Julia Ärzte Spezial Band 1

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Weihnachten für die Engel in Weiß

DER WUNSCH NACH LIEBE
von KATE HARDY

"Was wünschen Sie sich zu Weihnachten, Dr. Natalie?" Gebannt lauscht Dr. Kit Rodgers der kleinen Patientin, die gerade seine Ex-Frau fragt. Bis zu diesem Augenblick wusste er nicht, wie viel Natalie ihm noch bedeutet. Doch plötzlich hofft er, dass sie denselben Wunsch zum Fest der Liebe verspürt wie er …  

SCHWESTER FELICITYS TRAUM VOM GLÜCK
von CAROLINE ANDERSON

Zu Weihnachten eine Familie! Davon träumt Schwester Felicity, seit sie sich in Tom Whittaker, neuer Chefarzt und alleinerziehender Vater, verliebt hat. Doch trotz der zärtlichen Nächte, die sie in Toms Armen verbringt, spricht er nicht von einer gemeinsamen Zukunft ...

VERLOBUNG UNTERM CHRISTBAUM?
von JENNIFER TAYLOR

Mit einem flüchtigen Kuss will Lisa sich von ihrem guten Freund Dr. Will Saunders verabschieden. Doch daraus wird eine leidenschaftliche Umarmung! Zwar tun beide danach so, als wäre nichts gewesen. Aber Lisa kann nur noch an Will denken, obwohl sie sich zum Weihnachtsfest mit einem anderen verloben wollte ... 

  • Erscheinungstag 01.10.2021
  • Bandnummer 1
  • ISBN / Artikelnummer 8203210001

Leseprobe

Kate Hardy, Caroline Anderson, Jennifer Taylor

JULIA ÄRZTE SPEZIAL BAND 1

1. KAPITEL

Das war er also. Natalies erster Tag als frisch gebackene Ärztin. Zwar nur als Assistenzärztin, aber immerhin. Hierfür hatte sie hart gearbeitet, entgegen allen Ratschlägen. Und sie hatte es geschafft. Was machte es schon, dass sie sechs Jahre älter war als andere Assistenzärzte? Das Wichtigste war, dass man ihr für sechs Monate eine Stelle auf der Kinderstation des St. Joseph’s Hospital angeboten hatte.

Kinderheilkunde war vermutlich der schwierigste Fachbereich, den sie sich hätte aussuchen können. Vor sechs Jahren hatte sie geglaubt, dass sie nie wieder imstande sein würde, eine Kinderstation zu betreten. Aber sie konnte und wollte es schaffen. Sechs Monate hier, sechs Monate in der Notaufnahme und danach wieder zurück zur Pädiatrie. Dann noch zwei weitere Ausbildungsjahre bis zur Facharztprüfung. Von da ab würde sie wirklich etwas bewegen. Vielleicht konnte sie anderen Eltern ersparen, dasselbe durchzumachen wie …

Nein, darüber wollte Natalie jetzt nicht nachdenken. Sie musste arbeiten.

Am Empfangstresen der Station stellte sie sich einer mütterlich wirkenden Krankenschwester in dunkelblauer Uniform vor. „Mir wurde gesagt, ich soll mich hier melden.“

Die Schwester begrüßte sie mit einem strahlenden Lächeln. „Hallo, Natalie. Herzlich willkommen. Ich bin Debbie Jacobs, die Stationsschwester. Als Sie zum Vorstellungsgespräch kamen, hatte ich gerade frei. Sie haben noch ein paar Minuten Zeit, bevor Lenox kommt. Also werde ich Ihnen schon mal alles zeigen.“

„Danke.“

Wenig später besaß Natalie einen Schlüssel zu ihrem Spind, kannte die Zimmeranordnung und hatte ihren ersten Kaffee auf Station getrunken. Außerdem war sie zehn Menschen vorgestellt worden, deren Namen sie sich unmöglich merken konnte. Dann begann die Visite, gemeinsam mit Lenox Curtis, dem Oberarzt.

Zunächst äußerte Natalie dabei nur zögernd ihre Meinung. Doch je häufiger sie richtig lag, desto selbstsicherer wurde sie. Zum Schluss gelang es ihr sogar, die besorgten Eltern eines sieben Monate alten Mädchens zu beruhigen, das mit Unterleibsschmerzen eingeliefert worden war.

„Maia neigte schon immer zu Koliken, aber das schien sich in letzter Zeit gebessert zu haben. Jetzt hat sie wieder angefangen, die Beine anzuziehen und minutenlang zu schreien.“ Die Mutter der Kleinen zitterte. „Seit gestern hat sie nichts mehr gegessen. Und dann habe ich dieses rote Zeug in ihrer Windel gesehen.“

„So ähnlich wie Johannisbeergelee?“, erkundigte sich Natalie.

„Ja.“

Behutsam untersuchte Natalie das Mädchen. Der Bauch des Babys war aufgebläht, und sie konnte eine wulstartige Verdickung in der Nähe des Nabels ertasten. Sobald sie vorsichtig darauf drückte, zog Maia erneut die Beine an und schrie.

„Schon gut, Süße.“ Liebevoll streichelte Natalie die Kleine, um sie zu besänftigen. Dabei bemerkte sie, dass die Fontanelle am Kopf ein wenig eingesunken war. Ein Zeichen für Flüssigkeitsmangel.

„Was hat sie?“, fragte Maias Vater.

„Man nennt es Invagination. Das ist eine Einstülpung des Darms, wodurch die Blutzufuhr abgeschnitten wird. Daher kommt es zu dieser geleeartigen Ausscheidung, einer Mischung aus Schleim und Blut. So etwas tritt bei kleinen Kindern häufiger auf“, erklärte Natalie. „Ich werde Maia gleich zum Ultraschall schicken, damit wir die Stelle genau lokalisieren können. Es tut nicht weh.“

Maias Vater wurde blass. „Muss sie operiert werden?“

„Hoffentlich nicht. Sie haben sie früh genug gebracht, sodass wir die Sache vielleicht durch Luft-Einleitung in den Darm wieder in Ordnung bringen können. Falls das nicht funktioniert, müssen wir operieren. Aber sie wird auf jeden Fall wieder völlig gesund.“ Natalie lächelte beide Eltern an. „Da Maia auch leicht dehydriert ist, lege ich ihr eine Infusion, um ihr Flüssigkeit zuzuführen. Damit sie sich ein bisschen wohler fühlt, werde ich ihr eine Magensonde durch die Nase einführen. So kann die Luft entweichen, die sich in ihrem Bauch angesammelt hat.“

„Aber sie wird wieder gesund?“, fragte Maias Mutter.

„Ganz bestimmt“, versicherte Natalie. Es tat so gut, anderen Menschen helfen zu können.

„Und, hat Ihnen Ihre erste Visite bei uns gefallen?“, erkundigte sich Lenox, nachdem der Rundgang beendet war.

„Ja“, sagte Natalie lächelnd. „Zu Anfang war ich ziemlich nervös, aber gegen Ende hin wurde es besser.“

Er erwiderte ihr Lächeln. „Sie kriegen das sicher hin. In einer Woche wird es Ihnen so vorkommen, als würden Sie schon ewig hier arbeiten. Und ab morgen sind Sie nicht einmal mehr unser neuester Zugang.“

„Fängt noch ein Assistenzarzt hier an?“, fragte sie interessiert.

„Nein, ein Facharzt“, antwortete Lenox. „Wir hatten Glück, ihn aus London zu bekommen. Er ist ein echtes Ass. Sein Name ist Christopher Rodgers.“

Ein eisiger Schauer lief Natalie über den Rücken. Nein, es handelte sich bestimmt nur um eine zufällige Namensgleichheit.

„Obwohl er anscheinend überall bloß Kit genannt wird“, setzte Lenox hinzu.

Kit.

Kit Rodgers aus London. Nein, das konnte nicht sein. Der Kit, denn sie gekannt hatte, war Chirurg, kein Kinderarzt. Andererseits war Natalie selbst ursprünglich Geschichtslehrerin gewesen und hatte später noch Medizin studiert. Vielleicht hatte Kit es genauso gemacht, und aus denselben Gründen.

Entschlossen verbannte sie Kit aus ihren Gedanken und brachte Maia zum Ultraschall. Das Bild bestätigte Natalies Verdacht einer Invagination.

„Sonst noch was?“, fragte Lenox.

Sie betrachtete die Aufnahme eingehend. „Es scheint keine weiteren Schädigungen zu geben. Daher denke ich, wir können eine Luft-Einleitung vornehmen.“

„Gute Entscheidung“, lobte er. „Soll ich Sie anleiten, oder möchten Sie mir zusehen?“

„Ich habe es zwar noch nie gemacht, aber wenn Sie einverstanden sind, würde ich es gern selbst versuchen“, antwortete Natalie.

„Nur zu.“ Er lächelte. „Ich glaube, Sie werden ein Gewinn für unser Team sein. Sie sind bereit, Dinge auszuprobieren, anstatt sich zurückzuhalten. Das ist gut.“

Lenox leitete sie während des Eingriffs an. Als die Druckluft sanft den Darm erweiterte, löste sich der verengte Teil.

„Ausgezeichnet“, sagte Lenox anerkennend. „Sie haben es geschafft. Möchten Sie auch die Nachsorge übernehmen?“

„Ja, gern.“

„Einverstanden. Sie können allein mit den Eltern sprechen.“

Lächelnd ging Natalie zu Maias Eltern. „Der Eingriff war erfolgreich, sodass Maia nicht operiert werden muss. Wir werden sie noch ein oder zwei Tage zur Beobachtung hierbehalten, und um ihren Flüssigkeitshaushalt zu stabilisieren. Aber ansonsten ist alles in Ordnung.“

„Gott sei Dank.“ Maias Mutter atmete erleichtert auf.

„Kann sie es noch mal bekommen?“, wollte der Vater wissen.

„Das ist sehr unwahrscheinlich“, versicherte Natalie.

„Vielen herzlichen Dank, Dr. Wilkins.“

Natalie lächelte ihnen zu und überließ es dann den beiden, sich um ihre kleine Tochter zu kümmern. Darum ging es also in der Medizin: etwas für andere Menschen zu tun, ihnen zu helfen.

Beinahe konnte sie nachvollziehen, warum Kit sich damals in seiner Arbeit vergraben hatte. Aber nur beinahe.

Es tat gut, wieder zu Hause zu sein, fand Kit. Obwohl er früher, als er hier arbeitete, nicht in Birmingham direkt gewohnt hatte. Er hatte in Litchford-in-Arden gelebt, einem kleinen Dorf in Warwickshire auf halber Strecke zwischen Birmingham und Stratford-on-Avon. In einem hübschen Häuschen mit Blick auf die Dorfwiese mitsamt Ententeich und einer riesigen Eiche. Ganz in der Nähe einer alten Kirche, wo ein Teil seines Herzens für immer begraben lag.

Als seine Welt zusammenbrach, war Kit nach London geflüchtet. Er wollte in der Anonymität der Großstadt untertauchen, um den teilnahmsvollen Blicken und dem Mitleid der Menschen in seiner Umgebung zu entgehen. Eine Weile lang hatte es funktioniert. Doch die Geschäftigkeit der Metropole konnte den Schmerz in seinem Herzen nie wirklich lindern. Kit war nie imstande gewesen, ihn ganz auszublenden. Egal, wie viele Überstunden er machte oder wie sehr er sich verausgabte.

Jetzt war er wieder zurück. Nahe genug, um vielleicht endlich etwas Frieden zu finden. Aber weit genug entfernt, dass seine Kollegen nichts von seiner Vergangenheit wussten. Er war Facharzt für Pädiatrie und gut in seinem Job. Dem St. Joseph’s würde er guttun, und umgekehrt.

Alles war prima, bis zu dem Augenblick, als er in den Aufenthaltsraum kam und die Frau im weißen Kittel erblickte, die gerade mit einer Krankenschwester sprach.

Tally.

Aber das konnte nicht sein. Tally war Geschichtslehrerin, keine Ärztin. Außerdem hatte diese Frau kurz geschnittenes Haar statt Tallys üppiger Locken. Und sie war dünner als Tally. Nein, das bildete er sich nur ein. Wunschdenken vielleicht.

Doch dann schaute die Frau auf, sah ihn, und alle Farbe wich ihr aus dem Gesicht.

Vermutlich war Kit genauso blass geworden. Denn sie war es tatsächlich. Ihre erste Begegnung seit fünfeinhalb Jahren. „Tally?“

„Natalie“, korrigierte sie ihn. „Hallo, Kit.“

Ihre Stimme klang eisig. Eine Stimme, die früher warmherzig und sanft gewesen war und in Momenten der Leidenschaft seinen Namen gestöhnt hatte.

Aber das war vor Ethan gewesen.

„Sie kennen sich?“, fragte die Schwester.

„Wir sind auf dieselbe Universität gegangen“, erklärte Natalie schnell. „Aber wir haben uns seit Jahren nicht mehr gesehen.“

Das stimmte zwar, doch war es weit entfernt von der ganzen Wahrheit. Allerdings legten weder Natalie noch Kit Wert darauf, dass ihre gemeinsame Vergangenheit bekannt wurde.

Wenn Kit auch nur geahnt hätte, dass Tally Ärztin geworden war und hier arbeitete, wäre er in London geblieben. Vielleicht hätte er eine Zeit lang im Ausland für Ärzte ohne Grenzen gearbeitet.

Ein Blick zeigte ihm, dass sie ihren Mädchennamen benutzte. Obwohl das nichts heißen musste. Sie könnte auch wiederverheiratet sein oder mit jemandem zusammenleben.

Er gab der Schwester die Hand. „Kit Rodgers. Freut mich, Sie kennenzulernen. Ich bin der Neue.“

„Und ich bin Debbie Jacobs, die Stationsschwester“, erwiderte sie lächelnd. „Na, dann haben Sie ja eine Menge mit unserer Natalie gemeinsam. Sie ist auch neu, hat gestern gerade angefangen.“ Sie warf beiden einen neugierigen Blick zu. „Da Sie sich kennen, haben Sie sich bestimmt viel zu erzählen.“

Natalies Reaktion war ihr deutlich am Gesicht abzulesen. Nicht, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt.

„Eigentlich kannten wir uns gar nicht besonders gut“, sagte Kit kühl. Auch dies entsprach der Wahrheit. Gegen Ende waren sie einander völlig fremd geworden und getrennte Wege gegangen. Er fragte sich, ob er sie jemals wirklich gekannt hatte.

„Natalie, vielleicht können Sie Kit einmal herumführen?“

„Nun, ja. Klar.“ Sie lächelte.

Er kannte dieses Lächeln. Ein fröhliches, aufgesetztes Lächeln, mit dem sie so tat, als ob alles in Ordnung sei, während innen drin gar nichts in Ordnung war.

Das Ganze hatte etwas vollkommen Absurdes. Natalie machte mit Kit eine Führung über die Station, und beide verhielten sich so höflich wie zwei Fremde.

„Du bist also Assistenzärztin“, meinte Kit. „Ich wusste gar nicht, dass du Ärztin geworden bist. Deine Eltern haben mir nie etwas davon erzählt.“

Verblüfft sah sie ihn an. „Du bist mit ihnen in Kontakt geblieben?“

Achselzuckend antwortete er: „Nur zu Weihnachten und zum Geburtstag.“

Seltsam. Sie konnte sich nicht daran erinnern, jemals eine Karte von ihm bei ihren Eltern gesehen zu haben. Aber vielleicht hatte ihre Mutter sie weggeräumt, wenn Natalie da war, um ihr den Schmerz zu ersparen. Kits Name auf einer Karte, womöglich in Verbindung mit einer anderen Frau.

Natalie musste zugeben, dass sie dies wirklich verletzt hätte. Auch wenn ihr natürlich bewusst war, dass Kit sein Leben weitergelebt hatte. Wahrscheinlich hatte er wieder geheiratet. Ein Mann wie Kit Rodgers würde nicht lange allein bleiben. Mit seinen kornblumenblauen Augen, dem dunklen Haar und diesem charmanten Lächeln war er einfach umwerfend. Die Frauen liebten ihn. Sogar als sie noch verheiratet gewesen waren, hatten die Frauen ihm nachgestellt. An Angeboten hatte es ihm nie gefehlt, obwohl er sie immer abgelehnt hatte. Untreue konnte man ihm jedenfalls nicht vorwerfen.

„Du kennst doch deine Mutter“, fuhr Kit fort. „Sie schreibt immer ein paar nette Sätze auf ihre Karten.“

Sein Tonfall klang herzlich, und irgendwie war es auch gar nicht mal so erstaunlich. Natalie wusste, dass er ihre Eltern gern gemocht hatte, und sie ihn. Genau wie ihre jüngeren Schwestern. Kit besaß einfach die Gabe, alle Menschen zu bezaubern. Natürlich waren ihre Eltern mit ihm in Kontakt geblieben.

Kits Eltern hingegen hatten den Kontakt mit Natalie nicht aufrechterhalten. Auch das war keine Überraschung. Kits Familie hatte Natalie immer das Gefühl vermittelt, nicht gut genug für ihn zu sein. Als wäre ihre Lehrerausbildung im Vergleich mit einer Ärzte-Dynastie nur zweitklassig gewesen. Sie hatte nie wirklich in diese Familie hineingepasst. Kits Eltern und seine drei älteren Brüder hatten sie als Ablenkung betrachtet. Als diejenige, die Kit davon abhielt, sein volles Potenzial auszuschöpfen. Natalie wusste, dass das nicht stimmte, und sie hätte dies auch locker achselzuckend abgetan, wenn sie ihr nicht auch die Schuld für Ethan gegeben hätten.

Sie schob den Gedanken dorthin zurück, wo auch all die anderen Erinnerungen verschlossen waren, und zeigte Kit die Station in Rekordgeschwindigkeit. „Dies ist der Aufenthaltsraum. Da drüben sind die Schließfächer, der Wasserkocher, Tee und Kaffee hier, Becher in dem Schrank dort, Kekse in der Dose, Milch im Kühlschrank. Debbie hat die Kaffeekasse. Und wenn irgendetwas fehlt, sagt man ihr Bescheid.“ Danach raus auf die Station. „Schwesterntresen, Patiententafel mit der jeweils zuständigen Pflegekraft, Elterntelefon, Elternzimmer.“

So, fertig. Das war’s.

„Danke, Tally.“

„Natalie“, verbesserte sie. Sie ärgerte sich über den belustigten Unterton in seiner Stimme. Was war schon dabei, dass sie sich mit ihrer Führung beeilt hatte? Und außerdem war sie nicht mehr Tally, für niemanden.

Sie warf ihm einen verstohlenen Blick zu. Kit hatte sich in den vergangenen Jahren kaum verändert. Einige graue Haare an den Schläfen, ein paar mehr Linien in seinem Gesicht, aber im Grunde war er genauso wie früher. Hochgewachsen, dunkelhaarig, attraktiv, dazu charmant und lässig. Die weiblichen Angestellten des Krankenhauses würden ihm scharenweise zu Füßen liegen. Ebenso wie die kleinen Patienten und deren Eltern. Solange Kit da war, würde es auf dieser Station keine Problemfälle geben. Sein Lachen war einfach zu ansteckend. Die Männer konnten sich mit ihm identifizieren, und die Frauen waren ihm verfallen. Selbst mit den pampigsten Eltern würde er gut zurechtkommen.

Nur mit ihr nicht.

Natalie kannte ihn besser. Sie war fest entschlossen, ihr Verhältnis zu ihm so kühl und professionell wie möglich zu halten.

Sie bemerkte, dass er keinen Ehering trug. Aber das hatte er damals auch nicht getan. Jedenfalls würde sie ihn nicht fragen, ob er verheiratet war. Und schon gar nicht würde sie ihm die zweite Frage stellen, die normalerweise auf die erste folgte. Die nach den Kindern. Nein, sie war nicht interessiert.

Ha, von wegen. Sie war bloß nicht sicher, ob sie mit seiner Antwort umgehen konnte. „Ich muss mich auf die Visite vorbereiten“, sagte sie. „Bis später.“ Möglichst sehr viel später, oder am besten gar nicht. „Das Büro von Lenox ist da drüben.“

Dann eilte sie schnell davon.

Es gelang Natalie, Kit für den größten Teil des Vormittags aus dem Weg zu gehen. Am Nachmittag waren sie jedoch zusammen für die Ambulanz-Sprechstunde eingeteilt.

„Ist das deine erste Sprechstunde?“, fragte er auf dem Weg zur Ambulanz.

„Ja“, gab Natalie zu.

„Gut, dann übernimmst du die Führung. Und wenn du mich brauchst, unterstütze ich dich.“

Unterstützung von Kit? Nun ja, vielleicht war er in den letzten sechs Jahren tatsächlich erwachsen geworden. Immerhin war er inzwischen dreißig. Er hatte wesentlich mehr Erfahrung als sie und tat genau das, was sie an seiner Stelle auch getan hätte – nämlich einem neuen Kollegen die Chance zu geben, eigene Erfahrungen zu sammeln.

„Was ist, wenn mir irgendetwas entgeht?“, fragte Natalie zweifelnd.

Er zuckte die Achseln. „Dann erwähne ich es in einem Gespräch mit den Eltern. Aber ich werde dich sicher nicht vor ihnen bloßstellen, falls du das denkst.“

Sie errötete leicht. „Ich wollte dich nicht kritisieren. Ich meinte bloß, es könnte sein, dass ich mich irre und einen Patienten dadurch in Gefahr bringe. Willst du jetzt etwa alles, was ich sage, gleich persönlich nehmen?“

Kit fuhr sich durchs Haar. „Nein. Sorry.“

Vermutlich war es für ihn auch schwer, mit ihr zusammenzuarbeiten und dabei die Vergangenheit zu ignorieren. In den letzten Monaten ihrer Ehe hatte es viel Gehässigkeit gegeben, vor allem von ihrer Seite. Denn Kit war nicht oft zu Hause gewesen, sodass ihre Enttäuschung und ihr Kummer sie reizbar gemacht hatten.

„Du kommst bestimmt gut zurecht“, erwiderte er. „Du bist fertige Ärztin, also kennst du dich offensichtlich in der Medizin aus. Falls eine schwierige Diagnose auftauchen sollte, bei der man leicht etwas verwechseln könnte, bin ich ja da. Wenn du mich um meine Meinung bittest, werde ich sie äußern und dich unterstützen.“

Genau das wollte sie hören. Wenn Kit ihr nur damals auch so beigestanden hätte, als sie ihn wirklich gebraucht hatte. Jemand, an den sie sich hätte anlehnen können, weil sie selbst keine Kraft mehr besaß.

Aber die Vergangenheit ließ sich nun mal nicht ändern. Energisch verdrängte Natalie ihre Erinnerungen.

2. KAPITEL

Die Erste auf der Liste war Ella Byford. Sie las gerade ihren zwei kleinen, recht schmutzig aussehenden Kindern aus einem Buch vor. Die Kinder stritten sich über den besten Platz auf ihrem Schoß, während sich die Mutter, wie viele Hochschwangere, das Kreuz rieb.

Natalie lächelte sie an. „Hallo, Mrs. Byford. Ich bin Natalie Wilkins, und das ist Kit Rodgers. Wir halten heute die Pädiatrie-Sprechstunde ab. Wie können wir Ihnen helfen?“

„Es geht um Charlene. Mit Jayden ist alles in Ordnung“, antwortete Ella. „Aber Charlene ist so mager. Sie entwickelt sich nicht so, wie sie sollte. Sie war schon immer ziemlich klein, aber es wird immer schlimmer. Mein Hausarzt hat mich hergeschickt.“

„Dann wollen wir sie uns doch mal anschauen.“ Natalie kniete sich auf den Boden, um auf etwa gleicher Höhe mit dem Mädchen zu sein. „Hallo, Charlene.“

„Hallo.“ Die Kleine sah sie mürrisch an.

„Kannst du mal den Mund aufmachen und Ah sagen?“, meinte Natalie. Mund und Rachen wirkten unauffällig. „Zeigst du mir jetzt deine Hände?“

Charlene machte eine finstere Miene und versuchte, wieder bei ihrer Mutter auf den Schoß zu klettern.

„Charlene, sei lieb zu Dr. Wilkins“, ermahnte Ella sie.

„Aber das ist ungerecht. Ich will auch auf deinem Schoß sitzen. Er darf immer.“ Die Kleine schubste ihren Bruder, der prompt von Ellas Schoß fiel und zu heulen anfing.

Da schritt Kit ruhig ein. „Hey Jayden, was hältst du davon, wenn ich dir eine Geschichte vorlese, solange Dr. Wilkins mit deiner Mum und deiner Schwester spricht?“ Er nahm zwei Sticker aus seiner Kitteltasche. „Und falls ihr beide ganz still sitzt, wenn Dr. Wilkins redet, und du, Charlene, wenn sie dich untersucht, dann kriegt nachher jeder einen schönen Sticker.“

Charlene nickte sofort, krabbelte ihrer Mutter auf den Schoß und blieb still sitzen. Jayden hockte sich bei Kit auf den Schoß, um die Bilder in dem Buch anzuschauen. Ella, die den Tränen nahe gewesen war, entspannte sich sichtlich.

„Also, Charlene“, sagte Natalie. „Dann lass doch mal sehen, ob deine Hände größer sind als meine.“

„So’n Quatsch. Die sind viel kleiner.“

„Wetten nicht?“ Natalie versteckte ihre Hände hinterm Rücken.

Charlene kicherte. „Doch.“

„Dann zeig’s mir.“

Natalie war erleichtert, als sie ihre Hände vor sich hielt, dass die Kleine die Finger spreizte und dagegen drückte.

„Und jetzt nebeneinander, die Handflächen nach oben“, meinte Natalie.

Charlene, die das Ganze als Spiel betrachtete, machte mit. Zwar waren ihre Handflächen sehr hell, jedoch nicht gelblich.

„Und jetzt die Rückseite, damit ich sehen kann, ob du Prinzessinnen-Fingernägel hast.“

„Du hast keine Prinzessinnen-Fingernägel. Die glitzern nicht“, stellte das Mädchen fest.

„Darf ich mir jetzt deinen Bauch anschauen?“

„Kann ich auch deinen angucken?“, fragte Charlene zurück.

„Diesmal nicht“, antwortete Natalie lächelnd. Auf keinen Fall vor Kit. „Aber wenn du Doktor spielen willst, solange ich mit deiner Mummy rede, kannst du gleich mit meinem Stethoskop den Bauch bei einer Puppe abhören.“

Charlene zappelte zwar ein bisschen herum, ließ die Untersuchung jedoch über sich ergehen. Natalie fand keine Anzeichen für eine Krankheit. Sobald sie fertig war, rutschte Charlene wieder auf dem Schoß ihrer Mutter hin und her, und Ella presste sich eine Faust ins Kreuz, das Gesicht schmerzverzerrt. Natalie lächelte ihr mitfühlend zu. Es war sicher hart, sich um zwei kleine Kinder zu kümmern, wenn man hochschwanger und müde war.

„Dafür, dass sie so klein ist, ist sie ein ziemlicher Rabauke“, sagte Ella verlegen.

„Medizinisch ausgedrückt würde man das als lebhaft bezeichnen“, antwortete Natalie lächelnd. „Wie sieht es bei ihr mit dem Essen aus?“

Ella verzog das Gesicht. „Da ist sie sehr eigen. Sie weigert sich strikt, Gemüse zu essen. Das wirft sie auf den Boden. Und sie isst auch nichts mit Fleisch. Aber sie mag Kartoffeln und Eier. Und sie trinkt Milch und Säfte.“ Ella war ganz offensichtlich besorgt wegen dieser unausgewogenen Ernährung.

„Kinder haben oft schwankende Essgewohnheiten“, beruhigte Natalie sie daher. „Hatte Charlene vielleicht Gelbsucht nach der Geburt?“ Daraus konnte sich eine spätere Anämie entwickeln.

„Sie war ein bisschen gelb. Aber die Hebamme hat gesagt, das wäre normal.“

Natalie nickte. „Ja, die meisten Babys haben es zu einem gewissen Grad.“ Ethan hingegen nicht. Er war ein gesundes, siebeneinhalb Pfund schweres Kind gewesen, ohne irgendwelche Probleme. „Wie lange hat das angehalten?“

„Ungefähr eine Woche.“

„Wie hat sie getrunken?“

„Ich habe sie eine Woche lang gestillt. Glauben Sie mir, ich habe mir wirklich Mühe gegeben, aber es hat nicht geklappt. Mein Mann arbeitet immer lange, und es wurde mir einfach zu viel. Sie hing ständig an mir und hat nur wenig getrunken. Ich hatte nie meine Ruhe, und ich war furchtbar wund.“

Keine Unterstützung zu Hause, und ein Ehemann, der so gut wie nie da war. Ja, das konnte Natalie gut nachfühlen. Unwillkürlich blickte sie zu Kit hinüber und schaute sofort wieder weg, als sie seinen blauen Augen begegnete.

„Also habe ich sie auf Flaschenmilch umgestellt“, fuhr Ella fort. An ihrem Gesichtsausdruck erkannte Natalie, dass sie sich deshalb schuldig fühlte.

„Das ist völlig in Ordnung“, beruhigte sie die Frau. „Ich weiß, dass man überall liest, Muttermilch sei das Beste fürs Kind. Aber man muss das tun, was in der eigenen Familie am besten funktioniert. Hören Sie nicht auf die Leute, die Ihnen ein schlechtes Gewissen machen wollen. Wie hat Charlene die Flaschenmilch angenommen?“

„Ganz gut. Als sie zwei Monate alt war, habe ich ihr ein bisschen Reis mit hineingemischt, damit sie nachts besser durchschlief.“

Oh, das hörte sich an, als hätte Ella einen Rat aus der älteren Generation befolgt. Heutzutage wurde empfohlen, erst nach dem vierten Lebensmonat festere Nahrung hinzuzufügen.

„Was ist dann passiert?“, fragte Natalie.

„Sie hat zwar durchgeschlafen, aber etwas abgenommen. Als sie drei Monate alt war, schlug die Gesundheitsfürsorgerin eine Flaschenmilch auf Soja-Basis vor. Aber Charlenes Gewichtskurve ging immer weiter runter.“

„Haben Sie die Unterlagen dabei?“, erkundigte sich Natalie.

„Ja, natürlich.“ Ella holte ein kleines Büchlein aus ihrer Handtasche.

Natalie überflog die Tabellen, die alle säuberlich ausgefüllt waren. Auch die Impfungen entsprachen den Vorschriften.

Charlene rutschte vom Schoß ihrer Mutter, lief zur Spielzeugkiste und leerte deren gesamten Inhalt auf den Boden.

„Sie ist ein echter Wildfang“, sagte Ella entschuldigend. „Ich habe es aufgegeben, sie den ganzen Tag lang sauber zu halten. Sie bekommt zwar jeden Tag frische Wäsche angezogen, aber wenn ich sie jedes Mal umziehen wollte, wenn sie sich schmutzig macht, würde die Waschmaschine ständig laufen. Also stecke ich sie jeden Abend in die Badewanne und schrubbe sie gründlich ab.“ Etwas beschämt fuhr sie fort: „Ich habe mich schon gefragt, ob sie vielleicht Würmer hat oder so. Ob sie deshalb so dünn ist.“

„Klagt sie denn über Juckreiz? Oder haben Sie gesehen, dass sie sich am Po kratzt?“, erkundigte sich Natalie.

„Eigentlich nicht.“

„Dann hat sie vermutlich keine Würmer.“ Natalie überlegte. „Isst Charlene manchmal merkwürdige Sachen?“

Ella schüttelte den Kopf. „Ich versuche, sie von Pommes frites abzuhalten. Aber manchmal ist es leichter, einfach nachzugeben. Dann weiß ich, dass sie wenigstens etwas gegessen hat.“

„Und ist sie nachts trocken?“

„Ja, sie braucht schon lange keine Windeln mehr. Zum Glück. Jayden trägt noch welche, und ich glaube nicht, dass ich mit drei Windelkindern fertig werden würde“, gestand Ella.

Natalie lächelte sie an. „Das wäre wirklich schwierig. Gibt es in Ihrer Familie vielleicht noch jemanden, der besonders klein und zierlich ist?“

Ella hob die Schultern. „Wir sind alle eher normal.“

Also keine genetische Ursache.

Besorgt fragte Ella: „Glauben Sie, sie könnte vielleicht diese Krankheit haben, bei der sie Ritalin einnehmen muss?“

„Eine Aufmerksamkeits-Hyperaktivitätsstörung, auch ADHS genannt? Nein“, sagte Natalie. „Ich denke, das hat alles damit zu tun, dass sie eine schlechte Esserin ist. Darum bekommt sie keine ausgewogene Ernährung. Wahrscheinlich leidet sie an Anämie und Eisenmangel. Das ist nichts Ernstes“, beruhigte sie Ella sofort. „Dafür gebe ich Ihnen Ergänzungspräparate, die sie drei Monate lang einnehmen muss. Aber ich werde Sie auch an eine Ernährungsberaterin überweisen. Die kann Ihnen ein paar Tricks zeigen, wie Sie Charlene dazu bringen können, mehr Fleisch und Gemüse zu essen.“

„Ich bemühe mich ja“, verteidigte sich Ella.

„Natürlich. Aber manchmal kann man ein bisschen Hilfe gebrauchen“, sagte Natalie. „Mutter sein ist einer der schwersten Jobs der Welt.“ Obwohl es manchmal sogar noch schwerer war, keine Mutter zu sein. Sie schüttelte den Gedanken ab. „Ich möchte gern eine Blutprobe und eine Urinprobe von Charlene nehmen, um zu überprüfen, ob ihre Nieren und die Leber richtig funktionieren. In zwei Wochen kommen Sie wieder, damit ich sehen kann, wie die Behandlung bei ihr anschlägt.“ Sie machte eine Pause. „Wann ist der Geburtstermin?“

„In einem Monat. Aber Jayden kam drei Wochen zu früh, und das könnte bei dem hier auch passieren.“

„Vielleicht könnte Ihr Mann Charlene herbringen?“, schlug Natalie vor.

„Er hat bei der Arbeit zu viel zu tun“, wehrte Ella schnell ab. „Außerdem hält er sowieso keine Termine ein.“

Ein unkooperativer Ehemann. Das kam Natalie nur allzu bekannt vor.

Das Mitgefühl war ihr offenbar anzusehen, denn Ella setzte hinzu: „Aber ich werde es versuchen.“

Natalie nahm Charlene Blut ab und belohnte sie danach sofort mit einem von Kits Stickern. Dann zeigte sie Ella, wie sie die Urinprobe nehmen sollte. Und schließlich schickte sie sie zum Anmeldetresen, um einen neuen Termin zu vereinbaren.

„Was forderst du an?“, fragte Kit, als Natalie die Proben etikettierte.

„Großes Blutbild, Differential-Blutbild, Elektrolyte, Kalzium, Phosphat, Magnesium, Eisen, Ferritin, Folsäure, Proteine sowie Nieren- und Leberfunktion.“

Er lächelte. „Perfekt.“

„Ich habe also nichts übersehen?“

Kit hob die Hände. „Vielleicht die Einbeziehung des Sozialen Dienstes?“

Verblüfft sah Natalie ihn an. „Du glaubst doch nicht im Ernst, dass es sich hier um Vernachlässigung handelt, oder?“

„Überzeug mich vom Gegenteil“, gab Kit zurück. Seine Stimme und sein Gesichtsausdruck waren so neutral, dass sie seine Meinung nicht erraten konnte.

„In einem Monat wird Ella Byford ein Neugeborenes, ein Kleinkind und eine Dreijährige haben“, erwiderte Natalie. „Ihr Mann hilft ihr anscheinend kaum mit den Kindern, und sie sucht Entschuldigungen für ihn. Sicher, sie hat momentan Probleme, alles zu schaffen, und sie braucht Unterstützung. Aber wir haben es bestimmt nicht mit Vernachlässigung zu tun. Erstens ist sie von sich aus zu ihrem Hausarzt gegangen. Zweitens hat Charlene alle notwendigen Impfungen bekommen. Und drittens hat Ella die Gewichtsmessungen genau protokolliert. Sie ist keine Mutter, die ihre Kinder vernachlässigt, sondern eine, die eine schwere Zeit durchmacht und keinerlei Unterstützung von ihrem Mann bekommt.“

„Gute Einschätzung“, bestätigte Kit. „Das sehe ich genauso. Aber denk dran, dass es um die Patienten geht. Deine persönlichen Gefühle müssen dabei außen vor bleiben.“

Der Tadel traf Natalie, zumal er berechtigt war. „Ich werde darauf achten“, antwortete sie kühl.

„Schön. Dann also der nächste Patient.“

Am Ende der Sprechstunde meinte Kit zu ihrer Überraschung: „Du hast dich wacker geschlagen.“

„Danke.“ Sie wich seinem Blick aus.

Er seufzte. „Tally.“

„Ich heiße Natalie“, verbesserte sie erneut.

„Natalie.“ Kit biss die Zähne zusammen. „Hör zu, wir müssen jetzt mindestens sechs Monate zusammenarbeiten. Deshalb sollten wir vielleicht die Dinge zwischen uns klären.“

Sie war nicht dieser Meinung. Manche Dinge konnte man nicht klären. Niemals.

„Wir haben Pause. Komm, lass uns einen Kaffee trinken“, schlug er vor.

Sie wollte nicht mit ihm an einem Tisch sitzen und so tun, als wäre alles in Ordnung.

Wieder seufzte er. „Natalie, wenn wir uns nicht einigen, wird es immer schlimmer. Wir müssen ein paar Grundregeln aufstellen. Und es wird dich schon nicht umbringen, mit mir einen Kaffee zu trinken.“ Kit verzog die Mundwinkel. „Allerdings wäre es mir lieb, wenn du ihn tatsächlich trinken würdest, anstatt ihn mir ins Gesicht zu kippen.“

„Seit wann kannst du Gedanken lesen?“

„Es steht dir deutlich ins Gesicht geschrieben“, sagte er ironisch.

In der Kantine ließ sie sich nicht von ihm zu ihrem Cappuccino einladen, und er bestand auch nicht darauf. Natalie stellte fest, dass er seinen Kaffee noch immer schwarz trank. Außerdem hatte er sich ein Schoko-Brownie gekauft.

„Wie ist es dazu gekommen, dass du Ärztin geworden bist?“, fragte Kit nach dem ersten Schluck Kaffee.

Sie stieß hörbar den Atem aus. „Was glaubst du denn?“

„Aus demselben Grund, aus dem ich von der Chirurgie zur Pädiatrie gewechselt habe“, sagte er leise. „Die Vergangenheit wird sich dadurch nicht ändern. Aber vielleicht kann ich in Zukunft Menschen helfen. Ihnen das ersparen, was …“

Er brach ab, doch sie wusste genau, was er meinte. In seiner Stimme hatte sie dieselbe hoffnungslose Sehnsucht gehört, die sie auch kannte. Zu wissen, dass sich die Vergangenheit nicht ungeschehen machen ließ, es sich aber dennoch zu wünschen.

Natalie drängte die aufsteigenden Tränen zurück. Wegen Kit Rodgers hatte sie schon genug geweint.

„Du bist gut“, sagte Kit. „Lenox hat mir erzählt, dass du die beste Studentin deines Jahrgangs warst.“

Achselzuckend erwiderte sie: „Ich habe hart gearbeitet.“

Sie machte es ihm nicht gerade leicht, und er konnte es ihr nicht verdenken. Schließlich hatte er sie im Stich gelassen, als sie ihn am meisten gebraucht hätte. Aber sie so unverhofft wiederzusehen, zeigte ihm, wie sehr sie ihm gefehlt hatte. Wie leer sein Leben ohne sie gewesen war. Und warum er sich kaum für andere Frauen interessiert hatte. Keine andere hatte ihr jemals das Wasser reichen können.

Kit konnte verstehen, warum Natalie ihn hasste. Es gab eine Zeit, da hatte er sie auch gehasst. Vor allem an dem Tag, als sie ihn verlassen hatte. Mit diesem verdammten Zettel, auf dem stand, dass sie die Scheidung wollte und ihr Anwalt sich mit ihm in Verbindung setzen würde. Aber er hatte sie vermisst. Die Art, wie sie seinen Namen sagte. Ihr Lächeln. Ihre Intelligenz. Ihre Berührungen. Nach einer Pause erkundigte er sich: „Wo wohnst du denn jetzt?“

„In Birmingham.“

Sie gab keinen Millimeter nach. Sie wollte ihm nicht einmal sagen, wo sie wohnte. Immerhin war Birmingham fast eine Millionenstadt.

„Ich auch“, sagte er. „Ich wohne zur Miete.“

Keine Antwort.

„Ich habe überlegt, ob ich vielleicht etwas in Litchford-in-Arden finde“, setzte Kit hinzu. Dabei beobachtete er sie genau.

Der Name ließ Natalie zusammenzucken. Gut. Sie war also noch nicht ganz aus Eis.

„Ich bin gestern durchs Dorf gefahren.“ Er hielt kurz inne. „An unserem Haus vorbei.“

Noch immer sagte sie nichts. Doch sie hielt ihren Kaffeebecher so fest umklammert, dass die Knöchel weiß hervortraten. Sie gab sich offensichtlich alle Mühe, keine Reaktion zu zeigen. Doch damit wollte Kit sie nicht durchkommen lassen. Er war fest entschlossen, die Mauer zwischen ihnen zu überwinden. Er würde sie dazu zwingen, mit ihm zu reden.

„Da war ein …“

Der Kloß in seinem Hals hinderte ihn am Weitersprechen. Er konnte es nicht sagen, es tat zu weh. Und auf einmal erlosch sein Ärger. Was hatte es schon für einen Sinn, sich gegenseitig zu verletzen? Das brachte keine Lösung.

„… ein Kind, ungefähr sechs Jahre alt, das im Garten spielt“, vollendete Natalie mit zitternder Stimme seinen Satz. „Ich weiß. Ich war auch schon da. Vor ein paar Wochen. Die Frau hat Unkraut gejätet.“ Sie stockte. „Sie war schwanger.“

Kit erinnerte sich daran, wie Natalie während ihrer Schwangerschaft das Unkraut zwischen ihren Blumen gejätet hatte. Sie hatte einen richtigen Bauerngarten geschaffen, mit Malven, Lavendel und Jungfer im Grünen. Eine schwangere Frau in ihrem Garten zu sehen, dazu ein sechs Jahre altes Kind, das musste ihr in der Seele wehgetan haben.

Behutsam nahm Kit ihre freie Hand und drückte sie. „Das hätten eigentlich wir sein sollen, Tally“, sagte er leise.

Sie entzog ihm ihre Hand. „Sind wir aber nicht. Wir können die Vergangenheit nicht ändern, Kit. Es gibt kein Zurück. Jemand anders lebt jetzt dort.“

In ihrem Haus. In dem Haus, in dem sie sich geliebt und ein Kind gezeugt hatten. Das Haus, in dem ihre Träume gestorben waren.

„Wir müssen zusammenarbeiten“, erklärte Natalie. „Aber damit hat sich’s dann auch. Ich denke, wir sind beide reif genug, um zivilisiert miteinander umzugehen.“

„Natürlich.“

Sie presste die Lippen zusammen. „Ich glaube nicht, dass es noch irgendetwas zu bereden gibt. Wir haben jetzt beide unser eigenes Leben.“

Wirklich?

„Bist du verheiratet?“, fragte er.

„Das tut nichts zur Sache.“

Kit wusste, dass er die Dinge auf sich beruhen lassen sollte. Doch er schaffte es nicht. „Natalie, so muss es doch nicht zwischen uns sein.“

Sie schob ihren Stuhl zurück. „Da sind wir wohl unterschiedlicher Meinung.“ Dann ging sie.

Und Kit blieb mit dem Gefühl zurück, alles noch viel schlimmer gemacht zu haben.

In den nächsten beiden Tagen gelang es Natalie, Kit aus dem Weg zu gehen. Dann jedoch wurden sie zusammen zum Dienst in der Notaufnahme eingeteilt.

„Dr. Wilkins, ich nehme an, dies ist Ihr erster Einsatz in der Kinderabteilung der Notaufnahme?“, fragte Kit.

Vom Verstand her wusste sie, dass der formelle Ton genau das Richtige war, um eine berufliche Distanz zwischen ihnen zu wahren. Und doch traf es sie schmerzlich. „Korrekt, Dr. Rodgers“, antwortete sie ebenso kühl.

„Sollen wir das als Lehrstunde betrachten, oder möchtest du die Führung übernehmen, und ich unterstütze dich?“

„In der Notaufnahme bekommen wir die dringenden Überweisungen, stimmt’s?“

„Ja.“

Da konnte eine Diagnose tatsächlich über Leben oder Tod entscheiden. Natalie zögerte.

„Oder wir können uns abwechseln. Dann arbeiten wir gemeinsam“, fügte Kit hinzu.

Sein Tonfall bei dem letzten Wort ließ sie aufschauen. Rasch verbarg er den Ausdruck in seinen blauen Augen. Aber sie hatte etwas darin gesehen, was sie überraschte. Bedauern? Den Wunsch, dass die Dinge anders gelaufen wären?

Nein, natürlich nicht. Kit hatte sie vor sechs Jahren aus seinem Leben ausgeschlossen. Und er hatte gewiss nicht vor, sie wieder mit einzubeziehen. „Okay“, meinte sie.

„Soll ich den ersten Fall behandeln?“, fragte er.

„Was immer Sie für das Beste halten, Dr. Rodgers“, antwortete sie ausdruckslos.

„Wenn das so ist, kannst du gleich ins kalte Wasser springen. Du zuerst.“

Damit hatte sie nicht gerechnet. Aber sie war entschlossen, ihm zu zeigen, dass sie der Situation gewachsen war. Sie brauchte seine Hilfe nicht.

Der erste Fall war ein Zweijähriger mit Fieber und Ausschlag.

„Ross hat seit zwei Tagen Fieber, aber es scheint schlimmer zu werden“, berichtete Mrs. Morley besorgt. „Seine Hände und Füße sind gerötet und geschwollen. Und dann habe ich den Ausschlag gesehen.“

„Und Sie haben die Befürchtung, dass es sich um eine Meningitis handeln könnte?“, riet Natalie.

Mrs. Morley stockte der Atem. „Hoffentlich nicht. Er ist mein einziges Kind. Bitte nicht!“

„Solche Ausschläge können einem einen gehörigen Schrecken einjagen“, beruhigte Natalie die besorgte Mutter. „Aber es gibt viele verschiedene Ursachen dafür.“ Vorsichtig zog sie die Haut des Jungen an einer Stelle auseinander. „Sehen Sie? Die Flecken sind heller geworden. Eine Meningitis ist also unwahrscheinlich. Aber es war absolut richtig, dass Sie Ross hergebracht haben, Mrs. Morley. Bei einer Meningitis hätte sich sein Zustand nämlich sehr schnell sehr stark verschlechtern können. Ist er gegen Masern geimpft?“

„Ja, er hatte seine MMR-Kombinationsimpfung mit fünfzehn Monaten.“

„Dann können wir Masern und Röteln vermutlich auch ausschließen.“ Natalie stellte fest, dass die Halslymphknoten des Kleinen vergrößert waren. „Es könnte sich um das Pfeiffersche Drüsenfieber handeln. Oder es ist die Reaktion des Körpers auf ein Virus, höchstwahrscheinlich ein ECHO-Virus.“ Sie schluckte schwer. „Oder das Coxsackie-Virus.“

Unwillkürlich blickte sie zu Kit hinüber und sah, dass sich ihr eigener Schmerz in seinen Augen widerspiegelte. Sie schaute weg und musste die Zähne zusammenbeißen, um nicht in Tränen auszubrechen. Coxsackie B. Der winzige, unsichtbare Virus, der ihr ganzes Leben zerstört hatte. Sie wandte sich wieder dem kleinen Jungen zu, um ihre Untersuchung zu beenden. „Die Haut an seinen Fingerspitzen schält sich.“

„Er hat aber noch nie am Daumen gelutscht oder so“, erklärte Mrs. Morley.

„Ich glaube, dass Ross das Kawasaki-Syndrom hat“, sagte Natalie schließlich. „Hautabschuppung ist ein typisches Anzeichen dafür. Dazu kommen der Ausschlag, die Rötungen und die leicht geschwollenen Hände. Außerdem gerötete Augen, trockene, aufgesprungene Lippen und das Fieber.“

Fragend sah sie Kit an, der ihr bestätigend zunickte.

Sie unterdrückte ihre Freude. Schließlich war sie hier, um Menschen zu helfen, und nicht, um ihm irgendetwas zu beweisen.

„Und was passiert jetzt?“, wollte Mrs. Morley wissen.

„Wir werden Ross stationär aufnehmen“, antwortete Natalie. „Diese Krankheit ist medikamentös gut zu behandeln. Im Laufe der nächsten Tage werden die meisten Symptome verschwinden, und in einer Woche können Sie ihn wieder mit nach Hause nehmen. Allerdings wird es dann noch etwa drei Wochen dauern, bis er alles hinter sich hat.“

„Gibt es mögliche Komplikationen?“

Vielleicht eine Herzmuskelentzündung. Doch obwohl Natalie den Mund öffnete, brachte sie kein Wort heraus. Die Kehle war ihr wie zugeschnürt.

„Beim Kawasaki-Syndrom können Komplikationen auftreten“, schaltete Kit sich ein. „Manche Kinder bekommen danach Arthritis, andere haben Herzprobleme. Aber wir werden Ross bei der Nachsorge zur Elektrokardiografie schicken, um sicherzugehen. Das ist eine Ultraschalluntersuchung des Herzens.“

Mrs. Morley schluckte. „Könnte er sterben?“, flüsterte sie.

„Die meisten Kinder werden wieder vollkommen gesund“, versicherte Kit.

Die meisten Kinder. Aber eine Myokarditis konnte tödlich sein. Manchmal zeigten sich noch nicht einmal irgendwelche Symptome. Gerade bei Säuglingen war es schwer, ein solches Krankheitsbild festzustellen, weil sie einem nicht sagen konnten, was ihnen fehlte. Der viel zu schnelle Herzschlag zeigte sich nur auf dem Monitor. Dann hörte das Herz auf, richtig zu pumpen, versagte, und dann blieb es stehen.

So wie bei Ethan. Und Natalie hatte nichts anderes tun können, als ihr Baby im Arm zu halten, als sein kleines Herz schließlich versagte und alles Leben aus seinem zarten Körper wich. Sie ballte die Fäuste und ermahnte sich, stark zu sein.

Auch Kit dachte an Ethan. Das merkte sie an dem leichten Schwanken in seiner Stimme, als er fortfuhr: „Wir nehmen Ross auf unsere Station auf, Mrs. Morley. Eine Schwester wird Sie nach oben bringen und Ihnen alles Notwendige zeigen.“

„Kann ich … kann ich meinen Mann anrufen?“, fragte sie. „Er ist noch bei der Arbeit.“

„Selbstverständlich“, sagt Kit. „Die Schwester wird Ihnen das Telefon zeigen. Auf unserer Station gibt es extra ein Elterntelefon. Die Nummer können Sie auch gern weitergeben, falls jemand Sie anrufen möchte. Auf diese Weise wird die Hauptleitung nicht blockiert.“

Nachdem sie Mrs. Morley und Ross der Schwester übergeben hatten, wandte Kit sich an Natalie. „Alles in Ordnung mit dir?“

„Klar“, schwindelte sie. „Wieso nicht?“

Wenigstens tadelte er sie nicht dafür, dass sie ihre Arbeit nicht korrekt ausführte. Er hätte ihr vorwerfen können, dass sie Mrs. Morley nicht mitgeteilt hatte, welche Komplikationen möglicherweise mit der Kawasaki-Krankheit verbunden waren. Offenbar verstand Kit jedoch, wie schwer es ihr gefallen war, es auszusprechen, und dass sie kaum atmen konnte.

„Wenn du dir fünf Minuten Pause gönnen möchtest, um ein Glas Wasser zu trinken oder so, ist das völlig in Ordnung“, sagte er.

Doch Natalie wollte keine Schwäche zeigen. „Nein, mir geht’s gut“, erklärte sie gepresst. „Ich schaffe meinen Job. Du brauchst mich nicht mit Samthandschuhen anzufassen.“

Irgendwie ärgerte es sie, dass Kit sich jetzt bemühte, es ihr leichter zu machen. Vor sechs Jahren dagegen, als sie seine Unterstützung gebraucht hatte, war er nicht für sie da gewesen.

„Wenn du meinst.“

Sie konnte es kaum ertragen, dass er so fürsorglich war.

„Natalie, die Pädiatrie ist hart. Vor allem zu dieser Jahreszeit. Du wirst immer wieder Fälle bekommen, die dich daran erinnern werden. Und an manchen Tagen wird es schwerer sein, damit umzugehen, als an anderen.“ Er legte ihr leicht die Hand auf die Schulter. „Natalie, falls du irgendetwas …“

„Wir haben noch eine lange Patientenliste“, unterbrach sie ihn. „Lass uns weitermachen.“ Sie schüttelte seine Hand ab. Im Augenblick war sie nicht imstande, seine Berührung auszuhalten.

Seine Stimme wurde merklich kühler. „Natürlich, Dr. Wilkins.“

Irgendwie schaffte Natalie es, den Nachmittag hinter sich zu bringen. Aber je länger sie Kit bei der Arbeit zusah, wie er auch das mürrischste Kind zu besänftigen wusste, desto klarer wurde ihr, wie gut er mit Kindern umgehen konnte. Sie sprachen auf die Stärke und Ruhe an, die er ausstrahlte. Er ließ sich auch Zeit mit seiner Diagnose. Wenn nötig, las er eine Geschichte vor oder erzählte Witze. Und aus den Untersuchungen machte er ein Spiel. Kit ließ die Kinder durchs Stethoskop seinen Herzschlag hören und nahm den Eltern ihre Ängste. Er erklärte genau, was er tat, und zwar so, dass die Eltern es verstehen konnten, und ohne das Kind zu verängstigen.

Natalie dachte, was für einen wunderbaren Vater er abgegeben hätte. Es hatte nicht sein sollen.

Oder hatte er womöglich eine Familie? Einen anderen Sohn, der den verlorenen Sohn ersetzte? Oder vielleicht eine Tochter, die aussah wie seine neue Frau? Natalie wusste nicht, was schlimmer war: daran zu denken, was für ein toller Vater er gewesen wäre, oder sich ihn als Vater einer neuen Familie vorzustellen.

Obwohl sie sich innerlich zerrissen fühlte, blieb sie äußerlich ruhig. Nach der Schicht in der Notaufnahme ging sie sogar mit Kit zusammen einen Kaffee trinken. Allerdings sprach keiner von beiden besonders viel, und sie hielten sich strikt an neutrale Themen wie beispielsweise ihre Arbeit.

Danach hatte Natalie zum Glück zwei Tage frei. Ein ganzes Wochenende, an dem sie nicht an Kit denken würde. Und wenn sie am Montag wieder zur Arbeit kam, hatte sie ihre Gefühle sicher wieder unter Kontrolle.

3. KAPITEL

„Was für eine Verschwendung“, seufzte Francis, die gerade im Aufenthaltsraum den Wasserkessel füllte. „Dabei ist er so attraktiv.“

„Verschwendung?“, fragte Natalie verständnislos.

Ruth, eine andere Krankenschwester, stieß ebenfalls einen theatralischen Seufzer aus. „Groß, dunkel und gut aussehend, einfach umwerfend. Einer von der Sorte, bei dem einem jedes Mal die Knie weich werden, wenn er einen anlächelt. Und er ist auch noch wirklich nett. Keiner dieser Typen, die genau wissen, wie gut sie aussehen, und davon ausgehen, dass jede Frau ihnen zu Füßen liegt. Er ist hinreißend. Außerdem nimmt er sich Zeit, den Eltern und den Studenten die Dinge zu erklären. Er ist nicht einer dieser Besserwisser-Ärzte, die sich für einen Halbgott halten und glauben, dass Krankenschwestern kein Hirn haben. Nein, er hat tatsächlich Respekt dem Pflegepersonal gegenüber. Aber leider ist er schwul“, meinte sie düster.

„Wer?“, fragte Natalie, die dem Gespräch nicht ganz folgen konnte.

Francis verdrehte die Augen. „Kit natürlich! Unser neuer Stationsarzt. Er ist seit einer Woche hier. Und du hast mit ihm schon zusammen Sprechstunde und Visite gehabt. Also sag nicht, dass es dir nicht aufgefallen ist.“

Verblüfft erwiderte Natalie: „Dass er schwul ist?“

„Nein, dass er umwerfend ist. Ein wirklich schöner Mann. Und diese Augen! Oh.“ Kopfschüttelnd sagte Ruth: „Du bist viel zu sehr auf deine Arbeit fixiert, Natalie. Du musst dich unbedingt mal entspannen. Öfter ausgehen.“

„Ja, ich weiß.“ Natalie zwang sich zu einem Lächeln. Es gab Zeiten, da hatte sie viele Partys gefeiert. Bevor ihr Ehe zerbrochen war. Seitdem zog sie ein ruhigeres Leben vor.

„Eine solche Verschwendung“, wiederholte Francis. „Ich kann mir so gut vorstellen, wie es wäre, von ihm geküsst zu werden. Dieser herrliche Mund, der lauter wunderbare Sachen mit einem anstellt.“ Sie erschauerte wohlig. „Oh.“

Natalie brauchte sich das gar nicht vorzustellen. Sie wusste genau, wie es sich anfühlte, von Kit geküsst zu werden. Wie sein Mund sie ins Paradies getragen hatte.

Sie biss die Zähne zusammen, um die Erinnerungen dorthin zu verbannen, wo sie hingehörten: in die Vergangenheit. Zwischen ihr und Kit war es vorbei. Endgültig.

„Eine Freundin von mir arbeitet in dem Krankenhaus, wo er vorher gewesen ist“, fuhr Francis fort. „Die Schwestern haben sich gedrängelt, mit ihm auszugehen. Er ist zu den meisten Abteilungstreffen gekommen, denn er ist kein Spielverderber. Aber er war nie mit einer Frau zusammen. Er hat alle Angebote abgelehnt. Gina aus der Notaufnahme hat ihn neulich zu einem Drink eingeladen. Aber er hat abgelehnt. Und das, obwohl Gina nur mit den Fingern zu schnippen braucht, und die Männer kommen angerannt.“

Kit traf sich nicht mit Frauen? Schnell unterdrückte Natalie den kleinen Funken Hoffnung, der sich in ihr regte. Nein, auf keinen Fall wollte sie über die Gründe nachdenken, weshalb Kit möglicherweise auch Single war.

Wenn sie ihren Kolleginnen sagte, dass sie mit Sicherheit wusste, dass er nicht schwul war, musste sie das erklären. Was sie jedoch vermeiden wollte. Andererseits sollten die beiden auch keine falschen Vorstellungen von Kit bekommen.

„Vielleicht konzentriert er sich einfach nur auf seine Karriere“, wandte sie daher ein.

„So wie du? Nein, das glaube ich nicht.“ Francis verzog bedauernd das Gesicht. „Und es liegt auch nicht daran, dass er ein liebender Ehemann ist. Er ist nämlich nicht verheiratet.“

Ruth nickte. „Offenbar interessiert er sich nicht für Frauen. Ich glaube, er hat sogar einen Blick für Schuhe.“

„Sie hat recht“, seufzte Francis. „Nur schwule Männer interessieren sich für Schuhe, oder? Heteros denken nicht an das, was du anhast. Sie denken nur daran, wie sie es dir wieder ausziehen können.“

Natalie lachte. Innerlich jedoch verspürte sie einen tiefen Schmerz. Natürlich hatte Kit einen Blick für Schuhe. Früher war sie eine absolute Schuhfetischistin gewesen und hatte an keinem Schuhgeschäft vorbeigehen können, ohne über High Heels in schreienden Farben in Verzückung zu geraten. Kit hatte sie ihr gekauft, auch wenn er sie sich eigentlich nicht leisten konnte.

Und an dem Tag, als Natalie festgestellt hatte, dass sie schwanger war, hatte sie ein Paar winziger weißer Satin-Babyschuhe besorgt, sie eingepackt und ihm geschenkt. Sobald er die Botschaft begriffen hatte, hatte er Natalie begeistert herumgewirbelt, und …

„Hallo? Erde an Natalie?“ Francis wedelte ihr mit einer Hand vor dem Gesicht hin und her und hielt ihr mit der anderen einen Becher Kaffee hin.

Sie lächelte. „Danke, Francis. Ich war gerade meilenweit weg.“

„Natalie ist wirklich eine außergewöhnliche Frau“, sagte Ruth grinsend zu Francis. „Wenn man von Schuhen redet, denkt sie an etwas anderes.“

„Aber sie versteht etwas von Schokolade“, gab Francis zurück. „Sie ist eine von uns.“

Natalie störte die Witzelei nicht. Wenigstens brachte es die beiden Frauen vom Thema Kit ab.

Als hätte sie ihre Gedanken gelesen, fragte Francis jedoch: „Aber er ist toll, findest du nicht?“

Dies ging in eine Richtung, die Natalie gar nicht gefiel. Vor allem, weil sie schon gemerkt hatte, dass Francis und Ruth nicht locker ließen, wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatten.

Achselzuckend antwortete sie deshalb: „Das kommt immer darauf an, wie sich jemand verhält.“

Kit war gerade im Begriff gewesen, sich im Aufenthaltsraum einen Kaffee zu holen, als er das Thema der Unterhaltung mitbekam.

Hielten ihn die Schwestern wirklich für schwul?

Was für ein Witz. Noch nie hatte er sich auch nur im Entferntesten zu einem Mann hingezogen gefühlt, und für schöne Frauen hatte er immer noch etwas übrig. Er ging nur keine Beziehungen mehr ein. Seit er die Liebe seines Lebens verloren hatte, sah er keinen Sinn mehr darin.

Die Frau, die gerade wieder in seinem Leben aufgetaucht war. Aber sie hatte ihm deutlich zu verstehen gegeben, dass sie nicht dort weitermachen wollte, wo sie damals aufgehört hatten. Sie waren nicht einmal mehr Freunde. Erschreckend, wenn man daran dachte, was sie einander früher einmal bedeutet hatten.

Das kommt immer darauf an, wie sich jemand verhält.

Die Verachtung, die in dieser Bemerkung lag. Okay, Natalie hatte gute Gründe dafür. Schließlich hatte Kit sie in der schlimmsten Art und Weise im Stich gelassen. Und er hatte auch nicht ernsthaft genug versucht, seine Ehe zu retten, weil er zu sehr darauf geachtet hatte, sich zusammenzureißen. Er hatte sich in seine Arbeit vergraben, damit er den Schmerz nicht fühlen musste, um nicht selbst unterzugehen. Dabei war ihm entgangen, was mit Natalie geschah.

Aber ihre Bemerkung versetzte Kit einen Stich. Sie hielt ihn anscheinend für oberflächlich. Vielleicht sollte er ja lieber auch mal oberflächlich sein und all die Angebote annehmen, die er bekam. Jede Nacht mit einer anderen Frau wilden Sex haben.

Doch das war nicht sein Stil, und es war nicht das, was er wollte.

Nur, das, was er wirklich wollte, lag außerhalb jeder Möglichkeit.

Er kehrte auf dem Absatz um und ging zurück in sein Büro.

In all den Jahren seit ihrer Scheidung war es Natalie gelungen, nicht an Kit zu denken. Aber jetzt, da sie mit ihm zusammenarbeitete und ihm jeden Tag begegnete, kam alles wieder zurück. Wie sehr sie ihn geliebt hatte. Wie richtig es sich angefühlt hatte, in seinen Armen zu liegen. Wie ihre ganze Welt zusammengebrochen war, als ihr klar wurde, dass sie ihn verloren hatte.

Sie musste sich beherrschen, denn in den nächsten sechs Monaten war sie gezwungen, mit Kit zusammenzuarbeiten. Sonst würde es so aussehen, als wäre sie nicht in der Lage, ihre erste Stelle als Ärztin zu bewältigen. Persönliche Gründe waren kein gutes Argument, um einen Job aufzugeben. Das machte einen unzuverlässigen Eindruck. Dann würden zukünftige Arbeitgeber zögern, ihr einen Posten anzubieten.

Nein, dafür hatte sie zu hart für ihren neuen Beruf gearbeitet. Sie musste ganz einfach durchhalten. Und sie war entschlossen, sich ein für alle Mal von Kit Rodgers zu befreien.

Einen Monat lang schaffte Natalie es, sich zusammenzunehmen. Sie arbeitete viel, ging gelegentlich mit ihren Kollegen aus, wenn Kit nicht dabei war, und fing an, sich langsam einzuleben.

Bis zur Halloween-Spendenparty der Station.

Natalie versuchte, sich davor zu drücken. „Ich kaufe eine Karte, aber ich habe Dienst.“

„Hast du nicht“, widersprach Francis. „Ich habe schon nachgeguckt. An dem Tag hast du Frühschicht. Und auch wenn du Spätschicht hättest, könntest du trotzdem noch für ein paar Stunden kommen. Also, keine Widerrede. Und du brauchst auch kein selbst gemachtes Kostüm. Du kannst eins ausleihen.“

Natalie seufzte. „Ich bin eher ein Partymuffel.“

„Bei der hier hast du bestimmt Spaß. Du kennst ja alle. Außerdem ist es eine Spendenaktion für unsere Station. Da kannst du nicht einfach durch Abwesenheit glänzen.“ Francis nahm einen Flyer aus ihrem Spind und drückte ihn ihr in die Hand. „Das ist der Kostümverleih, zu dem die meisten Leute hingehen. Der Laden spendet uns sogar einen Teil seiner Einnahmen. Die Party wird dir gefallen, Natalie. Es ist ein Riesenspaß, und wir kriegen eine Menge Geld für die Station zusammen. Wir haben eine großartige Band, die alles spielt, von den alten Klassikern bis zu den neuesten Chart-Hits. Es gibt tolles Essen, und die Tombola ist fantastisch!“

„Okay, okay, ich kaufe einen Haufen Lose“, versprach Natalie.

„Gut. Aber du kommst trotzdem zur Party. Und wenn ich dich höchstpersönlich zu Hause abholen und herschleppen muss“, erklärte Francis.

Natalie ließ sich auf einen Sessel fallen. „Wenn du mal Pflegedienstleiterin bist, werden alle Ärzte Angst vor dir haben. Und das zu Recht.“

Francis lachte. „Solange sie eine Karte für die Party und jede Menge Tombola-Lose kaufen, passiert ihnen nichts.“

In gespieltem Flehen hob Natalie die Hände. „Hab Erbarmen mit mir. Ich bin doch bloß eine Baby-Ärztin.“

„Für diese jämmerliche Ausrede musst du noch ein Extra-Los kaufen“, gab Francis belustigt zurück.

„Aus der Nummer komme ich wohl nicht mehr raus, oder?“

„Nein.“ Francis strich ihr übers Haar. „Ärgere dich nicht. Es wird dir guttun. Das ist eine Gelegenheit, um sich mal ein bisschen aufzubrezeln.“

„Jaja.“

Doch Natalie kaufte tatsächlich eine Karte für die Party und lieh sich ein Kostüm aus. Es bestand aus einem schlichten schwarzen Kleid mit Spaghettiträgern und einem fransigen Saum sowie langen, fingerlosen Spitzenhandschuhen. Dazu wählte sie noch eine kurze schwarze Hämatitkette und eine mit Spinnweben bestickte Chiffon-Stola. Und zum ersten Mal seit Jahren zog sie hohe schwarze Pumps an.

Obwohl Kit vermutlich auch auf der Halloween-Party sein würde, waren sicher so viele Leute dort, dass sie ihm aus dem Weg gehen konnte. Hoffentlich.

Bei der Arbeit trug Natalie normalerweise kein Make-up. Aber an diesem Abend entschied sie sich für den dramatischen Look, mit dunklem Lidschatten, blutroten Lippen und langen, falschen, schwarz lackierten Fingernägeln.

Einen Moment lang schaute sie in den Spiegel und verlor sich dabei in den Erinnerungen an vergangene Halloween-Partys. Studentenpartys, auf denen sie als Vampir oder Geisterbraut erschienen war. Und dann jene letzte während der Assistenzzeit von Kit. Natalie war hochschwanger gewesen, und er hatte sie den ganzen Abend umsorgt, voller Angst, dass ihre Fruchtblase beim Tanzen platzen könnte.

Erinnerungen, die sie unbedingt verdrängen musste, wenn sie diesen Abend halbwegs unbeschadet überstehen wollte.

Sie war nervös, als sie zur Party kam. Doch sobald sie ihre Eintrittskarte einer als Mumie verkleideten Person zeigte, wurde sie mit einem Quietschen begrüßt. Die Stimme hinter der Maske war unverkennbar die von Francis.

„Du siehst fantastisch aus, Natalie!“, rief sie. „Und diese Schuhe sind super! Hol dir etwas zu trinken und amüsier dich. Debbie und Ruth sind schon da. Sie tragen auch Mumienkostüme.“

Natalie ging zur Bar und bestellte ein kleines Glas Rotwein, an dem sie langsam nippte. Gleich darauf kamen Ruth und Debbie zu ihr.

„Du siehst toll aus. Stell das Glas hin und komm tanzen“, meinte Ruth und zog sie mit sich auf die Tanzfläche.

Kit war überhaupt nicht in der Stimmung für eine Party. Er war müde und schlecht gelaunt. In dieser Jahreszeit ging es ihm nie gut. Zu viele schmerzliche Erinnerungen waren damit verbunden. Und er hatte Natalie angesehen, dass es ihr ebenso erging. Aber er hatte Francis versprochen, bei der Spendenparty aufzutauchen.

Er beschloss, eine halbe Stunde zu bleiben und sich dann zu entschuldigen. Leider war er heute nur für die Spätschicht eingeteilt, nicht für die Nachtschicht.

Kit duschte, zog sich sein Kostüm aus dem Verleih an und gelte das Haar zurück. Seufzend verließ er dann das Haus und fuhr zu dem Saal, wo die Halloween-Party stattfand.

Natalie merkte sofort, als Kit zur Tür hereinkam. Es war, als gäbe es noch immer eine Art unsichtbares Radarsystem zwischen ihnen. Dennoch zwang sie sich, sich nicht nach ihm umzudrehen, sondern tanzte weiter mit Ruth und Debbie.

Kit war da, na und? Das hatte sie doch vorher gewusst, und sie war darauf vorbereitet. Sie würde schon damit klarkommen.

Auch er bemerkte sie augenblicklich. Wie damals, als er sie zum ersten Mal gesehen hatte, auf einer Studentenparty vor zwölf Jahren. Alle anderen im Raum waren auf einmal verschwunden, und er hatte nur noch Augen für Natalie gehabt. An jenem Abend war sie leger in Jeans und T-Shirt gekleidet gewesen, während ihr die dunklen Locken über die Schultern fielen.

Heute jedoch sah sie einfach hinreißend aus. Anders als damals, mit weniger Rundungen und einem knabenhaften Kurzhaarschnitt. Aber sie war noch immer so schön wie mit achtzehn.

Das Kleid war perfekt. Der Ausschnitt zeigte kaum etwas von ihrem Dekolleté, und der Rock reichte ihr bis über die Knie. Doch sie trug High Heels dazu. Wie die meisten Kolleginnen hatte sie bei der Arbeit bequeme, flache Schuhe an. Das war nur vernünftig. Aber Natalie hatte schon immer eine Schwäche für Schuhe gehabt. Aufregende, verführerische Schuhe wie diese hier.

Sein Körper reagierte sofort darauf, und Kit stockte der Atem. Er begehrte sie noch immer genauso wie damals. Innerhalb von Sekunden hatte er gewusst, dass er sie heiraten würde. Lust, Liebe auf den ersten Blick, egal, wie man es nennen wollte: Sie war die Eine. Keine andere Frau hatte ihr je das Wasser reichen können.

Warum war er nur so dumm gewesen, sie gehen zu lassen?

Natalie tat ihr Bestes, um Kit zu ignorieren, indem sie mit jedem Mann tanzte, der sie aufforderte. Doch dann, als ihr Tanzpartner sie herumwirbelte, erhaschte sie einen Blick auf Kit.

Er sah absolut umwerfend aus in seinem viktorianischen Frackhemd, der dunklen Hose, einer Brokatweste, seiner Fliege und dem langen schwarzen Samtcape. Ein Vampir in bester Bram-Stoker-Manier, dunkelhaarig, gut aussehend und gefährlich, für Frauen unwiderstehlich.

Kit war mit Abstand der attraktivste Mann im ganzen Raum. So wie damals, als sie ihm das erste Mal begegnet war. An jenem Abend hatte sie nur noch seine unglaublich blauen Augen und das unbefangene Lächeln wahrgenommen, bei dem ihr Herz sofort einen Sprung gemacht hatte. Heute lächelte er nicht. Er saß an der Bar und trank langsam und mit grimmiger Miene aus seinem Glas. Aber dieser Mund! Am liebsten hätte Natalie die Finger ausgestreckt und ihn berührt, um ihn wieder zum Lächeln zu bringen.

Oh nein, das war gar nicht gut. Es konnte doch nicht sein, dass sie nach allem, was zwischen ihnen geschehen war, noch immer solche Gefühle für ihn hatte. Sie waren seit Jahren geschieden. Und die letzten Monate ihrer Ehe waren die schlimmsten ihres Lebens gewesen. Natalie hatte sich dazu gezwungen, nicht mehr an ihn zu denken.

Aber seit Kit hatte es keine anderen Männer mehr für sie gegeben. Sie hatte zwar einige Angebote bekommen, diese jedoch ausnahmslos alle abgelehnt, denn sie wollte nicht riskieren, wieder verletzt zu werden. Aber vor allem hatte sie bei keinem anderen Mann diese ungeheure Anziehungskraft verspürt wie bei ihm.

Wenn man dem Krankenhaus-Tratsch glauben durfte, gab es auch niemand Neues in Kits Leben. Sofort unterdrückte Natalie den Funken Hoffnung in sich, ehe er die Chance hatte zu wachsen. Es hatte beim letzten Mal schon nicht zwischen ihnen funktioniert, und Natalie wollte ihren Fehler auf keinen Fall wiederholen. Sie musste Kit eben einfach aus dem Weg gehen.

Leichter gesagt als getan. Denn wenig später kam er zu ihr und legte ihr die Hand auf die Schulter. Es war nur ein flüchtiger Kontakt, aber seine Fingerspitzen berührten ihre bloße Haut, sodass ein Schauer des Verlangens über ihren Rücken rieselte. Erotische Erinnerungen an sehr viel intimere Berührungen wurden in ihr geweckt.

„Darf ich um diesen Tanz bitten?“

Nein, rief ihre Vernunft.

Es musste sich auf ihrem Gesicht widergespiegelt haben, weil Kit leise sagte: „Natalie, wenn du Nein sagst, werden jede Menge Gerüchte aufkommen, warum du mit allen Männern außer mir getanzt hast. Alle werden denken, dass du mich meidest.“

Das stimmte ja auch.

„Und dann werden sie anfangen, Fragen zu stellen.“

Das wollte sie auf keinen Fall.

„Wir arbeiten zusammen. Also erwartet man von uns, dass wir auch etwas persönlichen Kontakt miteinander pflegen.“ Kit lächelte ihr zu, und ihr wurden die Knie weich.

Das war so unfair. Nach all den Jahren sollte er nun wirklich nicht länger eine solche Wirkung auf sie haben.

„Tanz mit mir, nur ein Mal. Als Beweis dafür, dass wir einander nichts mehr übel nehmen.“

Natalie atmete tief durch. Wenn Kit vernünftig damit umgehen konnte, dann konnte sie das auch. Außerdem wurde gerade ein schnelles Stück gespielt, was bedeutete, dass sie ihn nicht anfassen musste. „Na gut.“

Nur leider wechselte die Musik übergangslos zu einer langsamen Nummer, und ehe Natalie reagieren konnte, war sie schon in Kits Armen. Ihr Kopf ruhte an seiner Schulter, wie schon so viele Male zuvor.

Zum Beispiel an ihrer Hochzeit. Da hatte Kit auch eine Brokatweste getragen. Natalie hatte ein trägerloses Korsagenkleid angehabt und genau wie jetzt in seinen Armen getanzt. Sie hatte übers ganze Gesicht gestrahlt. Wie glücklich sie beide damals doch gewesen waren!

Für Kit fühlte es sich an, als wäre er endlich angekommen. Natalie war schlanker als in seiner Erinnerung, und sie trug ihr Haar kürzer. Sie benutzte nicht einmal mehr dasselbe Parfum. Aber er erinnerte sich an ihre weiche Haut, an das Gefühl, sie in seinen Armen zu halten. Wie bei ihrer Hochzeit, als Natalie auch so den Kopf an seine Schulter gelegt hatte. In dem absoluten Vertrauen, dass er sie niemals im Stich lassen und immer für sie da sein würde.

Doch er hatte kläglich versagt. Und danach war es ihm nicht mehr gelungen, die Schutzmauern zu durchbrechen, die sie um sich herum aufgebaut hatte. Sie hatte ihn zurückgewiesen, und die große Liebe war einfach versiegt.

Nur bei ihm nicht. Jetzt, da er Natalie wieder in seinen Armen hielt, stiegen seine Gefühle wieder in ihm auf und verwirrten ihm die Sinne. Vom Kopf her wusste Kit, dass er aufhören sollte, mit ihr zu tanzen. Er sollte sich eine Ausrede ausdenken und die Party möglichst schnell verlassen. Aber sein Herz ließ es nicht zu. Er musste Natali einfach küssen. Hier und jetzt. Nur ein einziges Mal mit seinen Lippen ganz kurz ihre Haut berühren. Er neigte den Kopf, sodass sein Mund an ihrem Nacken lag.

Köstlich. Sie schmeckte noch immer genauso gut wie in seiner Erinnerung. Wenn nicht noch besser. Unwillkürlich zog er sie enger an sich und fuhr mit den Lippen über die sensible Seite an ihrem Hals hinauf.

Natalie erschauerte, entzog sich ihm jedoch nicht.

In diesem Moment war Kit endgültig verloren. Er schloss die Augen, um den Rest der Welt auszublenden. Mit dem Mund berührte er Natalies Ohrläppchen, ihre Wange und dann schließlich ihre Lippen, so warm und süß.

Es sollte nur ein einziger Kuss werden. Ein kleiner, zarter Kuss. Doch dann öffnete sie den Mund, und der Kuss vertiefte sich.

Es war wunderbar, Natalie endlich wieder in seinen Armen zu haben. Sie schlang ihm die Arme um den Hals und vergrub die Finger in seinem Haar. Kit zog sie so eng an sich, dass er jede ihrer Bewegungen spürte. Er hatte sie schrecklich vermisst. Und jetzt war sie wieder da, bei ihm. Er spreizte die Hand an ihrem Rücken und glitt mit der anderen zu ihrem Po. Wie gut das tat. Danach hatte er sich von dem Augenblick an gesehnt, als er sie wiedergesehen hatte.

Er merkte nicht, dass die Musik sich erneut änderte und die Band ein schnelles Stück spielte. Erst als jemand mit ihnen zusammenstieß, fuhr er aus seinen Fantasien auf. Es war, als hätte jemand einen Eimer kaltes Wasser über ihm ausgeschüttet.

Kit löste sich von Natalie. Er sah den Schock in ihren Augen. Oh nein. Sie hatten sich gerade in aller Öffentlichkeit auf der Tanzfläche zum Narren gemacht. Sich durch wer weiß wie viele Stücke hindurch geküsst, und der Krankenhaustratsch würde deshalb vermutlich blühen.

Natalie zitterte. Am liebsten hätte Kit sie wieder in seine Arme gezogen, um sie vor all den neugierigen Blicken zu schützen. Doch sie hatte bereits ihre Mauern aufgebaut. Ihre Miene war verschlossen, und sie warf ihm einen Blick zu, der besagte: Komm mir bloß nicht zu nahe!

Sie wich einen Schritt zurück. „Das hätten wir nicht tun sollen.“

Ja. Aber trotzdem wünschte Kit, sie hätten nicht damit aufgehört.

Was hatten sie nur getan? Natalie schoss die Röte ins Gesicht. Sie hatte das Gefühl, nie wieder irgendjemandem aus diesem Raum gegenübertreten zu können.

Sie hatte Kit geküsst, und nicht nur flüchtig, sondern fordernd und leidenschaftlich. In aller Öffentlichkeit.

Oh nein.

Obwohl sie sich verzweifelt danach sehnte, ihr Gesicht an seiner Schulter zu verbergen und seine Arme wieder zu spüren, brachte sie es nicht über sich. Sie konnte nicht noch einmal dasselbe durchmachen. Es wäre leicht, wieder ihr Herz an ihn zu verlieren, aber dann würde er sie genauso im Stich lassen wie zuvor. Er würde nicht da sein, wenn sie ihn brauchte. Und das wollte sie kein zweites Mal erleben.

„Wir können das nicht tun“, stieß sie mühsam hervor. „Wenn jemand fragt: Wir hatten beide zu viel getrunken.“

„Tally“, begann er, aber sie fiel ihm ins Wort.

„Entschuldige mich, ich bin müde. Ich fahre nach Hause.“

„Ich bringe dich hin.“

„Erwartest du allen Ernstes, dass ich hier zusammen mit dir weggehe?“ Ganz sicher nicht. Natalie traute ihm nicht, und sich selbst noch viel weniger.

Wenn er sie nach Hause brachte, würden sie unweigerlich miteinander im Bett landen. Denn die leidenschaftliche Anziehung zwischen ihnen war unbestreitbar noch vorhanden. Kaum war sie in seinen Armen gewesen, hatten sie sich öffentlich geküsst.

Natalie wusste, wenn sie erst einmal allein waren, würde sie nichts mehr aufhalten. Sie würden sich die Kleidung vom Leib reißen in dem überwältigenden Verlangen, einander zu berühren, zu spüren. Sie würden sich die ganze Nacht über lieben und die negativen Gefühle von damals auslöschen.

Die Versuchung war groß. Doch es wäre nicht von Dauer. Und Natalie wollte nicht, dass die Leute über sie und ihr Liebesleben redeten. „Kommt nicht infrage“, entgegnete sie daher heftig. „Ich bestelle mir ein Taxi. Die Leute denken sonst, ich hätte die Nacht mit dir verbracht. Der Kuss hätte gar nicht passieren dürfen. Wir vergessen ihn am besten.“

Von wegen. Niemals würde sie diesen Kuss vergessen. Ihr ganzer Körper sehnte sich nach Kit. Sie hatte ihn schrecklich vermisst. Wie sehr wünschte sie sich, in seinen Armen einzuschlafen, seinen Herzschlag zu fühlen und seinen ruhigen, regelmäßigen Atem zu hören. Aber das würde nicht geschehen. Diesmal würde sie sich nicht von ihrem Herzen leiten lassen, sondern vernünftig sein.

„Dann lass mich wenigstens so lange mit dir zusammen warten, bis das Taxi kommt“, erwiderte Kit.

„Nein, ich fahre nach Hause. Allein. Ich will nicht mit dir zusammen sein.“

„Aber du wirst nicht allein draußen auf ein Taxi warten“, beharrte er.

„Hör auf, dich als mein Beschützer aufzuspielen, Kit. Ich werde im Foyer warten. Dort ist es vollkommen ungefährlich.“

„Vielleicht musst du stundenlang warten. Es ist Halloween, Natalie. Überall finden Partys statt, und Taxis sind kaum zu kriegen. Nein, ich bringe dich nach Hause.“ Kühl setzte er hinzu: „Und keine Sorge, ich werde dich nicht anfallen. Du hast mir deutlich zu verstehen gegeben, dass du nicht interessiert bist. Ich habe mich noch nie einer Frau aufgedrängt, und ich werde jetzt auch nicht damit anfangen.“

Kit brauchte Frauen nicht einmal zu fragen, sie lagen ihm ohnehin zu Füßen. Sogar als die halbe Station geglaubt hatte, er sei schwul, hatten sie ihn unglaublich attraktiv gefunden.

Heute Abend hatte Natalie den Beweis geliefert: Kit Rodgers war definitiv nicht schwul. In der Gerüchteküche würde es morgen nur so brodeln. Vor allem, wenn irgendjemand mitbekam, dass Natalie in seinen Wagen einstieg.

„Kit.“

„Nur zu deiner Information: Ich bin verdammt müde und überhaupt nicht in Partystimmung. Aber ich fahre dich nach Hause und zeige mich dann hier noch mal, sodass niemand denkt, wir hätten irgendetwas Unanständiges getan“, meinte er ironisch.

So ausgedrückt, klang es ziemlich kindisch. Natalie zögerte.

Autor

Kate Hardy
Kate Hardy wuchs in einem viktorianischen Haus in Norfolk, England, auf und ist bis heute fest davon überzeugt, dass es darin gespukt hat. Vielleicht ist das der Grund, dass sie am liebsten Liebesromane schreibt, in denen es vor Leidenschaft, Dramatik und Gefahr knistert?
Bereits vor ihrem ersten Schultag konnte Kate...
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Caroline Anderson

Caroline Anderson ist eine bekannte britische Autorin, die über 80 Romane bei Mills & Boon veröffentlicht hat. Ihre Vorliebe dabei sind Arztromane. Ihr Geburtsdatum ist unbekannt und sie lebte die meiste Zeit ihres Lebens in Suffolk, England.

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Jennifer Taylor ist Bibliothekarin und nahm nach der Geburt ihres Sohnes eine Halbtagsstelle in einer öffentlichen Bibliothek an, wo sie die Liebesromane von Mills & Boon entdeckte. Bis dato hatte sie noch nie Bücher aus diesem Genre gelesen, wurde aber sofort in ihren Bann gezogen. Je mehr Bücher Sie las,...

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