Julia Collection Band 142

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FLAMMEN DES VERLANGENS
von ABBY GREEN

Samantha hat verloren: Rafaele Falcone, der Italiener mit den faszinierend grünen Augen, zwingt sie, für ihn zu arbeiten. Sieht so seine Rache aus? Sie ahnt nicht, wie weit er mit seiner Vergeltung gehen wird: Er will sie lieben, bis sie versteht, was sie ihm schuldet …

HEUTE ABEND - ODER NIE!
von ABBY GREEN

Alexio fliegt zweiter Klasse nach London. Um den Service an Bord seiner Airline zu testen - nicht um sich in die Blondine zu verlieben, die viel zu dicht neben ihm sitzt. Doch die schöne Fremde weckt ein ungekanntes Verlangen in ihm. Ob er ihr Herz im Flug erobern kann?

SINNLICHE SEHNSUCHT IN SEVILLA
von ABBY GREEN

Glaubt der arrogante Spanier, er kann er sie behandeln, wie er will? Schauspielerin Lexie ist empört. Die Dreharbeiten im Castello des Milliardärs Cesar Da Silva werden allmählich unerträglich. Doch als sie ihn zur Rede stellt, umarmt er sie leidenschaftlich …

  • Erscheinungstag 07.02.2020
  • Bandnummer 142
  • ISBN / Artikelnummer 9783733715328
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Abby Green

JULIA COLLECTION BAND 142

PROLOG

Rafaele Falcone sah auf den Sarg in dem offenen Grab hinunter. Erde und einzelne Rosen lagen auf dem Sargdeckel, ein letzter Abschiedsgruß von Freunden und Bekannten. Mehrere Männer der Trauergesellschaft schienen untröstlich. Vielleicht war ja doch etwas dran an diesen Gerüchten, dass die schöne Esparanza Christakos während ihrer dritten Ehe mehrere Liebhaber gehabt hatte.

Neben der Trauer um seine verstorbene Mutter tobten gemischte Gefühle in Rafaeles Brust. Er konnte nicht behaupten, dass sie sich besonders nahegestanden hätten. Seine Mutter hatte sich immer ätherisch gegeben und die Melancholische gespielt. Und ja, sie war wirklich schön gewesen, so schön, dass es seinen Vater halb in den Wahnsinn getrieben hatte, als sie ihn verließ.

Sie war die Art Frau gewesen, die erwachsene Männer dazu brachte, jegliche Würde und sich selbst zu vergessen. Ihm würde so etwas niemals passieren. Er konzentrierte sich ausschließlich auf seine Arbeit, ihm lag allein daran, das Falcone Motor-Imperium wieder zu alter Größe aufzubauen. Schöne Frauen waren ein angenehmer Zeitvertreib, aber mehr nicht. Keine seiner Begleiterinnen machte sich da Illusionen, sie alle wussten von vornherein, dass sie nicht mehr als ein kurzfristiges Vergnügen mit ihm zu erwarten hatten.

Eine Frau hatte es allerdings gegeben, die ihn an die Grenzen geführt hatte, aber damit hielt er sich nicht auf. Nicht mehr.

Alexio Christakos, sein Halbbruder, wandte sich mit einem schwachen Lächeln zu ihm, und Rafaele verspürte den vertrauten Druck auf der Brust. Er liebte seinen Halbbruder, auch wenn ihre Beziehung nicht immer einfach gewesen war. Rafaele hatte den Jüngeren unter der liebevollen Fürsorge des erfolgreichen Vaters aufwachsen sehen – so ganz anders als seine Erfahrung mit dem eigenen Vater. Lange war er eifersüchtig auf den Halbbruder gewesen, was das ohnehin schon schwierige Verhältnis zu seinem Stiefvater noch mehr belastet hatte.

Die beiden Männer gingen in Richtung Parkplatz, beide tief in Gedanken versunken. Von ihrer Mutter hatten sie die grünen Augen geerbt, wobei Alexios Augen leicht ins Goldene gingen, während Rafaeles von einem auffallenden Hellgrün waren. Beide hatten sie dunkles Haar, Rafaeles dabei kräftiger und eher dunkelbraun im Vergleich zu dem kurz geschnittenen pechschwarzen Haar des Bruders.

Beide waren sie auch nahezu gleich groß, über ein Meter neunzig, und breit gebaut, Alexio vielleicht ein wenig schlanker. Auf Rafaeles Wangen stand ein dunkler Bartschatten, und als sie bei den Autos ankamen, bemerkte der Bruder trocken: „Nicht einmal für die Beerdigung konntest du dich rasieren?“

Der Druck auf seiner Brust hob sich langsam, aber er musste den Drang im Zaum halten, sich zu rechtfertigen, wollte sich nicht anmerken lassen, wie verwundbar er sich fühlte. „Ich bin zu spät ins Bett gekommen“, antwortete er mit einem unmissverständlichen Glitzern in den Augen.

Er würde seinem Bruder jetzt nicht erklären, dass er nach Ablenkung in den Armen einer willigen Frau gesucht hatte, um sich nicht mit den Erinnerungen beschäftigen zu müssen, die der Tod seiner Mutter wieder heraufbeschworen hatte. Erinnerungen daran, wie sie vor so vielen Jahren seinen Vater verlassen und den Mann damit zerbrochen hatte. Noch immer war sein Vater so verbittert, dass er sich geweigert hatte, zur Beerdigung zu kommen, obwohl Rafaele alles versucht hatte, ihn zur Teilnahme zu bewegen.

Alexio ahnte nichts von Rafaeles innerem Tumult. Kopfschüttelnd lächelte er. „Unglaublich. Du bist gerademal mal zwei Tage in Athen. Jetzt verstehe ich auch, wieso du es vorgezogen hast, im Hotel zu wohnen statt bei mir.“

Rafaele hob skeptisch eine Braue, wollte zu einer frechen Erwiderung ansetzen, doch die Worte blieben ihm in der Kehle stecken, als er den späten Neuankömmling erblickte. Und auch Alexios Lächeln erstarb, als er sich umdrehte und dem Blick des Bruders folgte.

Ein Mann kam mit versteinertem Gesicht auf sie beide zu. Ein Fremder, und doch sah er vertraut aus. Fast so, als würde man in einen Spiegel blicken. Oder Alexio ansehen – hätte er dunkelblondes Haar. Es waren die Augen, die Rafaele erschauern ließen – grün wie die von Alexio und seine eigenen, nur dunkler, fast grün-braun.

Rafaele sträubten sich die Nackenhärchen. „Können wir Ihnen helfen?“, fragte er kühl.

Der Mann musterte beide, dann wanderte sein Blick zu dem Grab weiter hinten. Abfällig verzog er die Lippen. „Gibt es noch mehr von uns?“

Alexio runzelte die Stirn. „Von uns? Wovon reden Sie?“

Der Fremde sah zu Rafaele. „Du erinnerst dich nicht, oder?“

Eine entfernte Erinnerung brach sich Bahn: Rafaele sah sich an der Hand seiner Mutter vor einer Haustür stehen … ein Junge, ein paar Jahre älter als er, mit blondem Haar und riesigen Augen …

„Sie ist mit dir zu uns gekommen. Du musst ungefähr drei gewesen sein. Ich war damals fast sieben. Sie wollte mich mitnehmen, aber ich wollte nicht. Nicht, nachdem sie mich allein gelassen hatte.“

Eiseskälte überkam Rafaele. „Wer sind Sie?“, fragte er heiser.

Ein Lächeln zog auf die Lippen des Mannes, das seine Augen nicht erreichte. „Ich bin dein älterer Bruder – Halbbruder. Ich heiße Cesar Da Silva. Ich kam her, um der Frau, die mich geboren hat, die letzte Ehre zu erweisen. Auch wenn sie es nicht wirklich verdient hat. Aber ich war neugierig, wer noch aus der Versenkung auftauchen würde. So wie es aussieht, sind es nur wir drei.“

„Was, zum Teufel …?“, brauste Alexio auf.

Rafaele war zu perplex, um irgendetwas zu erwidern. Er kannte den Namen Da Silva. Cesar gehörte also die weltweit erfolgreiche Da Silva Global Corporation. Vermutlich hatte er schon öfter mit dem Mann zu tun gehabt, ohne zu ahnen, dass sie Brüder waren. Denn er zweifelte nicht an den Worten des anderen. Die Ähnlichkeit zwischen den dreien war frappierend.

Die Erinnerung, die er für einen Traum gehalten hatte, war also real. Er war sich nie sicher gewesen, denn jedes Mal, wenn er seine Mutter danach gefragt hatte, hatte sie sofort das Thema gewechselt. Genau wie sie nie über ihr Leben in der spanischen Heimat gesprochen hatte. Ein Leben, das sie geführt hatte, bevor Rafaeles Vater sie, das junge Model, in Paris entdeckt und vom Fleck weg geheiratet hatte.

Rafaele deutete auf Alexio. „Das ist Alexio Christakos … unser jüngerer Bruder.“

Mit eiskalten Augen studierte Cesar Da Silva den anderen. „Drei Brüder von drei Vätern … doch euch hat sie nicht im Stich gelassen und den Wölfen überlassen.“

Er machte einen Schritt vor, genau wie Alexio. Die beiden Männer standen sich fast Nase an Nase gegenüber. Und mit genau den gleichen harten Zügen wie Alexio stieß Cesar aus: „Ich bin nicht gekommen, um mich mit dir anzulegen, Bruder. Mit euch habe ich kein Problem. Mit keinem von euch beiden.“

Alexios Lippen wurden schmal. „Nur mit unserer verstorbenen Mutter … falls es stimmt, was Sie behaupten.“

Cesar lächelte bitter. „Oh, es ist die reine Wahrheit – und daher umso bedauerlicher.“

Er schob sich an Alexio vorbei und ging zu dem offenen Grab. Langsam zog er etwas aus seiner Jackentasche und ließ es auf den dunklen Sarg fallen. Einen kurzen Augenblick blieb er dort stehen, kam dann mit großen Schritten zurück zu der wartenden Limousine, stieg auf den Rücksitz, schloss die Tür, und der Wagen fuhr langsam davon.

Rafaele drehte sich zu Alexio um, der ihn völlig perplex anstarrte.

„Was, zur Hölle …“ Seine Stimme erstarb.

Kopfschüttelnd starrte Rafaele auf die Stelle, wo eben noch die silberne Limousine gestanden hatte. „Ich weiß es nicht …“

1. KAPITEL

Drei Monate später …

„Entschuldigen Sie die Störung, Sam, aber auf Leitung eins ist ein Anruf für Sie … Jemand mit einer sehr tiefen Stimme und einem sehr sexy Akzent.“

Sam versteifte sich. Tiefe Stimme, sexy Akzent … Nicht nur lief ihr eine ungute Ahnung über den Rücken, sondern sofort flammte auch Hitze in ihrem Schoß auf. Eine komplett alberne Reaktion. Sie hob den Kopf von dem Bericht vor sich und sah die Sekretärin der Entwicklungsabteilung der Londoner Universität in der Tür stehen.

„Haben Sie am Wochenende jemanden kennengelernt?“, fragte die Frau mit funkelnden Augen.

Wieder lief dieser Schauer über Sams Rücken, aber sie lächelte Gertie an. „Das wäre zu schön. Aber leider habe ich das ganze Wochenende mit Milo an seinem Kindergartenprojekt gearbeitet.“

„Sie wissen, dass ich immer für Sie hoffe.“ Die Sekretärin lächelte milde. „Sie und Milo brauchen einen netten Mann, der sich um Sie beide kümmert.“

Sam hielt sich zurück. Milo und sie kamen bestens ohne Mann zurecht. „Sagten Sie, Leitung eins?“

Gertie nickte ihr blinzelnd zu und ging wieder, und Sam nahm den Hörer ab. „Dr. Samantha Rourke“, meldete sie sich.

Einen Moment blieb es still am anderen Ende, dann ertönte die Stimme. Samten, tief, sexy … und unvergesslich. „Ciao, Samantha. Ich bin’s, Rafaele.“

Die ungute Ahnung schlug zu wie eine Ohrfeige. Außer ihrem Vater war er der Einzige gewesen, der sie Samantha nannte. Nur im Strudel der Leidenschaft hatte er Sam ausgestoßen. Wut, Schuld, Kummer, Lust und ein verräterisches Gefühl von Zärtlichkeit stürzten auf sie ein. Und erst als die Stimme erneut ertönte, dieses Mal erheblich kühler, wurde ihr klar, dass sie noch keine Reaktion von sich gegeben hatte.

„Rafaele Falcone. Vielleicht erinnerst du dich ja nicht mehr?“

Als ob das überhaupt möglich wäre! Ihre Finger umklammerten den Hörer fester. „Nein … ich meine, ja, natürlich erinnere ich mich.“

Am liebsten hätte sie laut gelacht. Wie sollte sie den Mann vergessen können, wenn sie jeden Tag seine Miniaturausgabe vor sich sah?

„Bene“, kam die Antwort vom anderen Ende. „Wie geht es dir, Sam? Du trägst also jetzt einen Doktortitel?“

„Ja …“ Ihr Herz hämmerte so hart, dass ihr davon schwindelte. „Ich habe promoviert, nachdem …“ Die Worte hallten unausgesprochen in ihrem Kopf. Nachdem du in meinem Leben aufgetaucht bist und es zerstört hast. Tapfer bemühte sie sich um Fassung. „… nachdem wir uns das letzte Mal gesehen haben“, sagte sie mit fester Stimme. „Was kann ich für dich tun?“

Wieder wollte ein hysterisches Lachen in ihrer Kehle aufsteigen. Ein guter Anfang wäre es, ihn wissen zu lassen, dass er einen Sohn hat.

„Ich bin in London, weil wir hier eine Niederlassung von Falcone Motors eröffnen.“

„Wie schön“, brachte sie gezwungen heraus.

Plötzlich fror sie erbärmlich. Rafaele Falcone war in London! Er hatte sie aufgespürt. Weshalb? Wegen Milo. Milo, ihr Sohn, ihre Welt. Sein Sohn.

Er weiß es. Panik wollte sie übermannen, doch Sam riss sich zusammen. Rafaele Falcone würde sie nie so gelassen anrufen, wüsste er es. Aber sie musste ihn abwimmeln. Schnell. Und dann würde sie in Ruhe überlegen.

„Hör zu … es ist nett, dass du anrufst, aber im Moment habe ich wirklich viel zu tun …“

„Bist du nicht einmal neugierig, weshalb ich anrufe?“

Eiskalte Angst kroch über ihren Rücken, als sie an ihren wunderbaren kleinen Sohn dachte. „Nun … sicher.“ Sie hätte sich nicht weniger begeistert anhören können.

Rafaeles Stimme klang auch dementsprechend kalt durch die Muschel. „Ich wollte dir eine Position bei Falcone Motors anbieten. Dein Fachgebiet deckt genau den Bereich ab, den wir ausweiten wollen.“

Sams Herz raste. Schon einmal hatte sie für diesen Mann gearbeitet, und seither war nichts mehr so wie früher. „Ich fürchte, das ist unmöglich“, antwortete sie kühl. „Ich bin vertraglich an die Universität gebunden.“

Eine Weile blieb es still, dann kam ein knappes „Ich verstehe“ vom anderen Ende.

Offensichtlich hatte er erwartet, sie würde ihm vor Dankbarkeit zu Füßen sinken. Das war die Wirkung, an die er bei Frauen gewöhnt war. Also hatte er sich nicht geändert, trotz allem, was zwischen ihnen passiert war.

So als wäre es gestern gewesen, konnte sie seine Worte hören, mit denen er sie zum Abschied hatte trösten wollen. Es ist besser so, cara. Schließlich war es ja nichts Ernstes, nicht wahr?

Und er hatte so augenscheinlich mit ihrem Einverständnis gerechnet, dass sie sich nicht hatte wehren können, auch wenn sie innerlich gestorben war. Seine Erleichterung war nahezu greifbar gewesen. Und das hatte sie letztlich davon überzeugt, dass es die richtige Entscheidung war, die alleinige Verantwortung für Milo zu übernehmen. Nur meldete sich jetzt auch ihr Gewissen: Du hättest es ihm sagen sollen.

Die Panik setzte wieder ein. „Du musst entschuldigen, aber ich bin wirklich beschäftigt …“

„Du hast nicht einmal Interesse, Genaueres zu erfahren?“

Verbitterung stieg auf, als sie sich zurückerinnerte, wie wenig Interesse Rafaele an ihr gehabt hatte. „Nein, definitiv kein Interesse. Auf Wiederhören, Signor Falcone.“

Auf Wiederhören, Signor Falcone? Und das von einer Frau, mit der er solch leidenschaftliche Stunden erlebt hatte!

Verdattert starrte Rafaele auf das Telefon in seiner Hand. Sie hatte tatsächlich aufgelegt. Frauen legten nicht einfach auf, wenn er anrief.

Er legte das Telefon zur Seite und presste die Lippen zusammen. Aber Samantha Rourke war ja auch nicht wie andere Frauen, von Anfang an war sie anders gewesen. Rastlos stand er auf und stellte sich an das große Fenster, von dem aus er den Blick auf seine neuen Produktionshallen am Stadtrand von London hatte. Aber seine Gedanken wanderten zurück in die Vergangenheit …

Sam absolvierte ein Praktikum in seiner Fabrik in Mailand, nachdem sie ihr Studium in Maschinenbau und Fahrzeugtechnik abgeschlossen hatte. Die Jüngste und die einzige Frau in einem Team aus Männern, dazu einschüchternd intelligent. Er hätte sie sofort fest angestellt, wenn nicht … wenn er nicht abgelenkt worden wäre.

Abgelenkt von ihrer großen schlanken Figur, von den Arbeitsoveralls, die sie immer trug und die in ihm den drängenden Wunsch geweckt hatten, sie ihr auszuziehen, um die darunter versteckten Kurven endlich erforschen zu können. Abgelenkt von ihrer makellosen hellen Haut und diesen großen, leicht schräg gestellten Augen. Graue Augen … wie die stürmische See. Abgelenkt davon, wie sie hastig den Blick senkte und die volle Unterlippe zwischen die Zähne zog, wenn er sie ansah. Abgelenkt von den langen, schimmernden schwarzen Haaren.

Und je mehr Zeit verging, desto heißer hatten die Flammen des Verlangens an ihm geleckt. Er hatte dagegen angekämpft. So etwas behagte ihm nicht, schon gar nicht in der Firma. Da arbeiteten genügend Frauen in seinem Unternehmen, und nie war es auch nur einer gelungen, ihm den Kopf zu verdrehen. Er hielt Arbeit und Privates immer strikt getrennt. Aber Sam war so ganz anders als die Frauen, für die er sich normalerweise interessierte – elegante, weltgewandte, erfahrene Frauen, die wussten, wie sie ihren Sexappeal zu nutzen hatten. Zynische Frauen, genauso zynisch wie er.

Sam war nichts dergleichen. Außer sexy. Nur wusste sie das nicht. Sie schien die hungrigen Blicke der Männer gar nicht zu bemerken. Aber Rafaele bemerkte sie, und es machte ihn wütend. Dabei waren ihm Eifersucht und Besitzanspruch bislang völlig fremd. Und das ohne auch nur einen Kuss!

Letztendlich war die Frustration so übermächtig geworden, dass er Sam in sein Büro hatte rufen lassen. Ohne ein Wort hatte er ihr Gesicht mit beiden Händen umfasst und sie geküsst. Was berauschend gewesen war …

Allein bei der Erinnerung meldete sich seine Libido. Er stieß einen Fluch aus. Auf der Beerdigung seiner Mutter hatte er auch an sie gedacht. Überhaupt dachte er öfter an sie, als ihm lieb war. Sam war die eine Frau, die ihn fast an den Rand gebracht hätte. Sie hatten mehr als nur eine kurze sexuelle Episode miteinander erlebt. Fast hätten sie … ein Kind miteinander gehabt.

Wie knapp er davorgestanden hatte, sich mit etwas auseinandersetzen zu müssen, mit dem er sich nie hatte auseinandersetzen wollen. Das war es, was er immer im Auge behalten musste.

Sam wollte offensichtlich nichts mit ihm zu tun haben, und genauso sollte er es auch halten. Er hätte sie nicht kontaktieren sollen. Er sollte sich von Samantha Rourke fernhalten und sie aus seinen Gedanken verbannen. Und zwar endgültig.

Am Samstagmorgen wachte Samantha auf, als jemand zu ihr ins Bett schlüpfte und sich eng an sie kuschelte. Sie lächelte mit geschlossenen Augen und schlang die Arme um ihren Sohn, atmete tief seinen Duft ein.

„Guten Morgen, mein Großer.“

„Morgen, Mummy. Hab dich lieb.“

Sams Herz zog sich zusammen, sie drückte einen Kuss auf Milos Haar. „Hab dich auch lieb, mein Schatz.“ Sam öffnete nur ein Auge, zog eine Grimasse gegen das helle Morgenlicht.

Der Junge kicherte. „Du siehst lustig aus.“

Sam kitzelte den Kleinen, bis er vor Vergnügen quietschte. Bald waren sie beide hellwach, und er krabbelte aus dem Bett und hüpfte die Treppe hinunter zum Wohnzimmer.

„Der Fernseher wird nicht eingeschaltet!“, rief sie ihm nach. Sie hörte, wie er stehen blieb, konnte sich seinen Schmollmund genau vorstellen. Dann rief er zurück: „Na gut, dann schaue ich mir mein Buch an“, und sie wusste, dass er sich daran halten würde, obwohl er noch nicht richtig lesen konnte. Er war ein so lieber Junge. Und ein intelligenter Junge. Manchmal wurde ihr bang, wie intelligent er war.

Bridie, die Haushälterin ihres Vaters, die auch nach dessen Tod vor zwei Jahren geblieben war, würde sie oft mit zusammengekniffenen Augen ansehen und sagen: „Na, von wem, meinst du wohl, hat er das? Sein Großvater war Physikprofessor, und du hast die Nase schon in die Bücher gesteckt, als du noch keine zwei Jahre alt warst.“ Dann würde sie auf die ihr eigene Art leise schnauben und Sam durchdringend mustern. „Da ich den Vater nicht kenne, kann ich mir natürlich über die andere Seite der Familie kein Urteil erlauben …“, und das war immer das Zeichen für Sam, schnellstens das Thema zu wechseln.

Ohne Bridie O’Sullivan hätte ich wohl nie promoviert, dachte Sam jetzt und kletterte aus dem Bett. Der Doktortitel hatte ihr eine sichere Stelle an der Universität verschafft, die für das Dach über ihren Köpfen, einen vollen Kühlschrank und das Gehalt für Bridie sorgte. Bridie wohnte in der kleinen Wohnung im Anbau des Hauses und kümmerte sich fünf Tage die Woche ganz wundervoll um Milo.

Sam verknotete den Gürtel ihres Bademantels und ging nach unten, um Frühstück für sich und Milo zuzubreiten. Sie musste gegen das aufflammende Schuldgefühl ankämpfen, das seit diesem Anruf an ihr nagte. Wenn sie ehrlich war, nagte es schon seit vier Jahren an ihr. Häufig schlief sie schlecht, träumte wirres Zeug und wachte dann schweißnass und mit rasendem Puls in zerwühlten Laken auf.

Träumte wirres Zeug von Rafaele Falcone. Von dem Mann, der ihr gezeigt hatte, wie farblos ihre Welt gewesen war. Der ihr bewiesen hatte, wie leicht es ihm fiel, sie wieder in das Grau zurückzustoßen, als hätte sie nie Anspruch auf einen so aufregenden, sinnlichen Traum gehabt.

Selbst heute noch fragte sie sich, was ihn an ihr gereizt hatte. Was immer es gewesen war … sie würde sich nie verzeihen, dass sie tatsächlich geglaubt hatte, es könnte mehr sein als pure Lust. Sie hatte sich in ihn verliebt wie ein alberner Teenager.

Zum zigsten Mal versicherte sie sich, dass er es überhaupt nicht verdient hatte, von Milo zu erfahren. Er hatte das Baby nicht gewollt. Und nie würde sie sein Gesicht vergessen, als sie ihm von der Schwangerschaft erzählt hatte …

Drei Wochen waren vergangen, seit sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Rafaele war auf Geschäftsreise gewesen, doch nach seiner Rückkehr hatte er sie sofort in sein Büro rufen lassen. Sams Herz hatte wild vor Aufregung gehämmert. Vielleicht hatte er ja nicht ernst gemeint, was er vor seiner Abreise zu ihr gesagt hatte: „Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, cara, dass wir uns eine Weile nicht sehen. Du bist eine zu große Ablenkung für mich … meine Arbeit beginnt darunter zu leiden.“

Doch als sie in sein Büro gekommen war, hatte sie sofort gespürt, dass etwas nicht stimmte. Und bevor sie es sich anders überlegen konnte, hatte sie erklärt: „Ich muss dir etwas sagen.“ Nervös wrang sie die Hände, denn mit einem Mal fragte sie sich, ob es nicht vielleicht sehr naiv war, zu erwarten, dass er sich über die Neuigkeiten freuen würde. Vier Wochen hatten sie miteinander verbracht, ein glorreicher Monat. Aber war das überhaupt genug Zeit?

„Sam?“ Argwöhnisch schaute er sie an.

Sie holte tief Luft und wagte den Sprung ins kalte Wasser. „Ich bin schwanger, Rafaele.“

Die Worte hingen zwischen ihnen in der Luft, das Schweigen dehnte sich. Rafaele war bleich geworden, und in diesem Moment erkannte Sam, was für eine Närrin sie doch gewesen war.

Rafaeles grüne Augen stachen auf dem aschfahlen Gesicht heraus. „Wie?“ Mehr sagte er nicht.

Und Sam fühlte das Blut in ihren Adern gefrieren. „Vermutlich, als … als wir nicht aufgepasst haben.“

Wie lächerlich das klang, wenn man bedachte, wie oft sie „nicht aufgepasst“ hatten – unter der Dusche, im Salon seines Palazzos, weil sie es nicht mehr bis ins Schlafzimmer geschafft hatten, in der Küche ihres kleinen Apartments …

Sam brannte vor Verlegenheit. Jetzt kam ihr alles so … so billig vor. Es war nur Sex gewesen, mit Liebe hatte es nie zu tun gehabt. Hatte sie Rafaele je gekannt? Dieses Gefühl von Verwundbarkeit würde auf ewig in ihre Erinnerung eingebrannt bleiben.

Glühender Hass stand in seinen Augen, als er sie mit seinem Blick durchbohrte. „Du hast gesagt, du nimmst die Pille.“

Sam ging in Verteidigungshaltung. „Tue ich auch. Aber ich hatte dir ebenfalls gesagt, dass es eine der schwächeren Pillen ist, nicht unbedingt zur Verhütung gedacht. Und vor ein paar Wochen hatte ich Probleme mit dem Magen …“

Rafaele ließ sich auf seinen Stuhl fallen. Innerhalb von Sekunden schien er um Jahre gealtert. „Das kann einfach nicht wahr sein“, murmelte er vor sich hin.

Sie versuchte, ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten, wollte sich nicht von ihnen erdrücken lassen. „Für mich ist es genauso ein Schock wie für dich.“

Er lachte bitter auf. „Bist du dir sicher, dass es ein Schock für dich ist? Woher soll ich wissen, ob du das nicht alles genau geplant hast?“

Sam wankte zurück. „Du glaubst, ich wäre absichtlich schwanger geworden?“, brachte sie zitternd hervor.

Rafaele stand wieder auf und ging nervös im Zimmer auf und ab. Sein kaltes Lachen jagte Sam einen Schauer über den Rücken. „Ist ja nicht so, als hätte man noch nie davon gehört. So manche Frau sichert sich auf diese Weise die lebenslange Unterstützung eines reichen Mannes.“

Nein, sie hatte ihn nicht gekannt. Dass er so zynisch war, hatte sie nicht einmal geahnt. Sie stapfte auf seinen Schreibtisch zu, die Hände zu Fäusten geballt. „Du Mistkerl. So etwas würde ich niemals tun.“ Plötzlich erinnerte sie sich wieder an seinen Gesichtsausdruck, als sie vorhin in sein Büro gekommen war, und ihr dämmerte die bittere Wahrheit. „Du wolltest mir sagen, dass es aus ist, nicht wahr? Deshalb hast du mich hergerufen.“

Zumindest besaß er so viel Anstand, ihrem Blick auszuweichen. Doch als er ihr dann das Gesicht zuwandte, war es völlig ausdruckslos. „Ja.“

Ein einzelnes Wort, mehr nicht. Es bestätigte, dass Sam die ganze Zeit in einem Luftschloss gelebt hatte, sich vorgemacht hatte, dass das, was sie mit einem der größten Playboys der Welt hatte, anders wäre.

Aus Angst, jeden Moment in Tränen auszubrechen, schwang sie abrupt herum und rannte aus seinem Büro, zur Firma hinaus und versteckte sich in ihrem Apartment. Seine Versuche, sie zu kontaktieren, ignorierte sie.

Und irgendwann hatten dann plötzlich die Blutungen und Krämpfe eingesetzt. In ihrer Panik hatte sie Rafaele die Tür geöffnet und ihn mit den Worten empfangen: „Ich blute.“

Bleich und mit grimmigen Zügen fuhr er sie ins Krankenhaus. Auf der Fahrt hielt Sam sich mit beiden Händen den Bauch, versuchte, den kleinen Zellklumpen mit der Macht ihrer Gedanken dazu zu bringen, zu überleben. Bei ihr, die die eigene Mutter früh verloren und die bisher noch nie daran gedacht hatte, Kinder zu haben, setzte plötzlich ein so starker Mutterinstinkt ein, der sie bis in ihr Innerstes erschütterte.

In der Klinik konnte der freundliche Doktor sie dann beruhigen. Nein, sie habe keine Fehlgeburt erlitten, es handle sich lediglich um etwas stärkere Schmierblutung. Und die Krämpfe seien stressbedingt. Wenn sie Stresssituationen mied und sich mehr Ruhe gönnte, stehe einem normalen Schwangerschaftsverlauf nichts im Weg, lautete der Rat des Arztes.

Die Erleichterung überwältigte sie. Bis ihr wieder einfiel, dass Rafaele vor dem Krankenzimmer wartete. Er war ihr größter Stressfaktor, allein die Vorstellung, dass sie jetzt mit ihm reden sollte, ließ die Krämpfe zurückkehren.

Und den Mutterinstinkt. Sie musste ihr Kind beschützen. Ihr grauste davor, ihm zu sagen, dass sie keine Fehlgeburt erlitten hatte.

Die Krankenschwester ging hinaus und ließ die Tür offen stehen, und Sam konnte Rafaeles Stimme auf dem Gang hören.

„Ich muss mich hier noch um etwas kümmern. Nein, nein, nichts Wichtiges. Wir besprechen das, wenn ich zurück bin.“

Das Telefongespräch beendet, kam er zu ihr in den Raum. Aufgrund der ärztlichen Schweigepflicht wusste Rafaele offensichtlich nicht, ob sie eine Fehlgeburt gehabt hatte oder nicht. Er ging wohl davon aus, dass es so war. Sam hielt den Kopf zum Fenster gedreht und starrte hinaus, zwang sich, ruhig zu bleiben und sich nicht aufzuregen. Das Baby hatte absoluten Vorrang.

Rafaele trat an ihr Bett. „Sam …“

Sie sah ihn nicht an. „Was?“

Er seufzte. „Es tut mir unglaublich leid, dass das passiert ist. Wir hätten nie etwas miteinander anfangen sollen.“

Sam fühlte sich nur leer. „Nein, das hätten wir nicht“, stimmte sie tonlos zu.

Auch wenn da diese kleine Stimme sie drängte, ihn aufzuklären … Sie war so wütend auf ihn, dass sich die Krämpfe schon wieder ankündigten. Die Angst um ihr Baby ließ sie den Kopf zu ihm drehen. „Es ist vorbei. Ich soll über Nacht zur Beobachtung in der Klinik bleiben. Morgen fliege ich nach Hause.“ Er war bleich, trotzdem hätte Sam ihn am liebsten geohrfeigt. Er empfand genauso wenig für sie wie für das Baby. „Bitte geh, Rafaele. Lass mich allein.“

Rafaele schaute auf sie herunter, der Ausdruck in seinen grünen Augen war nicht zu entziffern. „Es ist besser so, cara. Glaub mir … du bist jung, vor dir liegt eine glänzende Karriere. Schließlich war es ja nichts Ernstes, nicht wahr?“

Und in diesem Moment beschloss Sam, ihr Leben ausschließlich ihrer Karriere und ihrem Baby zu widmen …

„Mummy, ich will Schokopops!“

Blinzelnd kehrte Sam in die Gegenwart zurück. Milo. Frühstück. Sie verdrängte die trüben Erinnerungen, ignorierte das Schuldgefühl und bereitete Frühstück für ihren Sohn zu.

Sam spülte gerade in der Küche das Geschirr vom Abendessen ab, als es an der Haustür klingelte. Milo saß im Wohnzimmer auf dem Teppich und spielte mit seinen Autos. Vermutlich Bridie, die den Schlüssel vergessen hat, dachte Sam, als sie zur Tür ging, um zu öffnen.

Doch wer da in der Dämmerung des kalten Winterabends vor der Tür stand, war nicht Bridie. Es war jemand, der wesentlich größer war und definitiv männlich.

Rafaele Falcone.

Ihr Verstand hatte Mühe, die Information zu verarbeiten. Die Zeit schien stehen zu bleiben. Fast gleichgültig nahm sie die Details wahr: ausgewaschene Jeans, speckige Lederjacke. Dichtes dunkles Haar, das er etwas zu lang trug. Die faszinierenden grünen Augen. Der kleine Hügel auf der Patriziernase, der ihm die Aura von Arroganz verlieh. Die markanten Züge und die olivgoldene Haut, die seine Herkunft aus einem exotischeren Land als dem verregneten kalten England auswiesen.

Und sein Mund. Dieser Mund, wie geschaffen für die Leidenschaft, voller Versprechen auf das sinnliche Nirwana. Es sei denn, diese Lippen pressten sich grimmig zusammen, so wie beim letzten Mal, als sie ihn gesehen hatte.

„Samantha.“

Seine Stimme riss sie in die Realität zurück. Ihr wurde bewusst, dass sie den Atem angehalten und ihn angestarrt hatte wie ein Groupie. Und dass sie hier in ihrer üblichen Wochenendmontur vor ihm stand – alte Jeans, dicke Wollsocken und kariertes Flanellhemd.

Seine Lippen verzogen sich zu diesem sündhaft sexy Lächeln. „Möchtest du mich nicht hereinbitten? Es ist wirklich kalt hier draußen.“

Sam hielt sich am Türrahmen fest. Milo. Die Panik riss sie endlich aus der Starre. „Jetzt passt es wirklich nicht. Ich weiß auch nicht, weshalb du gekommen bist. Ich habe doch deutlich gemacht, dass ich kein Interesse habe.“

Vier Jahre waren vergangen, und in dieser Zeit hatte sie sich verändert. Sie fühlte sich älter, müder. Rafaele dagegen sah noch besser aus als früher. Es war so unfair. Was wusste er schon davon, wie es ihr in den letzten vier Jahren ergangen war? Nichts. Weil du es ihm nicht gesagt hast, erinnerte sie eine leise Stimme in ihrem Hinterkopf. „Was willst du hier, Rafaele? Hast du nichts Besseres an einem Samstagabend zu tun?“ Sam überraschte sich selbst, wie verbittert sie klang.

Rafaele gab sich unbeeindruckt. „Ich dachte mir, wenn ich persönlich komme, hörst du dir mein Angebot vielleicht an.“

Ein Hauch Rot zog auf seine Wangenknochen, aber Sam bemerkte es gar nicht. Denn in diesem Moment ertönte hinter ihr ein hohes „Mummy!“, dann das Trippeln von kleinen Füßen, und dann prallte Milo mit vollem Tempo gegen ihr Bein und klammerte sich mit beiden Armen um ihren Schenkel. Vorsichtig lugte er an ihr vorbei, um zu sehen, wer da vor der Tür stand.

„Wie schon gesagt, es ist keine gute Gelegenheit.“ Ihre Stimme klang rau und belegt.

Rafaele stutzte, mit einem Kind hatte er offensichtlich nicht gerechnet. „Entschuldige“, sagte er steif. „Ich hätte es wissen müssen … Natürlich, vier Jahre sind eine lange Zeit … Du bist verheiratet, hast Kinder …“

Doch dann ging sein Blick zu dem kleinen Kindergesichtchen hinter ihr, und Sam konnte sehen, wie seine Augen sich weiteten. Milo stand jetzt an ihrer Seite, hatte seine Hand in ihre geschoben. Große grüne Kinderaugen blickten voller Unschuld in die Augen des erwachsenen Mannes, Augen von der gleichen ungewöhnlichen Farbe.

Für eine halbe Ewigkeit starrte Rafaele auf den kleinen Jungen, dann runzelte er die Stirn … und wirkte plötzlich wie jemand, der einen Schlag in den Magen bekommen hatte. Er hob den Kopf und blickte Sam an, und sie wusste genau, was er in ihrem Gesicht lesen konnte: Panik. Schuld.

Und von einer Sekunde auf die andere glitzerten seine Augen kalt wie Eis, und Sam wusste, dass er verstand.

2. KAPITEL

„Mummy, sehen wir uns jetzt die Autos im Fernsehen an?“

Sam strich Milo übers Haar. „Warum gehst du nicht schon vor? Ich komme in einer Minute nach“, sagte sie leise.

Milo stürmte wieder davon, und eisernes Schweigen dehnte sich zwischen Sam und Rafaele. Er wusste es, sie konnte es bis ins Mark spüren. Er hatte es gewusst, sobald er in die Augen seines Sohnes gesehen hatte. Die gleichen Augen wie seine. Sie hasste es, dass etwas in ihr weich wurde, nur weil er seinen Sohn gleich erkannt hatte.

„Lass mich ins Haus, Samantha“, verlangte er. „Sofort.“

Mit zittrigen Knien trat sie beiseite und zog die Tür weiter auf. Mit seinen breiten Schultern und seiner Größe ließ Rafaele den Flur schrumpfen, füllte den schmalen Raum mit seinem dezenten Duft von würzigen Aromen und Gräsern, und trotz des Schocks rauschte Sam bei dem vertrauten Duft das Blut durch die Adern.

Sam schloss die Haustür und ging Rafaele voraus zur Küche. Als sie die Tür des Wohnzimmers, in dem Milo saß und sich seine Lieblingsautoshow im Fernsehen ansah, zuziehen wollte, erklang eine scharfe Anweisung hinter ihr.

„Lass sie offen.“

Sam ließ die Hand sinken und versteifte sich. Rafaele studierte Milo, der, seine Spielzeugautos in der Hand, fasziniert auf die Autos auf dem Bildschirm starrte. Hätten seine Augenfarbe und seine dunkle Haut ihn nicht schon längst verraten, hätte seine Begeisterung für Autos der schlechteste Witz überhaupt sein können.

Sam ging weiter durch zur Küche. Sie konnte ihre Beine nicht mehr spüren, ihr war übel und schwindlig. Rafaele folgte ihr in die Küche, er war bleich geworden unter seiner Bräune, und er sah aus, als würde er vor Wut gleich explodieren.

„Das ist wohl jetzt der Moment, in dem du mir weismachen wirst, dass dieser kleine Jungen da vorn nicht drei Jahre und ungefähr drei Monate alt ist, dass er nicht die gleiche Augenfarbe hat wie ich und dass er nicht mein Sohn ist, oder?“

Sam schluckte. „Er ist …“ Selbst jetzt noch suchte sie verzweifelt nach etwas, an dem sie sich festhalten, irgendetwas, wie sie sich rechtfertigen konnte. Er ist sein Vater. Sie hatte nicht das Recht dazu. „Er ist dein Sohn.“

Drückendes Schweigen dehnte sich, dann fragte Rafaele: „Es ist also wahr?“

Sam nickte stumm. Eine Welle der Übelkeit riss sie mit sich.

„Kein Wunder, dass du mich schnellstmöglich loswerden wolltest“, konstatierte er. Wie ein Tiger im Käfig lief er in der kleinen Küche auf und ab, schwang dann abrupt zu Sam herum. „Bist du verheiratet?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein.“

„Und wenn ich nicht heute hier aufgetaucht wäre, hättest du mich weiter im Dunkeln gelassen?“

Sam krümmte sich innerlich. „Ich … ich weiß es nicht.“ Noch während sie die Worte aussprach, erkannte sie jedoch, dass sie nicht länger mit dem Schuldgefühl hätte leben können. Sie hätte es ihm gesagt. Irgendwann.

Mit seinen faszinierend grünen Augen hielt er ihren Blick gefangen. „Du Miststück.“

Sie zuckte zusammen, als hätte er sie geohrfeigt. „Du wolltest kein Baby“, flüsterte sie matt. „Und ich dachte, ich hätte eine Fehlgeburt erlitten, bis der Arzt mir nach der Untersuchung mitteilte, dass die Blutung harmlos war.“

„Und deshalb lügst du mich also an und lässt mich gehen.“

„Ich habe nicht gelogen … Du warst davon ausgegangen …“

„Weshalb hast du es mir nicht gesagt?“

„Du wolltest es doch gar nicht wissen.“ Wie engstirnig sich das heute anhörte.

„Und woher nahmst du diese Überzeugung?“

Sam fühlte seine Wut in jedem einzelnen seiner Worte. „So, wie du reagiert hast, als ich dir sagte, dass ich schwanger war …“ Sie fühlte wieder den unbeschreiblichen Schmerz, als ihr damals klar geworden war, dass er die Beziehung hatte beenden wollen. „Und dann aus dem, was du später im Krankenhaus am Telefon gesagt hast. Ich habe es gehört.“

Er runzelte die Stirn. „Was habe ich denn gesagt?“

Ihre Energie schwand mehr und mehr, als die Erinnerung zurückkam. „Du hast gesagt, dass du dich um etwas Unwichtiges kümmern musst.“

Rafaele ballte die Hände zu Fäusten. „Dio, Samantha. Ich erinnere mich nicht einmal, dass ich telefoniert habe. Wahrscheinlich hat mein Assistent angerufen. Ich dachte, du hättest gerade eine Fehlgeburt gehabt. Hätte ich das übers Telefon verkünden sollen?“

Sam schluckte. „Nein, vermutlich nicht“, gab sie zu. „Aber woher hätte ich das wissen sollen? Ich konnte doch nur sehen, wie erleichtert du warst, dass es kein Baby gab, das dein Leben durcheinanderbringen würde, und du beruhigt gehen konntest.“

Er stand kurz davor, seine Fassung zu verlieren. „Muss ich dich daran erinnern, dass ich ebenfalls unter Schock stand? Und zu dem Zeitpunkt dachte ich, dass es kein Baby mehr gab!“

In diesem Moment ließ sich eine unsichere Stimme von der Küchentür vernehmen. „Mummy?“

Sofort drehte Sams Welt sich nur noch um Milo. Verängstigt sah der Junge zu den beiden Erwachsenen hin, seine Unterlippe bebte verdächtig, weil er die Spannung spüren konnte. Sam lief zu ihm und nahm ihn auf den Arm, und er klammerte sich an sie. In Gegenwart von Männern wurde er immer scheu, schließlich gab es nicht viele in seinem Leben.

„Warum ist der Mann hier?“ Die Arme um den Hals seiner Mutter geschlungen, warf er einen misstrauischen Blick hinüber zu Rafaele.

Sam streichelte ihm tröstend über den Rücken und bemühte sich, ihre Stimme normal klingen zu lassen. „Das ist ein alter Freund von Mummy. Er kam vorbei, um Hallo zu sagen. Und er geht auch gleich wieder.“

Das beruhigte Milo. „Gut. Sehen wir uns jetzt die Autos an?“

Sam zwang sich zu einem Lächeln. „Natürlich, mein Schatz. Sobald ich Mr. Falcone verabschiedet habe, abgemacht?“

„Fein.“ Milo wand sich aus Sams Armen und rannte zur Küche hinaus.

Sam blickte zu Rafaele. Unzählige verschiedene Emotionen huschten über sein Gesicht. „Bitte, du wirst jetzt gehen müssen“, drängte sie ihn. „Es würde den Jungen nur verwirren, wenn du bleibst.“

Sie wich zurück, als Rafaele auf sie zukam, bis der Herd ihren weiteren Rückzug vereitelte. Rafaeles männlicher Duft hüllte sie ein, und ihr Puls begann zu rasen.

„Es ist noch nicht vorbei, Samantha. Ich gehe, weil ich den Jungen nicht aufregen will, aber du wirst von mir hören.“

Es wunderte sie, dass sein wütender Blick sie nicht in Flammen aufgehen ließ. Nach einem langen Augenblick machte Rafaele auf dem Absatz kehrt und ließ sie stehen. Sam hörte einen Wagenmotor draußen auf der Straße aufheulen, dann entfernte sich das sonore Dröhnen dankbarerweise schnell.

Völlig erschöpft ließ sie sich auf einen Stuhl sinken. Sie zitterte.

„Mummy!“, drang der ungeduldige Ruf aus dem Wohnzimmer zu ihr.

„Ich komme gleich“, rief sie zurück. „Nur noch eine Minute.“

In diesem Zustand durfte Milo sie nicht sehen – benommen, fassungslos, erschüttert von dem ersten Wiedersehen mit Rafaele nach jener schrecklichen Zeit.

Als sie sich wieder ein wenig gefasst hatte, ging sie zu Milo ins Wohnzimmer und setzte sich neben ihn auf den Boden. Er kletterte auf ihren Schoß, ohne seine geliebten Autos auf dem Bildschirm aus den Augen zu lassen, und sie drückte ihm einen zärtlichen Kuss aufs Haar.

Noch immer hallten Rafaeles Worte in ihrem Kopf nach: Es ist noch nicht vorbei, du wirst von mir hören.

Sie erschauerte. Sie wollte nicht einmal daran denken, was ihr dann bevorstand.

Am Montagmorgen betrat Sam den Konferenzraum der Universität für das wöchentliche Meeting und setzte sich mit den anderen an den langen Tisch. Ihre Augen brannten vor Müdigkeit, denn verständlicherweise hatte sie übers Wochenende nicht viel geschlafen, hatte ständig damit gerechnet, dass Rafaele jeden Moment auftauchen könnte. Eine kleine gemeine Stimme in ihrem Kopf flüsterte ihr zu, dass sie es nicht anders verdient hatte, aber sie drängte sie zurück und sagte sich trotzig, dass sie damals richtig gehandelt hatte. Sie würde heute genauso entscheiden, schon aus dem einfachen Grund, weil sie es nie ertragen hätte, Rafaele mit der Verantwortung für ein Baby zu erpressen. Der Stress hätte vielleicht wirklich zu einer Fehlgeburt geführt.

Gertie kam angehetzt und setzte sich atemlos neben sie. „Sie raten nie, was übers Wochenende passiert ist …“

Sam kannte Gerties Vorliebe für Klatsch, nur hatte sie jetzt überhaupt kein Ohr für die neuesten Gerüchte an der Uni. Doch dann wurde die Miene der Sekretärin plötzlich ernst, und Sam sah, dass der Dekan der Abteilung den Raum betrat.

Als sie den Mann erkannte, der nur einen Schritt hinter dem Dekan folgte, setzte ihr Herzschlag aus.

Rafaele.

Sie fürchtete, jede Sekunde in Ohnmacht zu fallen. Die Finger krampfhaft um die Tischkante geklammert, verfolgte sie mit wachsenden Schrecken mit, wie sich die beiden Männer Seite an Seite an das Kopfende setzten. In dieser nüchternen akademischen Welt wirkte Rafaele mit seinem exotischen Aussehen völlig fehl am Platz.

Er sah nicht einmal zu ihr hin, lehnte sich lässig in den Stuhl zurück und öffnete langsam die Knöpfe seines maßgeschneiderten Anzugjacketts …

Sam war wie hypnotisiert. Das konnte nur ein Traum sein, jeden Moment würde sie aufwachen … Aber da stieß Gertie ihr den Ellbogen in die Seite und flüsterte ihr zu: „Sehen Sie, genau das wollte ich Ihnen ja gerade erzählen.“ Der strenge Blick des Dekans ließ sie jedoch verstummen.

Im nächsten Moment traf Sam der Blick aus Rafaeles grünen Augen, und sie wusste, es war kein Traum. Da lag ein unmissverständlich triumphierendes Glitzern in seinen Augen, und um seine Lippen spielte ein selbstzufriedenes kleines Lächeln.

Der Dekan stand auf und räusperte sich, hob zu einer Rede an, doch Sam fing nur Fetzen davon auf. Sie konnte den Blick nicht von Rafaele wenden, und er sah ihr unverwandt direkt in die Augen.

„Falcone Industries … geehrt, dass Mr. Falcone persönlich die Forschungsgelder bereitstellt … entzückt über die Zusage … garantierte Subventionen auf unbefristete Zeit …“

Dann erhob Rafaele sich, und jetzt hätte man eine Stecknadel im Raum fallen hören können. Mit seinem Charisma hielt er die Anwesenden mühelos gefesselt. Endlich wandte er auch den Blick von Samantha ab, und sie hatte das Gefühl, wieder normal atmen zu können. Dennoch nahm sie kaum etwas von Rafaeles Vortrag wahr. Ihr Puls raste, in ihrem Kopf drehte sich alles. Sie versuchte zu begreifen, welche Auswirkungen diese Entwicklung haben könnte, doch ihr Verstand wollte einfach nicht funktionieren.

„Samantha …“

Verwirrt sah sie auf, als ihr Chef sich direkt an sie wandte. Nur hatte sie kein Wort von dem, was er gesagt hatte, gehört.

„Entschuldigung, Bill, was sagten Sie?“ Sie wunderte sich, dass sie überhaupt sprechen konnte.

„Ich sagte“, wiederholte er, eindeutig verärgert über ihre geistige Abwesenheit, wenn doch ein solch illustrer Gast anwesend war, „dass Sie ab nächster Woche bei Falcone Industries arbeiten werden. Sie werden dort eine Entwicklungsabteilung aufbauen, die eng mit unserer Abteilung hier an der Universität kooperieren wird.“

Sam fühlte sich, als wäre ihr der Boden unter den Füßen weggerissen worden, während der Dekan sich wieder an die anderen Anwesenden wandte.

„Ich muss wohl nicht betonen, welch einmalige Chance es für uns ist, unsere Arbeit in einem so erfolgreichen Unternehmen wie Falcone Motors vorantreiben zu können, noch dazu mit einer gesicherten Finanzierung von mindestens fünf Jahren. Damit sind wir anderen Abteilungen meilenweit voraus. Es ist praktisch die Garantie für unseren Erfolg.“

Sam hielt es nicht mehr aus. In blinder Panik stand sie auf, murmelte etwas davon, dass sie dringend frische Luft brauche, und floh aus dem Raum.

Ungerührt blickte Rafaele Sam nach. Seit dem Abend stand er unter Schock, er funktionierte mehr oder wenig auf Automatik. Seine Wut war zu explosiv, um sie herauszulassen. Und verstärkt wurde sie noch, wenn er sich die Frage erlaubte, weshalb er so intensiv fühlen sollte.

Sams Chef ließ einen missbilligenden Laut über Sams hastigen Abgang hören, doch Rafaele fühlte nur Befriedigung. Er hatte das Bedürfnis, Sam so durcheinanderzubringen, wie sie ihn durcheinandergebracht hatte.

Jetzt, da er ihr Geheimnis kannte, verstand er auch ihren Unwillen, über den Job zu reden, den er ihr hatte anbieten wollen. Aber ein Anruf war ausreichend gewesen, und sein Team hatte alles in Bewegung gesetzt, um die Entwicklungsabteilung der Universität zu übernehmen, und alles für dieses Meeting arrangiert.

Sam hatte nicht das Recht gehabt, ihm seinen Sohn drei lange Jahre vorzuenthalten. Er selbst war in dem Alter gewesen, als seine Welt eingestürzt war – als er seinen Vater auf den Knien vor seiner Mutter gesehen hatte, wie er sie tränenüberströmt anflehte, ihn nicht zu verlassen.

„Steh auf, Umberto“, hatte sie gesagt. „Du machst dich lächerlich vor den Augen deines Sohnes. Was für ein Mann soll denn aus ihm werden, mit einem solchen Häufchen Elend als Vater?“

Ja, was für ein Mann war aus ihm geworden?

Ein Mann, der wusste, dass ein solides Fundament das Wichtigste im Leben war. Sicherheit. Erfolg. Er hatte sich geschworen, sich niemals zu einem Nichts reduzieren zu lassen, wie er es bei seinem Vater gesehen hatte. Gefühle waren gefährlich, sie besaßen die Macht, einen Menschen entgleisen zu lassen. Und Frauen waren launische Geschöpfe. Sie gingen, ohne einen Blick zurück zu werfen. Oder verschwiegen einem Mann die Existenz des eigenen Kindes.

Am Sonntag war er noch einmal zu Sams Adresse gefahren, hatte sie zur Rede stellen wollen, doch gerade, als er in die Straße einbog, hatten sie und Milo zusammen das Haus verlassen. Er war ihnen bis zu dem kleinen Nachbarschaftspark gefolgt, hatte ihnen heimlich beim Spielen zugesehen, während in ihm die Emotionen tobten. Seinen kleinen Sohn zu beobachten, wie er lachend und übermütig herumtollte, hatte ein fremdes Gefühl in ihm aufschwellen lassen. Stolz … und noch etwas anderes, das er nicht benennen konnte. Doch es hatte ihn auch an den schwärzesten Tag seines Lebens zurückdenken lassen – als seine Mutter ihn an der Hand aus seinem Zuhause gezerrt hatte, sein Vater schluchzend auf dem Boden zusammengesunken.

Das war einer der Gründe, weshalb Rafaele niemals Kinder hatte haben wollen. Kinder waren zu leicht zu verletzen, diese Verantwortung war ihm zu groß. Niemand wusste besser als er, wie Kindheitserfahrungen einen Menschen prägen konnten, wie sehr die Abwesenheit eines Vaters an einem Kind fraß. Und er hätte nie erwartet, von einer solchen Flut von Gefühlen überrollt zu werden und eine direkte Bindung zu seinem Kind zu fühlen, von dessen Existenz er bisher nicht gewusst hatte.

Sein Entschluss stand fest. Unter keinen Umständen würde er seinen Sohn aufgeben und ihn durchmachen lassen, was er durchgemacht hatte.

Mit einer gemurmelten Entschuldigung verließ er den Konferenzsaal. Er musste mit Sam reden.

Auf der Damentoilette spritzte Sam sich kaltes Wasser ins Gesicht. Aus dem Spiegel schaute ihr ein leichenblasses Gesicht entgegen, sie fühlte sich schwach und elend und wusste doch, dass sie wieder in den Konferenzsaal zurückkehren musste.

Als die Tür aufging, hoffte Sam, es möge Gertie sein, doch die feinen Härchen in ihrem Nacken richteten sich auf, und sie wusste, sie hoffte vergebens.

Rafaele stand in der Tür, groß und dunkel, und selbst jetzt begann ihr Körper vor Erregung zu zittern, als ihr Blick auf den Mann fiel, der sie in die Welt der Sinnlichkeit eingeführt hatte. Sie verkniff sich die bissige Bemerkung, dass selbst das grelle Neonlicht seinem strahlenden Aussehen keinen Abbruch tat.

Ärger wallte auf, und daran hielt Sam sich fest. „Was soll das, Rafaele?“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Wie kannst du es wagen, deinen Einfluss hier an der Universität zu nutzen, nur um es mir heimzuzahlen? Du spielst hier mit Menschen. Die Leute haben Jahre ihres Lebens in die Forschung investiert. Und dann kommst du und machst ihnen leere Versprechungen und …“

„Genug.“ Seine Stimme hallte harsch an den Fliesen des Waschraums wider. „Das sind keine leeren Versprechungen, im Gegenteil. Es ist mir absolut ernst. Wenn du dich erinnern willst … ich wollte dir bereits einen Job in meiner Firma anbieten. Ich bin fest entschlossen, deine Expertise für mein Vorhaben zu nutzen.“ Er zuckte lässig mit den Schultern. „Jede Autofirma sucht heutzutage nach neuen Technologien. Du allein hast dieses Entwicklungsprojekt auf eine einzigartige Ebene gehoben.“

Sam fasste das nicht als Anerkennung ihrer beruflichen Fähigkeiten auf. „Das mag sein“, presste sie hervor, „aber da du jetzt von Milo weißt, willst du dich an mir rächen.“ Sie konnte die Verbitterung in ihrer Stimme nicht zurückhalten. „Und da du die finanziellen Möglichkeiten hast, übernimmst du einfach die ganze Abteilung, um dein Ziel zu erreichen.“

Panik griff nach ihr, als sie sich daran erinnerte, was ihr Chef gesagt hatte – dass sie vor Ort in Rafaeles Betrieb arbeiten sollte. Nur zu gut konnte sie sich noch daran erinnern, wie es gewesen war, in Mailand für ihn zu arbeiten – und wie leicht es ihm gefallen war, sie zu verführen. Sich jetzt wieder in die gleiche Situation zu begeben, selbst wenn Rafaele sie heute wohl lieber erwürgt als verführt hätte, trieb ihr den kalten Schweiß auf die Stirn. „Ich werde nicht für dich arbeiten. Ich bleibe hier an der Universität.“

Er kam langsam auf sie zu, und Sam erkannte die eiserne Entschlossenheit in seinem Blick. Ihr Magen verkrampfte sich.

„Oh doch, du wirst für mich arbeiten. Oder die Vereinbarung ist hinfällig und alle deine Kollegen sind wieder genau da, wo sie jetzt sind. Dein Chef hat mir anvertraut, dass er aufgrund gekürzter Gelder einige Leute gehen lassen muss. Hätte ich meine Zusage nicht gegeben, wärt ihr heute darüber informiert worden.“

Ja, Sam hatte die Gerüchte gehört, schon seit Wochen kursierten sie. Und wieder wurde ihr bewusst, wie skrupellos Rafaele war. „Mistkerl“, fauchte sie.

„Wohl kaum.“ Er blieb völlig ungerührt. „Ich sichere Arbeitsplätze – wenn du die richtige Entscheidung triffst und dich meinen Wünschen beugst. Und das ist erst der Anfang, Samantha.“

Ihr Blut gefror zu Eis. „Der Anfang von was?“

Zu spät registrierte sie, wie nahe er ihr vor ihr stand. Und plötzlich lag seine Hand an ihrer Wange. Sie konnte die leichten Schwielen fühlen, und sie erinnerte sich daran, wie gerne er selbst an seinen Motoren arbeitete, ohne Rücksicht auf seinen Status. Das war eines von den Dingen, die sie gleich zu Anfang an ihm beeindruckt hatten.

Jetzt beschwor seine Berührung eine tiefe Sehnsucht in ihr herauf, jede Zelle in ihrem Körper vibrierte. Sie schmolz dahin, Hitze durchströmte sie, sammelte sich in ihrem Schoß.

Und er schnitt die nie verheilte Wunde in ihrem Herzen erneut auf. „Der Anfang der Vergeltung, Samantha. Du schuldest mir etwas, weil du mir meinen Sohn über drei Jahre vorenthalten hast. Das werde ich dich nie vergessen lassen.“

Für einen Moment hatte Rafaele vergessen, wo er war und mit wem er redete. Sams seidige Haut, feiner als Murano-Glas, an seiner Handfläche zu fühlen, weckte das Bedürfnis in ihm, die Hand an ihren Nacken zu legen und sie an sich zu ziehen, damit er seine Lippen auf diesen rosigen Mund pressen konnte … Doch dann wurde ihm klar, was er da tat.

Mit einem gemurmelten Fluch ließ er seine Hand sinken und wich zurück. Sam starrte ihn stumm an. Sie blinzelte, und dann klärte sich der Ausdruck in ihren Augen. Das wütende Glitzern schwand.

Sie änderte die Taktik, streckte eine Hand aus und flüsterte rau: „Bitte, Rafaele, wir sollten darüber reden …“

„Nein.“ Ein Wort nur, harsch ausgestoßen, und es hielt sie auf. Alles in Rafaele versteifte sich. Sie hatte den flüchtigen Moment seiner Schwäche gespürt und ihn für sich nutzen wollen. Hatte an sein Gewissen appellieren wollen. Weil die Schatten unter ihren Augen sie verletzlich und zerbrechlich aussehen ließen.

Jahrelang hatte er bei seiner Mutter mit ansehen können, wie sie diese Taktik genutzt hatte – sich zerbrechlich und schwach gegeben hatte, nur um dann mitzuverfolgen, wie ihre Züge eiskalt und hart wurden, sobald sie ihr Ziel erreicht hatte und sie sich unbeobachtet glaubte. An dem Tag, an dem sie seinen Vater verlassen hatte, hatte es nicht die geringste Spur von Mitgefühl gegeben.

Nie hätte er Sam für eine solche Frau gehalten, doch was sie getan hatte, war sogar noch schlimmer. Sie hatte ihm den Sohn verheimlicht.

Seine Wut gewann die Oberhand. „Wärst du ein Mann …“, stieß er aus.

Herausfordernd hob Sam das Kinn an, von Verletzlichkeit war ihr nichts mehr anzusehen. „Was dann? Würdest du mich dann schlagen? Nur zu, halte dich nicht zurück.“

Zornig starrte er auf ihre an den Seiten geballten Fäuste. „Ich erhebe meine Hand nicht gegen Frauen. Gegen niemanden. Aber zum ersten Mal im Leben habe ich das Bedürfnis verspürt, als mir klar wurde, dass der Junge mein Sohn ist.“ Die Worte flossen jetzt aus ihm heraus, ließen sich nicht eindämmen. „Mein Sohn, Sam. Mein Fleisch und Blut. Er ist ein Falcone. Dio! Du hast Gott gespielt, hast allein beschlossen, mich aus seinem Leben zu verbannen.“

Auf Sams Wangen brannten rote Flecken, sie hob das Kinn noch höher. „Ich muss dich wohl ein weiteres Mal daran erinnern, dass du an jenem Tag gar nicht schnell genug aus der Klinik abhauen konntest, oder? Du hast kein Hehl aus deiner Erleichterung gemacht, dass du noch einmal glimpflich davongekommen bist. Und du hast mich auch nie offen gefragt.“

Rafaele schluckte. Er musste zugeben, dass er nur daran gedacht hatte, diese großen grauen Augen, die Emotionen, den Schock hinter sich zu lassen. Das Bewusstsein, wie tief Sam ihm unter der Haut gegangen war. „Ich wollte nie Kinder haben, stimmt“, presste er hervor. „Aber du hast auch nichts getan, um meine falsche Annahme zu berichtigen.“

„Du warst doch froh, mich fallen lassen zu können. Also schiebe mir jetzt nicht die Schuld zu, dass ich es für besser hielt, meine Entscheidung allein zu treffen.“

Rafaele blickte hinüber zu Sam, und alles, was er sehen konnte, waren ihre Augen, grau wie der englische Regenhimmel. Sie zog ihn schon wieder in ihren Bann, aber das würde er nicht erlauben. Sie hatte ihn über ihren gemeinsamen Sohn im Dunkeln gelassen.

Er schüttelte den Kopf. „Nein, das ist keine Entschuldigung.“

„Und es war auch keine Ermutigung für mich, als ich kurz danach die Zeitungsberichte über dich mit all den anderen Frauen sah.“

Sie atmete schwer, und er konnte sehen, wie ihre Brüste sich hoben und senkten. Hitze schoss in seine Lenden, aber er verdrängte es unerbittlich. Verdrängte es genau wie die Erinnerung, dass er nach Sams Abreise ein ganzes Jahr mit keiner anderen Frau geschlafen hatte. Er hatte sich alle Mühe gegeben, den Schein zu wahren, doch jedes Mal, wenn es sich fast ergeben hätte, war irgendeine Tür in ihm zugeschlagen. Und seither? Seit Sam waren seine Erfahrungen mit Frauen nicht sehr befriedigend. Jetzt daran erinnert zu werden, stieß ihm bitter auf.

Er kniff die Augen zusammen. „Wage es nicht, mir die Schuld zuzuschieben, nur um von deiner abzulenken.“ Sie hatte seinen Sohn geboren und es ihm verschwiegen!

„Der Himmel bewahre mich davor, dass ich vergesse, worum es in unserer Beziehung ging – um Sex, um mehr nicht! Das hast du ja auch immer wieder klargestellt. Wie oft hast du mich gewarnt, mich nicht in dich zu verlieben, nicht wahr? Weil du ja für so etwas nicht gemacht bist.“

„Und trotzdem hast du dich verliebt, oder?“ Es klang wie ein Vorwurf, und er sah, wie Sam blass wurde.

„Ich dachte tatsächlich, ich würde dich lieben.“ Abfällig verzog sie den Mund. „Immerhin warst du mein erster Mann, und es ist doch ganz normal, Gefühle für einen ersten Liebhaber zu entwickeln, oder nicht? War das nicht eine von deinen hilfreichen Warnungen, die du mir gegeben hast?“

Ein Bild blitzte vor Rafaele auf – Sam nackt auf dem Bett ausgestreckt, ihre festen Brüste, ihre schmale Taille, ihre langen Beine. Haut so hell und makellos wie Alabaster. Und die brennende Leidenschaft. Nie würde er das Gefühl vergessen, als er sie zum ersten Mal in Besitz genommen hatte. Es war die erotischste Erinnerung seines Lebens.

„Aber keine Sorge“, fuhr sie fort. „Das hat sich schnell gelegt, als ich mich der Realität der Schwangerschaft und eines Babys stellen musste.“

„Eine Realität, der du dich aufgrund deiner Entscheidung allein hast stellen müssen“, stieß er aus. Er war wütend auf sich, dass sich diese sündige Erinnerung so leicht wieder in seinen Kopf geschlichen hatte. Sam schien die Fähigkeit zu besitzen, seinen Verstand zu vernebeln. Deshalb entschloss er sich für eine andere Taktik. „War das als meine Strafe gedacht, Sam, hm? Weil ich fertig mit dir war und nichts mehr von dir wollte? Weil ich das Baby nicht wollte? Denn zu unserer Beziehung hatte nie ein Baby gehört.“

Rafaele wollte nur noch eins: Sam tief verletzen. „Ich denke, das Problem liegt darin, dass du dich in mich verliebt hast, ich mich aber nicht in dich. Und dafür wolltest du mich bestrafen.“

3. KAPITEL

In diesem Moment holte Sam aus. Ihre Hand landete auf seiner Wange, noch bevor sie überhaupt wusste, was sie tat. In der drückenden Stille danach wurde ihr klar, woher der Impuls stammte: Rafaele hatte ihre schlimmsten Ängste in Worte gefasst.

Die Wange flammend rot, stieß Rafaele einen Fluch aus, dann riss er Sam an sich und presste wütend seinen Mund auf ihre Lippen.

Der Schock ließ alles in ihr erstarren, doch was dann passierte, wäre niemals geschehen, würde auch nur noch eine Hirnzelle in ihrem Kopf arbeiten. Es war ihr verräterischer Körper, der übernahm und ihren Verstand ganz ausschaltete.

Sie küsste Rafaele zurück, ihre Wut ebenso lodernd wie seine. Weil er sie bloßgestellt hatte. Weil er es ausgesprochen und sie damit beschämt hatte. Sie war wütend auf ihn, weil er sie dazu brachte, ihn zu wollen. Weil er sie dazu brachte, sich zu erinnern. Und sie nur küsste, um ihr zu beweisen, dass sie sich noch immer nach ihm sehnte.

Ihre Finger krallten sich in seine Jacke. Sie schmeckte Blut auf ihrer Zunge, und doch war es nicht Schmerz, was sie spürte, sondern Leidenschaft. Leidenschaft, die ihre Sinne in einen wirbelnden Strudel sog. Sie spürte Rafaeles Griff an ihren Oberarmen und das Brennen von Tränen in ihren Augen, als Frustration sich in das Gefühlschaos mischte.

Als sie die Lider hob, blickte sie in sturmumtoste grüne Ozeane. Rafaele wich ruckartig von ihr zurück, doch Sam hörte nur das Hämmern des eigenen Herzschlags in ihren Ohren. Sie ließ seine Jacke los, ihre Hände zitterten.

„Du blutest …“

Sie berührte ihre Lippen und zuckte zusammen, als sie das Brennen spürte. Sie musste hier weg, weg von ihm, bevor er erkannte, was sich hinter ihrer Wut wirklich verbarg – die Sehnsucht nach mehr. „Ich muss gehen. Sie werden sich fragen, wo ich bleibe.“ Sie konnte ihn nicht ansehen.

„Sam …“

„Nein“, fiel sie ihm ins Wort. „Nicht hier.“

Er mahlte mit den Zähnen. „Nun gut. Ich schicke dir heute Abend meinen Wagen. Wir unterhalten uns bei mir.“

Der Schock machte jeden Widerspruch unmöglich. Es war alles zu viel – zu viel Verlangen, zu viele Erinnerungen, zu viel Leidenschaft, die nur er in ihr erwecken konnte. Sam hatte einfach nicht die Kraft, um mehr als ein „Einverstanden“ hervorzubringen.

Sie musste schnellstens von diesem Mann weg, bevor er sie durchschaute.

Am Abend wartete Sam in einem exklusiven Stadthaus in Mayfair darauf, dass Rafaele erscheinen würde. Ärger und ein schreckliches Gefühl von Hilflosigkeit hatten den ganzen Tag in ihr gebrodelt, während sie sich die aufgeregten Gespräche der Kollegen über die großartigen Neuigkeiten anhören musste – während sie doch wusste, dass Rafaele alles nur tat, um die größtmögliche Kontrolle über ihr Leben zu erhalten.

Dieser Kuss im Waschraum der Universität … ihre schwankenden Gefühle beunruhigten sie. Und noch nervöser machte sie die Vorstellung, für Rafaele zu arbeiten. Sie zwang sich, tief durchzuatmen, und sah sich um. Luxuriöse Sofas und Sessel in Grau und Weiß, niedrige Tische und elegantes Mobiliar mit geraden Linien. Einschüchternd elegant.

Sie kam sich so völlig fehl am Platze vor. Sie trug noch immer ihre übliche Arbeitskleidung – schwarzer Hosenanzug, weiße Bluse, flache Schuhe. Das Haar streng zurückgekämmt, kein Make-up. In dieses Zimmer hier gehörte eine sinnliche Frau. Eine Frau in Seide und Satin, die verführerisch auf dem Sofa ausgestreckt ihren Liebhaber erwartete.

Das Haus hier erinnerte sie auf schmerzhafte Weise an Rafaeles Palazzo in Mailand, wo sie sich eingebildet hatte, sie wäre eine von diesen schönen und begehrenswerten Frauen.

„Entschuldige, dass ich dich habe warten lassen.“

Als sie seine Stimme hörte, schwang sie abrupt herum. Ihr wurde bewusst, dass sie ihre Handtasche wie ein Schild vor die Brust gedrückt hielt, und senkte hastig die Arme.

Rafaele sah aus wie der Teufel persönlich, als er aus dem Schatten der Tür trat. Groß, breit, muskulös. Seine Züge waren hart, sein schmaler Mund strafte die Entschuldigung Lügen.

Nichts hatte sich geändert, nur dass Sam ein schlechtes Gewissen hatte. „Ich entschuldige mich für die Ohrfeige“, brachte sie hervor. „Ich weiß nicht, was über mich gekommen ist. Aber was du da gesagt hast, war schlicht falsch.“ Lügnerin. Sie hätte besser den Mund gehalten. Sie belog ihn und sich selbst.

Rafaele kam langsam auf sie zu. „Die Ohrfeige war wohl verdient. Ich habe dich provoziert.“

Mit bleichem Gesicht sah sie ihn an. Das hatte sie nicht erwartet, und ein verräterischer Teil in ihr wurde nachgiebiger.

Rafaele ging an ihr vorbei auf die Anrichte zu, goss sich einen großzügigen Cognac ein und schaute über die Schulter zu ihr zurück. „Einen Drink?“

Sie fühlte sich ertappt, hatte sie doch eine genaue Musterung seiner breiten Schultern, der schmalen Taille und seines muskulösen Pos vorgenommen. Hastig schüttelte sie den Kopf. „Nein, danke.“

Er deutete auf die Couch. „Setz dich doch, Sam. Und stell die Handtasche ab, sonst werden deine Finger noch brechen.“

Benommen senkte sie den Blick auf ihre Hände. Ihre Finger hielten die Ledertasche so fest umklammert, dass die Knöchel weiß hervortraten. Mit wackeligen Knien ging sie zu der nächsten Couch und ließ sich auf der vorderen Kante nieder.

Rafaele setzte sich auf die Couch ihr gegenüber, seine Pose wesentlich entspannter. Er legte einen Arm auf die Rücklehne, und Sam nahm sich zusammen, um nicht genau zu studieren, wie das Hemd sich über seiner Brust spannte.

„Ist Milo ein irischer Name?“

Die Frage kam unerwartet. Es überraschte Sam, dass er sich offenbar an ihre irische Herkunft erinnerte, auch wenn sie in England geboren und aufgewachsen war. Ihre Eltern waren damals nach London gezogen, als man ihrem Vater den Professorenstuhl an der Universität angeboten hatte. „Mein Großvater hieß so.“ Sie konnte sehen, wie der Ärger in ihm wieder anschwoll. „Ich hatte immer vor, es dir irgendwann zu sagen. Ich hätte Milo diese Information nicht ewig vorenthalten können.“

Rafaele ließ ein humorloses Lachen hören. „Wie anständig von dir. Aber erst wolltest du warten, bis sich die Abneigung gegen den abwesenden Vater in ihm fest verankert hätte, nicht wahr?“

Er stellte sein Glas ab, fuhr sich durchs Haar. Es fiel ihm wieder in die Stirn zurück, und Sam musste daran denken, dass sie früher die Finger in sein Haar geschoben hatte, um seinen Kopf an der Stelle festzuhalten, wo sie seinen Mund spüren wollte …

Sie schämte sich für die Richtung, die ihre Gedanken nahmen. Sie sollte sich jetzt allein auf Milo konzentrieren und darauf, wie sie ihn vor der Bedrohung schützen konnte, die Rafaele darstellte. „Ich muss zugeben, dass ich es bisher nicht für nötig erachtet hatte. Er fragt nie nach seinem Vater.“

Rafaele stand auf, ragte über ihr. „Meiner Meinung nach war es an dem Tag nötig, als er auf die Welt kam. Meinst du nicht, er wundert sich, wieso andere Kinder einen Vater haben und er nicht?“

Sam bekam keinen Ton heraus. Sicher, bis jetzt hatte Milo noch nichts gesagt, aber schon öfter hatte sie sein Gesicht gesehen, wenn die anderen Kinder von ihren Vätern vom Kindergarten abgeholt wurden. Nicht mehr lange, und er würde Fragen stellen.

Sie stand jetzt ebenfalls auf. Sie würde sich nicht einschüchtern lassen. „Ich kann nicht zu lange bleiben“, sagte sie. „Die Haushälterin passt auf Milo auf. Können wir einfach über das sprechen, was nötig ist?“

Den ganzen Tag über war ihm Sams blasses Gesicht nicht aus dem Kopf gegangen. Oder wie er sie wie ein Höhlenmensch in dem Waschraum in die Arme gerissen und geküsst hatte. Sie so an sich gepresst zu fühlen, ihren Mund unter seinem, hatte ihn an einen Ort zurückgeführt, den er tief in sich verschlossen hielt, hatte eine Flutwelle von Verlangen auf ihn einstürzen lassen, wie er es nie zuvor erfahren hatte. Er musste diese Emotionen wieder unter Kontrolle bekommen.

„Dann werde ich dir sagen, wie es jetzt weitergeht: Ich werde meinem Sohn ein Vater sein, und du wirst alles tun, um das zu ermöglichen. Solltest du es nicht tun, werde ich nicht zögern, sämtliche Rechtsmittel gegen dich anzustrengen.“

Sam durfte sich nicht anmerken lassen, wie sehr sein Ultimatum sie erschütterte. „Was soll das, Rafaele? Du kannst mir nicht drohen.“

Rafaele kam noch etwas näher, nah genug, dass sein Duft sie einhüllte und sofort die Erinnerung an den Kuss wieder aufflammte. Lange musterte er sie, so durchdringend, dass sie das Atmen einstellte, dann setzte er sich wieder auf die Couch und betrachtete sie wie ein selbstzufriedener Pascha.

„Das ist keine Drohung, Sam, sondern ein Versprechen. Ich werde fester Bestandteil in Milos Leben sein. Ich bin sein Vater. Und das soll er wissen. Er verdient es, das zu wissen.“

„Du kannst nicht einfach mit der Ankündigung hereinplatzen, dass du sein Vater bist“, begehrte sie panisch auf. „Der Junge ist drei. Er wird es nicht verstehen. Es wird ihn nur verwirren.“

Rafaele zog eine Augenbraue in die Höhe. „Und wessen Schuld ist das? Wer hat Vater und Sohn voneinander ferngehalten? Jetzt wirst du mit den Konsequenzen umgehen müssen.“

„Das ist mir klar“, gab sie bitter zu. „Deinen Einfluss hast du ja schon unter Beweis gestellt … aber ich lasse nicht zu, dass das auf Kosten des Wohlergehens meines Sohnes geht.“

Rafaele lehnte sich vor. „Seit drei Jahren schon bestimmst du allein über das Wohlergehen unseres Sohnes und versteckst ihn vor mir. Möglich, dass du ihm bereits dauerhaften Schaden zugefügt hast.“

Unser Sohn. Sams Magen zog sich zusammen, als sie den offensichtlichen Schmerz über Rafaeles Miene huschen sah. Doch sofort nahm er sich wieder zusammen. „Was schlägst du also vor, Rafaele?“

„Da ich mich für die nächste Zeit hier in England aufhalte, will ich zu Milos Alltag gehören, damit er mich kennenlernen kann.“

Sam hatte Mühe, den Sinn seiner Worte zu verarbeiten. „Die nächste Zeit? Du kannst nicht eine Bindung zu ihm herstellen und dann eines Tages einfach wieder verschwinden, wenn du das Geschäftliche hier erledigt hast.“

„Ich habe nicht vor zu verschwinden. Nie. Milo ist mein Sohn, genau wie er dein Sohn ist. Drei Jahre lang hattest du ihn für dich allein, aber ab jetzt wirst du mir den Umgang mit ihm nie wieder verwehren. Ich will ihn hier haben, bei mir.“

„Das ist doch lächerlich!“, fuhr sie auf. „Er ist drei!“

Nur unwillig fügte Rafaele hinzu: „Du wirst natürlich ebenfalls herkommen müssen.“

„Oh, wie großzügig von dir, dass du mich mit meinem Sohn zusammen sein lässt.“ Sie lachte bitter auf.

„Mich interessiert, was ein Richter dazu sagen würde, dass die Mutter den Sohn ohne jeden Grund vom Vater fernhält.“

Sam wurde blass. „Rafaele, wir können nicht so einfach bei dir einziehen.“ Die Vorstellung, ständig in der Nähe dieses Mannes zu sein, jagte ihr eine Heidenangst ein.

„Ich werde mit meinem Sohn unter einem Dach leben, darüber wird nicht diskutiert. Du kannst dazugehören oder auch nicht. Praktischer wäre es natürlich, schon weil wir ja auch zusammen arbeiten werden.“

„Natürlich muss ich dazugehören.“ Ihre Stimme wurde lauter. „Darüber wird nicht diskutiert.“

Rafaele gab sich weiter unnachgiebig. „Dann erwarte ich dich und Milo morgen Abend hier zu sehen – oder ein Gericht wird entscheiden, wie viel Zeit der Junge bei wem verbringt.“

Sam schüttelte den Kopf. „Du irrst dich. Es ist sogar sehr unpraktisch. Milo hat seinen Alltag dort, wo wir leben. Bridie, die Haushälterin meines Vaters, lebt mit uns zusammen, sie kennt Milo seit seiner Geburt und hilft mir mit ihm. In London ist eine so zuverlässige Hilfe wertvoller als Gold.“

„Ich denke, die Kosten für eine Nanny sind deine geringsten Sorgen, wenn ich das organisiere“, hielt er ungerührt dagegen.

Vor lauter Anspannung wurde Sam plötzlich schwindlig, sie schwankte. Sofort fing Rafaele sie auf.

„Was ist mit dir? Dio, Sam, du bist totenbleich.“

Dass er sie Sam nannte, rührte an etwas Verletzliches in ihr. Sie war nicht schwach, und sie hasste es, dass Rafaele sie so sehen sollte. Unwirsch machte sie sich aus seinem Griff frei. „Es ist nichts, mir geht es gut.“

Trotzdem führte Rafaele sie zum Sofa zurück, damit sie sich setzte. Dann ging er zur Anrichte und kam mit einem Glas Cognac für sie zurück. Sie verachtete sich dafür, aber sie nahm die Stärkung dankbar von ihm an.

Nach einem Schluck ging es ihr wieder besser. Offen sah sie zu Rafaele, der sich ihr gegenübergesetzt hatte. „Überlege doch nur. Es wäre falsch, Milo aus dem vertrauten Umfeld zu reißen. Es ist die perfekte Umgebung für ihn, er fühlt sich wohl. Bridie wohnt direkt nebenan, der Kindergarten liegt gleich am Ende der Straße. In der Nachbarschaft gibt es einen kleinen Park. Alle Kinder aus der Nachbarschaft spielen zusammen, es ist eine sichere Gegend, und alle Nachbarn halten ein Auge auf die Kinder.“ Sam holte Luft. Ihr war klar, dass Rafaele ihr Leben völlig durcheinanderbringen konnte, wenn er es darauf anlegte.

Doch seine Miene ließ sich nicht deuten. „Das Bild, das du da zeichnest, ist ja geradezu idyllisch.“

Sein Sarkasmus trieb ihr das Blut in die Wangen. „Ja, wir haben Glück, in einer so guten Gegend zu wohnen.“

„Wie kommst du finanziell zurecht?“

Die unerwartete Frage überraschte sie. „Nun … anfangs war es nicht leicht. Meine Dissertation dauerte länger, weil mein Vater krank wurde. Aber ich hatte Ersparnisse und Dad seine Pension, und die Hypothek war abgedeckt. Als mein Vater dann starb, hat Bridie sich um Milo gekümmert, und ich konnte meinen Doktor zu Ende machen. Und ich hatte das Glück, in das Entwicklungsprogramm aufgenommen zu werden. Also … wir haben genug, um gut zurechtzukommen.“

Stolz reckte Sam die Schultern, und, wenn auch unwillig, musste Rafaele ihr Anerkennung zollen. Sie war nicht bei den ersten Schwierigkeiten zu ihm gekommen, um Unterstützung von ihm zu verlangen. Er kannte keine Frau, die das angesichts einer Schwangerschaft nicht getan hätte. Sam dagegen war entschlossen gewesen, es allein zu schaffen.

„Wärst du zu mir gekommen, wenn du Geld gebraucht hättest?“

Er konnte sehen, wie die Farbe aus ihrem Gesicht wich, und hatte seine Antwort: Eher hätte sie gehungert. Seit der erschütternden Erkenntnis letzten Samstag weigerte Rafaele sich, genauer zu erforschen, weshalb es ihn so gedrängt hatte, Sam wiederzusehen. Es war fast so, als hätte er keine andere Wahl gehabt. Er hatte es zu ignorieren versucht, aber ihre Gleichgültigkeit hatte an ihm genagt.

„Du verstehst es nicht, Rafaele, oder? Hier geht es nicht um mich oder dich, sondern allein um Milo und das, was das Beste für ihn ist. Er ist keine Schachfigur, die du nach Belieben herumschieben kannst, um dich an mir zu rächen. Seine Bedürfnisse müssen immer an erster Stelle stehen.“

Ihre hitzigen Worte trafen ihn. Ja, sie hatte recht, und er verabscheute sie dafür. Dennoch konnte er seinen Sohn nicht einfach aus seinem Alltag herausreißen, nur weil er es so wollte. „Was schlägst du also vor?“

Die Erleichterung, die er über ihre Miene huschen sah, fachte seinen Zorn nur an. Glaubte sie wirklich, es würde so einfach für sie werden?

„Wir lassen Milo, wo er ist, und du kannst ihn besuchen, solange du in England bist. Dann sehen wir, wie es läuft, und können dann für später etwas Längerfristiges ausarbeiten. Du bleibst ja nicht ewig hier …“

Sam stand auf. Automatisch folgte Rafaele ihr mit dem Blick, seine Augen blieben auf ihrer großen schlanken Gestalt haften, als sie sich bückte, um ihre Tasche aufzuheben. Er verfolgte mit, wie die Bluse sich eng um ihre Brüste spannte, und es erinnerte ihn daran, wie verzweifelt er sie damals zum ersten Mal hatte berühren wollen. Die festen Hügel hatten perfekt in seine Hände gepasst … Eine unwillkommene Erinnerung. Sam war die einzige Frau, die jemals an seiner Selbstbeherrschung hatte rütteln können.

Sie richtete sich auf, schob sich eine Haarsträhne hinters Ohr, sah zur Tür. Es war diese vertraute Geste, die seinen Geduldsfaden reißen ließ. Sie sah so erleichtert aus, so als hätte sie die Grenzen gesteckt und er würde sich schlicht beugen.

„Glaubst du wirklich, dass es so simpel ist? Du gibst die Bedingungen vor, und ich stimme anstandslos zu?“

Sie blieb wie erstarrt stehen. „Du kannst nicht darauf bestehen, dass es nur nach deinen Wünschen abläuft, Rafaele, das ist Milo gegenüber nicht fair. Wenn er dich kennenlernen soll, sollte es in der Umgebung stattfinden, in der er sich sicher fühlt. Es wird so oder so eine verwirrende Erfahrung für ihn sein.“

Wie gegen seinen Willen ging er auf sie zu. „Und wer trägt die Verantwortung dafür?“ Ein waghalsiger Plan formte sich in seinem Kopf. „Hoffst du etwa darauf, dass ich mich nach ein paar Besuchen mit ihm langweile und dich in Ruhe lasse?“

Sie schluckte sichtbar. „Natürlich nicht.“

Doch, genau darauf hatte sie gehofft, er konnte es sehen. Vermutlich gratulierte sie sich bereits im Stillen dafür, dass er jetzt von seinem Sohn wusste und sie und ihr Sohn – sein Sohn – schon bald ihr Leben ungestört wieder aufnehmen konnten, weil er das Interesse verloren hatte.

Der Wunsch, sich tief in Sams Leben zu verwurzeln, wurde plötzlich übermächtig. Der Wunsch, sich tief in ihr zu verlieren. Noch heute erinnerte er sich an das Gefühl, wie es gewesen war …

„Wir machen das entweder auf meine Art oder gar nicht“, stieß er aus. Die Bilder von Leidenschaft und Hitze unterdrückte er mit einer Rigorosität, auf die er sich nur selten berufen musste. „Ich gestehe zu, dass Milo an erster Stelle steht, und deshalb denke ich, er sollte dort bleiben, wo er sich sicher fühlt.“

„Wirklich?“

Er ließ sich nicht dazu herab, es ihr doppelt zu bestätigen. „Daher bin ich zu einem Kompromiss bereit.“

Wieder schluckte sie. Sie war nervös. Gut. Triumphgefühl erfüllte ihn flüchtig, als er mitverfolgte, wie ihr Blick zu seinem Mund glitt und ein Funkeln in ihre Augen trat.

„Ich ziehe bei dir ein.“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht, dass ich richtig verstanden habe …“

Sein Lächeln wurde breiter. Zum ersten Mal seit Tagen hellte sich seine Laune auf. „Du hast schon richtig gehört. Ich ziehe bei dir ein, Samantha. Somit bleibt Milo in seiner vertrauten Umgebung.“

Autor

Abby Green

Abby Green wurde in London geboren, wuchs aber in Dublin auf, da ihre Mutter unbändiges Heimweh nach ihrer irischen Heimat verspürte. Schon früh entdeckte sie ihre Liebe zu Büchern: Von Enid Blyton bis zu George Orwell – sie las alles, was ihr gefiel. Ihre Sommerferien verbrachte sie oft bei ihrer...

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