weiter um den fassungslosen Butler zu kümmern, trat Gregor durch die Tür. In Oglivie House führten solche Nebensächlichkeiten wie die Kündigung des Kochs oder ein verloren gegangenes Armband zu Szenen, die einem Bühnendrama glichen, in dem selbstverständlich auch wilde Beschimpfungen, lautes Geschrei, gegenseitige Anschuldigungen und Weinkrämpfe vorkamen. Dank langjähriger Erfahrung wusste Gregor, der beste Weg, mit solchen Auftritten umzugehen, war, sie zu ignorieren. „Ich bin gekommen, um MissVenetia zu unserem Morgenritt abzuholen. Sie ist fertig, nehme ich an?“

Von oben war ein dumpfer Knall zu hören, der den Kronleuchter in der Halle zum Klirren brachte.

Mit finsterem Blick schaute Gregor in Richtung Treppe, bevor er sich unbehaglich erkundigte: „Erwartet Miss Venetia mich im Frühstückszimmer? Wir sollten uns beeilen, damit wir im Park sind, bevor die Dandys aus den Betten steigen und die Wege verstopfen.“

Bentley zog die Brauen zusammen. „Aber Mylord, Miss Oglivie ist nicht …“

Dieses Mal ertönte von oben ein lautes Krachen, gefolgt von einem unmissverständlichen Schrei: „Bentley! Lassen Sie die Kutsche vorfahren!“

Gregor warf Bentley einen strengen Blick zu. „Was haben Sie eben über Miss Oglivie gesagt?“

Die Augen des Butlers flackerten unruhig. „Sie ist verschwunden, Mylord, und wir wissen nicht, wo wir sie suchen sollen.“

„Was?“ Gregor stieß das Wort so heftig hervor, dass es durch die Luft zu rollen schien.

Der Butler rang die Hände. „Ja, Mylord. Offenbar hat Miss Oglivie das Haus sehr früh am Morgen verlassen, und niemand weiß, wohin sie gegangen ist.“ Nach einem vorsorglichen Blick in Richtung Treppe beugte Bentley sich vor und fügte mit leiser Stimme hinzu: „Sie hat eine Nachricht für Mr Oglivie hinterlassen, und seit er sie gelesen hat, ist er furchtbar aufgebracht.“

„Wissen Sie, was in dem Brief stand?“

Bedauernd schüttelte Bentley den Kopf.

Wie seltsam. Es sah Venetia gar nicht ähnlich, so etwas zu tun …

Oben wurde eine Tür ins Schloss geworfen, dann erschien Mr Oglivie auf dem Treppenabsatz und rannte die Stufen hinunter. Normalerweise war er ein höchst eleganter Mann, doch an diesem Morgen trug er ein langes weißes Nachthemd, sein offener Morgenmantel flatterte wild um ihn herum, er war barfuß, und sein Haar lugte als weißer, ungeordneter Mopp unter der im Rutschen begriffenen Nachtmütze hervor.

„Bentley!“, schrie Oglivie und schwenkte einen zerknüllten Zettel über seinem Kopf. „Haben Sie mich nicht gehört? Wir müssen … Venetia kann nicht … Vielleicht hat sie schon … Oh, nein!“ Seine Stimme brach, er sank auf die unterste Stufe und hielt mit beiden Händen seinen Kopf. „Was sollen wir tun? Was sollen wir nur tun?“

Ungerührt betrachtete Gregor Venetias Vater. Vor einiger Zeit hatte Oglivie eine Woche lang gramgebeugt im Bett gelegen, weil seine preisgekrönte Pudeldame verschwunden war. Er war der Überzeugung gewesen, man habe den Hund entführt, um ein Lösegeld zu erpressen. Natürlich war das Tier nach einer Woche wieder aufgetaucht, schmutzig und zerzaust, aber glücklich, nachdem es sich mit einer dreibeinigen Promenadenmischung vergnügt hatte. Die Welpen, die aus dieser Affäre entstanden waren, waren so hässlich, wie es zu erwarten gewesen war.

Venetias Mutter war aus demselben Holz geschnitzt. Sie pflegte Dienstboten nach Lust und Laune zu entlassen, glaubte jedes Mal, sie müsste sterben, wenn sie Kopfschmerzen hatte, war dem Selbstmord nahe, wenn jemand aus ihrem Bekanntenkreis sie versehentlich auf der Straße übersah und nicht grüßte, und machte ein riesiges Drama daraus, wenn ihr Hut einmal schief saß.

Gregor hatte unzähligen Szenen dieser Art beigewohnt, und keine davon war ihm jemals unter die Haut gegangen. Warum sollte er Energie auf etwas verschwenden, bei dem es sich lediglich um Gefühle handelte? Solche Dinge klärten sich meistens irgendwie, ohne dass jemand eingriff.

Trotz Mr Oglivies erbärmlichem Geschluchze bezweifelte Gregor, dass Venetia sich tatsächlich in Gefahr befand. Höchstwahrscheinlich hatte sie einfach nur ihre Verabredung zu einem gemeinsamen Morgenritt mit ihm vergessen und war spazieren gegangen. Wenn sie zurückkam, würde sie ihm eine Nachricht schicken, und alles würde wieder in bester Ordnung sein.

Was auch immer in Wahrheit passiert war, Gregor fand, dass es an der Zeit war zu gehen. „Mr Oglivie, ich verabschiede mich nun. Offensichtlich brauchen Sie in Ihrem Elend Ruhe, also werde ich mich empfehlen …“

„Nein!“ Flehend streckte Venetias Vater ihm die Hand entgegen. „Lord MacLean! Ich bitte Sie – um Venetias willen, wenn nicht um meinetwillen! Sie ist …“ Er schluckte heftig, als wären ihm die Worte im Hals stecken geblieben, gleichzeitig suchte er verzweifelt Gregors Blick.

„Bitte“, stieß der ältere Mann mit dünner, brüchiger Stimme hervor, während sich seine Augen mit Tränen füllten. „Bitte helfen Sie mir, sie zu finden.“

Etwas in Oglivies Gesicht ließ das Blut in Gregors Adern gefrieren. Im Blick von Venetias Vater lag nackte Angst.

Es überlief Gregor heiß und kalt, und er fuhr Oglivie an: „Was ist passiert?“

„Sie ist … Sie hat …“ Wieder bedeckte Oglivie sein Gesicht mit den Händen, und ein lautes Schluchzen stieg zur Decke auf.

Gregor ballte die Hände zu Fäusten. Draußen rollten unvermittelt Donner durch die Luft, und der Wind rüttelte an den Fensterläden. Die Absätze seiner Stiefel klangen hart auf dem Marmorboden, als er sich auf die Treppe zubewegte. Direkt vor dem älteren Mann blieb er stehen. „Was ist mit Venetia, Oglivie?“

Mr Oglivie hob den Kopf. „Sie ist fort, MacLean! Entführt! Und alles meinetwegen!“

Die wenigen Sätze hingen bedrohlich in der Luft und verbreiteten eiskalte Angst. Abermals erhob sich vor den Fenstern der Wind, noch wilder und kälter als zuvor pfiff er durch die Ritzen der geschlossenen Tür und strich eisig über den Fußboden, wobei er den Saum von Lord Oglivies Nachthemd kräuselte.

„Wie können Sie schuld daran sein?“

Oglivies Lippen zitterten. „Weil er … er hat mir gesagt, dass er mit Venetia davonlaufen wird und ich … Ich habe ihn dazu ermutigt, weil ich dachte, sie würde es romantisch finden. Nicht eine Sekunde habe ich geglaubt, er würde es ohne ihr Wissen tun. Ich dachte …“

„Wie lautet sein Name?“ Gregors Kiefer war so verkrampft, dass es schmerzte, die Worte hervorzustoßen.

„Ravenscroft.“

Vor Gregors innerem Auge tauchte das Bild eines jungen Mannes mit fliehendem Kinn und übereifrigem Gehabe auf. „Dieser Weichling? Den haben Sie ermutigt?“

Oglivie lief puterrot an. „Er schien mir höchst angetan von Venetia zu sein, und sie war immer sehr nett zu ihm …“

„Sie ist zu jedem nett.“ Gregors Blick fiel auf den Zettel, den Oglivie immer noch in der Hand hielt. „Ist das von Venetia?“

Mit Tränen in den Augen reichte Oglivie ihm den Brief.

Gregor überflog ihn.

„Verstehen Sie doch, MacLean. Lord Ravenscroft hatte den Wunsch, sie zu heiraten, aber sie ist so schüchtern, und …“ Oglivies zitternde Stimme brach, und er war nicht fähig weiterzusprechen.

Wütend zerknüllte Gregor den Brief. „Zur Hölle mit dem Kerl!“ Der Brief war in Venetias unverkennbarer geschwungener Handschrift geschrieben. Er enthielt lediglich die Mitteilung, sie begleite Ravenscroft nach Sterling, um nach ihrer Mutter zu sehen, wie diese es gewünscht habe. Der Tölpel hatte Venetia anscheinend weisgemacht, ihre Mutter sei krank.

Mit zitternder Hand wischte sich Mr Oglivie über die Augen. „Ich kann nicht glauben, dass er so etwas getan hat. Ich dachte, er sei ein anständiger, zuverlässiger …“

Doch Gregor hatte sich bereits auf dem Absatz umgedreht und war auf dem Weg zur Tür.

„MacLean!“ Oglivie sprang auf und folgte Gregor bis zur Türschwelle, ohne zu bemerken, dass inzwischen ein eisiger Wind um die Hausecken fegte, obwohl es vor einer Stunde noch klar und frühlingshaft gewesen war. In dem Moment, in dem Oglivie ins Freie trat, riss ihm eine Böe die Nachtmütze vom Kopf und wirbelte sie die Straße hinunter. Vor Kälte zitternd rief er gegen das Heulen des Windes an: „MacLean, wo gehen Sie hin?“

„Ich gehe Ihre Tochter suchen.“ Gregor nahm dem wartenden Diener die Zügel seines Pferdes aus der Hand und sprang in den Sattel.

„Aber wie und wo? Sie wissen doch gar nicht, wo Sie anfangen sollen!“

„Ich habe gehört, dass Ravenscroft in der St. James Street wohnt. Dort werde ich mit der Suche beginnen.“

„Aber wenn Sie sie finden? Was werden Sie dann tun?“

„Ich werde tun, was auch immer ich tun muss“, verkündete Gregor mit grimmigem Gesicht. „In der Zwischenzeit warten Sie hier und halten Ihren Mund. Bis jetzt weiß niemand, dass sie fort ist.“

„Aber …“

„Schweigen, Oglivie. Damit sollten Sie genug zu tun haben, bis ich zurück bin.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, wendete Gregor sein Pferd und galoppierte davon.

Oglivie schützte sich mit seinen vor der Brust verschränkten Armen vor dem eiskalten Wind, während er dastand und mit unverwandtem Blick dem rasch entschwindenden MacLean hinterhersah. „Was habe ich getan?“, flüsterte er, während ihm erneut Tränen über die Wangen liefen. „Venetia, geliebte Tochter, wo bist du?“

Viele Meilen entfernt, raste eine Mietkutsche über eine von tiefen Radspuren durchzogene Straße. In dem Wagen saß der junge Lord Ravenscroft und presste seine verwundete Hand gegen seine Brust. „Sie haben mich geschnitten! Ich blute wie ein abgestochenes Schwein!“

„Übertreiben Sie nicht so maßlos.“ Während sie auf dem Sitz der dahinholpernden Kutsche herumgeworfen wurde, zog Miss Venetia Oglivie ihr Taschentuch aus ihrem Retikül und wischte damit die Nadel ihrer mit Perlen besetzten Silberbrosche ab. „Ich habe Sie nicht geschnitten. Da ich allerdings ein Messer besitze, könnte ich durchaus in Versuchung geraten, mehr zu tun, als Ihnen mit der Nadel meiner Brosche in die Hand zu stechen.“

Ravenscroft schob sich einen Fingerknöchel in den Mund. „Womit auch immer Sie mich verletzt haben, es bestand keine Notwendigkeit zu dieser blutrünstigen Tat.“

„Ich habe Sie gewarnt, sich nicht länger zum Narren zu machen.“

„Ich habe mich nicht zum Narren gemacht, ich habe nur gesagt, dass ich Sie liebe …“ Ravenscroft schnappte nach Luft, als Venetia erneut ihre Anstecknadel hob und ihn damit bedrohte wie mit einem Dolch.

Sie senkte die Nadel und seufzte. „Wirklich, Ravenscroft, dieses alberne Geschwafel ist nicht im Geringsten anziehend.“

„Albernes Geschwafel? Venetia! Wie können Sie sagen …“

„Für Sie immer noch Miss Oglivie“, berichtigte sie ihn mit strenger Stimme.

Ravenscroft rutschte auf dem Sitz so weit wie möglich von der blitzenden Nadel weg. „Sehen Sie, Vene…, ich meine, Miss Oglivie, ich … ich entschuldige mich, falls Sie der Meinung sind, dass es unpassend war, mich Ihnen zu erklären …“

„Es war höchst unpassend, ganz besonders unter diesen traurigen Umständen.“

Er blinzelte unsicher und klammerte sich an den Ledergriff am Wagendach, als die Kutsche über eine tiefe Fahrrinne holperte. „Traurige Umstände?“

Für einen langen Moment sah Venetia ihren Reisegefährten ernst an. „Haben Sie vergessen, warum wir in dieser mörderischen Geschwindigkeit auf dieser furchtbaren Straße unterwegs sind? Meine arme Mutter ist todkrank.“

„Ach ja. Das.“ Ravenscroft zerrte an seiner Krawatte, als wäre sie ihm plötzlich zu eng geworden. „Ihre Mutter. Ich hatte es nicht direkt vergessen, das würde ich niemals tun, aber ich war, äh, überwältigt … Ja! Die Leidenschaft überwältigte mich, und so vergaß ich Ihre Mutter.“ Hastig fügte er hinzu:

„Aber nur für einen kurzen Augenblick! Nun erinnere ich mich natürlich wieder, dass wir unterwegs zum Haus Ihrer Großmutter in Stirling sind.“

Venetia war nicht sonderlich überrascht von Ravenscrofts schlechtem Gedächtnis; er war nicht gerade der hellste Kopf weit und breit. Aber dennoch spürte sie, dass irgendetwas nicht stimmte. Sie kam bloß nicht darauf, was genau es war. „Vielleicht sollten wir beim nächsten Gasthof anhalten und Ihre Hand versorgen“, schlug sie vor.

Ravenscroft schüttelte heftig den Kopf. „Nein. Wir können nicht halten.“

Unter ihren halb geschlossenen Lidern hervor musterte sie ihn aufmerksam. „Warum nicht?“

„Weil … wir dann zu spät kommen. Und es ist viel sinnvoller, mit einer Rast bis zum Einbruch der Dunkelheit zu warten.“

Seine seltsamen Ausflüchte verstärkten Venetias Verdacht. Mit gerunzelter Stirn überlegte sie, dass sie genauer hätte nachfragen müssen, bevor sie mit ihm aufgebrochen war. Doch als Ravenscroft ins Frühstückszimmer geplatzt war und mit verzweifelter Miene einen Brief durch die Luft geschwenkt hatte, hatte sie überhaupt nicht nachgedacht. In der Handschrift ihres Vaters stand in dem Brief, dass sie augenblicklich mit Ravenscroft gehen sollte, um ihrer Mutter beizustehen, die ernsthaft erkrankt war.

Venetia, die daran gewöhnt war, dass ihre Mutter jedes Zipperlein als tödliche Krankheit ansah und ihr Vater eine ausgeprägte Fähigkeit besaß, jede Verantwortung auf andere abzuschieben, empfand die in dem Brief überbrachte Aufforderung als lästig, nicht aber als seltsam. Also tauschte sie ihr Reitkostüm gegen Reisekleidung, packte in aller Eile einen Handkoffer und schrieb hastig eine kurze Nachricht, in der sie ihrem Vater mitteilte, dass sie seiner Bitte nachkäme. Dann stieg sie in Ravenscrofts Kutsche.

Natürlich war es sinnlos, sich allzu viele Gedanken zu machen, bevor sie ihre Mutter mit eigenen Augen gesehen hatte. Zu dumm nur, dass die Aufgabe, sie zu begleiten, Ravenscroft übertragen worden war, dem neusten „Projekt“ ihres Vaters. Papa sah sich selber gern als Retter der Unterdrückten, was bedeutete, dass er von Zeit zu Zeit versuchte, einer armen, verlorenen Seele dabei zu helfen, in der gehobenen Gesellschaft Fuß zu fassen. Er nannte das sein „großes soziales Experiment“, Venetia war hingegen insgeheim der Meinung, dass der Hauptgrund für sein Engagement die Artigkeiten waren, die Ravenscroft voller Dankbarkeit großzügig über ihm ausschüttete.

Früh am Morgen, während sie in der dahinrasenden Kutsche London hinter sich ließen, hatte Venetia noch Mitleid für den armen Ravenscroft empfunden, der in die verrückten Zwischenfälle, die es in ihrer Familie ständig gab, hineingezogen worden war. Nachdem sie aber zwei Stunden in der Kutsche an seiner Seite verbracht hatte, waren ihr ernsthafte Zweifel an dem jungen Mann gekommen. Irgendetwas – sie war sich nicht ganz darüber im Klaren, um was genau es sich handelte – war nicht, wie es sein sollte. Er war äußerst nervös und streckte ständig den Kopf aus dem Fenster, als würde er befürchten, verfolgt zu werden.

Venetia besaß viele Eigenschaften, doch Dummheit gehörte nicht dazu. Sie versuchte, Ravenscroft darüber auszufragen, unter welchen Umständen es dazu gekommen war, dass ihr Vater ausgerechnet ihn beauftragt hatte, sie zu begleiten, während sie an die Seite ihrer Mutter eilte. Daraufhin stotterte und stammelte Ravenscroft so ein Durcheinander an Erklärungen und Entschuldigungen vor sich hin, dass sie Kopfschmerzen davon bekam.

Sie öffnete die Schlaufen des Ledervorhangs vor dem Fenster auf ihrer Seite der Kutsche, um nach draußen zu schauen. Sie fuhren viel zu schnell, um auch sicher zu reisen. Die Pferde waren bereits erschöpft, sodass sie bald anhalten mussten, um sie zu wechseln. Und wenn sie das taten, würde sie sich weigern weiterzufahren, bevor Ravenscroft ihre Fragen beantwortet hatte. Wenn er ihr die Antworten schuldig blieb, würde sie bei der Gastwirtin Schutz suchen und eine Nachricht nach London an ihren Vater schicken, mit der Bitte, sie abzuholen.

Nachdem sie diesen Plan gefasst hatte, hakte Venetia den Vorhang wieder zu, weil sie in dem kalten Wind, der durch die Ritzen des Fensters drang, bereits zitterte. Sie lehnte sich wieder in die Polster und warf Ravenscroft einen geringschätzigen Blick zu. Obwohl er bereits zweiundzwanzig Jahre alt war, wirkte er erheblich jünger. Er war dünn und bedauernswert kleinwüchsig, eine Tatsache, die er zu verbergen trachtete, indem er Wattepolster in den Schultern seiner Mäntel und hohe Absätze an seinen Reitstiefeln trug. Seine Augen waren von einem wässerigen Blau und sein Kinn kaum vorhanden, doch er machte seinen Mangel an gutem Aussehen und sicherem Auftreten durch enthusiastische Schmeicheleien wett – was auch der Grund dafür war, dass Venetias Vater ihn für unfehlbar hielt.

Als die Kutsche um eine Kurve schlingerte, klammerte Venetia sich am Rand ihres Sitzes fest. „Wir fahren viel zu schnell für diese schlechte Straße, Ravenscroft!“

„Ja, sicher, aber wenn wir schnell fahren, werden wir … schneller da sein.“

Bevor Venetia, die bei Ravenscrofts seltsamer Antwort die Stirn gerunzelt hatte, eine weitere Frage stellen konnte, schaukelte die Kutsche beim Überqueren einer besonders tiefen Fahrrinne so heftig, dass sie beide in die Höhe geschleudert wurden. Keuchend landete Venetia wieder auf dem Sitz. „Ravenscroft, wir fahren viel zu schnell!“

Er streckte ein Bein vor und stemmte den Fuß in die Ecke der Kutsche, um zu verhindern, dass er erneut in die Luft flog. „Wir können nicht langsamer fahren“, erklärte er im Ton eines trotzigen Kindes. „Ihre Mutter erwartet uns.“

„Wenn wir einen Unfall haben und uns überschlagen, kommen wir überhaupt nicht an!“

Ravenscroft zog die Mundwinkel nach unten, sagte aber nichts.

Missmutig zerrte Venetia an der Decke, die über ihrem Schoß ausgebreitet war. Von der unsanften Fahrt war sie inzwischen sicher grün und blau, sie war müde und fühlte sich völlig zerschlagen. Außerdem wurde es mit jeder Meile, die sie nach Norden fuhren, kälter, deutlich kälter. So kalt, dass sie plötzlich an Gregor denken musste.

Gregor. Verdammt, sie hatte ihm keine Nachricht hinterlassen! Inzwischen würde er in Oglivie House sein und sich wundern, wo sie war.

Mit geschlossenen Augen klammerte sich Venetia an den Rand ihres Sitzes, während die Kutsche schlingernd und ruckelnd dahinraste. Gregor MacLean war ihr bester Freund. Er kannte all ihre Schwächen und Fehler, ihre Vorlieben und ihre Enttäuschungen, und sie kannte seine. Sie vertraute seinem gesunden Menschenverstand. Was würde er ihr in der Situation raten, in der sie gerade war?

Wahrscheinlich würde er ihr eine gepfefferte Standpauke halten, weil sie so unüberlegt Ravenscrofts Hilfe angenommen und mit ihm losgefahren war. Gregor tat niemals etwas, nur um anderen zu helfen. Seiner egoistischen Meinung nach sollte sich jeder selbst helfen. Nur schwache Menschen brauchten Unterstützung.

Venetia hielt Gregors Sichtweise für ein wenig naiv. Allerdings wunderte sie sich nicht über seine Art, die Welt und die Menschen zu bewerten, denn ihm lag praktisch die ganze Londoner Gesellschaft zu Füßen. Nicht nur wegen seines guten Aussehens, sondern auch wegen der geheimnisvollen Dinge, die man sich über ihn zuflüsterte. Es ging das Gerücht um, er und seine ganze Familie hätten die Gabe, Winde wehen, Stürme toben und Donnerschläge über den Köpfen ihrer Feinde niedergehen lassen zu können. Man erzählte sich hinter vorgehaltener Hand, in einem längst vergangenen Jahrhundert sei Gregors Familie verflucht worden. Wann immer sie nun die Beherrschung verloren und wütend wurden, erhoben sich Stürme, wilde, unkontrollierbare Stürme, die alles zerstören konnten, womit sie in Berührung kamen. Aus diesem Grund mussten alle MacLeans ständig auf der Hut sein, die Beherrschung zu bewahren.

Seufzend streckte Venetia die Hand aus und löste erneut die Ösen des Ledervorhangs, um wieder hinauszustarren. Als sie vor vielen Jahren Gregor kennengelernt hatte, hatte sie die Gerüchte gehört, ihnen aber keinen Glauben geschenkt. Im Laufe der Zeit hatte sie jedoch erlebt, welche Auswirkungen es hatte, wenn Gregor wütend wurde – und aus diesem Grund musste sie wegen der rasch zusammenziehenden Wolken und der von Minute zu Minute eisiger werdenden Luft an Gregor denken.

Vielleicht hatte er herausgefunden, dass sie verschwunden war, und nahte bereits auf dem Rücken seines Pferdes, um sie zu retten. Sie genoss die Vorstellung, wie Gregor schnell wie der Teufel auf einem weißen Pferd zu ihrer Rettung herbeigaloppierte, während seine grünen Augen vor Wut glühten.

Doch dann ließ sie den Kopf sinken. Das wäre alles, was Gregor fühlen würde, käme er jemals in die Situation, zu ihrer Rettung herbeizueilen – Wut und große Verwunderung darüber, dass sie dumm genug gewesen war, sich derart hereinlegen zu lassen.

Entmutigt zog sie den Vorhang wieder zu und ließ sich in ihrem Sitz zurückfallen.

„Was ist los?“, erkundigte sich Ravenscroft und erblasste. „Haben Sie auf der Straße jemanden gesehen? Verfolgen sie uns?“

„Nein“, erwiderte sie knapp. „Niemand folgt uns.“ Sie verschränkte die Arme, zog die Decke ein wenig dichter an sich heran und musterte ihren Begleiter mit starrem Blick.

Ravenscroft verzog sein Gesicht zu einem Lächeln, das in etwa so behaglich wirkte wie das Korsett des Prince of Wales. „Nun“, verkündete er mit gequälter Heiterkeit. „Ich behaupte, es ist heute kälter, als ich es jemals zuvor im April erlebt habe. Sind Sie nicht auch der Meinung, Vene…“

„Miss Oglivie, wenn es Ihnen nichts ausmacht.“

Sein Lächeln gefror. „Selbstverständlich, Miss Oglivie.“

„Vielen Dank. Und ja, ich finde auch, dass es kälter ist als an irgendeinem Apriltag, den ich zuvor erlebt habe, was ein weiterer Grund für einen sofortigen Halt ist.“

„Aber wir würden Zeit verlieren und …“

„Ravenscroft, ich glaube, Sie verstehen nicht: Es geht um mein persönliches Wohlbefinden.“

„Ihr persönliches Wohl.“ Er errötete. „Oh! Ich wusste nicht … das heißt, mir war nicht bewusst, dass Sie …“

„Ich bitte Sie, Ravenscroft, machen Sie die Situation für mich nicht noch peinlicher, als sie ohnehin schon ist. Ich benötige eine Rast, und mehr gibt es dazu nicht zu sagen.“

„Selbstverständlich! Ich werde dem Kutscher befehlen, in Torlington zu halten. Bis dahin ist es nur noch eine halbe Stunde.“

Sie nickte und wandte sich von ihm ab, indem sie sich in die Ecke lehnte, um das Schlingern der Kutsche abzufangen. Außerdem hoffte sie, dass sie auf diese Weise ihre Ruhe vor ihm haben würde.

Zu ihrer Erleichterung richtete sich Ravenscroft auf dem gegenüberliegenden Platz ein, indem er die Kante der Sitzbank mit beiden Händen umklammerte, damit er nicht bei jeder Unebenheit der Straße in die Höhe geschleudert wurde. Dabei ließ er sein Kinn auf seine Krawatte sinken. In dieser Haltung sah er aus wie ein mürrischer Schuljunge.

Die Minuten verstrichen, und die Kutsche holperte auf ihren knirschenden Achsen dahin, während Venetia im Stillen betete, dass sie es bis Torlington schafften, ohne im Straßengraben zu landen.

Mit geschlossenen Augen sprach sie außerdem ein kurzes Gebet, in dem sie darum bat, dass sie während der bevorstehenden Pause einige Informationen aus Ravenscroft herausbekam.

Bis zu diesem Halt war beten alles, was sie tun konnte.

Zur selben Zeit trat ein hochgewachsener, eleganter Herr aus dem White’s Gentlemen’s Club, zog den Hut nach vorn, um seine Augen vor den dicht fallenden Schneeflocken zu schützen, und wartete ungeduldig, während seine Kutsche auf der belebten Straße auf ihn zufuhr.

Vor wenigen Augenblicken war Dougal MacLean dicht davor gewesen, beim Whistspiel eine bedeutende Summe zu gewinnen. Dann hatte ihn ein gelangweilter Blick aus dem Fenster veranlasst, einen Schrei auszustoßen, seine Karten auf den Tisch zu werfen und so rasch zu verschwinden, dass seine Mitspieler noch Minuten später vor Überraschung wie erstarrt dasaßen.

Douglas sah hinauf in den Himmel, aus dem der Schnee immer dichter fiel, und runzelte die Stirn. Es konnte nur einen Grund für so heftigen Schneefall im April geben: den MacLean-Fluch. Dieser Fluch sorgte dafür, dass sich Unwetter zusammenballten, sobald ein MacLean wütend wurde. Allerdings löste der Zorn der verschiedenen MacLeans unterschiedliche Wetterkatastrophen aus. Gregor, stets beherrscht und kühl, ließ eisige Winde wehen und Schnee fallen. Sehr viel Schnee. Massen von Schnee. Mehr Schnee als London je zuvor gesehen hatte. Deshalb musste Dougal seinen Bruder finden, und zwar so schnell wie möglich.

In der St. James’s Street stemmten sich die Menschen gegen den Wind, während sie versuchten, so rasch wie möglich vorwärtszukommen, dabei schauten alle voller Erstaunen in den in dichten Flocken fallenden Schnee.

Die Kutsche fuhr vor, und der Kutscher sprang ab, um die Tür zu öffnen. In dem Moment, in dem Dougal den Fuß in den Wagen setzte, fiel sein Blick auf eine große Gestalt, die sich im wirbelnden Schnee näherte. Im Gegensatz zu allen übrigen Passanten schien dieser Mann sich nicht um die eisige Luft zu scheren, die ihn umgab. Im Gegenteil, er schien es zu genießen, wie der Schnee seinen bloßen Kopf bedeckte.

„Gregor!“, rief Dougal.

Als sein Bruder sich näherte, sah Dougal die Anspannung in Gregors Gesicht. „Ich muss dich um einen Gefallen bitten“, stieß Gregor hervor. „Mein Pferd steht am Ende der Straße. Können wir …“ Er machte eine Kopfbewegung in Richtung der Kutsche.

„Natürlich.“ Dougal sah seinen Kutscher auffordernd an, und dieser eilte davon, um Gregors Reittier zu holen. Wenig später rumpelte die Kutsche die Straße entlang, und das hinten angebundene Pferd trottete hinterher.

Gregor warf seinem Bruder einen ernsten Blick zu. „Jemand hat sich mit Venetia Oglivie davongemacht.“

„Großer Gott! Wer macht denn so etwas?“

„Ravenscroft.“

„Dieser Grünschnabel? Der hätte überhaupt nicht den Mumm dazu.“

Gregors Blick war wie grünes Eis.

„Dieser tote Grünschnabel, wenn ich erst einmal mit ihm fertig bin. Er hat es durch einen Trick geschafft, dass Venetia mit ihm die Stadt verlässt.“

Venetia war freiwillig mit dem Mann gegangen? Unter seinen Wimpern hervor betrachtete Dougal seinen Bruder. Seit ihrer Kindheit waren Venetia und Gregor Freunde gewesen, so lange, dass sogar der Londoner Klatsch sich nicht mehr über ihre gemeinsamen Morgenritte und ihren ungezwungenen, kameradschaftlichen Umgang ausließ. Ging es bei ihrer Verbindung mit Ravenscroft um mehr? „Glaubst du, Venetia und Ravenscroft …?“, fasste Dougal seine Gedanken in Worte.

„Nein“, unterbrach ihn sein Bruder in energischem Ton.

Als ein heftiger Windstoß die Straße entlangfegte und die Kutsche zum Schwanken brachte, zog Dougal die Augenbrauen hoch.

„Er hat einen Trick angewandt“, brummte Gregor.

Dougal beobachtete, wie der Wind an einer Seite der Kutsche durch jede kleine Ritze Schnee in den Innenraum trieb und bemerkte in ironischem Ton: „Natürlich wurde sie hereingelegt. Venetia würde niemals etwas so Spontanes tun wie durchzubrennen, nicht einmal, wenn sie bis über beide Ohren verliebt wäre.“

Der Wind ließ die Kutsche erbeben, als hätte eine große Faust ihr einen Stoß versetzt.

Dougal zuckte zusammen. „Ich bitte dich, Gregor! Wir werden noch von der Straße geweht.“

In dem Versuch, sich zu entspannen, umfasste Gregor seine Knie und atmete tief durch. „Wenn du willst, dass wir auf der Straße bleiben, hör einfach auf, so dumme Bemerkungen zu machen. Venetia ist nicht durchgebrannt! Ravenscroft hat ihr erzählt, ihre Mutter wäre in Stirling plötzlich erkrankt. Ravenscrofts Diener hat mir von dem Plan des Schurken erzählt: dass sie in Wahrheit nach Gretna Green fahren werden und er ihr die Wahrheit über Zweck und Ziel ihrer Reise erst gestehen wird, wenn sie so weit von London entfernt sind, dass sie nicht mehr zurück kann. Der Diener hat mir auch gesagt, dass Ravenscroft wegen seiner unbezahlten Spielschulden für heute Morgen mit Lord Ulster zum Duell verabredet war, aber nicht erschienen ist.“

„Der Feigling!“, rief Dougal kopfschüttelnd aus. „Du musst seinem Diener eine Menge Geld angeboten haben, um all diese Informationen aus ihm herauszubekommen.“

„Der Kerl mochte es nicht besonders, an den Fußgelenken aus einem offenen Fenster herausgehalten zu werden.“

Dougal grinste.

„Ravenscroft plant, an der Abzweigung hinter Pickmere in Richtung North Road abzubiegen, und hofft, Venetia bemerkt es nicht.“

„Wie könnte sie das nicht bemerken? Auf einer Straße, auf der sie schon unzählige Male unterwegs war?“

„Ravenscroft kann man nicht gerade als besonders intelligent bezeichnen. Umso weniger wird er vermisst werden, nachdem ich ihn umgebracht habe.“

„Wenn du etwas Unüberlegtes tust, Gregor, gibt es unweigerlich einen Skandal, und am Ende wird Venetia die Leidtragende sein. Es wäre besser, ihr hinterherzufahren und sie unversehrt zurückzubringen. Um Ravenscroft kann man sich dann später kümmern.“

„Das habe ich vor. Aber nur, wenn noch nichts geschehen ist, was nicht wieder rückgängig gemacht werden kann.“

Dougals Miene verfinsterte sich. „Du glaubst, der kinnlose Schwachkopf könnte die Situation ausnutzen?“

Bei den Worten seines Bruders ballte Gregor die Hände zu Fäusten, während das Blut ihm so heftig durch die Adern donnerte, dass es in seinen Ohren rauschte. „Wenn Ravenscroft am Leben bleiben will, sollte er sie nicht einmal mit der Spitze seines kleinen Fingers berühren.“

„Ich kann nicht glauben, dass er sich einbildet, er könnte mit dieser Sache durchkommen.“

„Es ist noch schlimmer. Ravenscrofts Diener glaubt, der Idiot plant, aus England zu fliehen, um sich vor dem Duell zu drücken und seine Schulden nicht bezahlen zu müssen.“

„Und Venetia will er mitnehmen. Zur Hölle mit ihm!“ Mit einem Ruck kam die Kutsche zum Stehen, und gleich darauf erschien der Kutscher und öffnete die Tür. Gregor und Dougal stiegen aus und gingen auf den Eingang von Dougals Londoner Haus zu. Sobald sie außer Hörweite des Dieners waren, blieben sie auf dem Fußweg stehen, ohne sich um den dicht fallenden Schnee zu kümmern. „Wie kann ich helfen?“, erkundigte sich Dougal bei seinem Bruder.

„Fahr nach Oglivie House und bleib bei Venetias Vater, bis ich sie nach Hause bringe. Er ist völlig verzweifelt und weiß nicht, was er tut. Wenn er auch nur einer Menschenseele erzählt, dass sie fort ist und wie es dazu kam, wird ihr Ruf für alle Zeiten ruiniert sein.“

„Ich werde ihn notfalls mit Waffengewalt am Reden hindern.“ Dougal stockte und suchte den Blick seines Bruders. „Wird es dir gelingen, Venetia zu retten?“

Gregor legte den Kopf in den Nacken und sah hinauf in die wirbelnden Schneeflocken, während der Wind seine Kleidung durchdrang. Ringsumher lagen schon überall hohe Schneewehen. „Ich weiß es nicht“, erwiderte er, und der Wind riss ihm die Worte von den Lippen. „Es könnte sein, dass ich mir selbst das einzige Hindernis in den Weg gelegt habe, das ich nicht überwinden kann. Dieses Unwetter …“ Bei diesem Gedanken wurde ihm fast übel. Sein verdammtes Temperament!

„Unsinn“, widersprach ihm Dougal energisch und zog seinen Kragen enger zusammen, um seinen Nacken vor den nassen, kalten Flocken zu schützen. „Wenn dich der Schnee beim Reiten behindert, wird er eine Kutsche noch viel langsamer machen. Ich behaupte, am Ende wirst du einen Vorteil durch dieses Wetter haben.“

Erleichterung durchlief Gregor wie eine große Welle. „Du hast recht. Daran hatte ich nicht gedacht.“

„Du wirst noch genug Zeit zum Nachdenken haben, wenn du erst einmal unterwegs bist. Ich habe entlang der North Road Pferde zum Wechseln untergestellt. Das wird dir helfen, noch schneller zu sein.“ Als ihn ein erstaunter Blick eines Bruders traf, zuckte Dougal die Achseln. „Es gibt eine Frau, die ich gelegentlich besuche, wenn es mir in London zu langweilig wird. Wenn du also eines der Tiere brauchst, nimm es dir.“

„Ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll.“

Dougal lächelte ihm verhalten zu. „Finde einfach Venetia.“

Nachdem Gregor seinem Bruder zum Abschied zugenickt hatte, ging er zurück zur Kutsche, wo der Kutscher sein Pferd bereits losgebunden hatte. Wenige Sekunden später donnerte Gregor auf dem Rücken des Tiers davon.

Die Straße war dick mit Eis und Schnee bedeckt, und er schöpfte Mut aus Dougals Worten, dass das Unwetter das Fortkommen von Ravenscrofts Kutsche behindern würde. Das war allerdings der einzige positive Gedanke, der ihm durch den Kopf ging.

Halt durch, Venetia, dachte er, während er sein Pferd antrieb. Halt durch.

2. KAPITEL

Stolze Männer glauben oft, es sei eine Sünde, einen Fehler zuzugeben, und stolze Frauen denken nicht selten ebenso. Daran könnt ihr sehen, ihr Mädchen, dass Stolz die Geschlechter ebenso leicht vereint, wie er sie entzweit…

…so sprach die alte Heilerin Nora von Loch Lomond in einer kalten Nacht zu ihren drei jungen Enkelinnen.

Acht Meilen nördlich von London musste Lord Ravenscroft sich mit der Tatsache auseinandersetzen, dass sein Leben zerstört war. Vor knapp zwei Jahren war er in dem sicheren Glauben nach London gekommen, er würde schon bald sein Glück machen. Er war gut aussehend, ziemlich wohlhabend und stammte aus gutem Hause.

Es stellte sich jedoch heraus, dass ihm keiner seiner offensichtlichen Vorzüge zu den Einladungen und der Aufmerksamkeit verhalf, von denen er dachte, sie stünden ihm zu. Er hatte Empfehlungsschreiben von seiner lieben Mama, die einige Erfolge in der Londoner Gesellschaft gefeiert hatte, bevor sie seinen Vater zum Mann nahm. Allerdings entdeckte er rasch, dass man sie zwar damals als Schönheit angesehen haben mochte, sie nach ihrer Heirat jedoch aus London und damit von der Bildfläche verschwunden war, sodass seither niemand auch nur einen Gedanken an sie verschwendet hatte. Ihre Briefe halfen ihm daher nicht weiter.

Außerdem hatte er einen Freund – jedenfalls hatte er ihn für einen Freund gehalten – namens Mr Philcourt, der angeboten hatte, ihn bei White’s einzuführen. Unglücklicherweise wurde dieses Angebot, einst so großzügig neben einem bis zum Rand gefüllten Punschgefäß bei einer Abendgesellschaft in York gemacht, niemals in die Tat umgesetzt. Vielmehr schien Mr Philcourt vollständig vergessen zu haben, dass er jemals in seinem Leben Lord Ravenscroft begegnet war, und mied ihn, wo er nur konnte.

Ein wenig entmutigt, aber ungebrochen, weigerte sich Ravenscroft, seine gesellschaftlichen Ambitionen und seinen Wunsch, jemand zu sein, aufzugeben. Dennoch wendeten sich die Dinge nicht zum Besseren. Er wurde durchaus zu einigen Gesellschaften eingeladen, aber keine von ihnen war so wichtig und vornehm, dass er sich endlich am Ziel seiner Wünsche hätte fühlen können.

All das ließ ihn mürrisch und missgelaunt werden, und einige der Leute, die zuvor freundlich zu ihm gewesen waren, wandte sich von ihm ab und verschwanden aus seiner Nähe, sobald er irgendwo auftauchte. Lord Ravenscroft war umso entschlossener, in der Gesellschaft erfolgreich zu sein, doch nach dem unglücklichen Beginn seiner Bemühungen wurde alles nur von Tag zu Tag schlimmer. Bald erschien es ihm, als müsste er mit jedem Tag, den er sich länger in London aufhielt, mehr Kränkungen erdulden.

Irgendjemand hatte das Gerücht in die Welt gesetzt, er sei ein unbedeutender Mann mit wenig Verstand und bar jeder Gewandtheit auf dem gesellschaftlichen Parkett. Eine absolut lächerliche Unterstellung. Er verfügte über mehr Geist als die meisten anderen Männer, das hatte ihm seine Mutter mehr als einmal gesagt. Außerdem war er sich seines charmanten Auftretens sehr sicher, denn schließlich war er der Liebling der Yorker Gesellschaft gewesen. Was seine Bedeutung betraf, so stammte seine Familie von Bloody Jack Ravenscroft ab, dem ersten Wegelagerer, der einen Adelstitel besessen hatte. Eine solche Herkunft war schließlich nicht zu verachten, und es gab keinen Grund, darüber zu spotten!

Unglücklicherweise war es jedoch schwierig, einen Ruf, den man einmal hatte, wieder loszuwerden; und nur ein beträchtliches Vermögen würde dafür sorgen, dass die vornehme Gesellschaft ihn doch noch anerkannte. Deshalb hatte Ravenscroft, der verzweifelt war und nichts zu verlieren hatte, angefangen zu spielen. Leider erlaubten ihm seine beschränkten Geldmittel kaum Verluste, und so kam es, dass es ihm innerhalb einer Woche, in der er immer verzweifeltere Wetten abschloss, gelang, fast das gesamte Geld, das ihm noch zur Verfügung stand, zu verlieren.

Selbst wenn er nicht gerade über den allerschärfsten Verstand verfügte, brauchte Ravenscroft nicht lange, um zu begreifen, dass er einen Fehler begangen hatte, der nicht wieder rückgängig zu machen war. Ihm war rasch klar geworden, dass ihm nur noch ein Weg aus der Misere blieb: Er musste eine reiche Erbin heiraten.

Da er in der Londoner Gesellschaft jedoch nicht akzeptiert war, kannte Ravenscroft keine Erbinnen. Die einzige hochgestellte Dame, mit der er näher bekannt war, war Miss Venetia Oglivie, die Tochter von Ravenscrofts einzigem Fürsprecher in der Gesellschaft. Einer Bemerkung von Venetias Vater hatte er entnommen, dass dieser, obwohl nicht ausgesprochen wohlhabend, die Absicht hatte, einiges Geld in die Mitgift seiner Tochter zu investieren. Daran hatte Ravenscroft sich vor Kurzem erinnert. Denn eine bedeutende Mitgift, in Verbindung mit einer Ehefrau, die bereits einen Platz in der besten Gesellschaft Londons hatte, würde Ravenscroft genau dorthin bringen, wo er hinwollte.

Fast konnte er schon den Stapel Einladungskarten vor sich sehen, den er jeden Morgen auf seinem Frühstückstablett vorfinden würde – während Venetia ihn über den Tisch hinweg liebevoll anstrahlte, bevor sie gemeinsam planten, an welchen Vergnügungen der besseren Gesellschaft sie teilnehmen wollten.

Und es war die wahre Liebe, dachte Ravenscroft, während er seine Liebste ansah, die ihm in der Kutsche gegenübersaß. Sie war vom Hals bis zu den Zehen in einen pelzgefütterten Umhang gewickelt, eine gefütterte Haube bedeckte ihre Locken, und eine dicke Decke wärmte ihre Beine.

Aber nicht einmal Ravenscroft, der bis über beide Ohren in sie verliebt war (neben der Tatsache, dass er ihr Vermögen brauchte), konnte sich einreden, in ihren grauen Augen etwas anderes als Irritation zu sehen, wenn sie ihn anschaute.

„Ravenscroft, wann halten wir endlich an? Sie müssen nur einfach dem Kutscher sagen, er soll langsamer fahren und nach einem Gasthof Ausschau halten.“

„Wir machen bald eine Pause. Ich verspreche es.“

„Das haben Sie vor dreißig Minuten schon gesagt.“

Ravenscroft hatte bereits den Mund geöffnet, um ihr zu antworten, als das Glitzern ihrer Brosche ihm ins Auge stach. Hinterhältig blitzte ihn das Schmuckstück vom Kragen ihres Umhangs her an. Er rieb nachdenklich seine Hände und erwiderte: „Ich würde dem Kutscher befehlen, langsamer zu fahren, aber ich fürchte, wir werden nach einer Pause in diesem Schneetreiben nicht mehr weiterkommen.“

Misstrauisch sah sie ihn an. Er hatte sich vorgestellt, sie würden diese Reise damit verbringen, gemeinsam zu lachen, miteinander zu plaudern und sich gegenseitig Geschichten aus ihrer Jugend zu erzählen. Nicht einen Gedanken hatte er daran verschwendet, dass sie so argwöhnisch sein könnte.

Die Kutsche fuhr über eine tiefe Furche, und Ravenscroft musste sich an seinem Sitz festklammern, um nicht quer durch die Kutsche in Venetias Schoß zu fallen.

„Wir fahren zu schnell“, erklärte sie ihm mit einem strengen Blick. „Wenn Sie nicht endlich etwas dagegen unternehmen, werde ich es tun.“

„Aber wir sollten versuchen, so weit wie möglich zu kommen, bevor der Schnee zu tief wird. Es würde Ihnen nicht gefallen, in einem Gasthof übernachten zu müssen. Was ist, wenn sich der Zustand Ihrer Mutter über Nacht verschlechtert und sie stirbt? Ich könnte wetten, dann werden Sie wünschen, wir wären so schnell wie möglich gefahren und hätten keine Rast gemacht.“

„Es ist das dritte Mal, dass Sie andeuten, meine Mutter könnte todkrank sein.“

Verdammt, warum hatte er ihr nicht von vornherein gesagt, dass ihre Mutter im Sterben lag, anstatt nur zu behaupten, sie sei krank? Dann wäre Venetia jetzt viel gefügiger – andererseits aber wahrscheinlich nicht in der Stimmung, einen Heiratsantrag anzunehmen. „Ihre Mutter ist eine sehr zarte Person, natürlich mache ich mir Sorgen um sie.“

„Zart? Meine Mutter?“ Sie starrte ihn verblüfft an.

Ravenscroft war sich nicht sicher, aber für ihn hatte es sich angehört, als hätte seine Liebste ihre Bemerkung mit einem verächtlichen Schnauben beendet.

„Mutter ist so zäh wie Rindsleder. Außerdem geht es im Moment gar nicht darum. Klopfen Sie und befehlen Sie dem Kutscher, langsamer zu fahren.“

Ravenscroft betrachtete sie verdrießlich.

Sie tastete nach ihrer Brosche.

„Na gut“, stieß er hastig hervor. „Ich muss aber betonen, dass Sie meiner Meinung nach ein wenig zu heftig reagieren.“

Er klopfte von innen an das Kutschendach, um den Kutscher darauf aufmerksam zu machen, dass er einen Wunsch hatte. Dann lehnte er sich aus dem Fenster und redete mit dem Mann auf dem Bock, wobei der Wind seine Worte fortwehte.

Venetia schauderte, als die kalte Luft in den Wagen drang. Sie konnte sich nur an einen einzigen April in ihrem ganzen Leben erinnern, in dem geschneit hatte, und der Grund dafür war Gregor gewesen.

Erneut runzelte Venetia die Stirn und fragte sich, ob Gregor auch dieses Mal das Unwetter ausgelöst hatte. Es war möglich, allerdings nur, wenn er die Beherrschung verloren hatte – ein recht seltenes Ereignis. Gregor war derjenige von den MacLeans, der seine Stimmungen am besten kontrollieren konnte.

Sicher war es ein Zufall, dass es ausgerechnet heute stürmte und schneite. Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder Ravenscroft zu, der eine Auseinandersetzung mit dem Kutscher zu haben schien. Schließlich zog sich der junge Lord wieder ins Innere der Kutsche zurück und schloss die Haken und Ösen der Ledervorhänge. Sein Gesicht war vom eisigen Wind gerötet.

„Ich habe getan, was Sie verlangt haben.“

Von draußen war ein lautes „Hü!“ zu hören, dann raste die Kutsche noch schneller als zuvor dahin und schwankte dabei wild hin und her.

„Sie haben dem Kutscher beileibe nicht befohlen, langsamer zu fahren! Sie haben ihm gesagt, er soll die Pferde noch mehr antreiben“, beschuldigte Venetia ihren Reisebegleiter.

Ravenscroft war so sehr damit beschäftigt, sich auf seinem Sitz zu halten, dass er ihr nicht antworten konnte.

Nachdem sie einen lauten, verärgerten Ton ausgestoßen hatte, richtete Venetia sich auf und klopfte energisch an das Dach der Kutsche.

Von draußen war als Antwort ebenfalls ein Klopfen zu hören, und gleich darauf bremste der Kutscher den Wagen ab, wobei die hinteren Räder mehrmals vor- und zurückrutschten, bevor sie Halt fanden und ruhig dahinrollten.

„Venetia! Was tun Sie?“, rief Ravenscroft.

„Ich sorge dafür, dass wir Großmutters Haus lebendig erreichen.“

„Aber wir müssen schneller fahren. Wir können nicht in dieser Geschwindigkeit dahinschleichen!“ Er schlug mit der Faust gegen das Kutschendach.

Als Antwort kam ein fragendes Klopfen, ohne dass sich das Tempo wesentlich erhöhte. Venetia atmete auf. „Sehen Sie? Der Kutscher hält es für keine gute Idee, schneller zu fahren. Wir sollten dieses Tempo beibehalten und …“

Ravenscroft donnerte noch einmal gegen das Dach, wesentlich lauter und heftiger als beim letzten Mal. Sofort wurde die Kutsche schneller, wodurch sie beide auf ihren Sitz zurückgeworfen wurden. Sie nahmen eine Kurve, und der hintere Teil des Wagens schlingerte wild hin und her, bevor er wieder geradeaus fuhr.

Venetia stemmte ihren Fuß gegen den gegenüberliegenden Sitz, während sie versuchte, sich aufrecht zu halten. „Sie sind verrückt! Was um alles in der Welt ist los mit Ihnen?“

Ravenscroft sank auf seinem Platz so kläglich in sich zusammen, dass sein Kinn auf seiner Brust lag, während er sich an den Ledergriff über der Tür klammerte. Trotz der Kälte standen ihm Schweißperlen auf der blassen Stirn.

Venetia dachte nicht im Traum daran, Mitleid mit ihm zu haben. Vielleicht konnte sie fliehen, indem sie sich bei passender Gelegenheit aus der Tür fallen ließ. Sie zerrte den Ledervorhang beiseite und sah draußen nichts als blendend weißen Schnee, den der Wind vor sich her peitschte. Nur unter Schwierigkeiten erkannte sie die Umrisse einiger Bäume und Zäune, einen kleinen Gasthof und eine lange Steinmauer, bevor sie den Vorhang wieder schloss. Sie würde sich das Genick brechen, wenn sie tatsächlich versuchte, aus der Kutsche zu springen.

Ihr blieb also nichts anderes übrig, als sich mit Ravenscroft und seinem immer seltsamer werdenden Benehmen auseinanderzusetzen. „Ich bitte Sie, Ravenscroft. Lassen Sie uns nur für einen Augenblick anhalten, damit wir Tee trinken und diese Angelegenheit wie zwei Erwachsene besprechen können, die …“

Die Kutsche schleuderte zur Seite, schwankte einen Moment lang heftig und kippte schließlich um, wobei die ganze Welt unter ihnen wegzurutschen schien. Venetia knallte gegen Ravenscroft, der seinerseits gegen die Tür der Kutsche krachte. Es war ein Gefühl, als würden sie beide als ein Durcheinander aus Armen und Beinen auf der verriegelten Tür hängen, bis mit einem lauten Krachen irgendetwas zerbrach – und dann gab es nichts mehr als blendendes Weiß und eisigen Wind.

Gregor drückte dem Gastwirt eine Münze in die ziemlich schmutzige Hand. „Wann haben Sie sie gesehen?“

Beim Anblick der Goldmünze zwischen seinen dicken Fingern schien das Herz des Wirtes ein wenig schneller zu schlagen. Plötzlich empfand er es offenbar nicht mehr als allzu große Zumutung, im Schnee zu stehen und mit dem Fremden zu reden. „Is’ ’ne Stunde her, länger nich’.“

Gregor lächelte grimmig. Er holte auf.

Der Gastwirt schüttelte den Kopf. „Die Kutsche donnerte hier vorbei, als wär der Teufel mit allen Höllenhunden hinter ihr her. Und das in diesem Schnee! Wir ham alle hinterhergeguckt, als der Wagen hier in diesem Tempo vorbeigeschlittert is’.“

„Die Kutsche hat nicht gehalten?“

„Nich’ hier. Aber wenn ich wetten tät, würd ich sagen, sie ham beim White Swan in Tottingham gehalten. Beim Swan ham sie doppelt so viel Platz, um Pferde zum Wechseln unterzustellen, wie ich ihn hab.“

Gregor schwang sich wieder auf den Rücken seines Pferdes. „Danke, guter Mann.“

Der Gastwirt nickte und sah zu, wie Gregor sein Pferd wendete und in einem Tempo die Straße hinunterritt, das wesentlich schneller war, als es bei diesem Wetter vernünftig erschien. Die finstere Miene, mit der der Reiter nach der Kutsche gefragt, hatte nichts Gutes für die Reisenden in dem Wagen verheißen, und für einen Moment taten die Leute dem Wirt leid. Doch das Gewicht der Münze in seiner Tasche brachte ihn rasch wieder auf andere Gedanken, und er ging mit einem breiten Grinsen im Gesicht zurück in seinen Gasthof und rief nach seiner Frau, um ihr das neu erworbene Vermögen zu zeigen.

Venetia lag auf dem Rücken und starrte hinauf in den wirbelnden Schnee, während ihr die eisigen Flocken kribbelnd auf Stirn und Wangen schmolzen. Sie fror eindeutig gerade ein, was vor allem daran lag, dass ihr bei ihrem Sturz auf den Boden ein Haufen Schnee hinten in die Kleidung gerutscht war. Vorsichtig bewegte sie ihre Arme und Beine und war erleichtert, als sie außer dem dumpfen Druck in ihrem Kopf und ein leichtes Ziehen im Rücken keine Schmerzen spürte.

„Miss Oglivie?“

Als Venetia sich umdrehte, sah sie in einiger Entfernung Ravenscroft stehen, der gerade damit beschäftigt war, Schnee aus einem seiner Ohren zu wischen. Hinter ihm lag die Kutsche auf der Seite. Sie war halb in den Straßengraben gerutscht, und eines der Räder war in tausend Stücke zerbrochen. Die Tür, gegen die Ravenscroft und sie gefallen waren, war aus der Verankerung gerissen und nirgends zu sehen, in der klaffenden Türöffnung häufte sich schmutziger Schnee.

„Miss Oglivie … Venetia … sind Sie verletzt? Haben Sie sich …“ Ravenscroft keuchte vor Anstrengung, während er sich durch eine Schneewehe zu ihr vorkämpfte.

Mit seiner Hilfe stellte sich Venetia mühsam wieder auf die Füße. „Mir geht es gut, aber was ist mit den Pferden? Ist mit ihnen alles in Ordnung?“

Ravenscroft wandte ihr sein bekümmertes Gesicht zu. „Es geht ihnen so gut, wie es unter diesen Umständen möglich ist.“

„Genau“, sagte der Kutscher, während er auf sie zu humpelte. „Es ging ihnen bestens, bevor dieser Herr hier mir befohlen hat, sie anzutreiben.“

Venetia konnte ihren Unwillen nicht länger unterdrücken. „Das sehe ich auch so. Dafür, dass er in dieser lächerlichen Eile ist, sollte er erschossen werden. Sehen Sie sich an, was Sie mit Ihrer Ungeduld erreicht haben, Ravenscroft!“ Als sie ihren Begleiter ansah, bemerkte sie eine dünne Blutspur von seiner Stirn bis hinunter zu seinem Nacken, wo sie unter seinem Halstuch verschwand. „Sie bluten.“

Ravenscroft betastete mit der Hand seine Stirn, zog sie wieder fort und starrte auf die roten Tropfen an seinen Fingern. Entsetzt schnappte er nach Luft, rollte mit den Augen und fiel dann wie ein gefällter Baum mit dem Gesicht zuerst in den Schnee.

Voller Abscheu sah Venetia auf ihn hinab. „Na wunderbar! Nun haben wir also eine unbrauchbare Kutsche und einen unbrauchbaren Ravenscroft.“ Sie wandte sich an den Kutscher. „Wir sollten ihn zumindest umdrehen, damit er atmen kann.“

„Wenn Sie wünschen, Miss“, brummte der Kutscher und half ihr, Ravenscroft auf den Rücken zu rollen.

Selbst während der kurzen Zeit, seit sie neben der Kutsche stand, war der Schneefall noch dichter geworden. „Spannen Sie bitte eines der Pferde aus“, befahl sie dem Kutscher. „Ich werde zurück zu dem Gasthof reiten, an dem wir vor einer knappen Meile vorbeigekommen sind.“

Der Bedienstete starrte sie dümmlich an. „Aber Sie sind eine Frau. Und wir haben nicht mal einen anständigen Sattel.“

„Ich bin durchaus in der Lage, ein Kutschpferd zu reiten. Mit und ohne Sattel“, erklärte Venetia energisch, während sie sich den Kragen ihres Umhangs fester um den Hals zog. „Na los, wir müssen uns beeilen.“

„Sehr wohl, Miss. Wenn Sie es wünschen.“ Er machte Anstalten, sich den Pferden zuzuwenden, hielt dann aber inne, um Ravenscroft zu betrachten. „Glauben Sie, Seine Lordschaft ist tot?“

„Himmel, natürlich nicht! Er ist nur ein …“ Ein alberner Junge. Ein Dummkopf. Ein Idiot. Es gab gar kein Wort dafür. „Er kommt wieder in Ordnung. Bleiben Sie bei ihm, bis ich zurückkomme.“

Der entschlossene Ton in Venetias Stimme ließ den Kutscher verstummen und gehorchen, und wenig später war sie auf dem Weg, Hilfe zu holen.

„Ja, wir haben sie geseh’n.“ Der Mann wippte auf seinen Absätzen und sah Gregor durch die fallenden Flocken an. „Sind hier vor ungefähr zwanzig Minuten vorbeigerast.“

Gregor fischte eine Münze aus seiner Tasche. „Sie haben nicht angehalten, um die Pferde zu wechseln?“

„Nein, obwohl sie das hätten tun soll’n. Die Tiere wirkten ziemlich müde.“ Der Stallbursche reichte Gregor die Zügel einer großen braunen Stute.

Voller Tatendrang schwang sich Gregor auf das frische Pferd. „Kümmern Sie sich gut um mein Pferd. Ich werde es morgen oder übermorgen wieder abholen.“

„Das tue ich, mein Herr. Ist doch selbstverständlich.“

„Vielen Dank. Diese Braune sieht aus, als wäre sie ein gutes Pferd.“

„Sie ist ’ne Seele von Tier und stark wie ein Ochse. Nicht besonders schnell, aber sie wird Sie sicher durch dieses Wetter tragen.“

„Sehr gut.“ Gregor warf dem Stallburschen die Münze zu, und die Augen des Mannes weiteten sich, als er erkannte, dass er Gold in der Hand hielt.

„Vielen, vielen Dank, Mylord!“ Aber er sprach nur noch zu den fallenden Flocken: Gregor preschte bereits davon, den Kopf gegen Wind und Schnee gebeugt, die Zähne zusammengebissen.

Der Stallbursche versetzte Gregors erschöpftem Pferd einen aufmunternden Klaps, bevor er es in Richtung Stall führte. „Ich weiß nicht, hinter wem er her ist, aber ich bin froh, dass ich es nicht bin.“

Der Wind zerrte an Venetias Umhang und ihren Röcken und durchdrang eisig ihre Handschuhe. Inzwischen fielen die Flocken so dicht, dass sie kaum noch die Straße vor sich erkennen konnte. Als das Kutschpferd, auf dem sie ritt, schnaubend seinen Kopf in den Nacken warf und die Mähne schüttelte, wurde Venetia von einer so großen Menge Schnee getroffen, dass sie einen Teil davon in den Mund bekam und ihn keuchend wieder ausspucken musste, während sie sich das Gesicht mit dem nassen Handschuh abwischte. Falls Gregor tatsächlich dieses Wetter verursacht hatte, musste es dafür einen sehr ernsten Grund geben. Er war ihr engster und liebster Freund. Wenn er in Schwierigkeiten war, gehörte sie an seine Seite, um ihm zu helfen und ihn zu unterstützen. Das war, zusätzlich zu ihrer Sorge um ihre Mutter, ein weiterer Grund, so rasch wie möglich aus diesem Schlamassel herauszufinden.

Ganz sicher hatte Papa stark übertrieben, was den Ernst von Mamas Lage anbelangte. Papa gelang es sogar, das Leben an sich als etwas darzustellen, das ausschließlich aus Verzweiflung und Nöten bestand.

Schon oft hatte Venetia sich gewünscht, ihre Familie wäre nicht ganz so melodramatisch. Zum Glück lachte Gregor regelmäßig über die Auftritte ihrer Eltern, was ihr half, mit beiden Beinen auf dem Boden zu bleiben und die Lage realistisch zu sehen.

Sie lächelte vor sich hin, tätschelte den Pferdehals, über den sie gebeugt saß und sagte in das dunkle Ohr vor sich: „Gregor hat einen scharfen Verstand. Leider verletzt er Menschen damit ebenso oft, wie er ihnen hilft.“ Nicht dass ihr das jemals etwas ausgemacht hätte, denn sie konnte sich gegen ihn behaupten. Davon abgesehen, genoss sie Gregors Gesellschaft. Er war ein draufgängerischer Reiter, der es an Schnelligkeit und Mut mit ihr aufnehmen konnte, hatte einen ausgeprägten Sinn für Humor, der meistens mit ihrem eigenen übereinstimmte, und verfügte über einen wachen Geist, dem so leicht nichts entging. Am wichtigsten aber war, dass er niemanden zwang, leerem Geschwätz zuzuhören. Wenn er etwas zu sagen hatte, sagte er es. Wenn nicht, war er ab und an vollkommen zufrieden mit einem entspannten Schweigen.

Sie empfand es nicht gerade als störend, dass er erstaunlich, unglaublich, geradezu schmerzhaft gut aussah, trotz der auffälligen Narbe, die quer über seine Wange bis zu seinem Kinn verlief. Eine von Venetias Freundinnen hatte ihr vor einiger Zeit gestanden, sie habe einen Traum gehabt, in dem sie mit den Fingerspitzen an dieser Narbe entlanggestrichen war, während sie Gregor geküsst hatte. Was für ein dummer Traum, stellte Venetia bei sich fest, während gleichzeitig eine seltsame Wärme ihren Körper durchflutete.

Endlich erkannte sie durch den dicht fallenden Schnee vage die Umrisse eines Gebäudes. Erleichtert trieb Venetia das Pferd an, und schon bald trabten sie zwischen den steinernen Pfosten in den Hof. Mit seinen beschlagenen Fenstern, an denen innen weiße Seidenvorhänge befestigt waren, und dem dichten Rauch, der aus allen Schornsteinen aufstieg, wirkte der zweistöckige Gasthof äußerst behaglich.

Als sie sah, dass der Reitknecht, die Augen vor Staunen weit aufgerissen, bereits vom Stall her auf sie zueilte, schwang sich Venetia vom Pferd. Innerhalb kürzester Zeit stand sie auch schon im großen Gastraum neben einem warmen Feuer, hielt eine Tasse heißen Tee in ihren eisigen Händen und erzählte den Eigentümern des Gasthauses, Mr und Mrs Treadwell, ihre Geschichte.

Erleichtert vernahm Venetia, dass es noch zwei freie Zimmer gab; das dritte Gastzimmer bewohnten eine Witwe und ihre Begleiterin. Kaum hatte Venetia die umgestürzte Kutsche erwähnt, da machte Mr Treadwell, ein kleiner, untersetzter Mann mit fröhlich funkelnden Augen, sich auf den Weg, die übrigen Insassen und das Gefährt zu retten, ohne sich damit aufzuhalten, nach weiteren Einzelheiten zu fragen.

Mrs Treadwell, eine große, hagere Frau mit widerspenstigem grauen Haar, das sie zu einem unordentlichen Dutt hochgesteckt trug, ließ sich sofort ausführlich darüber aus, wie reizend es war, so viele Gäste unter ihrem bescheidenen Dach beherbergen zu dürfen. Sie beäugte Venetia von oben nach unten und schien dabei den Wert des Umhangs aus Hermelin und den Preis der weichen Rehlederhandschuhe zusammenzuzählen. „Sie müssen direkt aus London kommen, so fein, wie Sie gekleidet sind.“

„Ja, das sind wir. Wir haben …“

„Wir?“

„Ja, ich und …“ Venetia runzelte die Stirn, weil ihr plötzlich auffiel, wie merkwürdig es erscheinen musste, dass sie allein mit einem einzelnen Mann reiste. „Mein … äh … Bruder und ich sind unterwegs zum Haus meiner … unserer Großmutter.“

Mrs Treadwell machte ein erleichtertes Gesicht. „Ich bin froh, das zu hören. Mr Treadwell und ich möchten natürlich niemanden abweisen, schon gar nicht während eines Unwetters wie diesem, aber wir würden trotzdem keinem dieser durchgebrannten Paare, von denen so viele auf dieser Straße unterwegs sind, Unterschlupf gewähren.“

„Wieso kommen hier besonders viele durchgebrannte Paare vorbei?“, erkundigte sich Venetia erstaunt.

„Wegen des Gesetzes, mein Kind! Sie haben doch bestimmt schon von Gretna Green gehört. All die Paare, die dorthin wollen, reisen auf der North Road!“

„Natürlich habe ich von Gretna Green gehört, aber das hier ist nicht …“ Venetias Blick fiel durchs Fenster hinaus auf die schneebedeckte Straße. Sie hatten London auf der richtigen Straße verlassen. Aber als es immer kälter geworden und sie von Ravenscrofts seltsamem Benehmen abgelenkt gewesen war, hatte sie nicht mehr aufmerksam und lange genug aus dem Fenster gesehen, um zu bemerken, dass die vertraute Landschaft rechts und links der Straße zum Haus ihrer Großmutter nicht zu sehen gewesen war. Es war also tatsächlich möglich, dass sie in die North Road abgebogen waren. Aber warum?

Und dann begriff Venetia, und plötzlich ergaben all die seltsamen Vorkommnisse einen Sinn. Sie waren überhaupt nicht auf dem Weg zu ihrer Großmutter! Stattdessen befanden sie sich auf der North Road, unterwegs nach Gretna Green. Sie war entführt worden – und zwar von Ravenscroft, unter allen Männern ausgerechnet von ihm!

Venetias Knie wurden schwach. Zum Glück stand direkt hinter ihr eine Bank, auf die sie sich mit einem Ruck setzte, als ihre Beine unter ihr nachgaben.

Mrs Treadwell zog die Augenbrauen hoch. „Geht’s Ihnen gut, Miss?“

Zwar öffnete Venetia den Mund zu einer Antwort, doch es gelang ihr nicht, ein paar sinnvolle Worte zu formen. Ihr Herzschlag klang wie Trommelwirbel in ihren Ohren, ihr Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen, und ihr wurde übel.

„Sie sehn so blass aus. Geht’s Ihnen auch wirklich gut?“, erkundigte sich die Wirtin mit halb besorgter, halb misstrauischer Miene.

Venetia zwang sich zum Sprechen. „Ich weiß nicht recht, mir ist plötzlich ein wenig schwindelig.“

Die Frau des Gastwirts schnalzte mitfühlend mit der Zunge. „Sie sehn aus wie ein Geist, Miss …“ Sie stockte und schaute Venetia mit ihren hellen Augen an. „Entschuldigen Sie. Ich habe Ihren Namen nicht verstanden?“

Während die Wut durch ihre Adern raste, zwang sich Venetia zu einem dünnen Lächeln. „Tut mir leid, ich hätte mich vorstellen sollen. Ich bin Miss …“ Ein Name. Ich brauche einen Namen. „West“, fuhr sie hastig fort. „Mir ist immer noch eiskalt. Könnte ich noch etwas Tee haben?“

„Natürlich! Ich werde laufen und frisches Wasser aufsetzen. Ich glaube ganz sicher, wenn Ihr Bruder kommt, wird er auch eine Tasse haben wollen.“

Venetia hatte keinen anderen Gedanken, als Ravenscrofts ziemlich große Ohren abzuschneiden, aber sie murmelte zustimmend, als ihre Gastgeberin das Zimmer verließ. In selben Moment, in dem die Frau die Tür hinter sich schloss, sprang Venetia auf und begann wütend hin und her zu laufen. Verdammt noch mal, was dachte Ravenscroft sich eigentlich? Sie verspürte nicht den geringsten Wunsch zu heiraten, und er konnte doch nicht wirklich vorhaben, sie zu zwingen. Dazu gab es überall zu viele Leute, die herbeieilen würden, um einer laut um Hilfe rufenden Frau beizustehen – und laut schreien würde sie, soviel stand fest.

Nicht einmal Ravenscroft konnte so dumm sein. Sie lief auf und ab und wurde von Minute zu Minute wütender. Als sie vom Hof her Stimmen und Geräusche hörte, eilte sie ans Fenster und sah, wie ein wackeliger Karren vor das Haus fuhr. Mr Treadwell, so dick eingemummelt, dass er doppelt so breit wie vorher war, thronte auf dem Vordersitz, neben sich den schwankenden, in sich zusammengesunkenen Ravenscroft. Der Stallknecht des Wirtes saß hinten zwischen dem Gepäck und hielt die Zügel eines hinkenden Kutschpferdes.

Als sie Ravenscroft sah, ballte Venetia die Hände zu Fäusten. Sie eilte los, um die Vordertür zu öffnen, stellte aber fest, dass Mrs Treadwell schon vor ihr durch den Flur lief.

Die Wirtin riss die Tür in dem Moment auf, in dem Mr Treadwell gerade Ravenscroft vom Karren half. Ravenscrofts Beine gaben unter ihm nach, als er von seinem Sitz stieg, aber glücklicherweise war Mr Treadwell da, um ihn zu stützen. Wäre Venetia an seiner Stelle gewesen, hätte sie sich diese Mühe nicht gemacht.

„Bring den jungen Mann her!“, befahl Mrs Treadwell. Gehorsam zog ihr Mann Ravenscroft auf die Füße, um ihn dann halb ins Haus zu schieben und halb zu tragen.

Sobald sie beide drinnen waren, beeilte sich Mrs Treadwell, die Tür zu schließen, um die eisige Luft auszusperren. „Himmel, der Knabe sieht halb erfroren aus.“ Sie zog einen Stuhl dicht ans Feuer. „Und sieh dir seinen Kopf an! Was für eine scheußliche Wunde.“

Ravenscroft erbleichte, doch seine Zähne klapperten zu sehr, als dass er hätte antworten können.

„Erwähnen Sie um Gottes willen seine Wunde nicht“, flüsterte Venetia der Wirtin zu. „Er ist schon einmal in Ohnmacht gefallen, weil ich etwas darüber gesagt habe.“

„Oh!“, flüsterte Mrs Treadwell zurück. „Er ist doch nicht etwa einer von dieser Sorte?“

„Es ist eine seiner Schwächen, das lässt sich nicht abstreiten.“

Mrs Treadwell kräuselte die Lippen, sagte aber nichts weiter, sondern nickte nur.

Inzwischen hatte sich Ravenscroft im Stuhl vor dem Feuer zusammengekauert, während seine Zähne immer noch aufeinanderschlugen. „Mir … ist … k…k… kalt!“

„Ja“, stimmte Mr Treadwell ihm seelenruhig zu. „Ich glaube nicht, dass ich im April mein Lebtag lang eine solche Kälte erlebt habe.“

Mühsam unterdrückte Venetia die Vorstellung, wie ihre Finger sich um Ravenscrofts dünnen Hals legten. „Die Pferde … Wie geht es ihnen?“

„Eine verstauchte Fessel, das ist alles. Mein Stallbursche kümmert sich gerade darum. Ihr Kutscher bringt die andern beiden Pferde“, erklärte Mr Treadwell.

Ravenscroft erschauderte. „Was f…f… für eine schreckliche Erfahrung.“

„Ja“, stimmte ihm Venetia knapp zu. „Für uns alle.“ Sie wandte sich an den Wirt. „Ich kenne einen sehr wirkungsvollen Wickel für verstauchte Fesseln bei Pferden. Haben Sie Kleie, Gerste und etwas Hafer?“

Der Gastwirt strahlte. „Sicher! Und Honig haben wir auch. Falls Sie den Wickel meinen, an den ich denke.“

Es gelang ihr, sein Lächeln zu erwidern. „Ja. Ich werde alles zusammenmischen und …“

„Das kommt nicht infrage“, erwiderte Mr Treadwell energisch. „Ich werde mich um die Pferde kümmern. Sie bleiben hier bei dem jungen Mann …“

„Er ist ihr Bruder“, warf Mrs Treadwell ein.

Autor

Karen Hawkins
Karen Hawkins wuchs im Kreise einer großen, gastfreundlichen Familie in Tennessee auf. Sie studierte Politikwissenschaft und lehrte an einem College. 1998 schrieb sie ihren ersten historischen Liebesroman, der von ihrer Leserschaft begeistert aufgenommen wurde. Karen Hawkins lebt mit ihren beiden Kindern in Florida. Ihre beiden größten Schwächen sind Schuhe und...
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