Ich lieb' ihn, ich lieb' ihn nicht …

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Heiß ist es im Dschungel auf der Karibikinsel San Thomas, und heiß sind die Nächte, die Jane mit dem attraktiven John erlebt. Aber auch gefährlich! Denn aus unerklärlichen Gründen werden sie von Soldaten verfolgt, und nur Johns Geistesgegenwart ist es zu verdanken, dass sie der tödlichen Gefahr entkommen. Dann naht der Tag des Abschieds, und mit schwerem Herzen muss Jane den Mann, mit dem sie nach aufregenden Abenteuern sinnliche Stunden erlebt hat, verlassen. Sie ist überzeugt, dass sie ihn nie wiedersieht! Aber sie täuscht sich. Denn John, der eigentlich Sam heißt und Geheimagent ist, beschließt, sein abenteuerliches Leben aufzugeben und eine Familie zu gründen. Dass er nur mit Jane glücklich werden kann, weiß er ganz genau. Jane traut ihren Augen nicht, als ihre Urlaubsliebe völlig unverhofft in ihrem Heimatstädtchen auftaucht ...
  • Erscheinungstag 03.07.2019
  • ISBN / Artikelnummer 9783733747510
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Die Reue kam zu spät. Jane steckte bis zum Hals in Wasser und Ärger.

Der See war flach. Der Ärger wartete in etwa zehn Meter Entfernung in Gestalt eines Paars Kampfstiefel, die in Janes Augenhöhe am schlammigen Ufer standen. Sie kauerte hinter einem Busch, der sich trotz der Überschwemmung vor kurzem ans Leben klammerte, und wünschte sich sehnlichst das Unmögliche.

Sie wünschte, dass sie niemals etwas von der kleinen karibischen Staat San Tomás gehört hätte. Noch mehr wünschte sie, dass sie nie die Kreuzfahrttickets eines befreundeten Lehrers gekauft hätte, der sie wegen des geplatzten Blinddarms seiner Frau kurz vor den Osterferien hatte verkaufen müssen. Vor allem aber wünschte sie, dass sie niemals diesem seltenen Anflug von Abenteuerlust nachgegeben hätte, der sie dazu bewegt hatte, in dieser Hafenstadt das Kreuzfahrtschiff zu verlassen, um die Insel zu erkunden.

Warum nur hatte sie ihre lebenslang gewohnte Vorsicht vergessen, um etwas zu erleben?

Die Kampfstiefel gehörten zu einem Soldaten. Der Soldat hatte einen Freund in der Nähe, den sie durch den Busch nicht sehen konnte. Weitere Soldaten waren in dem tropischen Urwald ausgeschwärmt. Sie alle suchten nach ihr, und sie hatten große, gefährlich aussehende Gewehre.

Das Wasser war warm, und die Luft heiß, doch Jane erschauerte.

Bis zu den Gewehrschüssen hatte sie sich prächtig amüsiert. Im Bus hatte sie mehrere Freundschaften geschlossen, einschließlich der mit einem Eingeborenen-Paar, das ihr stolz von dem Staudamm erzählte, den die Regierung in der Nähe hatte bauen lassen. Jane war überzeugt, dass sie für diesen Staudamm dankbarer war als irgendjemand sonst. Besonders dafür, dass er so neu war. Denn dieser Damm hatte den flachen See gebildet, in dem sie sich jetzt versteckt hielt. Der See hatte Teile des Waldes überschwemmt und bereits die Bodenpflanzen überflutet, nicht jedoch die Bäume und größeren Büsche. Janes Busch hatte noch genügend Blätter, um sich dahinter zu verstecken.

Zwar konnte sie im Moment die Gesichter der Soldaten nicht erkennen, doch sie hatte sie in dem Dorf vor ihrer Flucht gesehen. Sie waren ihr alle schrecklich jung vorgekommen, kaum älter als die Jungen, die sie zu Hause in Atherton unterrichtete. Jane hatte das gute Dutzend jugendlicher Soldaten bemerkt, nachdem sie den Bus verlassen hatte. Aber sie hatte sich nichts dabei gedacht, da Soldaten ein üblicher Anblick in San Tomás waren.

Dann war alles so schnell gegangen. Der Busfahrer hatte verkündet, er müsse wegen einer Reparatur halten. Jane war das ganz recht gewesen, denn sie hatte zur Toilette gemusst. Sekunden, nachdem sie die Cantina betreten hatte, war ein Junge hereingestürmt, den sie im Bus kennengelernt hatte. Er hatte versucht, sie zu warnen, doch sie wollte ihm nicht glauben – bis sie beim Händewaschen in der winzigen Toilette Gewehrschüsse hörte.

Sie war aus dem engen Fenster geklettert und um ihr Leben gerannt. Der unbefestigte Pfad, den sie entlanggestolpert war, hatte sie direkt zum See und ihrem Busch geführt.

„Hernández ist ein Trottel“, sagte einer der Soldaten auf Spanisch. „Siehst du etwa eine Frau? Natürlich nicht, weil sie nämlich nicht da ist. Wieso sollte jemand in diese Richtung laufen, direkt in den See? Nicht mal eine verrückte Norteamericana wäre nicht so dumm. Und selbst wenn wir sie finden, was wird es uns nützen? Werden wir irgendetwas von dem Lösegeld sehen, von dem er redet?“

Der andere Soldat lachte in sich hinein und machte eine grobe Bemerkung dazu, was Hernández mit seinen Befehlen tun könnte. Daraufhin lachte der erste Soldat.

Auf wen hatten sie in dem Dorf geschossen? Jane versuchte lieber nicht darüber nachzudenken. Es ließ sie nur erschauern, und sie wollte sich nicht bewegen, nicht einmal atmen. Doch es war sehr schwer, sich nicht zu rühren.

Auf ihrer Hand saß ein Insekt. Es war darauf geklettert, als sie einen Zweig des Busches gepackt hatte – noch etwas, was sie anschließend bereute. Denn jetzt wagte sie es nicht mehr, den Busch wieder loszulassen, aus Angst, die Soldaten könnten sie hören.

Das Insekt sah eklig aus und hatte die Größe ihres kleinen Fingers. Es saß auf ihrer Hand und starrte sie an. Sein Rückenpanzer schimmerte grünschwarz in der Sonne, und es hatte zu viele Beine. Insekten hatten immer zu viele krabbelnde kleine Beine. Jane ekelte sich zutiefst davor, von krabbelnden kleinen Insektenbeinen berührt zu werden.

Sie beobachtete das Insekt, während sie dem obszönen Witz lauschte, den der erste Soldat erzählte, worauf der zweite in Gelächter ausbrach. Mit der anderen Hand – der ohne Insekt – umklammerte sie ein winziges Medaillon, das an einer Kette um ihren Hals hing. Die zwei Männer stritten nun darüber, wer wo nach ihr suchen sollte. Dann beratschlagten sie, was sie mit ihr tun würden, sobald sie sie gefunden hätten.

Als sie einen der Männer fortgehen hörte, hoffte sie, das Entsetzen würde nachlassen. Aber das geschah nicht.

Sie haben bloß so derbe geredet, um sich gegenseitig zu beeindrucken, beruhigte Jane sich. Trotz der Gewehre waren sie fast noch Kinder – Jugendliche wie die, denen sie an der Atherton High School Spanischunterricht erteilte. Sie redeten über Dinge, die sie noch nicht verstanden. Sicher begriffen sie die Realität dessen nicht, was sie ihr anzutun drohten.

Die Angst schnürte ihr die Kehle zu. Die Kante des kleinen Medaillons, das sie um den Hals trug, schnitt ihr beinah in die Finger. Dad, dachte sie, wieso hast du mir immer erzählt, ich sei wie du? Das bin ich nicht. Ich bin nicht gemacht für Abenteuer.

Sie fragte sich, was mit den anderen Fremden aus dem Bus geschehen war, und bete, dass ihnen nichts passiert war. Das deutsche Paar war so nett gewesen, ebenso die übrigen Passagiere – wie der auf seine stille Art wundervolle Mann mit der metallgefassten Brille, der auf der Bank ihr gegenüber gesessen hatte. Jane konnte die Vorstellung nicht ertragen, dass das Gewehrfeuer ihm gegolten haben könnte. Sie hatte sich mit vielen Leuten im Bus unterhalten, jedoch nicht den Mut aufgebracht, ihn anzusprechen.

Normalerweise freundete Jane sich rasch mit anderen Menschen an. Das war einer der Vorteile, wenn man unauffällig war. Insgeheim mochte sie sich vielleicht nach außergewöhnlichen Charakterzügen sehnen, guten oder schlechten. Doch die Menschen fühlten sich in ihrer Nähe so entspannt, weil sie so durchschnittlich war. Neue Bekannte sagten ihr oft, sie würde sie an jemanden erinnern – eine Nichte, eine Schulfreundin, die Tochter eines Nachbarn.

Doch etwas an dem Mann, den sie für sich den „Professor“ genannt hatte, hatte sie verunsichert. Vielleicht war es das typische Aussehen des Ostküstenbewohners gewesen, mit dieser trendy Brille und der ausgebeulten Bundfaltenhose, was sie eingeschüchtert hatte. Er war ihr reserviert vorgekommen, aber vermutlich war er nur schüchtern.

Und seine Hände … aus irgendeinem Grund hatten seine Hände sie fasziniert. Er hatte große, seltsam anmutige Hände, mit schmalen Fingern, an denen sie jedoch einige kleine Kratzer und Einkerbungen entdeckt hatte, wie man sie bei Arbeitern fand. Jane war geradezu verrückt nach diesen Händen gewesen und hatte harmlose erotische Phantasien über sie entwickelt. Sie hatte ungestört ihren Träumen nachhängen können, denn er hatte sie nicht bemerkt. Das taten Männer selten.

Was ist aus ihm geworden? fragte sie sich jetzt. Wenn die Guerillas Geiseln wollten, um Lösegeld zu erpressen, würden sie den Fremden im Bus sicher nichts tun.

Drei Meter von ihrem Busch entfernt bewegte sich der Armeestiefel.

Auch das Insekt bewegte sich und kitzelte Janes Hand mit seinen kleinen Krabbelfüßen. Sie verzog das Gesicht. Es war schwer, mit einem Monster-Insekt auf dem Arm reglos zu verharren.

Sie konnte durch das Gebüsch nicht erkennen, was der Soldat tat, doch ihr Gehör verriet ihr, dass er sich nicht weit entfernt hatte. Sie hörte, wie ein Streichholz angerissen wurde. Einen Moment lang befürchtete sie, der Mann würde das Gebüsch niederbrennen. Aber dann nahm sie den Geruch nach Tabak wahr und kam sich dumm vor. Er war nur stehen geblieben, um sich eine Zigarette anzuzünden. Er war jetzt etwa fünf Meter von ihrem Versteck entfernt.

Das Insekt hatte aufgehört, auf ihrem Arm umherzuwandern, und winkte mit seinen haarigen Fühlern. Dann verschwand es hinter ihrer Armbeuge.

Dieser Urlaub entwickelte sich allmählich zu einem Höllentrip.

Der tropische Wald bestand aus Zimt- und Kapokbäumen, gelben Zedern, Malven und Buchsbaum. Einige der Bäume würden im Lauf des nächsten Jahres sterben, da ihre Wurzeln und Stämme in dem neuen See verrotteten. Der große Mangobaum, der einige Meter vom nördlichen Ufer entfernt stand, würde wahrscheinlich überleben.

Der Mann auf diesem Baum hatte viel mit ihm gemeinsam. Nur wenige der Inselbewohner wussten, dass Mangobäume keine einheimischen Bäume waren. Aber sie hatten sich ihrer Umgebung so gut angepasst, dass niemand auf die Idee kommen würde, sie könnten nicht hierher gehören. Wie der Baum, war auch der Mann ein Überlebenskünstler. Auch er konnte sich einer fremden Umgebung perfekt anpassen. Er ruhte bequem in einer Astgabel und beobachtete die Frau und die Soldaten.

Der neu entstandene See war für ihn nicht nur ein Segen. Zwar hatte die Frau ein Versteck gefunden, doch das Wasser hatte auch den Pfad überschwemmt, über den er zu seinem Kontaktpunkt auf der anderen Seite der Insel gelangen wollte.

Die Situation hatte sich also geändert. Er musste einige Entscheidungen treffen.

Der Mangobaum bot ihm besseren Schutz als das Gebüsch der Frau. Er konnte den zerlumpten Soldaten aus Ruiz’ so genannter Befreiungsarmee im Auge behalten, der ungefähr sieben Meter von ihm entfernt dastand und eine Zigarette rauchte. Außerdem konnte er die Frau im See gut beobachten.

Sie bot einen mitleiderregenden Anblick in ihrem nassen hellen Kleid und den nassen dunklen Haaren. Allerdings hatte er ihre Haare im trockenen Zustand gesehen. Da hatte es einen rötlichen Schimmer besessen, der nur richtig zur Geltung kam, wenn die Sonne darauf schien. Er hatte sie im Bus beobachtet. Manchmal hing sein Leben davon ab, wie gut er die ihn umgebenden Menschen beobachtete. Deshalb hatte er sämtliche Passagiere genau studiert, einschließlich der fröhlichen amerikanischen Touristin, die sich in erstaunlich gutem Spanisch mit den übrigen Mitreisenden unterhielt.

Vielleicht hatte er sie länger als unbedingt nötig beobachtet. Sie war so typisch amerikanisch und so wohltuend normal gewesen. Es hatte ihn beruhigt, sie anzusehen.

Er schüttelte den Kopf. Die Frau klammerte sich an den Busch, als würde er sie unsichtbar machen. Merkte sie denn nicht, dass der Soldat sie entdecken würde, wenn er in östlicher Richtung weiter am Ufer entlangging?

Vermutlich nicht. Nur wenige Menschen registrierten die Welt um sie herum genau, und diese Frau war noch dazu eine Zivilistin. Er erinnerte sich gut an ihr Lachen. Sie hatte sich mit dem Jungen unterhalten, den er bestochen hatte, um ihn und die anderen vor den Plänen der Guerillas zu warnen. Sie hatte ein freundliches, ansteckendes Lachen. Als sie lachte, hatte er daran gedacht, sie zu küssen.

Der Soldat warf seine Zigarette weg, schulterte sein Gewehr und machte sich in östlicher Richtung auf den Weg.

Die Frau rührte sich nicht – das arme, dumme Wesen, das bis zu den Achseln im Wasser stand und sich hinter einem Busch versteckte. Vermutlich sah sie den Mann nicht, der nach ihr suchte. Ihr war nicht klar, dass der Guerillero sie schon bald entdecken würde.

Das spielt keine Rolle, sagte er sich. Was er über die Verbindung zweier Terroristengruppen erfahren hatte, würde das Leben von viel mehr Frauen als dieser einen betreffen. Falls sie gefangen wurde, was zweifellos bald geschehen würde, würde sie nicht sehr zu leiden haben. Ruiz war auf Lösegeld aus, und der selbst ernannte „Generalissimo“ war kein bösartiger Mann; er würde weder die Veranlassung noch die Absicht haben, den Geiseln etwas anzutun. Die Frau würde vielleicht ein paar raue Wochen erleben, aber ihr dürfte eigentlich nichts zustoßen. Schließlich wollte Ruiz in der Presse nicht als Barbar dastehen. Er wollte nur Geld.

Nur war Ruiz kein echter General. Er war nicht einmal ein echter Soldat, obwohl er eine Phantasie-Uniform trug und Che Guevara zitierte. Seine Kontrolle über seine Truppen war erbärmlich, und obwohl einige seiner Soldaten so anständig waren, wie Männer in ihrer Position es sein konnten, waren andere üble Gesellen.

Wenn die Frau vergewaltigt würde, würde ihr fröhliches Lachen für lange Zeit verstummen. Vielleicht für immer.

Es hatte nichts mit ihm zu tun, erinnerte er sich. Es betraf nicht den Zweck seines Hierseins. Er hatte dafür gesorgt, dass man sie warnte. Er war sogar noch geblieben, um zu sehen, ob sie sich in Sicherheit bringen konnte. Mehr konnte er nicht tun, ohne sich selbst unentschuldbar zu gefährden.

Das alles redete er sich ein, doch gleichzeitig machte er sich schon bereit, sich für diese nasse, frierende Frau in Gefahr zu bringen.

Das Insekt war bereits einige Zentimeter Janes Ellbogen hinaufgeklettert, als sie einen dumpfen Aufprall hörte. Es klang wie etwas, das am nahe gelegenen Ufer zu Boden gefallen war.

Sie erschrak. Ihr Arm bewegte sich, der Zweig gab nach, die Blätter raschelten, und das Insekt fiel ins Wasser.

Ein Stöhnen und ein dumpfer Schlag waren zu hören. Nach sieben Jahren als Lehrerin und neunundzwanzig Jahren als Schwester zweier streitsüchtiger Brüder kannte sie das Geräusch. Sie unterdrückte einen Aufschrei und kroch rückwärts, in der Überzeugung, fliehen zu müssen. Ihr nasses Kleid klebte an ihren Beinen und behinderte ihre Bewegungen.

Geduckt hielt sie inne. Jetzt war nichts mehr zu hören. Selbst die Vögel waren still. Das blöde Insekt schwamm auf sie zu, und Jane hatte keine Ahnung mehr, wo die Soldaten waren und was los war, geschweige denn, wie sie sich jetzt verhalten sollte. Daher blieb sie, wo sie war, und lauschte angestrengt.

Was war das direkt hinter ihr? Bevor sie sich umdrehen konnte, hielt ihr jemand den Mund zu.

Ihr Herz klopfte panisch. Sie versuchte die Hand zu beißen, doch lange Finger gruben sich in ihre Wange, so dass sie den Mund nicht aufbekam. Die Hand riss ihren Kopf zurück. In Panik atmete Jane durch die Nase und nahm den Duft des Angreifers wahr, während er den anderen Arm um sie schlang. Er brachte sie aus dem Gleichgewicht, so dass sie mit zurückgebeugtem Oberkörper kniete und das Wasser über ihre Brüste schwappte. Die Hand auf ihrem Mund hielt ihren Kopf schräg und entblößte ihren Hals.

Sie dachte an Kehlen und Messer. In ihre Panik mischte sich heftige Übelkeit.

Eine Stimme flüsterte ihr in kurzen Atemstößen kaum hörbar ins Ohr. „Der Soldat mit der Zigarette ist bewusstlos. Aber da ist noch ein zweiter in westlicher Richtung im Wald. Er wird uns hören, wenn wir irgendwelche Geräusche von uns geben. Werden Sie schreien, wenn ich meine Hand von Ihrem Mund nehme?“

Er sprach Englisch. Amerikanisches Englisch. Benommen vor Erleichterung gelang es ihr, trotz seines brutalen Griffs leicht den Kopf zu schütteln.

Endlich ließ er sie los, hielt sie mit dem anderen Arm jedoch weiter fest. Sie wagte kaum zu atmen, weil sie ihm zeigen wollte, wie still sie sein konnte.

Als er sie endgültig losließ, wäre sie beinah rückwärts gestolpert. Seine Hand auf ihrer Schulter stützte sie. Sie richtete sich im Wasser auf, wobei sie darauf achtete, kein Geräusch zu machen, und drehte sich um. Fast hätte sie erschrocken nach Luft geschnappt.

Die Brille des Mannes war weg. Alles andere war gleich geblieben – das weite weiße Hemd, die ausgebeulte Bundfaltenhose und das glatte braune Haar, das zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden war. Die Brille aber war verschwunden, und mit ihr der Mann, der sie getragen hatte. Es sind die Augen, dachte Jane. Diese kühlen, himmelblauen Augen, die in ihre blickten, gehörten nicht zu einem schüchternen Professor. Nein, der Mann, der in einer bis zu den Oberschenkeln nassen Hose vor ihr stand, war etwas anderes. Er war jemand so weit außerhalb ihres Erfahrungskreises, dass sie es nicht benennen konnte. Sie stand schweigend und benommen da und starrte den Fremden an.

Er hob den Zeigefinger an die Lippen und bedeutete ihr, still zu sein. Jane erkannte seine Hände wieder. Es waren jene anmutigen Hände mit den schmalen Fingern und den kleinen Kerben und Kratzern. Auch wenn der Mann verändert war, die Hände waren dieselben. Das war eigenartig beruhigend.

Sie nickte ihm zu, und er drehte sich um.

Sie wollte ihm folgen, hielt jedoch inne und schaute ins Wasser hinunter, das ihr jetzt, wo sie stand, bis zu den Schenkeln reichte. Das Insekt schwamm noch immer tapfer, aber es drehte sich im Kreis. Jane zögerte, aber nur kurz. Das dumme Ding würde noch ertrinken.

Rasch fischte sie das schreckliche Insekt mit der Hand heraus, die es ohnehin schon berührt hatte. Igitt! Insektenbeine. Sie verzog angewidert das Gesicht, warf das Insekt in den Busch und drehte sich um.

Der Mann, der kein Professor war, war zwei Meter vor ihr stehen geblieben. Er betrachtete sie mit einem seltsamen Ausdruck auf dem Gesicht. Wahrscheinlich wollte er sie fragen, ob sie verrückt war. Das hatte Doug jedenfalls immer gefragt, wenn sie etwas seiner Ansicht nach Dummes tat, was in den letzten Monaten ihrer unseligen Beziehung ziemlich oft vorgekommen war.

Jane zuckte entschuldigend die Schultern und versuchte zu lächeln.

Er erwiderte das Lächeln nicht. Stattdessen drehte er sich um und marschierte aufs Ufer zu – dem westlichen Ufer, was nach Janes Meinung keinen Sinn ergab. Er hatte doch selbst gesagt, dort im Wald sei noch ein weiterer Soldat. Wieso ging er also in diese Richtung?

Da sie nicht wusste, was sie sonst tun sollte, folgte sie ihm.

Jane war so verängstigt und verwirrt, wie sich vermutlich das Insekt im Wasser gefühlt haben musste. Am liebsten hätte sie geweint. Einerseits wollte sie den jungenhaften Professor zurück, andererseits hätte er, wenn es ihn wirklich gegeben hätte, sich in dieser Situation sicher nicht zu helfen gewusst. Der Mann mit den kühlen blauen Augen wusste es offenbar.

Sie erreichten zuerst die überschwemmten Bäume, dann das schlammige Ufer. Der Mann bedeutete ihr, sich hinter einem der größeren Bäume zu verstecken und zu warten.

Jane schüttelte den Kopf. Sie wollte nicht allein bleiben.

Mit einer erstaunlich flinken Bewegung war er bei ihr, so nah, dass sie die Wärme seines Körpers spüren konnte. Eine Strähne hatte sich aus seinem Pferdeschwanz gelöst und kitzelte sie am Hals, als er den Kopf neigte. „Ich muss den anderen Soldaten ebenfalls ausschalten“, flüsterte er so leise, dass sie ihn kaum hören konnte, obwohl seine Lippen ihr Ohr streiften. Sein Atem fühlte sich im Gegensatz zu den kalten Worten sanft und warm an. „Ich würde ihn lieber nicht umbringen. Das lässt sich leichter vermeiden, wenn Sie mir nicht hinterherlaufen.“

Sie schluckte, nickte und machte sich daran, sich hinter dem Baum zu verstecken, auf den er gezeigt hatte. Außerdem versuchte sie sich einzureden, dass ihre Gänsehaut von der Angst oder der Nässe kam. Von allem Möglichen, nur nicht von der Berührung seiner Lippen mit ihrem Ohr.

2. KAPITEL

Der zweite Soldat war so leicht zu überrumpeln wie der erste. Der Beobachter schlich sich lautlos wie ein Schatten an sein Opfer heran, drückte ihm mit dem Unterarm die Kehle zu und suchte mit der anderen Hand blitzschnell die Schlagader. Sein Opfer kämpfte nicht lange. Die Blutzufuhr zum Gehirn zu unterbrechen führte schnell zur Bewusstlosigkeit. Außerdem war es viel leiser und sicherer, als jemanden k. o. zu schlagen.

Nach sieben vorsichtig mitgezählten Sekunden ließ er den schlaffen Körper zu Boden sinken und fühlte noch einmal die Schlagader. Erleichtert stellte er fest, dass der Soldat noch lebte. Einen armen Kerl wie ihn aus Versehen zu töten, wäre ein denkbar schlechter Abschluss für seine Zeit bei der Agency.

Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis er dem Soldaten mit dessen Gürtel die Hände hinter dem Rücken gefesselt hatte. Das würde ihn nicht lange aufhalten, aber einen großen Aufschub konnten sie ohnehin nicht erwarten. Es gab noch andere, die auf der Suche nach ihnen waren, und nicht alle gehörten zu Ruiz’ schlecht ausgebildeten Guerillas.

Und nicht alle waren hinter der Frau her.

Er richtete sich auf und sah auf sein Opfer herunter, das nicht einmal ein Mann war. Jedenfalls noch nicht. Der Junge konnte kaum älter als sechzehn oder siebzehn Jahre sein. Waren Soldaten schon immer so entsetzlich jung gewesen? Oder wurde er einfach nur alt?

Leise schlich er zurück zu der Stelle, an der er die Frau zurückgelassen hatte. Sie spähte hinter einem Baumstamm hervor, allerdings in die falsche Richtung. Ihr langes dünnes Trägerkleid war ursprünglich weiß gewesen. Jetzt war es nass, schmutzig und fast durchsichtig. Er hatte einen herrlichen Blick auf ihren wohlgeformten Körper und den weißen Slip, der an ihrer Haut klebte.

Lächelnd gab er einem seltenen Impuls nach und sagte: „Buh!“

Die Frau zuckte vor Schreck zusammen.

Als sie sich umdrehte, hatte er seine Impulse und das Lächeln längst wieder unter Kontrolle. Sie war wirklich hübsch, selbst in ihrem lädierten Zustand. Ihr Gesicht wirkte unschuldig. Ihr Körper mit seinen Rundungen an genau den richtigen Stellen wirkte dagegen weniger unschuldig. Sie sah ihn mit großen braunen Augen an. Dann kniff sie sie zusammen.

„Sie haben mich absichtlich erschreckt. Ich nehme an, der andere Soldat ist … bewusstlos?“

Er zuckte gleichgültig die Schultern. Sollte sie sich ruhig fragen, was er mit dem Soldaten gemacht hatte. „Es ist im Moment niemand mehr nah genug, um uns zu hören.“ Sie mussten unbedingt Abstand zwischen sich und Ruiz’ Männer bringen, solange sie konnten. „Kommen Sie“, forderte er die Frau auf und drehte sich um.

„Wohin?“

Er ging auf den Mangobaum zu.

„Verdammt“, fluchte sie, und er hörte das Quietschen ihrer nassen Tennisschuhe hinter sich. „Wohin gehen wir?“

„Zuerst holen wir meine Ausrüstung.“ Er erreichte den Baum, umklammerte den niedrigsten Ast und zog sich hoch.

„Und was dann?“ Sie schaute hinauf und beobachtete ihn.

„Dann machen wir uns auf den Weg zu einem Dorf, das ich kenne, an der alten Camino Real – das ist der königliche Highway.“

„Ich weiß, was das bedeutet. Was ich wissen will, ist …“

„Richtig, Sie sprechen ja Spanisch, nicht wahr? Ich hoffe, wir können das Dorf vor Einbruch der Dunkelheit erreichen. Aber ich bin mir nicht sicher wegen der Strecke. Durch Ruiz’ Truppen und den neuen See sind die Möglichkeiten eingeschränkt.“ Er nahm seinen Rucksack aus der Astgabel und warf ihn herunter. „Vorsicht!“

Jane sprang gerade noch rechtzeitig zur Seite.

Er sprang vom Baum und landete direkt neben ihr. Ihr Anblick von vorn war ebenso anziehend wie der von hinten. In der Mulde zwischen ihren vollen Brüsten hing ein kleines goldenes Medaillon. Ihr weißer Spitzen-BH verhinderte, dass er so viel von ihren Knospen sah, wie er sich gewünscht hätte. Doch er erkannte die dunklere Haut unter den zwei nassen Stoffschichten.

Vermutlich ist es besser, dass sie einen BH trägt, entschied er. Der leichte Anflug von Erregung, den er verspürte, war angenehm. Mehr würde ihn nur ablenken.

Entweder ließ sie sich gern von ihm betrachten, oder sie war noch immer zu aufgeregt, um zu bemerken, wie durchsichtig ihr Kleid war. „Aber die alte Camino Real befindet sich im Hochland im Osten“, sagte sie ernst. „Sollten wir nicht Richtung Süden gehen, von wo wir gekommen sind? Oder nach Westen? Dort liegt eine kleine Stadt, ich glaube, sie heißt Narista. Bestimmt gibt es dort auch eine Garnison der Nationalpolizei.“

Er hob die Brauen. Offenbar hatte die Frau ihre Hausaufgaben über San Tomás gemacht. „In dem Dorf, in das wir gehen, wohnt ein Mann, dem wir vertrauen können. Er wird Sie zurück in die Hauptstadt bringen.“ Wo sie von Anfang an hätte bleiben sollen. Die Regierung unternahm große Anstrengungen, um die Strände für die Touristen von den Kreuzfahrtschiffen sicher zu machen. „Richtung Süden zu gehen kommt nicht in Frage, weil Ruiz’ Truppen die Straße kontrollieren.“ Er schulterte seinen Rucksack.

Sie runzelte die Stirn. „Wer ist Ruiz?“

„Der Mann, der seine Soldaten geschickt hat, um Sie zu kidnappen. Gehen wir.“

„Warten Sie!“ Sie legte ihm die Hand auf den Arm. Es war eine kleine Hand, überraschend warm, mit Fingernägeln, die hübsch manikürt gewesen waren, bevor sie sie in dem See eingeweicht hatte. „Wer sind Sie? Ich habe Sie im Bus gesehen, aber wir haben uns nicht miteinander bekannt gemacht.“

„John“, sagte er. Der Name war so gut wie jeder andere.

„John, ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen.“ Sie lächelte und berührte seinen Arm. „Ich bin Jane.“

Verwirrt stellte er fest, dass es ihn heiß durchströmte.

„Danke für …“

Autor

Eileen Wilks

Eileen Wilks hat in neun Städten in drei Ländern gelebt. Aber den Großteil ihres Lebens verbrachte sie in Fantasiewelten in ihrem Kopf. Manchmal auch mit Menschen, die nur in ihrer Fantasie leben. Sie heiratete sehr jung und erlangte bereits vor ihrer Autorenkarriere verschiedene Berufsausbildungen nachdem sie viele Jahre als alleinerziehende...

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