Im Bann der schönen Lady

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London, 1835: Der brillante Rechtsanwalt Oliver Radford versteht sich selbst nicht. Seit die junge, erstaunlich kluge Lady Clara Fairfax in sein Leben geschneit ist, macht er Dinge, die er sich als logisch denkender Mann kaum erklären kann: Er lässt sich von der aufsässigen Schönheit überreden, sie zu einem gewagten Polizeieinsatz mitzunehmen. Er gestattet ihr, ihn ins Gerichtsgebäude zu begleiten. Dann küsst er sie auch noch voller Leidenschaft! Und verurteilt damit sein eigenes Herz zu lebenslänglicher, hoffnungsloser Liebe. Denn Clara soll einen Duke heiraten … und keinen Mann wie ihn ohne Geld und Adel …
  • Erscheinungstag 23.05.2017
  • Bandnummer 0314
  • ISBN / Artikelnummer 9783733768331
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

PROLOG

Sage mir, Muse, die Taten des viel gewanderten Mannes,

Welcher so weit geirrt

Homer, Odyssee, Erster Gesang,

Übersetzung: Johann Heinrich Voß

Eton College,

Herbst 1817

Um es vorweg zu sagen – er war unausstehlich.

Oliver Radfords Schulkameraden brauchten gerade mal zwei Tage, um sich darüber einig zu werden.

Sie brauchten auch nicht lange, um ihm den Spitznamen „Raven“ – Rabe – zu verpassen, obwohl der Grund für diese Wahl nicht unmittelbar ins Auge sprang. Vielleicht brachten sein dichtes schwarzes Haar und die allzu durchdringenden grauen Augen sie auf die Idee, oder vielleicht war es seine tiefe, etwas heisere Stimme, die einem erwachsenen Mann besser zu Gesicht gestanden hätte als einem Jungen von zehn Jahren. Womöglich bezog sich der Name aber auch auf seine Nase, die jedoch, wiewohl keineswegs zierlich, bei weitem nicht so gebogen war wie die einiger anderer Mitschüler.

Allerdings steckte er besagte Nase ständig in irgendein Buch, was seine Verwandten – einen seiner Vettern väterlicherseits, um genau zu sein – zu der Behauptung veranlasste, der junge Radford erinnere ihn an einen Raben, der in den Eingeweiden eines Kadavers herumpickte.

Der Vetter, ein eher schwerfälliger und nicht besonders aufgeweckter Junge, unterließ jedoch zu erwähnen – vielleicht vergaß er es auch oder wusste es einfach nicht –, mit welch außerordentlich gescheiten Vögeln man es bei Raben zu tun hatte. Außerordentlich gescheit war auch Oliver Radford, jedenfalls für einen Jungen. Unter anderem deshalb zog er Bücher der Gesellschaft seiner Schulkameraden vor.

Insbesondere der seiner unfassbar dämlichen Vettern …

Im Augenblick lehnte er an der Wand eines Schuppens neben dem Spielfeld, weit entfernt von den andern, die gerade dabei waren, die Mitglieder für ihre jeweiligen Cricket-Mannschaften auszuwählen. Bei diesem charakterbildenden Vorgang herrschte Anwesenheitspflicht. Und da kaum damit zu rechnen war, dass Oliver aufgestellt werden würde und er auch seinerseits keine Lust verspürte, sich aufstellen zu lassen, hatte er seine Nase in Homers Odyssee gesteckt.

Ein Schatten fiel über ihn, und eine Pranke mit schmutzigen Fingernägeln legte sich auf die Buchseite mit den griechischen Schriftzeichen. Oliver brauchte nicht hochzuschauen. Er war ein guter Beobachter, so wie sein Vater, daher erkannte er die Hand auf Anhieb. Und zwar aus gutem Grund.

„Da wäre er, meine Herren“, ließ der Besitzer der Hand, sein Vetter Bernard, sich triumphierend vernehmen. „Spross des für seinen Lebensunterhalt schuftenden Zweigs der Familie. Unser lieber Raven.“

Die Formulierung für seinen Lebensunterhalt schuftend sollte Olivers Vater verunglimpfen. Da das englische Erbrecht den ältesten Sohn begünstigte, mussten die anderen und ihre Nachkommen reiche Ehefrauen finden oder aber einen Posten, der einem Gentleman angemessen war, etwa beim Militär, in der Kirche oder als Jurist. George Radford, dessen Vater der jüngere Sohn eines Duke gewesen war, hatte sich für Letzteres entschieden. Er war ein erfolgreicher Anwalt und führte eine glückliche Ehe.

Nach Olivers Einschätzung verfügten die anderen Radfords über ausgesprochen wenig Hirn, und ihre Ehen waren das exakte Gegenteil der Verbindung seiner Eltern. Im Übrigen stellte die Tatsache, dass er, ein Junge von zehn Jahren, Worte wie exakt zu verwenden wusste, einen weiteren Grund dar, ihn zu hassen.

Sein Verhalten machte es nicht besser.

„Dass dir die Beschäftigung mit dem Gesetz wie Schufterei erscheint, kann ich mir denken“, beschied er Bernard von oben herab. „Schließlich erfordert es die Beherrschung der lateinischen Sprache, und du bist ja kaum des Englischen mächtig. Darüber hinaus …“

Bernard knuffte ihn warnend. „Wenn ich du wäre, täte ich mein Maul halten, Räblein. Außer du möchtest, dass ich dir eine saftige Abreibung verpasse.“

„Aber nur, wenn du ich wärst.“ Oliver musterte ihn kühl. „Was du aber erstens nicht bist, wie selbst du unschwer erkennen kannst. Und zweitens, auch wenn das zu hoch für dich ist, tätest du korrekterweise nicht das Maul halten, sondern würdest es tun.“

Bernard knuffte ihn fester. „Am besten, ihr schenkt ihm gar keine Beachtung“, wies er die kleine Gruppe seiner Gefolgsleute an, von denen einige ebenfalls Vettern waren. „Kein Benehmen, der Bursche. Pech für ihn, aber es liegt wohl an seiner Mutter. Eine von der anstößigen Sorte, müsst ihr wissen. Mannstolles Frauenzimmer. Reden wir nicht über sie.“

George Radfords Familie war es gar nicht recht gewesen, als er mit fünfzig eine geschiedene Frau geheiratet hatte. Aber Oliver scherte sich nicht darum, was die anderen dachten. Sein Vater hatte ihn auf die Gemeinheiten Etons vorbereitet und auch auf die alles andere als liebenswürdigen Verwandten, denen er dort vermutlich begegnen würde.

„Du widerspricht dir selbst“, erwiderte er unbeeindruckt. „Schon wieder.“

„Tu ich nicht, du kleiner Pupser.“

„Du sagtest, reden wir nicht über sie, aber du hast es getan.“

„Was dagegen, Räblein?“

„Warum sollte ich.“ Oliver zuckte mit den Schultern. „Wenigstens hat meine Mutter es hingekriegt, mir das Hirn nicht zu zerquetschen, als sie mich auf die Welt brachte. Was deiner bei dir ganz offensichtlich nicht gelungen ist.“

Bernard packte ihn bei den Rockaufschlägen, riss ihn von der Wand fort und stieß ihn grob zu Boden. Das Buch entglitt Olivers Händen, ihm klingelten die Ohren, und flüchtig wurde er sich seines rasenden Herzschlags und seiner panischen Angst bewusst. Entschlossen verdrängte er diese Empfindungen, schob sie meilenweit von sich und tat so, als ob gar nicht er derjenige wäre, dem das hier passierte und der fühlte, was er gerade fühlte, sondern jemand ganz anderes. Jemand, den er wie aus großer Distanz und beinahe abgeklärt beobachten konnte.

Die Panik verebbte, er erlangte sein inneres Gleichgewicht zurück und konnte wieder klar denken.

Oliver stützte sich auf die Ellbogen. „Welch bedauerlicher Irrtum von mir.“

„Sehe ich auch so.“ Genugtuung schwang in Bernards Stimme mit. „Und ich hoffe, es ist dir eine Lehre …“

„Ich hätte seinen verzweifelten Wunsch nach Rettung gleich als aussichtslose Qual deuten sollen, statt als einen beflissenen Versuch, sich in Sicherheit zu bringen.“

Einfältiges Nichtverstehen malte sich auf Bernards Züge; ein nicht ungewöhnlicher Gesichtsausdruck bei ihm.

„Odysseus“, erläuterte Oliver geduldig. Er rappelte sich hoch, hob das Buch auf und wischte den Dreck ab. „Er bemühte sich umsonst um seine Gefährten. Ihre Unwissenheit brachte sie um. Dumme Menschen können anscheinend nicht anders als zu zerstören, was sie nicht verstehen.“

Bernards Gesicht lief dunkelrot an. „Dumm? Warte, ich helfe dir, du unverschämter kleiner Mistkerl.“

Er stürzte sich auf Oliver, stieß ihn abermals zu Boden und drosch auf ihn ein.

Für Oliver endete der Kampf mit einem blauen Auge, einer blutigen Nase und klingelnden Ohren.

Es war nicht das erste Mal. Und auch nicht das letzte. Doch davon später.

Royal Gardens, Vauxhall

Juli 1822

Oliver war verblüfft, was nicht oft vorkam.

Seine Erfahrungen mit Frauen waren begrenzt. Wobei Mütter nicht zählten, und seine Stiefschwestern waren bereits Mütter.

Die Schwester des Earl of Longmore, Lady Clara, war, so hatte sie gerade verkündet, acht und elf Zwölftel Jahre alt.

Obwohl es reichlich Kindermädchen gab, die sich um die schwindelerregende Anzahl junger Fairfaxes kümmerten, wurde es Clara nach Aussage Longmores grundsätzlich nicht verwehrt, sich den Jungen anzuschließen. Ihre Brüder behandelten sie wie ein Schoßtier, vielleicht, weil sie das erste Mädchen nach drei Buben war und auf ihre Art etwas Besonderes. Außerdem hatte der junge Duke of Clevedon, dessen Vormund Longmores Vater war, einen Narren an ihr gefressen.

Aber die Unternehmung des heutigen Abends war eindeutig nichts für Mädchen. Clevedon wandte sich zum Gehen und bedeutete Longmore, ihm zu folgen. Letzterer nickte Oliver zu und beschied seine kleine Schwester: „Du darfst nicht mit uns Boot fahren.“

Sie trat ihm gegen das Schienbein. Was ihren Bruder lediglich zum Lachen brachte, ihr aber wehgetan haben musste, denn ihre Unterlippe begann zu zittern.

Woraufhin – aus Gründen, die er selbst nicht recht nachzuvollziehen vermochte –, Oliver sich plötzlich sagen hörte: „Lady Clara, haben Sie das Heptaplasiesoptron schon gesehen?“

Aus dem Augenwinkel bemerkte er, dass Longmore ihn verdutzt musterte. Deutlicher bewusst allerdings war er sich des düsteren Blicks, den Lady Clara ihm zuwarf. „Was soll das sein?“

„Es ist eine Art Spiegelsaal“, erläuterte Oliver freundlich. „Die Spiegel sind rundherum angeordnet und reflektieren ineinander verschlungene Schlangen und einen Brunnen und Palmen und verschiedenfarbige Lampen und ich weiß nicht, was noch alles. Es ist das Gebäude dort drüben.“ Mit dem Kinn deutete er auf den säulengeschmückten Rundbau. „Möchten Sie, dass ich Sie hinführe?“

Während Oliver redete, schlich Longmore sich davon.

„Ich will Boot fahren.“ Lady Clara runzelte die Stirn.

„Ich nicht.“

Sie warf einen Blick über die Schulter und bemerkte, dass ihr Bruder sich hastig davonmachte, um Clevedon einzuholen. Sie schaute Oliver vorwurfsvoll an.

„Ihr Bruder will Sie nicht dabeihaben“, erklärte er ihr schonungslos. „Er hat keine Lust, sich Sorgen um Sie zu machen oder sich um Sie zu kümmern, wenn Ihnen schlecht wird oder Sie am Ende gar aus dem Boot fallen und zu ertrinken drohen.“

„Würde ich nicht“, behauptete sie stur. „Mir wird nie schlecht.“

„Doch, wenn Longmore rudert schon.“ Oliver grinste. „Warum, glauben Sie, dass ich nicht mitwill?“

Ihr Mund verzog sich ebenfalls zu einem Grinsen.

„Soll ich Ihnen das Heptaplasiesoptron also zeigen? Ich wette, Sie können das Wort nicht einmal sagen. Immerhin sind Sie ein Mädchen, und bei Mädchen hapert es, wie man weiß, mit der Klugheit.“

Ihre blauen Augen blitzten. „Kann ich wohl!“

„Na los, beweisen Sie’s.“

Sie machte schmale Augen und kniff die Lippen zusammen. Konzentrierte sich. Ihr Mienenspiel war so komisch, dass Oliver sich anstrengen musste, nicht zu lachen.

Longmore und Clevedon waren ein Jahr nach ihm nach Eton gekommen. Zu seiner Überraschung hatten sie sich mit ihm angefreundet, ihn – ganz ähnlich wie Lady Clara – als ihr spezielles „Schoßtier“ adoptiert. Sie nannten ihn erst Professor Raven, später einfach Professor.

Er war nur hier, weil Longmores Vater ihm angeboten hatte, sich dem Familienausflug zum Jugend-Fest in Vauxhall anzuschließen und sein eigener Vater ihm empfohlen hatte, die Einladung anzunehmen. Oliver war sicher gewesen, dass ihn das ganze Unternehmen schrecklich langweilen würde, aber der Vergnügungspark mit seinen Akrobaten und Seiltänzern, den dressierten Affen und Hunden, der Vielzahl interessanter optischer Täuschungen und nicht zuletzt der Musik und dem Feuerwerk faszinierte ihn so sehr, dass es ihm gar nichts ausmachte, auf die Bootspartie mit den anderen Jungen zu verzichten.

Er hatte wahrhaftig nicht vorgehabt, Kinderfrau für ein kleines Mädchen zu spielen, aber wie sich herausstellte, war Lady Clara ebenso ungewöhnlich wie die übrigen Wunder von Vauxhall. Sie hatte sich als bei weitem nicht so beschränkt erwiesen, wie man es von jemandem erwarten konnte, der erstens ein Mädchen und zweitens auch noch mit Longmores verwandt war. Bei dem Gedanken lächelte Oliver in sich hinein. Ausgeprägte intellektuelle Fähigkeiten suchte man bei Seiner Lordschaft vergebens.

Als sie das Heptaplasiesoptron erreichten, konnte Lady Clara das Wort korrekt aussprechen. Und war, was er ebenso bemerkenswert fand, höchst interessiert daran, etwas über Reflektionsgesetze und optische Täuschungen zu lernen.

Nachdem sie die Attraktionen der Säulenhalle erkundet hatten, begaben sie sich in die Meeresgrotte, und als Ihre Ladyschaft auch davon genug hatte, beschlossen sie, die Eremitage zu besichtigen. Auf dem Weg dorthin ließ sich plötzlich eine unangenehm vertraute Stimme hinter ihnen vernehmen: „Wohl nichts Besseres abgekriegt, was, Räblein? Hat ja noch nicht mal Titten, die Kleine.“

Vage wurde Oliver sich bewusst, dass Wut in ihm hochschoss. Von einem Moment auf den andern raste sein Herz, und er nahm die Welt wie durch einen roten Schleier wahr. „Bleiben Sie hinter mir“, befahl er Lady Clara kurz angebunden. Seine Stimme klang in seinen Ohren, als spräche er aus einer großen Entfernung.

Er wandte sich um und verpasste seinem Vetter Bernard einen Boxhieb in den fetten Bauch.

Die Fettschicht war offenbar fester, als sie aussah, denn Bernard gab nur ein erstauntes „Huch“ von sich, dann schlug er zurück.

Unvorbereitet auf die schnelle Reaktion, wich Oliver etwas zu langsam aus, und der Schlag brachte ihn ins Wanken. Bernard nutzte seinen Vorteil, warf sich mit ganzer Wucht auf ihn und riss ihn zu Boden.

Das Nächste, was Oliver wahrnahm, war Bernard, der auf ihm saß.

Er hörte, dass Lady Clara ihm etwas zurief, doch was immer es war, es ging im Klingeln seiner Ohren unter. Er hatte Mühe, zu Atem zu kommen.

Bernard lachte.

Oliver versuchte, ihn von sich herunterzustoßen, als er plötzlich einen wilden Schrei vernahm. Lady Clara hatte sich auf Bernard gestürzt, trat ihn und schlug aus Leibeskräften auf ihn ein. Es sah so komisch aus, dass Oliver für einen kurzen Moment vergaß, dass er kaum Luft bekam.

Wieder warf sie sich auf Bernard, der seinen Arm hochriss, um sein Gesicht zu schützen. Oliver hätte nicht sagen können, was als Nächstes passierte, doch er nahm an, dass Lady Clara gegen Bernards Fingerknöchel oder seinen Ellbogen gerannt war, denn sie wich zurück und schlug sich die Hand vor den Mund.

Bernard sprang auf. „Ich habe doch gar nichts getan!“, schrie er gellend. Und gab Fersengeld.

Oliver bemerkte das Blut an Lady Claras Hand. Er sah sich um, doch Bernard war verschwunden. Wie üblich hatte er angegriffen, als gerade kein erwachsener Zeuge in der Nähe war.

„Mistkerl“, murmelte er düster. „Verdammter Feigling. Wenigstens hätte er fragen können, ob mit Ihnen alles in Ordnung ist. Sind Sie wohlauf?“

Lady Clara ließ die Hand sinken, dann strich sie prüfend mit der Fingerspitze über ihre Zähne. „Ist er kaputt?“, erkundigte sie sich stirnrunzelnd und entblößte ihre Zähne. Es war kein Blut zu sehen. Das Blut an ihrer Hand musste von Bernard stammen.

Ihre Zähne waren unglaublich weiß und regelmäßig. Außer dem linken vorderen Schneidezahn.

„Hatte der vordere Schneidezahn links schon immer eine Kerbe?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Jetzt hat er eine.“

Lady Clara zuckte die Schultern. „Ich hoffe, das ausgeschlagene Stück steckt in seinem Ellbogen und bleibt für alle Ewigkeit darin stecken.“ Nach einer kurzen Pause fügte sie flüsternd hinzu: „Elender Bastard.“ Und fing an zu kichern.

Vielleicht war das der Moment, in dem Oliver sich in sie verliebte.

Vielleicht auch nicht.

Doch ob es nun so war oder nicht, nach diesem Abend sah er Lady Clara Fairfax nie wieder.

Bis …

1. KAPITEL

An der Einmündung der Whitehall Street liegt die geschichtsträchtige Kreuzung Charing Cross; kurz dahinter der kürzlich eingeweihte Trafalgar Square, auf dem ein prächtiges Marinedenkmal errichtet werden soll, während an der nördlichen Seite des Platzes derzeit die neue Nationalgalerie der Schönen Künste errichtet wird.

– Calvin Colton, Vier Jahre in Großbritannien, 1831–35

In der Nähe von Covent Garden, London,

Mittwoch, 19. August 1835

Lass mich!“, schrie das Mädchen mit überschnappender Stimme. „Hör auf! Ich will nicht!“

Lady Clara Fairfax beeilte sich, aus ihrem Einspänner auszusteigen. Sie konnte nicht verstehen, was der Gassenjunge sagte. Doch sie hörte ihn auflachen und sah, wie er Bridget Coppys Arm packte, um das Mädchen von dem Eingang des Gebäudes fortzuzerren, das die Schule der Putzmacherinnen-Gesellschaft beherbergte, einer Institution, die sich die Erziehung bedürftiger junger Frauen zum Ziel gesetzt hatte.

Mit einem schnellen Blick vergewisserte Clara sich, dass ihr Stallbursche sich um das Pferd kümmerte, griff nach der Peitsche und raffte ihre Röcke. Dann lief sie auf die beiden zu und versetzte dem Jungen mit dem Kolbenende der Gerte einen Schlag auf den Arm, wofür sie einen schrillen Fluch erntete.

Ihr Gegner war ein gemein aussehender rothaariger Bursche mit einem breiten pickligen Gesicht. Er trug eine billige, auffallend bunte Jacke, wie sie viele der in dieser Gegend herumlungernden Nichtsnutze bevorzugten.

„Lass sie los, sonst verpasse ich dir noch eine“, warnte Clara ihn ruhig. „Und dann sieh zu, dass du fortkommst. Du hast hier nichts zu suchen. Beeil dich, sonst rufe ich die Konstabler.“

Der Bursche beäugte sie dreist. Was die Wirkung seiner Musterung indes schmälerte, war die Tatsache, dass er dafür den Kopf weit in den Nacken legen musste, denn Clara war nicht klein, und er war nicht groß. Sein feindseliger Blick senkte sich auf die Gerte in ihrer Hand, dann glitt er zu dem schnittigen Einspänner hinter ihr, aus dem inzwischen zweifellos ihre Zofe Davis ausgestiegen war, den Schirm drohend erhoben.

Sein Mund verzog sich zu einem höhnischen Grinsen, und er sagte etwas, das klang wie: „Sie müssen schon fester zuschlagen, wenn Sie mir wehtun wollen.“ Er wartete jedoch nicht ab, dass sie seinen Rat befolgte, sondern zog sich die Mütze schräg in die Stirn und schlenderte großspurig davon.

Clara wandte sich Bridget zu. „Ist alles in Ordnung mit dir?“

„Ja, Mylady, und ich danke Ihnen.“ Das Mädchen knickste. „Keine Ahnung, was ihn geritten hat, herzukommen. Er weiß genau, dass seine Sorte hier nicht willkommen ist.“

Die Putzmacherinnen-Gesellschaft für die Erziehung bedürftiger junger Frauen bot Mädchen, die willens waren, es trotz der Anfechtungen der Straße mit einem anständigen Leben zu versuchen, ein Dach über dem Kopf und eine Ausbildung.

Normalerweise verdingten Mädchen, die einen Beruf ergreifen wollten, sich zunächst in entsprechenden Geschäften als Lehrlinge. Doch die Londoner Schneider konnten bei der Suche nach Angestellten leider wählerisch sein, und den Schützlingen der Putzmacherinnen-Gesellschaft haftete nun mal der Ruch von Ausgestoßenen oder Außenseiterinnen an. Die meisten war im Grunde schon zu alt für eine Lehre, und darüber hinaus handelte es sich überwiegend um gefallene Mädchen oder solche, die irgendeinen anderen Makel aufwiesen.

Die Putzmacherinnen-Gesellschaft holte sie aus der Gosse – sofern sie denn bereit waren, sich dort aufsammeln zu lassen – und tat alles, um sie auf eine zukünftige Anstellung vorzubereiten. Mit Übung, Fleiß und gutem Sehvermögen lernten die meisten von ihnen immerhin, gerade Nähte zu legen und saubere kleine Stiche zu setzten, so flink, dass sie sich als Weißnäherinnen verdingen konnten. Einige wenige hatten das Zeug, mehr aus sich zu machen und beispielsweise Musselin oder Seide, feines Leinen und erlesene Wolltuche zu besticken. Und sehr selten besaß eins der Mädchen das notwendige Talent, eine erfolgreiche Putzmacherin oder Schneiderin zu werden.

Bridget war fünfzehn. Sie hatte sich als nicht sonderlich erfolgreiche Blumenverkäuferin durchgeschlagen, war mehrfach überfallen und ausgeraubt worden und hatte den Schutz etlicher wohlmeinender Zuhälter ausgeschlagen, bevor sie eines Tages den Weg zur Gesellschaft fand. Sie konnte damals weder lesen noch schreiben, hatte sich aber rasch zu einer der fleißigsten Schülerinnen und einer außerordentlich talentierten Stickerin entwickelt. Unter den in den Vitrinen ausgestellten Arbeiten der Mädchen fielen ihre stets besonders angenehm auf.

Dasselbe galt auch für ihr Aussehen, sobald sie einen Fuß vor die Tür des Gebäudes setzte. Was in dieser Gegend entschieden ein Nachteil war.

„Ich kann dir ganz genau sagen, was ihn dazu bewogen hat.“ Clara stieß ein höchst undamenhaftes Schnauben aus. „Die Tatsache, dass du hübsch bist, sowie all der Unfug, der Männern im Kopf herumgeht, wenn sie ein hübsches Mädchen sehen.“

Lady Clara Fairfax wusste, wovon sie sprach. Seit gestern war sie zweiundzwanzig, und sie galt als das schönste und begehrteste Mädchen Londons, wenn nicht ganz Englands.

Warford House, kleiner Salon,

Montag, 31. August 1835

Natürlich würde Clara nicht schreiend aus dem Raum rennen. Eine Dame lief einfach nicht schreiend davon, außer ihr Leben war in akuter Gefahr.

Während es sich hier schlicht um einen weiteren Heiratsantrag handelte.

Die Saison war vorbei. Almack’s hatte Ende Juli die letzte Soiree veranstaltet, und der größte Teil der guten Gesellschaft war bereits aufs Land gefahren. Doch ihre Familie harrte in London aus, weil ihr Vater, der Marquess of Warford, die Stadt niemals verließ, ehe das Parlament in die Sommerpause ging, und zurzeit tagte die Kammer noch regelmäßig.

Auch Claras Verehrer trieben sich noch in London herum. Aus irgendeinem Grund – entweder hatten sie sich zu einem Zweckbündnis zusammengetan oder aber Clara zum Gegenstand einer Wette im berüchtigten Wettbuch von White’s gemacht – hielten sie alle zwei Wochen um ihre Hand an. Und gingen ihr mächtig auf die Nerven damit.

Heute war Lord Herringstone an der Reihe. Er behauptete, sie zu lieben. Das taten sie alle, nur mit unterschiedlicher Inbrunst. Als intelligente junge Dame, die mehr gelesen hatte, als ihr vermeintlich guttat, war Clara sich sicher, dass es ihm, genau wie den anderen, nur darum ging, sich das begehrteste Mädchen der ganzen Stadt zu angeln.

Sie hatte das Fairfax-Aussehen geerbt – beinahe weißblondes Haar, hellblaue Augen und eine Haut wie Sahne, die ihr klassisch schönes Antlitz auf das Vorteilhafteste unterstrich. Alle Welt war sich einig, dass ihre Züge eine unübertroffene Vollkommenheit aufwiesen, genau wie ihre Gestalt, die ihren zahlreichen Anbetern zufolge das Modell für die Statuen griechischer und römischer Göttinnen hätte sein können.

Ihr einziger Makel – jedenfalls äußerlich – war eine kleine Kerbe in ihrem linken Schneidezahn, die sie jedoch liebenswert menschlich und eigenartigerweise fast noch vollkommener machte.

Sie war wie ein Rassepferd, das jeder besitzen wollte.

Oder wie das neueste schnittige Kutschenmodell.

Ihre Schönheit umgab sie wie ein hoher Schutzwall. Die Männer konnten nur daran hinaufschauen, aber nicht über ihn hinweg oder durch ihn hindurch blicken, geschweige denn, ihn gedanklich durchdringen.

Was daran lag, dass Männer Frauen ohnehin nur ansahen. Sie hörten ihnen nicht zu, besonders nicht schönen Frauen.

Wenn eine schöne Frau den Mund aufmachte, gaben die Männer sich lediglich mehr Mühe, so zu tun, als ob sie zuhörten. Schließlich war es eine allgemein bekannte Tatsache, dass Frauen kein Hirn im Kopf hatten.

Manchmal fragte Clara sich, was sich nach Ansicht von Männern wohl stattdessen in weiblichen Köpfen befand. Und womit Frauen, in der männlichen Vorstellungswelt, das jämmerliche bisschen Denken erledigten, das man ihnen zutraute …

„… wenn Sie mir die unermessliche Ehre erweisen würden, meine Gattin zu werden.“

Sie landete rechtzeitig wieder in der Gegenwart und sagte Nein, so wie sie es jedes Mal tat, freundlich und höflich, wie man es ihr im Rahmen ihrer Erziehung zur Dame beigebracht hatte. Außerdem mochte sie Lord Herringstone wirklich. Er hatte ihr Oden gewidmet, die sie witzig und überraschend kenntnisreich fand. Er war unterhaltsam, ein guter Tänzer und einigermaßen intelligent.

Wie Dutzende anderer Männer.

Sie mochte sie, jedenfalls die meisten.

Auch wenn sie keine Ahnung hatten, wer sie war, und nicht einmal versuchten, es herauszufinden.

Vielleicht war es ja eine überspannte Laune von ihr, dass sie mehr wollte.

Lord Herringstone wirkte enttäuscht. Aber er würde es überleben. Er würde eine andere Frau finden, auf die er seinen Blick heften konnte, ohne ihr zuzuhören. Und diese Frau würde nicht so unrealistisch sein, etwas anderes von ihm zu erwarten. Sie würden heiraten und irgendwie miteinander klarkommen, so wie alle anderen auch.

Und irgendwann würde Clara aufhören, sich mehr zu erhoffen. Irgendwann würde sie Ja sagen müssen.

„Entweder das, oder ich werde eine einsame Exzentrikerin“, murmelte sie vor sich hin, „und brenne durch, nach Ägypten oder Indien.“

„Mylady?“

Clara sah auf. Ihre Zofe Davis hatte während des Antrags im Korridor gewartet. Obwohl die Tür offenstand, obwohl jede Menge kräftiger Lakaien die Flure von Warford House bevölkerten und obwohl keiner von Claras Verehrern je auf die Idee gekommen wäre, ihr gegenüber ein falsches Wort zu äußern, geschweige denn den Versuch unternommen hätte, ihr ein Leid zuzufügen, ließ Davis in ihrer Wachsamkeit niemals nach. Es gab Leute, die sagten, Davis sehe aus wie eine Bulldogge, doch Aussehen, das wusste Clara sehr gut, war nicht alles. Davis war nicht sehr viel älter als ihre Schutzbefohlene und nach einem der zahlreichen unliebsamen Zwischenfälle in Claras Kindheit (dieser spezielle hatte sich in Vauxhall zugetragen) angeheuert worden. Seitdem bewahrte sie Clara vor Knochenbrüchen, Gehirnerschütterungen, vor dem Ertrinken und – das Allerwichtigste für ihre Mutter – davor, ein hoffnungsloser Wildfang zu werden.

„Wo ist Mama?“

Normalerweise kam Lady Warford unmittelbar nach dem Abgang des verschmähten Verehrers in den Salon gerauscht und fragte sich lautstark, wo in der Erziehung ihrer ältesten Tochter sie einen Fehler gemacht hatte.

„Ihre Ladyschaft liegt mit Migräne zu Bett“, erwiderte Davis.

Das lag vermutlich daran, dass sie kurz zuvor Besuch von ihrer giftigen Freundin Lady Bartham gehabt hatte.

„Lass uns einen Ausflug machen“, bestimmte Clara kurzerhand.

Davis knickste. „Sehr wohl, Mylady.“

„Zu den Mädchen“, fügte Clara hinzu. Ein Besuch bei der Putzmacherinnen-Gesellschaft würde ihr die Gelegenheit geben, etwas Gutes zu tun, statt über Männer zu brüten. „Lass bitte meine Chaise anspannen.“

Clara kutschierte selbst, wann immer sie konnte, teils, weil sie der Neugier der Diener so wenig Nahrung wie möglich geben wollte, aber hauptsächlich, um das Gefühl zu haben, dass es etwas gab, worüber sie die Kontrolle ausübte, auch wenn es nur ein einzelnes Pferd war, das ihr kleines zweirädriges Gefährt zog. Wenigstens handelte es sich um ein schnittiges Modell. Ihr ältester Bruder Harry, der Earl of Longmore, hatte es ihr geschenkt.

„Wir machen unterwegs Halt und kaufen den Mädchen ein paar hübsche Sachen.“ Sie sah an sich herunter. „Aber so kann ich nicht gehen. Sie müssen mich in meinem besten Aufzug sehen.“

Wenn ein Heiratsantrag bevorstand, kleidete sie sich so wenig schmeichelhaft, wie sie nur konnte, um der Ablehnung den Stachel zu nehmen.

Bei den Mädchen war es etwas anderes. Die Gründerinnen der Putzmacherinnen-Gesellschaft waren die Eigentümerinnen des Maison Noirot; sie gehörten zur ersten Garde der Londoner Modistinnen und schneiderten Claras gesamte Garderobe. Sie hatten ihr beigebracht, dass Kleidung eine Kunstform war, außerdem eine subtile Form der Manipulation, deren Wirkung es bewusst zu steuern galt, und darüber hinaus eine eigenständige Sprache. Sie hatten Clara schon zwei Mal vor einem katastrophalen Jawort bewahrt.

Da war es das Geringste, was sie tun konnte, sich für die Schützlinge der Damen inspirierend zu kleiden.

Charing Cross,

kurze Zeit später

„Passen Sie doch auf! Sind Sie blind? Weg da, um Himmels willen!“

Clara blieb keine Zeit zu begreifen, wem oder was sie im Weg war – irgendjemand schlang seinen Arm um ihre Taille und riss sie von der Bordsteinkante zurück. Dann raste auch schon ein schwarz-gelbes Gig auf sie zu.

Im allerletzten Moment wich das Gefährt aus, hielt auf die Fährmänner zu, die in einer Traube unter der Statue König Charles’ des Ersten standen, geriet im nächsten Augenblick gefährlich ins Schleudern, schrammte an einem entgegenkommenden Pferdeomnibus entlang und überfuhr einen lahmenden Hund, ehe es in die St. Martin’s Lane einbog und einen unfassbaren Tumult hinterließ.

Ein paar Zoll über ihrem Scheitel – kaum zu vernehmen im Geschrei der Umstehenden und dem Lärm aus Kutschenrattern, Pferdegewieher und Hundegebell – stieß eine tiefe, kultivierte Stimme eine Verwünschung aus. Der muskulöse Arm löste sich von Claras Taille, und der Mann, dem er gehörte, trat einen Schritt von ihr zurück. Sie sah zu ihm hoch und musste den Kopf dabei weiter in den Nacken legen, als sie es gewöhnt war.

Sein Gesicht kam ihr bekannt vor, obwohl sie in ihrem Gedächtnis keinen Namen fand, mit dem sie es verbinden konnte. Unter dem Hutrand ringelte sich eine einzelne schwarze Locke über der rechten Schläfe. Seine kühlen grauen Augen unter den dunklen, kühn geschwungenen Brauen musterten sie prüfend, während sie ihren Blick unbehaglich senkte und seine gerade schmale Nase und die wie gemeißelt wirkende Kinnpartie mit dem festen, wohlgeformten Mund betrachtete.

Es war ein warmer Tag, aber die Wärme, die sie verspürte, stieg in ihrem Inneren auf.

„Wahrscheinlich haben Sie gar nichts mitbekommen, stimmt’s?“ Er zuckte mit den Schultern. „Aber warum frage ich überhaupt. Alle verfallen in Panik, und keiner gibt acht. Die eigentliche Frage lautet doch: Spielt es überhaupt eine Rolle?“ Wieder zuckte er mit den Achseln. „Für den Hund vielleicht. Obwohl man auch sagen könnte, dass der Fahrer die jämmerliche Kreatur von ihrem Elend erlöst hat. In einem Akt der Gnade gewissermaßen. Nun denn. Sie sind unverletzt, Mylady? Keine Ohnmacht? Keine Tränen? Hervorragend. Guten Tag.“

Er tippte an seinen Hut und wandte sich zum Gehen.

„Es waren ein Mann und ein Junge in einem schwarzen, mit Gelb abgesetzten Gig der Marke Stanhope“, sagte Clara zu seinem Rücken. Ihr entging nicht, dass die hochgewachsene, schwarz gekleidete Gestalt abrupt stehen blieb, doch sie war zu sehr damit beschäftigt, die flüchtigen Erinnerungen festzuhalten. „Die Kutsche war frisch gestrichen. Kastanienfarbene Stute. Helle Mähne. Weiße Fesseln … schlechte Hinterhand. Kein Kutscher. Der Junge … ich habe ihn schon einmal gesehen. In der Gegend von Covent Garden. Rote Haare, breites Gesicht. Pickel. Auffallend bunte Jacke. Billige Kappe. Der Fahrer hatte ein Gesicht wie ein Windhund. Sein Rock … bessere Qualität, aber halbseiden. Kein Gentleman.“

Ihr Retter drehte sich langsam zu ihr um und hob eine seiner dunklen Brauen. „Ein Gesicht wie ein Windhund?“

„Ein schmales, längliches Gesicht.“ Sie nickte bestätigend. Mit dem Zeigefinger ihrer weiß behandschuhten, kaum merklich zitternden Rechten zeichnete sie eine längliche Form in die Luft. „Scharf geschnittene Züge. Ausgezeichneter Fahrer. Er hätte den Hund verschonen können.“

Ihre Retter musterte sie vom Kopf bis Fuß, aber so schnell, dass Clara nicht sicher war, ob er es wirklich getan hatte. Auf einmal war sein Blick äußerst aufmerksam.

Sie seufzte stumm und reckte das Kinn. Wartete, dass sich Skepsis auf seine Züge malte.

„Sie sind sich sicher.“ Es war eine Feststellung, keine Frage.

Sich sicher sein? Wie das? Immerhin war sie doch nur eine Frau und ihre geistigen Fähigkeiten waren nicht der Rede wert.

„Ich habe durchaus mitbekommen, dass der Hund mehr tot als lebendig war“, sagte sie ungeduldiger, als sie wollte. „Wahrscheinlich hätten ihn die Straßenjungen zu Tode gequält oder ein Pferd hätte ihn getreten oder ein Karrenrad ihn erwischt. Aber dieser Fahrer wusste, was er tat. Er hat das Tier mit Absicht überfahren.“

Der Blick des Fremden löste sich von ihr und glitt über den Platz.

„Was für ein Idiot“, sagte er kopfschüttelnd. „Nur darauf aus, Aufsehen zu erregen. Dass er den Hund getötet hat, war offenbar eine Warnung an mich. Besondere Raffinesse kann man ihm nicht gerade nachsagen.“ Sein Blick kehrte zu ihr zurück. „Ein Gesicht wie ein Windhund, sagten Sie.“

Sie nickte.

„Gut beobachtet.“

Einen kurzen Moment dachte Clara, er würde ihr den Kopf tätscheln, so wie man es bei einem Welpen machte, der ein neues Kunststückchen gelernt hatte. Aber er stand nur da, sah abwechselnd sie an und blickte um sich. Seine Mundwinkel zuckten, als sei er im Begriff zu lächeln, was er indes nicht tat.

„Der Kerl, um wen immer es sich handeln mag, ist eine Gefahr für die Öffentlichkeit.“ Sie runzelte die Stirn. „Leider habe ich eine Verabredung, sonst würde ich den Zwischenfall bei der Polizei melden.“ Sie hatte keine Verabredung, ihr Besuch bei der Putzmacherinnen-Gesellschaft war ein spontaner Einfall gewesen. Aber es stand einer Dame nicht an, irgendetwas mit der Polizei zu tun zu haben. Selbst wenn sie ermordet wurde, hatte sie gefälligst dafür zu sorgen, dass die Sache diskret vonstattenging. „Ich fürchte, ich muss die Angelegenheit Ihnen überlassen.“

„Erstens wurde niemand verletzt außer einem Hund, der, seinem miserablen Zustand nach zu urteilen, herrenlos war“, wandte der Gentleman ein. „Zweitens ist der Tod eines Hundes, gewaltsam oder nicht, kein Grund, die Polizei auf den Plan zu rufen – es sei denn natürlich, das Tier gehört einem Aristokraten. Und drittens ist klar, dass der Kerl es auf mich abgesehen hatte, als Sie ihm in die Quere kamen. Leider konnte ich ihn nicht besonders gut erkennen durch das …“, er wies auf Claras Hut, und seine Mundwinkel fingen wieder an zu zucken, „… Gestrüpp auf Ihrem Kopf. Aber wenn Sie sagen, er habe das Gesicht eines Windhundes gehabt …“ Nun lächelte er tatsächlich, zwar eher kurz und schnell, doch das Lächeln veränderte seine Züge so sehr, dass ihr Herz einen Schlag auszusetzen schien. „… ist es der Kerl, der schon mehrfach versucht hat, mich umzubringen. Aber er ist nicht der Einzige. Kein Grund, die Konstabler zu alarmieren.“

Er nickte ihr kurz zu, drehte sich um und marschierte davon.

Clara stand da und starrte ihm verblüfft hinterher.

Er war hochgewachsen, schlank und bewegte sich selbstbewusst, flink und zielsicher durch das Meer von Menschen, das die Straßen um den Trafalgar Square bevölkerte. Selbst als er in eine Seitenstraße einbog, konnte sie ihn noch lange sehen. Sein Hut und seine breiten Schultern hoben ihn aus der Menge hervor, bis er auf der Höhe von Clevedon House ankam. Dann entzog eine vorbeifahrende Kutsche ihn ihrem Blick.

Er schaute nicht ein einziges Mal zurück.

Nicht ein einziges Mal.

Noch einige Zeit später, nachdem sie sowohl ihre Zofe als auch ihren Stallburschen Colson beruhigt hatte und endlich auf dem Kutschbock saß und die Zügel knallen ließ, konnte sie das Gesicht des Gentleman vor ihrem inneren Auge sehen und meinte, seine leicht heisere Stimme irgendwo oberhalb ihres Kopfes zu vernehmen. Wie eine Kerzenflamme flackerte sein Bild in ihrem Geist auf, war jedoch verschwunden, ehe sie es festhalten konnte. Sie versuchte, den Zwischenfall aus ihren Gedanken zu verdrängen und sich auf das zu konzentrieren, was vor ihr lag. Dennoch fragte sie sich mehrfach, woher er gewusst hatte, dass er sie mit Mylady ansprechen musste … und warum er nicht ein einziges Mal zurückgeschaut hatte.

Oliver Radford, Esquire, auch Raven genannt, brauchte nicht zurückzuschauen. Unter normalen Umständen hätte er die hochgewachsene, aristokratisch aussehende Blondine auf den ersten Blick einsortieren können. Schließlich waren die Mitglieder der Familie Fairfax zahlreich, und ihre attraktiven Gesichtszüge so bemerkenswert, dass selbst gesellschaftliche Außenseiter sie auf Anhieb erkannten. Von daher war es höchst wahrscheinlich, dass sie eine der vielen fairfaxverwandten Ladys dies-oder-das war.

Dass er ihr dennoch einen zweiten und sogar dritten Blick geschenkt hatte, war drei Gründen geschuldet.

Erstens hatte sein Verstand sich zunächst geweigert, das, was seine Augen wahrnahmen, zu akzeptieren – obwohl er über eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe verfügte. Diese Beobachtungsgabe hatte, zumal in Kombination mit seinem überdurchschnittlich guten Gedächtnis, sogar schon manch einen Zeitgenossen dazu bewogen, Olivers Zugehörigkeit zur menschlichen Rasse in Zweifel zu ziehen. Ein nochmaliger prüfender Blick hatte jedoch zweifelsfrei belegt, dass die Garderobe der jungen Dame tatsächlich genauso kompliziert und verrückt war, wie sie beim ersten Eindruck gewirkt hatte.

Zweitens war er sich nach dieser eingehenden Musterung sicher, dass er ihr schon einmal begegnet war. Leider ließ sich seinem hervorragenden Gedächtnis nicht entlocken, woher er sie kannte.

Und drittens hatte sie es geschafft, ihn zu überraschen.

Er konnte sich nicht erinnern, wann das jemandem das letzte Mal gelungen war.

„Ein Gesicht wie ein Windhund“, murmelte er vor sich hin und lachte auf. Passanten drehten sich nach ihm um. „Wenn er das hört, wird er mich vermutlich in Streifen schneiden wollen, ehe er mich umbringt. Schön langsam und genussvoll.“

„Sieh dich nicht um, du Trottel!“, fuhr der Kutscher des Stanhope Gig seinen halbwüchsigen Mitfahrer unwillig an.

„Aber das war sie! Die verdammte große Schlampe, die neulich mit der Gerte auf mich losgegangen ist! Mensch, verflucht, ich wünschte, du hättest sie überfahren“, rief der Junge, ein gewisser Henry Brockstopp, der wegen seiner Geschicklichkeit mit dem Messer aber besser unter dem Namen Chiver bekannt war.

„Idiot.“ Der Fahrer schlug dem Jungen mit dem Handrücken ins Gesicht. „Damit auch wirklich jeder Londoner Blauuniformierte hinter mir her ist? Und das Militär am besten auch noch? Wie oft muss ich es dir noch sagen? Krümm einem Aristokraten kein Haar, wenn du nicht mit einer Schlinge um den Hals verrecken und anschließend auf dem Seziertisch irgendeines Knochensägers enden willst, dessen Lehrlinge um ihn herumstehen und ihm dabei zusehen, wie er deine Leber und anderes Gekröse aus dir herausreißt, um sich anschließend über deine kostbaren kleinen Eier lustig zu machen.“ Er lachte. „Besser, du überlässt es Raven, das Frauenzimmer als Schutzschild zu benutzen, wenn es schon griffbereit herumsteht.“

Die gesamte Londoner Unterwelt wusste, dass Jacob Freame einen feinen Sinn für Humor besaß. Er pflegte zu lächeln, wenn er Ladeninhabern Schutzgelder abpresste. Er grinste, wenn eine seiner Huren einen Bauerntölpel in ein Bordell lockte, aus dem der Ärmste nicht lebend rauskommen würde. Er lachte in sich hinein, wenn seine Jungs einem Feind den Schädel eintraten. Er war immer für einen Scherz zu haben, unser guter Jacob.

„Sie ist viel zu groß für ein Weibsbild“, befand Chiver finster und kratzte sich am Kopf.

„Sie kann so groß sein, wie sie will, weil sie zur feinen Gesellschaft gehört“, gab Jacob zurück und zuckte mit den Schultern. „Und wenn du einem Mitglied der feinen Gesellschaft begegnest, ziehst du den Hut, verbeugst dich tief und sagst Ja, gnädige Frau und Nein, gnädige Frau und Ja, Sir und Nein, Sir. Du küsst ihnen den Hintern, hast du mich verstanden? Es kümmert niemanden, was wir untereinander tun. Aber wenn du feinen Damen und Gentlemen auf den Fuß trittst, machst du dir Probleme ohne Ende. Hast du das kapiert, oder muss ich es dir mit Fäusten einbläuen?“

„Hab’s kapiert“, lenkte der Junge ein. Aber dieser Bridget Coppy würde er eine Lektion erteilen, darauf konnte sie Gift nehmen. Und zwar eine, die auch der hochnäsigen Bohnenstange nicht gefallen würde.

Jacob Freame warf einen Blick über die Schulter, obwohl seine Beute längst außer Sicht war. „Dann ein andermal, mein lieber Raven, versprochen“, sagte er gut gelaunt. Und lachte.

In der Gegend von Covent Garden,

kurz danach

An diesem Tag hatte Bridget Coppy Dienst im Laden der Putzmacherinnen-Gesellschaft. Hier wurden Artikel verkauft, die die Mädchen hergestellt hatten, und die Einkünfte dienten dem Unterhalt der wohltätigen Einrichtung. Da Erfahrung und Talent der Mädchen stark variierten, wiesen die angebotenen Erzeugnisse auch große Unterschiede in Qualität und Ausführung auf.

„Das hier ist doch bestimmt von dir.“ Lady Clara nahm ein aufwendig besticktes Retikül aus der Vitrine, die Bridget für sie geöffnet hatte.

„Ja, Mylady. Aber es hat einen Fehler. Diesen Knoten da. Er wäre nicht …“ Bridget brach in Tränen aus.

Sie drehte sich weg, das hübsche Gesicht hochrot, und suchte nach einem Taschentuch. „Oh, es tut mir so leid, Mylady, entschuldigen Sie.“

Eine Dame wusste, was in einer solchen Situation von ihr erwartet wurde. Sie empfand Mitleid für die weniger Begünstigten, auch wenn ihr Besuch bei den weniger Begünstigten eigentlich dazu gedacht war, die eigene verdrießliche Laune zu heben.

„Meine Liebe, ich kann noch nicht einmal die Andeutung eines Knotens erkennen“, erwiderte Clara aufmunternd. „Du musst wahrhaftig scharfe Augen haben.“

„Ja, habe ich … nein, was ich meine, ist, es sollte eigentlich perfekt werden. Es geht doch nicht … Das wäre ja, wie wenn Sie ein Abendkleid mit Fleur-de-Lys-Stickerei anziehen, Mylady, und plötzlich entdecken, dass von einer der Blüten ein Faden herabhängt. Oder dass die Blüte scharlachrot ist anstatt roséfarben, wie sie eigentlich sein sollte. Oder …“ Wieder quollen Bridget Tränen aus den Augen, die inzwischen genauso gerötet waren wie ihr Gesicht, und rollten an ihrer Nase entlang. Schniefend drehte sie sich weg und wischte energisch über ihre nassen Wangen. „Entschuldigen Sie bitte, Madam. Oh weh, wenn die Vorsteherin mich sieht … dann bin ich geliefert, auf jeden Fall.“

„Die Vorsteherin ist nirgendwo in der Nähe“, versuchte Clara das Mädchen zu beruhigen. „Aber wenn du so aufgeregt bist, dass du deiner Gefühle nicht Herr wirst, muss es schon sehr schlimm sein. Ich kenne dich sonst nur als ausgeglichen und vernünftig.“

„Vernünftig!“ Das Mädchen fing an zu schluchzen. „Wenn das stimmen würde, wäre ich bestimmt nicht in dieser Lage.“

Zwei Tage später

Clara hatte den Gerichtsbezirk noch nie zuvor betreten. Wenn eine Dame rechtlichen Beistand benötigte, suchte ihr Anwalt sie in ihrem Haus auf. Wobei eine Dame ohnehin niemals in eine Situation geraten dürfte, in der sie einen Anwalt brauchte. Fall sie doch einmal so fehlgeleitet sein sollte, dass es sich nicht vermeiden ließ, erforderte es die Schicklichkeit, dass sie die Angelegenheit in die Hände ihres Gatten, Vaters, Vormunds, Bruders oder Sohnes legte.

Aus diesem Grund trug Clara heute eines von Davis’ Kleidern, das die Zofe rasch umgeändert hatte. Und aus diesem Grund waren Clara, Davis und der junge Lehrbursche Fenwick in einer anonymen – ziemlich schmuddeligen – Droschke vorgefahren, statt in Claras unverwechselbarem Cabriolet. Die schäbige Mietkutsche brachte sie vom Maison Noirot in der St. James’s Street, wo Fenwick angestellt war, Richtung Osten zur Fleet Street. Vor der Anwaltskammer stiegen sie aus und folgten der Inner Temple Lane.

Rußgeschwärzte Gebäude verschiedenen Alters drängten sich um die Temple Church mit ihrem alten Friedhof wie ein sehr schmutziger griechischer Chor um den Helden der antiken Tragödie. Clara wusste nur, dass sie in den zweiten Stock des Woodley-Gebäudes mussten. Aber welches war das Woodley-Gebäude? Fenwick vertrat die Meinung, dass es sich nur um eines der beiden düsteren Häuser handeln konnte, die über dem Kirchhof aufragten. Gott sei Dank kam in diesem Moment ein Laufbursche aus einem Hauseingang, den er fragen konnte.

Aber ja, natürlich wusste er, welches das Woodley war. Der Junge schnaubte abfällig. Hatte er etwa nicht gerade einen höchst wichtigen Auftrag für die Gentlemen zu erledigen, die ihre Kanzlei dort hatten? Und waren manche Leute womöglich blind? Wo der Name doch unübersehbar auf dem steinernen Türsturz eingraviert war? Der junge Schnösel deutete auf eine Reihe schmutziger Backsteine, auf denen unter Schichten von Ruß und Vogelkot irgendwann einmal der Name des Gebäudes erkennbar gewesen sein mochte.

Fenwick ließ den Burschen wissen, dass er an seinen Bemerkungen und erst recht an seinem Ton Anstoß nahm.

Der Junge sprach eine unappetitliche Aufforderung aus.

Fenwick verpasste ihm einen Kinnhaken.

Der Junge schlug zurück.

Unterdessen im oberen Stockwerk des Woodley-Gebäudes

„Tot“, sagte Westcott. „Tot, tot, tot.“ Er wedelte mit dem Brief vor Radfords Gesicht herum. „Da hast du es. Schwarz auf weiß. Unmissverständlich und klar.“

Ein bleiernes Gewicht senkte sich auf Radfords Brust. Doch inzwischen war es ihm zur Gewohnheit geworden, sich von dem Teil seiner Persönlichkeit zu distanzieren, der Gefühle erlebte – dem irrationalen Teil, wie er selbst ihn zu nennen pflegte. Er hatte sich beigebracht, so zu tun, als handele es sich bei diesem emotionalen Aspekt um ein völlig getrenntes Wesen, dessen Angelegenheiten er gleichsam abgelöst und von ferne betrachten konnte. So stieß er – im übertragenen Sinne natürlich – seine Gefühle auch diesmal beiseite und nahm Westcotts Worte, die Handschrift auf dem Brief und sogar die Papiersorte gelassen zur Kenntnis.

Es war nicht sein Vater.

Er war nicht tot.

Noch nicht.

Gleichwohl kostet es ihn mehr Kraft als üblich, ruhig zu antworten. „Von unmissverständlich und klar kann wohl kaum die Rede sein, wenn das Schreiben von einem Anwalt stammt.“

Thomas Westcott war ebenfalls Anwalt und darüber hinaus Radfords Freund. Vielleicht sein einziger Freund. Die beiden Männer teilten sich außer den Kanzleiräumen und ihrem Wohnquartier im Woodley-Gebäude auch den Sekretär Tilsley, zu dessen Pflichten es zählte, die Post abzuholen und zu sortieren.

Radford pflegte sie nicht zu lesen, mit Ausnahme der Briefe von seinen Eltern und seinen Stiefschwestern. Ansonsten überließ er es Westcott in typisch anwaltlicher Manier, die tägliche Papierflut zu bewältigen, so gut er konnte.

„Du hast es doch gar nicht gelesen“, hielt Westcott ihm vor.

Das brauchte Radford auch nicht. Die typische Advokatenhandschrift, das Siegel und das Stichwort tot waren ausreichend Indizien gewesen. Der Brief stammte vom Rechtsbeistand des Duke of Malvern und machte Mitteilung vom Ableben eines Familienmitgliedes, vermutlich handelte es sich um Seine Gnaden, wenn man den Umfang des Schreibens, die Wortfülle und das fortgeschrittene Alter des Duke berücksichtigte.

„Ich bin Strafverteidiger“, stellte Radford klar. „Ich erkenne juristisches Kauderwelsch aus zwanzig Schritt Entfernung – was dem Schussabstand beim Duell entspricht. Schade, dass man derartigen Wortmüll nicht auf die Art beseitigen kann, wie Gentlemen ihre Differenzen erledigen. Aber andererseits – Strafverteidiger, die von schäbigen Verbrechen leben, sind keine Gentlemen, nicht wahr?“

Er war gern in die Fußstapfen seines Vaters getreten. Und da er ein sehr guter Anwalt war, hatte er nie daran gezweifelt, dass er es in seinem Beruf weit bringen würde, während er der Gerechtigkeit nach Kräften zum Siege verhalf und verfahrene Angelegenheiten wieder in Ordnung brachte.

Leider war es ihm nicht gelungen, die restlichen Radfords auf den Weg der Besserung zu bringen.

Bernards Großvater hatte seine Söhne und ihre Ehefrauen und Kinder stets gegeneinander aufgehetzt. Er war ein selbstsüchtiger, rachgieriger, manipulativer Mensch gewesen, und seine Nachkommen hatten sich in dieselbe Richtung entwickelt. Radfords intelligenter, scharfsinniger Großvater hingegen sah das zerstörerische Potenzial dieser Geisteshaltung und beschloss, dass er mit derlei Verhaltensweisen nichts zu tun haben wollte.

Sein Vater war diesem Beispiel gefolgt. „Die einzige Möglichkeit, deinen Geist nicht zu vergiften, ist, möglichst großen Abstand zu diesen Leuten zu wahren“, hatte er ihm einmal vor Jahren geraten. „Lebe dein Leben anders, mein Sohn. Leb es nach deinen eigenen Maßstäben.“

Und genau das tat Oliver Radford, genannt Raven, seitdem. Er legte keinerlei Wert darauf, sich dem herzoglichen Schlangengezücht zuzugesellen, schon gar nicht im Augenblick.

Vor drei Monaten waren auf der Farm eines gewissen Grumley, zu dem die Armenhäuser jene jungen Insassen schickten, die sie nicht mehr unterbringen konnten, fünf Kinder gestorben. Angeblich am Fieber. In Wirklichkeit hatten die Vernachlässigung, der Hunger und der Dreck auf der Farm sie umgebracht. Während der gerichtlichen Untersuchung war Grumley der fahrlässigen Tötung für schuldig befunden worden. Dieses Urteil hatte zu dem Strafprozess geführt, in dem Radford derzeit plädierte – es war der herausforderndste Fall seiner bisherigen Karriere.

Er nahm seinem Freund das Schreiben aus der Hand und überflog es auf der Suche nach Schlupflöchern, während er sich vage der bleiernen Schwere bewusst wurde, die sich erneut auf ihn herniedersenkte. Nichtsdestotrotz trug er eine gelangweilte Miene zur Schau.

„Jetzt ist also nur noch Bernard da“, sagte er stirnrunzelnd. „Wie zum Teufel haben sie das hingekriegt?“

Der vorherige Duke of Malvern, Bernards Vater, hatte eigentlich ausreichend direkte Verwandte gehabt: drei Brüder und, aus seiner zweiten Ehe, drei Söhne. Doch über die Jahre hatte es fast all diese Männer, ob jung oder alt, dahingerafft – die einen kamen durch Krankheit ums Leben, die anderen bei Unfällen.

„Man sollte meinen, dass sie es zumindest bewerkstelligen könnten, sich fortzupflanzen“, fuhr er kopfschüttelnd fort. „Das kriegen sogar blinde Schafe hin.“

„Die königliche Familie schlägt sich mit einem ähnlichen Problem herum“, bemerkte Westcott sachlich. „König George III. hat neun Söhne gezeugt. Und wer wird ihn voraussichtlich beerben? Ein halbwüchsiges Mädchen.“

„Schade, dass der Duke-Titel nicht an ein Mädchen weitergegeben werden kann.“ Radford strich sich übers Haar. „Mädchen haben sie nämlich noch mehr als genug. Aber die sind nicht erbberechtigt, und im Übrigen ist das auch nicht mein Problem.“ Er warf den Brief auf Westcotts Schreibtisch.

„Radford, wenn der gegenwärtige Duke das Zeitliche segnet …“

„Bernard ist noch keine dreißig Jahre alt, seine Frau fünfundzwanzig. Er wird weiter versuchen, Söhne zu bekommen.“

Und in den nächsten fünfzig Jahren sollte Bernard sich tunlichst davor hüten, den Löffel abzugeben. Radford brauchte kein geschwätziges Schreiben, um ihn daran zu erinnern, dass sein Vater der Nächste in der Erbfolge war. Aber George Radford war inzwischen achtzig und gesundheitlich sehr angegriffen.

Eine Grippeerkrankung im vergangenen Winter hatte ihm heftig zugesetzt, und es stand nicht gut um seine Chancen, den nächsten Winter zu überleben. Er würde sterben, eher früher als später, und er sollte in Frieden gehen können, mit seiner Gattin an seiner Seite, daheim in Ithaca House, der friedlichen Villa in Richmond, die er nach der mythischen Heimat des Odysseus benannt hatte. Das Letzte, was sein Vater in dieser letzten Lebensphase gebrauchen konnte, war die Übernahme eines riesigen Besitzes, der seit Jahren miserabel verwaltet wurde.

Westcott hob die Brauen. „In dem Schreiben steht, dass die Gesundheit Ihrer Gnaden zu wünschen übrig lässt.“

„Das überrascht mich nicht.“ Radford zuckte mit den Schultern. „Die Wahrscheinlichkeit, dass sie im Kindbett stirbt, ist hoch – wie bei jeder Frau, die eine Schwangerschaft nach der anderen überstehen muss. Aber ich versichere dir, dass Bernard, sobald sie den letzten Atemzug getan hat, wieder heiratet, egal wie alt er dann ist. Sein Vater war Ende fünfzig, als er seine zweite Familie gründete.“

Radfords eigener Vater hatte mit fünfzig das erste Mal geheiratet, weil er sich davor eine Ehe nicht hatte leisten können. Dieser Umstand hatte dafür gesorgt, dass Radford und Bernard einander im Alter so nahe waren, dass sie Schulkameraden wurden.

Westcott nahm den Brief wieder an sich und las ihn zum wiederholten Male durch. „Irgendwas stimmt da nicht“, murmelte er vor sich hin. „Ich weiß nicht genau, was es ist, aber ich könnte wetten, dass wir etwas übersehen haben. Leider will es mir nicht gelingen, zwischen den Zeilen zu lesen, und du weigerst dich, es zu tun.“

„Ich kann dir sagen, was nicht stimmt.“ Radford lachte. „Es ist nur vorgeblich ein juristischer Schriftsatz. Unter all dem anwaltlichen Gewäsch ist kaum zu verkennen, dass Bernard mich zu sich zitiert. Aber kannst du mir verraten, was ich gewinne, wenn ich seiner Aufforderung folge?“

„Du könntest dir zumindest die Mühe machen, herauszufinden, was er will.“

„Ausgerechnet jetzt? Hast du vergessen, dass ich mit dem Grumley-Fall befasst bin?“

„Ich könnte an deiner Stelle fahren“, schlug Westcott vor. „Als dein Bevollmächtigter.“

„Weder du noch sonst jemand ist imstande, mich in dieser Sache zu vertreten. Du kennst Bernard nicht.“

Sein Vater konnte mit dem schwachköpfigen Rüpel umgehen, wenn es sein musste, aber es stand außer Frage, ihn in dieser Angelegenheit zu bemühen. Anstrengung und Ärger konnte der alte Mann jetzt wirklich nicht gebrauchen. Radford runzelte die Stirn. Am besten schrieb er seiner Mutter umgehend, um sie zu warnen.

„Er würde nur deine Zeit verschwenden“, fuhr er mürrisch fort. „Du und ich haben Wichtigeres zu tun. Zum einen will ich diesen Schurken Grumley hinter Gitter …“ Ungehalten blickte er zur Tür. „Wer ist denn da? Und wo zum Teufel treibt Tilsley sich herum?“

„Wenn Sie Ihren Angestellten meinen, der prügelt sich unten im Hof mit einem anderen Burschen.“

Die Stimme war durch die geschlossene Tür zwar nur gedämpft zu vernehmen, aber unverkennbar weiblich. Und aristokratisch.

Selbst Westcott, der lange kein so guter Beobachter war wie sein Freund – aber wer war das schon? –, erkannte die Sprachmelodie der obersten Gesellschaftsränge. Einige seiner Mandanten stammten aus dieser höchsten aller Höhenregionen. Er eilte zur Tür und öffnete sie.

Eine hochgewachsene blonde Schönheit trat in den Raum.

2. KAPITEL

Jugendliche Straftäter … finden sich allenthalben in der Metropole … viele von ihnen werden von älteren Dieben angeheuert und ausgebildet; andere unterhalten eine prekäre Existenz, indem sie betteln, Besorgungen erledigen, Eintrittskarten verkaufen, Taschendiebstähle begehen und in Läden oder Verkaufsbuden klauen.

– John Wade, Polizei und Verbrechensfälle der Hauptstadt, 1829

Nachdem sie eine schier endlose, schlecht beleuchtete schmale Treppe erklommen hatten, folgten Clara und Davis dem Korridor und fanden schließlich die Tür mit dem Namen desjenigen, zu dem sie wollten.

Davis musste drei Mal klopfen, ehe man sie drinnen überhaupt bemerkte. Die beiden Männer, deren Stimmen man hören konnte, schienen zu streiten, aber Clara war nicht ganz sicher.

Eine der beiden Stimmen – die tiefere – kam ihr bekannt vor.

Als sie den Raum betrat, war es ihr noch nicht gelungen, sie jemandem zuzuordnen. Dann begegnete sie dem Blick des Gentlemans mit den hellen grauen Augen und hielt überrascht den Atem an. An verschiedenen Stellen in ihrem Innern schoss Hitze empor, breitete sich in ihrem Nacken und ihrem Gesicht aus, aber auch in Gegenden, deren Existenz eine Dame niemandem eingestand, nicht einmal sich selbst.

Die Dinge nahmen also eine bestürzende Entwicklung, aber eine Dame hatte stets beherrscht zu erscheinen, selbst wenn sie sich so fühlte, als sei sie gerade mit einem Laternenpfahl zusammengestoßen.

„Lady Clara“, begrüßte der Gentleman sie süffisant und musterte sie mit einem unverschämten Blick. „Soll dieser Aufzug eine Verkleidung sein?“

„Radford, was zum …“, setzte der andere Gentleman an.

Clara hob die Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen. Wenn sie nicht augenblicklich Kontrolle über die Situation gewann, hatte sie verloren. Dann würden die beiden sie wie ein Kind behandeln, denn so behandelten Männer Frauen für gewöhnlich, besonders junge Frauen. Sie würden tröstende Worte murmeln, sie nach Hause schicken und womöglich sogar dem Anwalt ihres Vaters verraten, dass sie hier gewesen war. Dass sich Juristen Vertraulichkeit auferlegten, wenn es um eine Frau ging, bezweifelte sie.

Auf keinen Fall darfst du Angst und Unsicherheit zeigen, befahl sie sich stumm. Schon gar nicht, wenn du einmal in deinem Leben etwas Sinnvolleres tun kannst, als einen Heiratsantrag abzulehnen.

Am besten, sie trat auf wie ihre befehlsgewohnte Großmutter väterlicherseits.

„Durch Sie kenne ich jetzt wenigstens seinen Namen“, wandte sie sich an den anderen Mann, der etwas kleiner, hellhaarig und nicht völlig in Schwarz gekleidet war. „Und im Augenblick soll es mir gleichgültig sein, woher er meinen kennt. Sie jedenfalls müssen der berühmte Anwalt Mr. Thomas Westcott sein. Meine Zeit ist begrenzt, und ich würde es vorziehen, sie nicht mit Förmlichkeiten zu verschwenden. Wie Ihr Kollege ganz richtig bemerkte, bin ich Lady Clara Fairfax. Dies ist meine Zofe Davis. Der junge Fenwick, der gerade dabei ist, Ihren Angestellten umzubringen, hat mir empfohlen, Sie zu Rate zu ziehen.“

Für einen winzigen Moment ließ sie ihren Blick auf dem hochgewachsenen, dunkelhaarigen Gentleman ruhen. Zu ihrer Verwunderung stellte sich dieses unerklärliche Gefühl von Vertrautheit, das sie schon an der Kreuzung von Charing Cross verspürt hatte, auch jetzt wieder ein. „Er scheint zu glauben, dass Mr. Radford besonders befähigt ist, uns bei der Lösung unseres Problems zu helfen.“

„Er ist besonders, so viel kann ich immerhin bestätigen.“ Mr. Westcott nickte.

Mr. Radford hob eine Braue. „Es geht doch hoffentlich nicht um den räudigen Köter? Die Polizei hat wahrhaftig Wichtigeres …“

„Es geht um einen Jungen aus der Gosse“, unterbrach Clara ihn kurz angebunden.

Mr. Radford trat ans Fenster und sah nach draußen. „Und Sie wollen tatsächlich uns engagieren? Den Burschen da unten können Sie unmöglich meinen. Er hält sich wacker. Nein, warten Sie, ich muss mich korrigieren. Er verpasst Tilsley eine ordentliche Spezialabreibung. Im Übrigen kommt mir der Junge bekannt vor.“

Da sie einen großen Teil ihrer Kindheit mit drei älteren Brüdern verbracht hatte, wusste Clara genau, was sich da unten im Hof abspielte. Jemandem eine ordentliche Spezialabreibung zu verpassen hieß, dass man den Kopf des Gegners in den Schwitzkasten nahm und mit Fausthieben bearbeitete.

Sie nickte. „Sie kennen ihn tatsächlich, und darum sind wir hier.“

„Und wie nennt der Nichtsnutz sich inzwischen?“ Mr. Radford schaute über seine Schulter zu ihr hin.

„Er hat keinen Namen genannt“, erwiderte Clara knapp. „Eine Miesmuschel könnte sich eine Scheibe von ihm abschneiden, so verschlossen wie er ist. Seine Arbeitgeber rufen ihn Fenwick. Aber er scheint zu glauben, dass Sie uns helfen können, einen Jungen namens Toby Coppy zu finden.“

Mr. Radford drehte sich zu ihr um. „Ist dieser Junge ein Freund von …“, er räusperte sich, „… Fenwick?“

Die letzten beiden Tage hatte sie damit verbracht, Informationen über den berüchtigten Anwalt Radford, auch Raven genannt, zu sammeln. Es war keine leichte Aufgabe gewesen, dabei hatte sie ihr Tun nicht einmal vor ihrer Familie geheim halten müssen.

Sein Name tauchte in den üblichen Zeitungsartikeln über die Aktivitäten des Parlaments oder der besseren Gesellschaft nicht auf. Dafür umso öfter und ausführlicher in Meldungen über Gerichtsverfahren. Dieser Lektüre hatte Clara entnommen, dass er äußerst scharfsinnig, gut in seinem Fach und in einem außerordentlichen Maße taktlos zu sein schien. Obwohl die Zeit nicht gereicht hatte, alles zu lesen, fand sie es erstaunlich, dass er so viele Verfahren gewonnen hatte. Es musste zahllose Richter, Zeugen und Geschworene – ja, selbst Mandanten – geben, die ihn am liebsten erdrosselt hätten.

Sie zum Beispiel. Sie wurde zunehmend gereizter.

„Wenn ich am Anfang beginnen dürfte“, sie presste die Lippen zusammen, „statt Ihre planlosen Fragen zu beantworten.“

Eine seiner schwarzen Augenbrauen schoss in die Höhe. „Planlos“, wiederholte er in fragendem Ton.

„Das war ein Tadel, für den Fall, dass es dir entgangen sein sollte“, sprang Mr. Westcott seinem Freund schmunzelnd bei.

„Das dachte ich mir.“ Mr. Radford nickte.

„Nicht, dass Rügen auch nur die geringste Wirkung bei ihm hätten, Mylady.“ Mr. Westcott lächelte. „Selbst wenn er sie als Rügen erkennt. Aber ansonsten ist er brillant, das versichere ich Ihnen.“

„So lauten meine Informationen.“ Clara reckte das Kinn. „Sonst wäre ich nicht hier.“

„Natürlich, Mylady.“ Mr. Westcott legte den Kopf leicht schräg. „Und da Sie sich die Mühe gemacht haben herzukommen, Mylady, sollten wir uns nun Ihrem Anliegen zuwenden. Um ehrlich zu sein, erstaunt es mich ohnehin, dass ein Gentleman, der normalerweise fanatisch auf Logik besteht, eine derartige Weitschweifigkeit an den Tag legt. Wenn Sie so gut sein wollten, Platz zu nehmen, Mylady – vielleicht hier, am Feuer – nun ja, es wäre ein Feuer, wenn das Wetter kühler wäre. Aber es ist weniger staubig …“

Er verstummte, als Davis hinzutrat, die Sitzfläche des Stuhls mit einem Taschentuch abwischte und ihm einen strafenden Blick zuwarf.

„Ja, wunderbar, ich danke Ihnen.“ Mr. Westcott lächelte kurz. „Wenn Sie sich also setzen wollten, Mylady, würde ich mir anschließend ein paar Notizen machen. Radford, im Augenblick brauchen wir dich nicht.“ Er warf Clara ein entschuldigendes Lächeln zu. „Nur wenn die Sache vor Gericht geht, dann natürlich schon, was jedoch …“

„Es spart Zeit, wenn ich zuhöre“, fiel Radford ihm ins Wort.

„Nicht im Mindesten“, widersprach Mr. Westcott im Brustton der Überzeugung. „Weil du ständig unterbrichst.“

„Ich werde so stumm sein wie ein Fisch“, versicherte Mr. Radford mit Grabesstimme. Er verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich gegen den Fensterrahmen.

„Fangen Sie an, Mylady. Ich bin ganz Ohr.“

Es war der leicht beschädigte Zahn.

Als ihr Blick ihn beim Hereinkommen gestreift hatte, war sie kaum merklich zusammengezuckt, und für einen kurzen Moment hatte sie ausgesehen wie ein erstauntes kleines Mädchen, dem förmlich der Mund offen stand.

Ein erstauntes kleines Mädchen, das Radford gut kannte.

Sie erholte sich verblüffend schnell, doch er hatte gesehen, was er sehen musste.

Ihre auffallend attraktiven Gesichtszüge hatte er neulich schon den Fairfaxes zugeordnet … hinzu kam das eine oder andere, was er in der Zeitung über sie gelesen hatte … und dann dieses irritierende Gefühl von Vertrautheit.

Doch erst beim Anblick ihres beschädigten Zahns fiel es ihm wieder ein.

Sie war nicht einfach eine der zahlreichen Fairfax-Frauen, die man von Zeit zu Zeit in der Stadt zu sehen pflegte.

Sie war das kleine Mädchen, dem er in Vauxhall das Heptaplasiesoptron gezeigt hatte. Das kleine Mädchen, das ihm gegen seinen Vetter Bernard zu Hilfe gekommen war.

Inzwischen war sie erwachsen und auf eine Weise gekleidet, von der sie offenbar treuherzig annahm, dass sie über ihre wahre Identität hinwegtäuschte.

Statt der lächerlich dekorierten Schute, die sie bei ihrer Begegnung neulich getragen hatte, saß auf ihrem Kopf nun ein trister dunkler Hut, der keinerlei Schmuck aufwies außer einem schwarzen Band. Und anders als die auffällige Kapotte, deren nach oben weisende, mit Spitzenrüschen garnierte Krempe die Vollkommenheit ihres Antlitzes noch betont hatte, war der Rand dieses Hutes extra so weit nach unten gebogen worden, dass er die obere Hälfte ihres Gesichts verbarg. Was gar nicht dumm war, wie er zugeben musste. Ein Schleier – das übliche Mittel einer Dame, inkognito zu bleiben – hätte nur unerwünschte Aufmerksamkeit auf sie gelenkt.

Doch er hätte sie überall als die Frau erkannt, der er an der Kreuzung von Charing Cross begegnet war, Schleier oder nicht. Das trostlose Kleid vermochte nicht, von ihrer Haltung und ihrer Gestalt abzulenken.

Einer bemerkenswert schönen Gestalt. Er runzelte die Stirn angesichts der Einmischungen seines irrationalen Selbst, das sich besagte Gestalt in ihrem gottgegebenen Zustand vorzustellen begann. Derartige Überlegungen waren klarem Denken nicht dienlich.

Er zerrte den unvernünftigen Teil seiner Persönlichkeit in die hinterste Ecke seines Hirns zurück und konzentrierte sich auf die Dame, die den von Westcott angebotenen und von ihrer Zofe gesäuberten Stuhl keines Blickes würdigte.

Lady Clara blieb stehen, wo sie stand. Mit geradem Rücken, hoch aufgerichtet …

Entspannt liegend wäre besser, meldete sich die innere Stimme der Unvernunft.

Er ignorierte sie, lauschte Lady Claras Bericht und staunte über dessen Prägnanz, die er einem weiblichen Hirn, soweit überhaupt vorhanden, niemals zugetraut hätte. In knappen Worten erklärte sie, um was es sich bei der Putzmacherinnnen-Gesellschaft handelte und wer Bridget Coppy war.

„Ihr Vater ist tot“, sagte sie sachlich, „die Mutter eine hoffnungslose Trinkerin, die Flickarbeiten annimmt, wenn sie denn einmal nüchtern ist. Bei der Putzmacherinnen-Gesellschaft hat Bridget lesen und schreiben gelernt. Sie konnte sogar ihren Bruder überreden, eine Lumpenschule zu besuchen. Ich hoffe, ich muss Ihnen nicht erklären, was das ist.“

Lumpenschulen waren der klägliche Versuch, Gossenkindern etwas beizubringen, damit sie ihr Los verbessern konnten. Die Lehrer arbeiteten ehrenamtlich, und viele von ihnen besaßen kaum mehr Bildung als ihre Schüler. Dennoch waren diese Schulen besser als alles andere, was den Londoner Armen sonst zur Verfügung stand.

Die meisten Mitglieder der guten Gesellschaft wären sicher verblüfft gewesen zu erfahren, dass es Lumpenschulen überhaupt gab. Als Urenkel eines Duke gehörte auch Radford zu dieser Gesellschaftsschicht. Doch da sein Leben einen anderen Verlauf genommen hatte, waren ihm solche Institutionen sehr wohl ein Begriff.

Dem bestürzten Unterton in ihrer Stimme entnahm er, dass Lady Clara noch nicht lange davon wusste.

Ohne Zweifel entzog es sich ihrer Kenntnis, wie manche Einwohner Londons lebten, und das praktisch vor ihren Augen.

Wie sollte es auch anders sein? Schon merkwürdig genug, dass sie überhaupt etwas von der Existenz dieser Schulen erfahren hatte.

„Mit Bridgets Unterstützung lernte Toby lesen und schreiben und rechnen. Aber wie Sie wissen, lungern auch Taugenichtse in den Lumpenschulen herum. Bridget sprach von einer Diebesbande, die ihren Bruder aus der Schule gelockt hat. Sie hat ihn seit über einer Woche nicht mehr gesehen.“

Der Tag, der ihm erheblich strahlender erschienen war, seit Ihre Majestät in seine Kanzleiräume gesegelt war, wurde wieder grau und gewöhnlich.

Ein Gossenkind wurde vermisst. Radford konnte sich denken, wohin diese Geschichte führen würde. Zu keinem glücklichen Ende.

Erst der verfluchte Brief vom Anwalt des Duke.

Und nun ein weiterer vermisster Junge, einer von den zigtausenden verwahrlosten Kindern in dieser Stadt.

Warum suchte sie ihn nicht einfach nur deshalb auf, weil sie einen simplen Mord begangen hatte?

Das wäre ein verheißungsvolleres Anliegen gewesen, und sehr viel anregender!

„Sie ist davon überzeugt, dass die Polizei ihn binnen kürzester Frist erwischen wird, da Toby weder die Intelligenz noch die Geschicklichkeit besitzt, die ein erfolgreicher Dieb benötigt – jedenfalls einer, der nicht gefasst werden will.“

Das wurde ja immer besser.

Und höchstwahrscheinlich steckte mehr dahinter, als auf den ersten Blick zu erkennen war. Aber es spielte keine Rolle. Der Junge war verloren.

Sie verschwendete ihre Zeit und seine obendrein. Und sie war auf dem Holzweg, wenn sie glaubte, dass er eine Möglichkeit – oder die Notwendigkeit – sah, den kleinen Nichtsnutz zu retten. Aber natürlich würde sie ihm nicht glauben. Sie hatte nicht den leisesten Schimmer, worauf sie sich einließ.

„Wissen Sie, um welche Bande es sich handelt?“, erkundigte er sich sachlich.

„Fenwick konnte es nicht herausfinden“, antwortete sie niedergeschlagen.

„Was sagt Ihnen das?“

„Dass es in London eine große Anzahl Banden gibt.“

„Und deshalb …?“, soufflierte er ungeduldig.

Sie zog ihre schön geschwungenen Augenbrauen leicht in die Höhe und musterte ihn mit höflich fragender Miene.

Eigentlich hätte Westcott an dieser Stelle eingreifen und die Dinge beim Namen nennen müssen – oder ihm wenigstens das übliche Zeichen geben sollen, dass er wieder mal zu weit ging. Radford warf seinem Freund einen Blick zu.

Westcott starrte Lady Clara an, als habe er noch nie zuvor ein weibliches Wesen gesehen.

Oder vielmehr: Er tat exakt das, was Männer immer taten, wenn sie Frauen betrachteten. Er verschlang ihre Brüste mit Blicken, die er vermutlich für verstohlen hielt.

Wobei ihre Brüste, wie Radford zugeben musste, sehr ansehnlich waren. Entweder das, oder aber ihre Unterwäsche war so beschaffen, dass sie sie ansehnlich wirken ließ. Bereits als er ihr neulich begegnet war, hatte er diese beiden Möglichkeiten erwogen, ohne zu einer Entscheidung zu kommen. Doch wie auch immer es sich damit verhalten mochte, Westcott stand es nicht zu, Lady Clara anzuschmachten.

Der Teil von ihm, den Radford fest unter Verschluss zu halten pflegte, erging sich in der Vorstellung, seinen Freund und Kollegen kopfüber aus dem Fenster zu werfen.

Das unangemessene Bild beiseiteschiebend, fuhr er fort: „Sagt die Wendung von der Nadel im Heuhaufen Eurer Ladyschaft etwas?“

„Lassen Sie mich überlegen.“ Übertrieben nachdenklich verzog sie den Mund und verdrehte die Augen, und plötzlich fühlte er sich an das kleine Mädchen erinnert, das lernte, wie man Heptaplasiesoptron aussprach.

„Ja“, erwiderte sie schließlich gedehnt. „Zu meinem größten Erstaunen tut sie das.“

„Sehr gut.“ Er nickte. „Weil …“

„Wenn überhaupt jemand einen Weg wüsste, wie man Toby finden könnten, wären Sie das, versicherte mir Fenwick. Er sagte, Sie hätten sich als Anwalt für Gossenkinder einen Namen gemacht.“

Er zuckte mit den Schultern. „Das liegt wohl daran, dass es mehr als ungewöhnlich ist, wenn sich ein Rechtsbeistand für die Interessen der Armen einsetzt. So ungewöhnlich, dass es für Sensationsschlagzeilen reicht. Normalerweise sind die Fälle, in denen ich plädiere, eher langweilig: Giftmord, Einbruch, Überfall, Verleumdung und dergleichen.“ Solche Delikte erregten in der Regel nicht die Aufmerksamkeit seriöser Zeitungen. In den wenigen Fällen, bei denen es anders war, konzentrierten sie sich auf Kläger, Angeklagte und aufsehenerregende Zeugenaussagen, nicht auf langweilige Anwälte. Bis vor kurzem jedenfalls.

„Aber bei dem Fall Grumley …“

„Ach ja, die sensationelle Ausnahme“, erwiderte er ironisch. „Die im Augenblick meine volle Aufmerksamkeit erfordert. Ich kann Ihnen garantieren, dass der Richter mir keine Dienstbeurlaubung erteilen wird, damit ich den Jungen finde. Nicht einmal, wenn ich die Hoffnung hätte, dass ich ihn finden könnte, und mehr als ein Jahr Zeit dafür.“

In ihren Augen flackerte etwas auf, doch selbst er, der für gewöhnlich selbst die feinsten Veränderungen im Mienenspiel eines Menschen zu deuten wusste, konnte nicht recht entscheiden, ob es Enttäuschung war oder … Erleichterung.

Nicht dass es eine Rolle spielte.

„Ja, natürlich“, sagte sie tonlos. „Ich habe Berichte über die schrecklichen Geschehnisse auf der Farm gelesen. Wahrscheinlich hätte ich … Wie dumm von mir. Selbstverständlich haben Sie mehr als genug Arbeit mit dem Fall. Aber vielleicht können Sie mir einen Rat geben, wie ich vorgehen soll.“

„Ich rate Ihnen dringend, die Finger von der Sache zu lassen“, erwiderte er knapp. „Bei derart zwielichtigen Angelegenheiten …“ Er unterbrach sich, als sie das Kinn ein winziges Stück höher reckte und ihre Haltung sich versteifte. Wieder fühlte er sich lebhaft an das kleine Mädchen erinnert, das seinem Bruder einen trotzigen Tritt gegen das Schienbein verpasste.

„Wie dumm von mir.“ Er schüttelte den Kopf. „Denn natürlich denken Sie nicht daran, die Finger davon zu lassen.“

„Richtig.“

Sein Blick glitt zu Westcott. Von dem keine Hilfe zu erwarten war. Er hätte nicht dämlicher aussehen können, wenn ihm die Kuppel der Sankt-Pauls-Kathedrale auf den Kopf gefallen wäre. Als habe er noch nie in seinem Leben eine hübsche Frau zu Gesicht bekommen.

Wobei sie zugegebenermaßen mehr als hübsch war. Trotzdem.

Sein gefühlsduseliges Selbst hatte zu diesem Punkt noch etwas zu sagen, aber Radford stopfte ihm kurzentschlossen das Maul.

„In dem Fall würde ich vorschlagen, dass Sie Sir John Wades Abhandlung über Polizeiarbeit und Verbrechen in der Hauptstadt lesen.“

„Mr. Radford …“

„Sie müssen den Text nicht von vorn bis hinten lesen, aber vielleicht überfliegen Sie wenigstens das Kapitel, das sich mit jugendlichen Kriminellen befasst“, unterbrach er sie kühl. „Und für den Fall, dass Wade Sie nicht von Ihrem Vorhaben abzubringen vermag, empfehle ich Ihnen, ein Mitglied von Scotland Yard als privaten Ermittler zu engagieren. Eine Aufgabe, für die am ehesten Inspector Keeler infrage kommt.“ Der ehemalige Bow Street Runner Keeler gehörte zu den Besten der Besten. Er zeichnete sich durch Besonnenheit und Hartnäckigkeit aus und war, egal in welcher Verkleidung, ein Meister darin, sich unauffällig seiner Umgebung anzupassen.

Lady Clara legte den Kopf schräg und musterte ihn mit einer Miene, in der sich, wenn er das richtig interpretierte, Geduld und Ärger spiegelten. Doch er war nicht ganz sicher. Über das Gesicht der erwachsenen Frau, die er vor sich hatte, schien sich eine Art Maske gelegt zu haben.

„Wie es scheint, wurde ich falsch informiert“, bemerkte sie leidenschaftslos. „Man sagte mir, Sie wären der klügste Mann Londons.“

Westcott gab einen erstickten Laut von sich.

„Meines Wissens handelt es sich dabei keineswegs um eine falsche Information.“ Radford verzog keine Miene.

Sie biss sich auf die Unterlippe, wodurch für einen kurzen, aufreizenden Moment der beschädigte Schneidezahn sichtbar wurde. „Komisch.“ Langsam schüttelte sie den Kopf. „Ich hätte angenommen, dass jeder, der ein Mindestmaß an Verstand besitzt und die ungeschriebenen Regeln der Gesellschaft kennt, wissen müsste, dass ich keinen Ermittler engagieren kann. Für eine Dame, Mr. Radford, schickt es sich nicht, Dienstleister anzuheuern, außer es handelt sich um Hauspersonal.“

„Sie haben recht“, erwiderte Radford mit kaum verhohlenem Spott. „Ich frage mich, wie ich das vergessen konnte. Vielleicht lag es an Ihrer raffinierten Verkleidung. Eine kühne Tarnung, das muss ich schon sagen.“

„Ich habe mich verkleidet, weil es Damen nicht gestattet ist, Gebäude aufzusuchen, in denen sich die Kanzleien und Quartiere von Anwälten befinden, um einen Rechtsbeistand ausfindig zu machen.“

„Sie werden nachvollziehen können, dass mir ein anderer Gedanke kam“, gab er streitlustig zurück. „Bei Ihrem Anblick hätte ich annehmen können, dass es einen Umbruch in den gesellschaftlichen Sitten gegeben haben muss, der mir entgangen ist, weil ich mit Wichtigerem beschäftigt war – Verbrecher an den Galgen zu bringen oder sie davor zu bewahren, je nachdem.“

„Jeder weiß, dass die Sitten sich seit den Tagen, da meine Mutter ein junges Mädchen war, kein Jota geändert haben“, hielt sie dagegen. „Wenn überhaupt, sind sie höchstens strenger geworden. Meine Großmutter … Aber lassen wir das, ich möchte Ihre wertvolle Zeit nicht vergeuden. Sie haben sich zum Ziel gesetzt, im Fall der fünf unschuldigen Kinder Gerechtigkeit zu erlangen, was einer Herkulesarbeit gleichkommt. Ich bedaure, Sie von Ihrer bewunderungswürdigen Aufgabe abgelenkt zu haben, und sofern Sie mir keinen nützlichen Rat geben können, überlasse ich Sie nun wieder Ihren Pflichten.“

„Dürfen Sie eine Belohnung aussetzen?“, fragte er unerwartet. „Oder ist auch das einer Dame nicht gestattet?“

Diesmal war ihr Blick forschend, als versuche sie, seine Gedanken und Motive zu ergründen. Doch da würde sie sich ziemlich anstrengen müssen, zumal er momentan nicht vollständig anwesend war, um es einmal so auszudrücken. Er stand neben sich, wie so oft – oder bemühte sich zumindest darum. Denn es fiel ihm schwerer als sonst.

„Wissen Sie wirklich nichts über Damen von Stand und die Regeln, nach denen sie zu leben gezwungen sind?“, erkundigte sie sich ruhig.

„Sie wären überrascht, wie wenig er von diesem Thema versteht, Mylady“, schaltete Westcott sich ein. „Oder sind Sie ihm schon einmal bei Almack’s begegnet? Oder bei Hof? Kein Mensch käme auf die Idee, dass sein Vater der voraussichtliche Titelerbe des Duke of Malvern ist …“

„Als käme es darauf an“, fiel Radford ihm scharf ins Wort. „Ich bin nicht vertraut mit der beau monde und sie nicht mit mir. Aus offensichtlichen Gründen, denke ich. Keiner, der der vornehmen Gesellschaft angehört, verbringt freiwillig Zeit bei den Strafprozessen, mit denen ich meinen Lebensunterhalt verdiene.“

„Dann sollte ich Sie wohl aufklären, damit die nächste Dame von Stand, der Sie begegnen, nicht zu dem Schluss kommt, dass Sie ein Hohlkopf sind oder geistesgestört.“

„Glauben Sie, dass das eine Rolle für mich spielt?“

Autor

Loretta Chase
Loretta Chase wuchs in Neu-England auf und machte zunächst was Sprache und Schreiben angeht nicht nur freudvolle Erfahrungen, denn in der Schule wurde sie in Rechtsschreibung und Grammatik richtiggehend gedrillt. Trotzdem – oder gerade deshalb? - studierte sie nach der Schule Literatur an der berühmten Clark University. Sie schrieb damals...
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