Julia Ärzte zum Verlieben Band 178

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EIN GOLDENER RING FÜR DIE HEBAMME von AMY RUTTAN
„Kannst du dir eine Scheinehe vorstellen?“ Dr. Marcus Olesen verschlägt es die Sprache! Aber weil die junge Hebamme Alexis nur verheiratet auf der herrlichen Karibikinsel bleiben kann, sagt er Ja – und besiegelt sein Schicksal. Denn eigentlich wollte er sich nie wieder verlieben …

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  • Erscheinungstag 02.06.2023
  • Bandnummer 178
  • ISBN / Artikelnummer 8031230178
  • Seitenanzahl 384

Leseprobe

Amy Ruttan, Luana DaRosa, Alison Roberts

JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN BAND 178

1. KAPITEL

Marcus zuckte zusammen, als er versuchte, aus der schmalen Koje seines Segelboots zu klettern. Die Transplantation lag acht Wochen zurück, aber der Schnitt war noch nicht ganz verheilt.

Seine neue Schwägerin, Dr. Victoria Jensen-Olesen, hatte ihm zwar bescheinigt, dass er wieder gesund war, aber sein Körper erholte sich nicht so schnell, wie Marcus es sich gewünscht hätte.

Sein Bruder Matthew würde sagen, das läge daran, dass er älter wurde, aber Matthew war zwanzig Minuten älter als er, also ging der Joke auf seine Kosten. Marcus war der jüngere und fittere Zwilling.

Theoretisch.

Nochmals zuckte er zusammen und stützte mit einem Kissen seine Seite ab.

Vielleicht hat Matthew recht. Vielleicht bin ich allmählich zu alt.

Er lachte, als er aufstand.

Ehrlich gesagt, langweilte er sich zu Tode. Während der Heilung musste er eine Auszeit nehmen, und Victoria hatte ihn gewarnt, dass er erst zwölf Wochen nach der Operation wieder normal praktizieren durfte. Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an.

Einen Monat musste er noch durchhalten.

Alles, was er wollte, war, wieder arbeiten zu können.

Die Arbeit hielt ihn bei Verstand.

Das und die Frauen. Aber seit sein Patenkind Jonas erkrankt war und Marcus sich freiwillig als Lebendspender für die Domino-Operation in St. Thomas gemeldet hatte, um Jonas die dringend benötigte Niere zu verschaffen, hatte er wenig Lust auf irgendwelche Dates gehabt.

Um ernsthafte Beziehungen war es ihm sowieso nie gegangen.

Diesen Fehler hatte er einmal gemacht, und es reichte ihm fürs Leben.

Mit Anfang zwanzig hatte sich Marcus in Dawna verliebt, die schönste und klügste Studentin im Medizinstudium.

Sofort hatte er sein Herz an sie verloren.

Als sein Bruder nach New York ging, um dort Chirurgie zu studieren, folgte Marcus Dawna nach Kalifornien und begann in der Notaufnahme eines Krankenhauses in San Diego zu arbeiten. Er wurde in Triage ausgebildet und war einer der besten Notärzte der Klinik.

Marcus hatte geglaubt, er hätte seine Zukunft bereits geplant.

Er würde eine große Praxis in San Diego eröffnen und dann Dawna bitten, seine Frau zu werden. Leider hatte Dawna andere Pläne, und er war am Boden zerstört, als sie ihn für einen verklemmten Chirurgen verließ, der ihn irgendwie an seinen Zwillingsbruder erinnerte.

Es war niederschmetternd gewesen, die Frau seiner Träume an einen Mann zu verlieren, der Matthew so ähnlich war.

Seine ganze Jugend über musste er sich von seinen Eltern immer wieder anhören, er sollte versuchen, mehr wie sein Bruder zu sein.

Anstatt in Kalifornien zu bleiben und mit Dawna und ihrem Ehemann weiterhin an derselben Klinik zu arbeiten, kehrte Marcus auf die Amerikanischen Jungferninseln zurück, um seine Wunden zu lecken, und schwor sich, nie wieder sein Herz aufs Spiel zu setzen.

Große Worte. Sieh dir Matthew an.

Marcus ignorierte diesen Gedanken und zog sich langsam für einen weiteren Tag des Herumsitzens an.

„Hey, Marcus, bist du wach?“, rief jemand vom Anleger her.

Marcus machte sich auf den Weg in die Kombüse der Tryphine. Er sah seinen besten Freund Chase Fredrick, den Vater von Jonas, der vom Deck herunterschaute.

Sein Freund lächelte, aber Marcus konnte sofort erkennen, dass er beunruhigt war.

„Chase, es ist doch nichts mit Jonas, oder? Ich dachte, er wäre noch in Charlotte Amalie?“

Chase nickte und kam die Treppe herunter. „Jonas ist stabil, dank der exzellenten Operation deines Bruders und deiner Schwägerin. Er verträgt die Medikamente gegen die Abstoßung gut und wird bald entlassen.“

Marcus lächelte. „Wie schön. Freut mich zu hören. Womit kann ich dir dann helfen?“

„Du praktizierst doch noch nicht wieder, oder?“

Marcus schüttelte den Kopf. „Nein. Mir fehlt das ärztliche Okay. Was ist los? Ist etwas mit Pepper?“

Pepper war die Frau von Chase und gerade mit ihrem zweiten Kind schwanger.

Pepper hatte Probleme bei der Entbindung von Jonas gehabt, deshalb war das Ehepaar wegen der neuen Schwangerschaft verständlicherweise nervös.

„Ja, irgendetwas stimmt nicht. Du weißt doch, dass es St. John an Hebammen mangelt, insbesondere solchen, die sich mit den Problemen auskennen, die Pepper das letzte Mal hatte?“

„Richtig.“

Chase rieb sich nervös den Nacken. „Unsere englische Hebamme, die einfach phänomenal ist, muss das Land verlassen.“

Marcus sah ihn verwundert an. „Wieso das denn?“

„Ihr Visum läuft ab“, erklärte Chase. „Sie hat Frauen wie Pepper geholfen und kennt sich zudem sehr gut mit Präeklampsie und Sichelzellanämie aus. Pepper liebt sie abgöttisch. Sie vertraut ihr voll und ganz und will keine andere.“

„Ihr wird nichts anderes übrig bleiben, wenn ihre Hebamme abgeschoben werden soll.“

„Nun, da kommst du ins Spiel.“ Chase klang nervös, und Marcus verspürte ein flaues Gefühl in der Magengrube.

„Wie meinst du das?“, fragte er vorsichtig.

„Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll … Du hast schon so viel für unsere Familie getan hast, aber ich bin verzweifelt. Ich habe sonst keine alleinstehenden Freunde.“

Marcus schwante Böses, und er setzte sich hin. „Chase … was genau willst du von mir?“

„Könntest du dir eine Scheinehe vorstellen?“

Marcus musste über die absurde Frage lachen. „Nun mal im Ernst.“

„Ich meine es ernst.“

Marcus hörte auf zu lachen. „Du bist gestresst, weil du zwischen dem Ziese Memorial Hospital und zu Hause hin und her pendeln musstest, dazu hast du noch eine schwangere Frau. Du bist offensichtlich übermüdet und redest Blödsinn.“

„Tue ich nicht!“

„Du meinst es also wirklich ernst?“, fragte Marcus ungläubig.

„Todernst. Ich habe einen klareren Kopf als du, ganz zu schweigen von der Tatsache, dass ich jünger bin und besser aussehe.“

„Das sage ich meinem Bruder auch immer.“

„Und ich dir“, konterte Chase.

Marcus verdrehte die Augen. „Aha. Ich würde es dir glauben, wenn du nicht mit einer so verrückten Idee ankämst. Das kann doch nur ein Witz sein.“

Chase schüttelte den Kopf. „Nein. Eine andere Möglichkeit, damit sie hierbleiben kann, fällt mir nicht ein. Du weißt, dass Pepper an Sichelzellanämie leidet, und die Hebamme ist die beste, die wir kennen. Ich vertraue Pepper niemand anderem an.“

Marcus seufzte.

Es war eine große Bitte, aber er sah, wie verzweifelt Chase war. Sein Freund hatte bestimmt jede mögliche Lösung gründlich durchdacht.

Chase wusste von seiner Vergangenheit mit Dawna und würde ihn nicht um so etwas bitten, wenn es nicht seine letzte Option wäre.

„Die Ärzte in Charlotte Amalie können sich um Pepper kümmern, Chase.“

„Ich weiß, aber Pepper fühlt sich bei Alexis aufgehoben, und Pepper ist nicht ihre einzige Patientin. Alle lieben Alexis. Wir dürfen sie nicht verlieren.“

Marcus seufzte erneut. „Ich weiß nicht … Wie lange soll das denn dauern? Wie lange müsste ich mit dieser Frau verheiratet bleiben?“

„Ungefähr zwei Jahre.“

„Zwei Jahre!“ Marcus schüttelte den Kopf. „Ausgeschlossen.“

„Ich weiß, dass es eine lange Zeit ist.“

„Es ist mehr als nur eine lange Zeit. Nicht Tage oder Monate, sondern Jahre! Kannst du dir vorstellen, dass ich so lange verheiratet bin? Ich habe kein Verlangen danach, eine Ehefrau zu haben oder ein Ehemann zu sein. Weder real noch in meiner Fantasie.“

„Nicht einmal als ein falscher Ehemann?“, fragte Chase mit leiser Hoffnung in der Stimme.

„Nicht einmal das. Nein. Daraus wird nichts.“

„Ich weiß, dass du der Ehe und Beziehungen schon vor langer Zeit abgeschworen hast … sehr zum Leidwesen von Pepper.“ Chase lächelte schief, und Marcus musste lachen.

Pepper hatte jahrelang versucht, ihn zu verkuppeln, aber Marcus hatte es geschafft, jede Frau abblitzen zu lassen, die sie für ihn ins Auge gefasst hatte. Auch Matthews verstorbene Frau Kirsten und Pepper hatten sich eine Zeit lang verbündet, aber Marcus konnte einfach nicht vergessen, wie sehr Dawna ihn verletzt hatte.

Du hast Angst. Das ist der Grund.

Marcus schüttelte den Gedanken ab. „Was müsste ich für diese Scheinehe tun?“

Chase grinste. „Einmal kurz vor den Altar treten, damit Alexis ihre Greencard beantragen kann. Dann kann sie nicht nur bleiben, um Pepper bei der Geburt zu begleiten, sondern auch viele andere werdende Mütter, bis ihre Greencard bewilligt wird. Sobald sie sie hat, kannst du dich ruckzuck scheiden lassen.“

„Du weißt, dass das illegal ist, oder?“

„Ja, aber ich bin verzweifelt. Alexis verdient es zu bleiben, und ich bin sicher, dass ihr Antrag genehmigt wird. Eigentlich sorgen wir doch nur dafür, dass sie weiterhin Frauen wie Pepper helfen kann.“

„Pepper sollte aufhören, so viele Liebesromane zu lesen. Ich bin mir sicher, dass sie deshalb auf diese verrückte Idee gekommen ist.“

Chase lachte. „Sie ist süchtig nach Liebesromanen, was kann ich da machen?“

Seufzend stand Marcus auf. „Weiß diese Alexis von dem Plan?“

„Ja, aber sie ist nicht überzeugt. Noch nicht. Ich bin zuversichtlich, dass wir sie überreden können. Gemeinsam.“

Marcus stöhnte unterdrückt. „Jetzt sofort, nehme ich an?“

„Hast du etwas Besseres zu tun? Du bist noch krankgeschrieben.“

„Und du heute einfach penetrant, Chase“, knurrte Marcus.

Chase grinste. „Nicht mehr als sonst.“

Marcus schüttelte den Kopf und zog sich widerwillig fertig an. „Du bist mir etwas schuldig, Chase. Und zwar einiges!“

„Ich weiß.“ Chase stieg zum Deck hinauf, drehte sich aber noch einmal um, kaute auf seiner Unterlippe.

„Was jetzt noch?“, fragte Marcus beklommen.

„Sie ist schwanger.“

„Pepper? Das weiß ich doch.“

„Nein, unsere Hebamme.“

Alles Blut wich aus Marcus’ Kopf, und es klingelte in seinen Ohren. Bestimmt hatte er Chase nicht richtig verstanden. Es klang völlig absurd.

„Sie ist schwanger?“

Chase nickte. „Ja, der Vater des Kindes hat sie verlassen und will nichts mit dem Baby zu tun haben.“

„Ich kann mich nicht mit einer schwangeren Frau einlassen. Ich werde mich nicht für einen solchen … Betrug hergeben. Es dauert zwei Jahre oder mehr, bevor sie ihre Greencard bekommt. Das ist einigermaßen akzeptabel, wenn es sich nur um zwei Erwachsene handelt, die sich einig sind, aber sie ist schwanger, und das Kind wird in eine Ehe hineingeboren, die nicht echt ist. Das ist nicht richtig.“

„Es ist kein Betrug. Sie wird ihre Greencard bekommen. Sie braucht vorerst nur einen Ehemann auf dem Papier. Du musst nicht der Vater sein, und das Kind muss es nie erfahren.“

Er war überrascht, dass ihn das traf.

Marcus hatte sich immer gewünscht, Vater zu werden. Eines Tages.

Er schüttelte den Kopf.

Natürlich machte sich Marcus Sorgen um Pepper, und er wusste, wenn diese Hebamme so gut war, wäre es von Vorteil, sie in St. John zu behalten. Aber war das wirklich der einzige Weg?

Bist du nicht ein bisschen zu alt, um bei so einem Plan mitzumachen?

Marcus schüttelte den Gedanken ab und fragte sich, was Matthew wohl denken würde, wenn er wüsste, was hier vor sich ging. Bestimmt würde er es missbilligen. Matthew war immer der Verantwortungsvolle, Vernünftige gewesen, aber inzwischen war Marcus sich da nicht mehr so sicher. Victoria hatte seinen steifen Bruder lockerer gemacht.

Vielleicht würde er es für klug halten, auf unkomplizierte Weise mehreren Menschen zu helfen.

Das bezweifle ich. Es ist und bleibt Betrug.

Eine kurze Suche bei Google verriet Marcus, dass sie abgeschoben und er zu einer Geldstrafe verurteilt, ins Gefängnis gesteckt und wahrscheinlich seine Approbation verlieren würde.

Alles Gründe, um kategorisch abzulehnen.

Aber er wollte Pepper helfen, und da er erst in vier Wochen wieder arbeiten durfte, hatte er Zeit, sich zumindest mit dieser Frau zu treffen und über die Möglichkeit zu reden. Er hatte jedoch nicht vor, jemals zu heiraten, also machte eine kurze Scheinehe doch nichts.

Natürlich würde er nicht genau wissen, ob es funktionierte, bis er Alexis kennengelernt hatte. Er hoffte, dass er sie mochte, damit sie die Sache durchziehen konnten.

Du tust es für Pepper und Chase.

Sie waren immer für ihn da gewesen. Vor allem in den Jahren, nachdem er aus Kalifornien zurückgekommen war, wo Dawna ihm das Herz gebrochen hatte. Damals hatte er kaum Kontakt zu seinem Bruder, und seine Eltern waren zu sehr damit beschäftigt, um die Welt zu reisen, um mitzubekommen, dass es ihrem Sohn schlecht ging.

Chase und Pepper waren seine Familie gewesen.

Deswegen musste er ihnen helfen.

Oder etwa nicht?

Alexis zuckte zusammen.

Na toll.

Sie musste zur Toilette.

Schon wieder.

Eine Schwangerschaft war das Wunder des Lebens, und Alexis hatte ihre Patientinnen immer insgeheim beneidet, aber alle paar Minuten auf die Toilette laufen zu müssen, wurde schnell nervig.

Aber im Grunde war sie glücklich. Der Gynäkologe in London hatte ihr erklärt, dass sie an ungeklärter Unfruchtbarkeit litt und es daher ein Wunder sei, dass sie überhaupt schwanger geworden war.

Sie und ihr Ex-Mann hatten jahrelang alles versucht, wollten unbedingt ein Kind, eine Familie gründen.

Zumindest hatte sie geglaubt, dass sie beide das wollten.

Als sie dann endlich schwanger wurde, eröffnete ihr Bruce, der Mann, den sie die letzten fünf Jahre geliebt hatte, dass er doch keine Familie wollte. Er hatte angenommen, dass sie es irgendwann aufgeben würde, schwanger zu werden, und sie dann ihr gemeinsames Leben genießen könnten.

Als er vor sechs Monaten erfuhr, dass sie schwanger war, reagierte er wütend.

Damit nicht genug, verließ er sie und reichte die Scheidung ein. Seine Begründung? Dass sie ihn betrogen hätte. Er behauptete, er habe sie nur deshalb geheiratet, weil er glaubte, sie könne keine Kinder bekommen, und die Schwangerschaft mache ihre Vereinbarung hinfällig.

Als reichte das nicht, erfuhr sie auch noch, dass er seit einem Jahr eine Affäre hatte.

Da wusste Alexis, dass es nicht nur an der Schwangerschaft lag. Bruce hatte sich längst von ihr entfernt und nur nach einem Grund gesucht, sie zu verlassen. Das war niederschmetternd, aber es gab ihr auch die nötige Kraft, dieses Kapitel ihres Lebens abzuschließen. Es war unsinnig, an etwas so Toxischem festzuhalten.

Sie hatte sich von der Liebe blenden lassen, und das würde ihr nicht noch einmal passieren.

Alexis unterschrieb die Scheidungspapiere und stellte sicher, dass Bruce sämtliche Ansprüche auf das ungeborene Kind abtrat, sodass sie über das alleinige Sorgerecht verfügte. Sie wollte nicht, dass er sich später einmischte und versuchte, das Leben ihres Kindes zu beeinflussen. Sie hatte einen solchen Vater gehabt – einen immer abwesenden Vater, der sich mehr um seine Arbeit als um seine Familie gekümmert hatte –, und das musste sie ihrem eigenen Kind ersparen.

Alexis verkaufte ihre Wohnung in London für ein hübsches Sümmchen, kündigte ihre Praxisräume und ging mit einem Kurzzeitvertrag auf die Virgin Islands.

Eine Flucht ins Paradies schien ihr als die perfekte Lösung für die weitere Zukunft.

Nur dass sie nach Ablauf ihres viermonatigen Arbeitsvisums feststellte, dass sie St. John gar nicht mehr verlassen wollte. Sie hatte sich in die Insel, die Menschen und alle ihre Patientinnen verliebt.

Alexis hatte sich nie mehr zu Hause gefühlt als hier.

Hier wollte sie ihr Kind großziehen.

Das Problem war nur, dass sie nicht bleiben durfte.

Es brach ihr fast das Herz. Wie als Antwort auf ihre trüben Gedanken, spürte sie einen schwachen Tritt, ein Stupsen. Alexis lächelte und streichelte die kleine Wölbung auf ihrem Bauch.

„Ich weiß, dass du auch bleiben willst.“

„Führst du wieder Selbstgespräche?“

Alexis blickte von ihrem Schreibtisch in der Klinik auf und sah Chase Fredrick in der Tür stehen. Ihr sank das Herz.

„Ist etwas mit Pepper?“, fragte sie besorgt.

Pepper Fredrick war eine der Patientinnen, die Alexis nicht verlassen wollte.

Die Frau hatte einiges zu bewältigen – ihr Sohn hatte vor Kurzem eine neue Niere transplantiert bekommen, und sie war im achten Monat schwanger und brachte eine riskante Vorerkrankung mit. Sie litt an Sichelzellanämie, und Alexis war überrascht, dass keine der anderen Hebammen, mit denen sie auf St. John zusammenarbeitete, schon einmal damit zu tun hatte. Alexis kannte sich jedoch damit aus, und Pepper war in ihrer Obhut. Darüber hinaus waren Pepper und Chase wie eine Ersatzfamilie für sie gewesen, seit sie hier angekommen war.

Und sie wollte sie nicht wieder verlassen.

Sie wollte, dass ihr Baby und Peppers Baby die besten Freunde wurden.

Alexis hatte noch nie so viel Unterstützung und Gemeinschaft erfahren wie hier.

Sie konnte sich nicht vorstellen, so etwas irgendwo anders wiederzufinden. Obwohl sie eine leibliche Familie in England hatte, war sie dort meistens allein gewesen.

Außerdem erinnerte England sie an Bruce und seinen Verrat. Es barg zu viel Traurigkeit, zu viele Erinnerungen, die sie für immer hinter sich lassen wollte.

Auf St. John war sie glücklich, und hier wollte sie bleiben, aber nun musste sie zurück nach England.

Sie war so sehr mit ihrer Arbeit beschäftigt gewesen, dass sie die Dinge zu lange aufgeschoben hatte. Wenn sie nach England zurückkehrte, um ein neues Visum zu beantragen, konnte sie nicht zurückfliegen, weil ihre Schwangerschaft zu weit fortgeschritten wäre. Sie würde Pepper nicht durch die schwierigen letzten Wochen ihrer Schwangerschaft helfen können.

„Nein, es ist nicht wegen Pepper. Pepper geht es gut. Ich bin hierhergekommen, um dir zu sagen, dass ich eine Lösung für dein Problem habe!“

Alexis sah ihn verblüfft an.

„Du hast eine Lösung für mein Sodbrennen und das Bedürfnis, alle fünf Minuten zur Toilette zu rennen?“, scherzte sie lachend.

Chase grinste. „Nein, ich habe eine Lösung für dein Visaproblem. Es gibt eine Möglichkeit, dass du im Land bleiben kannst.“

Alexis lächelte. Eine Traumlösung in diesem späten Stadium schien zu schön, um wahr zu sein. Sie hatte sich schon den Kopf zerbrochen, um etwas zu finden – irgendetwas, wie sie legal hierbleiben konnte –, aber ihr war nichts eingefallen.

„Und welche?“ Sie versuchte, sich nicht zu viele Hoffnungen zu machen.

„Nun, es war eigentlich Peppers Idee.“

Da wusste Alexis, was Chase sagen würde, denn Pepper hatte es ihr bereits vorgeschlagen. In der kurzen Zeit, in der sie sie kannte, hatte sie schon einige Ideen gehabt, aber ihre neueste hatte den Vogel abgeschossen. Sie stammte direkt aus einem der Romane, die Pepper regelmäßig verschlang.

Und genau das war das Problem daran.

Es war Fiktion.

Nicht das wahre Leben.

„Nein, kommt nicht infrage. Ich werde nicht heiraten“, erklärte Alexis schnell.

Auf keinen Fall würde sie sich das noch einmal antun. Bruce hatte sie verletzt, ihr Vertrauen erschüttert. Sie müsste schon völlig verrückt sein, um noch einmal zu heiraten.

Selbst wenn es nur vorgetäuscht wäre.

„Woher weißt du …? Oh. Pepper hat es dir schon gesagt, oder?“

Alexis nickte und stand auf. „Die Idee ist absurd. So etwas funktioniert im wirklichen Leben nicht.“

„Sie ist deine einzige Chance, Alexis. Es ist keine echte Ehe. Du musst nur eine Zeit lang so tun als ob, damit du im Land bleiben kannst.“

„Eine Greencard braucht viel Zeit, Chase. Ist dir das klar?“

Chase nickte. „Natürlich.“

„Wer will schon zwei Jahre lang mit mir zum Schein verheiratet sein, ohne irgendeinen finanziellen Ausgleich zu bekommen? Das kann ich mir nicht leisten.“

„Der betreffende Mann will keine Entschädigung.“

„Also macht er es aus reiner Herzensgüte?“, spottete sie.

„Ja.“ Chase grinste.

„Der Typ scheint zu gut, um wahr zu sein.“

„Manche würden das über ihn sagen. Ich nicht, wohlgemerkt. Also, was meinst du?“

Alexis biss sich auf die Unterlippe.

Sie wollte so gern bleiben. Sie wollte sich um ihre Patientinnen kümmern können, mit ihrem Baby hier ein neues Leben anfangen.

In England war sie nie wirklich glücklich gewesen, aber hier auf St. John fühlte sie sich zu Hause. Sie liebte alles an dieser Karibikinsel. Die laue Luft, die üppig grüne Natur, die Menschen, das Essen, die weißen Sandstrände und das türkisblaue Meer.

Oft saß sie morgens am Fenster ihres kleinen Zimmers und schaute verträumt auf den Ozean, beobachtete die mächtigen Kreuzfahrtschiffe, die langsam auf ihrem Weg nach Charlotte Amalie vorbeifuhren.

Sie wollte noch mehr entdecken, all die verschiedenen Ecken von St. Croix sehen und dann vielleicht irgendwann sogar die Virgin Islands verlassen und andere Inseln wie Jamaika, Haiti oder Kuba kennenlernen.

Insgeheim hatte sie immer davon geträumt, sich ein Boot zu kaufen und um die Welt zu segeln.

Bruce war von dieser Idee gar nicht begeistert gewesen.

Sie hätte es als Warnzeichen verstehen sollen, aber sie war jung und verliebt gewesen.

Alexis schüttelte den Kopf und verscheuchte die Träume, um sich auf das zu konzentrieren, was Chase sagte.

„Wenn ich mich entschließe, Peppers Idee umzusetzen, wer wird mich dann heiraten?“

Chase grinste. „Ich habe genau den richtigen Mann für dich. Ein angesehener Bürger und Sohn der Inseln … Alexis Martin, darf ich dir deinen zukünftigen Ehemann und meinen besten Freund, Dr. Marcus Olesen, vorstellen?“

Alexis erkannte, dass Chase den Mann gleich mitgebracht hatte, und als dieser Marcus Olesen ihr Büro betrat, hielt sie unwillkürlich den Atem an. Ihr Puls beschleunigte, als sie in die blauesten Augen blickte, die sie je gesehen hatte. Er hatte sandblondes Haar, das ein wenig länger war, als sie es eigentlich mochte, aber es passte zu ihm. Außerdem hatte er einen gepflegten Bart, und die Art, wie seine Augen sie anfunkelten, ließ ihre Knie weich werden.

Eine leise Stimme sagte ihr, dass dieser Mann ihrem Herzen gefährlich werden konnte – und es ärgerte sie, wie ihr Körper auf ihn reagierte.

Es dauerte einen Moment, bis sie ihre Stimme wiederfand.

„Freut mich, Sie kennenzulernen“, brachte sie schließlich heraus.

Er lächelte, aber dieses Lächeln erreichte seine Augen nicht. Vermutlich war er von Peppers Idee auch nicht gerade begeistert.

„Ebenfalls“, erwiderte er steif. Sein Blick wanderte über ihren Körper, sodass ihr heiß wurde und sie sich plötzlich verletzlich fühlte.

Nackt.

Entblößt.

Dieser Mann war eine eindeutige Gefahr. Eine Verlockung.

Chase lächelte immer noch, sichtlich stolz auf sich. Für ihn schien das Arrangement bereits beschlossene Sache zu sein. „Ich werde mir überlegen, was wir als Nächstes wegen der Heirat tun müssen, also lasse ich euch zwei allein, damit ihr euch ein wenig kennenlernen könnt.“

Alexis wollte nicht mit Marcus allein bleiben. Nicht weil sie ihm nicht vertraute, sondern weil er sie etwas fühlen ließ, was sie schon lange nicht mehr gefühlt hatte. Und sie wollte sich nie wieder so fühlen. Sie ärgerte sich über sich selbst, weil sie gleich so heftig auf ihn reagierte.

„Also …“, begann sie, als sie allein waren, und ihre Stimme bebte leicht.

Marcus schob die Hände in die Taschen seiner khakifarbenen Bermudashorts. „Also, wann legen wir mit dem Schwindel los?“

2. KAPITEL

Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, bereute er sie schon wieder.

Er hatte im Flur gestanden und ihr und Chase zugehört. Marcus wusste, dass Alexis auch nicht gerade scharf darauf war, eine Scheinehe einzugehen, aber sie täte es für Pepper, und das konnte er verstehen. Was er nicht erwartet hatte, war, wie umwerfend schön sie war.

Marcus konnte sich nicht erinnern, wann ihn das letzte Mal eine Frau atemlos gemacht hatte.

Doch. Dawna.

Er verscheuchte die Erinnerung. Seit Dawna hatte er unzählige Dates gehabt, war aber selten lange bei einer Frau geblieben. Am liebsten fing er etwas mit Touristinnen an – weil es immer ein Enddatum gab. Ihre gemeinsame Zeit war kurz und meist aufregend, und er musste nie sein Herz aufs Spiel setzen.

Es war viel besser so.

Wirklich?

Marcus schob den nagenden Gedanken beiseite.

Es war wirklich nicht wichtig. Er war hier, um Alexis zu heiraten, damit sie sich weiterhin um Pepper und all die anderen schwangeren Frauen in ihrer Obhut kümmern konnte. Er hatte es nicht nötig, sich zu binden. Dass er sich so sehr zu ihr hingezogen fühlte, war zwar ein wenig beunruhigend, aber nichts, womit er nicht umgehen konnte.

Goldblondes Haar rahmte in weichen Wellen ihr herzförmiges Gesicht. Ausdrucksvolle dunkelbraune Augen begegneten seinem Blick, und ihr Teint erinnerte ihn an Sahne und Pfirsich. Marcus überragte sie, aber das war nicht weiter verwunderlich, denn er war fast eins neunzig groß.

Sein Blick blieb an ihrem gewölbten Bauch hängen. Er schätzte, dass sie im sechsten Monat war.

Alexis Martin hatte ihn beeindruckt. Wahrscheinlich war er deshalb unwirsch gewesen.

Was er aufrichtig bedauerte. Alexis traf keine Schuld. Die Scheinehe war nicht ihre Idee.

„Es tut mir leid, dass ich so … unhöflich war. Vermutlich stehe ich noch unter Schock.“

Sie lächelte und sah erleichtert aus. „Ich auch. Unter Schock, meine ich.“

„Es ist schließlich nur eine Täuschung.“

„Ja“, sagte sie mit deutlich britischem Akzent. „Nur eine Farce, nicht wahr?“

„Richtig, aber ich habe Chase zugesagt, dass ich helfe. Pepper und ihr Baby haben jetzt Priorität.“

„Sie wissen schon, dass dies möglicherweise eine zweijährige Verpflichtung bedeutet, bis die Greencard genehmigt wird? Das ist viel verlangt … Entschuldigung, ich habe Ihren Namen nicht behalten.“

„Marcus. Dr. Marcus Olesen.“

Sie runzelte die Stirn. „Dr. Olesen? Sind Sie der Chirurg, der vor ein paar Wochen die Domino-Operation durchgeführt hat?“

„Nein. Das war mein Bruder. Aber ich war daran beteiligt.“

„Dann sind Sie also auch Chirurg?“

„Nein“, antwortete er schnell, weil er nicht für einen Chirurgen gehalten werden wollte.

Es war schon schlimm genug, dass sein Bruder ihn immer dazu gedrängt hatte, Chirurg zu werden, und dass seine Eltern ständig durchblicken ließen, er solle mehr wie Matthew sein. Aber dass Dawna ihn ausgerechnet wegen eines Chirurgen verlassen hatte, war ein Schlag in die Magengrube gewesen und immer noch nicht ganz überwunden.

Er liebte seine Arbeit als Allgemeinmediziner. Zwar vermisste er die Betriebsamkeit in der Notaufnahme in Kalifornien, aber seine Praxis hier hätte er für nichts in der Welt eintauschen mögen. Er baute Beziehungen zu seinen Patienten auf, lernte sie besser kennen und sah sie nicht nur vor und nach einer Operation.

Aufschneiden und wieder zusammenflicken, mehr machte ein Chirurg nicht.

Du weißt, dass Matthew nicht so ist.

Er fühlte sich schlecht, weil er es gedacht hatte.

Ihre Wangen färbten sich rosig. „Tut mir leid, als sie Domino-OP sagten, habe ich angenommen, dass Sie … nun ja, einer der Chirurgen sind, die daran beteiligt waren.“

„Beteiligt ja, aber als Spender. Jonas, der Sohn von Chase und Pepper, ist mein Patenkind.“

„Sie haben ihm also eine Niere gespendet?“

„Nicht direkt. Ich habe meine Niere einer Patientin gespendet, und ihr Spender spendete seine für Jonas. So funktioniert eine Domino-Operation. Es gibt Spender und Empfänger, die nicht zueinander passen, aber am Ende bekommt jeder, was er braucht. Es war kompliziert, mit einer Menge Papierkram und akribisch getakteten Abläufen verbunden.“

Sie sah ihn mit großen Augen an. „Ja, es ist komplex, doch ich weiß im Großen und Ganzen, worum es geht. Chirurgie interessiert mich nicht besonders. Ich hätte nicht gern ständig mit bewusstlosen Patienten und Chirurgen zu tun. Außerdem mag ich den Geruch und die Atmosphäre in einem OP-Saal nicht.“

Ihre letzte Bemerkung konnte er nachempfinden. „Kauterisation und Kälte, da schüttelt’s mich auch immer.“

„Stimmt.“ Wieder lächelte sie und strich sich eine blonde Haarsträhne hinters Ohr. „Trotzdem finde ich eine Domino-OP faszinierend.“

„Das war sie, aber ich bin nicht hier, um über Domino-OPs zu sprechen, sondern mit Ihnen über diese Scheinheirat.“

Alexis errötete erneut, setzte sich und bot ihm mit anmutiger Handbewegung einen Stuhl an.

Wofür er ihr dankbar war, da ihm die Seite wehtat.

„Ich möchte Ihnen danken, dass Sie das für mich tun“, sagte sie schnell. „Mir scheint, Sie haben für Chase und Pepper schon sehr viel getan.“

„Das tue ich gern.“

Marcus war nicht ganz aufrichtig. Er war froh, seinen Freunden helfen zu können, aber er spürte, dass es dennoch nicht richtig war. Besonders jetzt, nachdem er Alexis kennengelernt hatte. Irgendetwas sagte ihm, dass es sogar eine schlechte Idee war und dass er sich besser aus dem Staub machen sollte, weil sein Herz in Gefahr war.

Sehr sogar.

„Wir wissen beide, dass dies eine recht lange Bindung bedeutet, und zwar eine zwischen zwei fremden Menschen“, sagte sie.

„Richtig.“

„Also, womit fangen wir an?“

„Mit dem Anfang.“ Er lächelte und sie lächelte zurück.

„Stimmt. Das Wichtigste zuerst. Ich denke, wir müssen uns erst einmal kennenlernen. Ein paar grundlegende Informationen übereinander brauchen wir auch, aber ich verspreche Ihnen, dass es nur die nötigsten sein müssen. Ich fühle mich bei dieser Sache nicht ganz wohl und möchte auch nicht, dass ein Fremder zu viel über mein Privatleben erfährt.“

Ihre Ehrlichkeit überraschte ihn, aber sie hatte nicht unrecht.

Sie waren sich fremd, und zu viel Nähe wäre unklug. Sie würden tun, was nötig war, um die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass ihre Ehe echt war. Sobald Alexis eine Greencard hatte, würden sie sich scheiden lassen. Und solange sich in diesen beiden Jahren niemand für sie interessierte, konnten sie jeder ihr Leben leben.

Ihre Schwangerschaft war der Hauptgrund für sein Zögern bei diesem Plan. Es ging um ein Kind, und er würde nichts tun, was einem unschuldigen Wesen schaden könnte.

Sosehr Marcus auch immer davon geträumt hatte, eine Frau und Kinder zu haben, er begrub diese Träume, als Dawna ihn verließ.

Matthew hätte auch nie gedacht, dass er noch einmal heiraten würde, und dann hat er es doch getan.

Marcus ignorierte die feine Stimme und ärgerte sich darüber, dass sein Gewissen in letzter Zeit etwas lauter wurde. Das konnte er nicht gebrauchen.

Diese Scheinehe mit Alexis war wie eine geschäftliche Vereinbarung, nichts weiter.

Und das musste er sich immer wieder vor Augen halten.

Alexis fiel es schwer, sich zu konzentrieren. Sie hatte eine vage Vorstellung davon, was die Einwanderungsbehörde wissen wollte, wenn man sie zu ihrer „Ehe“ befragte. Doch im Moment war ihr Verstand irgendwie blockiert.

Marcus sah nicht nur höllisch gut aus, sondern schien auch ein sehr anständiger Kerl zu sein. Nicht jeder würde in einem komplizierten Verfahren einem wildfremden Menschen eine Niere spenden, damit sein Patenkind im Gegenzug eine Niere bekam.

Es war das Geschenk des Lebens, und es war unbezahlbar.

Plötzlich presste er die Lippen zusammen, und sie fragte sich, ob er Schmerzen hatte. Von Pepper wusste sie, dass Jonas’ Operation schon zwei Monate zurücklag, aber er hatte offensichtlich postoperative Beschwerden, und sie bekam ein schlechtes Gewissen, dass er bei dieser Hitze hierhergeschleppt worden war, um ihr zu helfen.

Würde sie sich jemals revanchieren können für das, was er für sie tat?

Sie würde ihm auf jeden Fall sehr dankbar sein.

„Vielleicht sollten wir es auf einen anderen Tag verschieben?“, bot sie an.

„Was meinen Sie?“, fragte er hölzern.

„Das Kennenlernen. Vielleicht ist heute nicht der richtige Tag dafür.“

„Heute scheint mir ein guter Zeitpunkt zu sein. Außerdem, wie ich Chase kenne, wird er uns so bald wie möglich nach Charlotte Amalie zum Kammergericht schleppen.“

Alexis lachte. „Sie haben recht. Er ist ziemlich beharrlich.“

„Eben. Warum wollen Sie es aufschieben?“

„Sie scheinen sich unwohl zu fühlen. Ich meine, was die Schmerzen angeht. Das ist noch von der Operation, stimmt’s?“

„Ja, aber es geht mir gut. Nur wenn ich mich jeden Tag ein bisschen mehr bewege, kann ich bald wieder praktizieren.“

„Ich bin nicht nur Hebamme, sondern auch Krankenschwester, und Sie müssen sich ausruhen“, sagte sie sanft.

Marcus wollte gerade etwas erwidern, als eine junge Frau in den Raum stürmte.

„Alexis!“

Alexis sprang auf, so schnell es ihr runder Bauch zuließ. „Was ist los, Margaret?“

Die Frau holte tief Luft. „Es geht um Mrs. Winston. Sie liegt im Wartezimmer auf dem Fußboden, die Wehen haben eingesetzt. Ihre Fruchtblase ist geplatzt, und sie blutet stark. Wir können sie nicht mit der Fähre nach Charlotte Amalie bringen, haben aber die Luftrettung angefordert.“

Alexis schluckte den Kloß im Hals hinunter. „Ich komme.“

„Kann ich helfen?“, fragte Marcus.

„Ja. Fast alle Hebammen sind für heute weg. Da kann ich jede Hilfe gebrauchen!“

Marcus folgte Alexis aus ihrem Büro. Es war nur ein kurzer Weg zum Wartezimmer.

Alexis sah sofort, dass Mrs. Winston tatsächlich starke Schmerzen hatte. Und bei der Menge an Blut befürchtete sie eine Plazentaablösung.

Meistens musste das Baby per Notkaiserschnitt geholt werden, aber das lag außerhalb ihrer Möglichkeiten. Und da sie für eine Operation nicht eingerichtet waren, war das sowieso keine Option.

„Sie sagten, der Hubschrauber ist unterwegs?“, wandte sich Alexis an Margaret.

„Ja, ich habe im Ziese Memorial angerufen, und sie schicken einen.“

Alexis schnappte sich eins der sterilen Geburtshilfesets und kniete sich neben Mrs. Winston.

„Marcie, erzählen Sie mir, was passiert ist“, bat sie sanft, um ihre Patientin nicht zu beunruhigen. „Ihr Muttermund war erst vier Zentimeter geweitet, als Sie Ihren Termin hatten.“

Marcie Winston keuchte. „Ich weiß es nicht. Es ging mir gut – es ist mein viertes Kind, und ich hatte vor, in der Nähe zu bleiben. Plötzlich dann dieser Schmerz, so als hätte ich einen Schlag in den Magen bekommen. Es tut so weh.“

Alexis tastete Marcies Bauch ab. Unter der nächsten Wehe wurde er bretthart, aber sie spürte kräftige Kindsbewegungen. „Ich möchte Sie jetzt untersuchen. Einverstanden?“

Marcie nickte, Alexis deckte sie zu und zog ihr dann die Unterwäsche aus.

Fälle wie diese hatte Alexis gesehen, als sie in Kenia arbeitete, wo Krankenhäuser rar waren und für die meisten Schwangeren oft weit entfernt lagen.

Alexis wäre es lieber, ihre Patientin sicher im Krankenhaus zu wissen, aber das Baby hatte sich auf den Weg gemacht, und bis der Hubschrauber kam, war sie die Einzige, die Marcie helfen konnte.

Der Muttermund war mit zehn Zentimetern vollständig eröffnet. Alexis konnte sehen, wie sich das Baby seinen Weg bahnte. Dieses Kind wollte schnell auf die Welt.

„Was kann ich tun?“, fragte Marcus.

„Können Sie sich hinter sie setzen und sie stützen?“

„Was ist los?“, fragte Mrs. Winston besorgt.

„Marcie, ich glaube, Ihre Plazenta hat sich abgelöst. Wir müssen Ihr Baby so schnell wie möglich holen. Ich weiß, es tut weh, aber Sie müssen pressen“, ermutigte Alexis sie.

„Das schaffen Sie“, sagte Marcus sanft und hielt ihre Schultern, während Marcie mit der Wehe presste.

„Das machen Sie großartig“, lobte Alexis und konzentrierte sich auf das wundervolle neue Leben, das gerade zur Welt kam.

Das war der Grund, warum sie ihre Arbeit so sehr liebte.

Zu sehen, wie ein Leben begann.

Das Wunder der Geburt.

Und bald würde sie es sein, in den Händen einer anderen Hebamme, die ihr kleines Wunder zur Welt brachte. Sie wünschte sich nur, dass sie jemanden hätte, mit dem sie es teilen könnte. Sie war fest davon ausgegangen, dass Bruce dieser Jemand sein würde.

Jetzt nicht mehr daran denken.

Nach zwei, drei weiteren Presswehen wurde Marcies kleines Mädchen geboren. Alexis säuberte den Mund des Babys, und schon bald ertönte ein lauter Schrei. Verständlich, dass die Kleine wütend war, weil sie aus einem warmen und sicheren Ort in eine kalte, helle Welt geschleudert worden war.

Marcie fing an zu weinen und streckte die Arme nach ihrem Kind aus.

Normalerweise ließ Alexis das Baby so lange an der Nabelschnur, bis die Plazenta heraus war, aber in diesem Fall war das nicht möglich. Also klemmte sie die Nabelschnur ab und durchtrennte sie. Margaret reichte ihr eine Decke, und sie wickelten das Neugeborene hinein, bevor sie es der Mutter übergaben.

Marcie begann heftig zu bluten, und da wusste Alexis sicher, dass es sich um eine Ablösung handelte.

„Haben Sie einen Ballonkatheter?“, fragte Marcus.

„Haben wir.“ Alexis stand auf und holte ihn.

„Führen Sie ihn ein und füllen Sie ihn, um Druck auf die Blutgefäße auszuüben. Zusätzlich schlage ich eine Massage des Unterbauchs vor, aber wenn die Plazenta gerissen ist, muss Mrs. Winston operiert werden.“

Alexis nickte, als Marcus sich neben sie setzte und Handschuhe anzog. Er holte sterile Tupfer und Verbände und half ihr, während sie sich bemühten, die Blutung zu stoppen.

„Marcie, wie geht es Ihnen?“, fragte Marcus.

„Nicht. Gut. Müde“, erwiderte Marcie undeutlich.

Marcus nahm das Baby. „Versuchen Sie sich zu entspannen, der Hubschrauber ist gleich da.“

„Okay“, murmelte Marcie.

Im Hintergrund hörte Alexis das Schwirren der Rotorblätter. Der Heli landete auf dem Parkplatz und das keinen Moment zu früh.

So viel Blut.

Alexis beobachtete Marcus, wie er zärtlich das kleine Mädchen hielt.

Er war so ruhig.

Sie war beeindruckt, dass ein Allgemeinmediziner wusste, was im Falle einer Plazentaablösung zu tun war. Normalerweise waren nur eine Hebamme, eine Krankenschwester oder ein Gynäkologe mit dieser Situation vertraut.

„Wie hoch ist ihr Blutdruck?“, wollte Alexis von Margaret wissen, die ihn überwachte.

„89 zu 55.“

Da eilten auch schon die Sanitäter des Ziese Memorial Hospital mit einer Trage hereineilten. Alexis stand auf und zog ihre Handschuhe aus, während sie den Männern berichtete, was bisher geschehen war.

„Diese Mutter – vierte Schwangerschaft, vierte Entbindung – hat gerade einen weiblichen Säugling zur Welt gebracht. Sie blutete stark und litt unter Schmerzen. Ich vermute eine Plazentaablösung. Ihr Blutdruck liegt bei 89 systolisch zu 55 diastolisch. Sie hat die Plazenta noch nicht abgestoßen. Mittels Ballonkatheter haben wir versucht, die Blutung zu stoppen.“

Der Paramedic nickte. „Wir bringen sie zu ihrer Geburtshelferin. Dr. Baxter wartet schon auf sie.“

„Bitte halten Sie mich auf dem Laufenden, wie es ihr geht.“

Der Mann nickte, und Alexis trat zurück, als Mrs. Winston auf die Trage gehoben wurde. Im Hubschrauber war kein Platz für Alexis, aber sie kannte Dr. Baxter vom Ziese Memorial Hospital, und war froh, Marcie in ihren fähigen Händen zu wissen.

Marcus achtete darauf, dass das Baby sicher im Arm der Mutter lag, und half dem Sanitäter, den Infusionsbeutel aufzuhängen, der Marcies Kreislauf mit Flüssigkeit versorgte.

Nachdem sie und Margaret Marcies Akte an den Leiter der Geburtshilfe im Ziese Memorial gemailt hatten, gab es für Alexis nichts mehr zu tun.

„Sie haben großartige Arbeit geleistet“, sagte Marcus.

„Nicht nur ich. Ich war beeindruckt, wie Sie zugepackt haben.“

Marcus zog eine Augenbraue hoch. „Ach, wirklich?“

„Ja. Sie wussten sofort, dass Sie einen Ballonkatheter einsetzen müssen und dass sie eine Massage braucht.“

„Na ja, ich hatte auch schon die eine oder andere unerwartete Geburt zu bewältigen.“ Er zuckte zusammen, als er zu ihr ging.

„Alles in Ordnung?“, fragte sie.

„Es ist nur meine Wunde. Die Heilung dauert etwas länger, als mir lieb ist, und erinnert mich daran, dass ich nicht mehr so jung bin, wie ich einmal war.“ Er lächelte schwach, und in seinen blauen Augen lag ein Funkeln.

Alexis konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Er war charmant, das musste man ihm lassen.

Verlegenes Schweigen machte sich breit.

„Wollen wir unter vier Augen weiterreden?“, schlug Alexis schließlich vor.

Marcus nickte, und sie gingen zurück in ihr Büro.

„Also, wie ich schon sagte, wir müssen einander kennenlernen und ein paar gemeinsame Auftritte absolvieren, damit es glaubwürdig erscheint“, meinte Marcus, als er hinter ihnen die Tür schloss.

„Ja, das denke ich auch. Ich muss allerdings zugeben, dass ich mir nicht ganz sicher bin, ob es funktionieren wird.“

„Ich will ehrlich sein. Ich bin auch nervös, aber wir müssen es einfach versuchen. Wie wär’s, wenn wir heute Abend zusammen essen? Sagen wir, so gegen acht? Wo wir ungestört sind und alles besprechen können. Ich werde uns etwas kochen.“

„Das klingt gut“, antwortete sie.

Es wäre schön, einmal aus ihrem kleinen Zimmer im Wohnheim herauszukommen.

Vier Monate war sie jetzt hier und hatte kaum etwas von der Insel gesehen. Zu sehr war sie mit der Arbeit und dem Versuch beschäftigt, über ihr gebrochenes Herz hinwegzukommen. Oder vielmehr damit, ihre Wut darüber zu überwinden, von dem Mann betrogen worden zu sein, der geschworen hatte, für immer an ihrer Seite zu sein, in guten und in schlechten Zeiten.

St. John war ihr Neuanfang, und sie wollte bleiben.

Hier sollte ihr neues Leben beginnen, und sie würde alles tun, um es zu verwirklichen. Sie würde sogar eine Ehe mit einem charmanten Mann vortäuschen, der ihr in den nächsten zwei Jahren seine Freiheit opferte.

Ein Fremder.

Kaum hatte Marcus die Worte ausgesprochen, wusste er, dass es ein Fehler gewesen war, Alexis zum Essen einzuladen. Wenn er eine Frau zum Essen einlud, war das normalerweise eine Gelegenheit, sie zu bezaubern und zu verführen.

Dates waren zwanglos und unverbindlich.

Sie machten Spaß.

Aber die Frauen, mit denen er sonst ausging, verschwanden schnell wieder aus seinem Leben. Alles, was sie teilten, war immer nur vorübergehend.

Alexis würde jedoch eine ganze Weile in seinem Leben bleiben.

Ja, die Ehe würde nur auf dem Papier bestehen. Sie würden keine wirkliche Beziehung haben, aber er durfte sich nicht bei anderen Dates erwischen lassen, sonst würde ihre Scheinehe schnell auffliegen.

Einerseits würde er gern etwas mit Alexis anfangen, vielleicht sogar eine richtige Beziehung, aber er unterdrückte diesen Wunsch rasch und erinnerte sich daran, dass sie tabu war. Diese ganze Situation mit Alexis war eine geschäftliche Vereinbarung, nicht der Beginn einer Romanze.

Dafür war sein Herz nicht bereit.

Es ging um eine Scheinehe, damit eine fähige Hebamme und Krankenschwester im Lande bleiben und sich um Pepper kümmern konnte.

Und es bestand kein Zweifel daran, dass Alexis hochkompetent war. Er hatte sie selbst bei der Arbeit erlebt.

Wenn es die Hebammenklinik nicht gäbe, wenn Mrs. Winston allein zu Hause gewesen wäre, als die Wehen einsetzten, wäre sie verblutet.

Alexis musste unbedingt auf St. John bleiben dürfen. Außerdem konnte er viel von ihr lernen, um sich besser um seine Patientinnen kümmern zu können. Als Allgemeinmediziner wurde er selten zu solchen Fällen wie heute gerufen. Jede Insel hatte ihre Hebammen, und das Krankenhaus in Charlotte Amalie war erstklassig ausgestattet. Trotzdem wollte er lernen – und zwar von Alexis.

Er hatte die Schule vielleicht nicht immer so ernst genommen, wie Matthew es ihm geraten hatte, aber Marcus lernte gern, um sich zu verbessern …

„Du könntest Chirurg werden“, meinte Dawna.

Marcus blickte von seinen Unterlagen auf. „Warum? Ich bin gern Allgemeinmediziner. Da kann ich eine echte Beziehung zu meinen Patienten aufbauen.“

Dawna verdrehte die Augen. „Viel Geld verdienst du damit nicht.“

„Das ist mir egal. Geld ist nicht alles.“

„Du bist einfach hoffnungslos“, seufzte sie.

Marcus verscheuchte die Erinnerungen. Damals hatte er gedacht, dass Dawna ihn auf den Arm nehmen wollte, aber später wurde ihm klar, dass sie in Geldfragen nie ganz einer Meinung gewesen waren. Für Dawna war Geld tatsächlich sehr wichtig.

„Was gibt es zum Abendessen?“, fragte Alexis. „Kann ich etwas mitbringen?“

Die Frage kam unerwartet. Er hatte sie eingeladen, sich darüber hinaus jedoch keine weiteren Gedanken gemacht.

„Ich weiß nicht, vielleicht den Nachtisch, wenn Sie mögen?“

Alexis nickte. „Gern.“

„Okay.“

„Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet. Was essen wir?“

„Mögen Sie etwas Bestimmtes nicht? Oder sind Sie einfach nur wählerisch?“

Sie lächelte. „Nicht wählerisch, aber manches regt meine morgendliche Übelkeit an, und es gibt einige Dinge, die ich einfach im Moment nicht essen mag.“

Marcus lehnte sich gegen ihren Schreibtisch. „Zum Beispiel?“

„Tomaten. Vorher habe ich sie geliebt, und nun schüttelt’s mich, wenn ich nur an sie denke. Auch in Soßen, Ketchup und dergleichen.“

„Schade. Also keine Tomaten …“

„Und auch keinen Fisch, ob gegrillt oder als Sushi. Jetzt spinne ich, oder?“

„Nein, überhaupt nicht.“ Er lächelte sie an. „Ich denke, ich kann Ihnen etwas zaubern, das Ihnen schmeckt.“

„Darauf freue ich mich.“

Marcus stand auf. „Nun, ich bereite mich jetzt besser vor. Soll ich Sie vom Wohnheim abholen?“

„Das wäre schön.“

Marcus verließ das Zimmer unerwartet schwungvoll. Er freute sich tatsächlich auf das Abendessen. Eigentlich freute er sich immer auf Dates, aber das hier war etwas anderes, ohne dass er genau sagen könnte, warum.

Alexis war so anders als die Frauen, mit denen er sonst ausging. Frauen, an die er sich nicht binden mochte.

Als er daran dachte, wie sie in einer Notsituation umgehend handelte, und wie konzentriert sie während der unerwarteten Entbindung gewesen war, musste er lächeln. Vor Herausforderungen schreckte sie nicht zurück. Stattdessen war sie einfühlsam und zuwendend, und sie hatte sich völlig unter Kontrolle, als sie Verantwortung übernahm.

Und sie war intelligent.

Alles Eigenschaften, die er an einer Frau schätzte.

Sein Puls beschleunigte, als er an sie dachte, und alle seine alten Instinkte erwachten wieder.

Matthew hatte ihm immer vorgeworfen, ein Frauenheld zu sein, ein Vorwurf, über den Marcus sich lustig machte, aber vielleicht hatte sein Bruder doch recht. Die Gesellschaft von Frauen hatte er immer genossen, aber nur, wenn sie einen festen Abreisetermin hatten. Bei Alexis war das anders. Sie ging ihm nicht mehr aus dem Kopf.

Er dachte an ihr seidiges blondes Haar, ihre dunkelbraunen Augen und an den pfirsichfarbenen Schimmer auf ihren Wangen, wenn er sie zum Erröten brachte.

Sie ist schwanger, du Trottel.

Und das war der springende Punkt. Im sechsten Monat schwanger mit dem Kind eines anderen Mannes. Marcus wusste nicht, wie ihre Beziehung zum Vater des Kindes derzeit war. Vielleicht würde sie zu ihm zurückkehren, sobald sie ihre Greencard hatte.

Alexis gehörte ihm nicht.

Und würde auch nie ihm gehören.

Also musste er sich immer wieder sagen, dass diese Scheinehe nur eins war – eine reine Zweckehe.

Ein Vertrag.

Ein Stück Papier.

Nichts weiter.

In absehbarer Zeit würde er wieder geschieden sein. Oder besser gesagt, sie würden geschieden sein, und dann könnte er sein gewohntes Leben weiterleben.

Welches Leben?

Was hatte er schon für ein Leben? Es war längst nicht das, was er sich immer vorgestellt hatte.

Als er sich in Dawna verliebte, wollte er Kinder haben.

Ein Haus.

Eine Frau.

Verdammt, er könnte jetzt sogar ein Kind im selben Alter wie sein fünfzehnjähriges Patenkind haben.

Marcus fiel ihm ein, wie lange es her war, dass er diese Pläne geschmiedet hatte. Was hatte er in der Zwischenzeit aus seinem Leben gemacht?

Wenig, flüsterte eine innere Stimme.

Auf dem Heimweg kaufte Marcus die Zutaten für einen Salat, Knoblauchbrot und Fettuccine Alfredo.

Nachdem er geduscht, sich umgezogen und alles für das Abendessen vorbereitet hatte, stellte Marcus fest, dass er spät dran war. Er fluchte leise vor sich hin und sprang von Bord seines Bootes, das nach Tryphine, der Schutzpatronin schwangerer und übertragender Mütter, benannt war.

Er rannte den Steg hinunter und schwang sich in sein klappriges altes Auto. Meistens bevorzugte er das Boot, aber Marcus durfte immer noch nicht schwer heben, deswegen konnte er sein Boot nicht ohne fremde Hilfe segeln.

Es war eine kurze Fahrt zum Wohnheim, in dem die Hebammen lebten. Alexis wartete schon draußen auf ihn. Zum zweiten Mal an diesem Tag raubte sie ihm fast den Atem. Sie trug ein langes, geblümtes Kleid, dessen leichter Stoff in der Brise wehte, und ihr blondes Haar fiel in weichen Wellen auf ihre nackten Schultern.

Ein wenig erinnerte sie ihn an die betörende Venus auf dem Gemälde von Botticelli. Sein Puls ging schneller.

Marcus parkte den Wagen und stieg aus, um ihr die Tür zu öffnen. Sie errötete und strich sich eine verirrte Haarsträhne hinters Ohr, und er nahm einen Hauch von grünem Tee und Honig wahr. Er wollte sich vorbeugen, um den berauschenden Duft tiefer einzuatmen, aber er wusste, dass er sich zurückhalten musste.

„Danke.“ Ihre Stimme bebte leicht.

„Keine Ursache.“ Er schloss die Tür, ging zurück zur Fahrerseite und stieg ein.

„Wohin fahren wir?“, fragte sie.

„Sie stellen aber viele Fragen.“

„Nur, wenn ich nervös bin“, gab sie zu.

„Sind Sie denn nervös?“

„Ein bisschen schon. Ich kenne Sie ja gar nicht.“

„Ich beiße nicht. Zumindest nicht oft.“ Er grinste, und sie lachte.

„Okay. Fahren wir zu diesem geheimnisvollen Ort.“

„Nichts Geheimnisvolles. Ich habe Ihnen gesagt, ich würde für Sie kochen, deswegen fahren wir zu mir nach Hause. Ich wohne am Jachthafen, falls Sie jemandem sagen wollen, wo Sie sind.“

Sie lächelte. „Danke. Ich meine, wir kennen uns praktisch nicht. Ich weiß, dass Sie ein Freund von Chase und Pepper sind, aber mehr auch nicht. Ich muss mich schützen. Und wenn Sie sagen, dass Sie manchmal beißen …“

Marcus lachte. „Na gut. Und Sie haben recht. Wir kennen uns nicht. Wenn wir diese Heirat durchziehen wollen, müssen wir mehr voneinander wissen, für den Fall, dass uns jemand Fragen stellt’.“

Alexis lächelte und nickte. „Danke. Ich bin froh, dass Sie es so sehen wie ich.“

„Sie haben mir schon oft gedankt, und ich habe noch nicht einmal begonnen, meinen Charme zu versprühen.“ Er zwinkerte ihr zu.

Sie lachte leise. „Soll das eine Art Anmache sein?“

„Nein, nur die Wahrheit.“

„Junge, Junge, was sind wir eingebildet …“

Marcus sah erleichtert, dass sie lächelte. Sie machte sich über ihn lustig, und er musste lachen. Er war froh, dass sie jemand war, der einen Scherz vertrug, jemand, den er necken durfte.

Es würde ihre Ehe echter erscheinen lassen, weil sie so viel natürlicher wirken würde, wenn sie ein lockeres Verhältnis zueinander hätten.

„Tut mir leid, normalerweise treibe ich mit Fremden keine Scherze“, entschuldigte sie sich.

„Ich mag das. Inzwischen hat mein Bruder manchmal einiges auszuhalten.“

Sie hob ihre Augenbraue. „Inzwischen? War die Beziehung nicht immer so gut?“

„Nein“, gab Marcus zu.

In seiner Jugend gab es einen Punkt, von dem an Matthew es auf sich genommen hatte, ihn quasi zu erziehen, und das hatte Marcus ihm übelgenommen. Er wollte einen Bruder, keinen Vormund, aber Matthew war immer so ernst, so besorgt.

Am meisten frustrierte Marcus jedoch, dass niemand Matthew gezwungen hatte, diese Rolle zu übernehmen. Sie hatten Mutter und Vater – warum konnten sie nicht einfach Brüder sein, die füreinander da waren?

„Es tut mir leid, das zu hören“, sagte sie.

„Jetzt läuft es besser mit uns. Seit meiner Nierenspende sind wir uns nähergekommen. Es ist zwar immer noch ein bisschen schwierig, aber viel besser als früher, und dank seiner Frau Vic ist mein Bruder lockerer geworden.“

Alexis lächelte. „Ich hoffe, ich lerne sie kennen.“

„Ganz bestimmt.“ Was würde Matthew von der Situation halten? Würde sein Elterninstinkt einsetzen und ihre Beziehung wieder zurückwerfen? Sicher würde er ihm zusetzen, dass er sich auf ein so idiotisches Unterfangen wie eine Scheinehe einließ. „Haben Sie Geschwister?“, wechselte er das Thema.

„Nein. Ich bin Einzelkind.“

Sie ging nicht näher darauf ein, sondern presste nur die Lippen zusammen, als ob sie nicht mehr darüber reden wollte. Zwar mochte er sie im Moment nicht dazu drängen, aber irgendwann musste er etwas über ihre Familie erfahren, wenn er sich als ihr Ehemann ausgeben sollte. Er parkte das Auto auf seinem Parkplatz am Jachthafen, stellte den Motor ab, stieg aus und öffnete ihr wieder höflich die Tür. Sie wirkte verwirrt, während sie sich umsah.

„Hier leben Sie?“

„Ja. Auf einem Segelboot.“

„Auf einem Segelboot?“

„Nun, ich sagte, ich wohne im Jachthafen. Was hatten Sie erwartet?“

„Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich kenne niemanden, der auf einem Boot lebt.“

„Mit dem Boot besuche ich meine Patienten. Das heißt, wenn ich praktiziere. Allerdings hat mir meine Chirurgin noch nicht erlaubt, wieder zu arbeiten.“

„Ich hätte Sie mir nie als Bootstypen vorgestellt.“

Er neigte den Kopf zur Seite. „Und was genau ist ein Bootstyp?“

Alexis lachte nervös. „Keine Ahnung. Jemand, der eher gestreifte Sachen trägt, viel Marineblau und Weiß? Und er hat wahrscheinlich meistens Bootsschuhe an. Dazu vielleicht eine weiße Mütze?“

„Na, wenigstens sehen Sie eher den Skipper als einen Piraten in mir“, neckte er.

Sie lachte. „Also, wenn Ihr Bart ein bisschen struppiger wäre, hätten Sie mehr von einem Piraten. Auch ein goldener Ohrring würde sich gut machen …“

„Danke für die Tipps, aber ich denke, ich bleibe lieber der schlichte Skipper.“

Die Sonne ging unter, und die an den Masten aufgehängten Lichter flammten auf. Was vorher eine Ansammlung vertäuter Boote war, wirkte jetzt wie ein magischer Ort.

Marcus blieb vor der Tryphine stehen.

„Wunderschön“, sagte Alexis andächtig.

Er lächelte. Ja, selbst mit eingeholten Segeln war das Boot schön. Der Rumpf aus poliertem Holz schimmerte dunkelblau.

„Danke. Es wurde in den späten Siebzigern des letzten Jahrhunderts für meinen Vater gebaut, als es super in war, eine Segeljacht wie diese zu besitzen. Der Schiffbauingenieur entwarf Jachten für Weltreisen und Regatten, obwohl mein Vater beides nie gemacht hat.“

„Warum also eine Segeljacht wie diese?“

Marcus grinste. „Mein Vater liebt es, das Beste zu haben, aber er ist nicht seefest genug, um eine Jacht segeln zu können. Nach ein paar unerwarteten Badeabenteuern im Meer und dem Missgeschick mit einem Hai, schenkte er mir das Boot und schaffte sich eine Motorjacht an.“

Instinktiv streckte er die Hand aus, um Alexis an Bord zu helfen, und als sie ihre schmale, zarte Hand in seine legte, durchfuhr es ihn wie ein elektrischer Schlag.

Völlig überraschend.

Genauso erstaunlich war, dass er sie nicht wieder loslassen wollte.

„Hoffentlich erwartet mich drinnen keine Retro-Siebziger-Jahre-Einrichtung, mit zotteligen Flokatis und großen orangegelben und braunen Blumenmustern.“ Alexis lachte.

„Und wenn es so wäre?“

„Sieht es dort wirklich so aus?“, fragte sie verblüfft.

„Nein, ich habe alles entfernt und nach meinem Geschmack selbst umgebaut.“

Marcus half ihr hinunter in sein Zuhause. Die Tryphine war sein Baby. Seine Leidenschaft, seit er aus Kalifornien zurückgekommen war und sein Vater sie ihm geschenkt hatte.

Sein Bruder bekam das Luxusauto und Marcus das Boot. Es war ziemlich heruntergekommen und hatte schon seit einiger Zeit in Miami im Trockendock gelegen, aber das war Marcus egal. Er wollte – und musste – etwas tun, um sich von dem Schlag abzulenken, den Dawna ihm versetzt hatte.

Matthews verstorbene Frau Kirsten hatte ihn ebenfalls ermutigt, es zu renovieren.

Sie war sogar für die Auswahl der Farben verantwortlich gewesen, und es gefiel ihm, dass ein wenig von seiner geliebten ersten Schwägerin daran zu sehen war.

Der Name, den sie dem Boot gegeben hatte, war ihr eigentliches Vermächtnis.

„Wie soll ich sie nennen? Ich will wirklich kein Boot, das nach meiner Mutter benannt ist“, erklärte Marcus.

Matthew verdrehte die Augen. „An Freja ist doch nichts auszusetzen.“

Kirsten tadelte ihn. „Sei nicht so gemein zu deinem Bruder. Er hat völlig recht, dass dies jetzt sein Boot ist, und er sich den Namen aussuchen darf.“

„Magst du etwa meine Mutter nicht?“, stichelte er.

„Du weißt, dass ich sie gernhabe“, sagte Kirsten sanft. „Trotzdem sollte ein unverheirateter Mann kein Boot nach seiner Mutter benennen müssen.“

Marcus streckte Matthew die Zunge heraus und lachte.

„Sei nicht so kindisch, Marcus“, knurrte Matthew und versuchte, nicht ebenfalls zu lachen.

„Und du sei nicht so ein Spielverderber, Matthew“, konterte Marcus. „Kirsten, da du immer so lieb und nett zu mir bist, möchte ich, dass du ihr einen Namen gibst.“

Kirsten lächelte. „Wie wäre es mit Tryphine?“

„Was?“, fragte Matthew verwirrt.

„Die Schutzpatronin der kranken Kinder, glaube ich“, sagte Marcus.

„Und der überfälligen Mütter“, setzte Kirsten leise hinzu. „Und welche, die nie Mutter werden können …“

Marcus und Matthew tauschten einen kurzen Blick. Marcus wusste, wie sehr sich Kirsten ein Kind wünschte, und mit dem Krebs war das unmöglich.

„Dann also Tryphine!“, verkündete Marcus. „Sie wird die einzige in der Karibik sein, da bin ich mir sicher.“

Bei der Erinnerung daran musste er lächeln.

„Alles in Ordnung?“, unterbrach Alexis seine Gedanken.

„Ja, alles bestens, ich hatte nur an etwas gedacht. Setzen Sie sich doch. Ich hole Ihnen ein Glas Limonade.“

Sie lächelte. „Danke.“

Marcus ging in die Kombüse, während Alexis es sich an dem Tisch unter den Fenstern am Heck bequem machte. Er schloss die kleine Falttür zur ...

Autor

Amy Ruttan
Amy Ruttan ist am Stadtrand von Toronto in Kanada aufgewachsen. Sich in einen Jungen vom Land zu verlieben, war für sie aber Grund genug, der großen Stadt den Rücken zu kehren. Sie heiratete ihn und gemeinsam gründeten die beiden eine Familie, inzwischen haben sie drei wundervolle Kinder. Trotzdem hat Amy...
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Alison wurde in Dunedin, Neuseeland, geboren. Doch die Schule besuchte sie in London, weil ihr Vater, ein Arzt, aus beruflichen Gründen nach England ging. Später zogen sie nach Washington. Nach längerer Zeit im Ausland kehrte die Familie zurück nach Dunedin, wo Alison dann zur Grundschullehrerin ausgebildet wurde.
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