Julia Best of Band 305

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HEUTE NACHT RISKIER ICH ALLES …

Ihren letzten Cent setzt Marianne ein, um Oz zu ersteigern. Dieser sexy Rebell in Leder ist genau der richtige Mann für ihr neues Leben – wild und frei! Doch dann holt Marianne überraschend die Vergangenheit ein …

SÜSS SCHMECKT DIE LIEBE

One-Night-Stands sind nicht Joannas Ding. Umso verwirrender, dass sie schon nach kürzester Zeit leidenschaftliche Stunden mit Bruno Deluca genießt! Wird sie den attraktiven Fremden wiedersehen? Joanna ist verunsichert – da hilft das Schicksal ihrem Glück auf die Sprünge …

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Gleich das erste Date mit dem gut aussehenden Jay endet besser, als Jane es sich erträumt hat: in seinem Bett! Dieser Mann ist nicht nur die pure Versuchung, er scheint auch ihre erotischen Fantasien zu kennen – die sie bis jetzt nur ihrem E-Mail-Freund Jonny verraten hat …


  • Erscheinungstag 06.06.2026
  • Bandnummer 305
  • ISBN / Artikelnummer 9783751541053
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Julie Cohen

JULIA BEST OF BAND 305

Julie Cohen

1. KAPITEL

„Also gut, mal sehen, ob ich das hinkriege. Erst Tequila, dann Salz …“ Marianne hielt den Behälter mit Salz über den Cocktailshaker.

„Um Himmels willen, nein!“ Warren hechtete über die Bar, um ihre Hand zu packen. „Das Salz nicht in die Margarita streuen! Es gehört auf den Glasrand!“

Nichtsdestotrotz landete wegen der ruckartigen Bewegung eine großzügige Prise Salz in dem Aluminiumbecher. Betrübt starrte Marianne hinein, dann schüttelte sie den Kopf und lächelte.

„Vielleicht schmeckt salziger Tequila ja auch gut.“ Sie nippte vorsichtig an dem Becher und verzog prompt das Gesicht. „Oh ja, das ist eine ganz neue Erfahrung.“

Warren lachte. „Schätzchen, du brauchst noch reichlich Training, bevor ein anständiger Barkeeper aus dir wird.“

Marianne schüttete den missglückten Drink in den Ausguss und spülte den Becher aus. „Sei nicht so unleidlich, Warren. Schließlich habe ich gestern erst angefangen. Ich versuch’s eben noch mal.“ Sie maß Tequila ab und goss ihn in den Becher. „Okay, kein Salz. Was kommt als Nächstes?“

Ihr Cousin lehnte sich mit der Hüfte an den Tresen, für den Moment offenbar beruhigt, dass Marianne nicht seinen gesamten Spirituosenvorrat verschwenden würde. „Triple sec. Aber nur einen Schuss.“

Es dauerte mehrere Minuten, bevor Marianne die Flasche Orangenlikör in dem Regal gefunden hatte. Unsicher hielt sie den Flaschenhals über den Shaker. Der Verschluss fiel ab, und ein wahrer Wasserfall von Likör ergoss sich in den Tequila.

„Marianne!“

Warrens Miene bot ein Bild der Verzweiflung. Marianne hielt sich den Bauch und lachte, bis ihr die Tränen kamen.

„Also ehrlich! Du …“ Er schnappte nach Luft. „Nur gut, dass ich weiß, dass du an einer der renommiertesten Universitäten des Landes studiert hast, Cousinchen. Sonst müsste man angesichts deiner kläglich fehlgeschlagenen Versuche, eine Margarita zu mixen, meinen, du seist schlichtweg beschränkt.“

„In Wirtschaftsseminaren lernt man eben nicht, wie man Drinks mixt.“ Sie steckte sich die dunklen Strähnen hinters Ohr, die sich aus ihrem Pferdeschwanz gelöst hatten.

„Das merkt man.“ Er nahm ihr den Shaker ab und schnupperte daran. „Vermutlich hast du im Studium auch nicht viele Partys gefeiert? Ganz das brave Mädchen, oder?“

„Deshalb muss ich jetzt alles nachholen.“ Übermütig grinste sie ihren Cousin an.

Diesmal goss Warren den Behälter aus und blickte Marianne dann direkt in die Augen. „Schätzchen, du kannst so viel von meinem Tequila vergeuden, wie du willst, das weißt du. Aber ich muss ehrlich sagen, ich war überrascht, dich hier zu sehen.“

Marianne schenkte sich ein Glas Mineralwasser ein. Sie fragte sich, wie viel sie ihrem Cousin erzählen sollte.

„Du hast doch alles daheim in Webb“, fuhr er fort. „Du bist so was wie die Prinzessin dort. Schulsprecherin bei der Abschlussfeier, Webb County Cotton Queen, genau wie deine Frau Mama … Wie oft? Zwei Jahre hintereinander?“

„Drei.“

„Drei also. Du bist hübscher, als ich dich in Erinnerung hatte, die bestaussehende Verlobte des Staates, wie ich gehört habe. Ganz Webb liegt dir zu Füßen … ach was, gesamt South Carolina! Wieso kommst du nach Maine und willst plötzlich lernen, wie man Margaritas macht?“

Marianne seufzte. „Ich bin’s leid, Marianne Webb zu sein.“

Und Marianne Webb war nicht immer einfach gewesen. Doch sie redete nicht darüber, wie der Druck, perfekt zu sein, sie zu Essstörungen getrieben hatte. Das Kapitel war vorbei. Endgültig.

„Ich wollte einfach mal niemand sein, Warren. Eine unbekannte Barkeeperin in einer fremden Stadt.“ Sie trank das Wasser auf einen Zug und stellte das Glas lautstark ab. „Und ich will endlich Spaß haben. Ich will mich austoben und tanzen und mir nicht ständig Gedanken machen müssen, was die Leute wohl sagen könnten. Ich will Nächte durchmachen und mir den Sonnenaufgang ansehen und dann schlafen bis Mittag. Ich will nackt schwimmen und zu schnell fahren und mich mit unpassenden Männern einlassen. Vor allem Letzteres.“

„Aha. Dann ist die Verlobung mit Mr. Perfekt geplatzt, nehme ich an?“

Sie ließ ein hartes, trockenes Lachen hören. „Das kann man wohl sagen.“

„Was ist passiert? Ich dachte, ihr beide wärt wie Barbie und Ken?“

Ken war eigentlich eine passende Beschreibung für Jason: Eine perfekte, leblose Puppe mit einem aufgemalten Lächeln. „Jason war stolz darauf, mit der ehemaligen Schönheitskönigin von Webb zusammen zu sein. Noch toller fand er es, dass mein Daddy der reichste Mann der Stadt ist. Und war er begeistert davon, dass wir beide ein so schönes Paar abgaben. Er liebte auch die Aussicht auf die schönen Kinder, die wir zusammen haben würden. Nur mich, mich liebte er nicht.“

„Das tut mir so leid für dich, Schätzchen. Ich hatte wirklich für dich gehofft, du hättest den Richtigen gefunden.“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe ihn auch nicht wirklich geliebt. Ich dachte nur, er wäre der Typ Mann, den ich heiraten müsste, weil er so perfekt war. Deshalb sitze ich jetzt auch nicht mit gebrochenem Herzen hier und muss auch nicht getröstet werden. Ich will einfach nur für eine Weile das Leben genießen.“

„Was du mir also damit sagen willst, ist, dass die biedere Marianne Webb vor zwei Tagen ihre Koffer gepackt hat und losgezogen ist, um eine kesse Draufgängerin zu werden.“

„Genau.“

„Glückwunsch, dafür hast du den richtigen Zeitpunkt gewählt, denn in knapp zwei Stunden werden hier eine Menge ungebundener Männer auftauchen. Hier in der Bar findet nämlich heute Abend eine Junggesellenauktion statt, selbstverständlich für einen guten Zweck.“

„Das klingt super.“ Marianne lächelte. Sie konnte nicht sagen, ob es ein draufgängerisches Lächeln war, auf jeden Fall fühlte es sich so an. „Bietest du mit?“

Warren schüttelte den Kopf. „Die Jungs sind alle hetero. Zu schade aber auch. Nun, ich will mich nicht beschweren. Die Bar wird zum Bersten voll sein. An deinem ersten Abend kannst du Gläser einsammeln, okay? Ein Gefühl für den Ablauf bekommen …“

„Ich kann auch hinter der Bar arbeiten.“ Sie schnappte sich die halb leere Flasche Triple sec, versteckte sie hinter dem Rücken und strahlte Warren an.

„Schätzchen, du kannst alles, wenn du es dir vornimmst. Aber heute Abend bleibt es beim Gläsereinsammeln. Gewöhn dich erst einmal an den Betrieb. Und lass das Schnapsregal vorerst in Ruhe.“ Er blinzelte ihr zu. „Vielleicht siehst du ja einen Junggesellen, für den du bieten willst.“

„Für was bietet man eigentlich? Für eine Verabredung?“

„Offiziell ja. Wenn das Geld erst bezahlt ist, dann können du und dein Junggeselle die Regeln selbst bestimmen, wie es weitergehen soll.“ Das Telefon klingelte, und Warren nahm den Anruf entgegen.

Die Regeln selbst bestimmen. Nach Jahren, in denen andere die Regeln für sie gemacht hatten, hörte sich das genau nach dem an, was sie suchte.

Eine kesse Draufgängerin brauchte einen forschen Draufgänger. Verwegen, feurig und verboten sexy. Jemand, der nur nach seinen eigenen Regeln lebte.

Marianne verzog spöttisch das Gesicht. Als ob sie wüsste, wie Draufgänger zu sein hatten!

„Ich kanns immer noch nicht glauben, dass ich mich tatsächlich habe überreden lassen, meinen Körper auf einem öffentlichen Fleischmarkt zu verkaufen.“

Oz stand in Jacks Wohnzimmer und betrachtete sein Konterfei im Spiegel. Er trug genug Leder am Körper, um ein Sofa zu beziehen. Gut, die Jacke gehörte ihm, und die war ja auch in Ordnung. Die Stiefel mit den Nieten und Kettchen mochten auch manchen Leuten gefallen.

Leuten aus der Sado-Maso-Szene.

Was nun das Stück zwischen Jacke und Stiefeln anging …

Chaps!

Schwarzes Leder, knapp über der Hüfte mit einem Gürtel zusammengehalten. Dazu ein schwarzes T-Shirt mit Harley Davidson-Aufdruck.

„Ich finde diese Chaps übertrieben“, meinte Oz.

„Die sind perfekt“, versicherte Jack. „Die Mädels stehen auf so was.“

„Na, du bist der Experte!“

„Dieser Tage bin ich nur noch Experte für Kitty“, erklärte Jack. „Sie wird dir bestätigen, dass ich recht habe.“ Er trat einen Schritt zurück und musterte Oz nachdenklich. „Noch besser wäre es, wenn du Jacke und T-Shirt weglässt.“

„Kommt nicht infrage! Es gibt Grenzen. Ich habe nicht neun Jahre Universität hinter mich gebracht, um dann halb nackt auf einer Bühne zu tanzen.“

„He, reg dich wieder ab. Ich werde dich schon nicht zwingen, halb nackt auf der Junggesellenauktion zu erscheinen. Obwohl dann wahrscheinlich sehr viel mehr Geld für das Jugendzentrum zusammenkommen würde. Ich würde ja selbst mitmachen, wenn ich nicht glücklich verheiratet wäre. Gib mir noch mal das T-Shirt.“

Mit einem Seufzer schüttelte Oz die Jacke ab und zog sich das T-Shirt über den Kopf. „Das wird nicht funktionieren. Mir nimmt doch niemand ab, dass ich Chaps trage.“

„Natürlich nicht. Portland ist eine kleine Stadt. Die meisten Frauen hier aus der Gegend wissen, dass du Dr. Oscar Strummer bist, praktizierender Psychologe, Universitätsprofessor – und eben begehrter Junggeselle. Du regst nur ihre Fantasie ein bisschen an.“ Mit einem Ruck riss Jack die Ärmel von dem T-Shirt und verwandelte es damit in ein lässiges Muskelshirt. „Perfekt! So wirkst du wie eine Mischung aus Oz, coolem Biker und Rowdy. Ich sag’s dir, die werden sich beim Bieten überschlagen. Jede Frau wünscht sich doch jemanden, der intelligent und verantwortungsbewusst ist, aber auch mal kräftig über die Stränge schlägt.“

Oz steckte gerade die Arme durch die zerfetzten Armlöcher.

„Wow!“

Die Stimme kam von der Tür her und gehörte Kitty, Jacks Frau. Sie schüttelte die roten Locken zurück und starrte Oz an.

Er sah an sich herunter. Tja, die Chaps waren immer noch da. „Gefällt dir dieser Aufzug etwa?“

Kitty nickte wild. „Du siehst umwerfend aus. Also, ich würde für dich bieten.“

„Da hast du’s!“, triumphierte Jack. „Ich hab dir doch gesagt, die Mädels mögen das.“ Er legte seiner Frau den Arm um die Schultern und zog sie an sich. „Dass du mir aber nicht zu hingerissen von Oz bist, Darling.“

Kitty schmiegte sich enger an ihn und drückte einen Kuss auf seine Wange. „Du solltest dir auch so eine Lederhose anschaffen, Jack. Der Easy Rider-Look würde dir gut stehen.“

Oz wandte den Blick von seinen verliebten Freunden und betrachtete sich im Spiegel. Er versuchte, das wirre blonde Haar in Ordnung zu bringen, vergeblich. Wie immer.

Du bist zu reif und ausgeglichen, um neidisch auf deinen besten Freund zu sein.

Jack Taylor, der niemals heiraten wollte, hatte seine Traumfrau getroffen. Und Oscar Strummer, der sich schon immer nach einer glücklichen Ehe und nach jemandem, der zu ihm gehörte, sehnte, hatte bisher noch niemanden kennengelernt, der auch nur annähernd dieser Vorstellung entsprach.

„Man sollte annehmen, ein Doktor in Psychologie müsste seine eigene Psyche unter Kontrolle haben“, murmelte er seinem Spiegelbild zu.

„Vergiss den Doktor.“ Jack trat hinter ihn und schlug ihm jovial auf die Schulter. „Heute Abend bist du das Sexobjekt für Dutzende von Frauen, vielleicht Hunderte. Entspann dich und genieße es.“

„Aber erst gibst du mir noch deinen Arm.“ Kitty zog an seinem Handgelenk. „Es tut auch nicht weh, Ehrenwort.“ Sie hielt eine Folie und einen nassen Schwamm in der Hand.

„Was ist das? Ein temporäres Tattoo?“ Er gewöhnte sich wohl besser daran, dass er heute Abend wie ein Mitglied der Hell’s Angels aussehen würde.

„Genau. Das ist das i-Tüpfelchen.“ Kitty drückte die Folie auf Oz’ Arm und fuhr mit dem feuchten Schwamm darüber.

„Das letzte Mal, als ich solche Abziehbilder benutzt habe, war ich noch auf der High School. Wir wollten älter wirken, damit wir Bier kaufen konnten.“

Kitty konzentrierte sich ganz auf ihre Aufgabe. „Und? Hat es funktioniert?“

„Keine Chance. Ich war sechzehn und sah aus wie zwölf, selbst mit Tattoo.“ Oz lachte laut auf. „Ich muss wohl der linkischste Teenager der Portland High gewesen sein.“

„Nun …“ Kitty zog vorsichtig die Folie ab und begutachtete ihre Arbeit. Jetzt prangte ein Schwert auf Oz’ Bizeps, um das sich eine Schlange wand.

Eindeutige Phallussymbole. Diskretion konnte man Jack und Kitty nun wirklich nicht nachsagen.

„Jetzt bist du auf jeden Fall nicht mehr linkisch.“ Sie grinste ihn an. „Und wie zwölf siehst du auch nicht mehr aus. Wie groß bist du? Eins neunzig?“

„Mit diesen Stiefeln … eher eins fünfundneunzig.“

„Du wirst dich großartig auf dem Motorrad machen“, sagte Kitty.

Oz kniff die Augen zusammen. „Welches Motorrad?“

Jetzt grinste auch Jack. „Komm mit nach draußen, mein lederumhüllter Freund.“

Die beiden hatten doch nicht etwa …? Oz folgte seinen Freunden.

Doch, sie hatten!

Vor dem Haus parkte eine chromblitzende Harley Davidson. Für einen Moment erlaubte Oz es sich, in seiner Vorstellung das sonore Brummen der Maschine zu hören, das machtvolle Vibrieren unter seinen Händen zu fühlen, den Wind in den Haaren …

Dann kehrten Wirklichkeit und Verantwortungsbewusstsein zurück. Er war ein angesehener Arzt und Dozent an der hiesigen Universität.

„Ich fahre keine Harley“, sagte er. „Seit acht Jahren habe ich nicht mehr auf einem Motorrad gesessen.“

„Keine Angst, das ist wie Fahrrad fahren. Das verlernt man nie.“ Kitty ging zu der Maschine und strich mit den Fingern zärtlich über den Chrom. „Sie ist wunderschön, nicht wahr? Mein Bruder Nick hat sie uns fürs Wochenende geliehen. Sie ist sein ganzer Stolz. Und sie ist schnell.“

Langsam dämmerte es Oz. Für einen eigentlich intelligenten Menschen konnte er manchmal ziemlich begriffsstutzig zu sein. Er drehte sich zu Jack. „Du hast das lange geplant, oder?“

„Es ist nur zu deinem Besten, Oz“, erklärte Jack ausweichend. „Du brauchst eine Frau in deinem Leben. Meinst du, mir wäre nicht aufgefallen, dass du seit fast einem Jahr mit niemandem mehr ausgegangen bist?“

Oscar schluckte. „Meine neunzehnjährige Schwester hat bei mir gelebt. Und seit sie ausgezogen ist, hatte ich noch keine Zeit für Verabredungen. Die Vorlesungen und meine Patienten …“

Kitty legte die Hand auf seinen Arm. „Genau das ist das Problem, Oz. Du arbeitest zu viel.“

Natürlich arbeitete er viel. Es war die klassische Ersatzhandlung. Wenn ein Teil im Leben zu kurz kam, richtete man seine gesamte Energie eben auf einen anderen, um sich dort seine Erfolgserlebnisse zu holen. Beziehungen waren nicht existent. Arbeit befriedigte.

Er war sich bewusst, dass er genau das tat. Er kannte auch den Grund. Nur half dieses Wissen ihm nicht, etwas daran zu ändern.

Jack stieß ihn leicht mit dem Ellbogen an. „Komm schon, wir wollen doch nur, dass du ein bisschen Spaß hast. Eine von diesen Frauen wird gutes Geld bezahlen, um eine Verabredung mit dir zu ergattern. Gutes Geld für einen guten Zweck. Vielleicht werden mehrere Verabredungen daraus …“, er senkte seine Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern, „… und vielleicht sogar Sex.“

Oz sah von Jack zu Kitty, sah deren Anteilnahme. Dann schaute er auf die Harley.

Freiheit auf zwei Rädern.

Es war keine Lösung für seine Probleme, doch es würde ihn für ein paar Stunden von ihnen ablenken.

Die Bar platzte aus allen Nähten.

Marianne bahnte sich einen Weg zurück zum Tresen und stellte das Tablett mit den leeren Gläsern ab, um sich dann den Schweiß von der Stirn zu wischen. Sie trug nur eine leichte Baumwollbluse, Jeans und offene Sandaletten, trotzdem war es unerträglich heiß. Scheinbar hielt man in Maine nichts davon, im Oktober die Klimaanlage einzuschalten.

Aber, Mann, hier herrschte Bombenstimmung!

Ein halbes Dutzend Junggesellen war bereits ersteigert worden. Soweit Marianne mitbekommen hatte, ein Anwalt, ein Hummerfischer, ein Vertreter, ein Mechaniker, ein Lehrer und ein Elektriker.

Jeder von ihnen war unter donnerndem Applaus und lauter Musik auf die Bühne gekommen und dort oben herumstolziert, während die Leiterin des Jugendzentrums, eine resolute Frau in den Fünfzigern, vor dem Mikro Name, Beruf, Alter und andere unerlässliche Daten über den jeweiligen Junggesellen verkündete.

Einige waren ganz süß, aber die meisten eher durchschnittlich, was aber völlig okay war. Hier ging es schließlich nicht um eine Star-Auktion. Heute Abend war das Aussehen der Männer nicht wichtig. Heute war jeder Junggeselle begehrt.

Die Frauen im Publikum johlten bei jedem Auftritt. Applaus, Lachen, anerkennende Pfiffe und dann das lautstarke Bieten. Es hatte weder etwas Kultiviertes noch Manierliches an sich, geschweige denn Dezentes.

Dafür war es ein Riesenspaß und herrlich aufregend.

Marianne schlüpfte hinter den Tresen und goss sich ein Glas Wasser ein. Gestern war sie zum ersten Mal in Warrens Bar gekommen, aber es sah genauso aus, wie sie sich vorgestellt hatte. Schon als Kind hatte ihr Cousin alles Mögliche gesammelt – Gartendekorationen, seltsame geformte Tonkrüge, Kitsch und Kunst. Folglich war auch seine Bar voll gestopft mit Tand und Tinnef und Erinnerungsstücken aus seiner Zeit als DJ in New York.

Ein neuer Song für den nächsten Junggesellen dröhnte aus den Lautsprechern. Born to be Wild, Marianne erkannte den Song sofort. Das perfekte Lied für ihre Stimmung. Ein Lächeln auf den Lippen, schaute sie zur Bühne, um sich den nächsten Mann anzusehen. Aber … Da war niemand.

Erwartungsvolles Schweigen senkte sich über den Raum, nur die Gitarren des Songs waren zu hören und der Bass, den Marianne wie einen zweiten Puls in ihrer Brust spürte.

Dann heulte ein Motor auf. Röhrend brauste ein schweres Motorrad auf die Bühne, ein Blitz in Silber und Rot. Doch Marianne hatte nur Augen für den Fahrer.

Er war groß und stark und muskulös. Das ärmellose T-Shirt gab den Blick auf seinen Bizeps frei. Auf der golden gebräunten Haut prangte ein Tattoo, allerdings konnte sie von hier aus nicht erkennen, was es war. Aber seine Hände schienen groß genug zu sein, um ihre Taille zu umspannen.

Allein bei dem Gedanken wurde ihr Mund plötzlich trocken.

Er war blond. Dunkelblond mit von der Sonne gebleichten weißblonden Strähnen. Lang war sein Haar nicht, nicht für einen Biker. Aber es war wirr und zerzaust. So als würde der Wind darin wohnen.

„Nach diesem Auftritt muss ich Oz wohl nicht mehr vorstellen, Ladies, oder?“, sagte die Auktionatorin ins Mikro. „Also, wer will für unseren Bikerboy bieten? Höre ich achtzig Dollar?“

Arme wurden in die Höhe gerissen, ein ganzes Meer. Und der Biker lächelte. Er hatte einen wunderbaren Mund, volle Lippen, gerade weiße Zähne, er sah aus, als würde er oft und gerne lachen.

„Grundgütiger, siehst du gut aus“, murmelte Marianne vor sich hin.

„Hundert Dollar von der Dame in Blau. Einhundertzwanzig von der Lady bei der Jukebox. Höre ich irgendwo hundertfünfzig?“

Oz hieß er also, das hatte die Moderatorin gesagt. Oz war ein guter Name für einen Biker. Ein Zauberer auf einem Motorrad.

War er auch ein Zauberer im Bett?

Marianne schnappte nach Luft.

Das waren hundert Prozent Mann, von den blonden Haarspitzen bis zu den schweren Lederstiefeln.

Gefährlich.

„Zweihundertfünfzig Dollar, Mädels. Das ist das höchste Gebot heute Abend. Höre ich dreihundert? Ist für einen guten Zweck – und für ein Date mit Oz. Also, wer bietet dreihundert?“

Marianne stützte die Hände auf den Tresen, stemmte sich hinauf und kniete sich auf das polierte Holz, um einen besseren Blick zu haben.

Da, endlich. Jetzt konnte sie auch das Tattoo erkennen. Ein Schwert mit Schlange. Und er trug keine Lederhose, sondern Chaps. Der Kontrast zwischen der ausgewaschenen Jeans, die er darunter anhatte, und dem schwarzen Leder zog den Blick automatisch auf den Schritt.

Dieser Mann würde nicht höflich sein. Er würde sich keinen Deut um Regeln scheren. Er würde genau das tun, was er wollte, und auf die Konsequenzen pfeifen.

Dieser Mann war der böseste Bube, dem sie in ihrem ganzen Leben begegnet war.

Er hatte sie bemerkt, wie sie da auf der Theke kniete und zu ihm hinüberstarrte. Er lächelte ihr zu und drehte am Gas, ließ die Maschine aufheulen.

Sein Lächeln jagte einen Stromschlag durch ihren ganzen Körper. In dem Moment wusste Marianne, dieser Mann war genau der Grund, weshalb sie von zu Hause weggegangen war.

Sie stellte sich auf die Bar und schwenkte die Arme durch die Luft, damit auch wirklich jeder sie sehen konnte.

„Dreitausend Dollar!“, rief sie über die Köpfe der Menge hinweg, und dann sprang sie von der Theke, um sich zur Bühne vorzuarbeiten und ihren Mann abzuholen.

2. KAPITEL

Ihr war heiß! Nur konnte sie nicht sagen, ob es an der Temperatur in der Bar lag oder einfach an der Präsenz des unglaublich erotischen Mannes, den sie gerade ersteigert hatte.

Begleitet von donnerndem Applaus kämpfte Marianne sich durch den Raum. Einige der Frauen schüttelten ihr die Hand und beglückwünschten sie. Sie merkte es kaum, sie war zu beschäftigt damit zuzuschauen, wie ihr böser Bube sich von der Maschine schwang und lässig an den Rand der Bühne schlenderte, um sie in Empfang zu nehmen. Mit einem umwerfenden Lächeln auf dem Gesicht.

So hoch war das Podium gar nicht, doch da oben wirkte er wie ein Riese. Er beugte sich vor und streckte den Arm nach unten, um Marianne auf die Bühne zu ziehen. Ihr Herz setzte einen Schlag lang aus, als er ihre Hand fasste, um ihr nach oben zu helfen. Sie landete auf den Füßen neben ihm, ihre Hand noch immer in seiner.

„Hi“, sagte er. Seine Stimme klang tief und warm, begleitet von diesem glorreichen Lächeln. „Ich bin Oz.“

„Hi. Ich heiße Marianne.“

Er drückte ihre Hand. „Der Applaus gilt dir, Marianne.“

„Tatsächlich?“ Sie konnte den Blick nicht von seinem Gesicht losreißen.

„Ja.“ Schwungvoll hob Oz sie auf seine Arme, und instinktiv klammerte sie sich an seinem Hals fest, ihre Wange ganz nah an seiner bloßen Schulter. „Wink ihnen zu.“

Viel lieber hätte sie mit der Zunge seine Haut geschmeckt. Er war frisch rasiert und roch nach Aftershave und Zahnpasta, was sie überraschte. Gleich darauf wunderte sie sich über sich selbst. Warum sollten Biker sich nicht rasieren und die Zähne putzen?

„Warum applaudieren eigentlich alle?“, fragte sie. Nicht, weil es sie interessierte, sondern weil seine Nähe ihren Verstand benebelte.

„Du hast da auf der Bar gestanden und das Zehnfache des geforderten Preises geboten“, antwortete er. „Ich denke, sie sind alle beeindruckt.“

„Du auch?“

Er sah sie an. Grünbraune Augen, dachte sie benommen. Das hatte sie auch nicht erwartet. Sie hatte mit glühendem Schwarz gerechnet, oder mit Stahlblau.

„Ich bin sogar sehr beeindruckt“, sagte er.

Grundgütiger, wie sehr sie diesen Mann küssen wollte! Dabei kannte sie ihn noch keine fünf Minuten. Nein, sie kannte ihn überhaupt nicht. Trotzdem wollte sie ihn küssen, so sehr, dass sie sich auf die Lippe beißen musste, um es nicht zu tun.

Dafür tat er es.

Seine Lippen waren fest und warm und fühlten sich richtig und gut an. Mariannes Lider schlossen sich wie von allein, ihre Umarmung wurde fester. Der Kuss dauerte und dauerte, und als Oz endlich den Mund von ihrem löste, da hörte sie einen Seufzer tief in seiner Kehle. Einen Seufzer, der Verlangen und Leidenschaft ausdrückte.

Ihr Herz machte einen Sprung, das Blut pulsierte wie wild durch ihre Adern, und in ihrem Kopf hallten tausend Stimmen nach. „Ja!“

Doch die Stimmen waren nicht nur in ihrem Kopf. Denn im selben Moment brach die gesamte Bar in tosenden Jubel aus.

Er hatte soeben eine wildfremde Frau auf seine Arme gehoben und vor einem Raum voll applaudierender Frauen geküsst.

Es war das Beste, was er seit Langem erlebt hatte! Besser sogar noch als die Fahrt auf der Harley, und das wollte etwas heißen.

Diese Frau hier hängte die großartige Maschine meilenweit ab.

Sie war schön. Schlank, endlose Beine, strahlend blaue Augen, dunkelbraunes Haar, von dem sich Strähnen aus dem Pferdeschwanz gelöst hatten und nun schimmernd ihr Gesicht umrahmten. Ihre Jeans betonten perfekt ihre Kurven und Beine, und das weiße Top schmiegte sich um ihre hohen festen Brüste und ließ den graziösen Hals und ein wenig der runden Schultern frei. Als Oz den Kopf beugte, erhaschte er einen Blick auf Spitze unter dem Top. Ihm stockte der Atem.

Sie war ihm schon aufgefallen, als sie sich auf den Tresen gekniet hatte, schließlich war sie schön genug, um Model oder Schauspielerin zu sein, bewegte sich mit der Grazie einer Tänzerin. Doch was ihn wirklich an ihr fasziniert hatte, war ihre Haut. Makellos, schimmernd und irgendwie … rein.

Jetzt, da sie in seinen Armen lag, konnte er ihren Duft wahrnehmen. Frisch, weiblich. Er sog tief die Luft ein, schnupperte und hatte das Gefühl, sie wieder zu küssen.

Dieses wunderbare Wesen hatte dreitausend Dollar hingelegt für ihn? Als er sie küsste, da hatte sie ihn zurückgeküsst. Mehr als das. Sie hatte die Arme fester um ihn geschlungen und sich an ihn geschmiegt.

„Ich bin ein wenig überrumpelt“, meinte er leise.

„Ich bin völlig überrumpelt“, lautete ihre Erwiderung.

Sie lächelte ihn an. Zwei perfekte Grübchen zeigten sich auf ihren perfekten Wangen.

Der unsinnige Impuls schoss in ihm hoch, sie erneut zu küssen, vor aller Augen. Und noch ein anderer Impuls machte sich bemerkbar.

Verdammt. Er stand auf einer Bühne, vor hundert Frauen, er hielt eine Fremde auf den Armen – und war sichtbar erregt.

Oz drehte sich um und ging zur Harley zurück. Behutsam ließ er Marianne auf den Sitz gleiten, dann schwang er sich vor ihr auf die Maschine und lenkte das Motorrad vorsichtig von der Bühne. Tosender Jubel folgte ihnen.

Eine Doppeltür bildete den Seiteneingang, der auf den Parkplatz führte. Oz fühlte die kühle Nachtluft auf Gesicht und Armen, als sie zum Gebäude hinausrollten.

Auf die Hitze in seinen Adern und Lenden jedoch schien sie keine Wirkung zu haben. Es war unmöglich, dass er noch immer Mariannes Duft wahrnahm, sie saß hinter ihm, und der Wind blies ihm ins Gesicht. Er hätte schwören mögen, dass er ihre Haut dennoch riechen konnte.

Ein kurzfristiger Anfall von Wahnsinn? Eine Fehlfunktion des Geruchssinns?

Oz schüttelte den Kopf. Was sollte das? Er hatte kaum ein Dutzend Worte mit dieser Frau gewechselt.

Gekonnt stellte er den Motor ab, kickte die Stellbügel aus, streckte seine Hand aus, um Marianne beim Absteigen zu helfen. Ihre Hand fühlte sich winzig an in seiner.

Hier draußen war es still, der Parkplatz nur von einer einzelnen Laterne beleuchtet. Oz war sich extrem bewusst, dass er noch immer ziemlich erregt war und zudem nicht die geringste Ahnung hatte, was er sagen sollte.

„Nett, dich kennenzulernen, Marianne.“

Erbärmlich. Man sollte nicht annehmen, dass er sein Geld mit Reden verdiente.

„Ich freue mich auch sehr, dich kennenzulernen, Oz.“ Wieder diese Grübchen und auch der leicht schleppende Akzent, der ihm vorhin schon aufgefallen war.

„Du bist nicht von hier, oder?“

„Ich bin gestern erst angekommen. Woher wusstest du das?“

„Dein Akzent. Du hörst dich an wie Scarlett O’Hara.“

Sie ähnelte ihr auch, mit dem schimmernden dunklen Haar und den strahlenden blauen Augen. Jetzt steckte sie eine Hand in die Hüfte und schob die Unterlippe vor. Die Ähnlichkeit wurde stärker.

„Du bist ein typischer Yankee. Vom Winde verweht spielt in Georgia. Ich komme aus South Carolina. Wir reden ganz anders.“

„Ich verstehe.“ Er grinste breit. „Vermutlich wäre ich auch beleidigt, wenn man mir sagen würde, ich hörte mich an wie jemand aus Boston.“

Sie lachte. Ein rauer, kehliger Laut. Eine dreckige Lache.

Sofort musste Oz daran denken, wie sich ein Stöhnen von ihr anhören würde, wenn sie ihre Lust hinausseufzte. Er stellte sich vor, wie er mit den Fingern über die Innenseite ihrer wohlgeformten Schenkel glitt. Er hörte ihr Stöhnen in seinem Kopf.

Also sowohl Halluzinationen des Geruchsinns als auch des Gehörs, ganz zu schweigen von diesen fast obsessiven Sexfantasien. Er wurde verrückt, das wars.

So gut hatte er sich noch nie gefühlt.

„Gefällt es dir hier?“

„Ja.“

Oz verfolgte, wie ihr Blick von seinem Gesicht über seine Brust an seinem Körper hinunterwanderte. Als sie bei seinem Schritt angekommen war, riss sie unmerklich die Augen auf. Natürlich, sie konnte genau sehen, wie sehr sie ihm gefiel …

Sie blickte wieder in sein Gesicht, mit roten Wangen. Trat auf ihn zu, so nah, dass ihr Duft wieder in seiner Nase brannte und er ihre Körperwärme fühlen konnte.

„Mir gefällt es sogar ausnehmend gut hier.“

Das war eine Einladung, genau das zu tun, was er wollte. Er wollte seine Hand in ihr Haar schieben, ihren Kopf leicht nach hinten beugen und sie küssen. Ihren Mund in Besitz nehmen, dieses Mal richtig. Ihren Geschmack erkunden und seinen Kopf mit ihrem Duft füllen. Die Hand unter ihr Top schieben, um ihre Haut fühlen zu können.

Er hob die Hand – und ließ sie wieder fallen.

Sein Körper begehrte sie, so wie ihr Körper ihn ganz offensichtlich begehrte. Aber sie beide waren eben mehr als nur Körper.

„Du bist gestern erst in Portland angekommen. Du weißt doch gar nichts über mich.“

Sie lächelte verführerisch. „Ich weiß, dass mir deine Harley gefällt. Ich weiß, dass ich es toll finde, wie du aussiehst.“ Mit den Fingerspitzen strich sie über die ledernen Chaps. „Und ich weiß, dass ich dich genug mag, um dreitausend Dollar für ein Date mit dir zu zahlen.“

Geliehene Maschine. Geliehene Kluft. Sie mochte das an ihm, was nichts mit ihm zu tun hatte. Er hatte also zu Recht gezögert, bevor er die körperliche Anziehungskraft noch weiter wilde Blüten hatte treiben lassen.

Oz trat einen Schritt zurück. „Ich finde, das reicht nicht, oder?“

„Dreitausend Dollar ist nicht genug?“ Sie runzelte die Stirn.

„Die Maschine und mein Äußeres sind nicht genug, um zu wissen, dass du dich mit mir einlassen willst.“ Still ermahnte er sich, sich den eigenen Rat zu Herzen zu nehmen.

So wie ihre Grübchen, ihr Lachen, ihr Akzent und ihre wunderbar perfekte Haut nicht genug waren, damit er sich mit ihr einließ.

Sicher, ihm gefielen ihre Beine. Und ihre blauen Augen. Ihr Haar. Ihre Courage, sich in einer vollen Bar auf die Theke zu stellen. Und vor allem ihre Großzügigkeit, dreitausend Dollar für einen wohltätigen Zweck zu spenden.

Aber selbst das reichte nicht.

Vielleicht konnte er sie ja besser kennenlernen. Damit es reichte.

„Was machst du hier in Portland?“, fragte er.

„Ich arbeite für Warren und suche nach jemandem wie dir.“ Sie strich sich die losen Strähnen hinters Ohr. „Auch wenn ich dich noch nicht gut kenne.“

„Wieso suchst du nach jemandem wie mir?“

Der Ausdruck auf ihrem Gesicht raubte ihm den Atem. „Ich suche nach einer Fantasie“, sagte sie. „Ich glaube, du kannst sie mir schenken.“

Tja … Das wars dann. Da stand sein Über-Ich oder Gewissen oder Anstand, wie immer man es nennen wollte, stramm Wache, und was machte seine Libido? Scherte sich keinen Deut darum, drängte sich rabiat an der Wache vorbei und legte ein Tempo vor, dass niemand sie mehr aufhalten konnte.

Oz ballte die Hände zu Fäusten, um nicht nach Marianne zu greifen und ihre Fantasie gleich hier und jetzt zu erfüllen.

„Was für eine Art Fantasie soll das denn sein?“ Selbst für seine eigenen Ohren klang seine Stimme rau und heiser.

„Nun, zuerst einmal, Oz, möchte ich, dass du mich auf deiner Harley mitnimmst. Ich habe noch nie auf einem Motorrad gesessen.“

„Und danach?“

„Danach tun wir, wozu immer wir Lust haben.“ Ihre blauen Augen lagen unverwandt auf ihm, das Licht der Laterne spiegelte sich in ihnen.

Dann blinzelte sie. Es war das Erotischste, was er je gesehen hatte.

„Für dreitausend Dollar sollte ich dich wohl in das schickste Restaurant von Portland ausführen. Dich richtig von den Füßen hauen.“ Allerdings fragte er sich, welches schicke Restaurant in Portland eine Frau in Jeans und Sandaletten und einen Mann in Chaps abends um zehn Uhr einlassen würde.

Sie fuhr sachte mit den Fingern über das Harley-Davidson-Logo. „Du hast mich doch schon von den Füßen gehauen.“

Zweimal. Schließlich hatte er sie zweimal auf seine Arme gehoben. Und er wollte sie wieder hochheben. Irgendwie gehörte sie auf seine Arme.

„Dieses ganze Motorradzeug gefällt dir, oder?“

Sie nickte. „Es hat so etwas von … von ‚böser Bube‘ an sich.“

Oz schluckte. Sie hielt ihn für einen Rebellen auf dem Motorrad. Weder war er ein Rebell noch ein böser Bube. Weit gefehlt.

„Marianne“, setzte er an. „Da gibt es etwas, das ich dir sagen sollte …“

Es musste wohl daran liegen, wie er es gesagt hatte. Sie wirkte plötzlich gequält.

„Nicht“, sagte sie.

„Nicht – was?“

„Sag’s nicht. Bitte. Nimm mich einfach mit auf eine Spritztour auf deinem Motorrad. Lass meine Fantasie Wirklichkeit werden. Nur ein einziges Mal.“

Ihre Stimme bebte nicht, war noch immer fest und entschlossen und verlockend. Und doch hörte er da ein Flehen heraus, etwas, das ihn packte und gefangen hielt.

„Es ist spät“, sagte er.

„So spät ist es noch gar nicht. Wir haben doch die ganze Nacht.“

Die ganze Nacht. Um ihre Fantasie Wirklichkeit werden zu lassen.

Und vielleicht auch seine.

3. KAPITEL

Hinter dem Gebäude führte eine Treppe zu Mariannes Ein-Zimmer-Apartment hinauf. Warren hatte ihr das Extra-Zimmer in seiner Wohnung angeboten, doch Marianne zog die Unabhängigkeit einer eigenen Wohnung vor.

Jetzt stürmte sie die Treppe hinauf, um sich für die Motorradfahrt umzuziehen, festes Schuhwerk und eine Jacke. Ihre Hände zitterten, als sie den Schlüssel im Schloss drehte.

Ich tus. Ich tus wirklich. Ein Mal im Leben mache ich genau das, was ich will, nur für mich.

Sie rannte zum Bett, ließ sich auf die Knie fallen und zog den Koffer unter dem Bett hervor. Der Umschlag mit dem Bargeld steckte in einer der Seitentaschen. Mit fahrigen Fingern zählte sie die Scheine.

„Vierundzwanzig Dollar zu wenig.“ Seufzend setzte sie sich auf die Fersen zurück. Aus Webb hatte sie Bargeld mitgebracht, aber sie musste wohl mehr ausgegeben haben als angenommen.

Im Zeitalter des bargeldlosen Zahlungsverkehrs waren 2976 Dollar in Scheinen eine Masse Geld, um sie unter einem Bett im Koffer aufzubewahren. Natürlich hatte Marianne Schecks dabei und die Brieftasche voller Kreditkarten. Aber die wollte sie nicht benutzen. Dann wäre es ein Leichtes, sie ausfindig zu machen. Ihre Familie sollte nicht wissen, wo sie war. Noch nicht.

„Man stelle sich vor“, murmelte sie vor sich hin. „Das reichste Mädchen von ganz Webb hat nicht genug Geld, um sich einen Mann zu kaufen.“

Abrupt stand sie auf und ging zur Kommode, holte einen Pullover aus der Schublade und schlüpfte in Turnschuhe, dann rannte sie zur Wohnung hinaus und den Korridor entlang, der in die Bar führte.

Die Auktion war noch in vollem Gange. Oben auf der Bühne wiegte gerade ein Junggeselle seine Hüften zu den Klängen von I’m too sexy. Marianne kämpfte sich zu Warren durch.

„Warren!“

Ihr Cousin reichte soeben Cocktails über die Theke an zwei Kunden. Er drehte sich zu ihr um.

„Marianne! Frau, du bist absolute Spitzenklasse!“ Er beugte sich über die Theke und umarmte sie.

„Du musst mir vierundzwanzig Dollar leihen“, sagte sie. „Und ich brauche den Rest des Abends frei.“

„Nach dieser Show kannst du alles von mir haben, was du willst.“ Er zückte seine Brieftasche und gab ihr das Geld. „Das heißt, ihr habt euer Date schon heute Abend?“

Marianne grinste. „Liebster Cousin, heute Abend tue ich, was immer ich will.“

„In dem Falle …“ Warren griff unter die Bar und reichte ihr eine kleine Schachtel. „… solltest du die hier mitnehmen.“

Kondome.

Diese Schachtel rief für Marianne plötzlich die Wirklichkeit auf den Plan. Sie stand im Begriff, mit einem wildfremden Mann wegzufahren. Mit Kondomen. Sie kannte nicht einmal seinen Nachnamen.

Einen Moment lang zögerte sie.

„Marianne?“ Warren kniff die Augen zusammen. „Du weißt, wer Oz ist, oder?“

Ihre ganze Erziehung, all ihre Erfahrungen, die sie bisher in ihrem Leben gemacht hatte, sträubten sich, sich mit einem Fremden einzulassen, wenn der einzige Schutz aus einem Paket Kondomen bestand.

Nein, sie kannte Oz nicht. Und doch hatte sie das Gefühl, ihn schon ewig zu kennen. Sie dachte daran, wie er sie geküsst hatte, wie er sie auf seinen Armen gehalten hatte. Er war gefährlich, und doch fühlte sie sich sicher bei ihm.

„Ich weiß nur, was er in mir auslöst“, antwortete sie schließlich.

„Das ist mein Mädchen!“ Warren grinste. „Also dann los, amüsier dich.“ Als sie sich zum Gehen wandte, hielt er sie am Ellbogen fest und wurde ernst. „Marianne … Sei trotzdem vorsichtig. Die Sache mit Mr. Perfekt ist noch nicht lange her.“

„Ich werde vorsichtig sein.“ Seine Sorge rührte sie. „Es ist doch nur Spaß. Ich werde mich schon nicht in ihn verlieben.“

Sie ging zu dem Tisch, an dem zwei Frauen das Geld der Auktion einsammelten. Sie begrüßten Marianne sogar mit Handschlag.

„Glückwunsch, da haben Sie sich aber einen verteufelt gut aussehenden Mann ergattert“, meinte eine von den beiden mit einem breiten Lächeln, während Marianne die dreitausend Dollar auf den Tisch zählte.

„‚Verteufelt‘ ist richtig“, erwiderte Marianne. „Ich mag Rebellen.“

Die beiden Frauen tauschten einen Blick. „Sie sind nicht von hier, oder?“

„Nein. Aber es fängt an, mir hier richtig gut zu gefallen.“ Sie steckte die Quittung in die Rücktasche ihrer Jeans zu den Kondomen und ging zum Ausgang.

Die Tür war aus Glas, und einen Moment lang blieb Marianne stehen. Auf der anderen Straßenseite stand Oz mit vor der Brust verschränkten Armen an die Maschine gelehnt und wartete.

In den wenigen Minuten hatte sie glatt vergessen, wie sexy er war. Und er wirkte ruhig und nachdenklich. Während Mariannes Herz Kapriolen schlug.

Sie blinzelte und schluckte. Sie wollte das hier. Sogar sehr. Den Mann, das Motorrad, diese Nacht. Dann schob sie die Tür auf.

Er kam ihr auf halbem Weg entgegen, stellte sich vor sie, ohne sie zu berühren.

„Ich dachte schon, ich hätte dich nur geträumt.“

„Es hat ein paar Minuten gedauert, bis ich die dreitausend Dollar zusammen hatte.“

„Noch nie hat jemand für meine Gesellschaft dreitausend Dollar bezahlt.“ Oz schien seine Worte zu überdenken. „Zumindest nicht im Voraus.“

„Ich wette, du bist jeden Cent wert.“ Sie fragte sich, wieso ihr das Flirten bei Oz so leicht fiel.

„Ich werde mein Bestes geben.“ Er musterte sie von Kopf bis Fuß, und Marianne überlief ein prickelnder Schauer. „Die Turnschuhe sind okay, aber in dem Pullover wirst du frieren. Hier.“ Er hielt ihr seine Lederjacke hin.

Marianne zog sie über. Die Jacke reichte ihr bis zur Mitte der Schenkel hinunter, ihre Hände verschwanden völlig in den Ärmeln. Sie stellte den Kragen auf und schnupperte. Die Jacke roch nach Oz – Leder, Aftershave, Mann.

„Wird dir nicht kalt sein?“, fragte sie.

Er sah sie noch immer an. „Unwahrscheinlich.“

Die Bedeutung seiner Worte fuhr ihr direkt in den Magen. „Fertig?“, fragte sie ihn.

„Ja.“ Doch er setzte sich nicht auf die Maschine, sondern zog den Reißverschluss der Jacke zu. Seine Hand berührte ihr Kinn, als er oben ankam. Er ließ sie dort. Marianne glaubte, die flüchtige Berührung sei das Einzige, was sie noch aufrecht hielt.

„Ich hätte einen Helm für dich mitbringen sollen.“

Sie konnte nicht anders, sie lachte auf. Der Rocker machte sich Sorgen um die entsprechende Sicherheitsausrüstung. „Hast du denn einen?“

Er schüttelte den Kopf. „Sein eigenes oder das Leben eines anderen Menschen zu riskieren sind zwei verschiedene Dinge.“

Eine Falte stand auf seiner Stirn, und Marianne strich sie sanft glatt. „Ich vertraue darauf, dass du keinen Unfall baust.“

Er nickte. „Das wird dann wohl reichen müssen. Komm, fahren wir.“

Er nahm sie bei der Hand und führte sie zu der Harley. Seine Haut war warm, Marianne konnte die Schwielen an seiner Handfläche fühlen.

Vom Motorradfahren, dachte sie, und ihr Magen zog sich zusammen. Wie sich diese rauen Hände wohl auf ihrer Haut anfühlen mochten …

Er schwang sich auf die Maschine und wartete, dass Marianne hinter ihm aufsaß. „Schon mal so eine Maschine gefahren?“, fragte er über die Schulter zurück.

„Noch nie.“

„Diese tief gelegten Maschinen sind eher für Komfort gebaut, nicht für Tempo. Die hier ist trotzdem ziemlich schnell. Du hältst dich besser gut an mir fest.“

Als ob man ihr das zweimal sagen müsste! Marianne rutschte weiter vor und schlang die Arme um Oz’ Hüfte. Sie klammerte sich an ihn, ihre Schenkel lagen an seinen.

Er fühlte sich wunderbar an. Sie schmiegte die Wange zwischen seine Schulterblätter und spürte jeden seiner Atemzüge. Sie hörte sogar seinen Herzschlag. Und sog tief seinen Duft ein.

Ihre Hände lagen auf seinem harten flachen Bauch. Vorhin, als er sie auf dem Parkplatz geküsst hatte, da hatte sie seine Erregung bemerkt, und ein Speer purer Lust war durch sie hindurchgeschossen. Sie fragte sich, ob er noch immer erregt war. Sie war es auf jeden Fall. Sie bräuchte nur die Hände ein wenig weiter nach unten gleiten zu lassen, dann könnte sie es herausfinden.

Herr im Himmel, was dachte sie da nur!

„Halt dich gut fest.“ Mehr fühlte sie Oz’ Stimme, als dass sie sie hörte. „Lehn dich an mich und pass dich mir an. Unsere Körper müssen zusammenarbeiten.“

Seine Muskeln unter ihren Händen und an ihrer Wange waren hart wie Stein. Er wirkte irgendwie angespannt. Sie sah und fühlte, wie er leicht den Kopf zurücklehnte und schüttelte und dann tief durchatmete. Er startete die Maschine, und Marianne schnappte nach Luft.

Die Vibrationen gingen durch ihren ganzen Körper. Ihre Brüste waren an Oz’ Rücken gepresst, ihre Schenkel zitterten. Der Stoff ihres T-Shirts rieb an den Spitzen ihrer Brust. Ein harter warmer Puls begann zwischen ihren Beinen zu schlagen. Überwältigend, unwiderstehlich.

Es war das exquisiteste Vorspiel, das sie je erfahren hatte, dabei hatten sie sich noch keinen Zentimeter von der Stelle gerührt. Sie standen noch immer vor der Bar, das Dröhnen der Harley füllte die stille Nachtluft.

„Oz?“ Marianne streckte sich ein wenig, um in sein Ohr zu sprechen. „Worauf warten wir?“

„Ich versuche mich auf das Fahren zu konzentrieren und nicht daran zu denken, dass du so dicht hinter mir sitzt.“

„Oh.“ Also war er auch erregt. Das war noch besseres Vorspiel als das Motorrad. „Meinst du, du schaffst es?“, fragte sie leicht bebend.

„Ich werd’s versuchen. Los gehts.“

Die Harley schoss vor, der Ruck riss Marianne zurück. Sie schrie auf und klammerte Arme und Beine noch fester um Oz.

Marianne Webb saß auf einer schweren Rockermaschine, zusammen mit dem attraktivsten Mann, der ihr je untergekommen war. Ein breites Grinsen zog langsam auf ihr Gesicht.

Dann schrie sie wieder auf, diesmal, weil sie nach vorn geschleudert wurde, als der Motor plötzlich ausging und sie mit Stirn und Nase auf Oz’ Rücken stieß.

Oz drehte sich halb zu ihr um. „Alles in Ordnung?“

Sie rieb sich die schmerzende Nasenspitze. „Sicher. Was ist passiert?“

Oz verzog das Gesicht. „Ich bin von der Kupplung gerutscht, hab die Maschine abgewürgt. Sorry.“

Sie konnte nicht anders, sie begann zu kichern. Er sah aus wie ein sehr großer, sehr starker kleiner Junge, der gerade dabei ertappt worden war, wie er etwas Dummes anstellte. „Mit den Gedanken nicht bei der Sache?“

„Nein. Ich bin schon lange nicht mehr gefahren … Mit Beifahrer, meine ich natürlich“, fügte er hastig hinzu.

Dann sprang die Harley wieder an, und Marianne stieß unwillkürlich ein Stöhnen aus, als jedes Nervenende in ihr wieder zu vibrieren begann. Als sie sich in Bewegung setzten, hörte sie auf zu denken.

Es war einfach so … so unglaublich!

Sie kamen am Ende der Straße an, und Marianne meinte, sie würden umfallen. Oz lehnte sich nach links, die Maschine lehnte sich nach links, Marianne lehnte sich nach links … Jede Sekunde würden sie stürzen …

Marianne riss die Augen auf, hielt die Luft an.

Sie bogen nach links ab, aber sie fielen nicht, sondern fuhren weiter. Dann nach rechts. Die beiden Körper auf dem Motorrad bewegten sich wie einer, zusammen mit der Maschine.

„Wow!“, entfuhr es Marianne, als sie den Fahrtwind auf den Wangen spürte.

Sie fuhren jetzt auf einer langen geraden Straße, und Oz drehte das Tempo auf. Wahrscheinlich gar nicht so viel, sie waren noch immer in der Stadt, dennoch genug, dass der Wind mit ihren Haaren spielte. Auf einem Motorrad spürte man die Geschwindigkeit viel intensiver als in einem Auto. Ihre Füße waren nur Zentimeter vom Asphalt entfernt, die Gebäude, an denen sie vorbeirauschten, schienen sehr viel klarer als durch eine Wagenscheibe betrachtet, selbst Schatten und Licht waren deutlicher.

Und die Gerüche. Marianne konnte das Laub an den Bäumen riechen. Herbst lag in der Luft. Der Geruch von Asphalt und Benzin.

„Das ist großartig!“, rief sie Oz zu, und sie konnte fühlen, wie er lachte.

„Warte, bis wir erst auf dem Highway sind“, sagte er. Der Wind trug ihr die Worte zu. Wieder bogen sie nach links ab, auf eine Brücke, und Marianne roch den salzigen Geruch der See.

Dann waren sie auf einer vierspurigen Straße, zwei Spuren davon gehörten ihnen. Oz drehte das Gas auf, und sie schossen über den Asphalt dahin. Die Bäume am Straßenrand verschwammen zu dunklen Schatten, es roch nach Pinien.

Sie sog tief die Luft ein, Euphorie breitete sich in ihr aus. „Yee-haw!“, rief sie dem Wind und den Sternen über sich zu, die einzigen Dinge, die auf dieser Welt neben Spaß und Schnelligkeit noch existierten. Sie löste ihren Pferdeschwanz und schüttelte den Kopf zurück, ließ ihr Haar fliegen.

Marianne hatte keine Ahnung, wie schnell sie fuhren, wusste nur, so schnell war sie noch nie gefahren. Als würde man frei durch die Luft rauschen, auch wenn sie die Straße und das schwere Motorrad unter sich fühlen konnte. So viel Kraft, so viel Energie.

Von Oz kontrolliert.

Oz, der zwischen ihren Schenkeln saß.

Sie lachte glücklich auf.

Vor zwei Tagen hatte sie ihr altes Leben hinter sich gelassen und sich geschworen, ein neues, anderes Leben anzufangen. Bisher machte sie sich richtig gut.

Sie war frei, sie war sie selbst, und sie konnte alles tun, was sie wollte.

„Kannst du mich hören?“, rief sie gegen den Wind und das Brummen des Motors an.

Der Wind wirbelte durch Oz’ Haar. Er schien gespürt zu haben, dass sie etwas gesagt hatte, und drehte den Kopf leicht zur Seite.

„Ich verstehe kein Wort.“

Natürlich. Der Wind trug die Worte zurück zu ihr, aber er konnte sie nicht hören.

„Ich will wilden, ungezügelten, hemmungslosen Sex mit dir haben!“

„Was?“

„Nichts.“ Lachend warf sie den Kopf zurück, dann beugte sie sich vor, bis ihr Mund an seinem Ohr war. „Schneller!“

Oz nickte, und Marianne krallte ihre Finger in seine harten Bauchmuskeln, presste die Schenkel an seine.

Dann wurde alles zu purem Adrenalin.

Es schien ewig zu dauern, bevor Oz das Tempo verlangsamte und die Maschine schließlich am Straßenrand ausrollen ließ. Außer Bäumen und Gebüsch konnte Marianne nichts erkennen.

Er stellte den Motor ab, das Summen in Mariannes Ohren blieb.

„Ich möchte dir etwas zeigen.“ Seine Stimme war überlaut im Nachhall des Motors.

Er kickte den Ständer nach unten und schwang sich von der Maschine, hielt Marianne seine Hand hin, um ihr beim Absteigen zu helfen. Die Straße schien zu beben, als sie auf eigenen Füßen stand.

Marianna stolperte einen Schritt vor und hielt sich an Oz’ Arm fest. „Jetzt verstehe ich, wieso du dieses Ding fährst“, sagte sie. „Das ist wie Sex auf Rädern, nicht wahr?“

„Dieses Mal noch mehr. Alles in Ordnung mit dir?“

„Ich bin völlig hin und weg.“

Er lächelte. „Ich weiß, wie du dich fühlst.“

Ihre Beine hatten sich wieder an den festen Boden gewöhnt. Sie schob sich das Haar aus dem Gesicht und blieb mit den Fingern in der wirren Mähne hängen.

„Warte hier einen Moment“, sagte Oz. „Ich will erst etwas nachsehen. Bin gleich wieder da.“

Er drückte ihre Hand und verschwand zwischen den Büschen.

Was hatte er vor? Mit den Fingern versuchte Marianne die Knoten im Haar zu lösen. Austreten? Gabs hier vielleicht einen geheimen Biker-Treff? Es raschelte im Gebüsch, dann wurde es wieder still.

Sehr still. Es musste inzwischen recht spät sein. Ein Windstoß wehte Herbstblätter von den Bäumen. Der Motor der Harley tickte regelmäßig, während er auskühlte. Das Rauschen des Ozeans drang herüber, sie waren also in Küstennähe. Die Häuser auf der anderen Straßenseite lagen dunkel und still da.

Marianne erschauerte und gab es auf, sich das Haar mit den Fingern kämmen zu wollen. Sie steckte die Hände in die Jackentaschen. In einer Tasche fühlte sie eine Brieftasche. Und noch etwas anderes. Sie zog beides hervor.

Eine schwarze Brieftasche aus Leder. Und ein Plastikpäckchen. Auf dem ein gelber Post-It-Zettel klebte.

Oz. Denk dran, ein Bier für mich für jedes, das du benutzt.

Marianne zog den Zettel ab. Ein Paket Kondome, identisch mit dem, das sie in der Rücktasche ihrer Jeans trug. Sie klebte den Zettel wieder auf, steckte Brieftasche und Päckchen zurück in die Jackentasche.

War das ein Zeichen?

Oder eine Warnung?

Die Büsche teilten sich, eine große dunkle Gestalt trat aus den Schatten. Marianne wusste, dass es Oz war, dennoch wich sie an die Harley zurück.

Was treibst du hier mitten im Nirgendwo, mit einem wildfremden Mann, ohne Schlüssel für das Motorrad, geschweige denn eine Vorstellung, wie so ein Ding überhaupt zu fahren ist? Ihr brach der Schweiß aus, das Herz klopfte ihr bis in den Hals.

„Ich bin’s“, sagte Oz.

Er war so groß. Sie konnte sein Gesicht nicht erkennen, sah nur seine breiten Schultern, seine großen Hände. Als ihre Beine an die Maschine stießen, blieb sie stehen. Ihr Puls beruhigte sich dennoch nicht.

Was, um alles auf der Welt, tat sie hier?

Es war nicht nur so, dass sie Oz nicht kannte. Sie kannte überhaupt keine Leute wie ihn. Sie war noch niemals in einer solchen Situation gewesen.

Sie sollte in Warrens Bar zurückkehren und sich darauf konzentrieren zu lernen, wie man eine Margarita mixte. Ihr neues Leben Schritt für Schritt in Angriff nehmen. Sie musste ja nicht mit Anlauf und zwei Päckchen Kondomen hineinspringen.

„Oz …“, hob sie an, und dann trat er auf sie zu, und das Mondlicht fiel auf sein Gesicht und sein Haar. Ein Lächeln spielte um seine vollen Lippen, seine Augen schimmerten im silbrigen Licht.

Er war so perfekt, dass sie keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Sie wollte auch nicht mehr umkehren. „Ist Oz dein richtiger Name?“

„Ein Spitzname.“

„Wie bist du daran gekommen? Von Ozzy Osbourne?“ Biker hörten doch Heavy Metal, oder?

Er lachte leise. „Nein, von meiner kleinen Schwester. Daisy. Ich heiße Oscar, aber sie konnte es nicht aussprechen, als sie klein war. Also hat sie mich Oz genannt. Es ist an mir hängen geblieben.“

Sie nickte und kam sich albern vor. Da hatte sie einen gefährlichen Rocker auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung kennengelernt, und seinen Spitznamen hatte er von seiner kleinen Schwester Daisy...

Autor

Julie Cohen
Ich schrieb meinen ersten Roman mit 11 Jahren. Er war über eine Hexe, die einen teuflisch gut aussehenden bösen Zauberer besiegen musste. Es war eine Kopie bekannter Romane von denen noch zahlreiche andere folgten, die alle schrecklich waren. Meine meiste freie Zeit verbrachte ich lesend mit allem was ich zwischen...
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