Lavendelnächte in der Provence

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Nicole fliegt in die Provence, um ihre neue Kollektion vorzustellen. Doch dann findet sie sich plötzlich mit Modezar Jérôme auf einer Hochzeit wieder …


  • Erscheinungstag 30.07.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751542814
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Leseprobe

Rona Wickstead

Lavendelnächte in der Provence

1. KAPITEL

„Meine Damen und Herren, hier spricht Ihr Flugkapitän“, tönte die blecherne Stimme aus den Lautsprechern. „Ich darf Ihnen mitteilen, dass wir unser technisches Problem beseitigt haben und nun auf den nächsten freien Startplatz für unseren Direktflug nach Lyon warten.“

Na endlich, dachte Nicole und schaute auf die Uhr ihres Handys. Die Maschine war schon verspätet in London eingetroffen, sodass sie später als geplant hatte einsteigen können. Mittlerweile hatten sie über zwei Stunden Zeit verloren. Spontan entschied sie sich, noch einmal ihre Chefin anzurufen, denn bisher hatte niemand an Bord angeordnet, dass die Mobiltelefone ausgeschaltet werden mussten.

„Nicole“, rief Barbara aufgeregt. „Sag mir nicht, dass ihr immer noch nicht gestartet seid!“

„Aus der Luft dürfte ich mich wohl kaum melden.“ Nicole seufzte. „Aber immerhin hat der Kapitän gerade angekündigt, dass es demnächst losgeht.“

„Eigentlich solltest du im Landeanflug auf Lyon sein“, jammerte Barbara. „Da haben wir alles so genau durchgetaktet, und jetzt schaffst du es nicht mehr rechtzeitig zur Modenschau.“

„Ja, das fürchte ich auch“, sagte Nicole frustriert. „Im Prinzip könnte ich direkt wieder aussteigen, aber das werden die mir kaum gestatten.“

„Tja, das ist dann das Ende.“ Barbara seufzte. „Am besten werfe ich gleich noch mal einen langen letzten Blick auf mein Atelier und verabschiede mich gedanklich schon mal davon. Und ich hatte so darauf gebaut, du könntest …“

„Beruhige dich, Barbara. Ich fahre auf jeden Fall ins Hauptquartier des Kunden und schaue, was sich machen lässt.“ Ich wäre besser bereits gestern geflogen, dachte Nicole missmutig. Aber da war noch nicht alles fertig, und außerdem hatte ihre Chefin die Hotelkosten sparen wollen.

Nicole verabschiedete sich und schaltete ihr Handy in den Flugmodus, denn nun rollte das Flugzeug tatsächlich rumpelnd in Richtung Startbahn.

„Ach du liebe Zeit“, rief ihre Sitznachbarin aus. „Haben Sie gerade davon gesprochen, dass Sie aussteigen wollen? Ich käme sofort mit.“ Sie umklammerte die Seitenlehnen so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten.

Ihr Englisch hatte einen deutlichen französischen Akzent, sodass Nicole ihr auf Französisch antwortete: „Dafür ist es jetzt leider zu spät, Madame. Aber machen Sie sich keine Sorgen, es wird schon alles gut gehen.“

„Sie sprechen Französisch“, erwiderte die Französin dankbar. „Vielleicht ist das ein gutes Zeichen. Es beruhigt mich. Wissen Sie, ich habe solche Flugangst, ich weiß gar nicht, wieso ich mich zu dieser Reise habe überreden lassen. Nächstes Mal kann meine Freundin zu mir nach Lyon kommen, das schwöre ich.“

Nicole musste lächeln. „Leben Sie in Lyon?“

Die Frau nickte. „Oh ja, ich habe fast mein ganzes Leben dort verbracht. Und Sie? Ich dachte ja erst, dass Sie Engländerin sind, Mademoiselle, doch so perfekt, wie Ihr Französisch ist …“

„Oh, das bin ich. Aber meine Mutter stammt aus Le Havre und hat immer Französisch mit mir gesprochen. Ich heiße Nicole, Nicole Fairfax.“

„Denise Marchand“, murmelte die Frau.

Nicole spürte, dass Denise nicht bei der Sache war, sondern sich zusehends mehr verkrampfte. Ich sollte sie ein bisschen ablenken, damit sie sich nicht so auf ihre Flugangst konzentriert. „Sagen Sie … wenn Sie aus Lyon kommen, dann kennen Sie doch sicher das Kaufhaus ‚Merveilles‘, oder?“

„Natürlich, das ist einer der luxuriösesten Shoppingtempel, die es gibt“, rief die Dame begeistert. „So wie Ihr Harrods in London. Alles nur vom Feinsten. Warum fragen Sie? Möchten Sie dort einkaufen, wenn Sie in der Stadt sind?“

„Eher im Gegenteil.“ Nicole schmunzelte. „Ich möchte denen etwas verkaufen, wissen Sie.“

„Verkaufen?“ Das Gesicht ihrer Nachbarin war ein großes Fragezeichen. „Wie soll ich das verstehen?“

„Nun, ich arbeite für die Londoner Modeschöpferin Barbara Banks“, erklärte Nicole. „In meinem Koffer befinden sich die besten Stücke der nächsten Sommerkollektion. Ich fliege nach Lyon, weil ich den Einkäufer des Hauses überzeugen möchte, diese Kollektion in sein Angebot aufzunehmen.“

„Das ist ja spannend“, rief Denise. Sie musterte ihre Gesprächspartnerin genauer. „Das Kostüm, das Sie tragen – stammt das auch aus dieser Kollektion? Das steht Ihnen nämlich sehr gut.“

„Nicht direkt“, erwiderte Nicole. „Das habe ich für mich entworfen und genäht. Aber wenn ich die Leute von ‚Merveilles‘ überzeugen kann, werde ich im Atelier mehr Mitspracherecht haben, und dann wird es auch solche Kostüme bei uns geben.“ Und wenn nicht, fügte sie in Gedanken hinzu, stehe ich auf der Straße. Es hängt alles von Raoul de Montignacs Entscheidung ab.

„Ich drücke Ihnen die Daumen“, rief Denise aus. Ihr Blick glitt seitwärts zum Fenster. „Das gibt’s ja nicht! Wir sind schon in den Wolken, und ich habe es nicht gemerkt.“

„Dann hat mein Ablenkungsmanöver offensichtlich geklappt.“ Nicole freute sich.

Denise sah sie überrascht an. „Das haben Sie geplant? Ach, Sie sind ein Engel! Ich wünschte, Sie würden im Flugzeug immer neben mir sitzen.“

Nicole lachte. „Und ich dachte, Sie wollten überhaupt nicht mehr fliegen.“

„Ach, wissen Sie“, erwiderte Denise augenzwinkernd, „wenn Sie dabei sind, würde ich es mir noch mal überlegen.“

Jérôme de Montignac schritt ungeduldig in der Empfangshalle der Lyoner Firmenzentrale auf und ab. Wo blieb sie nur? Sie hatten vierzehn Uhr ausgemacht. Erneut blickte er auf die Uhr. Schon zehn Minuten zu spät. Er hasste Unpünktlichkeit grundsätzlich, aber in diesem Fall störte es ihn ganz besonders, dass man ihn warten ließ.

Vermutlich hatte es damit zu tun, dass er sich nach wie vor nicht sicher war, ob es eine gute Idee war, die Dienste von Madame Sylvies Agentur in Anspruch zu nehmen. Vielleicht hätte er einfach seine Schwester anrufen und irgendeinen Vorwand erfinden sollen, weshalb er ohne Begleitung zu ihrer Hochzeit kam. Oder er hätte vorgeben können, einen Termin in New York zu haben, der sich absolut nicht verschieben ließ. Aber dann wäre Désirée sicher sehr enttäuscht gewesen, denn ihr war wichtig, dass ihre gesamte Familie bei ihrem großen Tag dabei war.

Und wenn er einfach die Wahrheit …? Nein. Er würde bei seinem Plan bleiben, denn gerade hielt draußen ein Taxi, dem eine hochgewachsene, schlanke Frau entstieg. Sie trug ein raffiniert geschnittenes Kostüm, das ihre Figur vorteilhaft betonte, und hatte das kastanienrote Haar zu einem strengen Knoten im Nacken zusammengesteckt.

Jérôme runzelte überrascht die Stirn. Hatte er Madame Sylvie nicht erklärt, sie sollte ihm eine dunkelhaarige Begleiterin schicken? Nun, jetzt war es zu spät, um das zu reklamieren. Der Taxifahrer hob einen großen rosafarbenen Schalenkoffer aus dem Kofferraum, den die Frau durch die sich automatisch öffnende Eingangstür ins Foyer zog. Ihre Pumps klapperten im Takt zum Abrollgeräusch über den Marmorboden.

„Sie sind spät dran“, entfuhr es ihm. „Ich warte bereits auf Sie.“

Die Frau warf ihm einen forschenden Blick zu. Ihre Augen waren von einem leuchtenden Grün. Sie sah kein bisschen aus wie Chantal. Dabei hatte er die Agentur doch extra gebeten, ihm eine Escort-Dame zu schicken, die ein ähnliches Äußeres hatte.

„Monsieur de Montignac?“

„Der bin ich.“

„Es tut mir aufrichtig leid wegen meiner Verspätung!“, versicherte sie mit bedauerndem Lächeln. „Ich habe dem Taxifahrer eine Prämie angeboten, wenn er schneller fährt, doch der Stau in der Stadt war nicht zu umgehen.“

„Ich weiß, was Freitagmittag in Lyon für ein Verkehr ist“, erwiderte er brummig. „Aber nun sind Sie ja da. Kommen Sie, dann kann es endlich losgehen.“

Für den Bruchteil einer Sekunde wirkte sie überrascht, dann packte sie den Koffergriff fester.

„Natürlich. Sehr gern.“

Jérôme ging zu den Aufzügen und drückte den Knopf. Die Tür einer Kabine öffnete sich geräuschlos, und er machte eine einladende Handbewegung. „Bitte nach Ihnen.“

Die Frau rollte ihren Koffer in den Lift. Vermutlich dachte sie, er würde nicht bemerken, wie sie einen kurzen prüfenden Blick in den Spiegel warf. Aber natürlich, sie war eine Frau, deren Kapital ihr gutes Aussehen war. Und davon hatte sie in der Tat reichlich, musste er zugeben. Diese Haarfarbe, die im künstlichen Licht des Fahrstuhls wie Kupfer glänzte, die ausdrucksvollen grünen Augen, sogar die Sommersprossen auf ihrer Nase passten dazu … Er war überrascht, dass sie die nicht überschminkt hatte.

Wenn sie jetzt noch die passenden Umgangsformen an den Tag legte und in der Lage war, angemessen Konversation zu machen, dann würde er sich nicht mit ihr blamieren. Er trat zu ihr in die Kabine und drückte den Knopf für das zweite Untergeschoss.

Ihre Augen weiteten sich in Verwunderung. „Es geht nach unten?“

„Mein Auto steht nun mal in der Tiefgarage“, entgegnete er trocken. „Das ist praktischer, als es mit in den siebzehnten Stock zu nehmen.“

„In der Tat“, bemerkte sie.

Ein Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Ihre Lippen teilten sich, und zwei Reihen ebenmäßiger Zähne erschienen, was sie noch attraktiver wirken ließ.

„Die ganze Sache findet also gar nicht hier statt?“

„Oh nein, es sollte schon ein bisschen mehr Stil haben“, erklärte er.

„Wie schön. Dann lasse ich mich mal überraschen.“

Charmant und attraktiv war sie, stellte Jérôme erleichtert fest. Es schien, als ob Madame Sylvies Agentur ihr Geld doch wert wäre. Der Fahrstuhl hielt an, und er ging vor ihr her zu seinem Wagen.

Die Frau folgte ihm, blieb dann jedoch verblüfft stehen. „Das ist Ihr Auto?“

Jérôme nickte. „Ein 93er Renault Alpine A610 Turbo. Unter der Haube steckt ein 3-Liter-V6-Motor und 250 PS.“ Er wusste nicht, ob sie sich für solche Details interessierte, aber weil er sich jedes Mal wieder daran erfreute, zählte er sie gern auf. Er öffnete den Kofferraum und hievte ihr Gepäck hinein.

„Nicht übel.“ Sie nickte. „Ich meine, Porsche fahren kann schließlich jeder, nicht wahr?“

„Sie sagen es. Mein Bruder Raoul fährt schon Porsche, da musste ich mich doch zumindest abheben.“

„Ihr Bruder …“ Ihre Stimme klang etwas zu hoch, als sie ihn jetzt überrascht anstarrte. „Sie wollen damit sagen, Sie sind nicht Raoul de Montignac?“

Er sah sie verständnislos an. Ihre Augen waren erschrocken aufgerissen. Was hatte das zu bedeuten? „Natürlich nicht. Ich bin Jérôme. Aber wenn es Sie tröstet, Sie werden den fabelhaften Raoul bestimmt dieses Wochenende kennenlernen. Und Charles selbstverständlich auch.“

„Werde ich das?“, wiederholte sie.

Sie klang verzagt.

Du liebe Güte, es könnte mühsam werden mit dieser Frau. Wenigstens hatten sie über zwei Stunden Autofahrt vor sich, in denen er sie ausgiebig auf ihre Rolle an diesem Wochenende vorbereiten wollte. „Sie können einsteigen“, erklärte er ihr und sah ungläubig zu, wie sie auf die linke Seite des Autos zusteuerte. „Möchten Sie fahren?“

Sie zuckte zusammen. „Oh nein, lieber nicht. Aber wissen Sie, ich komme gerade aus London, und …“

„Verstehe.“ Er wartete, bis sie auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatte, und setzte sich dann ans Steuer. „London? Ich muss schon sagen, Sie kommen ja ganz schön rum.“

„Es ist nicht immer so glamourös, wie es sich anhört“, sagte sie müde, während sie sich anschnallte. „Aber wenn wir schon dabei sind – wohin fahren wir eigentlich?“

„Nach Avignon“, antwortete Jérôme. „Zur Hochzeit meiner Schwester.“

2. KAPITEL

Für einen Augenblick war Nicole wie gelähmt. In welch schräge Posse war sie da geraten? Nicht nur, dass sie fast drei Stunden zu spät in Lyon angekommen war, jetzt saß sie auch noch – hungrig und erschöpft – mit dem falschen Montignac-Bruder in dessen Sportwagen, um mit ihm an einer Familienfeier teilzunehmen, mit der sie rein gar nichts zu tun hatte. So etwas passierte also, wenn man versuchte, in letzter Minute persönlich seine Entwürfe für die Begutachtung des Kunden abzuliefern, statt sie rechtzeitig mit einem Kurierdienst zu schicken. Dabei müsste Barbara das Verfahren eigentlich kennen, denn sie bemühte sich schon seit mehreren Jahren, ihre Modelle wieder bei dieser Kaufhaus-Kette unterzubringen.

Wie sollte sie dem Mann neben ihr bloß beibringen, dass hier irgendwas absolut schiefgelaufen war?

Nicole warf einen vorsichtigen Blick nach links, wo er mit knappen, gezielten Bewegungen den Motor startete, sehr konzentriert das Auto aus der Parklücke lenkte und aus der Tiefgarage fuhr.

Eigentlich war er nicht ihr Typ, ein wenig zu schön mit seinen schwarzen Haaren, dem gebräunten Gesicht mit der klassischen Nase, den breiten Schultern in einem dunklen Anzug über einem weißen Oberhemd. Alles an ihm schrie quasi „Playboy“, wenn auch das typische Halskettchen fehlte sowie die protzige Rolex am Handgelenk.

Ihr Blick war durch die jahrelange Tätigkeit in der Modeindustrie für diese Art von Understatement geschärft. Sie wusste, dass sein Anzug nicht von der Stange war und seine Lederschuhe in einer Preisklasse lagen, mit der sie ihr Flugticket hätte bezahlen können. Businessclass natürlich. Aber auf seltsame Art fühlte sie sich zu ihm hingezogen.

Da war etwas in seinem Blick gewesen, das nicht zu seinem selbstsicheren, coolen Verhalten passte, das er an den Tag legte. Als er von seinen Brüdern sprach, hatte er das in einem ironischen Tonfall getan, der ihr nicht fremd war. Genauso redete sie ihren früheren Studienkollegen gegenüber, wenn es darum ging, dass sie immer noch nicht die berufliche Anerkennung als Chefdesignerin bei Barbara Banks erreicht hatte, die sie anstrebte. Den Erfolg, für den sie den Vertrag mit Raoul de Montignac brauchte.

Ja, vor fünf Jahren war Barbara die Einzige gewesen, die ihr eine Chance gegeben hatte, als sie wegen der Krankheit ihrer Mutter nach ihrem Design-Studium nicht in Vollzeit arbeiten konnte. Aber ihre Chefin ließ sie durch ihre herrische Art auch immer wieder spüren, welche Dankbarkeit sie ihr schuldete. Nicole war jetzt achtundzwanzig und im Vergleich zu ihren Kollegen nicht wirklich weitergekommen – ihre ganze Hoffnung ruhte auf diesem Vertrag, den sie mit der Kollektion zu ergattern hoffte.

Der Stop-and-go-Verkehr in der Stadt hatte sich nicht gebessert, daher kamen sie nur langsam voran.

„Wir könnten ja schon mal mit dem Briefing anfangen“, sagte Jérôme. Er griff in seine Hemdtasche und reichte ihr einen zusammengefalteten Zettel. „Hier stehen die wichtigsten Stichworte drauf, also bitte nicht irgendwo herumliegen lassen. Du bist ab jetzt Chantal – ich denke, wir sollten uns ab sofort duzen – und arbeitest als Redakteurin bei der Modezeitschrift ‚Tendence‘. Wir haben uns letztes Jahr kennengelernt, als du mich interviewt hast. Ich hoffe, du kannst dir alles merken und deine Rolle an diesem Wochenende entsprechend spielen. Madame Sylvie meinte, es wäre kein Problem, ihre Mädchen machten das ständig.“

In was für einem Paralleluniversum befand sie sich gerade? Er nahm sie mit zur Hochzeit seiner Schwester, damit sie sich dort als seine Freundin ausgab? Glaubte er wirklich, sie wäre über die berühmte Escort-Agentur zu ihm gekommen?

Wieder einmal mussten sie vor einer roten Ampel anhalten, und Jérôme griff in seine Jackentasche. Er drückte ihr eine kleine Schachtel in die Hand. „Hier. Schau mal, ob der passt.“

Nicole öffnete das Kästchen und erblickte einen Smaragdring – das schönste Schmuckstück, das sie je gesehen hatte. Der große rechteckige Stein wurde von einer schlichten Goldfassung gehalten. Unwillkürlich schob sie ihn über ihren Finger – er saß wie für sie gemacht.

„Na, da haben wir ja Glück“, sagte Jérôme zufrieden.

Nicole starrte den Ring an. „Aber ich kann nicht … ich meine, der ist viel zu wertvoll …“, stotterte sie. „Angenommen, ich verliere ihn …“

„Hör mal, das ist nur eine Leihgabe“, betonte er und bog ab, um einem Wegweiser zur Autobahn Richtung Süden zu folgen. „Und wenn er gut sitzt, dann ist doch wohl die Gefahr gering, ihn zu verlieren, oder? Du musst ihn nur zu den offiziellen Gelegenheiten anstecken, denn meine Familie erwartet garantiert, dass du als meine Freundin den Ring trägst, den ich von meiner Großmutter geerbt habe.“

Nicole schluckte. Was würde geschehen, wenn sie das Missverständnis aufklärte? Würde er am Bürgersteig anhalten und sie rauswerfen, oder hätte er zumindest den Anstand, sie zum nächsten Bahnhof zu bringen, damit sie mitsamt ihrem Koffer wieder in Richtung London fahren konnte? Der Koffer mit der neuen Sommerkollektion, mit ihren Träumen und Hoffnungen, jetzt völlig überflüssig und nutzlos.

Oder vielleicht auch nicht? Raoul de Montignac würde schließlich an diesem Wochenende ebenfalls da sein. Er hätte die Gelegenheit, die Entwürfe vorurteilsfrei an ihr zu sehen. Sie könnte ihn nach seiner Meinung befragen, und wenn sie positiv ausfiel, hätte sie zumindest die Möglichkeit, ihn irgendwann für ein Vieraugengespräch beiseitezunehmen und ihm die Wahrheit zu sagen. Sie kannte genug dieser Geschäftsmänner aus der Modebranche, um die berechtigte Hoffnung zu hegen, dass er sie nicht achtkantig rauswerfen würde. Nein, wenn ihm die Kollektion gefiel, würde er nicht zögern, vielleicht würde er seine Marge ein wenig höher ansetzen, aber auf jeden Fall würde er zugreifen.

Dies war ihre Chance, begriff sie. Wenn sie Jérôme die Wahrheit sagte, wäre es aus. Dann wäre Barbaras Atelier pleite und sie arbeitslos. Sie stände vor dem Nichts.

Nicole traf eine Entscheidung. Sie würde sein Spiel vorläufig mitspielen. Wie sie es sah, konnten dabei alle nur gewinnen.

Entschlossen wandte sie sich dem Mann am Steuer zu und sagte: „Erzähl mir mehr über dich. Ich muss ja Details kennen. Wieso habe ich dich denn interviewt?“

Bereitwillig begann Jérôme, der falschen Chantal – ihren richtigen Namen wollte er gar nicht wissen – aus seinem Leben zu erzählen. Die Kaufhaus-Kette Merveilles war der Dreh- und Angelpunkt im Leben der Familie Montignac. Seine beiden älteren Brüder waren längst da tätig, als es um seine eigene Berufsentscheidung ging. Er beschrieb, wie er zunächst in verschiedenen Abteilungen der Firma gearbeitet hatte, ohne sich dort wirklich am richtigen Platz zu fühlen. Bis er begriff, dass der Gruppe etwas Wichtiges fehlte, um fit für die Zukunft zu sein: ein Online-Shop.

„Aber nicht einfach nur die Möglichkeit, unsere Waren auch über das Internet zu kaufen“, betonte er. „Ich wollte den Kunden ein völlig anderes Shopping-Erlebnis im digitalen Raum bieten.“

Sie hörte ihm interessiert zu. „Ich vermute, es war ein ganz schönes Stück Arbeit, deine Familie davon zu überzeugen.“

„Allerdings“, antwortete er überrascht. „Aber wie kommst du darauf?“

„Weil es schwer ist, Veränderungen durchzuführen, wenn die anderen schon so lange im Geschäft sind. Da gibt es doch bestimmt oft Sprüche wie: ‚Das war aber immer so‘. Oder: ‚Das haben wir noch nie so gemacht‘. Oder nicht?“

Jérôme lachte. „Das hört sich fast an, als wärst du dabei gewesen. Hast du etwa auch Erfahrung mit solchen Familiengeschichten?“

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