Julia Exklusiv Band 406

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ICH WILL DICH – TAG UND NACHT! von BELLA BUCANNON

Ausgerechnet mit Bestsellerautor Nate Thornton soll Jemma an ihrem neuen Buch arbeiten! Ganz offensichtlich hält der schwerreiche Ex-Reporter sich für unwiderstehlich. Doch Jemma will sich nur auf ihre Arbeit konzentrieren – egal wie heiß Nate mit ihr flirtet!

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  • Erscheinungstag 12.09.2026
  • Bandnummer 406
  • ISBN / Artikelnummer 9783751541350
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Bella Bucannon, Chantelle Shaw, Kate Hewitt

JULIA EXKLUSIV BAND 406

Bella Bucannon

1. KAPITEL

Nate Thornton schüttelte energisch den Regen aus seinem Haar, bevor er das Bürohochhaus in Sydneys Innenstadt betrat. Für die Zugfahrt von Katoomba hierher hatte er geplante Videokonferenzen verschieben müssen, weil Brian Hamilton darauf bestanden hatte, dass er heute kam. Brians ausweichende Bemerkungen hatten ihn noch mehr frustriert.

„Es muss Donnerstag, der Neunte sein. Ich glaube, ich habe eine Lösung für das Interaktionsproblem Ihres Helden und Ihrer Heldin. Und es gibt einen Verlag, der daran interessiert ist, sich Ihr überarbeitetes Manuskript anzusehen.“

Brian Hamilton war einer der besten Literaturagenten in Australien. Nach dem ersten Kontakt hatte er um Nates Zusammenfassung und die ersten Kapitel gebeten, dann das ganze Manuskript angefordert. Seine schonungslos offene Beurteilung der Marktfähigkeit seines Buchs hatte Nate überzeugt, dass er der Agent war, den er wollte.

Seine Versuche, die von Brian angegebenen Szenen umzuschreiben, hatten jedoch gezeigt, dass dieser Aspekt nicht seine Stärke war. Er war in Versuchung gewesen, vorzuschlagen, die Szenen zu streichen. Sein Bauchgefühl hatte ihm allerdings gesagt, dass es so einfach nicht war und er den Agenten fragen sollte, ob er eine bessere Lösung finden konnte.

Es waren nicht die möglichen Einkünfte, die Nate an seinen Computer trieben. Durch ein klug angelegtes Erbe und sein Einkommen, während er im Ausland gearbeitet hatte, war er für Jahre finanziell abgesichert. Oder, wie sein Bruder behauptete, „stinkreich“ – ein Wort, das Nate hasste. Trotzdem beneidete er Sam um die Zufriedenheit, die er als Pilot der Luftwaffe erreicht hatte, zurzeit in Edinburgh, nördlich von Adelaide stationiert.

Nates Zwang, zu schreiben, war von dem Wunsch ausgelöst worden, das Elend und die Verletzungen, die er als Auslandsreporter gesehen hatte, dorthin zu drängen, wo sie hingehörten: in seine Vergangenheit. Diese schrecklichen Bilder menschlicher Grausamkeit waren noch immer in seinem Kopf, obwohl er es meistens schaffte, sie zu verdrängen.

Aber Nate konnte nichts dagegen machen, wie er jetzt das Leben betrachtete und mit neuen Bekanntschaften umging. Die Mauern, die er zu seinem seelischen Schutz errichtet hatte, waren stabil und dauerhaft.

Stirnrunzelnd drückte er den „Aufwärts“-Knopf. Alle sechs Aufzüge waren in den oberen Stockwerken.

Zugegeben, er schrieb den rührseligen Kram nicht so gern. Verdammt, der Rest seiner hunderttausend Wörter war gut, und romantische Frauen waren nicht seine Zielgruppe.

Die Eingangstür glitt auf. Die Frau, die ins Foyer kam, fesselte seine Aufmerksamkeit. Er nahm flüchtig schwarze Leggings wahr, dann sah er blau gemusterten Stoff unter einem beigefarbenen Regenmantel aufblitzen, als sie ihn aufknöpfte und schüttelte.

Nate registrierte langes braunes Haar, eine gerade Nase und rote Lippen über einem niedlichen Kinn. Tolle Personenbeschreibung für einen Schriftsteller, Nate. Dann, als sich ihre Blicke trafen, spürte er ein eindeutiges Ziehen im Bauch.

Dunkelblaue, von dichten Wimpern umrahmte Augen. Sie starrte ihn an, blinzelte, runzelte die Stirn und drehte sich abrupt weg. Nate seufzte selbstironisch. Als nicht beachtenswert abgetan. Nicht die übliche erste Reaktion von Frauen auf ihn.

Der Fahrstuhl klingelte. Noch ein schneller, abschätzender Blick auf die Frau, und Nate betrat die Kabine.

Brians persönliche Assistentin hatte ihn über Nates Ankunft informiert, bevor sie Nate seine Jacke abnahm. Sein Agent begrüßte ihn begeistert.

„Kommen Sie herein!“

Er folgte Nate in das gut ausgestattete Eckbüro und deutete auf die vier bequemen Ledersessel um einen niedrigen Tisch.

„Wie war die Fahrt? Ah, entschuldigen Sie mich.“ Brians Telefon klingelte, und er ging zu seinem Schreibtisch, um abzunehmen. „Danke, Ella“, sagte er, legte auf und ging zur Tür. „Ich bin sofort bei Ihnen, Nate, dann können wir anfangen.“

Nate hörte Brians gedämpfte Stimme und die leise Antwort einer Frau.

„Kommen Sie herein, da ist jemand, den ich Ihnen gern vorstellen möchte.“

Einen Moment später erlebte Nate dieselbe Reaktion wie vor ein paar Minuten im Erdgeschoss. Die Frau, die sie hervorgerufen hatte, stand an der Tür, ihre wunderschönen Augen waren weit aufgerissen – vor Überraschung und einer anderen, dunkleren Gefühlsregung.

Der Regenmantel fehlte – vermutlich hing er zusammen mit seiner Jacke am Ständer –, sodass Nate ihre schlanke Figur in einem hüftlangen blau gemusterten Top bewundern konnte. Die schwarzen Leggings zogen seinen Blick auf wohlgeformte Beine.

Ihm gefielen ihre glatte, leicht gebräunte Haut, das Blau ihrer Augen und ihre perfekt geschwungenen sinnlichen Lippen. Nicht so gut fand er, dass sie zögerte und sich nach Brian umsah.

Ein Blick auf die zufriedene Miene seines Agenten, und Nate war auf der Hut. Diese junge Frau schien eher ein Problem für seine Libido als eine Lösung für die Beziehung seiner Romanfiguren zu sein. Was zum Teufel hatte Brian im Sinn?

Brian drängte sie hinein, sodass Jemma Harrison nichts anderes übrig blieb, als den Raum zu betreten. Der Mann aus der Eingangshalle freute sich anscheinend ebenso wenig wie sie über das Wiedersehen. Unten in der Halle hatten seine selbstsichere Körperhaltung und sein arroganter Blick verraten, was für ein Typ von Mann er war. Der Typ, den Jemma mied.

Sie hatte ignoriert, dass ihr Puls sich beschleunigte, als sich ihre Blicke trafen, und sich weggedreht, bevor sie irgendein Merkmal registrieren konnte. Jetzt konnte Jemma nicht anders: Sie prägte sich jedes Detail des gut aussehenden Mannes vor ihr ein. Graue Augen mit dunklen Wimpern, dichtes braunes Haar und ein energisches Kinn. Er war attraktiv auf eine sportlich-zupackende Art. Der hellbraune Sommerpullover betonte beeindruckende Brustmuskeln und breite Schultern. Dazu trug er schwarze Chinos und Sneakers, und Jemma wusste, dass ihre Jetset-Schwester Vanessa ihn „cool“ finden würde.

„Jemma, darf ich Ihnen Nate Thornton vorstellen? Nate, Jemma Harrison.“ Brian grinste, als hätte er einen unglaublichen Coup gelandet.

Nate Thorntons kühler Blick ließ nicht erkennen, was er dachte, und sein kaum vorhandenes Lächeln verschwand schnell wieder. Aus unerklärlichem Grund spannte sich Jemmas Körper an, als Nate ihr die Hand schüttelte. Sein Griff war sanft, verriet aber zugrunde liegende Kraft. Nates Berührung löste ein Prickeln auf ihrer Haut und Hitze in ihrem Bauch aus. Hoffentlich wohnte er weit weg von ihrer Heimatstadt!

„Hallo, Jemma. Ihrem Gesichtsausdruck nach hat Brian Ihnen nicht gesagt, dass ich hier bin, also sind wir beide ähnlich ahnungslos.“

Gegen ihren Willen reagierte sie auf den Klang seiner Stimme. Fest und selbstsicher, tief und kräftig, ein bisschen rau.

„Brian hat mich eingeladen, im Büro vorbeizuschauen, wenn ich in Sydney bin. Dass heute noch jemand da ist, hat er nicht erwähnt.“

„Ich werde euch das sofort erklären“, sagte Brian.

Jemma setzte sich in einen der Sessel. Nate ließ sich in den daneben sinken. Sie spürte, dass er sie musterte. Warum hatte Brian ihn eingeladen, dazuzukommen? Ich wette, er würde einen Liebesroman nicht einmal erkennen, wenn ich ihm einen unter die Nase halte, dachte sie.

Brian setzte sich zu ihnen und lächelte erst sie, dann Nate an.

„Wir haben hier das Dilemma eines Agenten: zwei Autoren mit großartigem Potenzial für literarischen Erfolg, aber beide mit Schwächen, die das Erreichen des Ziels verhindern. Änderungsversuche sind bei Ihnen beiden nicht erfolgreich gewesen. Aber dann ging mir, wie man so schön sagt, ein Licht auf. Nämlich nachdem Jemma mir sagte, dass sie nach Sydney kommt. Nate hat ein Talent dafür, Action zu erzählen. Sehr marktfähig in allen Medien. Leider ist die Beziehung zwischen seinem Helden und seiner Heldin langweilig und völlig ohne erotischen Reiz.“

Das war schwer zu glauben. Kein Mann, der so gut aussah wie er, hätte Schwierigkeiten, willige Frauen zu finden, die er verführen konnte. Jemma hatte das machohafte Aufflackern in seinen Augen gesehen, als sie einander vorgestellt worden waren, und selbst sie hatte sich seiner Ausstrahlung kaum entziehen können.

„Jemmas Romanfiguren und ihre Interaktionen sind fesselnd zu lesen. Aber die Handlung zwischen den äußerst befriedigenden emotionalen Szenen macht wenig Eindruck und wird die Spannung nicht bis zum Ende halten. Deshalb schlage ich vor, dass wir ihre Stärken mit Nates Manuskript verbinden – und umgekehrt.“

Nates Protest übertönte sogar den entsetzten Widerspruch der Frau neben ihm. Er brauchte all seine Selbstbeherrschung, um nicht aufzuspringen und im Zimmer auf und ab zu gehen – eine lebenslange Angewohnheit, wenn er aufgeregt war oder ein Problem hatte.

„Jetzt hören Sie aber auf, Brian! Sie wissen, wie viel Zeit und Mühe ich in dieses Buch investiert habe. Ich kann ja verstehen, wenn Sie jemanden hinzuziehen wollen, und könnte sogar einen erfahrenen Autor akzeptieren. Aber …“ Er rang um Worte. So viel dazu, dass er sich einen Ruf als großartiger Schriftsteller erarbeitet hatte. „Sie erwarten von mir, dass ich einer Amateurin erlaube, mit meinem Manuskript herumzuspielen? Ihre Herzschmerzfiguren werden niemals passen!“

„Ist nicht Ihr Amateurstatus der Grund, warum auch Sie hier sind, Mr. Thornton? Ich bezweifle, dass Sie jemals einen Liebesroman in der Hand hatten, geschweige denn, dass Sie den Klappentext gelesen haben.“

„Falsch, Jemma.“

„Ach ja?“

„Ja. Ich habe einen von Anfang bis Ende gelesen, um eine Wette zu gewinnen. Ich kann nicht behaupten, dass ich beeindruckt war.“

Sie hob das Kinn, riss in gespielter Empörung die dunkelblauen Augen auf und verzog spöttisch den Mund. Trotzdem konnte Nate kaum den Blick von ihren vollen Lippen abwenden.

„Beruhigen Sie sich, Nate“, mischte Brian sich ein. „Die Handlung Ihres Romans ist packend und glaubwürdig. Es ist die Beziehung zwischen Held und Heldin, die für den Leser nicht glaubwürdig ist. Ich bin überzeugt, dass Jemma Ihnen damit weiterhelfen kann.“

„Sie verlangen von mir, dass ich sie auf mein Manuskript zugreifen lasse? Sie Änderungen vornehmen lasse, damit es ihrem kitschigen Lesegeschmack entspricht?“

Kommt nicht infrage. Nicht jetzt. Niemals!

„Nein“, sagte Jemma.

„Nein!“, brauste Nate gleichzeitig auf.

Brian nahm ihnen den Wind aus den Segeln. „Niemand schlägt solch eine drastische Maßnahme vor. Zunächst möchte ich, dass Sie beide zusammen zu Mittag essen, sich ein bisschen kennenlernen. Wenn Sie einen Waffenstillstand erreichen, können wir mit einer Probezusammenarbeit bei zwei oder drei Kapiteln anfangen.“

Mittagessen? Essen und Tischgespräch mit dieser Frau, die ihn so kühl und abweisend behandelte, als sei sie ein Eisklotz? Nate atmete tief ein und aus und zuckte die Schultern. Was, wenn er Nein sagte?

Dann würde sein Buch vielleicht nicht erscheinen.

Er erwiderte Jemmas herausfordernden Blick und zwang sich zu einem Lächeln. „Darf ich Sie zum Mittagessen einladen, Jemma?“

„Gern, Nate.“

Dass sie seine Einladung höflich annahm und sein Lächeln erwiderte, stimmte ihn ein bisschen milder, obwohl ihn noch immer die Alternative wurmte, vor die er sich gestellt sah. Er mochte es nicht, genötigt zu werden. Schon gar nicht, wenn es bedeutete, mit einer attraktiven Frau zusammen zu essen, die ihm irgendwie unter die Haut ging. Ein weiterer Grund, sich nicht auf eine Arbeitsbeziehung mit ihr einzulassen.

Nate vermied es, Gefühle in Beziehungen zu investieren. Es reichte ihm, dass ihm einmal das Herz gebrochen wurde, das wollte er nicht noch einmal riskieren. Nur sein Ermittlungsgeschick hatte verhindert, dass er auch noch um ein Vermögen gebracht worden war. Jede Frau, die er jetzt kennenlernte, musste sich sein Vertrauen erst einmal verdienen.

Als Jemma mit Nate das Gebäude verließ, war es draußen bereits wärmer geworden. Der Regen hatte aufgehört, die noch nassen Bürgersteige dampften, und die Luft war feucht. Sie gingen schweigend nebeneinander her, jeder in seine Gedanken versunken.

Jemma vermutete, dass er ebenso wie sie über das Gespräch zwischen ihnen beiden und Brian nachdachte. Dem Vorschlag des Agenten zuzustimmen würde regelmäßigen Kontakt – sei es auch nur über elektronische Medien – mit einem Mann bedeuten, dessen Selbstsicherheit sie an ihren treulosen Exfreund und ihren Schwager, diesen übertrieben höflichen Aufsteiger, erinnerte.

Anders als die beiden strahlte Nate außerdem eine männliche Kraft und selbstbeherrschte Distanz aus. Das Letztere war ein Vorteil für sie, besonders nach ihrer unerwartet heftigen Reaktion auf ihn. Während der Besprechung war sie sich immer mehr seines Moschusdufts mit einer Spur Vanille und Zitrus bewusst geworden. Viel zu verführerisch!

Nate blieb plötzlich stehen und betrachtete sie einen Moment lang. Sein Blick war melancholisch, seine Körpersprache verriet ihr, dass er lieber woanders wäre, mit jemand anderem.

„Irgendein Restaurant, in das Sie gern gehen möchten?“, fragte er zögernd.

„Ich habe keine Ahnung.“

„Sie kennen sich in Sydney nicht aus?“

Jetzt klang er freundlich. War es ihm etwa ganz recht, dass sie weit weg wohnte?

„Ich kenne die Stadt aus dem Fernsehen und ein paar seltenen Besuchen. Einige meiner Freundinnen sind hierhergezogen.“

„Darling Harbour ist nicht allzu weit entfernt, dort gibt es eine Auswahl an Restaurants. Wir nehmen ein Taxi.“

Während Nate einen Wagen heranwinkte, überlegte Jemma, worauf sie sich da eingelassen hatte. Konnte ein Mittagessen mit einem Mann wie Nate Thornton friedlich verlaufen?

2. KAPITEL

Das stilvolle Restaurant, zu dem Nate sie lotste, war eine angenehme Überraschung. Mit weiß-roten Tischdecken, Kristallgläsern und einer eleganten Einrichtung sah es so ähnlich aus wie das jetzige Restaurant ihrer Eltern in Adelaide.

Sie wurden auf Nates Bitte hin zu einem Ecktisch am Fenster geführt. Die Aussicht auf vertäute Jachten und die Stadt dahinter war postkartenmalerisch und abends wohl noch schöner, wenn die Boote und Gebäude beleuchtet waren. Jemma nahm sich vor, nach dem Dunkelwerden mit Cloe hierher zurückzukehren, die Freundin, bei der sie in North Ryde wohnte.

Sorgfältig studierte Jemma die Speisekarte und trank dabei gelegentlich einen Schluck von dem Mineralwasser in ihrem Glas.

„Was möchten Sie trinken, Jemma?“

Als sie aufsah, traf sie auf ein scheinbar aufrichtiges Lächeln von Nate. Schade, dass es nicht seine Augen erreichte. Sie legte die Speisekarte hin und strich sich das Haar von ihrer rechten Wange.

„Weißwein, bitte. Ich nehme als Vorspeise und Hauptgang Fisch.“

„Irgendeine besondere Sorte?“

Dieser Drang, sein ruhiges, ernsthaftes Auftreten durcheinanderzubringen, stieg wieder in ihr auf – untypisch für sie.

„Ich sollte wohl eine hiesige Marke wählen – obwohl unsere südaustralischen Weine besser sind.“ Sie hob das Kinn und lächelte verächtlich, forderte Nate heraus, ihre Behauptung zu bestreiten.

Sie erreichte ihr Ziel und noch viel mehr.

Er blickte sie mit zusammengekniffenen Augen an, und sein Mund zuckte, als er sanft sagte: „Wir heben uns den Krieg für später auf. Für diese Stichelei werde ich jetzt den Wein auswählen.“

Jemma war sprachlos. Sie trank ihr Wasser aus, unfähig, eine Erwiderung zu formulieren. Nate Thornton war intelligent, er schaltete schnell. Ein Mann, der nicht mit sich herumspielen ließ.

Zum Glück kam ein Kellner an den Tisch, um ihre Bestellungen aufzunehmen. „Zuerst den Räucherlachs mit Kapern, und als Hauptgang den Barramundi mit einem Gartensalat“, las sie von der Speisekarte ab.

Nate wählte Austern mit Peperoni, Kokosnuss und Limone als Vorspeise, gefolgt von gegrilltem Lachs mit gedämpftem Gemüse.

Der Wein, den er bestellte, war ihr unbekannt. Und dabei hatte sie in den vielen Stunden, die sie damit verbracht hatte, Kühlschränke und Regale zu füllen, ein umfangreiches Wissen über Marken erworben.

„Offensichtlich essen Sie gern Fisch.“

„Barramundi ist die Spezialität meiner Mutter. Ich vergleiche gern andere Angebote mit ihrem.“

„Dann ist sie eine gute Köchin?“

Jemma lachte. „Fragen Sie das niemals, wenn sie gerade ein Messer in der Hand hat. Sie und Dad sind Küchenchefs und leben nur für ihren Beruf.“

Nate warf ihr einen forschenden Blick zu, der sie in seinen Bann zog und ihr das Gefühl gab, dass er ihre geheimsten Gedanken zu erraten versuchte. Sein Gesicht blieb ausdruckslos, seine faszinierend raue Stimme ruhig. Das einzige Anzeichen für eine Gefühlsregung war das anhaltende Klopfen von zwei Fingern seiner linken Hand auf den rechten Ellbogen, eine Handlung, derer er sich anscheinend nicht bewusst war.

„Ich vermute, das ließ nicht viel Zeit für die Kinder.“

„Ich wollte damit nicht sagen …“

Der Kellner kam mit dem Wein, und Jemma sprach nicht weiter. Sie würde Nates Meinung richtigstellen müssen. Den Eindruck hatte sie nicht vermitteln wollen. Aber während er die kleine Menge Wein probierte, die der Kellner in sein Glas goss, konnte sie die Wahrheit nicht leugnen. Ihre Eltern hatten tatsächlich wenig Zeit für sie und ihre Schwester gehabt, aber sie hatten Vanessa zu ihren Model-Kursen ermuntert und sie finanziert. Natürlich war es gute Publicity für ihre Eltern gewesen, als Vanessa einen internationalen Vertrag bekommen hatte.

Auf Nates zustimmendes Nicken hin wurde ihr Glas gefüllt. Als Jemma den frischen, trockenen Wein kostete, hob Nate sein Glas und prostete ihr zu.

„Dieser ist gut. Ich bin mit Ihrer Wahl einverstanden.“ Sie trank noch einen Schluck und wartete darauf, dass Nate das Gespräch über ihre Familie fortsetzte. Er tat es nicht.

„Ich vermute, Sie schreiben nicht in Vollzeit? Haben Sie noch einen zweiten Beruf?“

„Ich male Bilder der australischen Pflanzen- und Tierwelt, hauptsächlich auf kleine Fliesen. Und ich arbeite Teilzeit in dem Geschenkartikelladen, in dem sie ausgestellt werden. Ich verkaufe sie auch auf Märkten in der umliegenden Gegend.“

„Lassen Sie mich raten: Koalas und Wombats stehen ganz oben auf der Beliebtheitsliste?“

Jemma hörte eine Spur Herablassung aus seiner Stimme heraus und hielt mühsam die scharfe Erwiderung zurück, die seine Worte verdienten. „Ja. Muttertiere mit Babys sind meine Bestseller, zusammen mit farbenprächtigen heimischen Blumen.“

„Und wo ist Ihre Heimat?“

„Die Adelaide Hills.“

„Südaustralisches Buschbrandgebiet? Ich war vor drei Jahren dort. Die Gefahr beunruhigt Sie nicht?“

Nate sah Schmerz in ihren Augen aufflackern. Sie schaute für einen Moment aus dem Fenster, bevor sie antwortete.

„In dem Jahr habe ich den ersten Sommer dort gewohnt. Eine enge Freundin hat ihr Haus, einige Schafe, eine Katze und zwei Hunde verloren. Meg und ihre Familie waren am Boden zerstört, aber sie sind geblieben, haben wieder aufgebaut und Tiere aus dem Tierheim aufgenommen. Sie haben mir beigebracht, wie man die Gefahren minimieren kann. Zwar ist die Angst jedes Jahr da, aber dafür lebt man in einer freundlichen Kleinstadtatmosphäre mit viel frischer Luft. Und wo leben Sie?“

Nate hatte nicht damit gerechnet, dass sie dasselbe Schicksal teilte, das er schon ein paarmal so ähnlich gehört hatte, seit er in die Berge gezogen war. In Anbetracht des Berufs ihrer Eltern hatte er gedacht, dass Jemma in Adelaide oder in einem der Vororte lebte. Er machte sich auf ihre Reaktion gefasst und antwortete.

„Die Blue Mountains.“

Er kam in den Genuss von leicht geöffneten Lippen, einem bezaubernd empörten Gesichtsausdruck und blitzenden Augen. Gegen seinen Willen spannten sich seine Bauchmuskeln an.

„Das ist dasselbe in New South Wales. Bei Ihnen brechen jedes Jahr Brände aus.“

Ihre Vorspeisen wurden gebracht. Nate wartete, bis sie wieder allein waren, bevor er antwortete. Er überraschte sich selbst, indem er etwas zugab, was er normalerweise Fremden gegenüber nicht enthüllte.

„Ich weiß. Ich helfe, sie zu bekämpfen.“

„Sie sind bei der freiwilligen Feuerwehr?“

Jemmas Bewunderung war erfreulich, wenn auch nicht wirklich verdient. Auf dem Land zu leben bedeutete, sich seine Kultur und Werte zu eigen zu machen.

„Man wohnt in der Region, also sollte man seinen Teil beitragen. Das Training hält mich außerdem fit.“ Nate aß eine Auster, genoss den Geschmack, während er beobachtete, wie Jemma Lachs und Kapern auf einen Cracker tat und ein kleines Stück abbiss. Ihre glänzenden Lippen faszinierten ihn, beschworen Gedanken herauf, die besser ungesagt blieben. Die Woge des Verlangens, die in ihm aufbrandete, kam völlig unerwartet.

Austern sollten ja ein Aphrodisiakum sein, also waren sie vielleicht die falsche Wahl. Gewagt oder nicht, Nate aß noch eine, bevor er fragte: „Wie viel haben Sie schon geschrieben?“

Es kam schroffer heraus, als er beabsichtigt hatte. Weil es ihn beunruhigte, dass er Jemmas Wirkung auf ihn nicht drosseln konnte. Wenn er sich zu einer Frau hingezogen fühlte, waren seine Regeln nicht verhandelbar. Lass es unkompliziert, lass es ohne große Gefühle, und lass dich nicht zu sehr hineinziehen. Sich seit seiner kurzen, katastrophalen Affäre – über die er mit niemandem gesprochen hatte, nicht einmal mit der Familie – streng an diese Regeln zu halten, garantierte gegenseitig befriedigende Beziehungen mit Frauen, die ähnliche Ansichten hatten.

Jemma schrieb Liebesromane. Bestimmt glaubte sie an das immerwährende Glück und wollte eine feste Bindung eingehen, und zweifellos würde sie eines Tages eine hingebungsvolle Ehefrau und Mutter sein.

Er konnte zwar von ihr träumen und sie begehren, aber die Fallstricke sexueller Verwicklungen hatten ihn gelehrt, die Kontrolle zu behalten. Was für Gefühle Jemma jetzt auch immer weckte, sie würden vorbeigehen, wenn sie sich trennten.

„Gedichte und Kurzgeschichten seit meiner Kindheit. Die meisten meiner Frühwerke sind im Müll gelandet. Eine Datei mit Teilmanuskripten ist übrig, außerdem dieses fertige.“

„Von dem Brian meint, dass es drastische Veränderungen nötig hat?“

„Dasselbe gilt für Sie, Mr. Thornton. Ist dies Ihr erster Versuch, oder warten noch andere auf Ihre Hilfe?“

Jemma schenkte ihm plötzlich ein hinreißendes Lächeln, das ihn aus der Fassung brachte.

Er geriet noch mehr durcheinander, als sie hinzufügte: „Nein, Sie ziehen wahrscheinlich jedes Projekt bis zum bitteren Ende durch, bevor Sie ein neues beginnen.“

Jetzt war er sprachlos. Warum drückte eine Frau, die so anders war als diejenigen, die ihn normalerweise anzogen, so mühelos die richtigen Knöpfe bei ihm? Eher bodenständig als weltläufig, besaß sie dieses undefinierbare Etwas, das er nicht bestimmen konnte.

Nate aß die letzte Auster und schob den Teller beiseite. „Den Punkt räume ich ein. Und nennen Sie mich Nate. Es sei denn, Sie wollen eine Schranke zwischen uns aufrechterhalten?“

Die zarte Röte auf ihren Wangen bewies, dass er recht hatte. Und er wusste, dass teilweise seine Schroffheit schuld daran war. Er trank seinen Wein aus, stellte das Glas ab und dankte der Kellnerin, die die Teller abräumte. Ein neues Thema schien angebracht zu sein.

„Wie gut kennen Sie Brian?“

Jemma blinzelte, als Nate wieder das Thema wechselte. „Hauptsächlich durch E-Mails, aber ich vertraue ihm. Er hat meinen Roman gelesen, und als ich im Dezember nach Sydney gekommen bin, haben wir uns in seinem Büro getroffen. Ich habe von ihm eine ehrliche Beurteilung meines schriftstellerischen Könnens bekommen. Anders als bei Ihnen gibt es bei mir weitaus mehr ungeschickte Handlungstextstellen als gute Szenen. Und Sie?“

„Ähnliches Szenario. Brians Vorschlag zuzustimmen bedeutet, Ihren Roman auf Eis zu legen, während Sie an dem von jemand anders arbeiten. Das stört Sie nicht?“

„Nein, das Angebot hat mich sprachlos gemacht und mir Angst vor den Folgen eingejagt, falls ich versagen sollte. Und ich bin begeistert, weil Brian mir zutraut, an einem Buch mitzuarbeiten, das er anscheinend unbedingt veröffentlicht sehen will. Diese Szenen getreu Ihrer Romanfiguren und Ihrer Geschichte abzuändern wird auch für meine Karriere vorteilhaft sein.“

„Hm.“

Nate schien über ihre Erklärung nachzudenken, während der Hauptgang serviert wurde. Jemma wartete darauf, dass er das Gespräch fortsetzte, aber er begann zu essen.

Der Fisch war köstlich, und ihr rutschte ein genießerisches „Mmm!“ heraus.

„Wie schmeckt der Barramundi dieses Küchenchefs im Vergleich zu dem Ihrer Mutter?“

„Genauso gut, obwohl ich ihr das nie sagen würde. Wie ist Ihr Lachs?“

„Er entspricht dem üblichen hohen Niveau. Ich habe hier noch nie ein Gericht gegessen, das nicht ausgezeichnet geschmeckt hat.“

„Wovon leben Sie, während Sie darauf warten, dass die Tantiemen für verkaufte Bücher hereinströmen?“

Nate sah ruckartig auf, seine Miene war der Inbegriff von Erstaunen. Dann lachte er leise. „Ich sage Ihnen Bescheid, wenn sie es tun, und dann feiern wir.“

Die Erinnerung an ein ähnliches Versprechen raubte ihr den Atem und ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren.

Ich erwarte eine gute Nachricht. Wenn sie kommt, feiern wir.

Zwei Tage später hatte sie herausgefunden, dass der Mann, der sie – wie sie geglaubt hatte – liebte und ihr einen Heiratsantrag machen wollte, mit einer Kollegin schlief, um befördert zu werden. Er war sogar zu ihr gefahren, nachdem er Jemma an jenem Abend nach Hause gebracht hatte.

„Jemma, ist alles in Ordnung mit Ihnen? Sie sind kreidebleich.“

Sie atmete tief ein, sah auf und erwiderte Nates besorgten Blick. „Eine quälende Erinnerung.“ Sie schaffte ein Lächeln, und er entspannte sich, beobachtete sie jedoch weiter scharf. „Wirklich, mir geht es gut.“

„Ich bin da nicht so sicher, aber …“ Nate seufzte und gab ihr eine ernsthafte Antwort. „Ich war Reporter. Jetzt bin ich Anlageberater.“

„Ein guter?“

„Gut genug, um die Rechnungen zu bezahlen.“

„Warum der Berufswechsel?“

Nate atmete tief ein. Er schien abzuschätzen, wie viel er preisgeben sollte. Bereitete er sich darauf vor, Geheimnisse zu bewahren und zu lügen wie ihr Ex?

„Dinge passieren, und man trifft Entscheidungen. Mein freies Jahr – eine Reise durch Europa mit einem Freund nach unserem Universitätsabschluss – wurde ein sieben Jahre dauernder Übergangsritus, der mich zu dem gemacht hat, der ich jetzt bin. Vor vier Jahren hat mein Vater gesundheitlich einen Schreck bekommen, der ihn veranlasst hat, sich halb zur Ruhe zu setzen und mit meiner Mutter an die Südküste zu ziehen. Das war für mich der Antrieb, für immer nach Hause zurückzukehren.“

Jemma hörte ehrliche Zuneigung aus seinen Worten heraus und beneidete ihn um die gute Beziehung zu seinen Eltern.

Sie spürte, dass Nate mehr als beabsichtigt enthüllt hatte. Deshalb antwortete sie nicht und aß zu Ende.

Nate hatte keine Ahnung, warum er private Aspekte seines Lebens verraten hatte, die er meistens für sich behielt. Oder warum er es fast unmöglich fand, den Blick von Jemmas schönem, ausdrucksvollem Gesicht abzuwenden. Noch nie hatte er sich sofort so unwiderstehlich zu einer Frau hingezogen gefühlt. So im Widerspruch zu seinen normalen emotionslosen Affären.

Er konnte sein wachsendes Bedürfnis nach Freiraum nicht unterdrücken. Er musste von Jemma weg, weg von ihrem dezenten floralen Parfüm, das er so verlockend fand. Er musste seinen Reaktionen auf sie entkommen, körperlich und psychisch.

„Möchten Sie hier ein Dessert oder einen Kaffee? Wir können auch erst einmal über unsere Alternativen nachdenken und uns später wieder treffen.“

Jemma musterte ihn kurz, aber konzentriert. Mit einem verständnisvollen Lächeln, das Nate lieber nicht gesehen hätte, nickte sie.

„Das ist eine gute Idee.“

„Ich brauche Ihre Telefonnummer.“

Unbehagen flackerte in ihren Augen auf, bevor sie nach ihrer Umhängetasche griff, die auf dem Boden stand. Hatte es etwas damit zu tun, dass sie auf den ersten Blick eine schlechte Meinung von ihm gehabt hatte?

Nate hielt ihr sein Handy hin und ließ sie ihre Nummer zuerst eingeben.

Nachdem ihre leeren Teller abgeräumt worden waren und Jemma und Nate ein Dessert abgelehnt hatten, stützte sie die Ellbogen auf den Tisch und das Kinn auf die verschränkten Hände, während sie auf die Rechnung warteten.

„Pendeln Sie jeden Tag zwischen den Bergen und Sydney?“, fragte sie.

„Die elektronischen Medien geben mir die Möglichkeit, ziemlich viel von zu Hause aus zu erledigen. Ich komme in die Stadt, wenn es beruflich nötig ist, oder um auszugehen und Freunde zu treffen.“

Noch hatte er sich nicht dem Druck gebeugt, in Vollzeit im Familienunternehmen zu arbeiten, auf der Hut vor dem täglichen Einerlei.

„Wie heute?“

„Wie heute.“

Und er würde bis zu seinem Flug nach Übersee am Sonntagmorgen in Sydney bleiben.

Nate bezahlte auf dem Weg nach draußen, hin- und hergerissen zwischen seinem Bedürfnis, allein zu sein, und dem Widerstreben, Jemma gehen zu lassen. Sie lief zur Bahnstation, ohne sich noch einmal umzusehen. Er blickte ihr einen Moment lang nach, dann steuerte er auf die Harbour Bridge zu.

3. KAPITEL

Während der Zug zum Hauptbahnhof raste, überlegte Jemma, in welche Richtung sie gehen sollte, wenn sie ausstieg. Ihr schwirrte der Kopf von den Komplimenten, die Brian ihr gemacht hatte, und von Nates wenigen Berührungen und ihren Reaktionen auf sein gutes Aussehen und seine Stimme.

Konnte sie es schaffen, regelmäßig mit ihm Kontakt zu haben? Selbst wenn es nur per E-Mail war? Wie sollte sie mit einem Mann fertigwerden, der dagegen war, sie irgendetwas lesen zu lassen, was er geschrieben hatte?

Über unsere Alternativen nachdenken.

Nie im Leben! Er strahlte die Autorität eines Mannes aus, der genau wusste, was er wollte. Er hatte seine Meinung über ihre Vereinbarung auf Gegenseitigkeit nicht erkennen lassen, sondern sich nur auf seinen Roman konzentriert.

Konnte Nate dem Genre Liebesroman gegenüber unvoreingenommen bleiben, wenn er ihren las? Wie stand er dazu, dabei zu helfen, ihre ungeschickt erzählte Handlung umzuändern? Er hatte sehr direkt klargemacht, dass er dagegen war, ihr Zugriff auf sein Manuskript zu erlauben. Jemma schwankte zwischen Hochstimmung, weil sie vielleicht eine Veröffentlichung erreichen würde, und Angst, weil Nates Erwartungen schwer zu erfüllen sein könnten.

Sie verließ den Bahnhof und lief Richtung Circular Quay. Ein Schaufensterbummel in der Pitt Street würde ihr die Zeit vertreiben und sie ablenken.

Ein neues Kleid und zwei witzige Geschenke für ihre Freundinnen später beobachtete sie die an- und ablegenden Fähren. Eine Broschüre, die sie unterwegs gekauft hatte, zeigte, dass es von hier nicht weit bis zum historischen Viertel The Rocks war. Falls sie nichts von Nate gehört hatte, wenn sie die alten Gebäude besichtigt hatte, würde sie den nächsten Zug nach North Ryde nehmen.

Mochte er Jemma? Viel zu sehr. Nate hatte seine Emotionen fest unter Kontrolle gehalten, seit er gerade noch der Gefahr entgangen war, für eine Scheinehe benutzt zu werden. Aber er hatte Schwierigkeiten gehabt, seine Gefühle bei Jemma zu zügeln. Sie hatte sofort Bedenken gehabt, was ihn betraf. An wen erinnerte er sie?

Vertraute er ihr? Noch nicht. Begehrte er sie? Die Reaktion seines Körpers auf jeden Gedanken an sie gab ihm eine sofortige Antwort. Aber das hieß nicht, dass er es bis zum Ende durchzog.

Mit Argumenten für und gegen eine Doppelurheberschaft war er nicht weitergekommen. Er hatte sich noch immer nicht festgelegt, als er die Treppe zum Fußweg auf der Brücke nahm. Er atmete tief die salzige Luft ein und begann zu laufen, bis er das Apartmenthaus in North Sydney erreichte.

Sein Großvater hatte die Wohnung im dreiundzwanzigsten Stock ihm, Sam und Alice gemeinsam vermacht, und alle drei hatten sie schon darin gewohnt, allein oder zusammen. Sie stand immer Verwandten und Freunden zur Verfügung, wenn sie in die Stadt kamen.

Nach einer langen, erfrischenden Dusche stand Nate in sauberen Sachen auf dem Balkon und blickte auf die Gebäude um ihn herum. Nicht weit zu Fuß von hier war das Bürohaus, in dem die Maklerfirma der Familie ansässig war.

Irgendwo gegenüber der Bucht war die Frau, von der Brian glaubte, sie könne ihm dabei helfen, Erfolg als Schriftsteller zu verwirklichen. Er musste nur Vertrauen haben und seine Libido unter Kontrolle behalten.

Aber bevor er sich auf eine Probezusammenarbeit einließ, musste er den Schwur bekräftigen, den er vor Jahren geleistet hatte, als er am Tiefpunkt seines Lebens gewesen war. Nate nahm das Notizbuch, mit dem er immer reiste, schlug es auf einer verschlüsselten Seite auf und las sich laut das Versprechen vor, sich niemals auf eine enge Beziehung einzulassen.

Danach rief er Jemma Harrison an. Als sie sich meldete, hörte er Autoverkehr und das Rattern eines Zugs im Hintergrund. „Hallo, Jemma. Wo sind Sie?“

„Ich fotografiere von der Harbour Bridge.“

Nate lachte.

„Was ist so witzig?“

„Ich bin auf dem Weg hierher über die Brücke gejoggt. Welcher Seite sind Sie am nächsten?“

„Äh … ich nehme an, ich habe ein Drittel des Wegs vom Circular Quay aus hinter mir.“

„Kommen Sie weiter nach Norden. Keine Eile. Ich treffe Sie an der Treppe. Wir können im nahe gelegenen Park sitzen. Bis bald.“ Nate zog Socken und Sneakers an. Sein Puls war erhöht, sein Mund wurde trocken, etwas, woran er sich wohl gewöhnen musste, wenn Jemma und er regelmäßig miteinander in Verbindung stehen würden.

Vorfreude, sie zu sehen, ließ ihn schneller gehen als üblich. Es war nicht das, was Nate empfinden wollte.

Nate sah Jemma näher kommen, als er oben an der Treppe stand, deshalb wartete er und bewunderte den natürlichen Schwung ihrer Hüften beim Gehen. Die Tüte in ihrer Hand und die Wölbung ihrer Umhängetasche verrieten ihm, dass sie shoppen war. Ihr Lächeln veranlasste ihn, seine Arme an die Seiten zu drücken, damit er Jemma nicht mit einer Umarmung begrüßte.

„Hallo … soll ich die Tüte tragen?“

„Danke, nicht nötig.“

Er führte Jemma von der Brücke hinunter und zur Rasenfläche am Wasser. Durch den Halbkreis aus Palmen waren teilweise das Opera House und die südliche Seite der Bucht sichtbar.

Jemma stellte die Tüte und ihre Umhängetasche auf den Boden und setzte sich. Nate ließ sich neben ihr nieder. Er akzeptierte, dass sie jetzt da war, in seinem Leben. Wie stark er sie darin wahrnehmen würde, hing davon ab, wie oft sie sich persönlich treffen mussten.

Wenige Frauen, die er kannte, würden so still, so geduldig warten, während der Mann, der gesagt hatte, er müsse über seine Alternativen nachdenken, kein Gespräch anfing. Noch ein Unterschied zu den Frauen, mit denen er Affären hatte.

Ihr Profil war so schön wie ihr Gesicht von vorn. Zarte, glatte Haut lud zu einer Liebkosung ein, dichte braune Wimpern betonten die dunkelblauen Augen, und ihr schlanker Hals mit dem Schleier ihrer Haare …

Woher war das denn alles gekommen? Und wo war es gewesen, als er solche Beschreibungen am Computer versucht hatte?

„Jemma? Haben Sie vollständigen Virenschutz auf Ihrem Computer?“

Sie hob das Kinn und blickte ihn empört an. „Den besten – und regelmäßige Updates.“

„Wären Sie bereit, mir einige dieser Szenen zu schicken, von denen Brian behauptet, sie werden meinen Roman verbessern? Mir ist bewusst, dass das einseitiges Vertrauen bedeutet, aber …“

„Mein Text hat weniger als fünfzigtausend Wörter, und ziemlich viele davon müssen gestrichen oder umgeschrieben werden“, unterbrach Jemma ihn lachend. „Der größte Teil Ihrer …“ Sie zog fragend die Augenbrauen hoch.

„Einhundertzehntausend.“

„… gehen nicht nur bei Brian durch, sondern werden von ihm gelobt. Sie haben das Recht, Ihr Manuskript schützen zu wollen, Nate. Wie wäre es, wenn ich drei Kapitel maile?“

Er stieß den angehaltenen Atem aus. Dies konnte der Anfang einer neuen Karriere sein oder die turbulenteste Phase seines Lebens werden. Selbst Jemma online zu sehen würde sein Durchhaltevermögen auf die Probe stellen.

Jemma versuchte, sich ihre Begeisterung nicht anmerken zu lassen. Wenn ihm ihr Schreibstil gefiel, bestand die Möglichkeit, dass Nate ihr einen Teil seines Romans schickte, um ihre Fähigkeiten zu testen. Nur einen kleinen Teil, wenn sie den Mann richtig einschätzte.

„Sie brauchen meine E-Mail-Adresse.“ Nate holte sein Handy heraus.

Jemma gab ihm ihr Notizbuch und einen Kugelschreiber und hatte keine Schwierigkeiten, die ordentliche Schrift zu lesen. Er tippte ihre in sein Telefon ein – ein viel neueres Modell als ihres.

„Ich habe einen USB-Stick mit einer Sicherungskopie bei mir, also sende ich Ihnen die Kapitel gleich morgen zu.“ Sie lächelte Nate an. „Überfliegen Sie die langweiligen Teile einfach nur. Brian hat mir keine Illusionen über die Qualität der Handlung gelassen. Ich hoffe, diese Schwäche zu korrigieren, indem ich Kurse besuche.“

Nate erwiderte ihr Lächeln. „Vielleicht sollte ich sie lesen. Sie sind der Grund, warum Brian Ihren Roman keinem Verlag angeboten, sondern empfohlen hat, dass Sie mit mir zusammenarbeiten. Ich mache mir einen Ausdruck für meinen Flug nach Europa am Sonntagmorgen. Das ist für mich besser, als am Bildschirm zu lesen. Ich melde mich bei meiner Rückkehr in ungefähr einer Woche, Jemma.“

Sie schien den Blickkontakt nicht brechen zu können, seit Nate sie angelächelt hatte. Dass er plötzlich aufstand, trübte ihre Stimmung. Jetzt, wo die wichtigste Frage geklärt war, wollte er wohl gern gehen, und sie hatte Verständnis dafür, wirklich. Er streckte die Hand aus, und Jemma nahm seine Hilfe an, stand auf und hob ihre Umhängetasche dabei hoch. Nate bückte sich nach der Tüte und behielt sie in der Hand.

„Wie kommen Sie zurück?“

„Ich laufe über die Brücke. Wer weiß, wann ich dazu wieder einmal Gelegenheit habe?“

„Das passt mir gut, Jemma. Ich spendiere Ihnen auf der Südseite Kaffee.“

Sie hatte kein Recht, begeistert zu sein oder Herzklopfen zu bekommen, aber beides passierte. Und sie klang atemlos, als sie sagte: „Danke, Nate.“

Auf dem Weg über die Brücke blieb sie nach kurzer Zeit stehen, um Fotos von dieser Seite aus zu machen. Sie richtete ihr Handy nach oben und staunte über die Größe und Stärke der majestätischen Stahlbögen über ihren Köpfen.

„Sie ist unglaublich, so gewaltig.“

„Über die Brückenbögen zu gehen ist ein ganz anderes Erlebnis. Denken Sie für den nächsten Besuch in Sydney daran.“

„Nichts für mich“, sagte Jemma nachdrücklich.

Nate zog die Augenbrauen hoch und lächelte. Es war ein echtes, anziehendes Lächeln, bei dem sie Schmetterlinge im Bauch hatte. Hitze durchströmte sie, und ihr Herz hämmerte. So ein männlicher Charme … sie war froh, dass Nate ihn ihr normalerweise vorenthielt.

„Sie sind durchtrainiert. Was ist das Problem? Höhenangst?“

Er hatte ihren Körper gecheckt? Gleiches Recht für alle … Sie seinen auch.

„Nein, ich habe einfach keine Lust, etwas auszuprobieren, was ich für extrem halte.“

Oder mich mit den superselbstbewussten Männern einzulassen, für die diese Aktivitäten eine große Anziehungskraft haben.

Nate drückte den Rücken durch und verschränkte die Arme, als würde er Anstoß daran nehmen. Aber sein Mund zuckte, und seine Augen funkelten. Eine neue Persönlichkeit tauchte da auf, eine, die einnehmend und freundlich war, viel schwerer auf Distanz zu halten. Mit Glück zeigte sie sich nur vorübergehend.

„Und dazu gehören Fallschirmspringen, Bergsteigen und Abseilen, was?“, fragte er.

„Ich bin nicht dagegen. Ich kann fast den Drang verstehen, sie auszuprobieren. Aber nicht, dass man wiederholt ein Unglück herausfordert. Das Alltagsleben ist schwierig genug.“

„Haben Sie nie das Verlangen nach einem Adrenalinstoß?“

„Ich bekomme meine, wenn ich eine Koalabärin mit ihrem Baby sehe oder einen Regenbogen über den Hügeln.“

„Oh, Jemma, Sie lassen sich ja so das Leben entgehen.“

Sie blickte Nate an und sah, dass er den Mund verzog, als würde er sich über sie amüsieren. Und da fiel der Groschen. Er hatte die Extremsportarten aufgelistet, die er schon ausgeübt hatte. Er war bereit, sein Leben für den sogenannten „Kick“ zu riskieren, von dem sie Leute hatte schwärmen hören.

Stufte er sie gerade als langweilig ein, zum Scheitern verurteilt bei ihrem Versuch, einige der Szenen in seinem spannenden Abenteuerbuch zu überarbeiten?

Jemma blieb stehen. „Haben Sie all diese Aktivitäten ausprobiert?“

Nate nickte. „Oft, außerdem ein paar andere im Lauf der Jahre, hier und im Ausland.“

Selbst wenn sie ein Leben lang in Kontakt bleiben würden, würde er sich niemals daran gewöhnen, wie Jemma langsam und gleichmäßig atmete, mit leicht geöffneten Lippen, während sie ihn konzentriert betrachtete. Er fühlte sich dabei männlich und gleichzeitig verwundbar – ein höchst seltsames Gefühl.

Besser, sie erfuhr nicht, dass einige dieser Aktivitäten dazu bestimmt gewesen waren, sich Zugang zu Gefahrenzonen zu verschaffen. Andere waren tatsächlich für den Adrenalinstoß gewesen. Er hatte sich beweisen wollen, dass er noch in der Lage war, etwas zu fühlen, nachdem ihn das, was er mit ansehen musste, völlig abgestumpft hatte.

Um Jemma abzulenken, zeigte er aufs Wasser. „Wie sieht es mit Segeln aus?“

Sie folgte seinem Blick. Ein paar Jachten waren unter der Brücke herausgekommen und lavierten trotz der Enge geschickt aneinander vorbei, ohne sich zu berühren. „Unterschiedlich. Meine Schwester und mein Schwager in Melbourne besitzen eine Jacht, und ich bin schon mit ihnen gesegelt. Wir tragen Schwimmwesten! Eine Segelregatta bei stürmischem Wetter – wie es in manchen Jahren die von Sydney nach Hobart ist – kommt überhaupt nicht infrage.“

Nate war sicher, dass Jemma keine Ahnung hatte, wie bezaubernd sie aussah: Ihre Gesichtszüge lebhaft, die Augen funkelten, und sie gestikulierte. Oder wie die Veränderung ihres Tonfalls bewies, dass sie nicht immun gegen den Kick war, ganz egal, wie oft sie es behauptete.

4. KAPITEL

Nate sehnte sich niemals nach unerreichbaren Idealen. Also warum prägte sich ihm das Bild davon ein, wie er auf einem Boot stand, seine Arme um Jemma, und ihre Hände am Steuer führte, während sie an der Küste entlangsegelten?

Er war nicht bewusst näher an Jemma herangerückt. Hatte er sich bewegt? Oder war sie es, die einen Schritt gemacht hatte? Er könnte schwören, dass sie vor einer Sekunde noch auf Armeslänge voneinander entfernt gewesen waren.

Mit jedem Atemzug stieg ihm ihr dezenter Duft in die Nase. Die Zeit stand still, Geräusche verschwammen. Und Nate sah nur noch Jemmas Gesicht. Der willensstarke Mann, für den er sich hielt, hätte wohl den Drang unterdrückt, sie zu küssen. Hier, in diesem Moment, hatte er keine Wahl, und er neigte den Kopf.

Jemma wich ruckartig zurück, Reue trat an die Stelle der Sehnsucht in ihrem Blick. Und Nate wusste überhaupt nichts zu sagen, um sie zu beruhigen.

„Ich fahre nicht oft dorthin. Sie haben beide ein reges gesellschaftliches Leben, und ich habe meine Arbeit und Verpflichtungen.“

Das war eine Ergänzung ihrer letzten Äußerung, in einem Ton, als hätte es den besonderen Moment zwischen ihnen nie gegeben.

Sie blickte zur City und machte einen Schritt in diese Richtung. Nates Schuldgefühle wurden stärker, als er sah, wie sie sich abmühte, ihre Fassung wiederzugewinnen.

Er schloss sich ihr an, hielt mehr Abstand zu ihr und nahm das Gespräch auf, wo sie geendet hatte. „In den Adelaide Hills? Ich war erst zweimal in Südaustralien. Mein Bruder Sam, der bei der Luftwaffe in Edinburgh ist, findet es cool, dort stationiert zu sein.“

Jemma antwortete nicht, und Nate ließ das Gespräch einschlafen. Er dachte über den Beinahekuss nach und verfluchte sich für seine Schwäche. Vielleicht war dadurch irgendeine Vereinbarung, gemeinsam zu schreiben, verpfuscht worden, und darum ging es hier.

Er vermutete, dass Jemma am liebsten zu Hause war, malte und rührselige Liebesgeschichten schrieb und außerhalb ihrer Wohlfühlzone niemals ein Risiko einging. Aber nein, nicht ganz. Es erforderte Mut und Willenskraft, einem Fremden ein Manuskript für eine Bewertung und ein möglicherweise negatives Feedback zu schicken.

Und warum diese starke Anziehungskraft, wo doch Welten zwischen ihnen lagen?

Jemma entschied sich für ein Café mit Tischen im Freien nahe am Kai. Sie bestellte einen Bananen-Karamell-Eisbecher und ein Glas Wasser, Nate wählte einen Rosinenkuchen und Kaffee.

Er hatte ihr erzählt, er sei nach dem Mittagessen über die Brücke gejoggt, was sein vom Duschen noch feuchtes Haar und die andere Kleidung erklärte, als sie sich getroffen hatten. Außerdem bedeutete es, dass er irgendwo am Nordufer wohnte. Bei Freunden? Einer Freundin? Sie wollte und brauchte es nicht zu wissen, aber sie wäre überrascht, wenn es keine gäbe. Er trug keinen Ehering, trotzdem … Lass das! befahl sie sich. Es wies auf ein persönliches Interesse hin.

„Sie joggen regelmäßig?“ Eine annehmbare Frage, weil Nate selbst das Thema angeschnitten hatte.

„Ich laufe oder schwimme gern jeden Tag, manchmal beides.“

Sein Telefon klingelte. Er drehte den Kopf und hielt es an sein linkes Ohr. Jemma wandte den Blick ab und beobachtete die Fußgänger, um ihm seine Privatsphäre zu lassen.

„Hallo, Dave.“ Er hörte für eine Weile zu. „Nein, uns geht’s gut. Tess wird am Samstagabend da sein, deshalb machen wir es dann ab.“ Eine kürzere Pause, bevor er sich verabschiedete und an Jemmas Arm tippte.

Sein Mund zuckte, als er über ihre Schulter schaute. „Das ist ja eine echte Kalorienbombe, Jemma.“

Ihr Dessert wurde auf den Tisch gestellt, und Jemmas Augen weiteten sich, als sie den Riesenbecher sah.

Sie warf Nate einen gespielt warnenden Blick zu, dann fragte sie die Kellnerin zuckersüß: „Könnten wir bitte einen zweiten Löffel haben, um uns das Eis zu teilen?“

„Natürlich. Ich bringe einen.“ Sie stellte Nates Teller vor ihn hin und ging davon.

„Machen Sie sich keine Sorgen um Ihre Figur, Nate, Sie können ja jederzeit wieder über die Brücke joggen.“ Jemmas Lachen verschwand, weil sie den Blick nicht voneinander abwenden konnten und aus der Belustigung in seinem langsam etwas Tieferes wurde. Etwas Verwirrtes und Widersprüchliches. Oder übertrug sie ihre eigenen Gefühle auf ihn?

Nate blinzelte, und sie sah wieder die finstere Miene, die er gezeigt hatte, während sie einander vorgestellt worden waren. Als würde er ihr wieder misstrauen. Wie konnte er so schnell umschalten? Und warum?

Nate presste die Lippen zusammen, als Jemmas Lachen verschwand und ihr Blick sanft und strahlend wurde, ihn hypnotisierte. Er hatte alle Vorsicht außer Acht gelassen, hatte vergessen, wie leicht eine Frau mit ihren einladenden Blicken und verführerischen Lippen täuschen konnte.

Er hatte schon einmal einen lebensverändernden Preis bezahlt und würde den Schmerz und die Demütigung nie wieder riskieren. Diese Beziehung musste locker und freundschaftlich bleiben. Bestimmt war Nähe der Grund für das Verlangen, das Jemma in ihm weckte. Das würde aufhören, wenn sie nach Hause zurückkehrte.

„Wasser, ein Kaffee und ein zweiter Dessertlöffel. Guten Appetit.“

Die Kellnerin brach den Zauber, und Nate konnte sich wieder konzentrieren. Jemma beugte sich vor und nahm einen der Löffel in die Hand, ihr langes Haar fiel nach vorn und verbarg ihr Gesicht. Sie strich es nicht zurück.

Sie mussten zu ihrer beider Schutz Grundregeln und Grenzen festlegen. Nate bedeckte mit seiner Hand ihre, ignorierte ihr Zittern und hielt sie fest, bis Jemma aufsah. Ihre Miene war wachsam.

„Glauben Sie mir, Jemma, ich möchte nicht, dass Sie die Entscheidungen bedauern, die wir beide treffen.“

Ihre Lippen öffneten sich leicht, und sie senkte den Blick, verbarg ihre Gefühle. Als sie tief einatmete, hob sich ihre Brust, was seine Aufmerksamkeit erregte und seine Entschlossenheit bedrohte. Jemma ballte die Hand unter seiner zur Faust. Er wurde sich bewusst, dass er mit dem Daumen ihre Fingerknöchel streichelte.

Dann erwiderte sie klar und ruhig: „Ich werde mich erst festlegen, wenn ich genau weiß, was von mir gewünscht wird, und sicher bin, dass ich Ihre Erwartungen erfüllen kann.“

Bei ihrer zweideutigen Äußerung war ihm, als würde ein Blitzschlag durch ihn rasen. Arglos oder mit Absicht, sie löste vor seinem geistigen Auge Bilder aus, die ihn heute Nacht wach halten würden. Oder ihm unvergessliche Träume schenken würden.

Nate ließ ihre Hand los, riss zwei Zuckertütchen auf und rührte Zucker in seinen Kaffee, während er nach einem Gesprächsthema suchte, bei dem sich private Enthüllungen vermeiden ließen.

„Besuchen Sie lieber Sydney oder Melbourne?“

Ihr Löffel verharrte Zentimeter von ihrem Mund entfernt, und ihre Augen wurden groß, was ihre Farbe betonte. Verdammt, Jemma war verführerisch, sogar, wenn sie überrascht wurde. Und sie war schlau. Sie durchschaute sein Ablenkungsmanöver sofort.

„Das hängt von der Jahreszeit ab, und vom Grund, warum ich hinfahre.“

Eine Diskussion folgte, mit Beiträgen über Adelaide von Jemma, die sich um die Hauptattraktionen der Stadt und den Unterhaltungswert internationaler Musikstars drehten.

Nate aß den Rest ihres Eisbechers, ohne zu erwähnen, dass er solche süßen Desserts nicht gern mochte. Er protestierte auch nicht, als sie auf ihre Armbanduhr sah und sagte, sie müsse gehen. Er bestand darauf, sie zum Bahnhof zu begleiten, versicherte ihr, er werde sich melden, und schüttelte ihr ein bisschen länger die Hand, als es üblich war.

Während er über die Brücke joggte, flog eine Möwe vorbei und stieg höher, und er verfolgte ihren Flug zu den Brückenbogen. Falls sich die Gelegenheit ergab, würde er Jemma zu der Kletterpartie überreden.

Jemma hatte den Wasserkocher eingeschaltet, um Tee aufzugießen, wenn Cloe von der Arbeit nach Hause kam. Sie hatte die Vertrautheit mit ihrer besten Freundin vermisst, seit sie geheiratet hatte und nach Sydney umgezogen war. Irgendwo in ihrer Zukunft musste es einen Mann geben, der sie so treu lieben würde, wie Mike ihre Freundin Cloe liebte.

Das Einzige, was Jemma vor ihr geheim gehalten hatte, waren die Liebesgeschichten, die sie zu Romanen erweitert hatte. Brians Kritik hatte gezeigt, dass die Entscheidung richtig gewesen war. Aber falls ihr jemals ein Vertrag angeboten wurde, würde Cloe es als Erste erfahren.

„Und wie hast du deinen Tag verbracht?“, fragte Cloe, während sie in kleinen Schlucken ihren Tee trank.

„Ich habe einen Schaufensterbummel gemacht, The Rocks besichtigt und bin über die Brücke gegangen. Außerdem hatte ich zwei Besprechungen, die zurzeit noch vertraulich sind. Oh, und ich habe mit jemandem zu Mittag gegessen, der bei dem Projekt dabei ist, wenn es durchgeführt wird.“

Jemma versuchte, gleichgültig zu erscheinen, weshalb sie Nate nicht erwähnte, aber sie spürte, dass ihr die Röte in die Wangen stieg.

Cloe klatschte begeistert in die Hände. „Du wirst rot, Jemma. Du magst ihn! Na los, erzähl schon!“

„Es gibt nichts zu erzählen. Er war bei dem Meeting heute Morgen, und wir haben zusammen zu Mittag gegessen. Er lebt hier, und soweit ich weiß, könnte er eine Ehefrau oder Freundin haben. Ich lebe in Südaustralien, und ich bin an einer Beziehung nicht interessiert.“

Sie sagte sich, dass es die Wahrheit war. Dass ihre Reaktion in der Gegenwart eines attraktiven Mannes normal war. Und warum war es nicht passiert, als ihre Freundinnen sie in den drei Jahren seit ihrer Trennung mit Dates versorgt hatten?

Cloe wurde abgelenkt, als die Hintertür aufging. Die zärtlichen Küsse, die Mike seiner Ehefrau gab, hatte Jemma schon oft mit angesehen. Also warum kam diesmal ihr Herzschlag aus dem Takt?

In dieser Nacht kuschelte Jemma sich an ihr Kopfkissen und dachte über ihre Vergangenheit nach. Als sie herausgefunden hatte, dass der Mann, den sie heiraten wollte, sie betrog, war ihre erste Reaktion herzzerreißender Kummer gewesen. Sie hatte sich versteckt und geweint, sie beide verwünscht und alle Bilder von ihm gelöscht, sogar ausgedruckte geschreddert.

Ein paar Wochen später hatte sie auf einem Spaziergang in den Hügeln eine Koalabärin mit ihrem Baby gesehen. Regungslos hatte Jemma ihr Vorankommen ins Buschland beobachtet. Dann hatte sie vor Freude gelacht und erkannt, dass das Leben weiterging und dass nur ihr Stolz und ihr Selbstwertgefühl verletzt waren. Zwar hatte ihr Herz einen Knacks, aber gebrochen war es nicht, und es würde mit der Zeit heilen.

Das war der Moment, als Jemma beschlossen hatte, aus der Großstadt wegzuziehen.

Erst später war ihr bewusst geworden, dass ihre Fähigkeit, zu vertrauen, am me...

Autor

Chantelle Shaw

Chantelle Shaw ist in London aufgewachsen. Mit 20 Jahren heiratete sie ihre Jugendliebe. Mit der Geburt des ersten Kindes widmete sie sich ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter, ein Vollzeitjob, da die Familie bald auf sechs Kinder und verschiedene Haustiere anwuchs. Chantelle Shaw entdeckte die Liebesromane von Mills & Boon,...

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