Freibeuter der Leidenschaft

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Was für eine Frau! Statt damenhaft kokett ein Sonnenschirmchen in der Hand zu schwenken, fordert Amanda ihn mit dem Degen heraus. Clive de Warenne kann seinen Augen kaum trauen. Aber er hat versprochen, die aufreizend begehrenswerte Piratentochter zu ihrer Mutter nach England zu bringen. Als ehrenhafter Freibeuter steht er zu seinem Wort, bringt ihr sogar die Manieren einer Lady bei, um ihr den Einstieg in die vornehme Gesellschaft zu ebnen. Er selbst sieht sich keinesfalls als passenden Heiratskandidat – bis Amanda ihr Debüt gibt. Und eine so bezaubernde Ballkönigin ist, dass jeder Mann in ihrer Nähe ihn vor Eifersucht brennen lässt …


  • Erscheinungstag 15.06.2024
  • Bandnummer 19
  • ISBN / Artikelnummer 8129240019
  • Seitenanzahl 384

Leseprobe

1. KAPITEL

King’s House

20. Juni 1820

Er war bekannt als der bedeutendste Freibeuter und Gentleman seiner Zeit, eine Auszeichnung, die ihn immer wieder belustigte. Freibeuter und Gentleman waren zwei Wörter, die niemals im selben Atemzug genannt werden konnten, selbst wenn er für diese Regel die Ausnahme bildete. Clive de Warenne, dritter und jüngster Sohn des Earls of Adare, betrachtete mit ernstem Gesicht den neu errichteten Galgen. Zwar stimmte es, dass er bisher noch nie eine Schlacht verloren hatte, doch er nahm den Tod nicht auf die leichte Schulter. Seiner Einschätzung nach hatte er bereits mindestens sechs Leben verbraucht, und er hoffte, dass ihm noch mindestens drei blieben.

Eine Hinrichtung lockte immer viele Menschen an. Jeder Schurke, jeder Pflanzer, jede Dame und jede Hure, alle kamen sie in die Stadt, um den Piraten hängen zu sehen. Morgen würden ihnen Vorfreude und Aufregung den Atem rauben. Es würde Applaus geben, wenn das Genick des Piraten mit einem Knacken brach, und Jubel.

Clive war ein hochgewachsener, breitschultriger Mann mit braunem, ein wenig zu langem Haar, das von der Sonne gebleicht war. Er besaß die leuchtend blauen Augen, für die die Männer der Familie de Warenne berühmt waren. Mit seinen hohen Stiefeln, einer hellen Hose aus Hirschleder und dem feinen Leinenhemd war er lässig gekleidet, doch er war schwer bewaffnet. Selbst wenn er sich in der guten Gesellschaft bewegte, trug er stets einen Dolch im Gürtel und ein Stilett im Stiefel, denn er hatte sich sein Vermögen nicht mühelos verdient und sich dabei eine Reihe von Feinden gemacht. Außerdem hatte er auf den Inseln keine Zeit für Mode.

Clive wusste, dass er im Begriff war, zu spät zu seiner Verabredung mit dem Gouverneur zu kommen. Aber einige nach der neuesten Mode gekleidete Damen betraten gerade den Platz, und eine davon war eine hinreißende Schönheit. Sie warfen ihm Blicke zu und flüsterten aufgeregt miteinander. Er sah, dass sie unterwegs zu dem Gerüst waren, um den Ort zu begutachten, an dem morgen die Hinrichtung stattfinden sollte. Unter gewöhnlichen Umständen würde er sich eine für das Bett aussuchen, doch ihm entging nicht, wie sensationslüstern sie waren, und er fühlte sich davon abgestoßen.

Der imponierende Eingang zu King’s House lag direkt hinter ihm, als er die drei Frauen vorüber und zu dem Richtblock gehen sah. Die Faszination, die er auf die Damen des ton und der Inselgesellschaft ausübte, kam ihm sehr gelegen, denn wie alle Männer der Familie de Warenne war er den Freuden der körperlichen Liebe ausgesprochen zugetan. Die Blonde erkannte er wieder, sie war die Frau eines Pflanzers, den er gut kannte. Die dunkle Schönheit hingegen war zweifellos neu auf der Insel. Sie lächelte ihn an, wusste offensichtlich, wer und was er war, und ebenso offen bot sie ihm ihre Gunst an, sollte er sich entschließen, ihrer zu bedürfen.

Doch das tat er nicht. Er nickte ihr höflich zu, und sie hielt seinem Blick stand, ehe sie sich abwandte. Er war ein Adliger und ein angesehener Kaufmann – wenn er nicht gerade Kaperbriefe akzeptierte –, aber ihm haftete der Ruf an, ein Frauenheld und Vagabund zu sein. Eine besonders leidenschaftliche Geliebte hatte ihn sogar einen Freibeuter genannt. Tatsächlich war er zwar als Gentleman erzogen worden, doch er war in Spanish Town mehr zu Hause als in Dublin, mehr in Kingston als in London, und er machte daraus kein Geheimnis. Wenn er mitten im Kampf an Deck eines Schiffes stand, konnte vermutlich kein Mann ein Gentleman sein. Das würde seinen Tod bedeuten.

Aber was die Leute sagten, hatte ihn nie gekümmert. Er hatte sein Leben genau so eingerichtet, wie er es haben wollte, ohne die Hilfe seines Vaters, und er hatte sich den Ruf erworben, einer der größten Herren der Meere zu sein. Obwohl er sich immer nach Irland gesehnt hatte, dem schönsten Ort auf Erden, war ihm die Freiheit am wichtigsten. Selbst auf dem Familiensitz des Earls, umgeben von der Familie, die er liebte, war ihm bewusst, dass er seinen Brüdern so gar nicht ähnlich war – dem Erben und dessen potenziellen Ersatz. Verglichen mit seinen heimatverbundenen Brüdern war er wirklich ein Freibeuter. Die vornehme Gesellschaft warf ihm vor, anders zu sein, exzentrisch und ein Außenseiter, und sie hatte recht.

Kurz bevor Clive kehrtmachte, um King’s House zu betreten, gesellten sich zwei weitere Damen zu dem Trio, die Menge auf dem Platz wurde immer größer. Ein Gentleman, in dem er einen erfolgreichen Kaufmann aus Kingston erkannte, kam ebenfalls dazu und außerdem ein paar Seeleute.

„Ich hoffe, er genießt seine Henkersmahlzeit!“, sagte einer der Seeleute lachend.

„Stimmt es, dass er einem englischen Marineoffizier die Kehle durchgeschnitten hat?“, fragte eine der Damen atemlos. „Und seine Kajüte mit dessen Blut bestrichen?“

„Das ist eine alte Piratentradition“, erwiderte der Seemann grinsend.

Bei dieser absurden Behauptung verzog Clive das Gesicht.

„Hängen sie hier viele Piraten auf?“, fragte die Schönheit weiter.

Clive wandte sich ab. Diese Hinrichtung wird wie ein Zirkus werden, dachte er.

Und die eigentliche Ironie bei alldem lag darin, dass Rodney Carre einer der am wenigsten gefährlichen und erfolglosesten Vagabunden auf dem Meer war. Er sollte bloß deshalb hängen, weil Gouverneur Wood sich entschlossen hatte, um jeden Preis ein Exempel zu statuieren. Verglichen mit den Verbrechen der gnadenlosen kubanischen Seeräuber, die jetzt in der Karibik ihr Unwesen trieben, waren seine Vergehen nicht der Rede wert, aber Carre war derjenige gewesen, der sich hatte einfangen lassen.

Clive kannte ihn, wenn auch nicht sehr gut. Gelegentlich kam Carre nach Kingston, um sein Schiff zu überholen oder seine Waren auszuladen, und Clives Haus auf der Insel, Windsong, lag am nordwestlichen Ende der Harbor Street. In den letzten Jahren hatten sie kaum ein Dutzend Worte miteinander gesprochen und einander nur im Vorbeigehen einen Gruß zugenickt. Er hatte keinen Grund, Carres Schicksal zu bedauern.

„Und die Tochter des Piraten?“, fragte eine der Damen aufgeregt. „Werden sie sie auch aufhängen?“

„La Sauvage?“ Das war der Gentleman. „Sie wurde nicht gefangen. Und außerdem glaube ich nicht, dass irgendjemand auf der Insel ihr ein Verbrechen vorwerfen würde.“

Jetzt verstand Clive, warum er sich so beunruhigt fühlte. Carre hinterließ eine Tochter. Sie war zu jung, um wegen Piraterie angeklagt zu werden, auch wenn sie mit ihrem Vater gesegelt war.

Das ist nicht meine Angelegenheit, dachte er finster, während er sich King’s House zuwandte. Doch jetzt erinnerte er sich lebhaft an sie, denn gelegentlich hatte er sie gesehen, wenn sie auf den Wellen ritt wie ein Delfin, mit nichts als einem Chemisier bekleidet, oder wenn sie kühn am Bug ihres Kanus stand, ohne sich um Wind und Wellen zu kümmern. Sie waren einander nie offiziell vorgestellt worden, aber wie alle anderen auf der Insel erkannte er sie sofort. Sie schien ein sorgloses Leben am Strand und in den Straßen zu führen und war unmöglich zu verkennen mit ihrem langen, zerzausten, mondhellen Haar. Wild und frei war sie, und er hatte ihren übermütigen Freiheitsdrang stets bewundert.

Voller Unbehagen schob er seine Gedanken beiseite. Morgen, wenn Carre gehängt wurde, würde er sich nicht einmal in Spanish Town aufhalten. Stattdessen begann er sich zu fragen, was Woods wohl von ihm wollte. Sie waren Freunde – gelegentlich hatten sie in Sachen der Inselpolitik zusammengearbeitet und sogar bei der Gesetzgebung. Seit Woods im Amt war, hatte Clive zweimal Aufträge von ihm entgegengenommen und erfolgreich zwei ausländische Briganten gekapert. Woods war ein energischer Politiker und Gouverneur, und Clive respektierte ihn. Bei ein oder zwei Gelegenheiten hatten sie auch gemeinsam gezecht – Woods hatte eine Schwäche für weibliche Gesellschaft, wenn seine eigene Gattin gerade nicht in der Stadt weilte.

Zwei britische Soldaten sprangen zu den großen Türen des Gouverneurssitzes, als er an den sechs ionischen Säulen vorüberging, die den Ziergiebel mit dem prächtigen Wappen des Empire stützten. Seine von Gold und Rubinen glitzernden Sporen klirrten. „Captain de Warenne, Sir“, sagte einer der Soldaten. „Gouverneur Woods sagte, Sie sollen sofort hineingehen.“

Clive nickte ihm zu und betrat die weitläufige Eingangshalle mit dem Kristallkronleuchter. Während er auf dem gewachsten Parkettboden in dem runden Foyer stand, konnte er einen Blick in einen formellen Salon mit rotem Samt und Brokat erhaschen.

Thomas Woods stand hinter seinem Schreibtisch auf und lächelte bei Clives Anblick. „Clive! Komm herein, mein Guter, komm herein!“

Clive betrat den Salon und schüttelte Woods die Hand. Der Gouverneur war ein sehniger, gut aussehender Mann in den Dreißigern und trug einen dunklen Schnurrbart. „Guten Tag, Thomas. Wie ich sehe, wird die Hinrichtung wie geplant stattfinden.“ Die Worte waren heraus, ehe er darüber nachdenken konnte.

Woods nickte zufrieden. „Du warst fast drei Monate fort. Du hast keine Ahnung, was das bedeutet.“

„Natürlich habe ich das“, sagte Clive und verspürte wieder diese seltsame Spannung, als er an die Tochter des Piraten und ihre Zukunft dachte. Ihm kam der Gedanke, dass er Carre vielleicht in der Garnison in Port Royal besuchen sollte. „Bleibt Carre in Fort Charles?“

„Er ist ins Gefängnis gebracht worden“, erwiderte Woods. Das neu errichtete Gerichtsgebäude, das erst im vergangenen Jahr fertig geworden war, befand sich direkt gegenüber von King’s House auf der anderen Seite des Platzes. Woods trat an die Bar, die in die große holländische Anrichte an der Seite eingebaut war, und schenkte zwei Gläser voll Wein ein. Eines davon reichte er Clive. „Auf die morgige Hinrichtung.“

Clive stimmte in diesen Trinkspruch nicht mit ein. „Vielleicht solltest du versuchen, die Piraten zu erwischen, die unter der Flagge von Jose Artigas segeln“, sagte er und spielte damit auf den General an, der sich mit Portugal und Spanien im Krieg befand. „Rodney Carre hat mit diesen mörderischen Schurken nichts gemein, mein Freund.“

Woods lächelte. „Nun, ich hoffte, du würdest mit Artigas’ Männern fertig werden.“

Clive horchte auf, er war von Natur aus ein Jäger. Woods bot ihm eine gefährliche Mission an, von der Art, die anzunehmen er gewöhnlich nicht zögern würde. Doch so leicht wollte er sich nicht ablenken lassen. „Carre war nie so dumm, sich in britische Angelegenheiten zu mischen“, bemerkte er und trank einen Schluck Rotwein.

Woods fuhr auf. „Er ist also ein anständiger Pirat? Ein guter Pirat? Und warum verteidigst du ihn? Es wurde gegen ihn verhandelt, und er wurde für schuldig befunden. Morgen wird er hängen.“

Ein Bild erschien vor Clives innerem Auge, eines, das er nicht vertreiben konnte. Das Haar so hell wie der Sternenschein, ihr Hemd und ihre Hose vollkommen durchnässt, so hob La Sauvage die zarten Arme und sprang vom Bug des Schiffs ihres Vaters ins Meer hinunter. Er war im vergangenen Jahr nach Hause gekommen und hatte an Bord seiner liebsten Fregatte gestanden, der Fair Lady, als er sie durchs Fernrohr gesehen hatte. Er hatte gewartet, bis sie lachend wieder aufgetaucht war, und beinahe gewünscht, zusammen mit ihr in die ruhige türkisblaue See zu tauchen.

„Was ist mit dem Kind?“, hörte er sich sagen. Er hatte keine Ahnung, wie alt sie war, aber sie war klein und schmal.

Woods wirkte erschrocken. „Carres Tochter – La Sauvage?“

„Ich hörte, dass ihre Farm an die Krone gefallen ist. Was wird aus ihr werden?“

„Gütiger Himmel, Clive, ich weiß es nicht. Es heißt, sie hat Familie in England. Vielleicht wird sie dorthin gehen. Oder ich könnte mir vorstellen, dass sie zu den Schwestern von St. Anne’s in Sevilla gehen wird – dort gibt es ein Waisenhaus.“

Clive war entsetzt. Er konnte sich nicht vorstellen, wie ein solcher Freigeist so eingesperrt leben konnte. Und dies war das erste Mal, dass er davon hörte, das Mädchen habe Familie in England. Aber immerhin war Carre einst ein britischer Marineoffizier gewesen, insofern war das gewiss möglich.

Woods sah ihn an. „Du benimmst dich seltsam, mein Freund. Ich bat dich, heute hierherzukommen, weil ich hoffte, du würdest einen Auftrag von mir annehmen.“

Clive schob die Gedanken an Carres Tochter beiseite. Er ertappte sich bei einem Lächeln. „Darf ich hoffen, dass du nach El Toreador suchst?“, fragte er und spielte damit auf den gefährlichsten der Seefahrer an, die die Gegend heimsuchten.

Woods grinste. „Das darfst du.“

„Ich wäre mehr als erfreut, diesen Befehl anzunehmen“, sagte Clive und meinte das auch so. Die Jagd würde zweifellos seine reizbare Stimmung heben und die Ruhelosigkeit ersticken, die an ihm nagte. Er war für genau drei Wochen in Spanish Town gewesen – gewöhnlich blieb er ein oder zwei Monate –, und er würde nur bedauern, seine Kinder allein zu lassen. In seinem Heim auf der Insel lebten sein Sohn und seine Tochter, und wenn er auf See war oder im Ausland, dann vermisste er sie entsetzlich.

„Sollen wir etwas essen? Ich habe meinen Koch gebeten, unsere Leibspeisen vorzubereiten“, sagte Woods heiter und nahm Clives Arm. „Dabei können wir die Einzelheiten des Auftrags besprechen. Außerdem bin ich begierig darauf, dich nach deiner Meinung zu einem neuen Unternehmen auf Barbados zu fragen. Du hast doch gewiss von der Phelps Company gehört?“

Gerade wollte Clive bestätigen, dass er in der Tat davon gehört hatte, da schlugen die Soldaten vor der Tür des Gouverneurs Alarm. „Zurück!“, befahl er Woods und tastete gleichzeitig nach seinem Dolch.

Der Gouverneur erbleichte und zog hastig eine kleine Pistole. Aber er gehorchte und eilte an das andere Ende des Salons, während Clive ins Foyer hinaustrat. Den einen Soldaten hörte er schreien vor Schmerz, während der andere rief: „Sie können da nicht hineingehen.“

Die Vordertür wurde aufgerissen, und eine kleine, schlanke Frau mit langem blonden Haar stürmte herein, eine Pistole in der Hand. „Wo ist der Gouverneur?“, fragte sie aufgebracht und richtete die Waffe auf Clive.

Er sah in die strahlendsten grünen Augen, die er je gesehen hatte, und vergaß dabei ganz, dass eine Pistole auf seine Stirn gerichtet war. Entsetzt starrte er sie an. La Sauvage war kein Kind, sie war eine junge Frau und überdies eine sehr schöne junge Frau. Sie hatte ein dreieckiges Gesicht mit hohen Wangenknochen, einer schmalen, geraden Nase und einem breiten Mund mit vollen Lippen. Aber ihre Augen verblüfften ihn am meisten – nie zuvor hatte er solche Augen gesehen, so betörend wie die einer Dschungelkatze.

Er ließ den Blick über ihre Gestalt gleiten. Ihr mondhelles Haar war genau so, wie er es in Erinnerung hatte – eine wilde, gelockte Mähne, die ihr bis zur Taille reichte. Sie trug ein weites Männerhemd, das ihr bis zu den Schenkeln hing, aber die Andeutung einer Brust darunter war nicht zu übersehen. Ihre Beine in Hose und Männerstiefeln waren unverkennbar lang und weiblich.

Jetzt fragte er sich, wie er sie – selbst aus der Ferne – je für ein Kind hatte halten können.

„Sind Sie schwer von Begriff?“, schrie sie ihn an. „Wo ist Woods?“

Er holte tief Atem und lächelte aus irgendeinem Grund, während er die Fassung zurückgewann. „Miss Carre, bitte zielen Sie nicht mit der Pistole auf mich. Ist sie geladen?“, fragte er sehr ruhig.

Sie erbleichte, als hätte sie in diesem Moment begriffen, wer er war. „De Warenne.“ Dann schluckte sie. Die Waffe in ihrer Hand zitterte. „Woods. Ich muss zu Woods.“

Also kannte sie ihn. Dann wusste sie auch, dass er nicht mit sich spielen ließ. Wusste sie, dass jeder andere des Todes wäre, der so eine Waffe auf ihn richtete? War sie so tapfer, so dumm – oder so verzweifelt? Sein Lächeln wurde breiter, auch wenn er sich nicht erheitert fühlte. Er musste dieser Situation ein Ende bereiten, ehe sie verletzt oder eingesperrt wurde. „Geben Sie mir die Pistole, Miss Carre.“

Sie schüttelte den Kopf. „Wo ist er?“

Er seufzte – und trat vor. Ehe sie wusste, wie ihr geschah, hatte er ihr Handgelenk gepackt, und gleich darauf gehörte die Pistole ihm.

Tränen traten ihr in die Augen, und er wusste, es waren Tränen des Zorns. „Verdammt sollen Sie sein!“ Mit beiden Fäusten schlug sie nach ihm und trommelte gegen seine Brust.

Er reichte die Pistole einem der Soldaten und packte wieder ihre Handgelenke, behutsamer jetzt, um ihr nicht wehzutun. Es überraschte ihn, wie viel Kraft sie besaß, denn sie war so schlank und zierlich, dass sie zerbrechlich wirkte. „Bitte hören Sie auf. Sie werden sich noch wehtun“, sagte er sanft.

Sie wehrte sich gegen seinen Griff wie eine Wildkatze, fauchte sogar und spie ihn an, versuchte schließlich, ihm das Gesicht zu zerkratzen.

„Aufhören!“, befahl er und wurde allmählich ärgerlich. „Sie können mich nicht besiegen.“

Plötzlich sah sie ihm in die Augen und wurde ruhig, obwohl sie noch immer schwer atmete. Und während sie einander in die Augen sahen, fühlte er, wie sich in ihm Mitleid für sie regte. Selbst wenn sie schon eine junge Frau sein sollte, spürte er, dass sie in mancher Hinsicht noch ein Kind war. Und jetzt entdeckte er, dass in ihrem Blick nicht nur Verzweiflung lag. Er sah ihre Angst.

Morgen sollte ihr Vater hängen. Heute erst dachte sie daran, den Gouverneur aufzusuchen. „Sie haben doch nicht etwa vor, meinen Freund Woods umzubringen?“

„Das würde ich, wenn ich könnte“, fuhr sie ihn an. „Aber nein, seinen Tod werde ich aufschieben bis zu einem anderen Tag!“ Wieder begann sie ihre sinnlose Gegenwehr. „Ich bin gekommen, um bei ihm um Gnade für meinen Vater zu bitten. Ich muss sofort zu ihm!“

Beinahe wäre ihm das Herz gebrochen. „Wenn ich Sie loslasse, werden Sie dann stillhalten? Ich kann für eine Audienz beim Gouverneur sorgen.“

In ihren Augen erschien ein Hoffnungsschimmer. Sie nickte. „Ja.“

Er zögerte, verwirrt von seinen seltsamen Empfindungen. Aus heiterem Himmel fragte er sich, wie alt sie wohl sein mochte. Natürlich war er nicht an ihr interessiert, nicht auf diese Weise. Wie sollte er auch? Sie war zu jung, und sie war die Tochter eines Piraten. Zuletzt hatte er eine leidenschaftliche Affäre mit einer Habsburger Prinzessin gehabt, die als schönste Frau des Kontinents galt. Die verstorbene Mutter seiner Tochter war eine hinreißend exotische Konkubine gewesen, Sklavin im Harem eines Barbarenprinzen. Neben ihrer Schönheit hatte die jüdische Rachel auch über eine vornehme Bildung und bemerkenswerte Intelligenz verfügt, sie war eine der klügsten Frauen gewesen, denen er je begegnet war. Wenn es um die Damen ging, die sein Bett teilten, war er mehr als wählerisch. Er konnte unmöglich interessiert sein an einer halben Portion mit wilden Augen, die mit einer Pistole umging wie andere Damen mit ihrem Sonnenschirm.

Mit ausdrucksloser Miene betrachtete sie ihn. Sofort wurde er wachsam. „Sie werden sich benehmen.“

Sie lächelte nur schwach.

Jetzt war er wirklich beunruhigt. Versteckte sie irgendwo noch eine Waffe, vielleicht unter diesem weiten Hemd? Obwohl sie keine Dame war, würde er sie bloß ungern durchsuchen. „Miss Carre, geben Sie mir Ihr Wort, dass Sie sich im Haus des Gouverneurs höflich und respektvoll benehmen werden.“

Sie sah ihn verwirrt an, als hätte sie kein Wort von dem verstanden, was er da sagte, dennoch nickte sie.

Ganz kurz fasste er nach ihrem Arm, in der Hoffnung, sie in den Salon geleiten zu können, aber sie wich zurück, und er versuchte nicht noch einmal, sie zu berühren.

„Thomas? Würde es dir etwas ausmachen herzukommen? Ich würde dir gern Miss Carre vorstellen.“

Woods erschien an der Tür zum Salon. Seine Miene war finster, sein Gesicht hochrot. „Ein junges Mädchen ist an meinen Wachen vorbeigekommen?“ Er schien es nicht glauben zu können.

Clive spürte, wie zornig Woods war. „Sie sorgt sich um ihren Vater, und dazu hat sie allen Grund. Ich habe ihr versprochen, du würdest sie anhören.“

Woods schien ablehnen zu wollen. „Sie hat meine Männer angegriffen. Robards, sind Sie in irgendeiner Hinsicht verletzt?“

Der britische Soldat blieb in Habtachtstellung im Foyer stehen, sein Kamerad sicherte derweil die Vordertür. Sein Gesicht war gerötet. „Nein, Sir. Gouverneur, ich entschuldige mich für dieses Eindringen.“

„Wie ist sie an Ihnen vorbeigekommen?“ Woods schien noch immer fassungslos.

Robards’ Gesicht wurde noch dunkler. „Sir, ich weiß nicht …“

„Ich bat Sie, mir bei der Suche nach meinem kleinen Hund zu helfen, den ich verloren hatte“, sagte La Sauvage in einem übertrieben scheuen Tonfall, und dabei blinzelte sie ein paar Mal. Dann schwenkte sie die Hüften und schien sich eine Träne aus dem Auge zu wischen. „Sie waren ja so besorgt.“

Clive sah sie an und änderte seine Meinung zu La Sauvage sofort. Sie hatte gewusst, wie sie ihren beträchtlichen weiblichen Charme einsetzen musste, um die Soldaten zu betören. Also war sie nicht so unschuldig, wie sie erschien.

Woods warf ihr einen kalten Blick zu. „Sperrt sie ein.“

Sie schrie auf und fuhr herum, um Clive entsetzt anzusehen. Dann wurde ihr überraschter Blick vorwurfsvoll, als die Soldaten auf sie zukamen. „Sie haben es versprochen!“

Er stellte sich vor sie, versperrte den beiden Soldaten den Weg und hinderte die beiden so daran, sie zu ergreifen. „Tun Sie das nicht“, sagte er leise. Diesen Tonfall verwendete er nur, wenn er seinen Worten umgehend sehr ernste Konsequenzen folgen lassen wollte.

Die beiden Soldaten erstarrten.

„Clive! Sie ist in mein Haus eingedrungen!“, erinnerte Woods.

Sie fuhr zu dem Gouverneur herum. „Und Sie wollen meinen Vater aufhängen!“, schrie sie.

Clive nahm ihren Arm in der Absicht, sie festzuhalten, wenn es sein musste, doch auch getrieben von dem Wunsch, sie zu beschützen. „Thomas, du schuldest mir mehr als einen Gefallen, wenn ich mich recht erinnere. Jetzt fordere ich ihn ein. Hör sie an.“

Woods starrte ihn missbilligend an. „Verdammt noch mal, de Warenne“, sagte er sehr leise. „Warum tust du das?“

„Hör sie an“, sagte Clive noch leiser. Es war ein Befehl.

Woods Miene drückte Abscheu aus. Er winkte La Sauvage, ihm in den Salon voranzugehen.

Sie schüttelte den Kopf und kniff die schönen grünen Augen zusammen. „Sie zuerst.“ Dann lächelte sie kühl. „Ich kehre meinen Feinden niemals den Rücken zu.“

Im Stillen zollte Clive ihr Beifall. Dennoch war er besorgt, dass sie noch irgendwo eine Waffe verbergen könnte.

Woods seufzte. „Robards, bleiben Sie da, wo Sie sind. John, bitte kehren Sie auf Ihren Posten vor der Tür zurück.“ Beide Soldaten gehorchten, und der Gouverneur ging mit finsterer Miene zurück in den Salon.

La Sauvage wollte ihm folgen, aber Clive hatte ihr leises Lächeln bemerkt und packte sie am Arm. „He! Was haben Sie vor?“, fragte sie ihn.

Sehr leise, sodass Woods ihn nicht hören konnte, fragte er: „Sie sind unbewaffnet, oder?“

Sie sah ihm in die Augen. „Bin ich verrückt? Natürlich bin ich unbewaffnet.“

Sie blinzelte kein einziges Mal. Sie errötete nicht. Sie sah ihm fest in die Augen. Und dennoch wusste er ohne jeden Zweifel, dass sie log.

Er packte sie fester. Sie begann zu protestieren, versuchte, sich loszureißen, doch er hielt sie fest. „Ich bitte um Verzeihung“, sagte er kalt und spürte, wie ihm vor Wut das Blut ins Gesicht stieg. Mit der freien Hand umfasste er ihre Taille und erwartete, unter dem Hemd eine weitere Pistole zu erspüren. Stattdessen stellte er verblüfft fest, wie schmal ihre Taille war. Wenn er es versuchte, könnte er sie vermutlich mit beiden Händen umfassen.

„Nehmen Sie Ihre Pfoten von mir weg“, fuhr sie ihn empört an.

Er achtete nicht auf sie, ließ eine Hand über ihren Rücken gleiten und versuchte nicht daran zu denken, noch tiefer zu fassen. Sie begann, sich zu wehren. „Lüstling!“

„Halten Sie still“, murmelte er und tastete die andere Seite ihrer Taille ab.

„Sind Sie jetzt glücklich?“, fragte sie und wehrte sich mit hochrotem Kopf weiter gegen ihn.

„Sie erschweren dies hier unnötig“, sagte er und hielt dann inne. An der linken Seite ihrer Hüfte hatte sie etwas unter dem Hemd befestigt.

Sie versuchte, sich zu befreien.

Er sah sie an, ließ eine Hand unter ihr Hemd gleiten und ertastete die Spitze des Dolches, der auf Höhe ihrer Rippen hing.

„Verdammt sollen Sie sein!“, wisperte sie und versuchte, sich ihm zu entwinden.

Zu seinem Entsetzen fühlte er die schwere Rundung einer nackten Brust an seiner Hand, als er versuchte, das Messer zu lösen.

Sie erstarrte und er ebenso.

„Bastard!“ Sie riss sich los.

Er versuchte, ruhig zu atmen und seine Erregung zu ignorieren. Unter diesem weiten, übergroßen Hemd gab es einen verlockenden Körper, der einer reifen Frau gehörte. Er schob ihren Dolch in seinen Gürtel. Es dauerte einen Moment, ehe er sprechen konnte. „Sie haben gelogen!“

Sie warf ihm einen wütenden Blick zu und trat hinter Woods in den Salon.

Er hoffte, dass sie nicht noch irgendwo ein Stilett versteckt hatte, vielleicht an ihrer Hüfte oder ihrem Schenkel. Er verstand nicht, warum er so auf ihren Körper reagierte, der so schlank und doch so weich wirkte. Schließlich hatte er unzählige schöne, betörende Frauen besessen. Er gestattete sich dieses Verlangen, wann immer es passend schien. Ganz bestimmt war er kein grüner Junge mehr, der seine Lust kaum beherrschen konnte. Er wollte nichts, weder jetzt noch sonst irgendwann, für La Sauvage empfinden. Aber diesmal hatte ihn sein Körper im Stich gelassen.

Das gefiel ihm gar nicht.

Er schlenderte in den Salon und ließ die Tür offen. Der Gouverneur hatte einen großen Lehnstuhl als Sitzgelegenheit gewählt, sodass er überaus würdevoll wirkte. Er bedeutete ihr zu sprechen, mit einer abrupten und irgendwie respektlosen Geste.

Sein Benehmen verärgerte Clive. Offensichtlich hatte Woods seine Entscheidung bereits getroffen, und nichts, was La Sauvage sagte oder tat, würde irgendetwas daran ändern.

Aber sie begann zu weinen, und die Tränen rannen haltlos über ihr atemberaubendes Gesicht. Er wusste, das war Teil ihres Plans, doch er wusste auch, dass dieser aus Furcht und Verzweiflung geboren war.

„Gib ihr eine Chance“, sagte er zu Woods.

„Das muss ich nicht tun“, versetzte der knapp.

„Bitte“, flüsterte sie. Ihre Stimme klang leise und sehr weiblich, wie ein Flehen, und sie faltete die Hände vor dem Körper wie zum Gebet. Bei dieser Geste straffte sich ihr Hemd über einer überraschend vollen Brust. Clive war sofort abgelenkt und starrte sie an, und Woods machte es ebenso. Offensichtlich war auch er nicht immun gegen ihren Charme.

„Mylord, mein Vater ist alles, was ich habe. Er ist ein guter Mann, Sir und ein guter Vater. Er ist kein richtiger Pirat, wissen Sie. Er ist ein Pflanzer, und Sie können nach Belle Mer gehen und sich mit eigenen Augen davon überzeugen. In diesem Jahr haben wir die beste Ernte seit Jahren!“

„Ich denke, wir wissen beide, dass er verschiedene Male als Pirat aufgefallen ist“, sagte Woods streng.

Sie fiel auf die Knie. Clive erstarrte. Ihr Gesicht befand sich auf derselben Höhe wie die Hüften des Gouverneurs, und er fragte sich, ob sie wohl wusste, wie herausfordernd diese Haltung wirkte. „Er war niemals ein Pirat. Sie irren sich, Sir! Das Gericht hat sich geirrt! Er war ein Kaperfahrer! Er hat für das Empire gearbeitet und Piraten gejagt – genau wie Captain de Warenne! Wenn Sie ihn begnadigen, wird er nie wieder segeln.“

„Miss Carre, bitte stehen Sie auf. Wir wissen beide, dass Ihr Vater nichts mit dem ehrenwerten Captain hier gemeinsam hat.“

Sie rührte sich nicht. Ihr voller, üppiger Mund begann zu beben. Selbst wenn sie gestanden hätte, wirkte das so herausfordernd, dass es unmöglich zu ignorieren war. Aber sie hockte auf den Knien wie eine Hure vor einem Freier. Woods starrte auf ihren Mund. Seine Miene wurde angespannt, seine dunklen Augen schienen jetzt schwarz.

Clive gefiel es nicht, was jetzt geschah.

„Ich kann ihn nicht verlieren“, flüsterte sie. „Wenn Sie ihn begnadigen, wird er das Gesetz wie ein Heiliger befolgen. Und ich …“ Sie hielt inne und leckte sich die Lippen. „Ich werde Ihnen so dankbar sein, Sir, dankbar für alle Zeit, egal – egal, was Sie von mir verlangen.“

Woods machte große Augen, regte sich jedoch nicht.

Sie wollte sich für ihren Vater prostituieren? Clive packte sie am Arm und zog sie auf die Füße. „Ich glaube, das reicht jetzt.“

Sie fuhr herum und warf ihm einen empörten Blick zu. „Niemand will Sie hier haben! Lassen Sie mich in Ruhe! Ich rede mit dem Gouverneur! Kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten!“

„Sie bieten sich ihm an, meinen Sie wohl“, sagte Clive und war selbst wütend. Er zog an ihrem Arm. „Seien Sie still.“ Dann sah er Woods an. „Thomas, warum begnadigst du Carre nicht? Wenn seine Tochter die Wahrheit sagt, wird er aufhören mit der Piraterie. Wenn nicht, dann verspreche ich dir, ihn persönlich wieder einzufangen.“

Woods stand langsam auf. Er warf einen kurzen Blick zu Clive, aber dann sah er wieder La Sauvage an. Obwohl sie aufrecht dastand, zitterte sie. „Ich werde Ihr Angebot in Erwägung ziehen, Miss Carre.“

Sie sah den Gouverneur erstaunt an. Clive ebenso. „Das wirst du tun?“

„Ich beabsichtige, das heute Nacht zu tun.“ Er hielt inne, sodass sie die Bedeutung seiner Worte erfassen konnten.

Clive wurde wütend, denn er verstand sofort.

Aber La Sauvage war weniger erfahren als die beiden Männer, daher dauerte es bei ihr einen Moment länger. Dann straffte sie die Schultern. Ihr Gesicht wurde dunkelrot. „Kann ich hier auf Ihre Entscheidung warten, Sir?“

„Natürlich.“ Endlich lächelte er sie an.

Clive stellte sich vor ihn. „Und ich habe dich für einen Freund gehalten!“, sagte er.

Woods zog die Brauen hoch. „Ich bin sicher, auch du würdest eine solche Gelegenheit ergreifen. Jetzt willst du ihre Tugend verteidigen?“ Er klang belustigt.

Wie es schien, tat er genau das. „Darf ich davon ausgehen, dass Mrs Woods in London bleibt?“

„Sie hält sich in Frankreich auf.“ Woods war nicht verstimmt. „Komm schon, Clive, beruhige dich. Wir sollten unser verspätetes Mittagessen einnehmen, während Miss Carre sich ausruht und meine Entscheidung abwartet.“

„Tut mir leid. Mir ist der Appetit vergangen.“ Er wandte sich an La Sauvage. „Gehen wir.“

Sie stand da und wirkte sehr jung, sehr ernst – und sehr entschlossen. Genauso gut hätte sie sich auf dem Weg zum Galgen befinden können. Sie schüttelte den Kopf. „Ich bleibe hier.“

„Den Teufel werden Sie tun“, sagte Clive leise und drohend.

Und wieder traten Tränen in ihre Augen. Echte Tränen. „Gehen Sie weg, de Warenne. Lassen Sie mich in Ruhe.“

Clive kämpfte mit sich. Warum interessierte es ihn? Sie schien jung, aber sie konnte unmöglich unschuldig sein, bei dem Leben, das sie geführt hatte. Er war nicht ihr Beschützer.

„Du hast die Dame gehört“, sagte Woods leise. „Es wird ihr nicht wehtun, Clive. Vielleicht gefällt es ihr sogar.“

Er war blind von einer Wut, wie er sie nie zuvor erfahren hatte. Bilder tanzten vor seinem inneren Auge. Woods, wie er La Sauvage in den Armen hielt, sich rücksichtslos an ihrem schlanken und doch so üppigen Körper verging. Er rang nach Atem, und als er wieder sprechen konnte, sah er den Gouverneur an. „Tu das nicht.“

„Warum nicht? Sie ist eine Schönheit, selbst wenn sie merkwürdig riecht.“

Sie roch nach Meer, und Clive fand das nicht im Geringsten abstoßend. „Sie erwartet einen Freispruch.“

„Bist du ihr Fürsprecher?“ Woods war belustigt.

„Ich will für niemanden der Fürsprecher sein“, erwiderte er in scharfem Ton.

„Hören Sie auf, über mich zu reden, als wäre ich nicht dabei!“, rief sie.

Langsam drehte Clive sich zu ihr um. „Kommen Sie mit mir“, sagte er. „Sie müssen das hier nicht tun.“

Sie starrte ihn an und wurde kreidebleich. „Ich muss meinen Vater befreien.“

„Dann lassen Sie sich einen Vertrag geben – Ihre Dienste für seine Freiheit.“

Sie wirkte verwirrt. „Ich kann nicht lesen.“

Er seufzte und drehte sich zum Gouverneur herum. „Wirst du hinterher damit leben können?“

Woods schüttelte den Kopf. „Gütiger Himmel, Clive, sie ist die Tochter eines Piraten.“

Clive drehte sich zu ihr um, aber sie wollte ihn nicht ansehen und hielt die Arme vor der Brust verschränkt. Er war wütend auf sie, auf Woods und sogar auf sich selbst. Mit dem letzten Rest seiner Selbstbeherrschung ging er hinaus und überließ sie ihren Angelegenheiten.

Draußen ballten sich Wolken zusammen, und eine frische Brise wehte mit beinahe zwanzig Knoten übers Land. Spanish Town lag ein Dutzend Meilen von der Küste entfernt, und er war mit der Kutsche gekommen, nicht über den Fluss. Dennoch wusste er, dass die Wellen Schaumkronen hatten und dass es ein guter Tag zum Segeln war. Gerade jetzt würde er gerne auf seinem Boot sein und vor dem Wind herrasen.

Seine Schläfen pochten. Nun wollte er weglaufen? Mit finsterer Miene rieb er sich die Stirn. La Sauvage war nicht sein Problem.

Doch sie hatte nichts verstanden, denn in vieler Beziehung war sie naiv. Sie wollte die Amnestie ihres Vaters mit ihrem Körper erkaufen, aber Woods würde sie benutzen und ihren Vater trotzdem aufhängen.

Jamaika war sein Zuhause. Und auch wenn er nur ein paar Monate im Jahr hier verbrachte, war er einer der wichtigsten Bürger dieser Stadt, und es geschah hier nur wenig ohne seine Zustimmung. Wäre er dabei gewesen, als Carre gefangen wurde, hätte er dafür gesorgt, dass sein Fall niemals vor Gericht kam. Aber so war er als Pirat verurteilt worden, und nicht nur die Jamaican Royal Times hatte darüber berichtet, sondern auch die Gazetten auf den meisten anderen Inseln. Selbst die amerikanischen Zeitungen hatten über den Fall geschrieben. Jetzt war es zu spät, um die Hinrichtung aufzuhalten.

Und Woods war ein strenger Gouverneur. Es hatte ein paar bessere gegeben, aber viele schlechtere. Clive unterstützte ihn bei seiner Politik, sich darum zu bemühen, die kubanischen Piraten zu vertreiben. Was immer jetzt auch geschehen mochte, er musste weiterhin ein gutes Verhältnis zu ihm pflegen. Sie verfolgten zu viele gemeinsame Interessen.

Ich flehe Sie an, Sir, mir nicht meinen Vater zu nehmen. Er ist ein guter Mann und ein guter Vater, und er ist alles, was ich habe.

Sie konnte ihren Vater nicht retten, und ganz gewiss nicht in Woods’ Bett. Clive machte kehrt und betrachtete die beeindruckende Vordertür unter dem weißen Vordach von King’s House. Verdammt, er musste etwas tun.

Er ging zurück zum Haus des Gouverneurs. „Ich fürchte, ich brauche den Rat des Gouverneurs noch einmal.“

Robards sah ihn bedauernd an. „Es tut mir leid, Captain. Der Gouverneur darf heute Nachmittag nicht mehr gestört werden.“

Clive konnte es nicht glauben, aber das dauerte nur einen Moment lang. „Dies hier kann nicht warten.“ Ohne dass er es merkte, war sein Tonfall leise und warnend geworden.

Der junge Soldat errötete. „Sir, es tut mir leid“, begann er.

Clive griff nach seinem Degen. Er sah Robards an und ging an ihm vorbei, dann stieß er die Vordertür auf. Die Stille im Haus umfing ihn, und er wusste, sie waren zusammen. Sein Herz schlug wie rasend. Alle wichtigen Räume des King’s House lagen im Erdgeschoss, genau wie die Privatgemächer des Gouverneurs. Da Woods beschlossen hatte, La Sauvage keinen Nachmittagsschlaf zu gönnen, bezweifelte er, dass sie sich in einem der Gästezimmer befanden. Nein, er hatte sie in seine Privatgemächer mitgenommen. Davon war Clive überzeugt.

Robards war ihm bis an die Schwelle zum Foyer gefolgt. „Sir! Bitte!“

Clive lächelte ihn an und stieß ihm mit dem Fuß die Tür vor der Nase zu. Dann legte er den Riegel vor. Er ging die Halle entlang und verspürte die Ruhe vor der Schlacht. Das erwartungsvolle Gefühl gefiel ihm. Die vollkommene Flaute vor dem Sturm.

Im Haus blieb es erstaunlich still. Während er immer weiter ging, konnte er sie vor sich sehen, nackt, heiß, ineinander verschlugen, Woods bebend vor Lust. Sein stummer Zorn wuchs.

Er war noch nie in den Privaträumen des Gouverneurs gewesen, aber King’s House war vor gut fünfzig Jahren erbaut worden, und er vermutete die Räume im Westflügel, wie in so vielen Häusern aus dieser Zeit.

Er probierte vier Türen aus, während er in den westlichen Korridor ging, alle führten zu leeren Gästezimmern. Und als er zur letzten Tür am Ende kam, hörte er das leise Lachen eines Mannes.

Sein Blut loderte heißer.

Er drehte den Knauf und stieß die Tür auf.

Er sah sie sofort.

Woods stand mitten im Raum, hinter ihm sah Clive ein großes Himmelbett. Der Gouverneur hatte seine Jacke, die Weste und das Hemd ausgezogen, sodass sein muskulöser Oberkörper nackt war. Seine Hose stand offen, die ganze Männlichkeit den Blicken dargeboten.

Sie stand am Bett, gehüllt in den saphirblauen seidenen Hausmantel eines Mannes, der aber nicht verschlossen war, sodass er ihre schlanken, hellen Schenkel sehen konnte, den kleinen Bauch und ihre vollen Brüste. Ihre Miene drückte Verzweiflung aus, aber auch Entschlossenheit. Sie würde jetzt nicht aufgeben.

Clive betete, dass er nicht zu spät kam.

Er ging auf Woods zu, der so sehr mit seinem Opfer beschäftigt war, dass er ihn erst sah, als Clive die Faust hob. Woods schrie auf, doch Clive versetzte ihm einen Schlag, der ihn gegen die Wand schleuderte, wo er dann zu Boden glitt, als hätte er das Bewusstsein verloren.

Clive trat zu ihm, griff in Woods’ Haar und riss den Kopf zurück. Dann sah er in die verschleierten Augen. „Die Gesellschaft wird es lieben, darüber zu klatschen, meinst du nicht?“, stieß er hervor. Diese Drohung war ihm soeben in den Sinn gekommen, doch sie zeigte Wirkung. Woods hatte einen Ruf zu verlieren, und seine Frau wäre außer sich, sollte sie je von seinem skandalösen Verhalten erfahren.

„Wir sind – Freunde“, keuchte Woods.

„Nicht mehr.“ Clive musste sich sehr beherrschen, um ihn nicht noch einmal zu schlagen. Dann hörte er sie schluchzen.

Er fuhr herum und eilte zu ihr. Sie hockte jetzt auf allen vieren und rang um Fassung. Er kniete nieder und legte einen Arm um sie. Nur zu deutlich spürte er ihren nackten Körper neben seinem, und er war sich auch nur zu deutlich bewusst, dass Woods sie vermutlich in der abscheulichsten Art und Weise benutzt hatte. Langsam sah sie zu ihm auf, ihre grünen Katzenaugen wirkten groß und verletzlich.

Er hoffte, dass seine schlimmsten Befürchtungen noch nicht eingetreten waren. „Ich bringe Sie hier heraus“, sagte er leise.

Zu seinem Entsetzen schüttelte sie den Kopf. „Lassen Sie mich … in Ruhe“, flüsterte sie.

Am liebsten hätte er seinen einstigen Freund umgebracht, als er ihr Gesicht mit beiden Händen umfasste. „Hören Sie mir zu!“, sagte er drängend. „Er wird Ihren Vater nicht begnadigen, was immer Sie auch tun oder wie oft Sie es tun. Verstehen Sie das?“

„Aber es ist meine einzige Chance, ihn zu retten!“, keuchte sie.

Als er sie auf seine Arme hob, sah er, dass ihr Mund geschwollen war, und bemerkte überrascht, dass sie sich an ihm festhielt. Jetzt war nicht zu verkennen, dass er sie beschützen wollte, aber er war sich auch ihrer offenen Robe bewusst und ihrer weichen Brüste, die er an seinem Körper spürte. Und er hatte einen Blick auf ihre Schenkel erhascht. „Diese Chance hat es nie gegeben“, sagte er heiser und trug sie aus dem Zimmer.

In der Halle blieb er stehen, bemerkte plötzlich, dass vor der Haustür Soldaten standen und dass er soeben den Gouverneur Seiner Majestät angegriffen hatte. Sie würden schleunigst durch das Fenster fliehen müssen, und in den kommenden Tagen sollte er einige politische Schachzüge unternehmen. Auch wenn Woods nicht mehr sein Freund sein mochte, sie würden weiterhin zusammenarbeiten müssen, wenn er ein einflussreicher Bewohner der Insel bleiben wollte. Plötzlich fiel ihm auf, dass seine Last sich seltsam ruhig verhielt.

Er sah sie an.

Sie blickte zu ihm auf, die Hände noch immer um seinen Nacken geschlungen, und errötete.

Er ließ den Blick zu ihren schönen Brüsten gleiten, dann tiefer zu ihrem schlanken Leib, ihrem kleinen rosa Nabel und dem hellen Dreieck darunter. Auch wenn er ein Freibeuter war, er war ein Gentleman, und er sah ihr wieder ins Gesicht, während er spürte, wie ihm heiß wurde. Mit einer Hand schob er den Hausmantel etwas ungeschickt zusammen. „Wie sehr hat er Ihnen wehgetan?“, fragte er.

„Können Sie mich abstellen?“, fragte sie statt einer Antwort.

Er gehorchte sofort.

Sie lächelte ihn an, bevor sie ihm sehr fest gegen das Schienbein trat. Und dann stieß sie ihn beiseite und lief los.

Verblüfft streckte er eine Hand nach ihr aus, aber sie war geschickt, schnell und entschlossen. Sie duckte sich unter seinem Arm hindurch und lief durch die Halle, wobei der Hausmantel hinter ihrem nackten Körper herflatterte wie ein Banner. Er nahm mit einiger Verspätung die Verfolgung auf und spürte dabei eine unbehagliche Unruhe in seinem Innern. Beinahe wünschte er, er hätte sich da nicht mit hineinziehen lassen, denn er ahnte, dass dies nur der Anfang war. Und als er die Tür erreichte, war niemand dort.

La Sauvage war fort.

2. KAPITEL

Amanda lief durch eine Terrassentür und einen Innenhof. King’s House nahm in der Stadt zwei ganze Blocks ein und war um zwei Innenhöfe herum errichtet; sie eilte eine weiße Steintreppe hinunter und in die Gärten. Dann stolperte sie, verlor das Gleichgewicht, fiel auf die Knie und begann zu würgen. Aber seit Tagen schon hatte sie nichts essen können, ihr war so übel vor Angst um ihren Vater, und deswegen brachte sie nichts heraus. Endlich lag sie auf dem dichten, feuchten Gras und gestattete sich den Luxus zu weinen.

Das Entsetzen überwältigte sie. Morgen Mittag würde man Papa aufhängen. Es war ihre letzte Chance gewesen, den Gouverneur aufzusuchen und um Verzeihung zu bitten. Sie hatte nicht vorgehabt, ihm ihren Körper anzubieten, aber als er sie so gemustert hatte, wie die Seeleute und anderes Gesindel es taten, hatte sie sofort gewusst, was sie tun musste. Wie oft hatte sie gesehen, wie eine Frau ihren Vater verführte, um eine Brosche oder einen Seidenballen zu bekommen? Es gab nur einen Weg, wie eine Frau einen Mann zu etwas bringen konnte, das war Amanda wohl bewusst. Sie war zwischen Seeleuten und Dieben aufgewachsen, und die einzigen Frauen, die sie kannte, waren Marketenderinnen und Huren. Die Welt, in der sie groß geworden war, ruhte auf einem Fundament aus Gewalt und Sex.

Aber sie hatte Woods nicht ihren Körper gegeben, weil Clive de Warenne sie daran gehindert hatte.

Sie holte tief Luft, und ihr Herz schlug schneller. Warum hatte er sich eingemischt? Er war der größte Freibeuter seiner Zeit, so reich und mächtig wie ein König. Niemand konnte über ihn bestimmen – das hatte sogar Papa gesagt. Und er stand in dem Ruf, an Land genauso gefährlich zu sein …

Papa. Sie trauerte bereits, und sie erinnerte sich daran, dass ihr Vater noch nicht tot war. Aber der Kummer und die Angst hatten sich zusammengetan, so stark wie Opium, eine Droge, die ihr einmal verabreicht worden war, ehe Papa verstand, was geschah, und eingreifen konnte. Sie setzte sich auf und schloss den Hausmantel sorgfältig. Rodney hatte dem Freibeuter die Kehle durchgeschnitten, der sie betäuben und dann verführen wollte, genau vor Amandas Augen. Er hatte sie beschützt vor den Männern, die sie begehrten, und später hatte er sie gelehrt, wie sie sich mit Degen, Pistole und Dolch selbst verteidigen konnte, wenn er nicht da war. Seine Fahrten dauerten oft Monate, und er ließ ihr immer genügend Vorräte da, sodass sie nicht hungern musste, jedenfalls nicht, wenn er rechtzeitig zurückkam. Er war ein guter Vater, und jetzt hatte sie ihn im Stich gelassen, während er doch die Stütze ihres Lebens war. Dieses eine einzige Mal, da es um Leben und Tod ging, hatte sie ihren Vater im Stich gelassen.

Ihre Gedanken überschlugen sich, während sie nach einem anderen Weg suchte, um Rodney zu retten. Den Gedanken, ihren Vater durch einen Ausbruchsversuch zu befreien, hatte sie schon vor längerer Zeit verworfen. Die meisten Besatzungsmitglieder waren bei der Schlacht mit dem englischen Offizier, der die Amanda C gekapert hatte, getötet worden, und die übrige Besatzung war ebenfalls im Gefängnis und wartete darauf, an den Galgen gebracht zu werden.

Wenn sie ihn nicht mit Gewalt befreien konnte, könnte sie vielleicht zurück ins Haus zu Woods gehen?

Beinahe hätte sie sich wieder erbrochen. Sie hatte vorgehabt, das zu tun, was alle Frauen in einer Krise taten, aber ihr wurde übel bei dem Gedanken an das, was da um ein Haar geschehen wäre. Obwohl sie beinahe jeder denkbaren Handlung zwischen Mann und Frau zugesehen hatte – oder das jedenfalls glaubte –, war sie selbst noch unberührt. Sie hatte noch nie zuvor geküsst. Rodney Carre hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass jedem Mann, der das wagte, die Kehle durchgeschnitten und seine Männlichkeit den Haien zum Fraß vorgeworfen würde.

De Warenne hatte sie gerettet.

Amanda zog die Knie an die Brust und vermochte ihre Gedanken nicht mehr länger im Zaum zu halten. Sein selbstloses Verhalten erstaunte sie. Warum hatte er sich eingemischt? Jeder Mensch, den sie kannte, benahm sich vernünftig und selbstsüchtig – so lautete das Gesetz des Überlebens. Fremde halfen einander nicht. Warum sollten sie das auch tun? Dafür war die Welt zu gefährlich. Warum also hatte er sie vor Gouverneur Woods gerettet?

Ihr Herz schlug schneller. Sie schluckte und erinnerte sich. Denn auch er hatte sie angesehen, dreister und offener, als je ein Seemann es gewagt hatte.

Aufgeregt, wie sie war, begann ihr Herz dennoch wie rasend zu schlagen. Verwirrt presste sie die Hände gegen die plötzlich glühend heißen Wangen. Er hatte ihren nackten Körper angesehen, aber er hatte sie auch schon genau gemustert, als sie King’s House betreten hatte, als sie noch vollständig angekleidet gewesen war. Sie konnte sich nicht erinnern, dass je ein Mensch, Mann oder Frau, sie mit seinem so durchdringenden Blick bedacht hatte. Es war ein Blick, den sie niemals vergessen würde und von dem sie wünschte, sie könnte ihn verstehen.

Natürlich kannte sie ihn. Wer kannte ihn nicht? Er war unübersehbar, wenn er auf dem Achterdeck seines Lieblingsschiffes stand, seiner mit 38 Kanonen bestückten Fregatte, der Fair Lady. Ein großer, alles überragender Mann mit einer Löwenmähne, der nicht zu verkennen war. Und alle wussten, dass er zweiundvierzig Piraten in seiner jetzt zehn Jahre währenden Karriere als Kaperfahrer gefasst hatte. Auf den Westindischen Inseln konnte bisher niemand diesen Rekord überbieten.

Amandas Herz schlug immer noch viel zu schnell. Sie fühlte sich unbehaglich und verwirrt. Warum hatte ein solcher Mann ihr geholfen? Er war viel mehr als ein Kaperfahrer. Sie hatte zugehört, wie die eleganten Damen in der Stadt einander kichernd erzählten, dass er mehr Pirat als Gentleman war, doch die konnten sich kaum mehr irren. Piraten waren üble Burschen mit stinkendem Atem, fehlenden Zähnen und schmutzigen Leibern. Piraten verursachten überall Blutvergießen, doch wenn sie einmal jemandem die Treue geschworen hatten, konnten keine besseren Freunde gefunden werden. Piraten trugen schmutzige Kleidung, wuschen sie niemals und besuchten die hässlichsten Huren.

De Warenne roch nach dem Meer, vermischt mit dem Duft von Gewürzen aus dem Fernen Osten und Mangos von der Insel. Obwohl er in einem Ohr einen goldenen Ring trug, wie es manche Piraten taten, und auch diese großen Sporen mit Gold und Rubinen, war seine Kleidung makellos. Jeder wusste, dass die Mutter eines seiner Bastarde eine echte Prinzessin war. Sein Ruf war der eines Frauenhelden, aber seine Geliebten waren keine Huren, oh nein, ganz im Gegenteil. Und warum auch nicht? Er war der Sohn eines Earls. De Warenne war von edlem Geblüt.

Und selbst sie, die noch keinen Mann mit bewundernden Blicken angesehen hatte – außer ihrem Vater natürlich –, musste zugeben, dass er geradezu unerträglich schön war.

Amanda wusste, dass sie jetzt errötete. Nur zu gut konnte sie sich daran erinnern, wie er sie auf seinen Armen getragen und aus den Gemächern des Gouverneurs gebracht hatte. Aber warum nur dachte sie daran – oder an ihn? Sie musste ihren Vater befreien, ehe er gehängt wurde.

Mit einem Schlag erkannte sie, dass ihr keine anderen Möglichkeiten mehr blieben. Wenn sie ihren Vater nicht mit Gewalt befreien und sie Woods nicht verführen konnte, damit er ihren Vater begnadigte, was konnte sie dann tun?

Sie schluckte schwer. Was hatte de Warenne genau gesagt?

Warum Carre nicht begnadigen? Wenn er seine Piratenzüge nicht aufgibt, dann werde ich, das verspreche ich, ihn persönlich einfangen.

Amanda sprang auf. Er konnte ihr helfen – er musste einfach!

Windsong lag oberhalb des Hafens von Kingston, ein großes und eindrucksvolles weißes Steinhaus, das Clive vor fünf Jahren zu bauen begonnen und endlich im vergangenen Jahr fertiggestellt hatte. An der Rückseite des Hauses ragten Terrassen, von Geländern umgeben, über den Hafen hinaus, während an der Vorderseite eine zweigeteilte Treppe zu einer anderen Terrasse führte und zu dem beeindruckenden Eingang aus weißem Marmor. Auf der anderen Seite des dreistöckigen Haupthauses lagen identische Pavillons. Er konnte an der nördlichen Brüstung stehen und die ganze King Street überblicken, aber lieber stand er auf der südlichen Terrasse, trank von seinem besten irischen Whiskey und beobachtete die hereinkommenden Schiffe. Auch jetzt stand er da, nachdem er seinen Majordomus gebeten hatte, ihm ein Getränk zu bringen, doch sein Blick ruhte auf Port Royal, nicht auf dem Meer. Dort konnte er die Mauern von Fort Charles erkennen. Er hob sein Fernrohr.

Die Amanda C lag dort vor Anker, die Segel zerfetzt, alle Masten gebrochen, das Deck durchlöchert von Kanonenkugeln. Sie war eine schmale Schaluppe mit neun Kanonen. Einst war sie gewandt genug gewesen, den meisten Marineschiffen zu entwischen, doch jetzt war sie vollkommen zerstört. Sie trug nicht die Piratenflagge mit Schädel und Knochen, sondern die britischen Farben.

Clive ließ das Fernrohr sinken. Er wollte nicht über Carres Schicksal nachdenken oder über das seiner Tochter. Carre war in Spanish Town und wartete auf seine Hinrichtung am nächsten Morgen. Er wünschte, er wüsste, wo La Sauvage sich aufhielt. Sie war so schnell verschwunden, als wäre sie nichts als ein Geist gewesen.

Noch immer konnte er sich erinnern, wie sich ihr fester und doch weicher Körper in seinen Armen angefühlt hatte, auch wenn er sich noch so sehr wünschte, das zu vergessen.

„Papa! Papa!“

Als er den fröhlichen Ausruf seiner geliebten Tochter hörte, drehte sich Clive um und strahlte. Alle Gedanken an die wilde Kindfrau waren vergessen. Ariella war erst sechs Jahre alt, mit großen strahlenden blauen Augen, einer olivbraunen Haut und goldenem Haar. Sie war so schön, wie sie fremdartig wirkte, und wann immer Clive sie ansah, erstaunte es ihn nicht wenig, dass dieses wunderbare Kind ihm gehörte. „Komm her, meine Süße!“

Doch sie stürmte ohnehin schon über die Terrasse und warf sich ihm in die Arme. Er lachte, hob sie hoch und drückte sie fest an sich. Wie eine kleine englische Prinzessin war sie in die feinste Seide gekleidet, die er für Geld hatte kaufen können, und trug um den Hals eine Kette aus perfekt geformten Perlen. Er stellte sie wieder ab, und sie fragte: „Segelst du heute noch, Papa?“ Ihre Miene war jetzt sehr ernst. „Du hast nämlich versprochen, dass du mich mitnehmen wirst, wenn du das nächste Mal segelst.“

Er musste lächeln. Sie konnte sagen, was sie wollte, er wusste, dass sie nicht gern mit dem Schiff unterwegs war. „Ich habe es nicht vergessen, mein Liebling. Und nein, ich segle nicht. Ich musste in Spanish Town noch einiges erledigen.“

„Etwas Gutes?“

Sein Lächeln verschwand. „Ehrlich gesagt war es nicht schön.“ Er zupfte an einer ihrer Haarsträhnen. „Es war ein guter Tag zum Segeln. Wie viele Knoten haben wir?“

Sie zögerte und biss sich auf die Lippe. „Zehn?“

Er seufzte. „Acht, Liebling, aber du warst nahe dran.“ Er wusste, dass sie einfach geraten hatte.

„Muss ich den Wind einschätzen können, um mit dir zu segeln?“

„Nein, das musst du nicht, das kann dein Bruder machen. Außerdem sollte ich nicht versuchen, aus dir einen Seemann zu machen.“ Ariella zeigte keine besondere Liebe zum Meer, obwohl sie es ertrug, um mit Clive zusammen sein zu können. Sein Sohn war das genaue Gegenteil. Aber er war darüber nicht sehr traurig, denn sie besaß den wachsten Verstand, mit dem er je zu tun gehabt hatte. Tatsächlich konnte sie den ganzen Tag mit einem Buch verbringen, und er war nicht sicher, ob er deswegen stolz oder besorgt sein sollte. „Bald, meine Süße, wirst du mit deinem Vater die ganze Welt bereisen.“

„Aber nur ich, nicht Alexi. Er kommt nicht mit.“ Sie machte einen Schmollmund.

Er schüttelte den Kopf, belustigt von ihrer Eifersucht. „Er ist dein Bruder, Liebling, natürlich kommt er mit. Er ist der geborene Seemann. Er wird mir helfen, mein Schiff zu segeln, und er wird für uns navigieren.“

Ariella strahlte. „Ich habe die vier neuen Konstellationen auswendig gelernt, die du mir gezeigt hast, Papa. Es wird eine gute Nacht sein, um die Sterne zu beobachten. Kann ich dir das später zeigen?“

„Bestimmt.“ Seine Tochter war wirklich sehr klug. Mit nur sechs Jahren konnte sie schneller addieren und subtrahieren als er, kannte sich mit der Multiplikation aus und hatte mit dem Dividieren begonnen. Er hatte begonnen, ihr die Sternbilder zu erklären, und ihre Fähigkeit, die verschiedenen Sterne auseinanderzuhalten, erstaunte ihn. Innerhalb von Minuten schien sie alles auswendig zu lernen, was sie wollte. Sie beherrschte fließend Latein und würde bald fließend Französisch sprechen. Was das Lesen betraf, so war sie ihrem älteren Bruder um Längen voraus.

Endlich warf er einen Blick zum Haus, wo ihre Gouvernante wartete, eine schlanke Gestalt, so dicht verschleiert, dass ihr Gesicht nicht zu erkennen war, der Körper ganz in orangene und blaue Seide gewickelt. „Hat Ariella alle ihre Aufgaben für heute erledigt?“ Er sah seine Tochter an und zwinkerte. Vermutlich hatte sie an einem Tag das Pensum für eine ganze Woche erledigt.

„Ja, Herr. Sie hat es außerordentlich gut erledigt, wie immer.“ Anahid sprach fließend Englisch, jedoch mit schwerem armenischen Akzent. Sie war die Sklavin von Ariellas Mutter gewesen. Die ganze Geschichte war sehr tragisch, abgesehen von dem Wunder, dass es seine Tochter gab. Rachel war eine Jüdin gewesen, die mit ihrem Vater ins Gelobte Land gereist war. Korsaren hatten das Schiff angegriffen und jeden umgebracht, der für sie keinen Wert hatte, auch ihren Vater. Sie war in die Sklaverei verkauft worden, aber ein Prinz hatte einen Blick für ihre Schönheit gehabt und sie zu seiner Konkubine gemacht. Auch Clive war ihre Schönheit aufgefallen, als er mit ihrem Herrn, Prinz Rohar, den Preis für eine Ladung Gold aushandelte. Obwohl er wusste, dass eine solche Liaison seinen Tod bedeuten konnte, hatte er sich darauf eingelassen. Ihre Affäre war nur von kurzer Dauer gewesen, doch seine hebräische Geliebte hatte ihn mit ihrer Würde und ihrer Anmut tiefer berührt als all seine Mätressen davor. Er hatte nicht gewusst, dass sie sein Kind erwartete.

Anahid war es gelungen, ihm einen Brief zukommen zu lassen, sechs Monate nach Ariellas Geburt. Rachel war hingerichtet worden, als sie ein Kind mit blauen Augen bekam – das offensichtlich nicht das ihres Herrn war. Clive hatte sich darauf eingerichtet, Rohars Zitadelle anzugreifen, doch das war nicht nötig gewesen. Anahid hatte die Wärter mit seinem Gold bestochen und Ariella aus dem Harem und auch aus dem Palast geschafft. Seither lebte sie in seinem Haus. Er wusste, Anahid würde für seine Tochter sterben, und Ariellas Halbbruder Alexander hatte sie ebenso lieb gewonnen. Wenige Tage nachdem sie die fremde Küste verlassen hatten, hatte er ihr die Freiheit geschenkt.

Ihr Gesicht hatte er noch nie gesehen.

„Und Alexi? Was hat er heute gemacht?“

Er fühlte, wie Anahid lächelte. „Er hat nicht so gut gearbeitet wie Ariella, Sir. Er ist noch im Schulzimmer und versucht, seine Schreibübungen zu beenden.“

„Gut.“ Alex war ein kluger Junge, aber er lernte nicht so hingebungsvoll wie seine Schwester. Er interessierte sich für Fechten, Reiten und natürlich für die Schiffe seines Vaters. „Erinnere ihn daran, dass wir morgen früh um sieben Uhr fechten wollten – falls er seine Lektionen beendet.“

Anahid verneigte sich und streckte Ariella eine Hand entgegen. Das kleine Mädchen schmollte und sah den Vater an. Es war offensichtlich, dass sie nicht gehen wollte. „Papa?“

„Geh, Kind“, begann er, als er seinen Butler an der Tür sah. Clive konnte sich nicht vorstellen, was Fitzwilliams Miene verursacht hatte, von der er immer angenommen hatte, sie wäre in Stein gemeißelt. War sein herzloser Bediensteter tatsächlich ein wenig aus der Ruhe gebracht? „Fitzwilliam?“

„Sir.“ Schweiß trat dem Butler auf die Stirn. Der Mann schwitzte nie, selbst wenn die Luft an den heißesten Tagen im Jahr schwül und feucht war.

„Was ist los?“ Clive trat näher zu ihm.

„Da ist …“ Er hustete. „Da ist ein Gast, Sir, wenn Sie bitte – nach unten …“

Clive war amüsiert. „Es scheint sich um den Sensenmann zu handeln“, sagte er. „Hat er oder sie eine Karte?“ Plötzlich erinnerte er sich an die Schönheit von dem Platz in Spanish Town. Er war beinahe sicher, dass sie gekommen war, um ihre Lust zu stillen, und in diesem Moment stellte er sich La Sauvage in seinem Bett vor.

Was, zum Teufel, war nur in ihn gefahren? Es war egal, ob diese wilde Kindfrau schöner war als jede andere Frau, die er bisher getroffen hatte, oder nicht. Sie war achtzehn, wenn er Glück hatte, sechzehn, wenn nicht.

„Der Gast …“ Fitzwilliam schluckte, als verspürte er einen schlechten Geschmack im Mund, „ist im roten Zimmer und erwartet Sie, wenn Sie sie sehen möchten.“

Also war es die Frau vom Platz unten. Clive fühlte sich seltsam enttäuscht und verärgert. „Ich empfange heute nicht“, beschloss er. „Werfen Sie sie hinaus.“

Fitzwilliam blinzelte, als wäre er nie zuvor so unhöflich gewesen. Clive winkte ab. „Ich meine, nehmen Sie ihre Karte, und schicken Sie sie fort.“

„Sie hat keine Karte, Sir.“

Eine Ahnung überkam ihn, und er drehte sich herum. „Wie bitte?“

Fitzwilliam leckte sich die Lippen. „Sie besteht darauf, Sie zu sehen, Sir, und sie hat einen Dolch – mit dem sie auf mich gezielt hat.“

La Sauvage. Hastig eilte er ins Haus, über die schimmernden Eichendielen, die breite Treppe mit dem dunkelroten Läufer bis in die untere Halle. Es war ein weitläufiger Raum mit hohen Decken, einem kristallenen Lüster von der Größe eines Klaviers, der Boden aus grauweißem, aus Spanien importiertem Marmor. Der rote Salon befand sich am anderen Ende.

Dort stand Carres Tochter und sah ihn an.

Sein Herz schlug schneller, und das beunruhigte ihn. Rasch ging er näher und bemerkte, dass sie sehr blass war, trotz ihres goldenen Teints, und dass ihre Augen wild wirkten, wie bei einem Schlachtross mitten in einem Kampf. Innerlich entschied er, sich ihr vorsichtig zu nähern, denn er traute ihr nicht. Erst als er gesprochen hatte, bemerkte er, wie scharf sein Tonfall klang. „Sind Sie noch einmal zum King’s House zurückgegangen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein.“

Wie sehr ihn das erleichterte! Er begann, die Fassung zurückzugewinnen. „Miss Carre, verzeihen Sie mir. Bitte setzen Sie sich. Kann ich Ihnen eine Erfrischung anbieten? Tee? Kekse?“

Sie starrte ihn an, als wäre ihm ein zweiter Kopf gewachsen. „Ich soll Ihnen verzeihen?“

Er wurde daran erinnert, wie er wirken musste – verwirrt vermutlich, weil er dieses wilde, ungebildete Kind um Verzeihung bat. Verstand sie überhaupt, dass er sich schlecht benommen hatte? Er brachte ein Lächeln zustande. „Mein Gruß ließ sehr zu wünschen übrig. Ein Gentleman verneigt sich vor einer Dame. Er sollte guten Tag oder Guten Morgen sagen und sich nach ihrem Wohlbefinden erkundigen.“

Sie starrte ihn an. „Ich bin keine Dame. Sie reden Unsinn.“

„Möchten Sie etwas Tee?“

„Ein Häppchen vielleicht?“ Sie ahmte die britischen Damen der Oberklasse perfekt nach. „Ich glaube nicht“, fuhr sie in demselben Tonfall fort. „Ein Grog wäre mir lieber“, fügte sie dann im Tonfall der Seeleute hinzu. „Wenn Sie verstehen.“

Er fragte sich, ob sie trank oder ihn nur provozieren wollte. „Ihre Mimikry ist sehr gut“, sagte er dann. Dann ging er an ihr vorbei und beobachtete sie dabei. Seit er den Raum betreten hatte, hatte sie weder geblinzelt noch sich bewegt. Sie stand da, abwehrbereit und aggressiv. Der Dolch steckte vermutlich in ihrem Hosenbund unter dem weiten Hemd. Warum war sie gekommen? Er glaubte, es zu wissen: Bestimmt war sie nicht gekommen, um mit ihm ins Bett zu gehen.

Sie errötete. „Sie wissen, ich kann nicht lesen – Sie waren dabei, als ich das sagte. Schwierige Worte verstehe ich auch nicht. Sie müssen sich einfacher ausdrücken!“

Er fühlte, wie sein Herz weicher wurde. „Mimikry bedeutet Anpassung, Nachahmung. Sie haben ein gutes Ohr.“

Sie zuckte die Achseln. „Als würde mich das interessieren.“

Er hatte versucht, ihr etwas von ihrer Spannung zu nehmen, offenbar ohne Erfolg. Vermutlich sollte er davon ausgehen, dass sein Haus sie verunsicherte, denn es war so groß wie King’s House und viel eleganter eingerichtet. Allerdings hatte sie den Blick aus ihren großen grünen Augen nicht von seinem Gesicht gewandt, nicht seit er hereingekommen war. „Was kann ich für Sie tun?“

Sie erstarrte. „Befreien Sie meinen Vater.“

Er hatte es gewusst. Er versuchte, sie anzulächeln. „Bitte nehmen Sie Platz.“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich bleibe lieber stehen.“

„Wie soll ich Ihren Vater befreien?“

„Woods ist Ihr Freund. Sorgen Sie dafür, dass er ihn gehen lässt.“ In ihren Augen las er die Verzweiflung.

Er starrte sie an. „Im Moment hegen Woods und ich wenig freundschaftliche Gefühle füreinander, und selbst wenn es anders wäre, würde so etwas zu weit gehen. Auf dieser Insel gibt es Gesetze. Ein Gericht hat Ihren Vater für schuldig befunden. Es tut mir leid“, fügte er hinzu und meinte es auch so.

Tränen traten ihr in die Augen. „Dann helfen Sie mir, ihn zu befreien.“

Er hatte sich verhört, oder?

„Wir können es schaffen. Sie können es schaffen. Sie haben eine Mannschaft – Kanonen, Gewehre!“

Er war völlig überrascht. „Sie erwarten von mir, dass ich das Gefängnis stürme?“

Sie nickte, aber noch als sie das tat, wich sie bereits zurück, und Tränen liefen ihr über die Wangen. Bestimmt wusste sie, dass ihre Forderungen bestenfalls Wunschdenken waren.

„Miss Carre, es tut mir leid, dass Ihr Vater verurteilt wurde. Ich wünschte, das wäre nicht geschehen. Aber ich bin kein Pirat. Ich bin kein Räuber. Jeden Befehl, den ich entgegengenommen habe, habe ich von den britischen Behörden bekommen. Ich arbeite nicht gegen sie. Ich verfolge nur die Feinde des Empire.“

„Sie sind meine einzige Hoffnung“, flüsterte sie.

In diesem Moment wünschte er sich nichts mehr, als ihr helfen zu können. Aber er konnte nicht das britische Gefängnis stürmen und einen verurteilten Piraten befreien.

Sie ließ den Kopf sinken. „Dann wird er sterben.“

„Miss Carre“, begann er und wollte sie trösten, ohne eine Ahnung zu haben, wo er beginnen sollte. Wäre sie eine Dame gewesen, hätte er sie von der Couch gezogen und sie geküsst, bis ihr schwindelig war und sie ihre missliche Lage vergaß. Er hätte ihr Lust bereitet und sie von der Wirklichkeit abgelenkt. Aber sie war keine Dame, schon gar keine mit Erfahrung. In diesem Moment erschien sie ihm unglaublich jung.

Sie schüttelte den Kopf und wandte sich zur Tür.

Diesmal war er darauf vorbereitet. Mit zwei Schritten war er bei ihr und hinderte sie daran, in die Halle hinauszulaufen. „Warten Sie! Wohin wollen Sie gehen? Was wollen Sie tun?“

Sie sah ihm in die Augen. „Dann tue ich es allein“, sagte sie. Die Tränen liefen ihr über die Wangen, aber sie wischte sie weg und hinterließ leuchtend rote Flecke auf ihren Wangen.

Er umfasste ihre Schultern. „Miss Carre, wollen Sie vor Gericht gestellt werden? Wollen Sie, dass man Sie aufhängt?“

Sie blieb angriffslustig. „Sie werden mich nicht hängen. Nicht wenn ich sage, dass ich schwanger bin.“

Er erstarrte. „Erwarten Sie ein Kind?“

Sie funkelte ihn an. „Das geht Sie nichts an. Und jetzt lassen Sie mich los. Bitte!“

Irgendwie erkannte er, dass sie dieses Wort nur selten benutzte. Er ließ ihre Schultern los. „Ich habe viele Gästezimmer“, begann er und wollte ihr eins davon anbieten, damit sie wenigstens ein Dach über dem Kopf hatte. Irgendwie musste er ihr helfen, das Entsetzen des kommenden Tages zu überstehen, und später musste sie entweder ins Waisenhaus in St. Anne’s oder nach England, wenn es wirklich stimmte und sie Familie dort hatte. „Warum bleiben Sie nicht über Nacht? Als mein Gast natürlich“, fügte er rasch hinzu.

Sie starrte ihn nur an, mit großen Augen, ohne ein Wort zu sagen.

Dann begriff er, dass sie glaubte, er wollte sie so benutzen, wie Woods es versucht hatte. „Sie missverstehen mein Angebot“, sagte er steif. „Ich biete Ihnen ein Zimmer für Sie ganz allein an.“

Sie leckte sich die Lippen. „Sie wollen auch – mit mir – das Bett teilen?“

Ihm stieg das Blut in die Wangen. „Ich versuche, Ihnen zu erklären, dass das nicht meine Absicht ist.“

„Wenn Sie mir helfen, meinen Vater zu befreien, können Sie mich immer und überall haben, es ist mir egal.“ Sie errötete ebenfalls.

Er konnte es nicht glauben. „Sie haben mein Wort – das Wort eines de Warenne –, ich verfolge nur die ehrbarsten Absichten!“

„Ich verstehe nur die Hälfte von dem, was Sie da reden!“, schrie sie. „Aber verstehen Sie doch, wenn Sie mir nicht helfen wollen, dann will ich auch nicht Ihre Barmherzigkeit.“ Sie spazierte durch die Halle.

Diesmal ließ er sie gehen. Später, als der Schlaf nicht kommen wollte, konnte er an kaum etwas anderes denken.

Es war mitten in der Nacht, doch es herrschte fast Vollmond, und die Sterne funkelten. Die Luft war dicht und schwer, wie eine schwüle Liebkosung. Amanda umfasste die Eisengitter am Fenster ihres Vaters, als sie vor dem Gebäude stand. Sie hatte sich unter dem Zaun hindurchgegraben – nicht zum ersten Mal.

„Papa!“

Aus dem Innern der dunklen Zelle war ein Rascheln zu hören.

„Papa!“, flehte sie und versuchte, ihre Angst zu unterdrücken. An diesem Tag war ihre letzte Hoffnung gestorben, und sie war sich dessen nur zu sehr bewusst.

„Amanda, Mädchen!“ Rodney Carre erschien am Fenster, ein Bär von einem Mann mit dunkelblondem Haar und einem dunkleren Bart.

Amanda begann zu weinen.

„Verdammt, Mädchen, weine nicht um mich!“, rief Rodney. Er umklammerte die Gitterstäbe mit seinen Fäusten, bis die Knöchel weiß hervortraten.

Sie liebte ihn so sehr. Er bedeutete ihr alles. Aber er war jetzt wütend, und sie wusste es. Er hasste Tränen. Dennoch konnte er sie nicht schlagen, nicht mit dem Gitter zwischen ihnen. „Ich habe es versucht, Papa! Ich habe es versucht!“, klagte sie. „Ich habe versucht, Woods dazu zu bringen, dich zu begnadigen, aber er wollte nicht.“

Rodney starrte sie entsetzt an.

„Ich kann das nicht, Papa. Ich kann nicht weiterleben, wenn du fort bist.“

„Hör auf!“, brüllte er und weckte damit zweifellos die anderen Gefangenen auf. Amanda hörte sofort auf zu weinen. „Hör mir zu, Mädchen. Du hast es versucht und dein Bestes getan. Ich bin stolz auf dich, wirklich. Kein anderer Vater hat so ein gutes, treues Mädchen.“

Amanda zitterte. Rodney lobte sie selten. Sie wusste, dass er sie sehr liebte, denn sie war alles, was er hatte nach dem Schiff und seiner Mannschaft, aber sie sprachen nie über Gefühle, schon gar nicht über Liebe. „Du bist stolz auf mich“, wiederholte sie wie benommen.

„Natürlich bin ich das. Du bist stark und tapfer. Du bist nie einem Kampf aus dem Wege gegangen. Du hast nie geweint, wenn du geschlagen wurdest. Mädchen – ich entschuldige mich dafür. Es tut mir leid, dass du mit meinem aufbrausenden Temperament leben musstest. Es tut mir leid, dass ich dir kein schönes Haus und keinen englischen Rosengarten geben konnte.“

In diesem Moment wusste Amanda, dass dies das Ende war, denn sonst hätte er nie so mit ihr gesprochen. „Es macht mir nichts aus, dass du mich geschlagen hast, wie hätte ich sonst lernen sollen, was richtig und was falsch war? Außerdem hast du mich öfter verfehlt als getroffen, weil ich so schnell bin.“ Sie fühlte, wie ihr mehr Tränen über die Wangen liefen. „Ich wollte nie einen Rosengarten“, schwindelte sie.

In der Dunkelheit schienen seine Augen zu leuchten. „Alle Frauen wollen Rosen, Mädchen. Deine Mama hatte einen Garten, der voll davon war, als ich sie traf. Vielleicht lebt sie jetzt in London, aber dort hat sie auch einen Garten. So leben die vornehmen Leute.“

Sie würden jetzt also über ihre Mutter sprechen? Sie war in St. Mawes in der Nähe von Cornwall geboren und dort von ihrer Mutter, Dulcea Straithferne Carre, aufgezogen worden, bis sie vier Jahre alt war. Mama hatte Rodney geheiratet, als er ein schneidiger junger Lieutenant in der königlichen Marine gewesen war, lange ehe er sich der Piraterie zuwandte. Aber nachdem er das Vagabundieren begonnen hatte, war er nach Cornwall gekommen und hatte ihre Mutter gebeten, sie ihm zu überlassen. Ihre Mutter hatte abgelehnt, weil sie sie zu sehr liebte, um sie wegzugeben. Daher hatte Rodney sie geraubt, sie den Armen ihrer schluchzenden Mutter entrissen, sie auf die Inseln gebracht, und sie war niemals zurückgekehrt.

Sie kannte nichts anderes als das Leben mit ihrem Vater. Er hatte Angst gehabt, sie zu Besuchen bei ihrer Mutter mitzunehmen, weil die Behörden ihn einsperren könnten für das, was er getan hatte. „Das verstehst du doch, Mädchen, oder? Warum ich es tun musste?“

Natürlich hatte Amanda das verstanden. Sie liebte ihren Papa, und sie konnte sich nicht vorstellen, in Cornwall zu wohnen. Aber sie wünschte, sie könnte sich an ihre Mutter erinnern. Papa hatte ihr erzählt, sie wäre elegant und anmutig, eine echte Dame, und so schön, dass es ihren Bewunderern den Atem raubte. Gewöhnlich war Rodney betrunken, wenn er anfing, über die Vergangenheit und Mama zu sprechen, und jedes Mal begann er am Ende zu weinen. Er hatte nie aufgehört, seine Frau zu lieben, und er wollte, dass auch Amanda sie bewunderte, wenigstens aus der Ferne. Amanda sollte wissen, dass ihre Mama etwas Besonderes war.

Amanda fragte sich oft, was ihre Mutter nach so vielen Jahren wohl dachte. Mama wusste nicht, wohin Rodney sie gebracht hatte, und es hatte keinen Kontakt zwischen ihnen gegeben, nicht einmal einen Brief. Dabei hatte ihr Vater von irgendwoher die Information bekommen, dass sie jetzt in London lebte, in einem schönen Heim, das Belford House genannt wurde.

Amanda fragte sich, warum Rodney über Rosen und Mama im selben Atemzug sprach. „Rosen sind mir nicht wichtig, Papa. Das weißt du doch.“

Er sah sie lange an. „Du musst zu ihr gehen, Mädchen. Dulcea wird dich aufnehmen, wenn ich fort bin.“

„Sprich nicht so!“, rief Amanda entsetzt aus. „Es ist noch nicht morgen Mittag!“

„Es ist Morgen, verdammt, die Sonne wird bald aufgehen. Sie wird außer sich sein vor Freude, dich zu sehen, Amanda, Mädchen, und du wirst endlich ein schönes Haus bekommen. Du kannst eine echte Dame werden, nicht die Tochter von einem wie mir.“

Amanda starrte ihn an, hin- und hergerissen zwischen Entsetzen und Abscheu. Natürlich hatte sie davon geträumt, ihre Mutter wiederzusehen und von der schönsten und elegantesten aller Damen in die Arme geschlossen zu werden, sich sicher, geborgen und geliebt zu fühlen. In diesen Träumen war sie eine Dame wie ihre Mutter geworden und hatte in einem Rosengarten gesessen und vornehm Tee getrunken. Aber sie war ein vernünftiges Mädchen. Sie war auf den Inseln zu Hause, und sie lebte das Leben ihres Vaters. Obwohl sie die Farm besaßen, war das Plündern ihr Leben, und ihre kostbarsten Besitztümer waren gestohlen. Und selbst wenn sie eine Kuh ihr Eigentum nannten, die Amanda jeden Tag melkte, war sie eine Piratentochter. Sie würde nie nach England gehen und ihre Mutter treffen, und ganz gewiss wäre sie nie auf die Idee gekommen, so zu tun, als wäre sie eine Dame.

Hatte ihr Vater den Verstand verloren?

„Ich bin keine vornehme Dame, ich werde nie eine sein. Ich liebe die Insel. Dies ist mein Zuhause – ich liebe es zu segeln, und ich liebe das Meer“, widersprach sie voller Panik.

„Darin bist du ganz meine Tochter“, sagte Rodney, stolz und traurig zugleich. „Gütiger Himmel, ich weiß nicht, was ich mir dabei gedacht habe, dich zu lehren, wie man meine Schaluppe segelt, die Kanonen bedient, zu fechten, zu schießen und Segel auszubessern. Du kletterst besser in den Masten als meine besten Männer. Aber du bist eine Frau, kein Junge. Du hättest bei deiner Mutter bleiben sollen, das weiß ich jetzt.“

„Nein!“ Durch das Gitter ergriff sie seine Hand. „Papa, ich liebe dich.“

Er entzog ihr seine Hand und schwieg.

Amanda bemühte sich sehr, nicht zu weinen, aber es war ein aussichtsloser Kampf.

„Versprich mir“, sagte er endlich, „dass du, wenn ich fort bin, zu ihr gehen wirst. Hier hast du niemanden. Du musst zu Dulcea gehen, Amanda.“

Amanda war entsetzt. Wie sollte sie so etwas versprechen? Mama war eine große Dame. Sie hingegen war die Tochter eines Piraten. Zwar glaubte sie, dass ihre Mutter sie einst geliebt hatte, aber das war lange her. Sie befürchtete, dass ihre Mutter sie längst vergessen hätte.

„Ich bin dein Vater, und ich bin ein toter Mann“, rief er wütend. „Verdammt, du musst mir gehorchen!“

Sie wusste, wären nicht die Gitterstäbe zwischen ihnen, dann hätte er sie geschlagen. „Noch bist du nicht tot. Vielleicht geschieht ein Wunder!“

Er schnaubte. „So etwas gibt es nicht!“

„Heute gab es ein Wunder“, rief Amanda. „Clive de Warenne hat mich davor bewahrt …“ Abrupt unterbrach sie sich.

Rodney starrte sie an. „Er hat was getan?“

„Er hat mich – ich versuchte, den Gouverneur zu verführen“, flüsterte sie.

Durch die Gitterstäbe hindurch schlug er sie, so fest er konnte, gegen den Kopf. „Du bist keine Hure, verdammt! Wenn ich etwas richtig gemacht habe, dann war es, dir die Unschuld zu bewahren! Du sollst deine Unschuld einem guten Mann geben – deinem Ehemann!“, schimpfte er außer sich vor Zorn.

Sie hielt die Stäbe umklammert, bis die Sterne vor ihren Augen verschwanden. Dann holte sie tief Luft, noch erschüttert von dem Hieb. „Ich habe versucht, dich zu retten, Papa.“

Aber ihr Vater schien sie gar nicht zu hören. „De Warenne ist ein Gentleman, wie auch immer seine Aufträge lauten mögen. Bring ihn dazu, dich nach England mitzunehmen. Ihm kannst du vertrauen.“

Amanda war verzweifelt. Ihr Vater sollte hängen, und wenn das sein letzter Wunsch war, dann würde sie gehorchen müssen. „Er ist seltsam“, hörte sie sich selbst laut sagen. „Warum sollte er mir helfen, einer Fremden? Warum sollte er seinen eigenen Freund dabei bekämpfen?“

„Weil sich diese Blaublütigen so benehmen – sie sind uns armen Wesen gegenüber barmherzig. Dadurch fühlen sie sich noch edler und vornehmer. Wenn er dir gegenüber Barmherzigkeit walten lässt, Kind, dann nimm es an“, sagte Rodney. „Und kümmere dich nicht um deinen verdammten Stolz!“ Er zögerte, dann sagte er seltsamerweise: „Ist ihm aufgefallen, wie schön du bist?“

Amanda war verblüfft. In den gesamten siebzehn Jahren ihres Lebens hatte ihr Vater nie erwähnt, dass er sie für eine Schönheit hielt. Aber jetzt sprach er von ihr, als wäre sie wirklich schön, so wie ihre Mutter. „Papa? Ich bin keine Schönheit. Ich bin mager und habe farbloses Haar. Ich trage Männerkleidung. Und ich habe seltsame Augen. Das sagt jeder.“

Rodney war ernst. „Hat er dich angesehen wie dieser verdammte Türke in Sizilien?“

Amanda zögerte. „Es hatte nichts zu bedeuten.“

Rodney stieß hörbar den Atem aus. Nach einer langen, Unheil verkündenden Pause sagte er: „Er soll dich zu deiner Mutter bringen. Ich meine es ernst, Amanda. Ich vertraue ihm. Er ist ein Gentleman.“ Ihr Vater verstummte.

Sie wusste, dass er noch etwas sagen wollte. „Er ist ein Gentleman, aber was noch, Papa? Was ist es, was du nicht sagen willst?“

Autor

Brenda Joyce
Brenda Joyce glaubt fest an ihre Muse, ohne die sie nicht New-York-Times-Bestseller-Autorin hätte werden können. Ihre Ideen treffen sie manchmal wie ein Blitz – zum Beispiel beim Wandern, einem ihrer Hobbys neben der Pferdezucht. Sie recherchiert für ihre Historicals so genau, dass sie auch reale historische Figuren und sogar echte...
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