Julia Exklusiv Band 393

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DER ITALIENISCHE HERZOG UND SEINE FALSCHE BRAUT von LYNNE GRAHAM

Banker Raffaele di Mancini wird erpresst! Entweder er heiratet Vivien Mardas, oder es kommen pikante Details über seine Schwester an die Öffentlichkeit. Wütend lässt der Milliardär sich auf den Deal ein. Doch bei Vivis Anblick wird aus Wut plötzlich verhängnisvolle Leidenschaft …


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  • Erscheinungstag 13.09.2025
  • Bandnummer 393
  • ISBN / Artikelnummer 9783751533959
  • Seitenanzahl 448
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Lynne Graham, Carolyn Zane, Kate Hardy

JULIA EXKLUSIV BAND 393

Lynne Graham

1. KAPITEL

Stamboulas Fotakis starrte übel gelaunt auf das Dossier, das vor ihm auf dem Tisch lag. Gleich daneben befand sich eine wesentlich dünnere Akte mit dem Untersuchungsbericht über Raffaele di Mancini.

Raffaele di Mancini – der Dorn im Auge seiner Enkeltochter Vivi. Der Mann, der ihr grundlos so übel mitgespielt hatte.

Dabei war er nur ein weiterer gut aussehender Mistkerl, wie Stam fand, während er das Portraitfoto auf der ersten Seite des Dossiers musterte. Raffaele hätte gut und gerne auch als Supermodel arbeiten können.

Offensichtlich hatten Stams Enkelinnen eine Schwäche für attraktive Männer. Nun, er hatte die Probleme seiner ältesten Enkeltochter Winnie gelöst. Selbst wenn die Sache nicht ganz so ausgegangen war wie geplant und sie aus freien Stücken mit dem Vater ihres Sohnes verheiratet bleiben wollte.

Vivi dagegen … die wilde, kluge und heißblütige Vivi …

Sie stellte eine größere Herausforderung dar als Winnie. An seinem fünfundsiebzigsten Geburtstag hatte Stam eine heftige Auseinandersetzung mit Vivi gehabt. Eine ganz neue Erfahrung für den alten Haudegen, dem man normalerweise mit Angst und Unterwürfigkeit begegnete.

Dank seines Geldes und seiner einflussreichen Position war Stam es gewohnt, dass man sich ihm bedingungslos unterordnete und seinen Anweisungen Folge leistete. Aber nicht Vivi! Sie hatte ihm furchtlos ihre Meinung gesagt, und überraschenderweise rang ihm das einen gewissen Respekt ab. Er mochte ihre innere Stärke und Entschlossenheit.

Und mit all ihrer Entschlossenheit hasste Vivi diesen Raffaele di Mancini, weil er vor zwei Jahren ihren Ruf und ihr Leben ruiniert hatte. Alles nur, damit seine flatterhafte kleine Schwester mit weißer Weste einem handfesten Skandal entkam.

Vivi war vorgeworfen worden, sie würde als Prostituierte arbeiten und hätte die unschuldige Arianna dazu überredet, sich vor der Kamera auszuziehen. Angeblich hatten sie für einen Escortservice gearbeitet, der sich als Modelagentur tarnte.

Es bestand demnach keine Gefahr, dass Vivi sich in Mancini verliebte, und das war für Stams Pläne ungeheuer wichtig. Von den drei potentiellen Ehemännern, die er für seine Enkeltöchter ausgesucht hatte, um ihr Ansehen wieder herzustellen, war Raffaele der mit Abstand gefährlichste und mysteriöseste.

Ein milliardenschwerer Banker und bekennender Philanthrop, dessen adeliger Stammbaum bis ins zehnte Jahrhundert zurückverfolgt werden konnte. Man sagte ihm nach, er sei in finanzieller Hinsicht ein Genie, doch über sein angeblich recht konservatives Privatleben war fast nichts bekannt. Er hielt sich bewusst von der Öffentlichkeit fern.

Das machte es umso schwerer zu begreifen, weshalb Mancini seine Zurückhaltung aufgegeben und die arme Vivi aufs Übelste denunziert hatte. War seine jüngere Schwester Arianna der einzige Grund dafür gewesen? Hatte er geglaubt, sie schützen zu können, nachdem Vivi und sie unverschuldet in diese halbseidenen Machenschaften verstrickt worden waren?

Wie dem auch sei, nun musste gehandelt werden. Allerdings war Mancini viel zu schlau, um sich einfach in die Falle locken zu lassen. Außerdem verfügte er über ein Milliardenvermögen und exzellente Verbindungen. Daher musste Stam sich anderer Mittel bedienen, um sein Ziel zu erreichen, auch wenn es ihm nicht gefiel …

Immerhin verriet die Akte, dass Mancini sein halbes Leben damit zugebracht hatte, seine widerspenstige, unberechenbare Schwester vor den Konsequenzen ihrer eigenen Fehlentscheidungen zu bewahren. Bewundernswert, wenn man bedachte, dass sie bloß eine Halbschwester war, die Tochter seiner drogensüchtigen Stiefmutter.

Andererseits hatte Mancini Vivis Selbstwertgefühl durch seine Aktion tief verletzt. Er hatte alles verdient, was ihm jetzt blühte!

Raffaele di Mancini hatte ein ungutes Gefühl.

Er wusste nicht weshalb, und das machte ihn wahnsinnig, denn auf seinen Instinkt war immer Verlass. Aber im Moment konnte er keinen Grund für diese innere Unruhe erkennen. In seinem Leben lief alles reibungslos, effizient wie ein Uhrwerk.

Familiär war auch alles in Ordnung. Selbst seine jüngere Schwester Arianna – lange Zeit ein echtes Sorgenkind – war endlich zur Ruhe gekommen und lebte inzwischen mit ihrem Verlobten in Florenz. Keine ernsthaften Probleme in Sicht!

Die Tatsache, dass er während einer Bankkonferenz in London zu einer Besprechung mit dem notorisch zurückgezogen lebenden Stamboulas Fotakis in dessen palastartige Londoner Wohnung eingeladen worden war, überraschte ihn allerdings. Fotakis war einer der reichsten Männer der Welt, aber Raffaele hatte ihn nie persönlich getroffen. Und natürlich war er neugierig zu erfahren, was dieser eindrucksvolle Mann von ihm wollte. Im Laufe der Jahre war in den Medien viel über Stam Fotakis berichtet worden, und selbst wenn man die Hälfte der Geschichten als Übertreibungen abtat, war der alte Mann immer noch eine Legende.

Raffaele fuhr sich mit ungeduldigen Fingern durch sein kurzes schwarzes Haar und sah dann auf seine Designeruhr. Warten war für ihn eine neue Erfahrung. Er war grundsätzlich der Meinung, dass tadellose Manieren für eine gute Geschäftspraxis unabdingbar waren, und Fotakis verspätete sich erheblich.

Verärgert runzelte Raffaele die Stirn. Am liebsten wäre er sofort in sein Stadthaus zurückgekehrt, um sich von seinem langen Tag zu erholen. Er hatte es satt, geduldig dumme Fragen zu beantworten und sich umgänglich zu geben. Raffaele hatte wenig Geduld mit Idioten. Schon zu Schulzeiten hatte man ihn ein Genie genannt, er galt als äußerst organisiert und war nur zufrieden, wenn er seinen genauen Zeitplan einhalten konnte.

Endlich betrat Fotakis’ persönlich Assistentin den Empfangsraum. Die hübsche Blondine führte Raffaele zu einem Aufzug. Auf dem Weg nach oben versuchte sie, ein Gespräch anzuknüpfen und mit ihm zu flirten. Doch ihre neckischen Bemerkungen und vielsagenden Blicke prallten wirkungslos an Raffaele ab. Ständig machten sich Frauen an ihn heran, und meistens nervte es ihn nur. So konnte man kein vernünftiges Gespräch führen, und dieses Verhalten trug obendrein nicht zu einer professionellen Atmosphäre im Büro bei.

Wenn diese sogenannte Assistentin für ihn arbeiten würde, hätte er sie aufgrund ihres unangemessenen Verhaltens sofort entlassen.

Natürlich nahmen Frauen einen gewissen Platz in seinem Leben ein. Schließlich hatte Raffaele gewisse Bedürfnisse – wie viele andere dreißigjährige Männer. Aber er war wesentlich diskreter und zurückhaltender als die meisten von ihnen und suchte sich seine Partnerinnen sorgfältig aus. Keine seiner Affären dauerte länger als ein paar Wochen.

Dafür gab es einen guten Grund. Raffaele hatte schnell herausfinden müssen, dass Frauen mit der Zeit immer anhänglicher wurden. Und da er die Absicht hatte, frühestens mit Mitte vierzig zu heiraten, genoss er momentan lieber unverbindlichen Sex ohne jegliche Verpflichtungen.

Raffaele wurde in ein holzgetäfeltes Büro von beinahe viktorianischer Pracht geführt. Hinter einem eleganten Schreibtisch saß ein bärtiger Mann mit schlohweißem Haar. Als Raffaele eintrat, erhob er sich, griff nach einer schweren Akte und reichte sie Raffaele.

„Mr. Mancini“, murmelte Stam Fotakis.

„Mr. Fotakis.“ Etwas beunruhigt wegen dieser ungewöhnlich knappen Begrüßung nahm Raffaele die Akte entgegen und setzte sich in den Stuhl, auf den sein Gastgeber wies.

„Sagen Sie mir, was Sie hiervon halten“, bat Stam ohne Umschweife.

Langsam blätterte Raffaele durch die unglaublich detaillierte Aufstellung, mit wachsendem Entsetzen, und atmete hörbar tief durch, um sich zu beruhigen. Jeder einzelne von Ariannas Fehltritten schien hier genauestens aufgelistet zu sein – sogar einige, von denen Raffaele bisher keine Ahnung gehabt hatte.

Er schluckte schwer.

„Was haben Sie mit diesen Informationen vor?“, fragte Raffaele so höflich, wie er nur konnte, obwohl er innerlich vor Wut kochte. Mit dieser Emotion musste er nur selten zurechtkommen, und instinktiv versuchte er, seinen Zorn zu zügeln.

Sein Gastgeber musterte ihn gelassen. „Das hängt von Ihnen ab. Ich werde diese Informationen nur dann an die Boulevardpresse weitergeben, wenn Sie mich enttäuschen“, erklärte er leise.

„Das ist eine offene Drohung“, antwortete Raffaele. „Ich glaube nicht, dass meine Schwester Ihnen jemals etwas angetan hat.“

„Lassen Sie mich die Zusammenhänge erklären“, bat Stam. „Es ist die Geschichte von zwei jungen Frauen. Die eine stammt aus gutem Hause, besitzt Reichtum und Privilegien: ihre Schwester.“

„Und die andere?“, fragte Raffaele ungeduldig.

„Geboren und aufgewachsen in schlechten Verhältnissen, und trotzdem ist sie eine fleißige, gebildete und anständige junge Dame – und meine Enkelin.“

„Ihre Enkelin“, wiederholte Raffaele ausdruckslos. Sein Verstand arbeitete auf Hochtouren, um zu ergründen, was Stam Fotakis von ihm wollen könnte. Wieso drohte der Mann ihm?

„Vivien Mardas, besser bekannt als Vivi“, fuhr Stam fort. „Für kurze Zeit war sie mit Ihrer Schwester befreundet.“

Raffaeles Schultern verspannten sich, als die Erkenntnis ihn traf. „Ich erinnere mich an sie. Sie ist also mit Ihnen verwandt?“

„Allerdings“, gab der ältere Mann kühl zurück. „Und sie steht unter meinem persönlichen Schutz, genauso wie Sie es mit Ihrer Schwester handhaben. Darum bin ich entschlossen, für die Ungerechtigkeiten, die Vivi erlitten hat, Wiedergutmachung zu fordern.“

Aus Vorsicht blieb Raffaele stumm, doch in seinem Inneren brannte tiefer Zorn, während ihm klar wurde, in welcher Situation er sich befand.

Als er Vivi kennengelernt hatte, wusste sie definitiv noch nichts von ihrem sehr reichen und mächtigen Großvater. Sie hatte sogar Teile ihrer Vergangenheit verschwiegen, auf die sie nicht stolz war, um sich in einem besseren Licht zu präsentieren.

„Ungerechtigkeiten?“

„Sie haben ihren Ruf ruiniert, indem Sie sie als Prostituierte bezeichnet haben. Da diese lächerlichen Anschuldigungen immer noch im Internet kursieren, war es für Vivi bisher unmöglich, einen Job zu finden, der ihren Fähigkeiten entspricht“, erklärte Stam. „Sie leidet unter diesem zerstörten Ruf sehr, dabei ist sie völlig unschuldig. Ihre Freunde haben sie fallenlassen, ihr Name wurde in den Dreck gezogen. Man hat sie ausgelacht und verachtet, und sie musste ihren Arbeitsplatz aufgeben. Am Ende war sie schließlich gezwungen, einen anderen Nachnamen anzunehmen, um diese peinliche Vergangenheit zu verbergen. Sie heißt inzwischen Vivien Fox.“

Raffaele nickte, auch wenn ihn die rührselige Erzählung kalt ließ. Natürlich wollte ein alter Mann nur das Beste von seiner Enkeltochter glauben. Doch Raffaele war in diese Sache nicht emotional involviert und von Natur aus kritisch und misstrauisch, besonders wenn es darum ging, eine Frau als unschuldig zu bezeichnen. Er jedenfalls hatte noch keine wirklich unschuldige Frau getroffen!

Er erinnerte sich nur zu gut an Vivi. Volles Haar, das im Sonnenlicht wie Kupfer glänzte und sich wie gesponnene Seide anfühlte. Eine große, bildschöne Rothaarige, die sogar in Jeans unglaublich elegant aussehen konnte. Haut wie zartes Porzellan und Augen so strahlend blau wie der italienische Sommerhimmel.

Er erinnerte sich auch daran, wie knapp er ihrer verführerischen Anziehungskraft entkommen war, obwohl sie seinen Erwartungen an eine Frau in keiner Hinsicht entsprach. Jedenfalls war er froh, ihren Fängen entkommen zu sein. Die Dinge, die er gesagt hatte, bereute er nicht. Da konnte Stam Fotakis sich noch so sehr aufregen.

Aber wenn der Umstand, dass er Stams Familie beleidigt hatte, dazu führte, dass seine kleine Schwester in die Schusslinie dieses skrupellosen Mannes geriet, musste Raffaele sich eben widerwillig fügen. Arianna wäre definitiv zutiefst gedemütigt, wenn dieser ausführliche Bericht über ihre Fehltritte jemals der Presse zugespielt würde. Die Familie ihres Verlobten war sehr konservativ und würde ihn sicherlich dazu zwingen, die Verbindung mit Arianna zu lösen.

Dann würde sie unter Garantie in ihre alten, selbstzerstörerischen Verhaltensmuster zurückfallen. Die Muster, die sie nur dank Tomas aufgegeben hatte.

„Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen“, begann Raffaele ruhig. „Aber ich kann kaum glauben, dass Sie ernsthaft einer weiteren naiven jungen Frau schaden wollen. Arianna kann nichts für die Probleme, mit denen sie zu kämpfen hat.“

Abwehrend hob Stam eine Hand. „Ich weiß, dass sie durch das Fehlverhalten ihrer Mutter schon drogenabhängig zur Welt gekommen ist und unter den Nachwirkungen bis heute leidet. Ich weiß, dass sie nicht besonders klug ist und Fremden viel zu schnell vertraut. Aber ihr Wohlergehen liegt nicht in meiner Verantwortung, sondern in Ihrer“, stellte er ruhig klar. „Als Wiedergutmachung fordere ich, dass Sie Vivi heiraten und ihren Ruf damit wiederherstellen.“

„Wie bitte? Ich soll Ihre Enkelin heiraten?“, rief Raffaele ungläubig. Er konnte kaum fassen, was er da hörte.

„Es geht mir um die Hochzeit, die natürlich entsprechend von den Medien begleitet wird. So wird Vivis gesellschaftliches Ansehen wiederhergestellt“, fuhr Stam in demselben milden Tonfall fort, als würde er bloß über das Wetter plaudern. „Mehr verlange ich gar nicht. Sie werden noch an Ihrem Hochzeitstag getrennte Wege gehen, und natürlich werden Sie sich wieder scheiden lassen. Dafür wird nicht einmal ein finanzieller Ausgleich erforderlich sein. Alles in allem eine bescheidene Bitte, wie ich finde.“

„Bescheiden?“, wiederholte Raffaele in einem schneidenden Tonfall.

„Ja. Ich habe keinerlei Zweifel, dass Sie sich im Vergleich zu meiner Enkeltochter für etwas Besseres halten“, gab Stam trocken zurück. „Deswegen mache ich Ihnen keinen Vorwurf. Sie sollten jedoch dankbar sein, dass Sie Ihren guten Namen nur kurzfristig hergeben müssen, um dieses Dossier als Gegenleistung zu erhalten. Wenn publik würde, was hier zusammengefasst ist, hätte das wohl katastrophale Auswirkungen auf die Hochzeitspläne Ihrer Schwester.“

Fotakis wusste tatsächlich alles, und das ließ Raffaele keinen Spielraum mehr. Unabhängig davon, wie unerhört Stams Forderung war, Vivi zu heiraten, musste Raffaele diesen Wahnsinn ernsthaft in Betracht ziehen. Jedes Mittel war gerechtfertigt, um Ariannas zukünftiges Glück und ihre Sicherheit zu bewahren.

Tomas war fasziniert von ihrer süßen Unbedarftheit und Impulsivität, und er tat ihr unendlich gut. Er wollte sie nicht nur, weil sie eine reiche Erbin war. Die beiden ergänzten sich hervorragend, und Arianna liebte ihn abgöttisch.

Wie könnte Raffaele schweigend dabei zusehen, wie seine kleine Schwester ihr Lebensglück verlor, weil sie in ihrer Vergangenheit ein paar unbedeutende Eskapaden gemacht hatte? Dinge wie öffentliches Nacktbaden in einem berühmten Brunnen oder die versehentliche Verhaftung als Ladendiebin? Unglücklicherweise gab es noch ein paar andere, düstere Episoden, die in dieser Akte beschrieben wurden und noch nicht den Weg in die Klatschpresse gefunden hatten.

Zum Beispiel diese eine Nacht, die sie mit zwei Männern verbracht hatte, weil ihre sogenannten Freunde sie dazu überredet hatten!

„Ich habe jede einzelne Minute gehasst“, hatte sie schuldbewusst gemurmelt, entsetzt darüber, dass ihrem Bruder dieses unappetitliche Gerücht zu Ohren gekommen war. „Aber alle anderen haben das auch schon mal gemacht, und ich wollte eben mitreden können. Mit so einer Story hat echt jeder Respekt vor dir.“

Nach dieser unsäglichen Affäre hatte Raffaele damit begonnen, auch ihre Freunde genauestens unter die Lupe zu nehmen. Ihm wurde mehr und mehr bewusst, wie verletzlich seine Schwester war. Sie sollte niemandem ausgeliefert sein, der ihre leichtgläubige Natur ausnutzte, um sich auf ihre Kosten zu amüsieren.

„Vermutlich haben Sie diese … Idee bereits mit Vivi besprochen“, sagte Raffaele knapp. „Und sie ist natürlich begeistert davon.“

„Vivi und begeistert?“ Stam überraschte ihn, indem er laut lachte. „Die Kleine hasst Sie und will definitiv nicht heiraten! Ich fürchte, Vivi vor den Altar zu locken, wird Ihre ganz persönliche Herausforderung.“

„Sie erwarten ernsthaft, dass ich glaube, diese ganze Farce wäre nicht auch Vivis Plan?“, erkundigte sich Raffaele spöttisch.

„Meine Enkelin schert sich nicht um Logik, sondern handelt hochemotional. Mein … tja … Vorschlag, dass sie heiraten soll, hat sie sogar sehr wütend gemacht. Aber ich bin sicher, ein weltgewandter Kerl wie Sie wird schon wissen, wie er die Gunst einer Frau gewinnen kann.“ In den dunklen Augen des Alten funkelte es gefährlich. „Wenn Sie möchten, dass dieses Dossier privat bleibt, dann bringen Sie Vivi vor den Altar.“

„Das soll meine Buße sein, oder?“, presste Raffaele zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

„Wenn Sie es gerne so betrachten möchten, bitte. Für mich ist das unerheblich. Sie stecken ihr einen Ehering an den Finger, aber ansonsten behalten Sie Ihre Hände bei sich“, warnte ihn Stam Fotakis unverblümt. „Ich möchte, dass sie absolut unberührt bleibt. Haben Sie mich verstanden?“

Dunkle Röte zeichnete sich auf Raffaeles hohen Wangenknochen ab. Wofür hielt ihn dieser Fotakis eigentlich? „Ich habe noch nie in meinem Leben eine Frau berührt, die das nicht wollte“, konterte er mit eisigem Unterton.

„Nun, meine Enkelin wird vermutlich extrem unwillig sein“, sagte Stam zufrieden. „Ich wage zu behaupten, dass Sie für gewöhnlich eine andere Reaktion vom weiblichen Geschlecht gewöhnt sind. Obwohl Sie den Köder in Gestalt meiner Assistentin nicht geschluckt haben. Sie hat Ihnen im Aufzug doch ziemlich direkt Avancen gemacht, oder?“

„Das war ein Test?“ Raffaele verschlug es kurzzeitig die Sprache.

„Ich ziehe es vor, den Charakter der Männer zu kennen, mit denen ich zu tun habe. Und keine Sorge, Sie haben die Prüfung bestanden. Sie sind definitiv kein ruchloser Weiberheld“, stellte Stam mit scharfer Stimme fest. „Wenn es um Vivi geht, habe ich einen stark ausgeprägten Beschützerinstinkt.“

Raffaele war kurz davor, dem alten Mann unter die Nase zu reiben, wie willig Vivi gewesen war … damals in seinen Armen. Doch er schluckte das unkluge Eingeständnis herunter. Stattdessen war er froh, dass es doch noch einige Dinge gab, die Vivis Großvater nicht über sie wusste.

Als Raffaele endlich in seiner Limousine auf dem Heimweg zu seinem Londoner Stadthaus war, musste er entscheiden, was als nächstes zu tun war. Ironischerweise hatte er stets in dem festen Glauben gelebt, sein immenser Reichtum würde ihn vor Problemen jeglicher Art schützen.

In einer solchen Situation wie jetzt hatte er sich noch nie befunden, und er verspürte ein seltsam fremdes Gefühl der Ohnmacht. Geld allein reichte nicht aus, um diesen alten Mann in Schach zu halten, der entschlossen war, Vergeltung für eine Sünde zu fordern, die Raffaele nie begangen hatte.

Er hatte Vivi nicht als Prostituierte bezeichnet. Zum einen war sie eher ein Escortgirl als eine Prostituierte gewesen, und er kannte den Unterschied. Schließlich hatte er in den exklusiven Kreisen, in denen er sich bewegte, Bekanntschaft mit Frauen aus beiden Branchen gemacht – und gelernt, sie rechtzeitig zu erkennen und ihnen aus dem Weg zu gehen.

Dass er Vivi trotzdem so nah an sich herangelassen hatte, machte ihn immer noch wütend. Doch erst die Presse hatte von ihr als einer Prostituierten gesprochen, um eine reißerische Schlagzeile zu bekommen.

Leider nützte Raffaele diese Wahrheit nichts. Die beschämenden Berichte über seine kleine Schwester befanden sich in den Händen des rachsüchtigen Stam Fotakis, und der würde sie dazu benutzen, seine Pläne umzusetzen.

Obwohl Vivi sich auf ihr bevorstehendes Date mit ihrem Freund Jude freuen sollte, während sie sich schminkte, ließen die düsteren Erinnerungen sie nicht los.

Sie hatte vor Kurzem im Haus ihrer Schwester und ihres Schwagers in Griechenland einen heftigen Streit mit ihrem Großvater gehabt. Ihren Schwestern hatte Vivi nichts davon erzählt, weil die es im Augenblick vorzogen, auf glückliche Familie zu machen.

„Wenn Mancini dich heiratet, brauchst du nie wieder Angst vor diesem Skandal zu haben. Alle Welt weiß, dass er keine Frau von zweifelhaftem Ruf zum Altar führen würde.“ Ihr Großvater hatte seine Worte sehr sorgfältig gewählt. „Er ist wohlhabend, äußerst erfolgreich und hat einen aristokratischen Hintergrund. Durch eine Verbindung mit ihm wäre dein guter Ruf im Nu wiederhergestellt.“

„Lieber heirate ich eine Kröte als Raffaele di Mancini!“ Vivi war vor Wut und Empörung außer sich gewesen. „Außerdem will ich überhaupt niemals heiraten, und das weißt du genau!“

„Winnie ist doch aber sehr glücklich.“ Der Alte blieb beharrlich.

„Im Gegensatz zu mir ist meine Schwester eben anpassungsfähig“, erwiderte sie gereizt. „Ich liebe sie wirklich über alles, aber was für sie richtig ist, muss nicht unbedingt auch für mich gelten, oder? Und falls ich jemals heiraten sollte, dann soll es echt sein. Kein verlogenes, hinterlistiges Arrangement, bei dem es nur um den falschen Schein und den erwünschten Status geht. Das ist mir zu billig!“

„Ich kann mir kaum vorstellen, dass du Mancini behalten willst.“ Stam machte nicht den Eindruck, als würde er sich von seinen Plänen abbringen lassen. „Wo ist also das Problem? Hochzeit, Trennung, fertig.“

Vivi weigerte sich, einfach klein beizugeben, und warf stolz den Kopf zurück. „Ich kann nicht fassen, was du für ein Geizhals bist. Du könntest im Handumdrehen meine Pflegeeltern vor der drohenden Pleite retten, ohne deine Großzügigkeit an unangemessene Bedingungen zu knüpfen! Wir sollten eine Familie sein, die zusammenhält, aber du benimmst dich einfach wie ein tyrannischer Einzelgänger. Aber was weiß ich schon darüber, wie ein glückliches Familienleben aussieht. Diese Erfahrung durfte ich ja nie machen“, hatte sie zum Schluss gemurmelt.

Es folgte eine unbehagliche Stille.

Ihr seid meine Familie, und ich werde mich immer um euch kümmern“, erklärte Stam störrisch.

„Mich zu einer Hochzeit zu zwingen würde ich nicht als kümmern bezeichnen. Und dann noch mit dieser Ratte von Mancini! Und wie wolltest du ihn überhaupt dazu überreden?“, hatte sie misstrauisch gefragt. „Wieso sollte ein geachteter Geschäftsmann wie er eine Frau heiraten, die er für eine Prostituierte hält?“

Auf eine etwas unbeholfene Weise zuckte Stam mit den Schultern und seufzte: „Ich kann ihm einen Vorschlag machen, der ihn auf jeden Fall überzeugen wird.“

„Es ist mir egal, ob du ihm den Mond und die Sterne versprichst.“ Bei dem Gedanken, dass Mancini sich vielleicht doch von ihrem Großvater beeinflussen ließ, drohte Vivi erneut an ihrem Zorn zu ersticken „Ich will nichts mit ihm zu tun haben, ich will ihn nie wiedersehen, geschweige denn heiraten! Jeder Kontakt mit ihm wäre absolut demütigend.“

„Nein, das wäre es nicht“, argumentierte Stam ebenso energisch. „Dieses Mal liegt die ganze Macht in deinen Händen, Vivi. Du sitzt am längeren Hebel. Wäre das nicht eine interessante Erfahrung für dich? Endlich befindest du dich in der Lage, es dem Mann heimzuzahlen, der dich beleidigt hat. Du könntest ihn zwingen, sich öffentlich zu entschuldigen und seine Worte zurückzunehmen.“

Nein, Vivi konnte ohne Rache leben, da war sie sicher. Und sie wollte nicht länger an den Streit mit ihrem Großvater denken.

Das Beste wäre, wenn sie Raffaele di Mancini in diesem Leben niemals wiedersehen musste. Er erinnerte sie an zu vieles, das sie lieber vergessen und auf ewig begraben hätte. Sie hatte Arianna sehr gemocht, doch die jüngere Frau hatte ihr kommentarlos die Freundschaft gekündigt. Zweifellos steckte Raffaele dahinter.

Damals war Vivi auch Raffaele allmählich nähergekommen. Es hätte sich leicht eine Beziehung entwickeln können … Sie brach den Gedankengang wütend ab. Nein, es war bloß ein dummer Kuss, mehr nicht, nur ein Kuss. Selbst ein Teenager würde sich davon nicht aus der Fassung bringen lassen. Viel zu bedeutungslos und flüchtig!

Andererseits wusste Vivi genau, dass sie tendenziell anfälliger für verliebte Schwärmereien war als andere erfahrene und emotional stabilere Frauen. Sie hatte Stabilität erst mit vierzehn Jahren kennengelernt, als sie bei ihren letzten Pflegeeltern lebte, die sie so liebevoll großgezogen hatten. John und Liz hatten sogar dafür gesorgt, dass die drei Schwestern in ihrem Haus wieder zusammenfanden.

Davor hatten die Geschwister diverse schreckliche Pflegeheime ertragen müssen, in denen vor allem Vivi schikaniert, beschimpft und mehrfach sexuell bedroht worden war.

Winnie, Vivi und Zoe hatten ihre Eltern bei einem Autounfall verloren. Heute, mit dreiundzwanzig Jahren, konnte sich Vivi kaum noch an sie erinnern. Ihr Vater war Stams jüngster Sohn gewesen, doch die beiden waren im Streit auseinandergegangen. Stam hatte nicht einmal gewusst, dass Enkelkinder existierten, bis die drei ihn – inzwischen als Erwachsene – kontaktiert hatten.

Sie baten ihn um finanzielle Hilfe, weil ihren geliebten Pflegeeltern die Zwangsversteigerung ihres Hauses drohte, in dem sie sich noch um weitere Pflegekinder kümmerten. Zwar hatte Stam seine Enkeltöchter mit großer Begeisterung in sein Leben aufgenommen, aber im Gegenzug für seine Hilfe hatte er geradezu unverschämte Bedingungen gestellt: Sie alle sollten Männer seiner Wahl heiraten, um gesellschaftlich aufzusteigen.

Vivi hatte sich noch nicht entscheiden, was sie von ihrem Großvater halten sollte. War er einfach nur ein unglaublicher Snob? Oder verrückt? Oder schlicht die Art von Persönlichkeit, die sich an jedem rächen wollte, der seiner Familie Unrecht getan hatte?

Winnie und ihr war übel mitgespielt worden, aber ihre jüngste Schwester Zoe hatte noch viel schlimmer leiden müssen, und zwar unter ihrer früheren Pflegefamilie. Vivi wusste, dass sie sich schon allein um Zoes willen gegen ihren Großvater behaupten musste. Denn Zoe war emotional instabil, extrem schüchtern und litt unter regelmäßigen Panikattacken. Sie würde es niemals schaffen, sich gegen den älteren Mann zu behaupten.

Um ihr diese frustrierende Erfahrung zu ersparen, musste Vivi stellvertretend den Machtkampf mit ihrem Großvater ausfechten. Sie musste stark bleiben. Dazu gehörte auch, ihre Vergangenheit ruhen zu lassen. Bitterkeit führte zu nichts und brachte sie in der Gegenwart ihren Zielen nicht näher.

Zurzeit lebten sie und Zoe in einem kleinen, luxuriösen Stadthaus, das ihrem Großvater gehörte und das er ihnen mietfrei zur Verfügung stellte. Aber das Haus fühlte sich leer an, seit Winnie mit ihrem kleinen Sohn Teddy ausgezogen war. Und weil Vivi ihrem Großvater nicht über den Weg traute, sparte sie heimlich Geld, um auf den Ernstfall vorbereitet zu sein. Eventuell kam irgendwann der Tag, an dem der alte Stam ihre Widerspenstigkeit leid war und sie wieder auf die Straße setzte – so wie er es damals mit seinem eigenen Sohn getan hatte.

Ach, wenn sie doch bloß mehr verdienen würde! Dann könnte sie sich ein paar Extras leisten, zum Beispiel ihr schreckliches Haar wieder glätten lassen. Traurig zupfte sie an einer ihrer kupferfarbenen Korkenzieherlocken herum und ließ sie dann achtlos wieder fallen.

Ihre unbezähmbaren Locken störten Vivi extrem, und sie konnte ihr Aussehen nur ertragen, wenn sie die Strähnen geglättet hatte. Im Moment hing das volle Haar wild um ihre Schultern und um ihr zartes Gesicht. Sie fühlte sich damit wie eine Puppe, der man eine übertriebene Perücke aufgesetzt hatte.

Jude, ihr derzeitiger Freund, schien allerdings nichts dagegen zu haben.

Andererseits gab es nicht gerade viel, woran Jude sich störte. Sie hatte ihn in ihrem Fitnessstudio kennengelernt, wo er als Kampfsportlehrer arbeitete. Er war blond, ein ziemlich entspannter Typ, und er hatte einen schönen Körper. Trotzdem hatte sie noch keinen Wunsch verspürt, diesen Körper nackt zu sehen.

Möglicherweise war ihre zwanglose Beziehung eher eine Freundschaft als eine Affäre, überlegte sie. Wenn sie Raffaele nicht getroffen und sich sofort von ihm angezogen gefühlt hätte, wäre sie davon überzeugt gewesen, dass Sex für sie persönlich schlicht keine große Rolle spielte.

In Vivis Leben kamen und gingen Männer normalerweise, ohne dass sie sich je besonders für einen von ihnen interessierte. Bei Raffaele war das völlig anders gewesen, aber ausgerechnet er hatte sie zutiefst verletzt und sowohl ihr Privatleben als auch ihre Karriere zerstört.

Allein seinetwegen war sie gezwungen, Jobs anzunehmen, für die sie um Längen überqualifiziert war. Seit sie ihren Nachnamen geändert hatte, war es etwas besser geworden. Im Anschluss daran hatte sie es allmählich geschafft, den Skandal um ihre Person zu verarbeiten, der sie zwei sehr gut bezahlte Jobs gekostet hatte.

Und das alles nur, weil sie gleich nach ihrem Abschluss in Marketing als Rezeptionistin in einer Modelagentur angefangen hatte, die sich als Undercover-Escort-Agentur entpuppt hatte. Wie sich nach einer Weile herausstellte, arbeiteten viele der Models nebenbei als Begleitdame.

Als ob das alles nicht schlimm genug wäre, wurde auch ein geheimes Bordell im hinteren Teil des Gebäudes betrieben. Es war die Polizeirazzia in dieser Einrichtung gewesen, die auch die Nebengeschäfte der Model-Agentur ans Tageslicht gebracht hatte. Während dieser Razzia war auch das berüchtigte Foto von Vivi entstanden, wie sie draußen in knappen, glamourösen Klamotten die Straße entlanggehetzt war, um den Kameras der Reporter und dem ganzen explosiven Durcheinander zu entkommen.

Ihr fantastisches Outfit an jenem Abend hatte sie Arianna zu verdanken, die Vivi einen ganzen Haufen abgelegter Sachen geschenkt hatte.

Vivis Handy vibrierte brummend. Hoffentlich war es nicht Jude, der ihr Date absagen wollte. Sie freute sich nämlich schon auf den Film, den sie heute sehen wollten. Stattdessen ertönte in der Leitung eine Stimme, von der sie gehofft hatte, sie nie wieder hören zu müssen.

Diese Stimme war tief, leicht rau und klang manchmal fast wie ein sinnliches Knurren. Raffaele hatte nichts von seinem Sexappeal eingebüßt. Unbewusst umklammerte sie das Telefon fester.

Nach all der Zeit hatte er wieder Kontakt zu ihr aufgenommen. Wie war das möglich? Wie konnte er es wagen? Jeder rationale Gedanke verflüchtigte sich aus Vivis Kopf.

„Vivi? Hier ist Raffaele. Wir müssen reden.“

Hastig drückte sie das Gespräch weg, ohne ein Wort zu sagen, und blockierte sofort seine Nummer. Vielleicht war er bereit, für den richtigen Preis nach der Pfeife ihres Großvaters zu tanzen, aber sie war das ganz sicher nicht. Oder?

Sie dachte an die immensen finanziellen Probleme, die John und Liz belasteten, in deren Schuld sie und ihre Geschwister standen. Das Paar hatte die Schwestern aufgezogen wie ihre eigenen Kinder, hatte ihnen Liebe und Fürsorge gegeben, als die Mädchen jung und verwundbar waren. Dafür hatten sie mehr verdient als eine unwürdige Zwangsversteigerung!

Woher hatte Raffaele eigentlich ihre Telefonnummer? Das hatte sie doch bestimmt auch ihrem Großvater zu verdanken. Wir müssen reden. Raffaele di Mancini, der Spross einer italienischen Herzogsfamilie – auch wenn er seinen Titel nicht benutzte –, wollte mit ihr reden. Was für ein Witz! Doch falls er Sinn für Humor hatte, hatte er das bisher vor ihr verborgen.

Schweigsames Starren war da schon eher seine Stärke, daran erinnerte sie sich noch gut. Zum Beispiel bei ihrem ersten Treffen. Arianna hatte darauf bestanden, ihre neue Freundin zum Abendessen mit der Familie einzuladen. Und alles, was Ariannas einschüchternder Bruder getan hatte, war, Vivi unentwegt anzustarren. Mit tiefdunklen Augen, die von dichten schwarzen Wimpern umrahmt waren. Augen, die sein außergewöhnliches, schönes Gesicht zum Strahlen brachten und die sich unerwartet zu einem warmen, goldenen Karamellfarbton aufhellen konnten, sodass ihr Herz sofort schneller schlug.

Ja, es gab während des Familienessens kaum Gelegenheit für ganz normalen Smalltalk. Die arme Arianna hatte sich alle Mühe gegeben, ein schleppendes Gespräch in Gang zu halten, und Vivi – die normalerweise nicht auf den Mund gefallen war – brachte zum ersten Mal in ihrem Leben kein vernünftiges Wort über die Lippen.

Und was hatte sie stattdessen getan? Während Arianna unablässig vor sich hin plauderte, hatte Vivi heimlich Raffaele betrachtet und die kribbelnde Wärme genossen, die sie dabei durchströmte. Waren das schon die ersten Schmetterlinge gewesen?

Ständig entdeckte sie eine neue attraktive Kleinigkeit an ihm. Der eigenwillige Winkel seiner schwarzen Brauen, die markante Linie seines Kiefers, die gebräunten Wangen, der klassische Nasenrücken und die sinnliche Wölbung seiner makellosen Lippen.

Ihr waren gleich seine perfekten Manieren aufgefallen, seine eleganten Hände und die fließenden Bewegungen, die eine ungeheure Selbstsicherheit ausstrahlten. Wie ein verknalltes Schulmädchen hatte sie dort gesessen, ihn angestarrt und dabei alles um sich herum vergessen, während ihre Wangen sich leuchtend rot färbten und ihr Herz trommelte, als sei sie gerade einen Marathon gelaufen.

Widerwillig seufzend zwang Vivi sich in die weitaus weniger aufregende Gegenwart zurück.

Am anderen Ende von London legte Raffaele sein Handy auf den Tisch zurück und ging ohne zu zögern zu Plan B über.

Vivi wollte also nicht mit ihm sprechen. Nun, er musste zugeben, dass das keine große Überraschung war. Aber er würde noch einen Weg finden, sie dazu zu bringen, vernünftig mit ihm zu reden.

Wenn ein ruhiger, zivilisierter Ansatz nicht funktionierte, musste er eben Überzeugungsarbeit ganz im Stil ihres Großvaters leisten. Und falls das auch nicht klappte, würde er alle möglichen Mittel und Wege ausprobieren, bis er die magische Methode fand, um Vivi umzustimmen. Er konnte nicht aufgeben. Sie musste ihm einfach dabei helfen, Arianna vor weiterem Schaden zu bewahren.

Seit langer Zeit hatte Raffaele wieder eine schlaflose Nacht damit verbracht, über den plötzlichen Tod seiner Stiefmutter nachzugrübeln. Sie war an einer Überdosis gestorben, als er erst zwanzig Jahre alt gewesen war und noch studiert hatte.

Ihr Tod, nur wenige Monate nach dem seines Vaters, hatte Raffaeles Leben auf den Kopf gestellt. Ohne jegliche Vorbereitung war er schlagartig für ein zwölfjähriges Mädchen verantwortlich gewesen, obwohl er sich zuvor kaum die Mühe gemacht hatte, seine Halbschwester besser kennenzulernen. Trotzdem hatte er Arianna schnell in sein Herz geschlossen, sie lieben gelernt, wie er es früher nie für möglich gehalten hätte.

Schließlich war er sich durchaus bewusst, dass er eine außerordentlich kalte und analytische Persönlichkeit hatte. Er hatte diesen Umstand schon vor langer Zeit akzeptiert.

In den vielen dunklen Stunden, die er wach gelegen hatte, war ihm jedoch klargeworden, dass er dieses tiefe Bedürfnis, seine kleine Schwester zu schützen, nicht einfach ausschalten konnte. Es war sehr wahrscheinlich, dass Arianna die Veranlagung zu einem destruktiven Suchtverhalten von ihrer Mutter geerbt hatte.

Arianna hatte immer nur sich selbst wehgetan, niemals jemand anderem. Sie war auf seinen Schutz angewiesen, und er war bereit, alles zu tun, um sie vor den Folgen dieser unglücklichen Freundschaft mit Vivi zu bewahren.

Und Vivi? Nun, diese hinterhältige, sexy Verführerin musste eben in den sauren Apfel beißen und ihren Beitrag für Ariannas Wohlergehen leisten!

2. KAPITEL

„Gerüchten zufolge ist die Firma verkauft worden“, erklärte Vivis Vorgesetzte Janice nervös. „Hacketts Tech gehört jetzt zu einem großen Konsortium. Sie wissen, was das bedeutet, oder?“

Diese offensichtliche Nervosität war ungewöhnlich für Janice, und Vivi runzelte nachdenklich die Stirn. „Nein, ich habe keine Erfahrung mit so was.“

„Nun, ich habe das schon zweimal mitgemacht“, erklärte die ältere Frau mitleidig. „Zuerst sagen die neuen Chefs, dass es keine großen Veränderungen geben wird. Danach beginnen sie mit der Umstrukturierung, bringen ihre eigenen Mitarbeiter mit, und plötzlich steht man selbst ohne Job da!“

Vivi verzog das Gesicht. „Meine Güte, ich hoffe, so weit kommt es nicht. Mir gefällt es hier.“

In ihren E-Mails entdeckte sie jedoch eine Aufforderung, zu einem Gespräch in die oberste Etage zu kommen. Von dem Absender hatte sie bisher noch nie gehört. Auch in der Personalliste konnte sie den Namen nicht finden. War an dem Gerücht etwas dran? Hatte Janice recht, und die Firma wurde umgekrempelt? Hatte der Prozess bereits begonnen?

Nur keine voreiligen Schlüsse ziehen! Sie würde noch früh genug erfahren, worum es ging.

„Miss Fox?“ Die Rezeptionistin im obersten Stockwerk begrüßte sie freundlich und verließ ihren Schreibtisch, um Vivi den Weg zu zeigen.

„Mit wem habe ich denn meinen Termin?“, erkundigte Vivi sich zaghaft.

„Mit dem neuen Eigentümer des Unternehmens. Ich darf seinen Namen nicht erwähnen. Es ist alles noch streng vertraulich“, antwortete die Frau verlegen.

Demnach stimmte es, was Janice ihr erzählt hatte. Stumm zog Vivi die Augenbrauen hoch und fragte sich, wieso sie als junges Mitglied des Marketingteams wohl zu einem Termin mit dem neuen Eigentümer einbestellt wurde. Hatte er vielleicht eine bestimmte fachliche Frage? Dann könnte er doch Janice anrufen …

Aber nachdem die Rezeptionistin ehrfürchtig angeklopft und anschließend weit die Tür geöffnet hatte, wurde Vivi schlagartig alles klar. Raffaele di Mancini stand mit dem Rücken zum Panoramafenster in dem riesigen Büro.

„Komm rein, Vivi“, befahl er mit versteinerter Miene.

Sie war vor Schock wie erstarrt. Ihr ganzer Körper war vor Anspannung steif, und es kostete sie ungeheure Willenskraft, zögernd einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Raffaeles plötzliche Anwesenheit in einer Umgebung, der sie nicht einfach entkommen konnte, war absolut verstörend.

Ungeduldig kam er auf sie zu, schob sie weiter in den Raum, als wäre sie ein kleines Kind, und schloss die Tür hinter ihr. „Jetzt unterhalten wir uns mal wie Erwachsene“, sagte er mit fester Stimme.

Das glatte kupferrote Haar, an das er sich erinnerte, hatte sich mittlerweile in eine herrliche Mähne aus seidigen Locken verwandelt. Auf ihn wirkte Vivi damit wie eine Frau auf einem präraffaelitischen Porträt, ein beeindruckender Anblick. Dazu der feine Teint, der an teures Porzellan erinnerte, und die hellblauen Augen über dem vollen rosa Mund … Vivi war eine absolute Schönheit. Ja, er verachtete ihren Charakter, aber sie war tatsächlich noch attraktiver als damals.

Ihm gefiel nicht, dass er plötzlich so intensiv über den Sexappeal dieser Femme Fatale nachdenken musste. Dort stand sie nun, in einem unbestreitbar schlichten, schwarzen Bleistiftrock und einem hellblauen Hemd, das ihre schlanke Figur mit den sanften Kurven noch betonte.

Sie war ziemlich groß, aber Raffaele hatte das an ihr immer gemocht. Schließlich maß er selbst über eins neunzig.

„Ich bleibe nicht hier. Ich lasse mich nicht so manipulieren!“ Auf dem Absatz machte sie kehrt und marschierte zur Tür.

„Wenn du jetzt aus dieser Tür gehst, fange ich sofort damit an, deine Kollegen zu feuern“, informierte Raffaele sie kühl. Er rechnete damit, dass sich in den nächsten Minuten zeigen würde, aus welchem Holz Vivi Fox – ehemals Mardas – geschnitzt war.

Vivi reagierte heftig auf diese unverhüllte Bedrohung und fuhr herum. „Das kannst du nicht machen! Ich meine, nur weil ich nicht mit dir sprechen will? Das ist so was von unverschämt und unmoralisch!“, protestierte sie ungläubig.

„Als neuer Besitzer von Hacketts Tech kann ich so unverschämt sein, wie ich will. Bedauerst du es jetzt etwa, dass du gestern nicht einfach mit mir telefoniert hast?“ Raffaele hob eine Augenbraue, was ihn unerträglich arrogant aussehen ließ. „Wenn man mich herausfordert, spiele ich keine Spielchen, sondern kämpfe mit harten Bandagen.“

Vivi schluckte, aber sie wollte sich keinesfalls anmerken lassen, wie sehr er sie einschüchterte. „Als ob ich das noch nicht wüsste“, frotzelte sie und hob hochmütig das Kinn.

„Offensichtlich nicht“, bemerkte Raffaele, während er einen Stuhl für sie zurechtrückte. „Jetzt nimm bitte Platz.“

„Ich ziehe es vor zu stehen. Ich bleibe sowieso nicht lang“, erwiderte Vivi kühl. Sie war entschlossen, keine Schwäche zu zeigen.

„Bist du eigentlich immer so?“ Raffaele stieß verärgert die Luft aus und kämpfte gegen das lächerliche Verlangen, sie einfach eigenhändig in den Stuhl zu drücken. „Oder bist du heute einfach besonders kindisch?“

Sie weigerte sich, ihm in die Augen zu sehen und zuckte mit den Achseln. Allerdings konnte sie nicht verhindern, dass ihre Wangen sich rot färbten. „Mach dir dein eigenes Bild. Das tust du sowieso, da bin ich mir sicher.“

„Warum, denkst du, möchte ich wohl mit dir sprechen?“

„Weil mein Großvater dir offenbar ein Angebot gemacht hat, das beinhaltet, dass du mich heiratest. Natürlich nur auf dem Papier“, sagte Vivi ohne Umschweife.

Für einen Sekundenbruchteil spielte Raffaele mit dem Gedanken, ihr die Wahrheit zu sagen: Es war pure Erpressung. Aber was würde das für sie bedeuten? Warum sollte sie sich dafür interessieren, was mit Arianna passierte? Immerhin hatten sich die beiden seit zwei Jahren nicht gesehen oder gesprochen.

Aber wollte er ihr wirklich anvertrauen, wie verletzlich seine kleine Schwester war? Was wäre, wenn sie aus sofort an die Öffentlichkeit ging und Ariannas Geheimnisse enthüllte, um sich zu rächen? Was wäre, wenn sie genauso war wie ihr wütender Großvater?

Vivi beobachtete Raffaele unter gesenkten Wimpern hervor ganz genau. Sie hasste sich dafür, dass ihr Herz sofort zu rasen anfing. Es fühlte sich an, als würde ihre Brust zerspringen. Er machte sie nervös, das hatte er schon immer getan.

Aber wer wäre von einem so großen und mächtigen Mann nicht eingeschüchtert? Außerdem war er immer noch der schönste Mann, den sie je in ihrem Leben gesehen hatte. Sie gab es nur ungern zu, aber es war die Wahrheit. Vivi fühlte sich ihm so ausgeliefert, dass sie unwillkürlich jeden Muskel in ihrem Körper anspannte.

Was hatte er bloß an sich, dass sie in seiner Gegenwart augenblicklich die Beherrschung verlor?

Sein kurzes dunkles Haar glänzte im Licht, und die schwarzen Augen wirkten hypnotisch auf sie. Sein Gesicht war perfekt symmetrisch, so perfekt wie ein in Marmor gehauener Michelangelo. Der bronzene Ton seiner Haut, die hohen Wangenknochen, die gerade Nase und der kräftige Kiefer verstärkten dieses Bild. Dazu ein sinnlicher Mund … Er hatte den gleichen verheerenden Effekt auf sie wie bei ihrer ersten Begegnung.

Aber Vivi war seit damals erwachsener geworden und hatte viel dazugelernt. Widerwillig setzte sie sich nun doch.

„Dieser Vorschlag von meinem Großvater … Was soll das?“, begann Vivi trocken. „Du bist doch reich. Und du bist nicht auf noch mehr Geld angewiesen, es sei denn, es hat sich seit unserer letzten Begegnung etwas geändert.“

Raffaele biss die Zähne zusammen. Vivis aggressive Haltung machte ihn wütend. „Meine Lebensumstände haben sich nicht verändert“, murmelte er leise und versuchte, den Zorn zu bekämpfen, den sie mit ihrer forschen Frage in ihm auslöste.

Automatisch ballte er die Hände zu Fäusten. Er könnte alles Mögliche für Arianna ertragen, das sagte er sich immer wieder, andererseits stand ihm sein Stolz im Weg.

Aber wenn er jemals die Chance auf Vergeltung bekam, wusste er, er würde sie ergreifen. Vivis respektlose Haltung ihm gegenüber machte ihn nur entschlossener.

„Du wärst wirklich bereit, mich zu heiraten, nur weil du damit einen Gewinn machen kannst?“, fragte Vivi angewidert.

Seine dunklen Augen funkelten wie schwarze Diamanten. „Warum nicht?“, fragte er trocken.

Sie faltete die Hände auf ihrem Schoß, um etwas beherrschter zu wirken. Wieso wunderte sie sich überhaupt? Schließlich war er wohl kaum der erste Mann, der sich vom Geld verführen ließ. Und was wusste sie schon wirklich über Raffaele di Mancini?

Früher hatte sie geglaubt, ihn zu kennen, doch sie war bitterlich enttäuscht worden. Er hatte sie gedemütigt, absolut erniedrigt, indem er das Schlimmste über sie angenommen und ihren Namen in den Schmutz gezogen hatte. Nein, in Wahrheit hatte sie keine Ahnung, wie Raffaele wirklich war.

Er war extrem reich, aber offensichtlich noch nicht reich genug für seinen Geschmack. Und nur Vivi konnte ihn daran hindern, dieses Ziel zu erreichen. Es war eine bodenlose Frechheit, dass ihr Großvater und Raffaele sie bei ihrem Zweikampf nur als Bauernopfer betrachteten.

„Ich will dich nicht heiraten“, murmelte sie sehr leise, während sie die Wand links neben ihm anstarrte. „Ich will nichts mit dir zu tun haben.“

Frustriert stellte Raffaele fest, dass sie sich genauso starrsinnig zeigte, wie es ihr Großvater prophezeit hatte. Dabei war er sicher gewesen, sie würde die Gelegenheit beim Schopfe packen, seine Frau zu werden … verführt von seinem gesellschaftlichen Ansehen und ihrem Bedürfnis nach Vergeltung. Stattdessen benahm sie sich stur wie ein Esel!

Er versuchte eine neue Variante. „Es ist doch heutzutage nichts dabei, dass du eine Escort-Dame warst“, begann er diplomatisch. „Wie weit man in dieser Rolle geht, darauf kommt es an. Falls du tatsächlich nur eine Begleiterin warst, hast du dir doch nichts vorzuwerfen.“

„Ach, komm schon!“ Vivi warf ungeduldig den Kopf zurück, und ihre hellblauen Augen verdunkelten sich zu einem rauchigen Violettton. „Das ist es nicht wirklich, wovon du ausgegangen bist, oder? Du hast geglaubt, ich würde meinen Körper jedem anbieten, der nur genug zahlt. Und deswegen hast du mich denunziert und wie Dreck behandelt!“

„Ich habe dich nicht wie Dreck behandelt“, widersprach Raffaele grimmig.

„Du hast mir die Schuld in die Schuhe geschoben für die eigenwilligen, riskanten Aktionen deiner Schwester. Ich habe sie aber nicht dazu überredet, sich für das Modeling-Portfolio auszuziehen, das hat sie ganz allein so geplant“, argumentierte Vivi wütend. Sie ärgerte sich darüber, dass die Erinnerung immer noch frisch genug war, um sie derart aus der Fassung zu bringen. „Sie hat das alles selbst zu verantworten. Und dann wurde sie angesprochen, ob sie als Escort arbeiten wolle, weil niemand in der Agentur von ihrem ach so edlen Stammbaum wusste … Aber was hat das mit mir zu tun? Ich war bloß die Rezeptionistin am Empfang. Eine einfache Angestellte für die Verwaltung. Ich hatte keine Ahnung, was dort hinter den Kulissen ablief. Ich war keines der Models, die nebenbei ihre professionelle Begleitung angeboten haben!“

„Das behauptest du jedenfalls“, presste Raffaele zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Ganz ehrlich, er glaubte kein Wort von dem, was sie ihm da erzählte. Eine Empfangsdame? Hielt sie ihn für bescheuert? Eine schlichte Empfangsdame mit dieser Schönheit und dieser Figur?

Natürlich war sie eines der Models gewesen, und der Job an der Rezeption war bloß eine billige Ausrede, um ihn und auch Arianna zu täuschen. Er war kurz davor, ihr an den Kopf zu werfen, dass sich eine durchschnittliche Empfangsdame keine Designer-Schuhe leisten konnte!

Genau solche teuren Stücke mit auffällig roten Sohlen hatte sie am Tag der Razzia getragen, als sie vor dem Bordell abgelichtet worden war. Jedenfalls hatte die betreffende Zeitung aus der sehr teuren Designerkleidung geschlossen, dass Vivi eine höchst exklusive Prostituierte war. Aber unter den gegebenen Umständen wäre es dumm, sie noch mehr gegen sich aufzubringen.

Vivi presste die Lippen zusammen. Sie wusste ganz genau, dass er ihr nicht glaubte. Er war so ein Snob! Nur weil sie im Vergleich zu seiner Schwester und ihm – den privilegierten Adeligen – arm war, traute er ihr zu, dass sie für Geld alles tat. Welchen anderen Grund könnte er dafür haben, so misstrauisch zu sein? Schließlich hatte sie ja wohl kaum versucht, ihm ihre vermeintlichen Dienste anzubieten, oder?

Außerdem wusste Vivi gar nicht, wie man einen Mann verführte, und sie wollte es auch nicht herausfinden. Sie konnte nicht einmal gut flirten, denn im Allgemeinen waren die Männer, die sie traf, ziemlich kühn und forsch – Flirtkünste waren da überflüssig.

„Ich werde mich nicht dafür entschuldigen, dass ich dich verabscheue“, fuhr Vivi ihn an.

„Du brauchst mich nicht zu mögen, nur zu heiraten. Mehr verlangt dein Großvater nicht“, konterte Raffaele.

„Nun, leider ist bei der Sache nichts für mich drin.“ Vivi versuchte verzweifelt, nicht an die Schuldenfalle zu denken, in der ihre geliebten Pflegeeltern John und Liz steckten. Den beiden könnte diese Allianz durchaus nützen, dachte sie schuldbewusst.

Tatsächlich hätte es mehr als nur einen Vorteil, Raffaele zu heiraten. John und Liz wären gerettet, ihr Großvater wäre zufrieden und ihr eigener Ruf wäre endlich wieder hergestellt. All ihre Probleme würden sich in Luft auflösen …

„Wenn ich dir Geld anbieten würde …“, murmelte Raffaele mit seidiger Stimme. Offenbar suchte er nach ihrem Schwachpunkt.

„Hör sofort auf damit!“, schnitt Vivi ihm wütend das Wort ab. „Meinst du, ich lasse mich von dir bestechen? Mein Großvater würde mir fast alles geben, was ich will!“ Abgesehen von dem, was sie wirklich brauchte, nämlich die Tilgung der Hypothekenschuld von John und Liz.

Bei dem Gedanken daran, dass ihr Großvater eine Hypothek mit relativ geringem Verkehrswert dazu missbrauchte, seinen Enkeltöchtern den eigenen Willen aufzuzwingen, drehte sich ihr der Magen um.

Winnies Ehemann Eros hatte alles daran gesetzt, die Verhältnisse zu ändern, aber gegen Stam Fotakis’ Wirtschaftsmacht war er bisher noch nicht angekommen. Vivi sollte unbedingt ihre Schwester anrufen und sich über den letzten Stand der Dinge schlaumachen.

„Dann befinden wir uns im Moment scheinbar in einer Sackgasse“, stellte Raffaele fest. Immer noch war er davon überzeugt, dass er Mittel und Wege finden würde, um sich mit Vivi zu einigen. Was er sich vorgenommen hatte, zog er auch konsequent durch, und diese Situation war keine Ausnahme.

Mit genügend Zeit und ein bisschen Einfallsreichtum würde er schon die magische Lösung finden, die diese widerspenstige Schönheit dazu brachte, mit ihm an einem Strang zu ziehen.

Auf die eine oder andere Weise – das nahm er sich grimmig vor – würde er sie in den Griff bekommen. Schließlich musste er Arianna beschützen.

„Wir werden heute gemeinsam zu Abend essen“, teilte er ihr entschieden mit.

Ruckartig hob Vivi den Kopf, sodass ihre feuerroten Locken um ihr Gesicht tanzten. Ihre blauen Augen funkelten gefährlich. „Nein, das werden wir nicht.“

„Dann eben morgen Abend.“

Ihre weichen, vollen rosa Lippen, von denen er seinen Blick kaum losreißen konnte, bebten vor Wut. „Nein.“

„Ich denke, du vergisst diese Entlassungsliste, die ich vorbereitet habe“, erinnerte Raffaele sie. Er war bereit, jedes Mittel einzusetzen, um seinen Willen durchzusetzen.

Vivi sprang von ihrem Stuhl auf, fluchte nicht gerade damenhaft, und auf ihren Wangen zeigten sich dunkelrote Flecken.

„Na, na, wir wollen doch nicht ausfallend werden“, tadelte Raffaele sie. Insgeheim war er jedoch sehr zufrieden damit, dass er eine solch heftige Reaktion provoziert hatte. Ihr feuriges Temperament konnte ihm noch in vielerlei Hinsicht von Nutzen sein!

Auf der anderen Seite wunderte er sich darüber, wie sehr sich Vivi Fox um ihre Arbeitskollegen sorgte. Er hatte sie für eine hartherzige Einzelgängerin gehalten, die alles dafür tat, um ihren gesellschaftlichen Status zu verbessern.

„Ich hasse dich“, zischte sie.

„Morgen Abend um acht. Zum Dinner. Bis dahin hast du Zeit, über unser Gespräch von heute nachzudenken. Ich schicke jemanden, der dich abholt“, schloss Raffaele, ohne mit der Wimper zu zucken.

Vivi krallte die Fingernägel in ihre Handflächen. Kein Mann hatte sie jemals mit einer solch rasenden Wut erfüllt. Es fehlte nicht viel, und sie würde handgreiflich werden.

Andererseits war Raffaele Bankier, also war er von Natur aus skrupellos. Diese Entlassungen, von denen er sprach, waren mit Sicherheit keine leeren Drohungen. Ihr war elend zumute. Wie könnte sie das riskieren? Wie könnte sie ihn herausfordern, wenn es um den Lebensunterhalt und die Zukunft ihrer Kollegen ging?

Um Himmels willen, was hatte ihr Grandad ihm bloß angeboten, dass er diese harten Bandagen anlegte?

„Schön. Um acht.“ Sie presste das Wort zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, und es versetzte ihr einen Stich, dass sie sich diese Niederlage eingestehen musste. Raffaele di Mancini hatte ihren Stolz empfindlich verletzt.

„Ich freue mich darauf“, sagte Raffaele. Er klang so zufrieden wie ein Kater im Sahnekrug.

Wenn irgendetwas in ihrer Reichweite gewesen wäre, hätte Vivi es zum Abschied nach ihm geworfen.

Wie benommen fuhr sie mit dem Lift hinunter zurück in die Marketingabteilung. Ihr Gehirn war regelrecht vernebelt von all den Emotionen, die Raffaele in ihr ausgelöst hatte. Hass, Enttäuschung und Verzweiflung schlugen hohe Wellen in ihrem Inneren, und es fiel ihr schwer, klar zu denken.

Wenn sie kühler und ruhiger geblieben wäre, hätte sie dann einen Ausweg gefunden? Aber wie sollte sie cool bleiben, wenn sie derart in die Enge getrieben wurde?

Sie erinnerte sich an den Tag, an dem sie Arianna zum ersten Mal begegnet war. Die junge Frau war in der Straße, in der sich die Modelagentur befand, mit ihrem hohen Absatz in ein Bodengitter getreten und hängen geblieben.

Es war Vivis erste Woche im neuen Job gewesen. Sie war auf dem Weg in die Mittagspause stehen geblieben, um Arianna zu helfen, die vergeblich versuchte, ihren Schuh aus dem Gitter zu ziehen.

„Oh, danke schön.“ Ariannas strahlendes Lächeln war echt gewesen. Sie war eine hübsche Brünette und schien im selben Alter zu sein wie Vivi.

Nachdem sie ihren High Heel nicht befreien konnte, war sie barfuß auf den Bürgersteig getreten und hatte sich höflich vorgestellt. Und Vivi hatte aus ihrer geräumigen Tasche ein Paar Turnschuhe hervorgezaubert, die sie häufig auf dem Weg zur Arbeit trug. Arianna war so dankbar gewesen, als hätte Vivi ihr das Leben gerettet, und hatte ihre...

Autor

Carolyn Zane
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Kate Hardy
Kate Hardy wuchs in einem viktorianischen Haus in Norfolk, England, auf und ist bis heute fest davon überzeugt, dass es darin gespukt hat. Vielleicht ist das der Grund, dass sie am liebsten Liebesromane schreibt, in denen es vor Leidenschaft, Dramatik und Gefahr knistert? Bereits vor ihrem ersten Schultag konnte Kate...
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