Julia Weekend Band 141

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HEISSE KÜSSE UM MITTERNACHT von CAROLE MORTIMER

Die nächtlichen Rendezvous mit dem unfassbar reichen Adrian Thornton sind aufregend – mehr noch, Nina fühlt sich in seinem Rolls-Royce wie Cinderella! Bis eine Intrige sie zu Rivalen macht. Zu spät erkennt die Managerin einer Modelagentur, sie hat sich in Adrian verliebt …


CINDERELLA UND DER PRINZ von ELIZABETH HARBISON

Es war einmal ein Prinz, der suchte dringend eine Frau. Schließlich fand er sie – an der Rezeption eines New Yorker Hotels … Die bildhübsche Lily soll Prinz Conrads neueste Eroberung spielen: eine kühl kalkulierte PR-Aktion. Aber Liebe ist nun mal einfach unberechenbar …

ROMANZE IM SPANISCHEN SCHLOSS von REBECCA WINTERS

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  • Erscheinungstag 04.04.2026
  • Bandnummer 141
  • ISBN / Artikelnummer 0838260141
  • Seitenanzahl 400

Leseprobe

Carole Mortimer, Elizabeth Harbison, Rebecca Winters

JULIA WEEKEND BAND 141

Carole Mortimer

1. KAPITEL

Das Telefon klingelte. Nina nahm den Hörer ab und kritzelte dabei die Zahlenreihe weiter, an der sie gerade gerechnet hatte. Die Firma Jackson musste endlich die Abrechnungen erhalten. Wenn in Kürze kein Geld einging, würde sie mit ihren eigenen Verpflichtungen in Verzug geraten. So meldete sie sich etwas abwesend am Telefon, war aber schnell bei der Sache, als sie die tiefe, sehr männliche Stimme hörte.

„Miss Nina Faulkner?“ Das klang unverkennbar gereizt. „Ja, am Apparat.“

„Miss Faulkner, Sie können es sich vielleicht leisten, Ihre Zeit zu vergeuden, aber ich kann das nicht. Meinen ganzen Zeitplan haben Sie durcheinandergebracht. Hätten Sie mich nicht wenigstens anrufen können?“

Einen Moment war Nina sprachlos. Was bildete sich dieser Mensch eigentlich ein, sie derart unverschämt an eine Verabredung zu erinnern, die sie überhaupt nicht getroffen hatte.

Keine Termine morgen, hatte ihr Doris, ihre Sekretärin und Assistentin, gestern Abend, bevor sie das Büro verließ, bestätigt. Nina leitete eine Modellagentur, deren drei Räume in einem ultramodernen Hochhaus untergebracht waren. Es war ein elegantes Hochhaus und eine sehr gute Adresse. Ihre Räume hatte sie mit viel Geschmack eingerichtet.

Diesen Vormittag hatte sie sich extra frei gehalten, weil die Rechnungen vorbereitet werden mussten. Ihre eigenen Zahlungen waren fällig, nicht zuletzt die hohe Büromiete.

Stil musste man haben, um heutzutage solch ein Geschäft zu betreiben, eine Agentur, die nur allerbeste Modelle vermittelte. Nur mit Klasse waren die einträglichen Kunden dieser Stadt zu gewinnen.

Nina besaß selbst Stil und Klasse. Das drückte sich auch in der Ausstattung der Agentur aus. Alles war in Weiß und Silber gehalten. Die weißen bequemen Ledersessel für die Kunden und die praktischen Stahlstühle mit ebenfalls weißem Leder gepolstert hinter den Schreibtischen. Auf weiß lackierten Hockern standen geschmackvoll arrangierte tropische Pflanzen. Alles machte den Eindruck von Reichtum und Eleganz. Es hatte Nina ein kleines Vermögen gekostet.

Sie konnte durchaus ohne solche Anrufe von Fremden auskommen, denn hätte sie diesen Mann gekannt, sie hätte sich bestimmt an die kalte, schneidende Stimme erinnert. Aber Nina war Geschäftsfrau, und möglicherweise war der Mann ein künftiger Kunde, den man nicht vor den Kopf stoßen durfte.

„Bitte entschuldigen Sie, da muss ein Fehler passiert sein“, erwiderte sie endlich betont freundlich.

„Wenn das so ist“, grollte der Mann, „dann ist er bei Ihnen passiert. Also, Miss Faulkner, ich habe in einer Stunde noch einmal fünfzehn Minuten frei. Seien Sie pünktlich in meinem Büro.“

„Aber …“

„Ich bin es nicht gewöhnt, mich zu wiederholen. Gestern Abend habe ich Ihrer Sekretärin erklärt, dass ich Sie dringend sprechen muss. Daran hat sich nichts geändert.“

Offenbar hatte Doris die Verabredung getroffen, nachdem Nina das Büro verlassen hatte, und später vergessen, es ihr zu sagen. Nina griff schnell nach dem Terminkalender und schlug ihn auf.

Nur mit Mühe unterdrückte sie ein Stöhnen, als sie den Namen las, der da für zehn Uhr eingetragen war: Adrian Thornton. Das hatte gerade noch gefehlt. Ihr wertvollster und wichtigster Kunde im Augenblick.

Er hatte eine Besprechung mit ihr angesetzt, und sie hatte ihre erste und sicher einzige Verabredung mit dem Inhaber von Thornton Cosmetics and Beauty Aids versäumt.

Schon als Jason Dillman, der Werbechef dieses Kosmetik-konzerns, sich mit ihr wegen eines Modells für ein neues Schönheitsprodukt in Verbindung setzte, konnte sie ihr Glück kaum fassen. Sie hatte ihre Agentur erst vor einem Jahr eröffnet und vermochte sich anfänglich mit Mühe über Wasser zu halten. Der Vertrag mit dem TCBA-Konzern war tatsächlich der Aufschwung gewesen.

Nun arbeitete sie seit sechs Monaten mit Dillman zusammen und vermittelte ihm auch außer dem gewünschten „Beauty Girl“ andere Modelle, die die Firma für die Werbung brauchte. Es war ein äußerst gewinnbringender Vertrag. Diesen Kunden wollte und durfte sie nicht verlieren.

„Es tut mir unendlich leid.“ Nina merkte, wie atemlos es klang.

„Hier bei uns liegt ein Missverständnis vor. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie um elf Uhr dreißig doch noch Zeit für mich hätten.“

„In Ordnung“, stimmte er zu und musste wohl den Hörer auf die Gabel geworfen haben, denn die Leitung war tot. Nina legte auf.

Nicht gerade ein glücklicher Anfang für das erste Zusammentreffen mit dem großen Boss von TCBA. Sie hatte natürlich gewusst, dass Adrian Thornton seine Firma selber leitete. Jason Dillman hatte auch gelegentlich von ihm gesprochen, aber bisher hatte sie nur mit Dillman, dem Chef der Werbeabteilung, zu tun gehabt.

Mit ihrer kleinen Agentur spielte sie offensichtlich eine viel zu unwichtige Rolle, um die Beachtung des reichsten und erfolgreichsten Mannes in der Kosmetikbranche des Landes zu finden.

Vielleicht hatte der Erfolg von „Beauty-Girl“, es war eines ihrer Modelle, das geändert? Möglicherweise wollte Adrian Thornton ihr persönlich danken, dass sie für ihn das genau richtige Modell gefunden hatte? Denn daran bestand kein Zweifel, Judith war ein Riesenerfolg. Ihre Fotos, die das neue Make-up von Thornton Cosmetics propagierten, erschienen täglich in allen Zeitungen.

Nina verwarf den Gedanken. Das konnte nicht sein, dafür hatte seine Stimme viel zu barsch geklungen. Natürlich konnte er sich auch über ihr Nichterscheinen geärgert haben, nachdem er sich schon dazu herabgelassen hatte, sie persönlich zu empfangen. Aber auch das konnte nicht stimmen.

Etwas musste scheußlich schiefgelaufen sein, das spürte sie, und sie konnte nur hoffen, es wieder in Ordnung bringen zu können. Diesen Thornton-Vertrag durfte sie nicht verlieren. Sowohl aus Prestigegründen als auch aus finanziellen. Ihre Einnahmen hatten sich mehr als verdoppelt, seit Judith zum „Beauty-Girl“ gewählt worden war.

Nina stand auf und ging unruhig auf und ab, bis sie Doris zurückkommen hörte, die in der unteren Etage Fotokopien gemacht hatte. Arme Doris, sie war ziemlich überlastet. Sie wird außer sich sein, dachte Nina, wenn ihr klar wird, was da vergessen wurde. Normalerweise hätte sie eine so wichtige Verabredung niemals übersehen. Wartend ging sie noch ein paar Schritte. Nina war eine ungewöhnlich schöne Frau mit glänzenden schwarzen Haaren und cremefarbener, glatter Haut. Ihre Augen waren weder blau noch grün, aquamarinblau, meinten ihre Freunde, und die dichten schwarzen Wimpern machten die Augen sehr ausdrucksvoll. Eine kleine, gerade Nase und ein geschwungener, voller Mund gaben dem Gesicht etwas ausgeprägt Feminines, Sinnliches.

Sie war selbst einmal Modell und Mannequin gewesen, doch diese Arbeit hatte sie nicht befriedigt, füllte sie nicht aus. Ihr reger Intellekt brauchte Abwechslung. Nun, jetzt hatte sie die gewünschte Abwechslung. Sie musste sich mit einem der erfolgreichsten und stärksten Männer der Kosmetikbranche auseinandersetzen. Ihre ganze Existenz hing davon ab, ob sie dieses Treffen zu ihren Gunsten entscheiden konnte.

Kritisch prüfte sie ihr Aussehen in der großen Spiegelwand, die sie hatte anbringen lassen, um dem Büroraum mehr Tiefe zu geben. Sie wirkte so ruhig und gelassen wie immer. In dem hellen, taillierten Schneiderkostüm mit der schwarzen Seidenbluse sah sie weiblich und doch distinguiert aus. Die hochhackigen Lackpumps machten ihre langen Beine bemerkenswert attraktiv.

Wenn es sein musste, konnte sie immer noch als Mannequin arbeiten. Aber das wollte sie ja nicht. Sie hatte nie den Ehrgeiz gehabt, sich als schillerndes Topmodell einen Namen zu machen, obwohl sie durchaus die Begabung und das Aussehen dazu besaß.

Hatte sie den Anruf von Adrian Thornton vielleicht doch überbewertet? Möglicherweise wollte er mit ihr nur über die Beauty-Girl-Werbung sprechen. Sie überprüfte ihr Make-up. Die Lidschatten waren in Ordnung, nur noch ein wenig Tusche auf die Wimpern, etwas hellen Puder und einen Tupfer Rouge auf die Wangen und reichlich Lippenstift. Der Mund wirkte wie ein Anziehungspunkt in ihrem Gesicht.

Da kam Doris herein. „Fertig“, rief sie und ließ den Stapel noch halbfeuchter Blätter auf ein Sideboard gleiten. „Dieses grässliche Kopiergerät war schon wieder kaputt. Es wird eine Ewigkeit dauern, bis ich den Stapel geordnet habe.“

Nina hatte Verständnis für die Klagen der Freundin. Wie oft war sie selbst schon über das Gerät verzweifelt gewesen.

„Ich bin unterwegs, Doris“, sagte Nina leise. „Verabredung mit Mr Thornton.“

„In Ordnung, ich werde – du meine Güte, Mr Thornton!“

Doris drehte sich mit verzweifelter Miene zu Nina um. Sie war eine zierliche blonde Frau, sehr hübsch und mit erlesenem Geschmack gekleidet. Heute trug sie einen rosaroten seidenen Hosenanzug, der ihr vorzüglich stand.

„Oh Nina!“ Doris schloss die Augen und legte die Hände über ihr Gesicht. „Das habe ich völlig vergessen. Er rief gestern Abend an, als ich gerade gehen wollte. Da habe ich den Termin in deinen KaIender geschrieben und dir nichts mehr davon gesagt. Ich bin ganz durcheinander. Tom hat die Grippe.“ Doris sprach von ihrem Mann. „Den ganzen Abend bin ich für ihn hin- und hergelaufen …“

„Beruhige dich“, beschwichtigte Nina sie, „es ist ja nichts passiert.“ Sie untertrieb und wollte nicht daran denken, wie der Empfang bei Adrian Thornton ausfallen würde. „Wir haben uns bereits für später verabredet.“

„Ich hoffe, die Unterredung hat nichts mit Judith zu tun“, sagte Doris beunruhigt. „Heute Morgen hat sie schon wieder einen Fototermin nicht eingehalten.“

„Du lieber Gott“, stöhnte Nina. Sich heute auch noch mit Judith auseinandersetzen zu müssen, das war zu viel.

Als Jason Dillman ihr mitteilte, dass Judith als „Beauty-Girl“ ausgewählt worden war, hatte sie bereits vor Judiths Unzuverlässigkeit gewarnt. Mr Dillman allerdings meinte, niemand anders käme infrage, und die Entscheidung sei direkt von Adrian Thornton getroffen worden. Hätte sie mit dem obersten Chef diskutieren sollen?

Doris nickte betrübt. „Jake rief heute Morgen an. Du warst so in deine Rechnungen vertieft, dass ich dich nicht stören wollte. Also rief ich sofort in Judiths Wohnung an, aber sie war nicht da. Leider ist es nicht das erste Mal, dass Judith wichtige Termine platzen lässt.“

„Ich weiß. Judith wird langsam zu einem Problem“, erwiderte Nina nachdenklich.

Auch das könnte der Grund sein, weshalb mich Mr Thornton sprechen will, überlegte sie.

„Judith war schon immer ein Problem.“ In Doris’ Ton klang Missbilligung mit. Sie begann die Fotokopien zu sortieren. „Ich habe dich davor gewarnt, sie das ‚Beauty-Girl‘ werden zu lassen.“

Nina hatte nichts gegen die Kritik. Sie und Doris hatten in den achtzehn Monaten gemeinsamer Arbeit erkannt, wie sehr sie sich gegenseitig brauchten. So waren sie zu einer engen freundschaftlichen Partnerschaft gekommen. Und so sollte es auch bleiben. Da sie beide allein diese Modellagentur führten, waren sie aufeinander angewiesen.

Auch in Bezug auf Judiths Wahl zum „Beauty-Girl“ waren sie sich im Grunde darüber einig gewesen, dass Judith wegen ihrer Flatterhaftigkeit ungeeignet sei. Doch Jason Dillman hatte darauf bestanden: Judith und keine andere! So hatte sich Nina fügen müssen. Unglücklicherweise war es dann noch schlimmer gekommen, als sie befürchtet hatte.

„Ich werde mit ihr reden“, sagte Nina.

Doris hob die Brauen. „Glaubst du, das nützt etwas?“

„Ich bezweifle es.“ Nina schnitt eine Grimasse. „Trotzdem will ich es versuchen.“

„Wenn sie so gnädig ist, sich bei uns blicken zu lassen.“

Nina war deprimiert. Judith war tatsächlich in letzter Zeit immer nur dann erschienen, wenn sie Geld brauchte oder gerade mal Lust hatte zu arbeiten.

„Ich weiß, sie bedeutet dir viel, Nina“, begann Doris noch einmal, „aber ich weine ihr keine Träne nach, wenn sie sich eine andere Agentur sucht.“

Wieder schwieg Nina zu der Kritik. Sie wusste, dass Doris immer die Erste war, die sich Klagen und Beschimpfungen anhören musste, wenn Judith immer wieder die Kunden warten ließ oder gar versetzte.

Ja, auch Nina würde nicht böse sein, wenn Judith fortging.

Sie hatte immer gehofft, Thornton könnte Judith ganz übernehmen, exklusiv und mit unbegrenztem Vertrag. Aber Adrian Thorntons Rechtsabteilung wollte das „Beauty-Girl“ nur für die Dauer eines Jahres. Danach war Judith wieder frei und konnte arbeiten, wo sie wollte. Sie würde natürlich zu Nina zurückkommen, weil es hier für sie am einfachsten war.

Nina sah auf ihre kleine Weißgolduhr. An ihrem andern Handgelenk glitzerte ein entsprechendes Armband aus dem gleichen Gold. Das war ihr einziger Schmuck. Sie trug keine Ringe. Die Fingernägel waren im Farbton ihres Lippenstiftes lackiert.

„Ich muss gehen.“ Sie sah Doris an. „Auf dem Weg zu Thorntons Büro werde ich nachdenken. Er erwartet mich um elf Uhr dreißig und hat nur eine Viertelstunde Zeit. Ich muss pünktlich sein.“

„Er ist ein scharfer Typ, nicht wahr?“, fragte Doris.

„Scheint so.“ Nina verzog das Gesicht.

Sie war mit ihren fünfundzwanzig Jahren durchaus selbstsicher und konnte gut mit Menschen umgehen, aber nach dem kurzen Gespräch mit Adrian Thornton fühlte sie sich doch ein wenig eingeschüchtert. „Wie er wohl aussehen mag?“, fragte Doris.

„Sicher grässlich, wenn ich an die Art denke, wie er am Telefon mit mir umgesprungen ist.“

„Also ich fand seine Stimme sexy.“ Doris lächelte. „Ich liebe diese dunklen Stimmen, sie vermitteln einem den Eindruck von Kraft. Aber vielleicht hast du recht. Er ist sicher ein Ekel.“

„Wahrscheinlich.“ Dann wurde Nina ernst. „Wenn Judith anrufen oder herkommen sollte –“

„Ich werde sie festhalten. Wenn es sein muss, mit Gewalt.“

Auf Doris konnte sich Nina verlassen, deshalb schob sie den Gedanken an Judith jetzt beiseite und suchte sich auf das, was sie Adrian Thornton sagen würde, zu konzentrieren. Sie hatte keine Entschuldigung für Judiths schlechtes Benehmen, außer, dass sie Jason Dillman gleich zu Anfang gewarnt hatte. Natürlich würde sie damit nicht durchkommen, denn Mr Thornton schien kein Mann zu sein, der solche Entschuldigungen gelten ließ.

Ninas kleiner Sportwagen stand auf dem Parkplatz des Bürogebäudes. Sie hob grüßend die Hand, als der Wärter ihr die Schranke öffnete. Dann fädelte sie sich in den regen Autoverkehr ein.

Es war Spätherbst. Der Wind hatte das Laub schon von den Bäumen geweht. Bizarr ragten die leeren Äste in die Luft. Der Himmel war grau und wolkenverhangen. Der Winter stand vor der Tür. Nina schaltete die Heizung an.

Sie fuhr zügig, ohne zu rasen. In allem, was Nina tat, lag Sachlichkeit und Überlegung. Eine harte Karrierefrau war sie nicht, aber sie verstand es zumeist, ihre Ansichten durchzusetzen, wenn sie überzeugt war, dass sie gut und Erfolg versprechend waren.

Im Moment aber hatte sie keine Ahnung, wie sie sich auf das Gespräch mit Adrian Thornton vorbereiten sollte. Möglicherweise wollte er mit ihr über das „Beauty-Girl“ sprechen, vielleicht aber auch über andere geschäftliche Dinge. Was auch immer, sie leistete gute Arbeit, und sie hatte sich Jason Dillman gegenüber behauptet. Es gab keinen Grund, weshalb sie nicht auch mit dem Chef der Firma zurechtkommen sollte.

Sie wusste wenig über diesen Mann. Das bedeutete, Adrian Thornton hielt entweder sein Privatleben völlig geheim, oder er lebte so normal, dass er für Zeitungsreporter nicht interessant genug war. Nina entschied sich für die zweite Version, die sagte ihr besser zu. Der Gedanke, einem Mann mittleren Alters zu begegnen, der eine nette Frau und ein paar hübsche Kinder hatte, war weniger beunruhigend als das Bild, das sich in ihrem Kopf zu formen begonnen hatte.

Beunruhigend? Sie hatte aufgehört, sich vor irgendetwas zu fürchten. Mit siebzehn Jahren fand sie heraus, dass ein strahlendes Lächeln und ein offener Blick aus tiefblauen Augen auch das kälteste Herz zum Schmelzen bringen konnten. Bei Adrian Thornton würde es wohl nicht anders sein.

Nina parkte ihren Wagen auf dem Privatparkplatz des Thornton-Hochhauses. Beim Aussteigen fiel ihr der luxuriöse, silbergraue Porsche auf, der nebenan stand. „Adrian Thornton“ las sie auf dem Schild an der Hauswand. Sie krauste die Stirn. Ein Mann, mittleren Alters mit lieber Frau und netten Kinderchen – würde der einen solchen Wagen fahren? Es sah so aus, als müsste sie ihre Vorstellung von ihm ändern. Also doch beunruhigend?

Ach was; ärgerlich schlug sie die Autotür zu. Sie hatte keine Zeit, sich ständig Gedanken über diesen Mann zu machen, zu viele wichtige Dinge warteten auf sie in ihrem Büro. Je eher sie wieder zurückkam, umso besser.

Das Gebäude dieser Firma war ebenso groß wie das, in dem Nina lediglich drei Büroräume gemietet hatte. Die riesige Empfangshalle hatte einen schilfgrünen Teppichboden, der alle Geräusche dämpfte. Hinter dem Empfang lächelte ihr eine junge Frau entgegen, die so hübsch zurechtgemacht war, dass Nina sie vom Fleck weg für sich als Modell engagiert hätte. Überhaupt schien dieses Haus von attraktiven Frauen zu wimmeln. Das Mädchen am Lift war reizend und die Empfangssekretärin von Adrian Thornton nachgerade eine Schönheit.

„Was kann ich für Sie tun?“, flötete sie und bewegte fast unmerklich ihre Schultern, um die langen roten Haare nach hinten zu werfen. Sie hatte kühle graue Augen, und das blassgrüne, eng anliegende Seidenkleid passte nicht nur dazu, es lag auch hauteng um ihren Körper. Nina nannte ihren Namen.

„Nehmen Sie bitte Platz, Miss Faulkner. Ich werde Mr Thornton melden, dass Sie da sind.“

Langsam ging Nina auf eine Sitzgruppe zu und ließ sich nieder. An den Wänden hingen riesige Poster, die die Produkte der Firma darstellten. Nina war froh, sich gesetzt zu haben, denn nach zehn Minuten befand sich die Sekretärin immer noch in Mr Thorntons Büro.

Nach weiteren fünf Minuten erschien sie endlich.

„Mr Thornton lässt jetzt bitten“, sagte sie sachlich, als wäre es ganz selbstverständlich, dass sie Nina fünfzehn Minuten hatte warten lassen. Nina sah auf ihre Uhr. Es war Punkt elf Uhr dreißig. So war das also. Plötzlich wurde ihr bewusst, was ihr bevorstand.

Sie erhob sich und folgte der Sekretärin.

„Miss Faulkner“, stellte die Sekretärin vor, ließ Nina an sich vorbeigehen und schloss leise hinter ihr die Tür.

Wem war sie vorgestellt worden? Niemand schien da zu sein. Es war das eleganteste Büro, das sie je gesehen hatte. Rechts von ihr, um einen niedrigen Teakholztisch gruppiert, vier schwarze große Ledersessel, eine in einen Teakholzschrank eingebaute Bar, sehr gut bestückt, wie sie feststellte, und ihr gegenüber ein imposanter Schreibtisch aus dem gleichen Holz. Dahinter stand ein weiterer schwarzer Ledersessel, dessen Rückseite ihr zugewandt war.

Der spiralförmig aufsteigende Rauch einer Zigarre deutete an, wo Adrian Thornton saß, wenn er auch anscheinend keine Eile hatte, ihre Anwesenheit zu bemerken.

Plötzlich drehte sich der Sessel.

„Diesmal haben Sie es also geschafft, pünktlich zu sein, Miss Faulkner.“ Seine tiefe Stimme klang leicht ironisch und war noch eindrucksvoller als am Telefon. Doris wäre begeistert gewesen.

Eindrucksvoll, ja, so konnte man die Erscheinung dieses Mannes nennen. Sehr männlich, fand Nina. Ein kantiges Gesicht mit kühn vorspringender Nase, intensiv blauen Augen unter breiten schwarzen Brauen. Von der Nase gingen markante Linien zum Mund. Er musste etwa Ende dreißig sein. Das volle Haar hatte an den Schläfen einen leichten Grauschimmer.

Seine Hände, die er auf die Schreibtischplatte gelegt hatte, waren schmal, mit langen Fingern. In der einen Hand hielt er ein dünnes langes Zigarillo, das angenehm duftete.

Nina hatte das Gefühl, als hätte sie ihn eine Ewigkeit angestarrt, doch es waren nur Sekunden. Aber auch sie war von ihm eingehend gemustert worden. Sein forschender Blick, der ihr unter die Haut ging, ließ nichts an ihr aus. Eine Reaktion war in seinem Gesicht nicht zu erkennen.

Unter einer kühlen Haltung verbarg sie geschickt die innere Verwirrung, die das Zusammentreffen mit diesem ungewöhnlichen Mann in ihr auslöste. Er erinnerte sie an einen festgehaltenen Tiger, der ungeduldig an den Ketten der Zivilisation zerrte, weil er hinter seinem Schreibtisch sitzen und höflich sein musste.

Aber auch Nina zeigte nichts von ihren Empfindungen, nichts von der Überraschung, die seine Erscheinung ausgelöst hatte. Ruhig erwiderte sie seinen Blick.

„Ich hatte mich schon entschuldigt“, sagte sie sanft, „aber wenn Sie Wert darauf legen, tue ich es gern noch einmal.“

„Nicht nötig“, erwiderte er trocken. „Ich habe inzwischen festgestellt, dass Sie von unserm ersten Termin nichts wussten. Bitte, nehmen Sie Platz, Miss Faulkner.“

Erleichtert setzte sich Nina ihm gegenüber in den schwarzen Ledersessel und schlug ein Bein über das andere. Sie hatte schön geformte Beine, und der enge Rock ließ eine ganze Menge davon sehen.

Adrian Thornton stand langsam auf, ohne Nina aus den Augen zu lassen. In seiner Größe schien er den ganzen Raum zu füllen. Sie fühlte sich klein ihm gegenüber, beinahe schwach und verwundbar.

Adrian setzte sich auf die Kante des Schreibtisches direkt vor sie. Die Hose spannte sich um seine muskulösen Schenkel. Er kniff die Augen leicht zusammen, als er die zarte Röte bemerkte, die Nina in die Wangen stieg. Dann lehnte er sich zur Seite und drückte das Zigarillo im Aschenbecher aus.

„Lassen Sie uns gleich zur Sache kommen“, sagte er und richtete sich wieder auf. „Ich möchte den Vertrag mit Miss Grant als ‚Beauty-Girl‘ lösen.“

Nina unterdrückte einen Ausruf. Ihre Hände verkrampften sich, als sie das befriedigte Aufglimmen in seinen Augen sah. Dieser Mann hatte doch tatsächlich Freude daran, sie aus der Fassung zu bringen.

„Warum?“

Ungeduldig reckte er sein Kinn vor, als wäre er es nicht gewöhnt, seine Entscheidungen näher zu erläutern.

„Brauche ich dazu einen Grund?“, fragte er kühl.

Nina war sich bewusst, dass dieser Mann nie seine Gründe darlegte, aber in dieser für sie so wichtigen Angelegenheit musste sie es wissen, ob ihm das nun passte oder nicht. Sie würde eher keine Ruhe geben.

„Ich denke, ja.“

Einige Sekunden sah er sie abwartend an.

„Na gut, Miss Faulkner“, begann er schließlich. „Sie sollen den Grund erfahren. Ihre Miss Judith Grant hat eine Liebesaffäre mit Jason Dillman, dem Chef meiner Werbeabteilung.“

Er hatte es ohne jede Betonung und völlig emotionslos gesagt, deshalb traf es Nina umso stärker. Sie war sprachlos. Doch sie zweifelte nicht an seinen Worten, denn sie kannte Judith zu gut.

„Mit meinem verheirateten Werbechef“, fügte er hinzu.

Nina schloss die Augen. Judith hatte schon oft ihren Unmut erregt, aber dies war mit Abstand das Ärgste, was sie ihr antun konnte. Sie hatte gewusst, wie wichtig dieser Vertrag mit Thornton für Nina war, und sie wagte es, nicht nur bei Fototerminen nicht zu erscheinen, sie hatte obendrein auch noch ein Verhältnis mit einem verheirateten Angestellten des Hauses angefangen. Ganz klar, dass der Chef darüber erbost war.

Jason Dillman war ein attraktiver Mann, der sich wie ein Filmstar bewegte. Er hatte blonde Haare und ständig zum Flirten bereite braune Augen. Er machte tatsächlich nicht den Eindruck eines verheirateten Mannes.

Jason Dillman hatte auch Nina einige Male zum Essen eingeladen, als sie damals zusammentrafen und über die Besetzung des „Beauty-Girls“ verhandelten. Sein überschäumender Charme hatte indes wenig Eindruck auf sie gemacht. Sie wehrte seine leichten Zudringlichkeiten ab, ohne auch nur im Traum daran zu denken, dass er seine Aufmerksamkeit Judith zuwenden könnte. Anscheinend hatte er bei ihr Erfolg gehabt.

Jetzt musste sie wenigstens den Versuch machen, Judith zu verteidigen. Sie empfand ein gewisses Mitgefühl für sie, obwohl sich Judith unglaublich leichtsinnig benommen hatte.

„Vielleicht hat sie nicht gewusst, dass er verheiratet ist.“

„Doch, sie wusste es.“

„Sie wusste …“, wiederholte Nina widerstrebend.

„Ja, sie wusste.“ Das klang grimmig. „Und wenn Sie nicht sehr aufpassen, Miss Faulkner, wird Ihre Agentur durch Judith Grant den üblen Ruf bekommen, mehr zu bieten als nur Fotomodelle.“

„Was meinen Sie damit?“ Nina war blass geworden.

Er sah sie spöttisch an.

„Lassen Sie Ihre Fantasie spielen, Miss Faulkner. Es gibt einen Namen für Modelle, die mehr bieten als nur ihre äußere Schönheit.“

„Sie wagen es …“ Nina war aufgesprungen und wusste sofort, dass das ein Fehler war. Sie kam Adrian Thornton gefährlich nahe, konnte fast seinen Atem spüren. Rasch machte sie einen Schritt zur Seite.

„Ja, ich wage es“, antwortete er kühl. Ninas Ärger beeindruckte ihn nicht im Geringsten. „Und ich verlange, dass die Geschichte so schnell wie möglich beendet wird.“

Nina warf ihm einen flammenden Blick zu. Sie fand ihn widerwärtig, wie er da ruhig und entspannt auf seinem Schreibtisch hockte, ihre Agentur schlechtmachte und ihre Modelle als eine Art Callgirls hinstellte.

„Dann reden Sie doch mit Jason Dillman“, fuhr sie ihn an. „Es dürfte Ihnen doch bekannt sein, dass dazu immer zwei gehören.“

„Ich weiß in solchen Situationen sehr gut Bescheid. Trotzdem besten Dank für den Hinweis, Miss Faulkner.“

Ja, zweifellos war er mit solchen Situationen vertraut. Der Mann strahlte geradezu Erotik aus und machte ganz den Eindruck, dass er sich in dieser Richtung kaum sehr zurückhielt. Ob er verheiratet war? Nina bezweifelte es. Er kam ihr eher wie ein Einzelgänger vor, der sich holte, was er brauchte, wann immer es ihm Spaß machte, und sich dann wieder in sein Junggesellenheim zurückzog. Nur keine Bindungen, nur keine Gefühle …

„Übrigens“, fuhr er missmutig fort, „bin ich der Meinung, dass das Ihre Aufgabe ist.“

„Meine Aufgabe?“

„Selbstverständlich. Schließlich ist Judith Grant ein Modell Ihrer Agentur, sozusagen ein Aushängeschild für Sie.“

„Aber Sie haben Judith für diesen Job ausgewählt.“

Er schüttelte den Kopf. „Ich doch nicht. Jason Dillman hat sie ausgewählt.“

„Was sagte er?“

„Ach, nichts“, wehrte sie ab. Sein Sarkasmus ging ihr auf die Nerven. „Ist schon gut, Mr Thornton, ich werde mit Judith reden.“

„Sie werden mehr als nur mit ihr reden, wenn Sie den Vertrag mit Thornton Cosmetics behalten wollen.“ Er erhob sich lässig, kehrte zu seinem Schreibtischsessel zurück. „Entweder sorgen Sie dafür, dass Judith die Beziehung zu Jason aufgibt, oder sie verliert ihren Job als ‚Beauty-Girl‘.“

„Das würde Sie eine Menge Geld kosten, Mr Thornton“, erklärte Nina, obwohl sie wusste, dass es bereits Unsummen gekostet hatte, das „Beauty Girl“ aufzubauen.

„Ich kann es mir leisten“, erwiderte er ruhig.

„Du meine Güte, was geht es Sie schließlich an“, versuchte Nina es noch einmal. Judith war schließlich nicht die erste Frau, die eine Affäre mit einem verheirateten Mann hatte. „Jason und Judith haben eine Liebesbeziehung – na und?“

„Es geht mich sehr viel an, Miss Faulkner, und bedeutet mir eine Menge. Und auch Ihnen sollte es etwas bedeuten. Oder bieten alle Ihre Modelle einen Extraservice?“

Nina war selten im Leben so aufgebracht gewesen. Ihre Hand zuckte, und am liebsten hätte sie ihn geschlagen. Nur mit Mühe konnte sie den Impuls zurückdrängen. Die Gelassenheit zu verlieren war nicht der richtige Weg, um mit diesem Mann zu verhandeln.

„Na?“, fragte er in die eingetretene Stille. „Tun Sie es oder tun Sie es nicht?“

Nina presste die Lippen zusammen.

„Ich finde, Sie sollten sich für diese hässliche Unterstellung bei mir und meinen Damen entschuldigen“, erwiderte sie schließlich in ruhigem Ton und sah ihn kühl an. Nein, sie würde sich von ihm nicht herausfordern lassen.

„Sie lehnen also ab?“

„Natürlich.“

„Das ist schade“, sagte er leise und blickte zur Decke empor. „Ich hätte Ihnen ganz gern einen … persönlichen Vorschlag gemacht.“

„Mr Thornton …“

„Schon gut.“ Er hob beschwichtigend die Hand. „Wenn Ihre Agentur tatsächlich so hochmoralisch ist, bin ich bereit, mich zu entschuldigen.“ Es ging ihm nicht ganz leicht über die Lippen. „Aber das schließt keine Entschuldigung dafür ein, dass eines Ihrer Modelle ein Verhältnis mit einem meiner verheirateten Angestellten hat.“

Mit ihren fünfundzwanzig Jahren hätte Nina eigentlich über den Dingen stehen müssen, besonders wenn ein Mann ihr persönlich einen etwas zweideutigen Antrag machte, aber sie hatte das von Adrian Thornton nicht erwartet. Bis zu diesem Augenblick hatte sich die Unterhaltung nur um geschäftliche Dinge gedreht. Bei seinen leise gesprochenen Worten war sie sich seiner Männlichkeit noch stärker bewusst geworden, hatte die Sinnlichkeit gespürt, die ein wesentlicher Bestandteil von Adrian Thornton zu sein schien.

Nach den Beleidigungen und Unterstellungen wollte sie aber auf keinen Fall in dieser Art von ihm beeindruckt werden. Sie betrachtete ihn als ihren Feind, und das würde er bleiben. Je weniger sie mit ihm zu tun hatte, umso besser.

Nina schob den Riemen ihrer Tasche über die Schulter und richtete sich auf. „Ich habe gesagt, ich werde ernsthaft mit Judith reden“, erklärte sie steif und wandte sich zur Tür.

„Und wenn sie nicht auf Sie hört?“

„Sie wird, dafür sorge ich schon“, versicherte Nina mit mehr Überzeugung, als sie selbst empfand. Sie wusste genau, sie war die Letzte, auf die Judith hörte, aber sie wollte es jedenfalls mit allem Nachdruck versuchen.

Adrian nickte. „Ich überlasse es Ihrer Autorität.“

Nina warf ihm über die Schulter einen ärgerlichen Blick zu. Er hielt den Kopf geneigt, um sich ein neues Zigarillo anzuzünden. Sein Gesicht konnte sie nicht sehen, Rauchwolken verhüllten es.

Sie spürte seinen Blick, während sie weiter zur Tür ging. Erst als sie wieder in ihrem Auto saß, verlor sich etwas von der inneren Spannung.

Wie konnte Judith nur so dumm sein, sich mit einem verheirateten Mann einzulassen. Aber Judith hatte ja schon immer viel zu schnell engere Beziehungen zu Männern gehabt. Nina wusste es aus Erfahrung.

Kurz nach zwölf Uhr war sie wieder in ihrem Büro. Noch immer war sie voll Groll und seltsam ratlos nach der Begegnung mit Adrian Thornton. Seine anzügliche Bemerkung hatte sie mehr berührt, als sie wahrhaben wollte. Allerdings sah man ihr nichts davon an.

Doris hob den Kopf, als Nina das Büro betrat.

„Du hast Besuch“, kündigte sie an.

„Judith?“

„Judith.“ Doris nickte, zog aber dabei die Nase kraus.

Mit energischen Schritten ging Nina in ihr Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Judith saß auf Ninas Stuhl hinter dem Schreibtisch. Ninas Schwester Judith.

2. KAPITEL

Auf den ersten Blick hätte man sie als Schwestern nicht erkannt. Beide waren vom Typ her ganz verschieden. Judith war blond, Nina brünett. Judith hatte klare blaue Augen, ohne den grünen Schimmer in Ninas Augen, der es schwierig machte, die Farbe genau zu bestimmen.

Auch in den Gesichtszügen ähnelten sich die Schwestern nicht. Aber beide waren außerordentlich schöne Frauen, beide schlank und groß, sie hatten die gleiche Kleidergröße. Schon immer hatte die jüngere Judith sich Kleider von Nina ausgeborgt, ohne zu fragen.

Judith bewegte sich mit lasziver Grazie, die sie einstudiert hatte, während Ninas Bewegungen exakt, zielstrebig und doch harmonisch und weiblich waren. Als drei Jahre ältere Schwester hatte Nina Judith immer so gut sie konnte beschützt. Dafür hatte sie indes nur wenig Dank erfahren. Judiths Rücksichtslosigkeit gegenüber Ninas Agentur war ein Beweis dafür.

Als sie beide nach London gingen, Nina ein Jahr früher, hatten die Eltern Nina das Versprechen abgenommen, auf die jüngere Schwester aufzupassen. Das war eine schwierige Aufgabe gewesen. Sie hatten es nur ein halbes Jahr in einer gemeinsamen Wohnung ausgehalten. Judith zog aus und behauptete, mit Nina zusammen hätte sie keine Freiheit und kein Privatleben. Darüber war Nina zwar erleichtert gewesen, leider aber nicht die Eltern.

Als Nina die Agentur eröffnete, baten die Eltern sie inständig, Judith doch bei sich zu beschäftigen. Erst nach längerem Zögern hatte sich Nina dafür entschieden, und das auch nur, weil die Eltern in Devon sich Sorgen machten. Zum Glück konnten sie nicht wissen, wie angebracht ihre Sorgen in Bezug auf Judith waren. In den vergangenen drei Jahren hatte sie sich auf Männergeschichten eingelassen, bei denen jeder neue Mann noch katastrophaler war als sein Vorgänger.

Die Eltern wären entsetzt gewesen.

Es wurde höchste Zeit, dass Judith zur Vernunft gebracht wurde, ehe die Eltern davon erfuhren und Judith Ninas Geschäft ruinierte. Nina machte sich nichts vor. Adrian Thornton hatte jedes Wort bitterernst gemeint.

Mit lässiger Bewegung stand Judith Grant auf. Diese Laszivität hatte sie berühmt gemacht. Ihren Namen Judith Faulkner hatte sie für ihre Karriere nicht professionell genug gefunden. Jetzt war Nina dankbar für diese Entscheidung. Es bedeutete, Adrian Thornton hatte keine Kenntnis von ihrer Verwandtschaft. Nicht auszudenken, was passiert wäre, hätte er gewusst, dass Judith ihre Schwester war.

„Mach nicht so ein Gesicht, Nina“, sagte Judith mit ihrer rauchigen Stimme. Sie kam um den Schreibtisch herum und setzte sich in einen Sessel. „Ich habe nicht gekramt, wollte nur mal deinen Stuhl ausprobieren und sehen, wie das ist, den ganzen Tag hinter einem Schreibtisch zu sitzen.“ Sie lachte. „Das wäre nichts für mich.“

Nina setzte sich. Es musste ihr gelingen, das Gespräch geschäftlich und nicht familiär zu führen.

„Ich habe mit dir zu reden, Judith.“

„Oh, bitte nicht über diesen Fototermin. Doris hat mich bereits ausgiebig beschimpft. Sie hat gesagt, ich sei total unzuverlässig und unberechenbar.“

Richtig, der Fototermin. Nina hatte ihn schon vergessen. Kein Wunder, nach dem Zusammentreffen mit Adrian Thornton.

„Gut, reden wir nicht mehr darüber, wenn ich dich auch bitten muss, dass so etwas nicht wieder vorkommt. Ich leite hier ein Geschäft, Judith, und …“

„Du wolltest nicht mehr darüber reden“, unterbrach Judith sie gelangweilt, „und redest immer noch davon.“

„Also sprechen wir stattdessen über Jason Dillman, einverstanden?“ Nina beobachtete Judith mit verengten Augen. Aber wenn sie gemeint hatte, Judith aus der Fassung zu bringen, so hatte sie sich getäuscht. Judith blieb gelassen und betrachtete weiterhin gelangweilt ihre Fingernägel. Nina seufzte ärgerlich.

„Judith, triffst du dich mit Jason Dillman?“

„Natürlich.“ Judiths klare blaue Augen erwiderten Ninas Blick.

„Ich sehe ihn oft. Wir arbeiten zusammen an dem ‚Beauty-Girl‘-Projekt.“

„Das habe ich nicht gemeint. Du weißt es.“

„Nina, wenn du wissen willst, ob ich mit Jason schlafe, red’ nicht herum, sondern frag mich direkt“, erwiderte Judith ungeduldig. „Also, tust du es?“ – „Ja.“

Nina atmete hörbar. „Er ist verheiratet.“ – „Das weiß ich.“

Manchmal hatte Nina das Gefühl, Judith sei ein vollkommen fremder Mensch. „Macht es dir denn überhaupt nichts aus, dass Jason Dillman eine Frau hat?“

„Er ist mit ihr nicht glücklich.“

„Das sagen alle“, bemerkte Nina spitz.

Judith verzog das Gesicht. „Ja, die meisten. Kenny hat mich hingehalten. Er wollte mich nur, weil seine Frau ein Baby erwartete und nicht mit ihm schlafen konnte. Als das Baby da war, hat er mich sitzen lassen. Aber mit Jason ist es etwas ganz anderes.“

Nina konnte nicht begreifen, dass Judith Männern gegenüber so naiv war, wo sie doch sonst die Dinge des Lebens schnell und vernünftig erfasste.

„Tatsächlich?“, fragte Nina skeptisch. „Oder sagt er dir das nur?“

„Nein, es stimmt. Er hätte seine Tracy schon vor Jahren verlassen, wenn er es sich hätte leisten können.“

„Was soll das bedeuten?“

„Dass Tracy reich ist. Und der Job bei Thornton gehört auch dazu. Jason wird gut bezahlt und hat eine leitende Stellung. Ich glaube, Adrian Thornton würde kaum erfreut sein, wenn er etwas über Jason und mich wüsste.“

„Will Thornton dich für sich selbst haben?“

Ein Gedanke, der Nina gerade erst gekommen war. Anders konnte sie sich jetzt sein Interesse an der Affäre kaum erklären.

„Du liebe Güte, nein“, rief Judith amüsiert. „Adrian Thornton ist doch an mir nicht interessiert. Der lässt sich mit Modellen nicht ein. Seine augenblickliche Freundin ist eine richtige Prinzessin.“

„Und sie wird bestimmt nicht seine letzte sein.“

„Leicht möglich. Ich wollte dir nur klarmachen, dass ich nicht sein Typ bin.“ Judith stutzte einen Moment. „Warum ist dir Thornton plötzlich so wichtig? Du hast doch nie von ihm gesprochen?“

„Weil ich ihn bisher nicht gekannt habe. Im Übrigen weiß er alles über dich und Jason. Heute Morgen hat er mich in sein Büro bestellt, um es mir zu sagen. Er wünscht, dass diese Affäre mit Jason sofort beendet wird. Du musst dich unbedingt von ihm trennen, Judith.“ Nina sah sie ernst an.

Judith murmelte einen Fluch, stand auf und ging im Zimmer auf und ab. „Wie in aller Welt hat er das herausbekommen?“

„Keine Ahnung.“

„Wir haben uns immer nur am Tage getroffen, damit Thornton nicht misstrauisch wird“, fuhr Judith fort, als spräche sie zu sich selbst.

„Jason Dillman ist also der Grund, weshalb du immer wieder die Fototermine versäumst?“, fragte Nina.

„Wir mussten doch ab und zu einmal allein sein.“

„Aber nicht in der Arbeitszeit, die Thornton bezahlt.“

Judith verzog die Mundwinkel. „Es ist nicht die Arbeitszeit, auf die es Thornton ankommt. Es geht um seine Schwester.“

„Wie bitte?“

„Jason ist mit seiner jüngeren Schwester verheiratet.“

„Und er … ich meine …“ Nina verschlug es die Sprache. Sie konnte kaum klar denken.

Kein Wunder, dass Adrian Thornton über dieses Liebesverhältnis so wütend war und verlangte, dass es sofort beendet wurde. Der Mann seiner Schwester und Judith! Tatsächlich, er hatte ein Recht, so böse zu sein.

Und Nina auch. Judith war schon immer eigensinnig gewesen, schon als Kind. Was sie haben wollte, wusste sie sich immer zu verschaffen, selbst wenn sie dafür anderer Leute Gefühle verletzte. Aber damit durfte sie nicht durchkommen, diesmal war sie zu weit gegangen.

Judith war als die Jüngere von den Eltern zu sehr verwöhnt worden. Nun musste sie endlich lernen, auch an andere Menschen zu denken. An Tracy Dillman zuerst, dann an Adrian Thornton und schließlich auch an Nina. Judith hatte offensichtlich keinen Moment an den Ruf der Agentur gedacht, als sie dieses Verhältnis einging.

„Wie konntest du das nur tun, Judith“, fragte Nina fassungslos, „Adrian Thorntons Schwager.“

Judith stellte sich ans Fenster.

„Als ich Jason kennenlernte, wusste ich das noch nicht. Aber selbst wenn es mir bekannt gewesen wäre, hätte es an meinen Gefühlen für ihn nichts geändert. Mir ist es egal, wessen Schwager er ist. Wenn die langweilige Tracy ihn nicht halten kann, soll sie ihn doch gehen lassen und nicht erst den großen Bruder einschalten.“

„Du bist ein herzloses, gemeines Geschöpf, Judith.“

„Nina“, rief Judith, erstaunt über den unerwarteten Ausbruch ihrer Schwester. „Wie kannst du so was sagen.“

„Überrascht dich das?“, fuhr Nina sie an. „Glaubst du, ich hätte nicht den Mut, dir einmal die Wahrheit zu sagen? Du hast dir schon eine Menge geleistet, aber das hier ist das Schlimmste. Tracy Dillman liebt ihren Mann sicher sehr, deshalb versucht sie, ihn zu behalten. Und da kommst du mit deiner Schönheit, deinen Verführungskünsten und …“

„Das reicht.“ Judith war blass geworden. „Ich bin nicht hergekommen, um mich von dir abkanzeln zu lassen.“

„Warum dann?“ Nina verkrampfte ihre Hände ineinander. „Sicher doch nicht, um zu arbeiten. Ich will, dass du diesen Mann aufgibst, Judith, sonst nehme ich dich aus dem Vertrag.“

Judith blieb gelassen.

„Das kannst du nicht.“

„Ich vielleicht nicht“, sagte Nina, „aber Thornton kann es ganz bestimmt. Verlass dich drauf, Thornton hat Anwälte, die alles so hinbiegen können, dass du dir wünschen wirst, einem Jason Dillman niemals begegnet zu sein.“

„Ich gebe ihn nicht auf“, rief Judith hitzig, „ich liebe ihn.“

So schnell, wie die Wut Nina gepackt hatte, so schnell war sie vergangen. Der Beschützerinstinkt kam wieder zum Vorschein. „Möglicherweise glaubst du nur, du liebst ihn.“

„Ich glaube es nicht, Nina, ich weiß es.“

„Er ist verheiratet, Judith …“

„Ein Stück Papier, das Jason vor sieben Jahren mal unterschrieben hat, bedeutet doch nicht, dass er sich immer noch verheiratet fühlt. Die Menschen ändern sich im Lauf der Jahre.“

„Warum verlässt er dann seine Frau nicht?“

„Ich sagte doch schon …“

„Ja, ich weiß, seine Stellung und das Geld seiner Frau“, sagte Nina wegwerfend. „Beides will er behalten und dich obendrein. Judith, einen solchen Mann kannst du doch nicht wirklich lieben.“

„Ich liebe ihn nun mal und will ihn nicht verlieren.“

„Nein, diese Beziehung muss ein Ende haben.“

„Warum?“

„Weil … weil es unmoralisch ist.“ Nina überlegte einen Moment. „Und weil Mama und Dad außer sich sein werden, wenn sie es erfahren. Ganz abgesehen davon wird Adrian Thornton meine Agentur kaputtmachen.“

„Ah, jetzt verstehe ich! Das ist also deine schwesterliche Sorge. In Wirklichkeit bedeutet dir die Agentur mehr als alles andere – mehr als ich, mehr als unsere Eltern, mehr als jeder Mann.“ Judith verzog spöttisch den Mund. „Du solltest dich wirklich mal nach einem Mann umsehen, Nina – nein, nicht dieser Lester, der ist eine Niete. Ich meine einen richtigen Mann. Vielleicht wirst du dann verstehen, was ich für Jason empfinde.“

Nina ignorierte Judiths Bemerkung über Lester. Sie wusste, wie wenig die beiden sich mochten. Lester Fulton war ein Freund, mit dem sie seit drei Monaten ab und zu ausging. Schon beim ersten Kennenlernen hatten Judith und er sich angegiftet.

Aber Judiths Worte, dass sie einen richtigen Mann brauche, hatten sie verletzt. Judith hielt sie für prüde, weil sie sich weigerte, mit ihr über Männer zu sprechen. Das bedeutete ja nicht, dass sie keine Männerfreundschaften hatte, und schon gar nicht, dass sie nicht ehrlich und tief empfinden konnte.

Tief und ehrlich? Was versuchte sie sich vorzumachen? Bisher war sie noch nie richtig verliebt gewesen. Das Gefühl absoluter Hingabe war ihr fremd. Judith hatte recht, sie konnte sich nicht vorstellen, was Judith für Jason Dillman oder irgendeinen anderen Mann empfand.

„Ich trenne mich nicht von Jason, Nina“, begann Judith noch einmal. „Du kannst machen, was du willst, und Adrian Thornton auch. Ich werde Jason nicht aufgeben.“ Judith riss die Tür auf und verließ das Büro.

Nina lehnte sich zurück und legte die Hände an die Schläfen. Sie kannte Judith und wusste, sie würde sich weiterhin mit Jason Dillman treffen. Was kam auf sie zu, wenn Adrian Thornton es erfuhr? Dann war Judith nicht mehr zu helfen.

Heute Morgen beim Gespräch mit Adrian Thornton hatte sie noch nicht gewusst, dass Tracy Dillman Adrians Schwester war. Du lieber Himmel, musste er wütend gewesen sein. Unter diesen Umständen war die Drohung mit der Vertragskündigung noch milde im Vergleich zu dem, was er gegen sie hätte unternehmen können. Und was er durchaus noch unternehmen konnte. Judith hatte sich geweigert, mit Jason zu brechen, also war das Ende der Faulkner-Agentur durchaus vorgezeichnet.

Doris kam herein. Sie hatte Berichte in der Hand.

„Judith hat sich schlecht benommen, nicht wahr?“

„Ja, ziemlich“, seufzte Nina.

Doris wollte von dem Thema ablenken. „Sag mal, wie ist Adrian Thornton?“

„Arrogant“, erwiderte Nina, ohne nachzudenken. Sie errötete, als sie Doris’ fragende Blicke sah. „Er ist es wirklich“, setzte sie mit komisch verzogenem Gesicht hinzu.

„Passt sein Äußeres zu der tollen, dunklen Stimme?“

„Ja, das könnte man sagen“, meinte Nina so gleichgültig wie möglich. „Doris, bitte, wenn er anrufen sollte, sag ihm, ich bin nicht da.“

„Schwierigkeiten wegen Judith?“

„Ja.“

Doris zögerte einen Moment. „Sie ist deine Schwester, Nina, ich weiß. Aber ist sie es wirklich wert, dass du dich über sie so aufregst?“

„Nein, das ist sie nicht. Ich muss aber an meine Eltern denken. Sie haben leider keine Ahnung, was Judith so treibt.“

„Kann ich helfen?“

„Nein, Doris. Vielen Dank.“ Sie musste mit dem Problem allein fertigwerden. „Wenn du mir nur Adrian Thornton in den nächsten Tagen vom Leibe hältst.“

„Das verspreche ich.“ Doris ging zur Tür. „Ich mache jetzt Mittagspause. Muss doch mal nachsehen, wie es meinem armen kranken Mann geht.“

Sie lachte. „Wie alle Männer, die ein Wehwehchen haben, wird er sicher schon halb tot sein.“

Nina lachte mit, doch der Anflug von Humor war sofort wie weggeblasen, als Doris gegangen war.

Der Tag hatte so vielversprechend begonnen. Warum war nur alles schiefgegangen? Da lagen auch noch die Rechnungen. Missmutig nahm Nina die Unterlagen aus dem Schreibtisch. Der Gedanke an Mittagessen war ihr vergangen.

Erst nach sechs Uhr kam sie nach Hause. Hier war es friedlich und kühl. Das geräumige Wohnzimmer hatte sie behaglich eingerichtet, das Schlafzimmer in Weiß und Goldgelb. Dazu die praktische kleine Küche und das Bad. Die Wohnung war nicht groß, aber hier fühlte sie sich wohl. Hier konnte sie sie selbst sein.

Vor Doris war sie äußerlich ruhig geblieben, doch der Tag hatte sie angestrengt. Vor allem, weil Adrian Thornton kurz vor fünf noch einmal angerufen hatte.

„Er war nicht gerade erfreut, als ich ihm sagte, dass du nicht da bist“, hatte Doris mit einem zwinkernden Auge berichtet.

Wie wird er sich verhalten, wenn ihm das in den nächsten Tagen öfter passiert? Adrian machte nicht den Eindruck eines ruhigen Menschen. Im Gegenteil, Nina hielt ihn für herrschsüchtig und unduldsam. Wie lange konnte sie ihn noch hinhalten, ihre Agentur ungeschoren zu lassen?

Allerdings wusste sie auch nicht, was sie mit Judith machen sollte. Sie konnte sie nicht zwingen, Jason aufzugeben, selbst wenn die Agentur die Folgen zu tragen hatte. Bevor sie nicht zu einer Lösung gekommen war, konnte sie mit Adrian Thornton nicht sprechen.

Nach einem warmen Bad fühlte sie sich besser. Dann wählte sie ein Kleid für den Abend aus, denn sie war mit Lester verabredet. Sie hatten sich vor einigen Monaten im Lift des Bürohauses kennengelernt. Lester arbeitete ein paar Stockwerke höher in einer Finanz- und Anlagefirma. Als er sie eines Abends zum Essen einlud, hatte sie nach kurzem Zögern zugesagt.

Sie fand Lester sympathisch. Sein gutes Aussehen, seine korrekte Kleidung gefielen ihr. Er hatte schwarzes Haar und warme braune Augen. Da der erste Abend harmonisch verlief, folgten weitere gemeinsame Abende.

Nina dachte an Judiths Bemerkung. Nicht, dass sie glaubte, Lester könnte ein schlechter Liebhaber sein. Er hatte nur bisher kein Feuer in ihr entzünden können. Allerdings, das hatte überhaupt noch keiner zustande gebracht. War sie am Ende frigid?

Freundlich erwiderte sie Lesters Begrüßungskuss, als er kurz vor acht Uhr erschien. Er war immer sehr pünktlich.

„Du siehst hübsch aus.“ Er lächelte sie an. „Ich habe einen Tisch für acht Uhr fünfzehn bestellt.“ Dabei sah er auf seine Armbanduhr. „Wir müssten also gleich gehen.“

Auch Lesters Pünktlichkeit gefiel ihr. Wenn er es zugesagt hatte, rief er genau zur abgemachten Zeit an. Seine Verabredungen hielt er auf die Minute ein.

Es gab ihr ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit. Nachdem sie den ganzen Tag die Chefin war und allein entscheiden musste, tat es gut, einmal nur Frau zu sein und in Gesellschaft eines Mannes alles ihm zu überlassen. Nur eines gefiel ihr nicht. Lester versuchte manchmal, ihr vorzuschreiben, wie sie ihr Geschäft führen solle.

So auch heute. Er fragte sie, wie der Tag gewesen sei, und als sie Judith erwähnte, verfinsterte sich seine Miene.

„Ich verstehe nicht, Nina, warum du dich noch um sie sorgst“, sagte er. „Sie ist es nicht wert.“

„Judith ist meine Schwester.“

„Aber Geschäft ist Geschäft“, bemerkte er mit Nachdruck. „Familienangelegenheiten haben damit nichts zu tun.“

Judith war der wunde Punkt. Nina vermied es sonst immer, über sie zu sprechen. Aber mit irgendjemand musste sie über die letzten Ereignisse reden. Lester war ihr Freund, sie teilten so viele Dinge, warum nicht auch die Probleme?

Lester gab nur einen missbilligenden Laut von sich, als sie ihm von ihrem Zusammentreffen mit Adrian Thornton berichtete. „Judith weigert sich kategorisch, die Affäre mit Jason Dillman zu beenden.“

„Typisch“, meinte er. „Thornton sollte sie rauswerfen.“

Nina seufzte. Sie trank einen Schluck Wein. Lester war ein Weinkenner. Diesen hatte er mit Sorgfalt ausgewählt. Für Nina war er im Augenblick wie Wasser. Lester wäre beleidigt gewesen, hätte er es geahnt.

„So einfach ist das nicht.“ Nina schüttelte den Kopf. Sie schob den Salatteller von sich. „Meine Eltern verlassen sich darauf, dass ich auf Judith aufpasse.“

Lester verzog das Gesicht. „Das müsste ein Ehemann tun, nicht die Schwester. Aber so, wie Judith sich aufführt, wird sie wohl keinen finden, höchstens den einer anderen Frau.“

Die Kritik war berechtigt, dennoch störte sie Lesters Sarkasmus. Sie hatte seine Eltern und seinen älteren Bruder kennengelernt. Der Vater stand unter dem Pantoffel, und auch die Söhne hatten unter der herrischen Mutter nicht viel zu sagen. Niemals wäre es Nina eingefallen, dieses Familienleben Lester vorzuwerfen.

„Es wird Zeit, dass Judith sich auf eigene Füße stellt“, fuhr Lester fort, ohne zu merken, wie Nina sich immer mehr in sich selbst zurückzog. „Die meiste Zeit tut sie ja ohnehin, was sie will. Nur wenn sie in Schwierigkeiten ist, kommt sie zu dir gerannt.“

„Sie ist nicht in Schwierigkeiten. Und sie ist auch nicht zu mir gekommen. Ich sagte doch, Adrian Thornton hat mich zu sich gerufen.“

„Mit dem leg dich auf keinen Fall an, Nina.“ Wie gut Nina das selber wusste. „Kennst du ihn?“

„Ich habe von ihm gehört. Ab und zu lese ich etwas über seine Firma im Finanz-Anzeiger. Er ist ein gewitzter Bursche.“

„Wohl kaum ein Bursche“, wehrte Nina ab.

„Vielleicht nicht. Was ich sagen will, TCBA ist eine der größten Kosmetikfirmen Amerikas. Adrian Thornton ist ein glänzender Geschäftsmann und schwimmt im Geld. Es war der reinste Glücksfall, dass du einen Vertrag mit seiner Gesellschaft bekommen hast.“

„Das war kein Glücksfall, Lester. Mir ist nichts in den Schoß gefallen. Ich habe hart dafür gearbeitet.“

Leider konnte sie nach den letzten Ereignissen gar nicht mehr so sicher sein, dass sie es tatsächlich aus eigener Kraft geschafft hatte. Jason Dillman hatte sich das Album mit ihren Modellen angesehen und sich dann entschieden, das „Beauty-Girl“ aus ihrer Agentur zu nehmen. Damals hatte sie es noch für ganz normal gehalten, dass er dann die Damen persönlich kennenlernen wollte.

Die Liebesaffäre mit Judith brachte ein neues Licht in die Angelegenheit. Eine so kleine Agentur wie die ihre, auch wenn sie exklusive Modelle hatte, war kaum attraktiv genug, um mit einer Weltfirma wie ‚Thornton‘ ins Geschäft zu kommen. Nina hatte das ungute Gefühl, Jason habe sich in Judith verliebt, was seine Auswahl beeinflusst hatte.

„Ich weiß.“ Lester legte verständnisvoll seine Hand auf die ihre. „Und es wäre jammerschade, wenn dir durch Judith dieses Geschäft verloren ginge. Sie kann sich doch nicht mit Thorntons Schwager einlassen.“

„Das hat sie bereits.“

„Dann verbiete es ihr.“

„Wie denn? Ich habe ihr schon gesagt, wie wütend Adrian Thornton ist. Es hat sie kaum beeindruckt.“

„Vielleicht könntet ihr, ich meine, Thornton und du, die Sache einmal von einem anderen Standpunkt aus betrachten“, überlegte Lester. „Dieser Jason Dillman scheint doch geldgierig zu sein, könnte man ihn nicht unter Druck setzen?“

Warum hatte Thornton daran noch nicht gedacht? Oder hatte er keinen so großen Einfluss auf seinen Schwager? Natürlich hatte er das, er war der Boss. Es war also seine Pflicht, Jason zu stoppen. Ich sollte mir wirklich nicht so viel Sorgen machen, dachte Nina. Sie lächelte Lester zu und wechselte das Thema. Mit dem Problem Adrian Thornton würde sie sich morgen weiter auseinandersetzen.

Nina forderte Lester auf, von seiner Arbeit zu erzählen. Wie leicht er mit Zahlen umgehen konnte, das bewunderte sie immer wieder. Ihr wurden Zahlen stets zum Albtraum. „Du solltest mein Buchhalter werden“, sagte sie scherzhaft.

„Ich glaube kaum, dass du dir mein Gehalt leisten könntest“, erwiderte er ernst. „Macht es dir wirklich Freude, diese Agentur zu leiten? Es sieht doch so aus, als hättest du nur Schwierigkeiten.“

„Schwierigkeiten gibt es überall, Lester. Ich liebe meine Arbeit. Für mich bedeutet das Unabhängigkeit.“

Lester rückte ihr auf dem Sofa etwas näher. Sie waren in Ninas Wohnung zurückgekehrt und tranken noch einen Kaffee.

„Ich fände es schöner, du wärst nicht so unabhängig“, sagte er leise. „Ein wenig abhängig von mir könntest du schon sein.“

Nina lachte nervös. D...

Autor

Elizabeth Harbison

Elizabeth Harbison kam erst auf Umwegen zum Schreiben von Romances. Nach ihrem Abschluss an der Universität von Maryland, ihrem amerikanischen Heimatstaat, arbeitete sie zunächst in Washington, D.C. als Gourmet-Köchin. 1993 schrieb sie ihr erstes Backbuch, danach ein Kochbuch, wie man besonders romantische Mahlzeiten zubereitet, dann ein zweites Backbuch und schließlich...

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Rebecca Winters

Rebecca Winters war eine berühmte amerikanische Romanceautorin aus Salt Lake City, Utah. Ihre Heimat und ihre Lieblingsurlaubsziele in Europa dienten oft als Kulisse für ihre romantischen Liebesromane.

In ihrer 35-jährigen Schaffenszeit schrieb sie 175 Romance Novels, die weltweit fast 30 Millionen Mal verkauft wurden.

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