Leidenschaftliche Rache auf Ravenham Hall

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Als Will Lovell, der neue Marquis von Ravenham, einen Experten sucht, um die Antiquitäten auf seinem geerbten Anwesen zu katalogisieren, wittert Katherine ihre Chance auf Vergeltung. Sie ist verzweifelt auf der Suche nach dem Borgia-Rubin. Einst hat Wills Familie ihrem Vater das wertvolle Schmuckstück gestohlen und ihn dadurch in den Ruin getrieben! Doch während sie als Bibliothekarin getarnt Ravenham Hall durchsucht, fühlt sie sich ungewollt immer stärker zu Will hingezogen. Gegen jede Vernunft setzt sie mit einem Flirt bald mehr als nur ihren heimlichen Racheplan aufs Spiel …


  • Erscheinungstag 23.06.2026
  • Bandnummer 456
  • ISBN / Artikelnummer 0814260456
  • Seitenanzahl 256

Leseprobe

Louise Allen

Leidenschaftliche Rache auf Ravenham Hall

1. KAPITEL

Ravenham Hall, Hertfordshire – 5. September 1815

„Aber Sie sind eine Frau“, rief der Marquis von Ravenham.

„Ja, Mylord.“ Die schlanke Gestalt vor ihm machte einen kaum sichtbaren Knicks. In ihrem Gesicht regte sich nichts, aber er konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie sich über ihn amüsierte.

„Ich will keine Frau …“, setzte Will an, verstummte jedoch augenblicklich, als ihm bewusst wurde, was er da gerade gesagt hatte.

Diesmal gab es keinen Zweifel: Sie lachte ihn aus.

Eine Woche zuvor

„Es muss etwas geschehen. Ich kann diese Unordnung nicht ertragen“, stellte der neue Marquis von Ravenham entschieden fest. „Mir war nicht klar, dass die Sammelleidenschaft meines verstorbenen Cousins derart außer Kontrolle geraten war. Das ist doch nicht normal.“

Er machte eine ausholende Geste und ließ den Blick durch den Ballsaal von Ravenham Hall schweifen, in dem so viele Statuen herumstanden, dass man einen ganzen Park damit hätte ausstatten können. Dazwischen stapelten sich Kisten, von denen einige geöffnet waren, Stroh quoll aus ihnen heraus.

„Das ganze Haus ist eine einzige Rumpelkammer, alles voller Gemälde, Kisten und irgendwelcher Kuriositäten. Um durch die Bibliothek zu kommen, muss man erst die Trampelpfade zwischen den Bücherstapeln finden.“ Allein der bloße Anblick erschöpfte ihn. „Es kommt einem vor wie eine Mischung aus einem orientalischen Basar und dem Dachboden eines Wahnsinnigen, nicht wie das Zuhause eines Adligen.“

Arnley, sein Hausverwalter, räusperte sich verlegen. „Ich fürchte, seiner Lordschaft ist seine Sammelleidenschaft in den letzten Jahren etwas entglitten, Mylord. Mr. Townsend, sein Sekretär, war mit der Situation derart überfordert, dass er schon vor anderthalb Jahren seinen Posten aufgegeben hat. Seitdem ist es nur noch schlimmer geworden. Seine Lordschaft schien einzig und allein darauf fixiert zu sein, Dinge zu erwerben. Sobald er sie besaß, verlor er jedes Interesse an ihnen. Ich glaube, er hatte durchaus ein System, um einen Überblick über seine Käufe zu behalten, aber wie das aussah …“ Er verstummte betrübt. „In letzter Zeit wurde er immer verschlossener. Besucher durften nur noch den Salon, das Speisezimmer und sein Arbeitszimmer betreten.“

Das erklärte auch, warum der neue Marquis von Ravenham keinerlei Vorstellung davon gehabt hatte, wie es tatsächlich um sein Erbe stand. Will Lovell war Rechtsanwalt und ein Großcousin des verstorbenen Marquis, dem er einen beachtlichen Teil seines Einkommens verdankt hatte. Ihre Besprechungen hatten stets ausschließlich im Arbeitszimmer stattgefunden, und man hatte ihm jedes Mal zu verstehen gegeben, dass er nicht länger als nötig bleiben würde.

Der kürzlich verstorbene Randolph hatte ein Gerichtsverfahren nach dem anderen angestrengt und dafür regelmäßig Wills juristische Dienste in Anspruch genommen. Ob es sich nun um einen Nachbarn handelte, der unrechtmäßig seine Ländereien betrat, einen säumigen Pächter, einen betrügerischen Händler oder gar eine drohende Verleumdung, Randolph hatte jeden Fall mit unerbittlicher Entschlossenheit ausgefochten.

Da er das Oberhaupt der Familie war, schuldete Will ihm Respekt. Da Randolph auch für seine Ausbildung und sein Jurastudium aufgekommen war, schuldete er ihm zudem seine Loyalität. Und zu guter Letzt versorgte Randolph ihn stets mit reizvollen Fällen, in die sich Will mit großem Vergnügen verbiss. Deswegen hatte er ihm auch gerne seine volle Aufmerksamkeit geschenkt.

Der verstorbene Lord Ravenham war ohne Zweifel immer ein Exzentriker gewesen. Seine einzigen Leidenschaften galten Altertümern und Pferden. Letztere waren ihm schließlich zum Verhängnis geworden, als sein Zweispänner bei einem Curricle-Rennen mit dem seines ersten Erben zusammenstieß und beide ums Leben kamen.

Will hatte nie damit gerechnet selbst etwas zu erben. Randolph war nach seiner kinderlosen ersten Ehe noch jung genug gewesen, um erneut zu heiraten. Und selbst wenn nicht, eigentlich war sein direkter Cousin als Erbe eingesetzt. Der war bereits verheiratet gewesen, Vater von zwei Töchtern, und hatte noch ausreichend Zeit gehabt, selbst einen Sohn zu zeugen. Will war nur der Großcousin. Die einzige familiäre Verbindung zu Randolph bestand in einem gemeinsamen Urgroßvater.

„Ich glaube, Mylord, hier wird ein Bibliothekar nötig sein. Außerdem brauchen Sie jemanden, der Sie bei den Altertümern und Antiquitäten beraten kann, und einen Sekretär“, merkte Arnley an, nachdem sie eine weitere Minute nachdenklich schweigend das Durcheinander betrachtet hatten. „Ich werde mich augenblicklich darum kümmern.“

„Tun Sie das“, entgegnete Will knapp.

„Mama!“

Katherine Jones kam aufgeregt ins Wohnzimmer gestürmt, in der Hand die aktuelle Ausgabe der Times.

„Er sucht einen Bibliothekar und jemanden, der sich mit Antiquarischem auskennt!“

Ihre Mutter sah von einem kleinen Samtpolster auf, das vor ihr lag. Sie war gerade dabei die Verzierung aus kostbarer Valenciennes-Spitze wieder instand zu setzen. „Von wem sprichst du, Liebes?“ Sie steckte eine weitere Nadel in das feine Gewebe und legte es beiseite.

„Der neue Marquis von Ravenham. Dieses Scheusal von einem Juristen, das Schuld an Papas Ruin ist. Schau, hier, das muss er sein!“

Mrs. Jones nahm die Zeitung und las laut vor:

Gesucht werden ein erfahrener Bibliothekar sowie ein Antiquar mit wissenschaftlicher Ausbildung und umfassender Sachkenntnis. Die Aufgabe besteht vorrangig in der Begutachtung und Katalogisierung einer umfangreichen Sammlung von Büchern und historischen Artefakten aus dem Nachlass eines adligen Gentlemans. Des Weiteren wird um Unterstützung bei der Ordnung oder Veräußerung der Objekte gebeten. Bewerbungen mit vollständigen Angaben und Referenzen sind an Lovell & Foskett, Lincoln’s Inn zu richten.

„Wie kommst du darauf, dass es sich um Lord Ravenham handelt?“

„Sein richtiger Name ist William Lovell. Das muss seine Kanzlei sein! Das ist die Chance, endlich zurückzubekommen, was sein Cousin gestohlen hat, und ihn dafür zur Rechenschaft zu ziehen, dass er Papas Ruf zerstört hat. Ich bewerbe mich auf beide Stellen!“

Ihre Mutter ließ die Zeitung sinken. „Aber … Liebes, er wird doch niemals eine Frau einstellen. Außerdem wird er deinen Namen wiedererkennen. Und überhaupt, was für Referenzen kannst du vorweisen?“

„Er wird mich schon nehmen, sobald er merkt, dass niemand so qualifiziert für die Stellen ist wie ich. Außerdem spart er Geld, wenn er nur eine Person bezahlen muss. Lady Eversholt wird mir ein Empfehlungsschreiben geben, und einige meiner anderen Kundinnen auch. Miss Deben, die Dame von der Bluestocking Society, war begeistert davon, wie ich ihre riesige Bibliothek geordnet habe. Und was den Namen angeht? Ich kann mir einen ausdenken und sie bitten, den zu verwenden.“

Ihre Mutter seufzte und schloss die Augen. „Du bist genauso ungestüm wie dein Vater, und nicht weniger stur. Das gelingt niemals, auch wenn ich es wirklich gerne erleben würde, dass dieser Mann bekommt, was er verdient.“

„Ich auch, das kannst du mir glauben“, sagte Katherine mit düsterem Blick.

Und ich will den Rubin der Borgia zurück, dachte sie leise weiter. Das einzigartige und unschätzbar wertvolle Stück war ihrem Vater zusammen mit seinem guten Namen gestohlen worden. Dieser zweifache Verlust hatte ihn erst in Verzweiflung und schließlich ins Grab gestürzt.

„Eine Bewerbung ist noch übrig, Mylord.“ Giles Wilmott, Wills neuer Sekretär, stand zögernd in der Tür des Arbeitszimmers. „Eine … nun ja, etwas ungewöhnliche Bewerbung, auf beide Stellen.“

Will warf einen Blick in die letzte Bewerbungsmappe, die noch auf dem Schreibtisch lag. „K. A. Jenson, hervorragende Referenzen, das muss man schon sagen. Miss Deben hat eine Musterübersicht ihrer Bibliotheksaufstellung beigelegt, und Lady Eversholts Empfehlung enthält sogar einen Katalog mit der Sammlung von der Grand Tour ihres verstorbenen Gatten, samt Kommentierung und Bewertung. Wirklich beeindruckend. Ich muss gestehen, die anderen Bewerber waren eine einzige Enttäuschung.“

„Führen Sie den Bewerber herein“, sagte Will schließlich.

Wilmott sah aus, als wolle er noch etwas sagen, verneigte sich dann jedoch ohne ein Wort und ging hinaus. Kurz darauf öffnete sich die Tür und der letzte Bewerber trat ein.

Will sprang überrascht auf. „Aber … Sie sind eine Frau!“

„Ja, Mylord.“ Die schlanke Gestalt machte einen kaum sichtbaren Knicks. In ihrem Gesicht regte sich nichts, aber er konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie sich über ihn amüsierte.

„Ich will keine Frau …“, setzte Will an, verstummte jedoch augenblicklich, als ihm bewusst wurde, was er da gerade gesagt hatte.

Diesmal gab es keinen Zweifel: Sie lachte ihn aus, auch wenn sich in ihrem perfekt geformten Gesicht nicht ein Muskel regte. Nur in ihren haselnussbraunen Augen konnte man es erkennen: Sie amüsierte sich.

„Verdammt!“ Es dauerte nur einen Moment, dann fand er seine Beherrschung wieder. „Verzeihen Sie, nehmen Sie bitte Platz, Miss Jenson. Offenbar liegt hier ein Irrtum vor. Ich suche einen Bibliothekar sowie einen Sachverständigen für Altertümer, keine Haushälterin. Sie verstehen?“

„Da haben Sie aber Glück, Mylord, als Haushälterin bin ich nicht zu gebrauchen“, erwiderte sie gelassen. „Wie Sie den Arbeitsproben vor Ihnen auf dem Tisch entnehmen können, liegen meine Talente ganz woanders. Ich verfüge über genau die Kenntnisse und Fähigkeiten, nach denen Sie suchen. Sie liegen sozusagen in der Familie, ich habe alles von meinem Vater gelernt. Ich kann Ihnen auch noch weitere Referenzen vorlegen, wenn Sie das wünschen.“

Als er schwieg, fuhr sie fort: „Ich weiß ungefähr, mit was für einem Problem Sie es zu tun haben. Der verstorbene Marquis war auch in meinen Kreisen für seine Sammelleidenschaft berüchtigt. Ich vermute, das Haus ist bis unter das Dach voll mit den Dingen, die er erworben hat.“

„Genau“, antwortete Will knapp. Es hatte keinen Sinn, die Tatsachen zu verleugnen. „Es herrscht ein völliges Durcheinander.“

Katherine nickte. „Das hatte ich erwartet. Wenn Sie mich nehmen, sparen Sie ein Gehalt. Ich verlange hundert Pfund im Jahr sowie ein einfaches Appartement und Verpflegung für mich, meine Anstandsdame und unser Dienstmädchen.“

„Hundert Pfund im Jahr? Dafür könnte ich ja zwei Butler einstellen, Miss Jenson.“

„Wenn Sie zwei Butler finden, die das Gleiche leisten können wie ich, Mylord, dann stellen Sie sie ein“, sagte sie freundlich herausfordernd und legte die Hände in ihren Schoß.

Aber Will war nicht umsonst ein erfolgreicher Anwalt geworden, so schnell ließ er sich nicht verunsichern. Er lehnte sich zurück, verschränkte die Arme und blickte sie ruhig über den großen Schreibtisch hinweg an. Die meisten Zeugen, mit denen er es zu tun hatte, begannen jetzt unruhig auf ihrem Stuhl hin und her zu rutschen. Sie aber blieb gelassen und erwiderte unbeeindruckt seinen Blick.

„Das hier ist ein Junggesellenhaushalt. Sie wissen sicher, was das für Ihren Ruf bedeuten könnte“, merkte er an. An ihrer Ausdrucksweise und der schlichten, aber geschmackvollen Kleidung konnte man erkennen, dass sie ohne Zweifel eine Dame war.

„Aber ich hätte ja mein Dienstmädchen bei mir. Eine bessere Verteidigung gegen alles, was sich mir in den Weg stellen könnte, gibt es nicht, von liebestollen Dienern bis hin zu Spinnen, sie wird mit allem fertig. Und meine Anstandsdame ist die Witwe eines Geistlichen, ihr Ruf ist tadellos,“ sagte sie und fügte hinzu: „Sie haben eine Haushälterin und Zimmermädchen, nehme ich an?“

„Das ist richtig. Aber bei ihnen handelt es sich um Bedienstete. Sie, Miss Jenson, wären in einer anderen Position, ähnlich wie mein Sekretär. Von meinen engsten Mitarbeitern erwarte ich, dass sie regelmäßig mit mir zu Tisch sitzen. Das würde in dem Fall auch Sie betreffen.“

„Das stellt kein Problem dar. Meine Anstandsdame, Mrs. Downe, ist auch meine Cousine. Sie weiß sich am Tisch eines Adeligen zu benehmen, oder besser an dem eines Erzbischofs, auch wenn ich bezweifle, dass die häufig hier zu Gast sind.“ Als Will nicht reagierte, fuhr sie fort: „Gehe ich richtig in der Annahme, dass man sich im Londoner Stadthaus ebenfalls kaum bewegen kann?“

„Ich wünschte, man könnte sich hier überhaupt irgendwie bewegen, Miss Jenson“, entgegnete Will trocken. „Aber tatsächlich sieht es im Stadthaus nicht ganz so … katastrophal aus. Mein verstorbener Cousin hat sich in den letzten Jahren zurückgezogen und seine Sammelwut vorrangig hier ausgelebt. Kommen Sie einmal mit, ich zeige Ihnen alles. Dann sehen Sie selbst, worauf Sie sich einlassen würden.“ Das dürfte sie abschrecken.

Mit vollendeter Höflichkeit führte sie der Marquis aus dem Zimmer. Doch es war unübersehbar, dass er fest davon ausging, dass Katherine entsetzt kehrtmachen würde, sobald sie sah, was ihr bevorstand.

Das Arbeitszimmer war noch verhältnismäßig ordentlich gewesen. An zwei Wänden standen Regale mit Nachschlagewerken, die offenbar häufig benutzt wurden. Lediglich mehrere römische Büsten, die in einer Reihe auf dem Kaminsims standen, ließen die Obsession des verstorbenen Marquis erahnen. Im Flur standen einige Statuen, und Gemälde hingen an den Wänden, aber das war nicht weiter ungewöhnlich. Es sah aus wie in jedem anderen Haus, dessen Bewohner öfter auf Reisen waren und Souvenirs mitbrachten. Auch das Vorzimmer, in dem sie gewartet hatte, wirkte normal.

Doch je weiter sie sich in die Räume des Erdgeschosses vorarbeiteten, desto unübersehbarer wurde es: Sie betraten eine andere Welt. Hier standen Unmengen an Kisten, eng aneinandergereihte Statuen, geheimnisvolle Schränke mit Dutzenden Schubladen, und an den Wänden lehnten unzählige Gemälde.

Und irgendwo hier musste sich auch der Rubin befinden. Sie war davon ausgegangen, dass sie seine Anwesenheit spüren würde, aber da war nichts. Wahrscheinlich war es reiner Aberglaube gewesen, zu denken, dass dieser Gegenstand, der ihrer Familie so viel Leid zugefügt hatte, sie anziehen würde.

„Was ist Ihnen am wichtigsten, Mylord, womit würde ich anfangen?“

„Mit der Bibliothek“, antwortete er, ohne zu zögern. „Ich möchte eine geordnete Sammlung, in der ich schnell finde, was ich suche.“

Als Jurist musste er natürlich jederzeit Zugriff auf eine Vielzahl von Gesetzesbüchern haben. Nicht selten hing der Ausgang eines Falls davon ab, dass er genau den richtigen Band im richtigen Moment zur Hand hatte. Ordnung und Informationen waren für ihn entscheidend.

„Und welchem Ordnungsprinzip soll die Aufstellung ihrer Bibliothek folgen?“

„Einem logischen“, erwiderte er irritiert, als hätte sie eine absurde Frage gestellt.

„Es könnte sein, dass wir nicht die gleiche Vorstellung von Logik haben, Mylord.“

„Davon gehe ich mit ziemlicher Sicherheit aus“, entgegnete er in einem Ton, an dem man deutlich erkannte, was er von ihr dachte.

Katherine schnitt eine Grimasse hinter seinem Rücken. Was für ein unerträglicher Mensch. Aber das wusste sie längst. Er war ein rücksichtsloser Kerl, der nicht zögerte, einen Mann fertigzumachen, einfach weil sein Herr und Meister es so wollte.

Rücksichtslos, aber gut aussehend, das musste sie zugeben. Auch wenn man ihn wütend anstarrte, war er trotzdem kein schlechter Anblick: Groß, mit dunklen Haaren, und, dem flachen Bauch und den schmalen Hüften nach zu urteilen, ein Mann, der auf sich achtgab, keiner jedenfalls, der stundenlang vornübergebeugt über Gesetzestexten brütete oder sich bei den Abendessen in den ehrwürdigen Anwaltsklubs von London den Bauch vollschlug.

Der Marquis öffnete eine Tür und wandte sich dabei zu ihr, um sie eintreten zu lassen. Schnell wich sie dem Blick seiner durchdringenden dunkelblauen Augen aus. Er war aufmerksam und würde Abneigung sofort erkennen, wenn man sie ihm offen zeigte.

„Was für ein beeindruckender Raum!“ Sie brauchte keinen Vorwand, um sich von ihm zu entfernen. Die Bibliothek war bewundernswert, zumindest wenn man von ihrem erbarmungswürdigen Zustand absah.

Katherine musste jetzt das Heft in die Hand nehmen und ihm zeigen, dass sie sich auskannte, bevor er sich entschloss, sie wieder hinauszukomplimentieren.

„Ich würde als Erstes sämtliche Bände nach Sachgebieten und Autoren ordnen und zu beiden Kategorien Kataloge anlegen. Damit können Sie dann entscheiden, was sie behalten möchten und was entsorgt werden soll. Währenddessen würde ich sauber machen und ein paar kleinere Reparaturen vornehmen, außerdem würde ich den Wert der Bibliothek schätzen. Ich benötige Dienstmädchen, die Staub wischen, Diener, die mir bei schweren Sachen helfen, sowie Leitern und große Tische, auf denen ich alles ausbreiten und sortieren kann.“

Sie hatte den richtigen Ton getroffen, das spürte Katherine sofort. Genau das war es, was er brauchte, auch wenn er es selbst nicht in Worte gefasst hatte. Und er war in der Lage, sein Vorgehen augenblicklich an eine Situation anzupassen, wenn es zu seinem Vorteil war.

„Einverstanden“, sagte Will. „Sie arbeiten für einen Monat auf Probe, zu Ihren Bedingungen, dann sehen wir weiter.“

„Ich danke Ihnen, Mylord. Wie sieht es mit dem Londoner Stadthaus und etwaigen weiteren Anwesen aus?“

„Eins nach dem anderen. Ich muss mich erst einmal hier um die Geschäfte kümmern.“ Für einen Augenblick meinte sie, Erschöpfung in seinem Blick zu erkennen, dann lächelte er müde „Die Bibliothek ist nicht das Einzige, was Aufmerksamkeit benötigt. Wann können Sie anfangen?“

„Heute Nachmittag schon, Mylord. Mrs. Downe, mein Dienstmädchen Jeannie und mein Gepäck warten im Wagen vor dem Haus.“

Er zog eine Augenbraue hoch, so lässig und selbstgefällig, dass sie ihm seine Arroganz am liebsten aus dem Gesicht gefegt hätte. „Sie waren sich Ihrer Sache aber sehr sicher, Miss Jenson.“

„Ich reise grundsätzlich nicht ohne Anstandsdame und Dienstmädchen. Hätten Sie mich widererwartend nicht angestellt, wäre lediglich etwas Zeit fürs Packen verloren gegangen. Wenn Ihre Haushälterin uns unsere Unterkunft zeigen und uns mit einem kleinen Lunch versorgen könnte, fange ich noch heute Nachmittag mit der Arbeit an.“

Lord Ravenham musterte sie einen Moment lang. „Sind Sie einfach nur selbstsicher oder überheblich? Nun, wir werden sehen. Kommen Sie, Miss Jenson.“

Katherine folgte ihm, wobei sie nicht einmal versuchte, mit ihm Schritt zu halten. Sie verbarg ein Lächeln, als er bemerkte, dass er sie verloren hatte, und mit versteinerter Miene durch die verwinkelten Gänge zurückkam. Es würde eine Weile dauern, bis Seine Lordschaft verstanden hätte, dass sie nicht nach seiner Pfeife tanzen würde. Aber sie musste dafür sorgen, dass sie unverzichtbar für ihn wurde, bevor sie ihn zu sehr reizte.

Als sie den langen Flur erreichten, warteten zwei Männer auf sie. Einen von ihnen kannte sie bereits.

„Miss Jenson, das sind Mr. Wilmott, mein Sekretär, und Arnley, mein Verwalter. Arnley, Miss Jenson, ihre Begleitung und ihr Dienstmädchen benötigen eine Unterkunft. Ein kleines Appartement mit zwei Schlafzimmern, einem Ankleidezimmer mit Bett für das Dienstmädchen und einem Salon dürfte genügen … falls Sie solche Räumlichkeiten in diesem Durcheinander finden können. Außerdem sollen die Damen ein kleines Mittagessen bekommen. Sagen Sie also bitte Cook und Mrs. Goodman Bescheid“, wies Lord Ravenham an und fügte an Katherine gerichtet hinzu: „Mrs. Goodman ist meine Haushälterin.“

Dann wandte er sich wieder an die beiden Männer: „Miss Jenson wird heute Nachmittag mit der Arbeit in der Bibliothek beginnen. Ich bin sicher, sie wird keine Mühe haben, Ihnen mitzuteilen, was sie benötigt.“ Damit marschierte er in Richtung des Arbeitszimmers davon.

Katherine erwiderte den fragenden Blick des Sekretärs mit einem freundlichen Lächeln. „Mr. Wilmott.“

„Miss Jenson, wenn Sie mir bitte folgen würden, ich stelle Sie Mrs. Goodman vor.“

„Vielen Dank. Wäre es außerdem möglich, dass sich jemand um meine Begleiterin und mein Dienstmädchen kümmert und unser Gepäck aus der Kutsche holt?“

„Selbstverständlich.“ Mr. Arnley verneigte sich knapp und verschwand eilig.

Mr. Wilmott zögerte kurz, dann sagte er: „Sie werden sich schnell an Mylords Art gewöhnen. Er führt gerne ein strenges Regiment, wie man beim Militär sagt, und der Zustand des Hauses entspricht ganz und gar nicht seinen Vorstellungen davon.“

„Machen Sie sich um mich keine Sorgen, Mr. Wilmott. Ich bin ebenso daran gewöhnt, Ordnung zu schaffen, wie Lord Ravenham daran, sie zu verwalten.“

Und genauso stur bin sowieso, fügte sie in Gedanken dazu, während der Sekretär ihr den Weg wies.

Eine knappe Stunde später, nach einem angenehmen Mittagessen, stand Katherine mit ihrer Cousine Elspeth Downe und dem Dienstmädchen Jeannie in dem Appartement, das man ihnen zugewiesen hatte, und begutachtete die Räumlichkeiten.

„Ich bezweifle, dass hier in den letzten Jahren auch nur ein Finger gerührt wurde“, bemerkte Elspeth und musterte kritisch die ausgebleichten weinroten Vorhänge.

„Immerhin ist es sauber“, stellte Jeannie fest und strich mit dem Finger über den Tisch im Salon. „Und es wurde gelüftet.“

„Wahrscheinlich war die Haushälterin froh, überhaupt ein paar Zimmer zu finden, die sie putzen konnte“, sagte Elspeth mit einem verächtlichen Lachen. „Es muss sich anfühlen, als würde man in einem schlecht sortierten Museum leben. Habe ich das eigentlich richtig gesehen? Waren das nicht sogar Särge auf dem ersten Treppenabsatz?“

„Sarkophage“, erwiderte Katherine, schob die schweren Vorhänge beiseite und öffnete das Fenster. „Aus dem Alten Ägypten.“

Sie beschloss für sich zu behalten, dass sich in den Sarkophagen möglicherweise die Überreste von Mumien befanden. Sonst könnte sich Lord Ravenham auf einen Vortrag der Dekanswitwe darüber gefasst machen, wie unangemessen es sei, Tote nicht zu bestatten.

Jeannie ging hinüber, um den Zimmermädchen beim Beziehen der Betten zu helfen, Elspeth ließ sich in einen der Lehnstühle sinken. „Angenehm“, räumte sie ein. „Angenehmer jedenfalls als du Lord Ravenham das Leben machen wirst, nehme ich an?“

Elspeth wusste, dass der Marquis für den Ansehensverlust von Katherines Vater verantwortlich war, ohne, dass sie die Umstände kannte. Was genau geschehen war, hatten Katherine und ihre Mutter ihr nie erklären können. Trotzdem hatte sie, nachdem sie pflichtschuldig auf die Tugend der Vergebung hingewiesen hatte, zugegeben, dass der Marquis durchaus für sein Handeln geradestehen sollte.

Katherine wusste, dass sie Elspeth früher oder später die ganze Geschichte erzählen müsste, um zu erklären, warum sie dankbar wäre, wenn Elspeth ihre Pflichten als Anstandsdame großzügig auslegen würde.

„Keineswegs werde ich ihm das Leben unangenehm machen“, entgegnete Katherine und sah aus dem Fenster. Draußen im Park ritt eine schwarz gekleidete Gestalt auf einem Schimmel im leichten Galopp. „Ich habe fest vor, so liebenswürdig wie möglich zu sein und mich unentbehrlich zu machen, um Ravenham in dem Glauben zu lassen, ich sei nichts weiter als ein harmloser Bestandteil seines Haushalts.“

Bis ich der Meinung bin, dass es an der Zeit ist, dass er bekommt, was er verdient.

2. KAPITEL

Katherine stand mitten in der Bibliothek und gab Dienern Anweisungen, die in all dem Durcheinander mühsam versuchten, drei große Tische in einer geraden Linie aufzustellen. Ein anderer hatte eine Leiter mit Rollen an das erste Regal gelehnt und reichte Bücher nach unten zu einem Gehilfen. Der wiederum trug die Bände zu einem Schreibtisch, auf dem Katherine Notizbücher, Karteikarten, Bleistifte, Tinte und Feder und farbige Zettel vorbereitet hatte.

Ein Hausmädchen betrat die Bibliothek und machte einen Knicks.

„Ich bräuchte einige saubere Tücher“, sagte Katherine. „Zum Abstauben. Wenn Sie so gut wären.“

„Sehr gern, Miss. Ich soll Ihnen von Mrs. Goodman ausrichten, dass Seine Lordschaft Sie und Mrs. Downe heute Abend zum Dinner erwartet. Um acht Uhr, Miss.“

„Selbstverständlich, gerne. Richten Sie bitte Mrs. Goodman meinen Dank aus und sagen Sie Mrs. Downe Bescheid, aber vorher bringen Sie mir bitte die Tücher.“

Katherine setze sich an das Kopfende der Tische, platzierte eine kleine Reiseuhr vor sich und stellte sie so ein, dass sie immer zur vollen Stunde schlug. Sie kannte sich und wusste, wie schnell sie die Zeit vergaß, wenn sie sich einmal in ihre Arbeit vertieft hatte. Doch heute Abend würde sie pünktlich zum Dinner erscheinen und dabei das perfekte Bild einer unscheinbaren und höflichen Bibliothekarin abgeben.

Sie hatte bereits Etiketten vorbereitet – Religion, Philosophie, Naturphilosophie, Geschichte und so weiter –, die sie einem der Diener gab, die gerade mit den Tischen fertig waren. „Legen Sie die Etiketten bitte in dieser Reihenfolge an der Tischkante entlang. Danach räumen Sie bitte das erste Regalfach aus, damit die Mädchen sauber machen können.“

Sie nahm das nächstbeste Buch, befreite es von der Staubschicht und schlug es auf. Das erste von mehreren tausend. Wäre da nicht der eigentliche Grund für ihre Anwesenheit in Ravenham Hall, sie würde sich glatt wohlfühlen.

Um halb acht betrat Katherine gemeinsam mit Elspeth den Salon. Sie trug ein Kleid aus dunkelblauer Seide, das um den Hals und an den Armen mit schlichter Spitze verziert war. Ihr kastanienbraunes Haar hatte sie hochgesteckt. Ihr Schmuck war auf den ersten Blick unauffällig, Ohrringe mit Kamee-Gravuren, um den Hals ein passendes Medaillon und außerdem ein goldenes Armband. Doch jeder, der sich auskannte, würde sofort erkennen, dass die Spitze wertvolle Handarbeit war, die Kamee-Gravuren aus römischer Zeit stammten und die Schlichtheit des Kleides ein Zeichen von Stil und nicht von Armut war.

Elspeth war schwarz gekleidet, mit Schmuck aus schwarzem Gagat und Silber, wie für Witwen üblich. Auf ihr dunkelblondes Haar hatte sie eine Haube aus Spitze gesetzt. „Anscheinend sind wir die Ersten“, bemerkte sie, als die beiden in das Zimmer traten.

„Wer sind denn Sie?“, hörten sie da plötzlich eine Stimme sagen. Aus einem der Sessel, der mit dem Rücken zu ihnen stand, erhob sich eine Dame und musterte sie skeptisch.

Katherine tat unbeirrt einen weiteren Schritt in den Raum. Ihren ersten Eindruck aber überdachte sie, vielleicht doch nicht wirklich eine Dame …

„Ich bin Miss Jenson, Lord Ravenhams neue Bibliothekarin, und das ist Mrs. Downe, meine Begleiterin. Mit wem haben wir das Vergnügen?“

Es war unübersehbar, dass das Vergnügen, wenn überhaupt, einseitig war. „Ich bin Mrs. de Frayne, ein Gast des Hauses.“ Unter dem vernehmlichen Rascheln teuren Stoffes ließ sie sich wieder in den Sessel sinken.

Katherine blickte Elspeth vielsagend an, zog die Augenbrauen hoch und ging zu der kleinen Sitzgruppe und ließ sich nieder. Wenn sie sich nicht sehr irrte, hatten sie gerade die Geliebte Seiner Lordschaft kennengelernt.

„Sie sind eine Frau“, sagte Mrs. de Frayne unvermittelt und irritiert.

„Ja, ich weiß. Das ist bereits das zweite Mal heute, dass ich darauf hingewiesen werde“, entgegnete Katherine.

„Und Sie arbeiten hier.“

„Wir müssen alle unseren Lebensunterhalt verdienen, nicht wahr? Auf die ein oder andere Weise.“

Zwei rote Flecken wurden auf Mrs. de Fraynes Wangen sichtbar. Sie machte eine ruckartige Bewegung, bei der der Satin ihres Kleides erneut laut raschelte. Für einen Moment sah es so aus, als würde sie empört aufspringen. Katherine war auf alles gefasst, entspannte sich aber sofort wieder, als Lord Ravenham und sein Sekretär den Salon betraten.

Sie stand auf und machte ebenso wie Elspeth einen Knicks. „Guten Abend, Mylord. Guten Abend, Mr. Wilmott.“

„Einen guten Abend, die Damen“, erwiderte der Marquis und nahm in einem Sessel gegenüber von Mrs. de Frayne Platz. Mr. Wilmott und Elspeth setzen sich auf das noch freie Sofa. „Ich sehe, Sie haben schon Bekanntschaft mit Mrs. de Frayne gemacht“, sagte der Marquis an Ka-therine gewandt.

„Gerade eben erst“, antwortete sie und lächelte ihn an. „Wir sind bisher kaum dazu gekommen, uns besser kennenzulernen.“

„Ich bezweifle, dass Sie viele Gemeinsamkeiten haben“, sagte Lord Ravenham.

„Das denke ich auch, aber gerade das verleiht dem Leben doch die gewisse Würze, oder?“

Schon wieder raschelte es neben Katherine, als sich Mrs. de Frayne erkennbar von ihr wegdrehte und mit rauchiger Stimme sagte: „Meine Gemächer sind zugig, Mylord.“

„Wahrscheinlich sind sie das alle, Delphine“, entgegnete er. „Es stehen leider nicht besonders viele zur Verfügung, es sei denn du möchtest dir ein Zimmer mit einer ägyptischen Mumie teilen.“

„Ich werde mich hier noch erkälten. Vielleicht sollte ich nach London zurück“, sagte sie schnippisch. „Aber ich wüsste ja nicht wohin. Du solltest mir ein Haus besorgen, William, oder wenigstens meine Gemächer hier ausbessern lassen.“ Sie hatte ihre Wimpern gesenkt und schaute ihn herausfordernd an.

„Nun gut“, sagte Lord Ravenham gleichgültig und wandte sich an seinen Sekretär. „Giles, sagen Sie bitte dem Schreiner Bescheid, er soll sich die zugigen Räume mal anschauen.“

„Sehr wohl, Mylord.“

Seine Lordschaft ist jedenfalls nicht blind vor Liebe, dachte Katherine lächelnd bei sich. Mit einer äußerst anspruchsvollen Frau hat er sich da eingelassen, aber immerhin lässt er sie nicht in London sein Geld verprassen. Sie scheint ziemlich anstrengend zu sein, aber wahrscheinlich hat sie ihre Mittel und Wege, das auszugleichen.

Elspeth führte ein höfliches Gespräch mit Giles Wilmott, und Mrs. de Frayne warf Lord Ravenham vorwurfsvolle Blick zu. Er sah aus wie ein Mann, der sich in diesem Moment nichts sehnlicher wünschte, als in einem seiner Londoner Clubs zu sein.

Katherine fiel beim besten Willen kein Thema ein, über das sie mit Mrs. de Frayne hätte reden können. Also wandte sie sich zu Lord Ravenham: „Wir sind heute schon gut vorankommen in der Bibliothek, Mylord.“

„Nennen Sie mich Lovell“, sagte er unvermittelt. „Das ist mein Familienname. Dieses ewige Mylord macht jedes Gespräch doppelt so lang, wie es sein müsste.“

„Das wäre aber sehr vertraulich für eine Bedienstete“, bemerkte Mrs. de Frayne gedehnt.

„Das wäre es tatsächlich“, stimmte Katherine zu. „Aber ich bin eine Fachkraft. Wie ein Arzt oder auch ein Anwalt. Nicht wahr, Mylord? Oder besser, Lovell.“

Er sah sie an, als sei er sich nicht sicher, ob diese Bemerkung gegen ihn persönlich als Anwalt gerichtet war.

Er war ohne Zweifel ein ausgesprochen attraktiver Mann mit einem schlanken, durchtrainierten Körper und, was sie am meisten anzog, einem bestechenden Verstand. Dass sie ihn zugleich für einen skrupellosen Menschen ohne jedes Gewissen hielt, verhinderte nicht die Erkenntnis, dass er ein Mann und sie eine Frau war, ihr einen leisen Schauer über den Rücken jagte.

„Ganz genau, Lovell, Miss Jenson“, sagte er, gerade als der Butler eintrat.

„Das Essen ist bereitet, Mylord.“

Sie setzen sich.

Lovell führte, ganz der Etikette folgend, ein Gespräch mit Elspeth, seiner rechten Tischnachbarin. Delphine de Frayne aber machte keinerlei Anstalten, sich zu unterhalten und würdigte den Sekretär keines Blickes. Stattdessen schnippte sie nach dem Diener, der mit dem Wein herantrat. Sonst saß sie schweigend da, drehte das Glas zwischen ihren Fingern und nippte in kurzen Abständen daran.

Katherine lächelte Giles Wilmott an. „Wir können uns gewiss über den Tisch hinweg unterhalten, es steht ja nichts zwischen uns, was uns daran hindern würde“, sagte sie freundlich. „Waren Sie auch schon für den verstorbenen Marquis tätig?“

„Ich war in der Kanzlei Lovell & Foskett beschäftigt.“ Mr. Wilmott warf einen unsicheren Blick zu Mrs. de Frayne, die ihn jedoch nicht im Geringsten beachtete und sich auch nicht für den Verstoß gegen die Etikette zu interessieren schien. „Das juristische Leben lag mir allerdings nicht besonders. Ich hatte schon beschlossen, mich um eine Stelle als Privatsekretär zu bemühen, als Seine Lordschaft von seinem unerwarteten Erbe erfuhr.“

„Es ist bestimmt eine spannende Aufgabe, hier Ordnung in das hinterlassene Chaos zu bringen. Ich nehme an, der verstorbene Marquis hat sich nicht besonders sorgsam um seine Güter und Anwesen gekümmert?“

„So sieht es in der Tat aus. Glücklicherweise hielt er sich aber fast ausschließlich hier auf. Die anderen Anwesen und Ländereien sind in der Hand von fähigen Verwaltern. Es ist also nicht ganz so schlimm, wie es auf den ersten Blick scheinen mag.“

Das war aufschlussreich und nützlich. Demnach war es sehr wahrscheinlich, dass der Rubin hier in Ravenham Hall war.

„Ich hoffe doch, man erwartet nicht von Ihnen, dass Sie sich durch all die Kisten wühlen, Mr. Wilmott?“

„Oh, nein, zum Glück nicht“, erwiderte er mit einem nervösen Lächeln. „Aber ich habe schon mehr als genug damit zu tun, Ordnung in die Unterlagen zu bringen. Ich bin sicher, der verstorbene Marquis hatte eine Art System dafür. Wenn ich nur wüsste, welches.“ Er lachte verzweifelt. „Bis jetzt ist es mir ein absolutes Rätsel.“

Als die Suppenteller abgetragen und das Entrée serviert wurde, verstummten die Gespräche für einen Moment. Dann begann Wilmott ein Gespräch mit Elspeth, und Katherine wandte sich dem Marquis zu.

„Haben Sie schon Fortschritte gemacht, Miss Jenson“, fragte er.

„Ein Anfang ist gemacht, aber von Fortschritt zu sprechen, wäre gewagt“, erwiderte Katherine. „Ihr Cousin scheint kein großer Leser gewesen zu sein, das bedeutet, die meisten Bände sind immerhin in gutem Zustand, allerdings auch sehr eingestaubt. Für den Moment arbeite ich mich einfach durch die Regale. Wenn Sie aber möchten, dass ich mich zuerst auf die Bücher eines bestimmten Fachgebiets konzentriere, ist das natürlich auch möglich.“

„Nein, nein, machen Sie so weiter, wie Sie begonnen haben, Miss Jenson. Ich brauche so bald wie möglich eine gut sortierte Bibliothek. Genauer ges…“

„William, was machen wir morgen?“ Mrs. de Frayne unterbrach ihn.

„Du kannst machen, was du möchtest, Delphine. Wilmott, Miss Jenson und ich haben hier einiges zu tun“, reagierte er kühl.

„Aber ich langweile mich, William.“

„Ich hatte dich gewarnt, dass es hier eintönig sein würde. Du siehst ja selbst, dass man hier keine Gäste empfangen kann, bei dem Zustand des Hauses. Du könntest ja ausreiten oder eine Kutschfahrt machen.“

Er wandte sich an Elspeth. „Und Sie fühlen sich bitte ganz frei, auszureiten, eine Kutsche zu nehmen oder sich fahren zu lassen, Mrs. Downe. Wenn Sie mögen, können Sie auch einfach einen Spaziergang über das Anwesen machen. Ganz wie es Ihnen gefällt.“

„Ich würde vielleicht einmal nach St. Albans fahren, wenn ich mir einen Einspänner borgen dürfte“, sagte Elspeth. „Ich glaube, die Stadt hat ein paar schöne alte Gebäude. Ich könnte Sie mitnehmen, Mrs. de Frayne, wenn Sie Lust auf einen kleinen Ausflug haben.“

„In so einem Vehikel? Wie eine Bäuerin? Ganz sicher nicht.“

Der Rest des Abendessen verging mit Gesprächen über Sehenswürdigkeiten in der Gegend, an denen sich alle beteiligten außer Delphine de Frayne, die weiter missmutig in ihrem Essen stocherte und sich dann jedoch über ihr Dessert hermachte.

Als der Tisch abgeräumt worden war, tauschte Katherine einen kurzen Blick mit Elspeth und sagte dann an Lord Ravenham gewandt: „Wenn Sie uns entschuldigen würden, Lovell, wir würden uns jetzt zurückziehen. Es war ein langer Tag.“ 

Als die beiden Damen den Raum verließen, erhoben sich Lovell und Wilmott und verneigten sich kurz. Mrs. de Frayne nahm keine Notiz von Ihnen.

„Das war ja ein überaus unangenehmes Abendessen“, bemerkte Elspeth mit gesenkter Stimme, während sie gemeinsam die Treppe hinaufgingen. „Was für ein unausstehliches Wesen. Als hielte man sich eine Wildkatze im Haus, und dazu noch eine mit schlechter Laune.“

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