Hauptgewinn - ein Prinz!

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„Und die Gewinnerin ist: Briella Ailiono!“, hallt es über den Platz. Briella ist wie erstarrt. Ausgerechnet ihr Los hat Prinz Alessio gezogen? Der rebellische Prinz von Celiana sucht auf diesem unkonventionellen Weg eine Braut. Unzählige Frauen haben bei der Lotterie mitgemacht, um Prinzessin zu werden! Briella dagegen wollte nur für die Hochzeitsmode ihrer Freundin Werbung machen. Verzweifelt versucht sie zu fliehen – doch die königliche Leibgarde ist schneller! Sie bringt sie zu dem Prinzen, mit dem sie vor den Altar treten soll …


  • Erscheinungstag 16.04.2024
  • Bandnummer 082024
  • ISBN / Artikelnummer 9783751524674
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Briella Ailiono machte ein Selfie von sich und hoffte, dass ihr langes dunkles Kleid, das ihre beste Freundin für diesen Anlass entworfen hatte, darauf gut zur Geltung kam. Obwohl es bei dem Foto auf das Kleid ankam und nicht auf sie, wusste Briella nur zu gut, dass ihr Aussehen genau unter die Lupe genommen werden würde. Wenn ihre Mutter noch mit ihr geredet hätte, hätte Brie sich für die vielen Lektionen bedanken können, die sie ihr diesbezüglich erteilt hatte.

Naserümpfend betrachtete Brie die Aufnahme. Sie war nicht so aufgeregt wie die anderen potenziellen Bräute im Saal, hatte wegen der winzigen Chance, in ein paar Minuten den „Hauptpreis“ zu gewinnen, weder Herzklopfen noch Lampenfieber. In der großen Glastrommel, die sich oben auf dem Palastbalkon drehte, gehörte ihr nur ein einziges Los. Somit hatte sie nur eine Chance, Prinzessin zu werden. Eine einzige Chance, eine Krone zu tragen.

Und damit war die Chance immer noch größer, als ihr lieb war!

Seit einem Jahr wurde in ihrem Heimatland Celiana über nichts anderes als Prinz Alessios Prinzessinnen-Lotterie geredet. Jede Woche hatten sich hoffnungsvolle Möchtegernbräute ein weiteres Los gekauft und es sonntags vor laufenden Kameras abgegeben. Es waren zwölf aufsehenerregende Monate gewesen.

Wäre Brie eine Alternative eingefallen, Ophelias neue Boutique für Braut- und Abendmode derartig schnell bekannt zu machen, wäre sie jetzt nicht hier. Aber die übliche Werbung in den sozialen Medien, auf Modenschauen und in gut platzierter Werbung zeigte erst nach zwei bis drei Jahren Resultate. Auf diese Weise jedoch, in einem von Ophelia entworfenen Hochzeitskleid, konnte Brie sich neben die anderen Frauen stellen, der Presse Fragen zu ihrem Kleid und dem großen Ereignis beantworten – und ihrer Freundin damit bereits im ersten Geschäftsjahr die Möglichkeit auf Erfolg eröffnen. Und zwar auf großen Erfolg.

Und mit Bries eigener neuer Firma würde es ebenfalls steil bergauf gehen.

Das Telefon ihrer Werbeagentur – des „kleinen Geschäfts“, dessen Existenz ihre Eltern konsequent ignorierten – klingelte ununterbrochen, und sie wurde von E-Mails überschwemmt, bekam sogar Angebote, ihre Agentur zu verkaufen. Die Möglichkeiten waren endlos.

Ihre Agentur hatte sie ohne jegliche Hilfe ihrer Familie aufgebaut, und jetzt, da sie endlich selbst über ihr Leben bestimmen konnte, traf sie ihre eigenen Entscheidungen.

Und so hatte sie sich ein Los für die Prinzessinnen-Lotterie gekauft. Der Gewinnerin winkten eine Krone und Prinz Alessio als Ehemann.

Brie warf einen letzten Blick auf das Selfie auf ihrem Handy. Es war gelungen und das dunkle Kleid hob sich schön von der cremefarbenen Wand im Hintergrund ab. Sie stach aus der Menge hervor.

Und genau darum ging es bei diesem Werbefeldzug.

„Wenn sie meinen Namen ziehen, falle ich garantiert in Ohnmacht!“

„Ich auch!“, kreischten die anderen Frauen und sahen dann mit großen Augen zu Brie herüber.

Sie winkte ihnen zu. Ihr dunkles Kleid strahlte weniger Hoffnung aus, war aber so umwerfend wie alle von Ophelias Kreationen.

„Viel Glück!“ Obwohl sie ihre Worte nicht ernst meinte, sah Brie ihnen lächelnd hinterher, als sie an ihr vorbeiliefen. Niemand sollte seinen Bräutigam per Losentscheid gewinnen.

Aber der Palast hatte sie nicht nach ihrer Meinung zu der Lotterie gefragt. Sonst hätte Brie zumindest angemerkt, dass es eine furchtbare Idee war, bei der Ziehung auf die Anwesenheit aller Teilnehmerinnen zu bestehen. Schließlich würde es nur eine glückliche Gewinnerin geben – und über eintausend enttäuschte Verliererinnen.

Ein unschönes Bild und für das Königshaus, bei dem sich alles um den äußeren Schein drehte, zumindest ungewöhnlich.

„Es ist so aufregend! Ich halte es kaum aus!“, rief eine Frau hinter ihr.

Brie kam es vor, als wäre sie die Einzige, die keine Krone tragen wollte.

Das bist du auch!

Müsste sie nicht anwesend sein, um das letzte sensationelle Brautkleid aus Ophelias Kollektion vorzustellen, hätte sie sich dieses Spektakel zu Hause in Yogahosen und T-Shirt mit unordentlich hochgebundenen Haaren und einer großen Schüssel Popcorn im Fernsehen angeschaut.

Stattdessen stand sie hier und stach aus dem Meer der in leuchtendes Weiß gekleideten Möchtegernprinzessinnen heraus.

„Wenn mein Name aus diesem gläsernen Ungetüm gezogen wird, sterbe ich“, grummelte sie vor sich hin, ohne den Balkon aus den Augen zu lassen, auf dem Prinz Alessio jeden Moment erwartet wurde.

„Träumen Sie nicht davon, Prinzessin zu werden?“ Nate, ein Lokalreporter, trat näher an sie heran. „Immerhin gilt Alessio als der attraktivste Prinz.“

Als einziger Prinz des Landes wohl kaum ein Kunststück, schoss es Brie durch den Kopf. Okay, das entsprach nicht ganz der Wahrheit, denn sein Bruder Sebastian war auch Prinz gewesen, bevor er zum König gekrönt worden war.

Alessio war groß, blond, hatte leuchtend grüne Augen, muskulöse Schultern und volle Lippen. Es war also nicht der attraktive Prinz, an dem Brie Anstoß nahm.

Der Palast beteuerte, dass der früher so rebellische Prinz sich über dieses aufsehenerregende Ereignis freute. Nach fast drei Jahren Abwesenheit war er nach Celiana zurückgekehrt, als sein Vater einen Schlaganfall erlitten hatte, und war froh, wieder daheim zu sein. Das zumindest wurde der Öffentlichkeit erzählt.

In Wirklichkeit ging es bei der Lotterie nur um die leeren Staatskassen. Dieses moderne Märchen sollte die Welt daran erinnern, dass Celiana einst Europas beliebtestes Flitterwochenziel gewesen war. Seit der Tourismus vor ein paar Jahren in eine tiefe Krise geraten war, hatte die Prinzessinnen-Lotterie den Reiseverkehr und die Umsätze der Geschäfte von Celiana bereits wieder angekurbelt.

In allen Presseerklärungen und Interviews, die Alessio gab, klang es so, als liebte er die Frau bereits, die er erst vor dem Altar kennenlernen würde. Das war natürlich lächerlich. Stets betonte er, dass seine Eltern, die aus strategischen Gründen geheiratet hatten, eine sehr liebevolle, glückliche Ehe geführt hatten, und wiederholte litaneiartig, dass dieses Ereignis alle Welt daran erinnern würde, dass Celiana das romantischste Ziel für die Flitterwochen war.

Wer würde sich nicht darum schlagen wollen, eine Braut zu sein, damit der Tourismus des Landes wieder in Schwung kam?

Brie konnte Alessio keinen Vorwurf daraus machen, dass er seinen Bürgern helfen wollte. Die gewählte Regierung war hauptsächlich daran interessiert, im Amt zu bleiben. Und Alessio schienen die alltäglichen Geschäfte des Königsreichs mehr am Herzen zu liegen als seinem Bruder, König Sebastian.

Seit Sebastian auf dem Thron saß, benahm er sich wie ein Playboy und verpasste ständig Termine, während sich der früher so rebellische Alessio für Celiana einsetzte, wo er nur konnte. Es war, als hätten die beiden die Rollen getauscht.

„Meine Träume und Ziele haben nichts mit einer Krone zu tun“, antwortete Brie dem Reporter.

Ihr Traum hatte sie bereits ihre adligen Privilegien und die Familie gekostet, in die sie hineingeboren worden war. Sie wollte mehr als die Trophäe irgendeines Mannes sein, den ihr Vater sich als Geschäftspartner wünschte. Sie wollte ihren eigenen Weg gehen.

Bries Träume würden sie aus ihrem kleinen gemieteten Büro in ein schickes Penthouse mit schöner Aussicht führen.

Erneut schaute sie zum Balkon hoch.

Wo bleibt Alessio?

Eigentlich sollte er zur vollen Stunde seine Braut auslosen und war bereits drei Minuten zu spät. Vielleicht waren ihm Bedenken gekommen.

Die Ehe war eine Bindung und Verpflichtung, die nicht ohne Liebe eingegangen werden sollte. Ein ewig währendes Versprechen zwischen zwei Menschen, die sich liebten und unterstützten.

Also das genaue Gegenteil zu der Ehe von Bries Eltern.

Ihre beste Freundin Ophelia und deren Mann Rafael führten die Art von Ehe, die Brie eines Tages ebenfalls eingehen wollte. Nachdem sie gesehen hatte, wie die beiden sich gegenseitig den Rücken stärkten und sich trotz aller Lebens- und Geschäftskrisen liebten und treu waren, kam eine andere Art von Ehe für Brie nicht mehr infrage.

Falls ich überhaupt jemals vor dem Altar stehen sollte.

Als Teenager war sie nur von Menschen umgeben gewesen, denen allein der Reichtum ihrer Familie wichtig war und sonst nichts. Wenn es beim Heiraten nur um Einfluss und Geschäftsbeziehungen ging, wollte sie lieber allein bleiben.

„Möchten Sie einen Kommentar für die Presse abgeben?“ Nate zückte sein Notizbuch.

Ihr lagen viele Bemerkungen auf der Zunge. Am liebsten hätte sie diese Veranstaltung als das betitelt, was sie war: eine Werbeaktion für das Land mit dem Thronerben als Lotteriepreis. Der Prinz war zu einem Stück Ware herabgestuft worden, als wäre er kein Mann, der eine Partnerin verdiente, die sich frei für ihn entschied.

Außerdem hatte die ganze Aktion wenig mit Glück zu tun. Von Chancengleichheit einmal ganz abgesehen. Die Lotterie lief nämlich schon seit zwölf Monaten und jede potenzielle Braut hatte einmal pro Woche ihren Namen in die Lostrommel werfen können. In der ersten Woche war die Teilnahme noch umsonst gewesen, damit es aussah, als könnte jede Frau die nächste Prinzessin von Celiana werden. Über eintausend Frauen hatten in der ersten Woche ihren Namen eingeworfen.

Doch mit jeder verstreichenden Woche wurde der Preis der Lose um zehn Euro erhöht – Gelder, die in die von Prinz Alessio unterstützte Kunststiftung einflossen. Die größte Chance, die Krone zu erwerben, kostete somit dreizehntausend Euro.

Dies bedeutete, dass die wenigen Frauen mit einer reellen Chance, den Balkon zu betreten, alle aus wohlhabenden Familien stammten. Eine von ihnen würde heute höchstwahrscheinlich an Prinz Alessios Arm der jubelnden Menge zuwinken.

„Meine Meinung dazu will niemand hören.“

„Dann eben nicht“, stieß der Reporter missbilligend hervor. „Ich bezweifle sowieso, dass mein Artikel gelesen wird. Im Grunde geht es nur um die Frauen da vorn.“ Er zeigte auf die Gruppe der Hoffnungsvollen, die zweiundfünfzig Lose eingeworfen hatten.

„Stimmt, sie sehen wunderschön aus. Mehrere von ihnen tragen Kleider von Ophelia.“

„Das mit den Brautkleidern ist irgendwie komisch“, meinte Nate und sah sich unter den Frauen um, die sich auf dem großen Platz drängten. „Schließlich findet die Hochzeit ja nicht heute statt.“

„Stimmt.“ Der Vertrag, den alle Teilnehmerinnen an der Lotterie hatten unterschreiben müssen, verpflichtete sie dazu, heute in einem Brautkleid zu erscheinen. Was sollten all diese Frauen hinterher mit ihrem Kleid machen? Sie würden es wohl kaum wieder tragen wollen, wenn sie ihre wahre Liebe fanden. Doch an solche Kleinigkeiten dachte die Königsfamilie anscheinend nicht.

„Schwarz ist eine interessante Farbe.“

„Das können Sie gern erwähnen. Wobei mein Kleid eigentlich dunkelgrün ist.“ Sie hob die kurze Schleppe an, sodass das Licht darauf fiel. „Ophelia bietet eine große Auswahl an, darunter auch moderne Kreationen.“

„Es hebt sich definitiv von den anderen ab. Aber ich weiß nicht, ob mein Redakteur das nicht rausstreichen wird.“

Das Grün stach hervor und erfüllte seinen Zweck, war aber auch ihr eigenes persönliches Statement.

„Dunkle Farben sind passend, wenn es um den Tod der Liebe geht.“

„Oh, wie gemein!“ Nate zuckte zusammen, als wäre er tief getroffen, lachte dann aber. „Sie werden also nicht weinen, wenn Ihr Name nicht gezogen wird.“

„Ich werde weinen, wenn sie ihn ziehen!“

Eine Zweckehe war das Letzte, was sie wollte, noch dazu eine, mit der das Königreich gerettet werden sollte. So viel Verantwortung und Druck sollten selbst dem Prinzen nicht zugemutet werden.

„Der Prinz!“, riefen die versammelten Bräute und Brie schoss ein weiteres Foto. Schließlich war der Zweck des Ganzen, Ophelias Boutique ins Rampenlicht zu rücken.

Brie schaltete live auf ihren Social-Media-Account, lächelte und winkte, als mehr und mehr Zuschauer dazukamen. Als potenzielle Braut, die jede Woche bei der neuen Losabgabe dabei gewesen war, hatte sie in der letzten Zeit so viele neue Follower hinzugewonnen, dass sie sich der Zwei-Millionen-Marke näherte.

„Prinz Alessio ist soeben auf den Balkon hinausgetreten. Er trägt einen dunklen Anzug …“

Trauert er auch um die Liebe?

Brie stand zu weit entfernt, um sein Gesicht sehen zu können, aber seine Bewegungen kamen ihr steif und verkrampft vor. Sie war sich unsicher, ob es sonst noch jemand bemerkte.

„Für die Anzugliebhaber unter euch bietet Ophelia auch eine große Auswahl an eleganter Herrenbekleidung.“ Brie drehte das Display zu sich um. „Jetzt greift er in die Glastrommel! Wer wird unsere neue Prinzessin sein?“

Um sie herum wurden aufgeregte Rufe laut und Brie winkte in die Kamera ihres Handys. Sie hatte ihr Bestes gegeben. Ophelias Boutique war jetzt international bekannt und Brie hatte Werbeaufträge für die nächsten sechs Monate.

Dies bedeutete, dass die Ailiono-Familie ihr Leben nie mehr kontrollieren würde.

„Briella Ailiono“, hallte es über den Platz.

Die Welt um sie herum schien plötzlich stillzustehen, und Brie sah wie betäubt, wie ihr das Handy aus den Fingern glitt. Nein. Nein. Nein.

„Briella Ailiono!“, rief Alessio erneut und hoffte, dass seine Stimme nicht zitterte. Jede Sekunde dieser Veranstaltung wurde überwacht, gefilmt und durchdiskutiert. Diejenigen, die sich nach einer Liebesgeschichte sehnten, gerieten jetzt in Verzückung, und die, die es für eine Farce hielten, würden bei Alessio nach dem kleinsten Anzeichen von Unsicherheit suchen.

Er hatte keinerlei Zweifel daran, dass dieser Plan Celianas von Hochzeiten und Flitterwochen abhängige Tourismusindustrie beleben und allen Inselbewohnern zugutekommen würde. Außerdem schuldete er es seinem verstorbenen Vater, mit dem er bis kurz vor dessen Schlaganfall gestritten hatte, nicht mehr als der rebellische Prinz in die Schlagzeilen zu geraten.

Zweckehen waren in Königshäusern üblich. Und eine Krone zu tragen brachte Vorteile mit sich … die für Briella hoffentlich alles Negative übertrumpfen würden.

Aber wo war seine Braut? Sollte sie nicht aufgeregt nach vorn gelaufen kommen?

Er wusste, dass sie anwesend war, da der Lotterievertrag es verlangte.

In einem Hochzeitskleid.

Das lag am schwarzen Humor seines Bruders. Seit Sebastian Celianas Krone trug, war er nicht mehr derselbe und Alessio fühlte sich in die Rolle des pflichtbewussten Thronerben gedrängt. Zwar war das keine Position, die er anstrebte, die einzunehmen er seinem Vater aber schuldete. Denn hätte er sich nicht so oft mit ihm gestritten, wäre sein Blutdruck möglicherweise nicht derart hoch gewesen.

„Wo ist sie?“ Alessio spähte vom Balkon. Die Menge begann sich zu zerstreuen und niemand sah wie die glückliche Gewinnerin aus.

„Sie war live auf ihrem Social-Media-Account, als du ihren Namen verkündet hast“, meinte seine Mutter Genevieve. Die Königinmutter bedachte ihn mit einem so aufmunternden Lächeln, wie er es nach dem vorzeitigen Tod seines Vaters kaum mehr gesehen hatte.

Wobei Genevieve als Königin nie viel gelächelt hatte. Die Liebesgeschichte zwischen ihr und König Cedric war bis in alle Einzelheiten geplant und ausgeklügelt gewesen und hatte das Image der Märcheninsel aufrechterhalten. Doch ihrer wahren Beziehung hatte es an Glanz gefehlt.

Alessios Eltern hatten sich nie geliebt. Sie hatten sich respektiert, mehr aber auch nicht. Alessio bezweifelte, dass sein Vater fähig gewesen war, außer dem Land, in dessen Dienst er stand, noch etwas oder jemand anderem Gefühle entgegenzubringen.

Und so war es König Cedric gewesen, der ihn daran erinnert hatte, welchen Aufschwung die Insel erlebt hatte, nachdem er Genevieve vor den Altar geführt hatte. Dann hatte er Alessio aufgefordert, ebenfalls zu heiraten. Zu diesem Zeitpunkt hatte Alessio in Schottland gelebt, in seiner kleinen Glaswerkstatt gearbeitet und die glücklichste Zeit seines Lebens verbracht.

Sein Vater argumentierte, dass Alessio es den Menschen von Celiana schuldig sei, dieses Opfer zu bringen. Alessio konterte, dass er niemandem etwas schulde und dass der zukünftige König derjenige war, der heiraten solle.

Doch König Cedric erklärte, dass niemand eine Königinnen-Lotterie ernst nehmen würde. Für Sebastian wollte er eine ausländische Frau, die der Rolle als Königin gewachsen war. Alessios Braut war nicht so wichtig, da sie nie Königin werden würde. Das war nur ein weiterer Beweis, dass Alessio für seinen Vater zweitrangig war.

Sie brüllten sich an. Alessio sagte schreckliche Dinge, die er leider nicht mehr zurücknehmen konnte.

Keine Stunde nachdem sie aufgelegt hatten, erlitt sein Vater einen Schlaganfall und fiel ins Koma. Dass Alessio nach Hause kam, die Lotterie-Idee akzeptierte und verwirklichte, erlebte König Cedric nicht mehr mit. Alessio war in seiner Welt gefangen, aber er wollte sein Bestes tun, um Briella zufriedenzustellen.

Irgendwie.

Immerhin hatte diese Aktion dazu geführt, dass die Geschäfte wieder florierten. Hotels und Pensionen waren ausgebucht und viele Einwohner vermieteten ihre Gästezimmer an Touristen.

Die Idee seines Vaters war offenbar tatsächlich Celianas Rettung.

Celiana – das Land, in dem die Liebe lebt.

So nervenaufreibend Alessio es auch fand, sich mit einer Wildfremden zu verloben, war dieser Brauch in Königshäusern jahrhundertelang gang und gäbe gewesen. Immerhin hatten er und Briella Zeit, sich kennenzulernen, bevor sie ein Datum für ihre Hochzeit festlegen mussten.

Doch auch dieser Gedanke beruhigte ihn nicht, als er beobachtete, wie die Menge sich immer mehr zerstreute. Von Briella war noch immer keine Spur zu sehen.

Alessio hatte bereits von ihr gehört und wusste, dass sie das schwarze Schaf der Familie Ailiono war, der mehr Ländereien als allen anderen Inselbewohnern gehörte und deren Unternehmen mit beinah allen Geschäftszweigen in Celiana verwoben waren. Für das Land taten sie allerdings kaum etwas, sondern konzentrierten sich darauf, ihre Bankkonten zu füllen.

Briella hatte irgendetwas getan, über das nicht gesprochen wurde und das der Grund dafür war, warum sie aus der Familie ausgestoßen worden war. Alessio war es ein Rätsel, warum sie freiwillig in die Adelswelt zurückkehren wollte. Aber vielleicht hatte sie auch nie die Absicht gehabt, ihr den Rücken zu kehren. Die meisten Aristokraten klammerten sich an ihre Macht und ihren Titel, durch den sie sich als etwas Besseres fühlten.

Albern.

„Ihr Leben hat in dem Moment aufgehört, als du ihren Namen gesagt hast“, meinte seine Mutter. „Sie ist Marketingmanagerin einer Modeboutique. Ihre Werbekampagne war brillant – sie sieht sehr gut aus, hat ständig über die Boutique geredet und Gründe dafür angeführt, warum alle ihre Hochzeitskleider bei Ophelia kaufen sollten.“

Alessio war nicht überrascht, dass seine Mutter darüber Bescheid wusste. Sie hatte die achtzehn Bräute mit den zweiundfünfzig Losen genau im Auge behalten, da sich vermutlich ihre potenzielle Schwiegertochter darunter befand. Wenn Briella die Lotterie benutzt hatte, um Werbung zu machen, musste seiner Mutter das natürlich aufgefallen sein.

Sie verließen den Balkon und traten zurück in den Palast.

„Dein Vater wäre so stolz darauf, dass du dich für Celianas Zukunft einsetzt“, meinte seine Mutter.

Nein, wäre er nicht.

Alessio tat lediglich, was von ihm erwartet wurde. Das machte die Königsfamilie nicht stolz. Etwas anderes, als seiner Pflicht nachzukommen, wäre schlichtweg inakzeptabel.

Briella würde sich anpassen müssen. Das Leben für die Mitglieder des Königshauses war nicht so glamourös, wie es in Zeitschriften und Filmen dargestellt wurde. Celianas Königshaus diente dem Land und seinen Bürgern und die Familie brachte immer wieder persönliche Opfer. Einmal war Alessio bereits vor seinen Pflichten davongelaufen. Ein zweites Mal würde er das mit Sicherheit nicht tun.

„Hier entlang, Prinzessin.“

„Ich bin keine Prinzessin.“ Briellas laute Stimme drang um die Ecke, als sie vom Sicherheitspersonal zu Alessio eskortiert wurde.

Ihm wurde flau im Magen. Briella klang nicht gerade glücklich. Insgeheim hatte er darauf gebaut, dass die Gewinnerin der Lotterie für den restlichen Tag freudestrahlend an seiner Seite stehen und damit vielleicht sogar seine eigenen Befürchtungen hinsichtlich ihrer gemeinsamen Zukunft zerstreuen würde.

Er und seine Braut mussten wirken, als wären sie sich einig, damit keine Kritik laut wurde, dass es sich bei ihrer Vermählung lediglich um einen PR-Gag handelte.

Im Internet kursierten bereits Gerüchte, die, wenn sie bestätigt würden, schlimme Auswirkungen auf das ganze Land haben könnten. Ein Skandal im Königshaus könnte den Aufschwung der Insel zunichtemachen und ihr Image als Flitterwochenparadies zerstören.

„Sie hat versucht davonzulaufen“, verkündete Alessios Leibwächter und schob Briella zu ihm in den kleinen Alkoven.

Davonzulaufen?

Die Braut auf der Flucht … Das wäre natürlich eine sensationelle Schlagzeile! Allerdings nicht gerade die, auf die wir hoffen“, scherzte Alessio und machte einen Schritt auf Briella zu.

Sie lachte leise, als sie den Blick auf ihn richtete, und sah einfach bezaubernd aus. Ihre langen blonden Haare waren zu einem komplizierten Zopf geflochten, die blauen Augen funkelten und ihr fast schwarzes Kleid umschmeichelte ihren traumhaften Körper.

Die wenigen Male, die er sie im Laufe der Jahre auf verschiedenen Veranstaltungen gesehen hatte, war sie sehr zurückhaltend gewesen – damals noch ganz die perfekte Ailiono-Tochter. Die sie nun offenbar nicht mehr war.

„In Turnschuhen wäre es leichter zu fliehen. Vielleicht hätte ich es dann geschafft.“ Wütend starrte sie auf ihre eleganten hochhackigen Schuhe, die unter dem Saum des wunderschönen Kleids hervorblitzten.

„Die Macht von Schuhen wird oft übersehen.“ Eine seltsame Konversation, aber den Gedanken zu fliehen fand Alessio berauschend. In den drei Jahren im Ausland hatte er sich freier gefühlt, als es ihm jemals wieder vergönnt sein würde.

„Daran hätte ich wohl denken sollen.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust und starrte ihn mit ihren eisblauen Augen an.

Unter ihrem Blick vergaß er alles, was er seiner Zukünftigen hatte sagen wollen – kleine Komplimente über ihr Aussehen oder ihr Kleid.

Aber jetzt rauschte ihm das Blut in den Ohren und sein Kopf war wie leergefegt. Briella atmete tief durch und biss sich auf die Unterlippe. „Entschuldigen Sie bitte, Eure Hoheit.“ Sie machte einen tiefen Hofknicks, bei dem ihr so etwas wie ein Schluchzen entfuhr.

Das Geräusch brach Alessio das Herz. „Mutter, könnten Briella und ich einen Moment unter vier Augen reden?“

Die Königinmutter warf einen Blick auf die noch immer in ihrem tiefen Knicks versunkene Briella und nickte. „Ich sage dem König, dass er mit der offiziellen Verkündung und den Fotos noch ein paar Minuten warten soll.“

Dass sein Bruder nun König war, war für Alessio noch immer eine seltsame Vorstellung.

„Danke.“ Er setzte sich auf den Boden und erhaschte einen Blick auf Briellas überraschte Miene, bevor sie ihre Gefühle schnell verbarg. Ihm gefiel nicht, dass sie darin offenbar ebenso versiert war wie die Königsfamilie. Dass sie ihre Gefühle ihm gegenüber versteckte.

Warum sollte sie das nicht?

„Briella …“

„Brie, bitte.“ Hüstelnd hörte sie auf zu schluchzen und nahm ebenfalls Platz. „Wir sitzen hier wie Kinder in der Turnhalle.“

„Es ist bequem.“ Er hatte gar nicht weiter darüber nachgedacht, dass der Schneidersitz nicht gerade königlich war. „Aber natürlich werde ich Sie bitten nachzusehen, ob ich auch keinen Staub an der Hose habe, bevor wir rausgehen. Der Öffentlichkeit gegenüber wird der vornehme Anschein gewahrt.“

„Natürlich. Staub ist wichtig.“ Brie rieb sich die Stirn. „Worüber reden wir eigentlich?“

„Über die erste Lektion Ihres neuen Lebens: Unbedeutend wirkende Dinge sind wichtig.“

„Ich will dieses Leben nicht.“

Er sah, wie sie errötete. Obwohl sie leise sprach, konnte Alessio die Angst in ihrer Stimme hören. Er griff nach ihrer Hand und drückte sie tröstend.

Um mich selbst zu trösten.

Er wollte dieses Leben auch nicht, aber darauf kam es nicht an. Brie hatte einen Vertrag unterschrieben und war damit so gut wie seine Prinzessin.

Ihre Hand war weich und strahlte eine Wärme aus, die seinen ganzen Körper erfasste. Es fühlte sich irgendwie … richtig an. Wie seltsam. Sie kannten sich doch gar nicht.

„Brie.“ Er schenkte ihr ein, wie er hoffte, aufmunterndes Lächeln, doch sie entzog ihm ihre Hand und plötzlich fühlte er eine unglaubliche innere Leere.

Wenn du dieses Leben nicht willst, hättest du nicht an der Lotterie teilnehmen sollen.

Aber es würde nicht helfen, wenn er das aussprach.

„Brie“, begann er erneut. „Wir haben Gäste, um die wir uns kümmern müssen, und Pflichten zu erfüllen.“

Sie stemmte die Hände gegen ihre Knie, als säßen sie in Freizeitkleidung auf einem Sportplatz und nicht in Hochzeitskleidung auf dem Boden des Büros seines verstorbenen Vaters.

„Was erwarten Sie von mir?“, fuhr Brie ihn an. „Wir kennen uns doch überhaupt nicht. Sollen wir jetzt rausgehen und so tun als ob? Oder wie stellen Sie sich das vor?“

„Zum Kennenlernen haben wir ja noch unser ganzes Leben lang Zeit.“ Keine beruhigende Vorstellung, aber wahr. Er hatte erwartet, dass seine zukünftige Braut glücklich oder zumindest erfreut wäre. 

„Unser ganzes Leben!“ Brie sprang auf, rauschte an ihm vorbei und begann auf und ab zu laufen. „Eure Hoheit …“

„Alessio“, unterbrach er sie und stand ebenfalls auf. „Zumindest wenn wir allein sind, sollten Sie mich so nennen. Und überhaupt sollten wir uns duzen.“

„Wenn wir allein sind! Das kann doch alles nicht wahr sein.“

Genau das Gefühl hatte er auch oft. Allerdings änderte es nichts an den Tatsachen. „Ist es aber.“

„Ich will Sie nicht heiraten.“ Kampfbereit baute Brie sich vor ihm auf.

Eine solche Entwicklung hatte niemand vorhergesehen. Alessios Gedanken überschlugen sich. Was sollte er dazu sagen? Seine rebellische Ader jubilierte und feuerte Brie an, die in ihrer Empörung verführerisch schön aussah. Aber er zwang sich zur Vernunft. Schließlich hatte er sein Leben jetzt vollkommen seinen Pflichten verschrieben. Ein ganzes Jahr lang hatte er überlegt, wie die Idee seines Vaters Realität werden könnte: eine Prinzenhochzeit, die dem Land zu Aufschwung verhelfen würde. Und dann ein weiteres Jahr, um diesen Moment vorzubereiten. Der Plan musste in die Tat umgesetzt werden. Das stand außer Diskussion!

Autor

Juliette Hyland
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